Gewidmet ist dieses Kapitel zwei Menschen. Vielen Dank schulde ich dem Keks dafür, dass sie mir mit Rat und Bildern zur Seite stand, als es darum ging, ein schönes Hamburg darzustellen. Ganz besonderne Dank schulde ich hevicla, die mir immer mit Rat und Tat zur Seite steht, wenn ich wieder mal ein "schwerwiegendes Problem" hiermit habe, außerdem ist sie der Grund, warum meine Wahl auf "Dirty Dancing" gefallen ist.

Viel Spaß beim Lesen. Reviews sehe ich immer gern.

Disclaimer: Numb3rs gehört mir nicht.


Tag 3, Freitag

Vor mir sehe ich Boxershorts mit Schottenmuster und dann wache ich auf. Traum? Wahrheit! Mist. Wörter. Gehirn anschalten. So jetzt geht es besser. Was habe ich für merkwürdiges Zeug geträumt von Charlie und Jan, Charlie und Wendy sowie Charlie an sich. Jetzt klopft es und ich möchte mich verkriechen, denn es ist bestimmt Charlie, der mich gleich in meinem unnachahmlichen morgendlichen Durcheinander sieht. Ein neuer Tag ist angebrochen, alles ist vergessen. Wem versuche ich, das einzureden. Nichts ist neu, alles ist merkwürdig, peinlich und anders. Ich möchte nicht aufstehen, weiß aber, dass es mir egal sein sollte. Ich bin schließlich alt genug und sollte zu meinen Entscheidungen stehen, wie doof sie mir im Nachhinein auch vorkommen.

„Amita, bist Du wach?" Eine weibliche Stimme.
"Komm rein."
Ihr Grinsen sagt alles, als sie das Zimmer betritt. Sie weiß Bescheid, deshalb ist Leugnen zwecklos. "Hast du eine schöne Nacht verbracht?" Ich sage nichts und hoffe, dass sie auf den Punkt kommt, obwohl wir beide wissen, was der Punkt ist. Sie tritt an mein Bett, in dem ich mich aufrichte. Dann bedeute ich ihr mit der Hand, sich neben mich zu setzen. „Los erzähl. Ich will Details, ich will alles wissen."
"Da gibt's nicht viel zu erzählen, Jan hat Dir vermutlich schon alles gesagt."
"Er hat mir nur gesagt, was er gesehen hat, das war nicht alles. Er hat Euch wohl ... gestört."
"Der Moment hätte nicht unpassender sein können, da hat er durchaus Recht. Viel geschehen ist trotzdem nicht." Meine nichts sagende Antwort gefällt ihr nicht, das merke ich. Aber was soll ich denn antworten, wenn ich ahnungslos hier herumsitze.
"Sind Gefühle im Spiel?" Warum kennt sie mich nur so gut? Okay, sie ist meine beste Freundin, verwunderlich ist es also nicht.
"Es könnte sein." Vorsichtig nähere ich mich dem Thema. „Ich weiß es nicht. Er ist toll und süß, aber..."
"Du musst ihn nicht heiraten."
Was ist denn, wenn ich das möchte? Wenn ich denke, in ihm das gefunden zu haben, was ich suche? Das sage ich ihr nicht sondern nicke nur.
"Kommst Du gleich frühstücken?" Das gute an Wendy ist, dass sie weiß, wann es reicht.
"Ja."

Das Verhör ist beendet, langsam steht sie auf und geht zur Tür. Bevor sie das Zimmer verlässt, dreht sie sich um und lächelt mich an. Dann geht sie endgültig und ich bin noch kein Stück weiter. Mich zu verstecken, bringt aber auch nichts, daher gehe ich ins Bad, das dieses Mal frei ist. Nach meiner morgendlichen Toilette kehre ich zurück und ziehe mich an. T-Shirt und Hose - nichts verfängliches.

Zögerlich trete ich auf den Flur, weiß aber genau, dass ich so nicht in die Küche gehen kann, also straffe ich meine Schulter und richte mich auf. Mit aufgesetzter Sicherheit betrete ich den Raum, in dem alle drei auf mich warten. Ich fühle mich beobachtet, halte aber meine Maske aufrecht. Mein Verhalten ist freundlich und distanziert. Wendys Reaktion darauf ist ein viel sagender Blick, denn sie fragt sich vermutlich, was ich mit meinem Verhalten bezwecke. Das weiß ich selbst nicht, weiß mir aber auch nicht anders zu helfen. Ich habe das Gefühl, mich wieder Teenager zu sein, als jeder Junge die Liebe meines Lebens war, genau so fühlt es sich an.

Lauter Schmetterlinge wuseln durch meinen Bauch, aber das zeige ich nicht. Stattdessen beteilige ich mich mit ein paar Worten am Gespräch, so viel wie nötig ist und esse einen Joghurt. Den Rest überlasse ich den Gastgebern. Dummerweise sitze ich Charlie gegenüber, so dass er öfter in mein Blickfeld huscht, als ich es möchte. Das ist aber auch eine perfekte Ausrede, finde ich und schaue ihn daher häufiger auch absichtlich an. Unsere Blicke treffen sich dabei hin und wieder, zu oft. Dann wirft er mir jedes Mal sein unwiderstehliches Lächeln zu. Schaut er zu mir, weil es ihm wie mir geht, weil er sich fragt, warum ich so komisch bin oder weil er höflich ist? Warum frage ich mich das überhaupt, eine Antwort werde ich darauf nicht erhalten. In dieser Situation wäre ein Abonnement für eine Frauenzeitschrift nützlich, doch die habe ich nie gelesen, obwohl sie jetzt Hilfe verspricht.

Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als Jan mich um die Margarine bittet, die neben mir steht. Während ich sie ihm gebe, schaut er mir in die Augen. Am liebsten möchte ich meinen Blick abwenden, doch ich bleibe standhaft und erwidere ihn. Inständig hoffe ich, dass er nicht auf die glorreiche Idee kommt, mit mir ein Gespräch zu beginnen, aber es sieht so aus. Glücklicherweise rettet mich Wendy davor, indem sie von ihren Plänen für die Hochzeitsreise erzählt, die sie erst in einigen Monaten machen werden. Sie möchte in ihre Heimat zurückkehren und Jan ihrer Familie vorstellen, die nicht zur Hochzeit kommt. Lebhaft stellt sie uns die Rundreise vor, die sie geplant hat, denn Jan war noch nie in den Vereinigten Staaten und soll so viel davon kennen lernen, wie in drei Wochen möglich ist.

Innerlich bin ich ihr sehr dankbar, ziehe mich aus dem Gespräch zurück und lausche nur. Dagegen beteiligt sich Charlie rege und verrät ihr ein paar schöne Stellen an der Westküste, die zum Wandern und Campen geeignet sind. Er bietet sogar an, ihnen das alles noch aufzuschreiben, damit sie wirklich einen Plan haben. Wobei ich mich gerade frage, ob er schon die Arbeit für seinen Bruder getan hat. Das geht mich zwar nichts an, aber neugierig bin ich trotzdem. In diesem Moment schaue ich wieder in seine Richtung und unsere Blicke treffen sich, sofort erscheint das Lächeln auf seinem Gesicht; in mir beginnt wieder alles zu kribbeln und zu wuseln.

"Wollen wir nicht bald mal los, Wendy? Heute ist schließlich Shopping angesagt." Raus hier, nur noch raus hier - mehr möchte ich im Moment nicht. "Ich brauche eine Tasche Wendy, Du kennst meinen Tick: neue Stadt - neue Tasche." Voller Elan ist meine Stimme, als ich das sage, damit sie nicht merken, wie wichtig es mir ist, hier endlich wegzukommen.
"Das kriegen wir hin. Ich möchte auch los, also ..." Wendy hält etwas überraschend mitten im Satz inne. "Was ist mit Euch? Kommt Ihr mit?" Hätte sie die beiden Männer nicht einfach vergessen können?
"Selbstverständlich. Ich kann Dich nicht alleine mit der Kreditkarte losziehen lassen. Nachher ist das Konto leer und Dein Schrank voll."
"Na und? Wenigstens bin ich dann endlich mal glücklich." Während sie das sagt, lächelt sie ihn liebevoll an und küsst ihn zur Versöhnung.

Im Moment fühle ich mich fehl am Platz, zum einen ist das ein sehr intimer Augenblick, zum anderen ist mir das unmöglich, mir fehlt dafür etwas, genauer gesagt jemand. Daher fange ich langsam an, den Tisch abzudecken. Auch Charlie steht auf, nimmt ein paar Sachen vom Tisch und folgt mir. Als wir von der Kühlschranktür leicht verdeckt sind für die beiden am Tisch, beugt er sich zu mir.

"Ich hätte gerade am liebsten genau das Gleiche mit Dir getan." Verständnislos schaue ich ihn an. "Dich geküsst."

Mir fällt die Kinnlade herunter, doch Nanosekunden später habe ich mich wieder unter Kontrolle und reiße mich zusammen, anstatt spontan durch den Raum zu hüpfen. Ich bleibe ruhig und lege die Lebensmittel in den Kühlschrank. Doch er geht nicht weg sondern bleibt stehen und reicht mir weitere Lebensmittel, die ich auch verstaue. Als alles untergebracht ist, schließe ich die Tür, doch der Blick auf das Paar, das noch immer ineinander versunken ist, hält mich davon ab, zurückzugehen. Bei Charlie möchte ich aber auch nicht bleiben, deshalb entschuldige ich mich halbherzig und verlasse die Küche.

Ich gehe auf den Flur und habe Raum zum Atmen. Einmal tief ein und aus, dann kann ich wieder zurückgehen, doch als ich mich umdrehe, steht er vor mir. Flucht ist ausgeschlossen, denn der wirklich rettende Raum ist die Küche, doch den Weg dorthin versperrt er. Wenn ich zu mir selbst ehrlich bin, möchte ich hier gar nicht weg sondern die nächsten Stunden, Tage, Wochen, Monate, wenn nicht sogar Jahre hier vor und vor allem gemeinsam mit ihm verbringen. Habe ich das gerade wirklich gedacht? Ich kenne ihn doch kaum. Irgendwas stimmt mit mir nicht, entweder bin ich mittlerweile vollkommen durch oder habe einen Seelenverwandten gefunden. Unsicherheit breitet sich in mir aus, als er mir noch näher kommt.

Wieder bewegt sich sein Kopf auf mich zu und ich bin kurz davor, ihm nachzugeben, als ich Wendys Stimme höre. "Können wir bald los?" Ihre Frage ist meine Rettung.
Ich ziehe mich zurück und gehe in die Küche. "Abmarschbereit."
"Gut. Dann hole ich nur rasch meine Sachen." Sie wendet sich an ihren Verlobten und Charlie, der mir gefolgt ist. "Wenn Ihr mitwollt, müsst Ihr Euch beeilen, denn wir sind startklar und können es nicht mehr abwarten, Geld auszugeben." Sie lacht offen und freundlich. So kenne ich sie. Der Stress vom ersten Tag scheint endgültig verflogen zu sein und wird erst morgen wieder Gelegenheit haben, durchzukommen.

Rasch gehe ich in mein Zimmer, hole meine sieben Sachen und kehre zurück in den Flur. Dort wartet Wendy, die nichts machen muss, denn sie hat ihre Tasche an der Garderobe hängen. Doch auf wen müssen wir warten? Die Männer. Lange brauchen sie aber auch nicht und nur Sekunden später stehen sie vor uns. Für Charlies Äußeres habe ich heute noch keine Zeit gehabt, doch jetzt fällt mir auf, wie gut ihm die dunkelblaue Stoffhose steht, dazu ein offenes Hemd über einem T-Shirt. Er kann sich wirklich sehen lassen - egal was er anhat oder auch nicht. Meine Gedanken sollte ich wirklich zügeln, aber das ist eine andere Geschichte.

Gemeinsam verlassen wir die Wohnung und gehen zum Fahrstuhl, der für vier Personen gerade noch genug Platz bietet. Ich stehe vor Charlie, zwischen uns ist wenig Platz, so dass ich seinen Atem in meinem Nacken spüre. Meine Nackenhaare richten sich auf. Ein schönes Gefühl. Schluss damit, Amita. Für heute hast Du genug an ihn gedacht. Manchmal muss ich einfach ein Machtwort sprechen.

Vor der Tür hakt Wendy sich bei Jan unter und führt uns auf die Straße, die Charlie und ich gestern schon entlang gelaufen sind. Wir gehen direkt auf den Bahnhof zu, doch sie biegt vorher ab in die große Mall, das Mercado. Schon der Eingangsbereich ist viel versprechend, denn es gibt viele namhafte Geschäfte. Das ist mir egal, aber es ist ein Anhaltspunkt für die Vielfalt, die hier geboten wird. Im Erdgeschoss befindet sich in der Mitte eine Art Marktplatz, auf dem man Lebensmittel verschiedenster Nationen kaufen kann. In die oberen Geschosse führen Rolltreppen und Fahrstühle, dort befinden sich weitere Läden für Kleidung, Spielwaren, aber auch Hausrat und Geschenkartikel.

Ich bin fasziniert und studiere die Schaufenster, wobei sich meine Freundin anschließt. Die Männer folgen uns mit einem gewissen Abstand, wie ich bei einem Blick zu ihnen feststelle und unterhalten sich. In diesem Moment würde ich gerne Mäuschen spielen, doch ich bleibe bei den Schaufenstern. Die sind wesentlich interessanter als ein Männergespräch, sage ich mir selbst, um nicht in die Versuchung zu geraten. Nach und nach betreten wir verschiedene Läden, doch fündig werden wir nicht. So ganz stimmt es nicht, denn Wendy kauft immerhin eine Fliegenklatsche, auf der eine große Sonnenblume geklebt ist.

Mit der S-Bahn fahren wir in Richtung Hauptbahnhof, allerdings nehmen wir eine andere Linie als gestern, so dass wir über die Reeperbahn fahren. Am Jungfernstieg steigen wir aus und ich weiß sofort, wo ich bin, als ich an der frischen Luft stehe. Hier war ich mittlerweile schon zweimal. Langsam schlendern wir wieder über die Mönkebergstraße, nur sind wir dieses Mal zu viert und meine Augen sind auf die Schaufenster um uns herum fixiert. Charlie, der die ganze Zeit neben mir läuft, ignoriere ich, obwohl mir seine Anwesenheit durchaus bewusst ist. Mein Machtwort hat geholfen.

Hier kann ich mich nicht zurückhalten und gehe sofort mit Wendy in einen Lederwarengeschäft, das ich entdecke. Fündig werde ich allerdings nicht, denn entweder habe ich schon eine ähnliche Tasche oder sie gefallen mir nicht. Daher verlasse ich den Laden mit leeren Händen, weshalb mir die Männer erstaunte Blicke zuwerfen, schließlich habe ich am Frühstückstisch noch von meinen großartigen Plänen berichtet. Allzu lange hält mein Machtwort dann doch nicht, denn ich schaue Charlie wieder bewusst an. Er erwidert den Blick. Wir lächeln beide, ich kann es nicht abstellen und er scheint sich nichts bei meinem merkwürdigen Verhalten zu denken. Für eine Unterhaltung bleibt uns keine Zeit, denn Wendy und ich sind in unserem Element, während die Männer uns unermüdlich durch viele verschiedene Läden folgen, in denen wir nichts kaufen. Zeitweise frage ich mich ernsthaft, welche Droge sie genommen haben, dass das mitmachen. Doch die Frage erübrigt sich wenige Meter weiter, denn dort prallen unsere Welten aufeinander. Dessous gegen Männermode. Schon am Schaufenster erkenne ich, dass der Stil beider Männer getroffen ist, wobei mein Blick auf die Auslage in dem für Wendy und mich bestimmten Laden gerichtet ist.

"Wir gehen da ..." Gleichzeitig reden wir alle, benutzen dieselben Wörter, deuten aber in verschiedene Richtungen.
Diplomatisch greift Wendy ein. "Ihr da. Wir hier" Sie deutet die Richtungen mit den Händen an. "Bis gleich ... Na ja, sagen wir ... später."

Grinsend betritt sie den Laden und ich folge ihr. Die Auswahl ist groß, vom baumwollenen Nachthemd bis zum Hauch von Nichts ist alles vertreten. Ein grober Blick reicht mir völlig, um zu wissen, dass ich hier fündig werde, die Frage ist nur, was ich finden will und für welchen Anlass ich etwas suche. Am Rande bemerke ich, dass meine Freundin sich mit einer Angestellten unterhält, die sofort auf sie zugeeilt ist, als wir den Laden betreten haben. Vielleicht braucht sie Hilfe. Ich höre genauer hin, verstehe aber kein Wort, denn sie redet deutsch, eine Sprache, die ich nicht mal bruchstückhaft beherrsche. Bejahen, verneinen und nach der Toilette fragen ist alles, was mein Wortschatz hergibt.

Gerade, als ich die wenigen Schritte auf sie zugehen möchte, um sie zu fragen, wendet sie sich mir zu und sagt mir, dass sie in die Umkleide am Ende des Ladens geht. Dann macht sie sich auf den Weg und ich wende mich den Dessous links von mir zu. Es sind durchweg schöne Dinge, mit viel Spitze und den verschiedensten Farben. Die Entscheidung, was ich anprobiere, fällt mir schwer, zudem bin ich mir nicht sicher, welche Teile ich kombinieren möchte. Schließlich, nachdem ich die Reihe zwei Mal betrachtet habe, nehme ich ein relativ schlichtes, schwarzes Ensemble sowie ein türkisfarbenes mit pinken Nähten und folge der Wegweisung von vorhin.

"Wendy?"
"Ich bin in der mittleren Umkleide."
"Ich bin dann rechts von Dir."
"Magst Du vorher mal schauen?"
"Klar." Ich gehe zu ihrer Umkleide und ziehe den Vorhang leicht zur Seite. Vor mir steht sie in einem seidig zarten, weißen Neglige, dass ihre durchaus weibliche Figur zur Geltung bringt. Das Highlight ist eine rosa Schleife am Ausschnitt. "Du siehst wunderschön aus."
"Denkst Du, dass das Jan gefallen wird?"
"Wenn nicht, ist er ein Trottel, aber den Eindruck macht er eigentlich nicht auf mich. Also: ja!"
"Dann nehme ich es." Sie ist dabei, sich umzudrehen, als sie innehält und sich wieder mir zuwendet. "Und was hast Du? Zeig mal." Meine Auswahl strecke ich ihr entgegen. "Ist das für einen bestimmten Anlass?"
Überrascht schaue ich sie an. "Wer weiß?" Eine kryptische Antwort. Das Lächeln in meinem Gesicht ist vorprogrammiert.
"Los, probier es an."

Als ich den Vorhang schließe, kommt die Angestellte auf mich zu und spricht mich an. Wieder verstehe ich kein Wort und muss auch so schauen, denn sie geht zur mittigen Umkleide, aus der Wendy ihren Kopf steckt. Mit wenigen Worten klärt sie die Situation und die Angestellte geht davon. Jetzt betrete ich die andere Umkleide und ziehe mich aus, um dann in das erste Ensemble zu schlüpfen. Es passt wie angegossen, um ehrlich zu sein, hebt es sogar noch ein paar Stellen hervor.

"Wendy?"
"Warte, ich bin gleich fertig." Ungeduldig warte ich.

Nur Sekunden später schiebt sie meinen Vorhang ein wenig zur Seite. Mit großen Augen starrt sie mich an. "Nicht gut?" Vorsicht liegt in meiner Stimme.
"Mir ... mir fehlen die Worte. Das ist atemberaubend. Damit hast Du Charlie in der Tasche."
"Das ist nicht meine Absicht."
"Genau. Und ich bin die Kaiserin von China." Gekonnt verdrehe ich meine Augen. Die beste Freundin hat viele Vorteile, keine Frage, aber sie kennt einen auch zu gut. "Warte kurz." Der Vorhang fällt zur Seite und ich bin wieder allein.

Derweil probiere ich die türkisfarbene Wäsche an und denke nebenbei nach. Habe ich wirklich vor, ihn so zu verführen? Ich bin mir gerade unsicher, sehr unsicher. Als ich beide Teile angezogen habe, betrachte ich ein weiteres Mal im Spiegel mein Abbild und muss grinsen. Jetzt bin ich mir, dass ich einen Waffenschein dafür benötige. Wie lange ich da stehe, weiß ich nicht, doch plötzlich erscheint ihr Kopf wieder zwischen Vorhang und Kabinenwand.

"Hier. Probier ... Amita, das ist großartig." Mehr sagt sie nicht, reicht mir aber einen roten BH mit schwarzer Spitze und zieht sich wieder zurück. Auch den probiere ich an und finde ihn schön.
"Und?" Selbst durch den Vorhang kann ich ihre Ungeduld hören.
"Gut. Der ist gekauft."

Das Zeitgefühl habe ich längst verloren, als ich die Umkleide verlasse und zur Kasse gehe. Ohne mit der Wimper zu zucken, unterschreibe ich den Beleg für die Kreditkartenabbuchung. Das Geld ist es wert, eindeutig. Auch Wendy zahlt. Mich würde interessieren, ob sie dabei an Jans Worte vom Frühstückstisch denkt, frage sie aber nicht. Gemeinsam gehen wir raus in die Sonne.

Von den Männern fehlt jede Spur, deshalb betreten wir den Laden nebenan. Auf einem Stuhl sitzt Jan und hat rechts von sich eine Tüte auf dem Boden stehen, weshalb Wendy zu lachen beginnt. Er bemerkt uns nicht, denn er spielt mit seinem Mobiltelefon. Sofort geht sie mit mir im Schlepptau zu ihm und spricht ihn auf die Ironie seiner frühmorgendlichen Aussage an, währenddessen schaue ich mich um. Charlie ist nirgends zu sehen. Als ich Jan nach ihm frage, deutet er grinsend auf die Umkleidekabinen, auf die ich zugehe. Gerade in dem Moment tritt er heraus und ist mit einem perfekt sitzenden, schwarzen Anzug, dazu passenden, schwarzen Schuhen und einem hellblauen Oberhemd gekleidet. Er zupft an der Kleidung herum und hat noch nicht den Blick gehoben.

"Kann ich das so..." Jetzt hat er mich entdeckt. "Oh, ich dachte Du bist ..."
"Jan?! Nein, der bin ich nicht, der ist bei seiner Zukünftigen." Ich kann auch Grinsen, so ist es nicht, obwohl Frauen doch eher zum Lächeln neigen. "Und zu Deiner anderen Frage: Ja, das kannst Du tragen. Es steht Dir ausgezeichnet." Woher kommt plötzlich die vorlaute Art?
"Danke." Sehe ich da einen dezenten Tick rot in seinem Gesicht? Bin ich zu direkt? Es ist merkwürdig, bei ihm bin ich alles, nur nicht die, die ich sonst bin. Er kennt mehr Seiten von mir als die meisten, dabei habe ich ihn erst vorgestern kennen gelernt.
"Gern geschehen. Möchtest Du das morgen tragen?" Neugierig bin ich nicht. Nein!
"Ich denke schon. Die Sachen haben mich angesprungen. Ich musste sie anprobieren."
"Das ist eine typische Ausrede für Anproben und auch Käufe, die nicht notwendig sind."
"Du hast mich ertappt, aber schick ist er trotzdem."
"Dann kauf ihn Dir." Wieder lächle ich und ertappe mich dabei, wie ich ihn mir in dem Anzug neben mir vorstelle, wenn ich morgen fertig zum Ausgehen bin. Optisch passen wir gut zusammen.
"Okay, was möchtest Du für die fachliche Beratung haben?" Ich bin irritiert.
"Das ist gut so."
"Nein, ist es nicht."
"Doch. Du hast schon mehr als genug getan für mich. Ich schulde eher Dir etwas, also sind wir quitt."
"Ausnahmsweise lass ich das durchgehen."
"Sehr schön. Beeil Dich, damit wir weiter können."

Langsam gehe ich zu den anderen beiden zurück.

"Du warst lange weg, Amita. Hast Du was Schönes erlebt?"

Obwohl ich Jan nicht kenne, weiß ich genau, was er im Moment denkt, denn sein Blick sagt alles. Das werde ich mir wohl in Zukunft ständig anhören dürfen. Die Kunst des Zusammenreißens sollte ich dringend erlernen, dann komme ich nicht in Situationen, die so etwas nach sich ziehen. Ich beachte seinen Spruch nicht. Für ihn scheint es aber beendet zu sein, denn er wechselt ohne mit der Wimper zu zucken das Thema und schlägt vor, Essen zu gehen, wenn Charlie endlich fertig ist. Ich frage mich gerade ernsthaft, wie lange er schon wartet, denn er hat wirklich endlich gesagt. Und ich dachte immer, Frauen sind anstrengend, wenn es ums Einkaufen geht.

Während ich darüber nachdenke und unwillkürlich Jan dabei anschaue, fällt mir auf, dass auf ihn einige Klischees zutreffen. Er trägt eine Brille, ist etwas zu blass, so als ob er niemals das Tageslicht sieht und hat ein paar Pfund zu viel auf den Rippen, die ich persönlich nicht störend finde, denn sie passen zu ihm. Ich weiß zwar, dass er absolut nicht dem Klischee entspricht, aber optisch passt er ins Muster. Bei mir in der Firma sehen die Männer alle ähnlich aus und haben von Mode noch nichts gehört. Glücklicherweise ist Jan gerade in der Beziehung erfreulich anders, außerdem sitzt er nicht jede Minute, egal ob Freizeit oder Arbeitszeit, vorm Computer. Ich sollte ehrlich zu mir sein und nicht so über meine Kollegen denken, denn ich gehöre dieser Randgruppenerscheinung selbst an, auch wenn ich dem Klischee nicht entspreche und auch nicht entsprechen möchte.

Endlich kehrt Charlie zu uns zurück, aber er hat nicht nur die Sachen, die er eben anprobiert hat, auf dem Arm sondern noch zwei oder drei T-Shirts sowie eine kleine, aber feine Auswahl an karierten Boxershorts. Soll mir das etwas sagen? Er schaut mich an und grinst. Ob er weiß, was ich denke? Bestimmt, denn schwer zu erraten ist es nicht. Ich erwidere es einfach und belasse es dabei. Wendy dagegen wirft ihm einen Blick zu, der mehr sagt als tausend Worte, als er, nachdem er bezahlt hat, eine große, gut gefüllte Tüte in der Hand hält. Dagegen wirkt Wendys und mein Einkauf schon beinahe harmlos. Vor der Tür verstaut er so viel wie möglich in seinem Rucksack. Meine Tüte verschwindet unauffällig in meiner Umhängetasche, während Wendy mich bittet, auch ihre an mich zu nehmen.

Auf dem Gehweg stehen wir einen Augenblick lang unentschlossen herum, dann erinnere ich mich an Jans Vorschlag. Es ist Zeit fürs Mittagessen und wir wollen uns alle hinsetzen, daher schlage ich einen Fastfoodkette auf der andere Straßenseite vor. Nachdem alle zugestimmt haben, gehen wir gemeinsam dorthin und bestellen alle ungesunde Dinge. Als alle bestellt haben und ich zahlen möchte, kommt mir Jan zuvor und übernimmt die Rechnung.

Es ist schon Nachmittag, als wir uns aufraffen und wieder aufstehen. Einkaufen schlaucht sehr, wie ich feststelle, aber es macht auch sehr viel Spaß. Trotzdem reicht es mir für heute und ich möchte lieber die Stadt genießen. Den anderen geht es scheinbar ähnlich, denn der Elan ist verschwunden. Langsam gehen wir die Straße entlang, denn wir müssen zum Hauptbahnhof. Auf dem Weg dorthin erkundigt sich Wendy noch mal bei dem jetzt beauftragten Konditor nach der Torte. Offenbar ist alles perfekt und wird klappen. Sie ist glücklich.

Der Hauptbahnhof kommt in Sicht und Jan führt uns gekonnt in eine völlig andere Richtung davon. Dabei verweist er immer wieder auf die verschiedenen Dinge, die wir passieren. Unser Weg führt uns an der alten Kunsthalle und der Galerie der Gegenwart vorbei, dann gehen wir über die Lombardsbrücke. Ich bin zwar nicht Fußkrank, aber so langsam könnte ich ankommen. Noch während ich daran denke, sagt Jan, dass es nicht mehr weit ist. Wir stehen am Eingang zum Stephansplatz, doch der ist nicht unser Ziel. Wendy grinst wissend, sie kennt den Weg, ist ihn wahrscheinlich schon mehrmals gegangen. Ein kleiner Eisladen lockt mich und endlich kann ich auch mal etwas ausgeben, sozusagen der Nachtisch zu unserem Mittagessen. Zitrone, Schokolade und Banane - ich liebe es. Viel weiter ist unser Weg auch nicht, denn kurz darauf stehen wir vor einem kleinen Wasserlauf.

Endlich erfahren wir, wo wir uns befinden, denn das ist ein Eingang zu Planten un Blomen, laut Jan einer der schönsten Orte der ganzen Stadt. Wenn er es sagt, wird es wohl stimmen. Wir schlendern am Wallgraben entlang, den wir über eine kleine Brücke überqueren. Eigentlich folge ich nur Jans Anweisungen, aufgrund derer ich die Mittelmeerterrassen erblicke, ein Platz zum Ausruhen, doch das machen wir nicht. Wir gehen weiter und betreten den japanischen Garten. Gleich am Anfang mache ich ein paar Fotos, denn es ist klassisch japanisch, zumindest sagt das Schild am Eingang das. Wir gehen ein paar Schritte und die Schönheit des Ortes hüllt mich ein, die ich nur wenig später wieder mit meiner Kamera einfangen möchte. Als ich fertig bin, entschuldigen sich meine Gastgeber, da sie beide eine Toilette benötigen und lassen mich mit Charlie allein.

Mir ist es egal, ob wir zu viert oder zu zweit unterwegs sind, denn ich habe nur Augen für die Umgebung. Es ist wunderschön. Als ich mich mit Charlie darüber unterhalten möchte, schaue ich in zwei Augen, die nicht hier sind sondern einen Punkt anschauen, der für mich unsichtbar ist. Scheinbar gefällt auch ihm dieser Platz, der Leere, Stille und Einfachheit ausdrückt. Ich schlendere einfach weiter und er kommt mit. Wo seine Gedanken wohl sind, frage ich mich, erkenne aber gleichzeitig, wie schön es ist, diesen Ort mit ihm zu teilen, diese Erfahrung. Als ich ihn erneut anschaue, ist sein Blick wieder im Hier und Jetzt, denn er schaut auch mich an und lächelt dabei. Es ist eine Reaktion des Moments, als ich mich bei ihm einhake. Meine Gefühle irritieren mich, denn ich fühle mich geborgen und wohl. Etwas, das dieser Garten auch ausdrückt. Wir sind beide einfach still, was mich nicht stört.

Langsam gehen wir nach unserem Rundgang wieder auf den Hauptweg zu und mein Arm befindet sich noch immer in seiner Armbeuge. Gemeinsam folgen wir dem Hauptweg, wobei meine Gedanken zu Wendy und Jan schweifen, die schon seit geraumer Zeit auf der Suche nach einer Toilette sind. Daran ist etwas faul, denn zumindest Jan kennt sich hier aus, so dass er vermutlich nicht lange suchen muss. Ich kann sie gleich fragen, was so lange gedauert hat, denn am Ende des Weges in einiger Entfernung von uns tauchen die beiden auf. Rasch ziehe ich meinen Arm zurück und trete einen Schritt von Charlie weg. Warum ich das getan habe, weiß ich nicht.

Nur wenige Augenblicke später treffen wir uns auf der Hälfte der Strecke. Gemeinsam beratschlagen wir den weiteren Tag und entscheiden uns, noch ein wenig in dem Park zu spazieren und dann in die Wohnung zurückzukehren. Wir folgen dem Hauptweg, der an einer öffentlichen Bedürfnisanstalt vorbei führt. Ich kann mir immer weniger vorstellen, wofür die beiden so lange gebraucht haben, aber das ist ihre Sache, vielleicht haben sie einfach Zeit für sich benötigt. Am Rand des Parks entlang führt der Weg uns zum Apothekergarten, der, so erklärt Jan, nach den einzelnen Organen sortiert ist. Nach einem weiteren Fußmarsch erreichen wir den Rosengarten, in dem uns ein farbenprächtiges Meer an bunten Blüten erwartet. Der Duft ist atemberaubend. Nachdem wir auch das gesehen haben, sind wir uns einig, dass es für heute reicht.

Daher gehen wir zum Bahnhof Dammtor und fahren von dort aus mit der erstbesten Verbindung zurück nach Altona. Es ist früh am Abend, als wir uns von dort aus auf den Weg zur Wohnung machen, den Wendy noch einmal unterbricht, um noch ein paar Dinge einzukaufen. Dann geht es endgültig zurück. Als wir alle wieder in der Wohnung sind, gehe ich erst einmal in mein Zimmer und schließe die Tür hinter mir. Nur eine Sekunde möchte ich für mich haben, ehe wir mit der Planung des Abends beginnen. Ich habe gerade meine Tasche auf dem Bett abgelegt und meine Jacke ausgezogen, als es klopft. Sekunden später bewegt sich die Klinke und Wendy betritt den Raum.

"Was möchtest Du heute Abend machen?" Ich zucke mit den Schultern. "Mit den Männern oder ohne sie?"
Viele verwirrende Eindrücke und Gedanken beschäftigen mich. "Ehrlich?"
"Würde ich sonst fragen?"
"Mir ist nicht danach. Zu viel Charlie."
"Also machen wir einen Frauenabend, schauen den einen wahren Film und machen uns für morgen schön. Das ist sehr effektiv, um die Männer loszuwerden."
Ein Lächeln. "Oh ja."
"Dann ist das abgemacht." Sachte berührt sie mich am Arm. "Mach Dir nicht so viele Gedanken, lass es einfach auf Dich zukommen."
Ganz plötzlich habe ich das Bedürfnis, sie zu umarmen, was ich auch mache. "Ich weiß nicht, wie ich es zwei Jahre lang ohne Dich ausgehalten habe."
"Ich auch nicht." Als ich mich aus der Umarmung löse, lächelt sie. "Bis gleich." Sie verlässt mein Zimmer und ich bin um einiges erleichtert.

Für einen Moment setze ich mich aufs Bett und lasse den Tag sacken. Heute habe ich weitere Eindrücke von Hamburg gewonnen, aber auch von den Menschen, mit denen ich unterwegs gewesen bin. Es ist schon bemerkenswert, wie nahe ich mich einem gewissen Mann fühle, obwohl ich ihn kaum kenne, aber es ist auch ein Teufelskreis, denn er beherrscht meine Gedanken. Ich schaffe es keine fünf Minuten, nicht an ihn zu denken. Verstecken kann ich mich aber nicht davor, deswegen verlasse ich mein Zimmer und geselle mich zu den anderen ins Wohnzimmer, die auf dem Sofa sitzen und hitzig die abendliche Unternehmung der Männer diskutieren. Als Wendy mich sieht, nickt sie mir zu und lächelt, während Charlie gerade versucht, sein Gegenüber zu überzeugen, ihm die Reeperbahn zu zeigen. Dagegen möchte Jan nur in einer nahe gelegenen Kneipe ein Bier trinken. Sie sind zu keinem Konsens gekommen, als Charlie mich bemerkt.

"Du musst nicht schöner werden, denn Du bist schon wunderschön."

Woher kommt das schon wieder? Kann er nicht einfach ganze Sätze formulieren, ohne mich zum Denken zu bringen? Andererseits finde ich das Kompliment so toll, das ich es am liebsten noch einmal hören möchte. Meine Gedanken sind so gegensätzlich und chaotisch, sagen aber insgeheim alle das Gleiche aus. Er ist perfekt. Ich hülle mich in Schweigen und warte darauf, dass die Männer eine Entscheidung treffen, die schließlich auf die Kneipe fällt. Dann machen sie sich fertig, ziehen sich Schuhe an und Jacken. Wendy verabschiedet sich mit einem Kuss von ihrem Liebsten und wünscht den beiden einen schönen Abend. Ich schließe mich den Wünschen an. Dann verlassen sie die Wohnung.

Wir ziehen uns bequeme Kleidung an, die aus meinem Nachtzeug besteht und kehren zurück ins Wohnzimmer mit der offenen Küche. Wendy steht an der Arbeitsplatte und bereitet Snacks vor. Derweil bittet sich mich, ihren Kosmetikschrank im Bad zu plündern. Mit Nagellack, den zur Nagelpflege gehörenden Utensilien, verschiedenen Gesichtsmasken und Cremes für die Hände sowie ein paar Handtüchern kehre ich zurück.

Gemeinsam setzen wir uns auf das kuschelige, dunkelrote Sofa, das zum Reinfallen und Sitzen bleiben gemacht ist. Dann startet sie den Film und es erscheinen die ersten Bilder, in denen Baby vom Sommer 1963 erzählt. Wir schauen aber nur am Rande den Film, denn wir haben ihn in Harvard so oft gesehen, dass wir ihn mitsprechen können. Stattdessen beginnen wir mit dem Verwöhnprogramm für die Fingernägel. Erst pfeilen, dann überpolieren, mit klarem Lack versiegeln und zum Schluss die Farbe darauf. Wendy entscheidet sich für einen dezenten Perlmuttton, während ich es bei klarem Lack belasse. Während die Nägel trocknen, konzentrieren wir uns auf den Film, um den ultimativen Satz mitzusprechen.

Ich habe eine Wassermelone getragen.

Einstimmig lachen wir. Dieser Film ist einfach gigantisch, trotzdem steht Wendy auf und holt während der Film läuft eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank. Sie füllt zwei Gläser damit und kehrt zurück zum Sofa. Wir stoßen auf die Liebe, das Leben, die Freundschaft und den morgigen Tag an. Dann kommt ein Lied, das wir mitsingen. Abgöttisch starren wir auf Patrick Swayzes wohlgeformten Körper, der jeden Tanzschritt so wundervoll ausführt. Das habe ich am meisten vermisst, diesen sinnlosen Spaß, der mich alles vergessen lässt. Das schafft nur Wendy. Irgendwann in der Mitte des Filmes tragen wir uns gegenseitig eine Maske auf, sinken ins Sofa und bewegen uns nicht mehr. Ich bemerke, dass mich der Tag geschafft hat und mir fallen trotz des Films immer öfter die Augen zu.

Langsam öffne ich meine Augen und schaue mich irritiert um. Ich habe geschlafen. Der Fernseher ist aus und Wendy sitzt nicht mehr neben mir, dafür steht Charlie vor mir und grinst mich an.

"Trägt man das so in Harvard?" Wovon spricht er? "Vielleicht sollte ich das auch mal probieren, sieht ... interessant aus."
"Bitte?"
"Schau mal in einen Spiegel." Sein Grinsen wird breiter. "Du bist ein wenig weiß um die Nase. Geht's Dir nicht gut?"

Die Maske, verdammt. Ich laufe rot an, was er aber nicht sehen kann. Trotzdem springe ich auf und gehe ins Bad, in dem auch Wendy steht und sich ihre Maske abwäscht. Mittlerweile ist sie steinhart geworden, denn sie hat zu lange eingewirkt. Mit etwas warmem Wasser löst sie sich schließlich doch. Nachdem ich mein Gesicht gereinigt und abgetrocknet habe, gehe ich, anstatt das Wohnzimmer zu betreten, in dem ich Charlie vermute, direkt in mein Zimmer, drehe den Schlüssel um und lege mich ins Bett.