Disclaimer: Numb3rs gehört mir nicht.
Tag 4, Samstag
Der Schock vom Vortag sitzt mir noch immer in den Knochen. Frauenabende sollte man nur veranstalten, wenn man tatsächlich niemanden mehr trifft. Ich habe deshalb richtig wirres Zeug geträumt von einem Monster, das mich verschlingt und dann war da noch Charlie, der gegrinst hat und trotz Angst verdammt gut aussah. Die Nacht ist vorbei, ein neuer Tag angefangen. Glücklicherweise wird heute niemand Zeit haben, sich darüber Gedanken zu machen, denn heute ist der Tag von Wendy und Jan, da habe ich mich nicht mit mir zu beschäftigen. Basta. Die Finger sind gemacht für die Haare fahren wir später zum Friseur, das ist alles geklärt. Damit sich Braut und Bräutigam vor der Hochzeit nicht mehr sehen, fährt sie nachher mit zu mir ins Hotel, während Charlie hier bleibt. Bevor ich mir über den Ablauf des Tages Gedanken mache, sollte ich vielleicht erst mal aufstehen. Toilette, Dusche, Frühstück. Ich habe eine Liste im Kopf.
Daher stehe ich auf und arbeite meine Liste ab. Die Dinge im Bad gehen schnell, dann gehe ich in die Küche. Dort sitzen schon wieder alle drei zusammen. Scheinbar bin ich eine Schlafmütze, denn ich bin immer die letzte. Wendys Gesicht drückt Panik aus, daher versuche ich sie aus der Entfernung schon mal mit einem Lächeln zu besänftigen. Wild redet sie auf Jan ein, ob er an alles gedacht hat, ob sie an alles gedacht hat. Danach beginnt sie all das aufzuzählen, was schief gehen wird. Die beruhigenden Worte ihres zukünftigen Ehemannes haben keinerlei Wirkung auf sie, auch mein Lächeln, das sie vermutlich nicht mal wahrgenommen hat, bewirkt nichts. Während des Gesprächs komme ich noch nicht mal dazu, allen einen guten Morgen zu wünschen, das ist in dieser Situation vielleicht auch nicht angebracht.
Ich setze mich einfach an den Tisch und bereite mir mein Frühstück vor. Dann schenke ich mir Kaffee ein und beginne zu essen. Es hat keinen Sinn, irgendetwas zu sagen, ich würde eh nicht zu Wort kommen. Somit stehe ich Charlie, der in aller Seelenruhe sein Brot isst und mich dabei hin und wieder anschaut, in nichts nach. Als sich unsere Blicke treffen, ist seine einzige Reaktion ein Schulterzucken. Männer! Da ich nachher sowieso mit Wendy Zusammensein werde, bis die Hochzeit stattfindet, kann ich dann versuchen, sie zu beruhigen. Doch eigentlich ist das schon jetzt notwendig, denn sie beruhigt sich nicht mehr. Ich muss sie ablenken. Dass ihre Sachen gepackt sind, schnappe ich aus der hitzigen Diskussion mit Jan auf. Das ist gut. Denn so kann der Plan, den ich in meinem Kopf habe, durchgeführt werden. Rasch frühstücke ich, ehe ich mich mit einer gemurmelten Entschuldigung vom Stuhl erhebe und den Raum verlasse. Ohne Umwege gehe ich ins Bad und packe meinen Kulturbeutel. Als ich es wieder verlasse und in mein Zimmer gehen möchte, steht Charlie vor mir.
"Amita?"
"Die bin ich."
"Darf ich heute Deine Begleitung sein?"
Seine Frage möchte ich am liebsten mit einem lauthals geschrieenen Ja beantworten und noch ein paar Sachen anhängen, die er heute Abend auch sein darf, doch ich begnüge mich mit einer schlichten Antwort. "Natürlich. Das freut mich sehr."
Im selben Moment, in dem ich das sage, beginnen seine Augen zu strahlen. Zeitgleich umspielt ein freches Lächeln seine Lippen. Er ergreift meine Hände, die krampfhaft den Kulturbeutel festhalten, beugt sich zur mir hinüber und gibt mir einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange. Mehr nicht. Hat ihn mein Auftritt von letzter Nacht so verschreckt? Ich bin wieder mal verwirrt.
"Wir sehen uns dann nachher. Ich muss packen." Charlie stehen lassen, abwenden. fünf große Schritte machen, Tür öffnen, durchgehen, Tür schließen. Mein Kopf sendet einfachste Signale, denen mein Körper partout nicht folgen will. Wie angewurzelt, stehe ich vor ihm und kann mich nicht bewegen.
"Nimmst Du meine Sachen nachher mit?" Wieso geht er nicht? Wieso spricht er wieder mit mir? Wieso kann ich nicht gehen?
"Ja." Endlich habe ich die Kraft und die Willensstärke, in zu verlassen und in mein Zimmer zu gehen.
Meine Sachen lege ich feinsäuberlich in einen Koffer, den ich anschließend verschließe. Das ist eine banale Tätigkeit, aber sie hilft mir, meinen Kopf abzulenken. Meine Gedanken an Charlie habe ich so gut es geht verdrängt, als ich das Zimmer wieder verlasse, doch sein Gepäck, das wie ein Mahnmal im Flur liegt, bringt sofort meine Gedanken an ihn zurück. Mein sonst so geradlinig, logisch denkender Kopf dreht durch und kann nicht mehr klar Denken. Er ist nur ein Man, den ich nach Dienstag nicht wieder sehen werde, versuche ich mir klarzumachen. Aber auch das funktioniert nicht. Erst als ich Wendys Stimme höre, weiß ich, worum ich mich heute kümmern muss. Mein Privatleben muss ausnahmsweise zurückstecken. Ich betrete ein weiteres Mal die Küche, in der er schweigend am Tisch sitzt, Wendy mittlerweile aufgeregt gestikuliert und Jan versucht, sie mit sehr sanfter Stimme zu beruhigen.
"Komm Wendy, wir fahren jetzt zum Hotel. Heute steht noch so viel auf dem Plan: Friseur, Makeup, Outfit. Hol Deine Sachen." Sie möchte widersprechen, das sehe ich ihr an. "Los!" Ob es der Ton in meiner Stimme ist oder ihre Einsicht, weiß ich nicht, aber sie steht tatsächlich auf und verlässt die Küche. Währenddessen wende ich mich Jan zu. "Bestellst Du bitte ein Taxi?" Auch er erhebt sich, geht zum Telefon und erfüllt meinen Wunsch.
Für einen Moment sitzen Charlie und ich alleine am Tisch. Ich sollte etwas sagen, irgendwas. Oberflächlich betrachtet bietet sich immer wieder das Wetter an, alternativ ist auch die Feier heute Abend ein mögliches Thema, aber meine Zähne öffnen sich keinen Millimeter. Mein Blick ist permanent auf ihn gerichtet und er erwidert ihn, doch abgesehen von einem Lächeln kriege ich nichts zu Stande. Ich sollte endlich erwachsen werden und einfach ich sein, doch ich benehme mich so komisch. Glücklicherweise ist die Stille nicht unangenehm, auch wenn sie mich selbst stört. Diese wird erst gestört, als Jan zurückkehrt und mir sagt, dass das Taxi in wenigen Minuten da sein wird. Daher verlasse ich die Küche wieder und gehe ins Schlafzimmer, dort sitzt Wendy auf dem Bett, hinter ihr eine kleine, offene Reisetasche. Oben auf thront ihr Kleid, das Jan nicht sehen soll, daher hülle ich es in den Kleidersack, der neben der Reisetasche liegt.
"Ist da alles drin, Wendy?" Während ich rede, deute ich auf die Tasche.
Sie nickt.
"Dann schließe ich ihn jetzt, denn unser Taxi wird gleich da sein."
Wieder nickt sie nur.
Ich mache das, was ich gesagt habe, denke trotzdem über Wendy nach. "Ist alles okay?"
"Ich bin so aufgeregt. Was ist, wenn ich versehentlich die wichtigste Frage in meinem Leben verneine, wenn ich keinen Walzer mehr tanzen kann, wenn ich nicht in den neuen Schuhen laufen kann, wenn der Friseur nicht weiß, wie man eine Hochsteckfrisur macht, wenn mein Makeup vor lauter Tränen verläuft?"
Beruhigend nehme ich sie in den Arm. "Wir nehmen wasserfestes Makeup. Deine Schuhe hast Du eingelaufen. Du warst gemeinsam mit Jan beim Tanzkurs. Und wenn Du vor dem Pastor stehst und in Jans Augen blickst, wirst Du wissen, was Du antworten sollst. Mach Dir keine Sorgen, das kriegen wir alles hin. Ich bin da und nachher ist Jan an Deiner Seite." Beruhigend streiche ich ihr über den Kopf.
Kurze Zeit später löst sie sich von mir und schaut mich an. "Danke Amita." Ich lächle sie an. "Wir sollten jetzt gehen." Sie nimmt ihre Sachen und geht voraus.
Auf dem Flur warten die Männer. Sofort geht Jan geht auf seine Braut zu und sie zum Eingang, um ungestört zu sein. Flüsternd wechseln sie ein paar Worte, die ich nicht verstehe, mich aber auch nichts angehen. Ich bin wieder allein mit Charlie, der mich fragend anschaut, woraufhin ich nicke. Ja, es ist alles in Ordnung, soll diese Geste bedeuten, denn er bezieht sich auf Wendy, zumindest ist das eine logische Schlussfolgerung. Meine Geste hat er scheinbar verstanden, denn er sieht erleichtert aus. Froh, dass alles noch rettbar war, verabschiede ich mich von den Männern locker ohne jeglichen Körperkontakt. Währenddessen winkt Wendy Charlie zum Abschied zu und ehe wir die Tür durchschreiten, küsst sie Jan innig. Ich nehme meine Sachen und die von Charlie, während meine Freundin ihr Kleid und ihre Reisetasche trägt. So verlassen wir die Wohnung, gehen zum Fahrstuhl, fahren hinunter und steigen ins Taxi, das uns nicht weit fährt, aber mit Gepäck wäre es lästig das Stück zu laufen.
Vorm Hotel steigen wir aus, es ist klein, hat aber Stil. Das haben sich meine Gastgeber was kosten lassen. Sie haben eine Suite gebucht, Charlie und ich werden also weiterhin zusammen wohnen. Wir haben getrennte Schlafzimmer, teilen uns aber den Wohnbereich und das Bad. Das werde ich wohl überleben, bin sogar froh über die Nähe. Denk an deine Freundin, die ist heute wichtiger als dein Liebesleben. Mein Zimmer ist geräumig, ebenso wie Charlies. Wendy breitet sich im Wohnzimmer aus, während ich mein Schlafzimmer beziehe. Wir legen nur unsere Sachen ab, denn in weniger als 30 Minuten haben wir unseren Friseurtermin. Zum Probefrisieren war ich nicht da, doch jetzt werde ich Wendy begleiten, zum einen braucht sie vielleicht Unterstützung und zum anderen müssen meine Haare gerichtet werden. Schleunig machen wir uns auf den Weg, gehen die wenigen Meter zu Fuß, dabei strahlt uns die Sonne entgegen. Der Tag ist wie gemacht zum Heiraten.
Die Chefin kommt höchstpersönlich auf uns zu und bringt Wendy zu einem Waschbecken. Dann kommt eine Angestellte zu mir und fragt mich, ob ich auch die Haare frisiert haben möchte. Ich bejahe das und werde fast direkt neben Wendy gesetzt. Die ist aber ganz versunken und erzählt den ganzen Plan ihrer Hochzeit. Währenddessen werden meine Haare shampooniert, ausgespült und mit einer Spülung versorgt. Danach werden sie in ein Handtuch gewickelt. Mit einem Turban auf dem Kopf werde ich zu einem Platz geführt, an dem die Angestellte beginnt, mir die Haare zu kämmen und dann zu föhnen. Als sie schließlich trocken sind und in schönen Wellen meine Schultern hinabhängen, beginnt sie fachlich versiert, sie hochzustecken. Am Ende zaubere ich aus meiner Handtasche eine türkisfarbene Blüten, die ich ihr gebe mit der Bitte, sie mir ins Haar zu stecken. Als das getan ist, bin ich fertig. Erst jetzt schaue ich zu Wendy, deren lange, blonde Haare mittlerweile hochgesteckt sind. Einzelne Strähnen zu Locken geformt hängen seitlich heraus. Im Moment wird ihr gerade eine Reihe kleiner, weißer Blüten ins Haar gesteckt, da sie keinen Schleier tragen wird. Kurz nach mir ist auch sie fertig. Zufrieden bezahlen wir und kehren ins Hotel zurück.
Der nächste Punkt auf der Tagesordnung steht an, das Schminken. Dafür bin ich zuständig. Wendy setzt sich auf einen Stuhl ins Wohnzimmer. Ich setzte mich ihr gegenüber hin und beginne mit ruhiger Hand schlichtes, nahezu farbloses Makeup aufzutragen, das ich anschließend abpudere. Dann betone ich ihre wunderschönen Augen mit leicht goldenem Lidschatten und hebe die Augen durch eine feine, schwarze Linie auf dem Lid hervor. Zum Schluss tusche ich ihre Wimpern schwarz. Ihren Lippen verleihe ein blassrosa Lipgloss farbigen Glanz. Sie ist fertig und betrachtet mein Werk im Spiegel, womit sie zufrieden zu sein scheint, zumindest sagt sie nichts Gegenteiliges.
Jetzt zieht sie ihr Kleid an. Währenddessen gehe ich in mein Schlafzimmer und beginne, mich zu schminken. Das Makeup habe ich aufgetragen, als sie mich ruft, um den Reisverschluss zu schließen. Mit dem Rücken steht sie zur Tür, so dass ich nicht sehe, wie es von vorne aussieht. Nachdem der Reisverschluss zu ist, dreht sie sich um und ich erblicke sie in ihrer ganzen Schönheit. Ein Traum. Es kein typisches Brautkleid, hat weder Spitzen noch sonstige Spielereien, sondern ist einfach ein eng anliegendes, trägerloses Abendkleid, dass am Saum weit ist. Allerdings hat es keinen Unterrock, so dass es einfach schlicht herunter hängt.
"Du bist wunderschön."
Sie schaut mich an. "Danke." Ihr Blick wandert an sich herunter. "Denkst Du, dass es Jan gefällt?"
"Das brauchst Du nicht fragen! Selbst wenn Du im Kartoffelsack zu Deiner Hochzeit gehen würdest, wärst Du für ihn die schönste Frau der Welt. Trotzdem wird er Dich genauso schön finden wie ich, glaub mir." Hoffentlich beruhigt sie das.
"Was wirst Du tragen?" Neugierde ist ein gutes Zeichen.
"Ich zeig es Dir gleich, wenn ich so weit bin."
"Ziehst Du etwas von gestern drunter?" Wendy ist wieder die alte, vielleicht nicht ganz, aber doch zu einem großen Teil.
"Das werde ich Dir ganz bestimmt nicht verraten."
Bevor ich mich ankleide, schminke ich mich zu Ende. Dezent, fast farblos bin ich, als ich fertig bin. Der Hauptaugenmerk wird eh auf meinem Kleid liegen und das will ich auch, daher ist es so perfekt. Zuerst ziehe ich einen Unterrock an, dann ein kurzes, enges, schwarzes Oberteil, das einen bauchfreien Top nicht unähnlich ist. Dann nehme ich den türkisfarbenen Stoff und lege ihn einmal um die Taille. Einen Teil des verbliebenen Stoffes lege ich sodann in Falten, die ich mit einer Sicherheitsnadel vorne befestige. Nun führe ich den Stoff ein weiteres Mal hinter meinem Rücken herum und lege ihn dann über meine Schulter nach hinten. Ich bin fertig. Die ganze Prozedur hat einige Zeit in Anspruch genommen, aber es ist ein Sari und nicht mit dem Anziehen eines normalen Abendkleides zu vergleichen. Bevor ich mich Wendy präsentiere, betrachte ich mich im Spiegel und stelle fest, dass ich ein Blickfang bin, das muss ich gestehen. Okay, das sollte ich nicht überm ich selbst sagen, aber es ist nun mal so. Perfekt ergänzt würde der Sari, wenn Charlie den Anzug von gestern trägt. Schlichte Eleganz ergänzt farbenfrohe Extravaganz.
Wie schnell die Zeit vergeht, wenn man beschäftigt ist, stelle ich fest, als ich auf den Wecker an meinem Bett schaue. Wir haben nur noch wenig Zeit. Glücklicherweise ist es nicht weit zur Kirche, so dass es relativ egal ist. Unser Chauffeur wartet sicherlich schon, denn die ganze Hochzeit ist gut durchdacht. Im Wohnzimmer sitzt Wendy neben ihrer Reisetasche auf einem Stuhl. Dass sie mittlerweile die Aufregung gepackt hat, ist offensichtlich.
"Sollen wir los?" Meine Stimme ist fest, denn sie soll ihr Kraft geben.
"Ja." Nur ein Flüstern entrinnt ihrer Kehle.
"Ganz ruhig. Es wird alles gut gehen." Mir fällt nichts Besseres ein.
Keine Antwort.
Wir stehen auf. Sie rafft ihr Kleid zusammen, damit es nicht schmutzig wird und ich meinen Sari. So gehen wir zum Fahrstuhl, doch auf dem Weg fällt mir auf, dass ich meine Handtasche vergessen habe. Rasch gehe ich zurück und hole sie. Mit einem prüfenden Blick auf den Inhalt - das wichtigste ist dabei - kehre ich zu Wendy zurück, die mittlerweile schon am Fahrstuhl ist und für mich die Tür offen hält.
Im Erdgeschoss gebe ich den Schlüssel am Empfangstresen ab, dabei erhalten wir bewundernde Blicke von den Männern und neidische von den Frauen. Verübeln kann ich es ihnen nicht, denn wir sind nach meiner vollkommen objektiven Subjektivität einfach ein Augenschmaus. Wie ich vermutet habe, wartet am Eingang schon unser Fahrer, ein Cousin von Jan, auf uns. Wendy stellt mir Christian vor, der uns in einem alten, schwarzen Mercedes zur Kirche fahren wird. Das Auto ist wunderschön mit weißen Rosen geschmückt, die auch im Haar der Braut stecken, wenn auch um einiges kleiner.
Christian hält den Wagen nah bei der Kirche, vor der noch einige Leute stehen. Der Großteil scheint schon drinnen zu sein, denn die wenigen betreten nach und nach auch die Kirche. Nur zwei junge Frauen, die kleine Mädchen an der Hand halten, bleiben stehen. Die Mädchen sind offenbar die Blumenkinder, denn sie tragen einen Korb aus dem eine bunte Blütenpracht herausschaut. Erst steige ich aus, dann Wendy, der von Christian geholfen wird. Ich warte, bis sie zu mir aufgeschlossen hat und gehe dann mit ihr zum Kirchenportal. Die Glocken beginnen zu läuten.
Die beiden Mütter drücken Wendy ganz leicht und wünschen ihr alles Gute, dann gehen auch sie in die Kirche, ihnen folgt Christian. Jetzt ist meine Zeit gekommen. Ich schaue ihr direkt in die Augen. Sie nickt und lächelt, was für ein gutes Zeichen befinde. Ihre Nervosität ist wie verflogen. Ich umarme sie, versuche dabei aber möglichst vorsichtig zu sein, um das Makeup nicht zu verwischen.
Als letzter Gast betrete ich die Kirche. Mein Blick sucht Charlie, der relativ weit vorne sitzt und mich anschaut, als ich ihn entdecke. Neben ihm ist ein Platz frei, daher bewege ich mich rasch auf ihn zu, schaue zuvor jedoch noch mal zu Jan, der überraschend ruhig vorne am Altar steht und mich anlächelt. Das Paar ist so unterschiedlich, aber für einander bestimmt. Ich setze mich neben Charlie, der einen schwarzen Anzug trägt, als ob er Gedanken lesen kann. Seine Locken hat er nicht gebändigt, sie hängen ihm ins Gesicht und betonen seine Züge.
"Du bist wunderschön, Amita." Seine Miene ist nicht ernst, aber auch nicht spöttisch. Es ist eine ehrliche Aussage, die mich sehr erfreut.
"Vielen Dank. Du siehst auch gut aus." Sein Lächeln tritt zu Tage.
Er sagt nichts mehr, denn die Orgel setzt ein und beginnt, eine langsame Melodie zu spielen. Die Mädchen betreten die Kirche und verstreuen lächelnd ihre Blumen. Mit etwas Abstand folgt Wendy ihnen. Langsam und bedächtig schreitet sie das Kirchschiff hinunter auf den Altar zu, von wo ihr Jan mit glänzenden Augen entgegen schaut. Ihr Lächeln ist so freudig, so weit. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie jemals aufgeregt war, denn das strahlt sie nicht aus. Als sie meine Sitzreihe passiert habe, schaue ich zu Charlie, der mich ebenfalls anschaut. In mir breitet sich das Gefühl von Einsamkeit aus. Ich möchte es auch, dieses Gefühl, am liebsten mit ihm. Lebendig begraben zu sein, kenne ich schon, zu leben dagegen nicht. Obwohl... In den letzten Tagen habe ich das Gefühl doch kennen gelernt und frage mich nur, ob ich damit alleine stehe.
Als der Pastor die ersten Worte an das Brautpaar wendet, kehren meine Gedanken zurück zur anstehenden Trauung. Angestrengt versuche ich, etwas zu verstehen, doch das geht nicht. Erst als der Moment des Ringansteckens gekommen ist, weiß ich, an welchem Punkt sie sich befinden. In genau diesem Moment läuft eine Träne meinen Augenwinkel hinunter. Als ich sie mit einer Hand wegwischen möchte, ergreift Charlie meine Hand. Sofort wandert mein Blick zu unseren vereinten Händen, dann zu seinen Augen. Unsere Blicke treffen sich und wir lächeln uns an. Einen Moment später hebt er seine freie Hand und wischt mit ihr sanft die Träne weg.
Dann ist die Zeremonie zu Ende und wir verlassen die Kirche nach dem Pastor und dem Brautpaar. Vor der Kirche stehen Kollegen von Jan Spalier und werfen Reis auf das Brautpaar. Am Ende müssen sie mit Nagelscheren ein Herz aus einem Bettlaken ausschneiden, durch das Jan dann seine Braut trägt. Als das bewältigt ist, beginnt das Gratulieren. Jeder schüttelt dem Brautpaar die Hand oder umarmt es. Charlie und ich stellen uns gemeinsam in die Reihe, lässt er mir jedoch den Vortritt, als wir an der Reihe sind. Meine Wünsche kommen von Herzen und das freut sich für die beiden, so dass ich wieder mit den Tränen zu kämpfen habe, doch ich schaffe es und lächle sie nur an. Charlie ist der letzte Gratulant. Nach ihm setzt sich das Brautpaar in den Wagen und fährt mit Christian zum Hotel, in dem die Feier stattfindet. Derweil finden Charlie und ich bei den Blumenstreumüttern einen Platz zum Mitfahren.
Die Fahrt vergeht wie im Flug, denn Lisa eins der Blumenmädchen ist fasziniert von meinem Sari und fragt mir Löcher in den Bauch, wo ich herkomme, woher der Sari kommt, was er für eine Bedeutung hat und ob man dort immer so was trägt. Geduldig beantworte ich all die Fragen, doch das reicht ihr nicht, ihr fällt immer noch mehr ein, das sie wissen möchte. Erst als wir vor dem Hotel stehen, hält sie inne und auch nur, weil ihre Mutter sie darum bittet. Mir ist es egal, denn ich finde Lisa und ihren Wissensdurst toll, es erinnert mich an meine Kindheit, denn ich habe auch jedem Löcher in den Bauch gefragt. Wir steigen alle aus und gehen auf den Eingang zu. Während die Familie das Hotel betritt, schaue ich mich nach Charlie um, der etwas weiter entfernt steht. Ich winke ihm zu, was er erwidert.
Gemeinsam betreten wir das Hotel und werden in einen festlich geschmückten Saal dirigiert. Die Blumen auf den Tischen sind schlicht in weiß und rosa gehalten, ebenso die Servietten. Zur Begrüßung wird uns Sekt und Orangensaft angeboten. Wir nehmen beide Sekt und unterhalten uns über die Trauung, von der er genauso wenig verstanden hat, während die Gratulationen hier ihre Fortsetzung finden, denn nicht alle Gäste waren bei der Trauung. Schließlich suchen wir unsere Plätze. Charlie und ich sitzen - wer hätte es gedacht - nebeneinander. Die liebe Wendy regelt alles, obwohl ich nicht weiß, wann sie das geplant hat. In diesem Moment tritt in Charlie wieder einmal der Gentleman zu Tage, denn er rückt mir den Stuhl zurecht. Erst dann setzt er sich. Es gibt ein Menü, das wohl typisch deutsch ist. Zuerst klare Suppe, dann verschiedene Fleischsorten und diverse Gemüsebeilagen als Hauptgang und als traditionelle Nachspeise Vanilleeis mit heißen Kirschen.
Danach ist der Brauttanz an der Reihe. Wieder ist Wendys Angst völlig unbegründet, denn sie schwebt nahezu übers Parkett, so als ob sie niemals etwas anderes gemacht hat. Bemerkenswert. Nachdem dieser Tanz, der erste Walzer des Abends, vorüber ist, werden alle anderen Paare auf die Tanzfläche gebeten. Ich mache mich auf den Weg zu meinem Platz, um das Spektakel von weitem zu beobachten, als eine Hand meinen Arm ergreift und mich nicht weitergehen lässt. Diese Hand kann nur einem Menschen gehören, deshalb bin nicht erstaunt, Charlie zu sehen, als ich mich umdrehe.
"Erlaubst Du mir die Ehre eines Tanzes?"
Die Frage lasse ich unbeantwortet im Raum stehen, denn mein Handeln sagt alles. Leichtfüßig gehe ich auf ihn zu, erfasse seine linke Hand mit meiner rechten und ziehe ihn hinter mir her. Keine fünf Schritte weiter stehen zwischen vielen, tanzenden Gästen. Auch die kleinsten unter ihnen halten sich an den Händen und tanzen im Kreis. Wir stellen uns in die Grundposition, wodurch wir uns sehr nah sind, dann ergreift er meine Hand und legt die andere auf meinen Rücken, während ich meine freie auf seiner Schulter ablege. Wir warten einen Augenblick bis wir beide den Takt gefunden haben, dann führt er mich in die eine Richtung, dann nach einer Drehung in die andere Richtung. So geht es bis zur Ankündigung eines Musikers, dass das Brautpaar die Torte anschneiden möchte.
Während wir dort hingehen, ergreift Charlie ganz selbstverständlich meine Hand. Meine Überraschtheit lasse ich mir nicht anmerken, zumindest versuche ich das. Stattdessen lasse ich es zu und gehe mit ihm gemeinsam zum Tisch, wo sich die zweistöckige, weiße Torte befindet, die mit rosafarbenen Rosen verziert ist und auf der obenauf ein Brautpaar befindet. Beim Anschneiden liegt Wendys Hand auf Jans, ein gutes Zeichen, denn das bedeutet, dass sie das Sagen hat. Stück für Stück zerteilen sie nun die Torte und verteilen sie unter den Gästen. Da wir nicht drängeln, kommen wir wieder als letzte dran und von der Torte ist nur noch ein Stück übrig, das die beiden für uns teilen wollen, doch ich winke ab, ohne mich bei Charlie zu vergewissern. So erhalten wir von den beiden einen Teller, zwei Gabeln und zwei Grinsen, bedeutungsvolle Grinsen. Dabei wollte ich nur praktisch sein und damit gar nichts ausdrücken, zumindest würde ich diese Erklärung nennen, wenn man mich drauf anspricht. Gemeinsam setzen wir uns an den Tisch und beginnen, die Torte zu essen. Genüsslich schiebt er einen Bissen in den Mund.
"Bleiben wir in Kontakt, wenn sich unsere Wege getrennt haben?" Diese Wörter spreche ich sehr leise. Es ist eher ein Flüstern, denn ich habe Angst vor der Antwort.
"Ja."
Danach teile ich mit meiner Gabel einen Bissen von unserem Stück ab und wir unterhalten uns weiter über alles Mögliche. Gleichzeitig essen wir die Torte, wobei wir uns immer ab wechseln, erst ich einen Happen, dann er. So verfahren wir bis das letzte Stück auf dem Teller liegt. Charlie ist dran, doch ich möchte es unbedingt haben, denn es ist wirklich lecker. Trotzdem sage ich nichts sondern überlasse es ihm. Behutsam spießt er das Stück auf seine Gabel, die er anhebt. Den Weg, den das Stück nun geht, verfolge ich mit einem Blick, doch er hält mitten in der Bewegung inne und schaut mich an. Dann ändert er die Richtung und führt die Gabel in meinem Mund.
Gerade als ich etwas sagen möchte, wird wieder zum Tanz aufgespielt. Ein weiteres Mal ergreift Charlie meine Hand, mehr muss er nicht sagen, denn ich möchte ebenso wie er tanzen. Doch anstatt eines flotten Liedes kommt etwas Ruhiges und der Abstand zwischen uns wird deutlich weniger, so wenig, dass ich mich an ihn schmiege. Bei all den Gefühlen in der Luft und in mir kann ich nicht anders, ihn stört es aber auch nicht, denn sobald ich in dieser Position bin, spüre ich, wie seine Hand auf meinem Rücken sich enger um mich legt, mich fast schon an ihn drückt.
Meine Wange ruht an seiner Wange, meine Lippen an seinem Ohr. "Du bist ein toller Tänzer." Wieder nur ein Flüstern.
Er sagt nichts sondern gibt einfach weiter die Richtung vor. Ich ziehe meinen Kopf ein Stück zurück, um ihm in die Augen zu schauen und lächle ihn an.
Sowohl den Blick als auch das Lächeln erwidert er. "Es kommt immer auf die Tanzpartnerin an."
Langsam lege ich meinen Kopf wieder nah an seinen, wobei meine Lippen versehentlich seine Wange streifen. Beide zucken wir nicht, denn es ist nichts Komisches mehr für mich. An seiner Seite fühle ich mich wohl und drehe so Runde um Runde mit ihm über die Tanzfläche bis die Füße schmerzen, doch auch das hält mich nicht davon ab, immer weiter herumzuwirbeln. Nur das Brautpaar zeigt dieselbe Ausdauer. Zwischendurch machen wir beide ab und an kurze Pausen, in denen wir etwas trinken und uns unterhalten, aber auch während des Tanzens unterhalten wir uns. Hauptsächlich sind es banale Themen, doch es ist nie oberflächlich. Ich habe ihm immer was zu sagen, das gefällt mir sehr. Nie habe ich das Gefühl, dass ich weg möchte, dass ich etwas Dringenderes zu erledigen habe.
Die Feier neigt sich ihrem Ende zu, Charlie und ich gehören zu den letzten Gästen. Es ist mittlerweile 5 Uhr morgens und ich bin müde, sehr müde. Die Zeit ist gekommen, um unser Hotel aufzusuchen. Das sage ich Charlie, dem die Idee scheinbar auch gefällt. Gemeinsam gehen wir zum Brautpaar, das noch immer tanzt, auch wenn sie mittlerweile alleine auf der Tanzfläche sind. Schon während wir die Tanzfläche betreten, um uns zu verabschieden, bemerkt Wendy mich und bringt Jan zum Halten. Sie lächelt mich an, aber auch Jan lächelt. Wen wundert das, schließlich sollte dieser Tag zu den glücklichsten in ihrem Leben gehören.
"Wir gehen. Ich wünsche Euch noch einen schönen Morgen." Beide lächle ich an. "Vielen Dank für das tolle Fest. Es war wirklich schön." Ich umarme erst Wendy, dann Jan.
"Es freut mich sehr, dass es Dir gefallen hat." Meine beste Freundin ist überglücklich. Ich trete ein paar Schritte zurück, damit Charlie sich verabschieden kann.
Er ergreift Wendys Hand. "Feier noch schön. Das Fest war toll." Dann wendet er sich seinem Freund zu. "Danke für die Einladung." Locker umarmt er ihn.
"Kommt gut ins Hotel. " Schon jetzt reden beide gleichzeitig, wie das erst in ein paar Jahren sein wird.
Gemeinsam schreiten wir nach draußen. Dort zücke ich mein Telefon und möchte gerade die Nummer wählen, die Jan mir gegeben hat, als überraschend ein Taxi heranfährt und das um diese Uhrzeit. Es ist frei und wir nehmen es, doch gerade als ich mich auf den Sitz fallen lassen möchte, höre ich Wendys Stimme und drehe mich um. Rasch bewegt kommt sie auf mich zu, deshalb entschuldige ich mich kurz und steige aus. In der Hand hält sie meine Tasche, die ich tatsächlich vergessen habe. Dann fällt ihr Blick auf etwas hinter mir und sie beginnt zu lachen. Als ich sie frage, was so lustig ist, deutet sich auf das Taxi, auf dem etwas geschrieben ist. Ich verstehe den Witz nicht, denn ich verstehe die Buchstaben nicht, die darauf stehen.
66 66 66 - Auf die nette Tour
Ihre Übersetzung ist sehr aufschlussreich und auch ich lache, knuffe sie aber gleichzeitig leicht in den Arm wegen ihres Gedankenganges. Dann umarme ich sie ein weiteres Mal und gehe zurück zum Taxi. Charlie hat dem Fahrer scheinbar schon das Ziel genannt, denn wir fahren sofort los, als ich wieder sitze und mich angeschnallt habe.
"Was war so komisch."
"Nichts."
"Das glaube ich Dir nicht."
"Bereit für die Wahrheit?"
"Immer - auch für alles andere." Eine eindeutig doppeldeutige Antwort.
"Wir sitzen in einem Taxi, dass uns eine Fahrt 'auf die nette Tour' verspricht." Die Wörter betone ich extra so wie Wendy zuvor, woraufhin auch er lacht.
Danach wende ich mich müde ab und schaue aus dem Fenster, daher bemerke ich nicht, wie seine Hand sich nähert. Ich erkenne es erst, als er meine damit ergreift. Überrascht drehe ich mich um und schaue in seine Augen, die meine fixieren.
"Dann sollten wir dem Taxi alle Ehre machen."
Er beugt sich zu mir. Intuitiv bewege ich mich auch auf ihn zu. Als unsere Köpfe sich fast berühren, küsst er mich intensiv, intensiver als an den ersten beiden Abenden und zu intensiv, um ein Scherz zu sein. Es ist ein Versprechen.
Das Taxi hält vor unserem Hotel. Charlie bezahlt es und hilft mir galant aus dem Wagen. Hand in Hand betreten wir das Hotel, nehmen den Schlüssel in Empfang und gehen zum Fahrstuhl. Als dessen Türen sich hinter uns schließen und wir in den fünften Stock hochfahren, kann ich schon nicht mehr anders und gehe direkt auf ihn zu. Küsse ihn, schiebe meine Hände unter sein Jackett und ziehe ihn ganz nah an mich heran. Dagegen fährt er mit seinen Fingern in und dann durch meine hochgesteckten Haare, die so ihren Halt verlieren und mir über die Schulter fallen.
Als sich die Türen wieder öffnen, sehen wir beide nicht aus, als ob wir von einer Hochzeit kommen sondern von einem Marathonlauf. Wir betreten unsere Suite und machen dort weiter, wo wir aufgehört haben. Dabei bewegen wir uns unaufhörlich auf sein Schlafzimmer zu. Auf dem Weg fallen nach und nach die einzelnen Kleidungsstücke zu Boden, bis wir beide vor seinem Bett stehen nur noch unsere Unterwäsche tragen. Während er seine stets karierten Boxershorts, dieses Mal in grün gelb trägt, habe ich die türkisfarbene Wäsche an.
"Hast Du das gestern gekauft?
Ich nicke nur.
"Dann hast Du eine gute Wahl getroffen." Genug geredet.
Im Moment zieht er mir mit seinem Blick auch den Rest aus, aber das reicht mir nicht, er soll mich auch tatsächlich ausziehen. Das macht er auch, während er mich weiterhin küsst und seine Hände meinen Körper entlang gleiten. Doch auch meine sind nicht still und schieben seine gut ausgesuchte Boxershorts über seinen Po.
