Ein Strolch zum Verlieben
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Fanfiction von Slytherene
Liebe Lesende!
Tut mir Leid, dass es doch so lange gedauert hat, aber ich war ohne Brille echt behindert in meinem Tun und hatte tausend Sachen zu erledigen letzte Woche. Wir nähern uns dem Ende…
Danke schön für die Reviews an Lina, MissMoony, Berserkgorilla, Ewjena, Nicole, Nutellamädchen, Spätzünder und Moonlight.
Beta gelesen wurde das Kapitel wie stets von TheVirginian, danke! Ohne Dich hätte ich schon tausendmal „das" an Stellen mit Doppel-s geschrieben, wo es echt nicht hingehört, und oft genug in einem Satz viermal „würde" verwendet.
Rosa Gekritzel gab es zusätzlich von der textehexenden Textehexe. Danke schön.
Meine Brille ist wieder da, und itzo kann es weitergehen.
Gute Unterhaltung!
Musicus:
Bon Jovi „I'll be there for you"
25. Wolfsbann
„Dreimal nach rechts, zweieinhalb Umdrehungen nach links, und hol' nicht wieder so weit aus", stöhnte Severus genervt.
Er stand neben Remus im Labor der Apotheke, und in einem kleinen Edelstahltopf über einem Bunsenbrenner simmerte eine graubraune Masse mit stückiger Konsistenz. Sie roch nach nassem Hund und Kaffeersatz aus Lupinen.
„Du willst das nicht wirklich trinken?" fragte Virginia, und wedelte sich den Geruch vorsichtig mit den Fingern zu. Sie verzog angewidert das Gesicht.
„Es ist das, was Wolfsbann am nächsten kommt, wenn man mit Remus zusammen arbeiten muss. Bei Merlin, wie kann ein so begnadeter Arithmantiker ein solch lausiger Tränkebrauer sein?" beschwerte sich Severus.
„Das ist so wie mit theoretischen Physikern und Pharmazeuten. Da liegen Welten dazwischen", vermutete Virginia. „Gräm' dich nicht", tröstete sie ihren Mann und schmiegte sich an ihn. Dabei war ihr der inzwischen schon deutlich gerundete Babybauch im Weg, doch wie immer entlockte die kleine Zärtlichkeit Severus ein Lächeln, das ihm den Gesichtsausdruck eines mäßig intelligenten Schafes verlieh. Er schlang die Arme um seine Frau und küsste sie zärtlich.
„Entschuldigt, ihr zwei Turteltauben, aber muss das jetzt violette Blasen werfen?" fragte Remus.
Severus drehte hastig den Temperaturregler nach unten.
„Kältezauber!" zischte er.
„Glacialis!" sagte Remus und deutete mit dem Stab auf den Kessel.
Mit einem Knall sprang die Sicherung des Magnetrührers heraus, und aus dem Topf quoll eine Art braun-lila Schneematsch.
Severus vergrub die Stirn in seinen Händen. „Ich schwöre, wenn ich dich noch verhexen könnte, Lupin, jetzt würde ich es tun. Kältezauber, kein Eiswürfelzauber. Was bist du, ein magischer Barmixer?"
Virginia lachte. „Ich hole mal den Eiscrusher aus der Küche. Wir legen die Würfel ins Tiefkühlregal, und morgen probiert Remus, wie weit er mit diesem Wolfsbann kommt. Hattest du ihn schon mal als Cocktailzutat? Du kannst die Würfel in einem MaiTai auflösen oder in einem Tequila Sunrise."
Entnervt sahen Remus und Severus kurz darauf zu, wie Virginia das Ergebnis von einer Woche nächtlicher Brauarbeit in Klarsichtbeutel abfüllte. Seit sie begonnen hatten, an einem Wolfsbannersatz zu arbeiten, gingen sie einander mächtig auf die Nerven. Severus war erbost, weil Remus sich seiner Ansicht nach schrecklich ungeschickt anstellte, und Remus war frustriert, weil er einfach nicht zurecht kam und das Ergebnis ihrer Bemühungen nur sehr mäßig wirkte.
Am schlimmsten war es jedoch für Severus zu ertragen, dass er nicht selbst die notwendigen Zauber sprechen und wirken konnte. Es war der Ausdruck des generellen Problems, das den ehemaligen Tränkemeister - bei allem Glück darüber, Virginia gefunden zu haben und aller Freude auf das Baby - das Zusammenrühren von Cortisoncremes und Herstellen von Schmerzmittelzäpfchen nicht wirklich befriedigte. Als Ausgleich hatte er es sich in den Kopf gesetzt, eine nicht-magische Variante des Wolfsbanns zu entwickeln. Hierfür jedoch musste er zunächst die Ursache der Lykantrophie herausfinden. Diese Arbeit wiederum faszinierte auch Virginia, die mit ihrem medizinischen Wissen erheblich zu den Fortschritten beitrug, die sie bereits gemacht hatten. Manchmal jedoch war es schwierig für die beiden Magier, den Gedankengängen der Wissenschaftlerin zu folgen.
Natürlich konnte Remus den Vollmond unter Kontrolle und mit fast perfektem Wolfsbanntrank im St. Mungos verbringen, Lucius Malfoys unermüdlichem Einsatz für die lykantrophe Minderheit sei Dank. Aber er brachte es nicht über sich, Severus zu enttäuschen, der fanatisch an einem Trank arbeitete, der Remus ermöglichen sollte, den Vollmond komplett nebenwirkungsfrei zu verbringen. Momentan war das tränkemeisterliche Erzeugnis jedoch noch eine ziemliche Zumutung.
„Meinst du, wir bekommen das irgendwann hin?" fragte Remus seinen Freund.
„Ich weiß es nicht", bekannte Severus. „Aber sieh es mal positiv: Der Trank wird jedes Mal ein bisschen besser. Letzten Monat hast du dich weder gebissen noch die Falltür zertrümmert. Harvey war hoch enttäuscht, dass er dir nicht beim Rattenjagen zusehen konnte."
„Ich habe mir einen Zahn abgebrochen", erwiderte Remus. „Das Provisorium wackelt und fliegt beim nächsten Vollmond vermutlich wieder raus."
„Gute Neuigkeiten, Jungs", sagte Virginia strahlend, als sie ins Labor zurückkam, nachdem es geklingelt hatte. Sie wedelte mit einem Brief, der als Absender eine Adresse aus Deutschland trug.
„Gesellschaft für innovative Veterinärdiagnostik", las Remus. „Was ist das?"
„Ich habe ein paar Blutproben von dir dahin geschickt, Remus. Anamnese: Schäferhund, sieben Jahre, Urlaub in Asien, nach Rückkehr zyklische Erkrankung mit Fieber, Augenveränderung und epileptiformen Anfälle.
„Wie bitte?"
„Na, irgendwas musste ich ja schreiben. ‚Verdacht auf Lykantrophie' kommt nicht besonders gut bei Muggeln, weißt du."
„Du hast einfach mein Blut weggeschickt an eine Muggelhundeklinik?"
„Ein veterinärmedizinisches Institut", korrigierte sie ihn. „Und sie haben herausgefunden, dass deine eosinophilen Blutkörperchen zu hoch sind, und zwar vor Vollmond. Die Probe, die ich danach genommen habe, war fast normal."
„Und was bedeutet das?" fragte Severus mäßig interessiert.
„Es bedeutet, dass die Lykantrophie entweder über eine Autoimmunreaktion funktioniert oder aber durch Parasiten bedingt ist. Ein Virus ist demnach auszuschließen."
„Du meinst, er hat eine Art Allergie gegen den Mond?" fragte der Tränkemeister.
„Das, oder ein intrazellulärer Blutparasit. Letzteres ist aufgrund des Ausstrichs, den sie gemacht haben, wahrscheinlicher." Ihre Wangen glühten vor Aufregung.
„Ich verstehe immer noch nicht", sagte Remus.
„Virginia meint, dass es hilfreich sein könnte, den Wolfsbann mit einem Muggelmedikament zu versetzen", kombinierte Severus. „Sie glaubt, dass die Krankheit durch eine Mischung aus magischen und medizinischen Mechanismen ausgelöst wird, und es erscheint ihr logisch, sie mit einer ebensolchen Kombination von Wirkstoffen zu bekämpfen."
„Und was hältst du davon?" fragte Remus den Tränkemeister.
„Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung, wie ich darüber denken soll. Schlimmer als mit dem da" - er zeigte auf das optimierungsbedürftige Produkt ihrer Bemühungen– „kann es vermutlich nicht werden. Du solltest es riskieren."
„Du hast dich schon immer leicht getan darin, mein Fell zu riskieren", stellte Remus nüchtern fest.
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Virginia setzte ihre Ideen zügig in die Tat um. Bereits einen Tag nach dem nächsten Vollmond begann sie, Remus mit einer Medikamentenmischung zu traktieren, deren Zusammensetzung und Dosierung sie immerhin eng mit Severus abgestimmt hatte. Die Nebenwirkungen waren enorm. Remus erbrach sein Essen, er bekam Durchfall, Kopfschmerzen und war ständig müde.
„Diese ganze Chemie wird ihn umbringen", sagte Thalia besorgt zu Virginia, als sie bei ihr in der Küche saß.
„Keine Angst, Täubchen, unser Wolf ist unverwüstlich", entgegnete Gianni und nahm sich das dritte Stück Erdbeertorte.
„Man könnte meinen, du wärest schwanger. Jedenfalls wirst du bald so aussehen, wenn du weiter solche Menge Kuchen und Süßkram in dich hinein stopfst, Gianni", bemerkte Jimmy, der neben dem Dunkelhaarigen auf der gemütlichen Küchenbank hockte.
„Das ist deine Schuld", behauptete Gianni dreist. „Die Nächte mit dir sind so anstrengend, dass ich einfach zusätzliche Energien brauche." Er grinste anzüglich.
„Vielleicht diskutiert ihr eure Ernährungs- und Sexualgewohnheiten in der privaten Abgeschiedenheit eurer eigenen Küche", schlug Virginia den beiden Männern vor. Dann wandte sie sich ihrer Freundin zu: „Mach' Dir keine allzu großen Sorgen, Thalia. Wir kontrollieren Remus' Blutwerte engmaschig, und ich schicke alle drei Tage die Scans der Ausstriche in die Veterinärparasitologie an der Universität. Laboratoriumsdiagnostisch geht es ihm besser. Die Eosinos sind immer noch normal. Die Kurve ist besser, als die Ergebnisse des letzten Monats hoffen ließen."
„Aber real geht es ihm jeden Tag schlechter", widersprach Thalia. „Sein Blutdruck ist wahnsinnig niedrig, er behält kaum etwas bei sich außer Kamillentee."
„Ich vermute, das liegt an dem Wahnsinnszeug, das Severus ihm einflößt. Gemörserte Krötendärme, bei Paracelsus, wenn er davon keine Salmonellose bekommt, weiß ich es nicht." Virginia seufzte. Sie hatte Severus den magischen Anteil an der Therapie einfach nicht ausreden können. Der Tränkemeister hatte sich nicht überzeugen lassen, dass hochdosiertes Cortison mit Chinin und Chloroquin allein Remus helfen würden. Der Therapieansatz, den Virginia verfolgte, nämlich die Parasitose zu zerstören, war ihm fremd.
‚Wir müssen den Menschen stärken, den Verstand, damit er dem Wolf und seiner Raserei etwas entgegen zu setzen hat', hatte er doziert.
Sie aber war der Ansicht, dass man das Übel an der Wurzel packen müsse. Nach langen, ermüdenden und erbitterten Diskussionen hatte Severus schließlich nachgegeben.
‚Eine Testphase, zwei Monate, nicht länger'.
Virginia war sicher, dass Remus keine zwei Monate durchhalten würde. Bereits jetzt waren seine Leberwerte bedenklich in die Höhe geschossen.
Müde betrachtete sie die bunte Truppe in ihrer Küche. Sie war dankbar, dass Severus angeboten hatte, für ein paar Stunden die Kunden in der Apotheke zu betreuen. Vermutlich würde er ohnehin in Ruhe im Labor arbeiten können, denn ihre pharmazeutische Assistentin, die sie vor ein paar Wochen eingestellt hatte, hatte sich als wahres Juwel entpuppt. Sie würde den Betrieb während des Muterschutzes perfekt managen, während Virginia selbst sich beruhigt im Hintergrund halten und um das Baby kümmern konnte. Sie glitt mit der Hand über ihren jetzt scheinbar täglich mehr anschwellenden Bauch. Nicht mehr lange…
Versonnen betrachtete sie Gianni. Auch wenn er futterte wie ein Bergwerkskumpel würde er schlank bleiben. Er war kein Typ für Bauchansatz. Die Beziehung zu Jimmy tat ihm sichtlich gut. Die ruhige Art des ehemaligen Matrosen glich sein flatterhaftes Wesen aus und schien ihn tatsächlich zu sich selbst zu bringen. Doch auch Jimmy, der seinen Freund mit Argusaugen hütete und dessen sorgfältiger Umgang mit ihm fast an Severus' beschützendes Verhalten ihr gegenüber heranreichte, hatte sich verändert: Er war offensiver und vor allem souveräner geworden. Dass er seine Beziehung zu Gianni auf seiner Arbeitsstelle geoutet hatte, war der offensichtlichste Schritt gewesen.
Etwas irritiert war Virginia über die innige Beziehung, die ihre Freunde in letzter Zeit untereinander pflegten. Gianni und Thalia küssten sich völlig unbefangen in Remus' Gegenwart, der darauf weder verwundert noch verärgert reagierte. Zu Virginia maßlosem Erstaunen hatte auch Jimmy das Verhalten seines Geliebten weder kommentiert noch zum Anlass genommen, Gianni eine Szene zu machen.
Severus hatte ihr am letzten Wochenende mit nicht gelinder Verwirrung berichtet, dass er Remus und Gianni am Treppenabsatz in inniger Umarmung angetroffen hatte.
Sie war versucht gewesen, Thalia davon zu berichten, wären die beiden nicht auch in Thalias Beisein einen Tag später derart unbefangen miteinander umgegangen, dass Virginia den Gedanken an eine heimliche Affäre spontan verwarf. Das hier war eine Menage-á-trois, wenn nicht á quatre. Jimmy schien zumindest davon zu wissen, ob er Giannis Verhalten wirklich billigte, erschloss sich ihr nicht vollständig. Sein Umgang mit Thalia und Remus war unverändert freundschaftlich.
Eines war jedoch bei aller Verflechtung der vier Freunde unverkennbar: Remus führte primär eine Beziehung mit Thalia, die seit dem Brand bei ihm lebte, und Gianni verbrachte die Nächte grundsätzlich bei Jimmy. Seine eigene Wohnung benutzte er mehr oder weniger als Hauswirtschaftsraum mit begehbarem Kleiderschrank und zur Aufbewahrung seiner Möbel.
„Ich sehe mich völlig außerstande, dieses Beziehungsgeflecht irgendwie einzuordnen", hatte Severus erklärt. „Ich nehme zur Kenntnis, dass hier Modelle gepflegt werden, die außerhalb meiner vorstellbaren Optionen liegen."
„Da bin ich aber froh", hatte sie lächelnd erwidert. „Dein Bekenntnis zu einer monogamen Beziehung festigt mein ins Wanken geratenes Weltbild. Sind wir ein altmodisches Auslaufmodell, Severus?"
Er hatte laut gelacht und sie in die Arme geschlossen. „Aber nein. Wir sind Klassiker. Monogame, heterosexuelle Beziehungen sind nur zufällig in unserem Freundeskreis unterrepräsentiert. Wenn du hier unter meine Bettdecke kommst, demonstriere ich dir die Vorteile klassischer Verhaltensmuster."
Sie hatte sich nicht lange bitten lassen.
„Ein Penny für deine Gedanken, Gina", riss Jimmy sie aus ihren Gedanken und lächelte ihr zu.
„Frauengeheimnisse", wich sie diplomatisch aus.
In diesem Augenblick tauchte Remus wieder aus dem Badezimmer auf. Sein Gesicht war bleich und verschwitzt.
„Hey", sagte Gianni und sein Blick ruhte weich und besorgt auf seinem Freund. „Hast du Platz für den köstlichen Erdbeerkuchen geschaffen?"
„Ich geh' gleich wieder", erwiderte Remus matt. „Stellt jemand bitte den Kuchen weg?"
Virginia und Thalia tauschten einen besorgten Blick.
„Ich muss mal mit dir sprechen, Remus", sagte Jimmy. „Lass uns mit Strolch eine Runde gehen, wenn du das packst." Er nahm die Leine von der Bank. Strolch hob den Kopf, eine Sekunde später tobte der kleine Mischling wie ein Derwisch um die Beine des Hünen. Jimmy hakte Remus unter und verschwand mit ihm nach draußen.
„Was ist denn los?" hörte sie Remus' Stimme noch im Hinuntergehen.
„Lebensentwürfe und Optionen", sagte Jimmy.
„Komisch, die hat er mit Severus letztens auch schon erörtern wollen", stellte Virginia fest.
Thalia und Gianni sahen einander an, nickten sich zu und Gianni sagte: „Genau darüber möchten wir mit dir auch sprechen."
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Sie trafen sich bereits am frühen Nachmittag mit Harvey in der alten, verlassenen Brauerei. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg nach Middle-of-Nowhere, wo Bruder Joseph sie erwartete.
Remus war schon seit Stunden nicht mehr ansprechbar. Virginia und Jimmy hatten mehrfach geäußert, den Versuch besser abzubrechen und Remus ins Krankenhaus anstatt in die Abtei bringen zu wollen. Severus und Gianni sich hatten jedoch dafür ausgesprochen, Remus' mehr als deutlich geäußerten Wunsch, das Experiment zu beenden, zu respektieren. Es war Thalia schließlich zugefallen, die letzte Entscheidung für ihren Geliebten zu treffen.
Sie quälte sich entsetzlich, entschloss sich jedoch am Ende schweren Herzens, den einmal eingeschlagenen Weg bis zum Ende zu gehen.
Severus hatte einen bekannten Heiler des St. Mungos in Alarmbereitschaft versetzt. Notfalls würde er auf einen Anruf hin zu ihnen apparieren.
„Die Verwandlung wird ihn an die Grenze bringen", sagte Severus und sah besorgt in Richtung Horizont, wo der Vollmond in wenigen Minuten erscheinen würde.
„Ihr solltet jetzt wirklich die Gruft verlassen", riet Bruder Joseph. „Ich muss euch ja nicht sagen, wie gefährlich er werden könnte."
„Ich bleibe", erklärte Thalia und nahm Remus' kalte, verkrampfte Hand zwischen ihre warmen Finger.
„Das würde er sicher nicht wollen", gab Gianni zu Bedenken.
„Ich bleibe ebenfalls", verkündete Virginia. „Ich weiß, dass meine Theorie logisch und nachvollziehbar ist."
„Das ist sie zweifellos", räumte Severus ein. „Aber du bleibst unter gar keinen Umständen heute Nacht hier in dieser Gruft bei einem Werwolf. Ich kann nicht zaubern, um dich zu schützen, und ich will Remus nicht erschießen." Er klopfte auf die Pistole mit der Silberkugel an seinem Gürtel, die er nur für den äußersten Notfall und auf Remus' ausdrücklichen Wunsch bei sich hatte.
„Ich muss Severus zustimmen, Gina", sagte Gianni. „Draußen sind wir sicher, hier drinnen nicht, und helfen können wir ihm jetzt ohnehin nicht mehr. Er muss das ganz allein schaffen." Besorgnis schwang in seiner Stimme.
Jimmy nahm Virginia bei der Schulter. „Komm. Thalia ist seine Frau, sie muss das selbst entscheiden, aber du hast jetzt eine andere Verantwortung. Wir haben das doch bereits besprochen."
Severus' dankbarer Blick entging Virginia nicht, aber schließlich gab sie nach. Während sie mit Jimmys Hilfe das Blasrohr mit dem Betäubungsmittel für den Fall der Fälle oben in dem alten Kreuzgang vorbereitete, verschloss Severus das schwere Tor der Gruft. Er zog Thalia hinter sich her. „Glaub mir, es ist besser so. Harvey und Joseph werden uns auf dem Laufenden halten."
Dann begann das Warten. Thalia lehnte an der eisenbeschlagenen Tür, das Ohrgegen das dicke Eichenholz gepresst. Jimmy hockte an der Wand des von Kletterpflanzen überwucherten Kreuzgangs; Gianni kauerte halb liegend in seinem Arm. Er hatte die vergangene Nacht mit Remus, der nicht zur Ruhe gekommen war, auf einer Bank im Friedhof durchwacht. Virginia saß auf der niedrigen Mauer, ihren Mantel zu einem Kissen gefaltet unter sich, den Kopf gegen Severus' Brust gestützt.
Der Mond erhob sich bleich und silbrig über die Baumspitzen des umgebenden Waldes. Aus der Gruft drangen Schreie, die von entsetzlichem Schmerz kündeten.
Gianni erhob sich und begann, vor dem Zugang zur Gruft auf und ab zu laufen. Minuten später hörten sie lautes Keuchen, dann warf sich ein Körper gegen die Tür.
Harveys breites Gesicht wirkte bekümmert, als er den Kopf durch das Tor streckte.
„Was ist los?" fragte Gianni ungeduldig.
„Er speichelt alles voll", erläuterte der Geist.
Severus wiederholte die Beobachtung und blickte fragend zu Virginia.
„Paspertin", sagte sie. „Zehn Tropfen, unter die Zunge. Bekommen die Geister das hin?" Die Frage war verständlich. Immerhin konnte sie Harvey und Joseph weder sehen noch hören.
Ihr Mann nickte und nahm die Flasche mit der Tinktur aus ihrer Tasche. Durch die kleine Klappe schob er das Mittel zu den Gespenstern hinein. Sie hörten Rumpeln und Stöhnen, dann wurde es wieder leise.
Remus' nächster Schrei zerriss die gespannte Stille Minuten später. Gegenstände wurden offenbar durch die Gruft geworfen, sie hörten Glas splittern.
„Mein Merlot!" jammerte Bruder Joseph laut.
„Merlin, wie kann man zweihundert Jahre alten Rotwein mit einem Werwolf in einem Raum lassen", brummte Severus. „Ist vermutlich ohnehin alles Essig."
„Eben", bekannte der ehemalige Mönch von drinnen mit hohler Stimme.
Harvey schoss im nächsten Moment durch die Tür. „Wir brauchen Verbandsmaterial. Er ist in die Scherben getreten."
Jimmy reichte ihm den Verbandskoffer.
„Schieb ihn unten durch", bat der Geist.
„Ich will rein!" rief Thalia.
Gianni zog sie in seine Arme. „Noch nicht. Wir wissen noch nicht, ob es wirklich funktioniert. Und dass er gefährlich ist, hörst du ja."
Wie zum Beweis seiner Aussage krachte ein schwerer Gegenstand gegen das Tor.
Virginia sprang auf.
„Könnt ihr die Blutung stillen?" fragte sie die beiden Gespenster durch die Holzplanken hindurch.
„Sie könnten, wenn er mal still halten würde", teilte Gianni nach einer Weile mit.
Noch etwas Schweres wurde mit Gewalt gegen die Bretter geschleudert, sie hörten Remus ächzen und würgen.
Thalia weinte. Gianni strich ihr über die Haare, während ihm selbst die Tränen die Wangen hinunter liefen.
„Er hat es so gewollt", sagte Severus leise. „Was ist los da drinnen?" fragte er dann.
Joseph glitt durch das Schloss hindurch. Auf seiner durchscheinenden Stirn glitzerte der Schweiß.
„Der geht da wirklich durch die Hölle, euer Freund. Puls ist aber okay, Atmung auch. Ich glaube, die Krämpfe tun fürchterlich weh. Habt ihr Dolorcalmus dabei?"
„Genug, um ein Heerlager zu betäuben", erwiderte Severus. „Aber die Myrrhe darin wirkt den Lupinenwurzeln aus dem Wolfsbann entgegen."
„Sprecht ihr über den Dolorcalmus? Hat er Schmerzen?" fragte Virginia.
„Krämpfe, und ja, demnach Schmerzen", antwortete Severus. „Geben wir ihm erst noch einmal Buscopan?"
Sie nickte.
„Er bekommt noch mal ein krampflösendes Muggelmedikament", sagte er zu Joseph.
„Ich kann deine Frau hören, nur sie mich nicht", erinnerte ihn der Geist höflich. Er schwebte zu Virginias Tasche und wuselte darin herum. Thalia und Gina beobachteten mit großen Augen, wie ein Päckchen mit Buscopanzäpfchen durch die Luft schwebte und unter der Tür hindurch verschwand.
„Da bin ich aber gespannt, wie er die applizieren will", sagte Gianni und musste unfreiwillig grinsen.
„Ich dachte mehr an Tropfen", bemerkte die Apothekerin. „Aber egal. Immer rein in den Pfortaderkreislauf."
„Wird seine Leber das verkraften?" fragte Thalia.
„Hey, Täubchen – er hat früher mit mir manche Flasche Feuerwhisky geleert. So ein paar Medikamente werden ihn schon nicht umhauen", tröstete Gianni.
„Woher weißt du das denn noch?" fragte Severus erstaunt.
Gianni zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht. Aber ich hab' so was geträumt, und dachte, vielleicht war es so. Manchmal habe ich diese komischen Flashblacks. Außerdem klang es doch sehr tröstlich, oder nicht?"
„Ach Gianni", sagte Thalia traurig und küsste ihn auf den Mund. „Wir stehen hier draußen, alle zusammen, und Remus quält sich da drinnen ganz alleine durch diese fürchterliche Nacht."
In der Gruft war es unterdessen still geworden.
„Halt mal", forderte Gianni Severus auf und schubste Thalia sanft in die Arme des Tränkemeisters.
Er wankte zu Jimmy hinüber. „Ich habe weiche Knie. Ich kann nicht mehr", flüsterte er. „Das macht mich fertig."
„Setz dich für eine Weile", empfahl Jimmy. Er zog seine Jacke aus und knäuelte sie für seinen Freund zu einer Art Kissen zusammen, das er ihm unter den Kopf schob. Dann erhob er sich, um Thalia beizustehen.
„Komm, du hast ein eigenes Mädchen", verkündete er dem Slytherin und klaubte Thalia aus dessen tröstender Umarmung.
Alle drei zuckten vom Tor zurück, als plötzlich jemand oder etwas dagegen sprang. Die dicken Balken bogen sich, und Severus' Hand glitt zu seinem Gürtel.
„Harvey?!"
„Alles unter Kontrolle!" rief der dicke Geist, doch dann quietschte er entsetzt auf.
„Nicht gut", hörten sie Bruder Josephs Stimme, und im nächsten Moment erklang ein lang gezogener Schrei, der fast nichts Menschliches mehr in sich barg, gefolgt von einem lauten, schauerlichen Heulen.
Es folgte ein Moment absoluter Stille. Selbst ihr Atmen erschien den fünf wartenden Menschen vor der Tür laut und rasselnd.
Sekunden später schien die Hölle in der Gruft loszubrechen. Die beiden Gespenster jaulten wimmernd auf, während ein lautes gurgelndes Würgen ertönte.
„Oh, heiliger Merlin! Das gibt es doch nicht", vernahm Severus das aufgeregte Stammeln von Harvey.
„Weg von der Tür!!!" grollte Joseph im nächsten Moment mit Grabesstimme.
Severus und Gianni reagierten blitzschnell und zogen die beiden Frauen und Jimmy zur Seite.
„Schnell, in den Kreuzgang. Gina, das Blasrohr!" verlangte Severus. Sekunden später stoben die nebligen Körper der beiden Gespenster durch das Tor. Ihnen folgte ein rauchiger Nebel, in dessen Zentrum gelbe Bernsteinaugen ein kaltes Leuchten verströmten.
„Wow!" entfuhr es Gianni beinahe andächtig.
„Seht ihr den Nebel?" fragte Severus die Frauen und Jimmy.
„Unglaublich", flüsterte Virginia und nickte.
Die wabernde Dampfwolke zog sich zusammen, manifestierte sich, bis sie die Gestalt eines riesenhaften Wolfes angenommen hatte.
Thalia verbarg ihr Gesicht an Jimmys Brust; der Seemann starrte bleich und erschrocken auf die neblige Fabelgestalt. Virginia wandte den Blick nicht ab. Fasziniert betrachtete sie das magische Schauspiel über ihnen.
Das neblige Wesen legte seinen zottigen Kopf in den Nacken und ließ ein lautloses Geheul erklingen. Die beiden Geister sahen einander an und gaben Fersengeld. Der Nebelwolf verfolgte sie in Richtung des Waldes.
„Wenn das da der Wolf war", sagte Virginia atemlos, „dann steckt Remus da drinnen." Sie wies auf den Torbogen. „ Aufmachen!"
„Ist von innen zu", sagte der Tränkemeister knapp, nachdem er an der Tür aufgeschlossen, gezogen und dann vergeblich gerüttelt hatte.
„Remus!" Gianni warf sich gegen die Tür. „Remus! Mach auf!"
„Der ist im Leben nicht bei Bewusstsein", konstatierte Virginia.
„Scheiße, aufmachen!" brüllte Gianni. Verzweiflung zeichnete sein Gesicht. Hilfe suchend sah er sich zu Jimmy um.
„Das ist kein Schwarzeneggerfilm, weißt du", gab der Hüne zu bedenken.
„Jimmy hat recht", sagte Severus. „Die Tür hat einen ausgewachsenen Werwolf aufgehalten. Harvey muss von innen den Riegel umgelegt haben."
„Ich meinte ja nur, dass ich mich nicht wie in einem schlechten Krimi gegen diese Türe werfen werde, um mir den Arm zu brechen", ergänzte Jimmy seine vorherige Aussage. „Aber natürlich kriege ich dieses Tor auf."
Er drehte sich um und stapfte eilig zum Wagen. Aus dem Kofferraum holte er einen schweren, länglichen Gegenstand.
„So, ihr Zauberprofis, dann macht mal Platz", sagte er, und ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht, als er Giannis bewundernde Miene registrierte.
Er zog ein einziges Mal an der Schur, und der Motor der Kettensäge sprang knatternd an. Er dauerte dennoch eine Weile, bis er zwei der dicken Bohlen soweit bearbeitet hatte, dass sie nach einem harten Tritt brachen, und Thalia hinein schlüpfen konnte.
„Erst den Riegel!" rief Severus, bevor sie hinten im Dunkel der Gruft verschwand.
Eilig folgte er ihr in die Finsternis.
Sie fanden Remus reglos neben einem der Steinsärge. Obwohl der Vollmond immer noch hoch am Himmel stand, war nichts Wölfisches an dem nackten Mann, wenn man von dem fürchterlichen Gestank absah, den er verströmte.
„Merlin", nuschelte Severus durch das blütenweiße Taschentuch hindurch, das er sich vor seine große Nase hielt.
Was immer aus irgendeiner Körperöffnung eines Menschen quellen konnte, war großzügig über Remus' geschundene Gestalt verteilt.
Jimmy packte ihn ohne Rücksicht auf diesen Umstand, und gemeinsam mit Gianni schaffte er ihn nach draußen.
„Das wäre glaube ich der richtige Zeitpunkt für einen eurer Heiler, Severus", bemerkte Virginia, als sie Remus einen Dolorcalmus einflößte, während Gianni ihn im Arm hielt und seinen Kopf auf seine Schulter gebettet hatte.
Der Tränkemeister nickte und holte sein Handy aus der Tasche.
Während er telefonierte, beobachtete er Thalia, die leise Gebete murmelte, und seine Frau, die mit einem in Desinfektionsmittel getauchten Tuch Remus' Armbeuge reinigte, und ihm dann eine letzte Dosis des Lumefantrin injizierte, mit dem sie die Lykantrophie auslösenden Blutparasiten getötet hatte.
Eine moderne Exorzistin.
Wenn Remus aufwachte, würde er frei sein von dem Fluch, der sein ganzes Leben bis zu diesem Zeitpunkt bestimmt hatte.
Falls Virginias Theorie stimmte.
Falls er überlebte.
TBC one more time
