Disclaimer: I don't own Numb3rs.


Tag 6, Montag

Ein Wecker klingelt in der Ferne und reißt mich aus dem Schlaf. Als ich ihn ausmachen möchte, ist er schon wieder still und ich denke nicht daran, meine Augen zu öffnen. Stattdessen kuschle ich mich wieder in mein Kissen, das komisch geformt ist. Noch im Halbschlaf möchte ich die Form ein wenig verändern, doch das geht nicht. Schlagartig öffne ich nun doch meine Augen und erkenne, dass mein Kopf auf seiner Brust liegt. Über Nacht ist er hier geblieben und schaut mich jetzt an, als ich ihm meinen Kopf zuwende.

"Guten Morgen."
"Hey." Er streicht mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Du bist wunderschön, wenn Du schläfst." Noch bin ich nicht wach genug für ein Gespräch mit ihm, deshalb lächle ich verschlafen. "Übrigens ist nicht der Gärtner Schuld, der Täter ist jemand anderes."
"Okay."
"Bist Du wach?" Langsam bewege ich meinen Kopf von links nach rechts. "Dann besorg ich Dir jetzt einen Kaffee."
"Danke." Meine Antwort unterstreiche ich mit einem müden Lächeln.

Langsam bewege ich mich ein Stück, so dass er aufstehen kann. Dann verlässt er das Zimmer und ich lege mich wieder hin, dabei lasse ich meinen Kopf wieder auf die Stelle fallen, an der er eben noch gelegen hat. Es ist warm und duftet nach ihm, davon lasse ich mich einlullen und ziehe die Decke über meinen Kopf, doch an Schlaf ist nicht zu denken, dafür bin ich mittlerweile zu wach, auch wenn ich meine Augen geschlossen habe. Wie lange ich so daliege, weiß ich nicht, doch irgendwann wird es langweilig. Deshalb streiche ich mit meiner Hand über die Stelle, an der ungefähr sein Po gewesen ist und atme tief ein. In dem Moment wird die Tür geöffnet und meine Nase nimmt eine frische Kaffeenote wahr.

Er zieht die Decke weg, wobei er versehentlich meinen Fuß berührt. Bis dahin hat er nicht gewusst, dass ich kitzlig bin, doch mein überraschtes Lachen sagt alles. Daraufhin lacht auch Charlie und wiederholt es absichtlich. Meine Füße ziehe ich daraufhin an, doch er klettert aufs Bett und versucht erneut, sie zu erwischen, allerdings habe ich mich in der Zwischenzeit aufgesetzt und mit einem Kissen bewaffnet, mit dem ich nun meine Füße verteidige. Schnell bemerkt er, dass er keine Chance und greift auch nach einem Kissen, wodurch eine Kissenschlacht beginnt, dabei sitzen wir uns gegenüber und lachen beide.

Nach ein paar Minuten werden die Bewegungen mit den Kissen weniger, ebenso das Lachen, bis es schließlich ganz leise ist im Zimmer. Tief schauen wir uns in die Augen und sind uns sehr nah. Dann klopft es an der Tür zur Suite und der Moment ist zu Ende, trotzdem beuge ich mich zu ihm und küsse ihn flüchtig auf den Mund. Während ich mich wieder normal hinsetze, steht er langsam auf, bückt sich am Fußende des Bettes zum Boden und hebt einen Pappbecher hoch, den er mir reicht. Im Schneidersitz sitze ich auf dem Bett und trinke einen großen Schluck, als er das Zimmer verlässt. Ein Blick auf den Wecker sagt mir, dass es 8 Uhr ist, doch ich bin noch nicht fertig, wie wir es verabredet ist. Gerade als ich aufstehen möchte, um mich anzuziehen, steht Wendy in der Tür.

"Hallo." Sie setzt sich zu mir aufs Bett.
"Hey."
"Ich soll dafür Sorgen, dass Du aufstehst und Dich anziehst." Ihre Augen zucken verräterisch. "Die Männer sind frühstücken." Sie grinst verdächtig.
"Was ist los?"
"Du fragst mich, was lost ist?! Das ist eher mein Part. Was läuft zwischen Euch?"
"Was 'uns' angeht, kann ich nichts sagen, allerdings bin ich verliebt, denke ich."
"Weiß er das?" Ich schüttele den Kopf. "Möchtest Du, dass er es weiß?"
"Ja und nein. Liebend gerne möchte ich mit ihm Zusammensein und wie Du und Jan Glücklichsein, aber ... Hier ist alles anders, die Zeit lauft langsamer, die Arbeit ist nicht da. Zwischen uns werden so viele Kilometer sein." Es ist schön, dass Wendy da ist und ich das Chaos, das in meinem Kopf herrscht, besprechen kann. "Ich weiß nicht."
"Du hast Jan und mich als Beispiel benutzt, dann betrachte uns genau. Natürlich haben wir im Vorwege mehr Zeit gehabt, aber wir haben zwei Jahre lang auf verschiedenen Kontinenten gelebt und uns nicht gesehen. Heute bin ich verheiratet." Ihr Talent, für nahezu jedes Problem eine Lösung zu finden, kommt zum Vorschein.
"Kannst Du Jan nicht überreden, in die Staaten zu ziehen? Ich vermisse Dich und Deine Ratschläge." Nachdem ich geendet habe, umarme ich sie.
"Ehrlich gesagt ist unsere Reise, von der wir erzählt haben, ein Vorfühlen. Ich habe ein Angebot erhalten, für die kleine Firma zu arbeiten, bei der ich mein Praktikum gemacht habe." Überrascht schaue ich sie an.
"Das ist klasse. Erzähl mehr."
"Nein." Lächelnd schüttelt sie den Kopf. "Du willst nur vom Thema ablenken, doch dafür haben wir keine Zeit. Wir müssen Dich hübsch machen und dann werden wir heute Charlie von Dir überzeugen und Dich von Deinen Gefühlen."

Sie lacht noch immer, als sie sich vom Bett erhebt und zum Kleiderschrank geht. Verschiedene Sachen holt sie heraus, schaut sie prüfend an und wirft sie, wenn sie ihrer Prüfung nicht standhalten, auf einen nahe stehenden Stuhl. Dann hat sie die Hose vom ersten Tag in der Hand. Die wirft sie aufs Bett und gibt mir mit einem Blick zu verstehen, dass ich ins Bad gehen soll, während sie meine Kleidung auswählt. Das mache ich sogar, denn ich habe schon wieder die Zeit vergessen. Als ich das Zimmer wenige Minuten später wieder betrete, hat sie zu der Hose ein passendes Top ausgesucht.

"Das ziehst Du an, dazu die Schuhe hier." Sie hält mir meine geliebten Chucks entgegen, die ich überall hin mit hinnehme.
"Zu Befehl." Um sie zu ärgern, tippe ich mir mit der Hand leicht gegen die Stirn, dann nehme ich beides und ziehe mich um. Zum Schluss schlüpfe ich in die Schuhe. Ihr Ergebnis begutachtet sie.
"Perfekt."

Die Männer klopfen an und machen, nachdem ich sie hereingebeten haben, Wendy und mir Komplimente für unser Aussehen. Mich verwirrt das, denn zumindest Charlie kennt meine Kleidung schon, aber das ist egal. Da wir jetzt alle fertig sind, gibt Jan das Zeichen zum Start und schultert seinen Rucksack, der an der Tür steht. Einen zweiten, der daneben steht, nimmt Charlie. Unten vor der Tür erwartet mich eine Überraschung. Vier Fahrräder. Zwei gehören Wendy und Jan, zwei sind für heute gemietet worden. Noch immer wird mir nicht verraten, wohin der Weg führen wird, als Jan aufsteigt und voraus fährt. Wir anderen folgen ihm, währenddessen frage ich ihn immer wieder, wohin sein Weg uns führt. Doch darauf antwortet er nicht.

Wir fahren ohne eine Pause quer durch Hamburg, kreuzen dabei mehrfach die Elbe. Bis wir nach einer gefühlten Ewigkeit, es sind höchstens zwei Stunden vergangen, in Finkenwerder kurz anhalten. Hier gibt er Charlie und mir ein paar Informationen über das Airbus-Gelände, das wir sehen. Dort findet die Endmontage einiger Flugzeuge statt. Im Anschluss daran erzählt er endlich, was er nach dieser ersten Etappe für uns geplant hat. Er möchte uns das Alte Land zeigen. Seine Ausführungen geben mir einen ersten Eindruck von der Gegend, der mit der Radtour hoffentlich vertieft wird. Ich bin gespannt auf die Trachten, den Obstanbau und die mit Reet gedeckten Häuser, diese Landschaft bestimmen. Das wird also das Kulturprogramm dieses Urlaubs werden.

Nachdem er alles gesagt hat, fährt Jan mit uns im Gefolge wieder los. Während ich neben Wendy herfahre, um ein wenig mit ihr zu reden, schließt Charlie zu seinem Freund auf. Währenddessen bemerke ich schon die Muskeln in meinen Beinen, die diese Art von Bewegung nicht gewohnt sind, deshalb frage ich Wendy, ob es noch weit ist. Leider kann sie meine Frage nicht beantworten, da sie hier bisher nur mit dem Auto oder zu Fuß unterwegs war. Meine Beine beschäftigen mich mehr als meine Freundin, deshalb verstummt unser Gespräch und Wendy fährt nach vorne zu ihrem Gatten. Daraufhin lässt Charlie hat sich zurückfallen, gerade als ich etwas zu laut schaufe.

"Sportmuffel!" Ein Blick zur Seite verrät mir, dass er schamlos grinst.
"Du könntest Recht haben."
"Sei unbesorgt, es ist fast nicht zu bemerken."
"So schlimm ist es jetzt auch nicht."
"Dann solltest Du vielleicht andere Geräusche machen." Noch immer grinst er und ich beginne, auf meine Atmung zu achten.

Wenige Minuten später fahren wir auf den Elberadweg, wie Jan uns informiert, der ganz bis nach Stade führt, was von Hamburg aus ungefähr 60 km sind. Daraufhin reiße ich meine Augen auf, glücklicherweise gibt er noch im selben Atemzug Entwarnung, denn wir werden nicht so weit fahren. So fahren wir eine ganze Weile entlang der Elbe, während Jan hin und wieder die Fahrt unterbricht, um uns zu zeigen, worüber er zuvor gesprochen hat. Mein persönlicher Höhepunkt sind die Prunkpforten, hier passt das Wort Prunk perfekt, denn sie sind ein mit vielen Details verziertes, handwerkliches Meisterstück.

Erst in Cranz machen wir eine richtige Pause, die unserer Erholung dient, trinken einen Schluck Wasser und essen eins der belegten Brote, die Wendy eingepackt hat. Das ist mein Frühstück, dafür habe ich zuvor keine Zeit gehabt, weil ich verschlafen habe. Deshalb knurrt mein Magen noch, als wir unseren Weg fortsetzen, der nun von der Elbe wegführt. Stattdessen folgen wir dem Verlauf der Este und halten auf Buxtehude zu. Ich versuche den Namen zu sagen, doch es ist für mich ein Zungenbrecher.

Buxtehude ist eine kleine Stadt in Niedersachsen, großstadtnah aber bodenständig. Mitten durch den Ort fließt die Este, der wir gefolgt sind. Hier halten wir an, denn wir haben das vorläufige Ziel der Radtour erreicht. Auf mein Drängen hin machen wir eine Mittagspause, während der ich meinen Appetit hoffentlich gänzlich stillen kann. In der Fußgängerzone stellen wir unsere Fahrräder ab und kehren in das erste Restaurant ein, das ich sehe. Dort will ich etwas Warmes Essen. Trotz des Wochentags und der nachmittäglichen Stunde ist das Lokal wider erwarten voller Gäste, die auf einen Punkt über mir starren, deshalb drehe ich mich um und sehe eine Fußballspielübertragung. Gerade als ich meinen Blick wieder abwende und mich den anderen zuwenden möchte, ist die Halbzeit zu Ende und die Spieler verlassen den Platz.

Wir halten wir Ausschau nach einem freien Platz, doch das Restaurant ist voll. Für ein Essen muss ich also noch weiter gehen, auch wenn ich nicht will. Gerade als ich das Thema ansprechen möchte, geht Jan plötzlich davon. Sein Ziel scheint ein Tisch nicht weit entfernt von uns zu sein, an dem eine Frau und ein Mann sitzen, die ungefähr in unserem Alter sind. Der Mann steht auf, als er Jan sieht und umarmt ihn. Wendy, die ihn offenbar auch erkannt hat, folgt ihrem Ehemann und lächelt dabei. Um nicht doof dazustehen, folge ich ihr mit Charlie. Wir begrüßen uns, ehe wir uns hinsetzen, dann stellt uns Jan vor.

Der Mann, der offensichtlich gerne lacht, ist Sören. Schlaksig, leicht gebräunte Haut und hellbraune Haare. Ein auffälliges Merkmal an ihm ist die rote, eckige Brille auf seiner Nase. Begleitet wird er von seiner Freundin Annika, die rechts von ihm sitzt und optisch das Gegenteil von ihm ist. Hellblonde Haare, helle Haut und strahlend blaue Augen. Die beiden sind ein hübsches Paar. Meine Freunde sind von diesem überraschenden Treffen sehr erfreut, denn sie haben nicht gewusst, dass er in die Heimat zurückgekehrt ist. Nachdem er jahrelang in Köln gelebt und gearbeitet hat, ist er zu Annika gezogen, die in Buxtehude Architektur studiert und gerade ihre Diplom-Arbeit schreibt. Praktischerweise hat er in Hamburg bei einer großen Reederei Arbeit gefunden. Bis zu diesem Punkt folge ich dem Gespräch, doch die alten Zeiten interessieren mich nicht.

Zum Glück sitzt an meiner Seite Charlie, der mich jetzt unterhalten muss. Außerdem gibt es einen Grund, warum wir hier sind. Mittagessen. Deshalb stehe ich auf und ziehe Charlie mit mir. Die anderen am Tisch scheinen das nicht weiter zu bemerken. Mit ihm zusammen gehe ich zum Tresen und bestelle uns zwei Bier, dann frage ich nach einer Speisekarte. Die Auswahl ist bunt gemischt und trotzdem entscheide ich mich schnell für ein Wiener Schnitzel mit Pommes Frites. Charlie überlegt wesentlich länger, nimmt am Ende aber das Gleiche. Während wir auf unsere Bestellung warten, stehen wir am Tresen.

"Es ist wunderschön im Alten Land. Die Menschen verstehen ihr Handwerk. Ich bewundere diese alten Pforten und die Fachwerkhäuser."
"Hast Du dir mal Gedanken über das Mensch-Obstbaum-Verhältnis gemacht?" Seine Stimme klingt ernst.
"Nein. Wie kommst Du darauf?"
"Jan hat gesagt, dass hier überwiegend Obst angebaut wird. Die Flächen haben wir gesehen, die sind groß. Dafür sind die Orte eher klein und haben vermutlich wenige Bewohner. Das Verhältnis ist dadurch anders als gewöhnlich." Seine Stimme ist sachlich, während er mir das sagt. "Du hast gerade das Mathegenie Charles Edward Eppes erlebt, das häufig nur in Zahlen denkt. Es ist ein Teufelskreis." Er lächelt.
"Ein sehr liebenswürdiger Teufelskreis." Darauf erwidert er nichts. "Mathematik ist aber auch schön."
"Sie ist es immer. Die Formen, die Fakten, die Daten - es ist alles so rein und klar."
"Es klingt, als wäre die Mathematik Deine Geliebte."
"Das ist sie im Moment. Wie wir schon festgestellt haben, bist Du nicht die Einzige, die mit ihrem Job angebändelt hat. Es gibt aber durchaus Menschen..."

Mitten im Satz wird er unterbrochen, als zwei Gläser und zwei Teller vor uns platziert werden. Nachdem ich eine Pommes genommen und abgebissen habe, schaue ich ihn an, denn ich möchte wissen, was er sagen wollte. Doch er scheint meinen Blick zu ignorieren, konzentriert sich auf den Teller vor ihm und probiert auch eine Pommes. Männer sind manchmal einfach Männer, die man nicht verstehen muss. Vielleicht ist die Beziehung zu meinem Job doch das Beste, was mir passieren kann. Natürlich ist mir klar, dass das nur eine billige Ausrede ist, um mir nicht einzugestehen, dass ich unbedingt eine Beziehung mit ihm haben möchte, doch das ignoriere ich.

Beladen mit Speis und Trank kehren wir zum Tisch zurück. Noch immer reden unsere Freunde ununterbrochen, sie haben sich noch nicht einmal etwas zu trinken bestellt. Dagegen beginnen Charlie und ich, unser Essen zu verspeisen. Dabei unterhalten wir uns über die Mathematik, die er zuvor angesprochen hatte. Interessiert frage ich ihn, woran er gerade arbeitet, woraufhin er von seiner Arbeit zur kognitiven Intelligenz berichtet. Bis zu den Wurzeln geht er zurück, die bei einem Fall liegen, an dem er gemeinsam mit seinem Bruder gearbeitet hat. Während ich zuhöre, esse ich weiter. Irgendwann bin ich mit dem Essen fertig und mein Bierglas ist leer, aber das interessiert mich nicht, denn ich hänge an seinen Lippen. Dass wir die Wissenschaft miteinander teilen, gefällt mir sehr, auch wenn meine anderer Natur ist.

Wie lange wir schon so nebeneinander sitzen, weiß ich nicht, als er endet. Doch als ich mich umschaue, erkenne ich, dass Sören und Annika gegangen sind. Auch haben Wendy und Jan mittlerweile gegessen, denn vor ihnen stehen leere Teller. Als ich den Blick meiner Freundin treffe, zieht sie die rechte Augenbraue hoch und lächelt. Aufgrund der Unterhaltung habe ich meine komplette Umwelt ausgeblendet. Offenbar ist Jan sich meiner Aufmerksamkeit jetzt sicher, denn er schlägt vor, dass wir los fahren sollten, da bald die S-Bahn nach Hamburg fährt. Bei dieser Aussage tanze ich innerlich vor Freude, denn ich muss nicht mit dem Rad zurück fahren.

Nachdem die Rechnung bezahlt ist, ausnahmsweise bezahlt jeder für sich, verlassen wir das Lokal, gehen zu den Rädern und folgen Jan. Am Bahnhof lösen wir Tickets bis nach Altona und steigen in die S-Bahn, die schon am Bahnsteig steht. Nachdem wir eingestiegen sind, fährt sie los. Die Bahn ist älter und sehr laut, so dass wir uns nicht unterhalten können. Das sehe ich momentan als Segen, denn ich brauche ein paar Minuten für mich, um die Informationen in meinem Kopf über die kognitive Intelligenz und andere Themen zu sortieren, die alle sehr auf Charlie fixiert sind.

Nach fast einer Stunde in der S-Bahn und ein paar Minuten auf dem Rad erreichen wir wieder das Hotel. Dort verabschieden Charlie und ich uns für heute von unseren Freunden, die uns für den nächsten Tag zum Frühstück einladen. Ich freue mich, zurückzukehren, denn ich möchte nur noch Duschen und ab aufs Sofa. Natürlich würde ich gerne etwas zum Abschluss unternehmen, doch im Augenblick habe ich keine Lust dazu. Morgen werden wir uns ohnehin sehen, werden sogar miteinander frühstücken. Das sollte reichen.

Gemeinsam fahren wir mit dem Fahrstuhl hoch und betreten die Suite. Sofort hole ich frische Kleidung aus meinem Zimmer und gehe dann ins Bad. Ich möchte mich von der Anstrengung des Tages reinigen, zumindest habe ich das geplant. Doch als ich unter dem Wasserstrahl stehe und das Haarshampoo ausspüle, kommt mir eine Idee.

"Charlie!" Mein Ruf nach ihm ist laut, trotzdem geschieht für einen Moment nichts.
"Was ist los, Amita?" Seine Stimme ist durch die Tür kaum zu verstehen.
"Komm rein." Die Tür knarrt.
"Was ist los?" Obwohl er mit mir im Raum ist, klingt seine Stimme noch immer dünn, daraufhin stecke ich meinen Kopf durch einen Spalt, den ich durch das Öffnen der Schiebetüren der Milchglasduschkabine geschaffen habe.
"Du hast gesagt, dass ich Schreien soll, wenn ich Hilfe beim Einschäumen benötige."

Während ich ihn weiter anschaue, beginne ich zu grinsen und greife nach dem Duschgel, das ich ihm hinhalte und er mir abnimmt. Dann öffne ich die Duschkabine weiter und drehe mich gleichzeitig mit dem Rücken zu ihm. Langsam streckt er seine Hand an mir vorbei, um sie nass zu machen. Dann höre ich das Geräusch des Duschgels, als er es aus der Flasche drückt und spüre anschließend seine Hände auf meinem Nacken. Kurz massiert er den, ehe er das Duschgel in sanften, kreisenden Bewegungen verreibt, dabei sind wir beide vollkommen still, nur das Geräusch des Wassers ist zu hören. Langsam gleiten seine Hände immer weiter hinunter, er reinigt aber nur meinen Rücken, wie ich ihn gebeten habe.

Ich selbst möchte so viel mehr, so dass ich, als seine rechte Hand versehentlich weiter wandert als zuvor und schon fast meinen Bauch berührt, einen Entschluss fasse und mich zu ihm umdrehe, denn in mir kribbelt alles durch die bloße Berührung seiner Finger. Seine schaumigen Hände hat er daraufhin ein Stück zurückgezogen und schaut mich jetzt fragend an, woraufhin ich nicke. Er nimmt sich noch etwas Duschgel und schäumt es auf, ehe seine Hände wieder in kleinen Bewegungen meinen Oberkörper hinunterwandern, dabei schaut er mir die ganze Zeit in die Augen. Um meine Brüste fährt er nur einmal sanft herum, doch um mich ist es geschehen. Ich ergreife seine Hand, ziehe ihn in die Dusche und streiche ihm seine Locken aus dem Gesicht. Als ich mich zu ihm beuge, um ihn zu küssen, hält er jedoch abrupt inne und verlässt die Dusche wieder.

"Telefon." Das soll wohl eine Entschuldigung sein.

Er nimmt sich ein Handtuch, trocknet sich notdürftig ab und verlässt das Bad. Derweil bleibe ich alleine zurück und denke nach. Vielleicht hat ihm nicht gefallen, was er gesehen hat, wobei ich selbst alles an der richtigen Stelle empfinde. Vielleicht hat er nur mir zu Liebe mitgemacht. Auf jeden Fall habe ich kein Telefon gehört, das für ihn sicherlich nur eine Ausrede gewesen ist. Was ich mir nur gedacht habe, ist eine Frage, auf die ich keine Antwort finde. Während das Wasser den Schaum abspült, plagen mich meine Zweifel, denn ich habe Angst, durch die Aktion den Tag verdorben zu haben. Ich stelle das Wasser ab, trockne mich ab und ziehe mich an. Dann verlasse ich das Bad und stehe Charlie gegenüber, der auf dem Sofa sitzt.

"Wendy hat vier Karten für ein Konzert und meinte, dass es was für Dich ist. Sie möchte wissen, ob wir mit wollen. Ich habe schon zugesagt." Er hält mein Telefon hoch. "Es tut mir leid, dass ich rangegangen bin."

Daraufhin gehe ich zu ihm, nehme mein Handy, drücke die Kurzwahltaste mit ihrer Nummer und sage auch zu, nachdem Wendy mir erzählt hat, dass Dido, unsere Lieblingssängerin, ein Konzert gibt. Mir ist nichts anderes übrig geblieben, denn ich finde sie einfach nur toll. Anschließend teilt sie mir noch mit, wann sie uns abholen, dann lege ich auf.

"Um 19:00 Uhr sind sie hier." Mehr sage ich nicht.

Um mich umzuziehen, gehe ich in mein Zimmer, aber auch um Charlie zu entgehen. Eine Jeans, ein Top und einen Stoffblazer ziehe ich an, dazu öffne ich meine Haare, schon bin ich fertig. Doch bevor ich mich ins Nachtleben stürze, gönne ich mir einen Augenblick Ruhe, setze mich aufs Bett und lasse mich nach hinten fallen. Halb liegend lasse ich die Dusche Revue passieren. Sein Blick hat nach mehr verlangt, da bin ich mir sicher, doch trotzdem ist er gegangen. Das Telefonat hat tatsächlich stattgefunden, das ist ein Anfang, denn er war ehrlich. Vielleicht war es für ihn auch nur eine praktische Gelegenheit, der Situation zu entkommen. Meine Gedanken widersprechen sich, denn ich weiß nicht, was ich denken soll. Deshalb lasse ich es einfach sein und schließe die Augen.

Widerwillig öffne ich die Augen, als ich wiederholt meinen Namen höre und sehe Charlie vor mir, der lächelnd auf seine Uhr tippt. Schlagartig bin ich hellwach. Entsetzt schaue ich auf meine eigene Uhr und erkenne, dass ich zu spät dran bin. Dann schaue ich ihn an, stehe rasch auf und werfe einen kurzen, prüfenden Blick in den Spiegel, ehe ich voraus gehe und das Zimmer verlasse. Charlie folgt mir, während ich auf die Tür der Suite zuhalte, die ich dann passiere und schnell zum Fahrstuhl schreite. Erst im Fahrstuhl schaue ich ihn kurz, fast unmerklich an. Seine verwaschene Jeans, das T-Shirt mit dem knalligen Aufdruck und darüber ein Sacko unterstreichen seine jugendliche Ausstrahlung und seine männliche Attraktivität. Er sieht so gut aus, dass ich nicht wütend sein kann, trotzdem schaue ich ihn nicht direkt an.

"Amita!" Ich kann ihn nicht ignorieren, denn er hat mich angesprochen deshalb schaue ich ihn widerwillig an. Anstatt etwas zu sagen, hebt er seine rechte Hand und streicht mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Es tut mir leid, dass ich gegangen bin. Ich wollte Dich nicht verletzen." Sein Blick scheint ehrlich zu sein, vielleicht auch besorgt. Schon wieder bin ich von ihm in den Bann gezogen, trotzdem antworte ich nicht. Er scheint mich aber zu kennen, denn er beugt sich zu mir und berührt meine Lippen mit seinen, bis sich die Fahrstuhltür im Erdgeschoss öffnet und er sich von mir löst.

Wendy und Jan warten schon auf uns, als wir vor das Hotel treten. Schnell steigen wir in das Auto ein, denn viel Zeit haben wir nicht mehr. Die Befürchtung bestätigt sich, als wir in der Alsterdorfer Sporthalle eintreffen. Wir sind zu spät, um die besten Plätze zu bekommen. Eigentlich reicht es mir aber auch, einen Stehplatz mit vernünftiger Sicht und Freiraum um mich herum zu haben. Es bleibt uns gerade noch genug Zeit, um Getränke zu besorgen, ehe die ersten Töne von White Flag erklingen und Dido die Bühne betritt. Ohne eine Begrüßung setzt sie sich auf einen Barhocker und singt. Daraufhin bekomme ich eine erste Gänsehaut, denn ihre Lieder, ob heiter oder melancholisch, berühren mich. Wendy und Jan stehen schon Arm in Arm da, während ich locker neben Charlie stehe.

Die Musik verleitet dazu, seine Gefühle zu zeigen, denn in jedem Lied steckt Liebe. Deshalb schaue ich Charlie an, der im selben Moment mich anschaut und lächelt. Das erwidere ich kurz, ehe ich mich wieder der Bühne zuwende. Im Takt schwinge ich leicht hin und her, währenddessen verkleinere ich möglichst unauffällig den Raum zwischen ihm und mir. Dann ist das erste Lied zu Ende. Das Publikum jubelt, das Dido jetzt begrüßt. Anschließend erzählt sie eine Anekdote zu ihrem neuen Album, ehe sie den nächsten Titel nennt und das Konzert fortsetzt.

So stehen wir 45 Minuten lang da und lauschen ihrer Stimme, ehe sie die Pause verkündet und gefolgt von der Band die Bühne verlässt. Während der ersten Hälfte haben wir unsere Getränke geleert. Deshalb gehen wir zur Theke, an der eine lange Schlange darauf wartet, bedient zu werden. Ich schaue die anderen an.

"Geht Ihr schon zurück, ich stell mich an. Wir müssen hier nicht gemeinsam herumstehen."
"Das ist Quatsch, Amita! Wir bleiben. Es ist eh Pause."
"Es ist Quatsch, wenn wir hier zu viert stehen, Wendy. Da gebe ich Dir Recht. Du gehst mit Jan zurück. Ihr sichert unsere Plätze, während Amita und ich uns anstellen." Wendy schaut Charlie herausfordernd an. "Widerworte sind zwecklos."
"Wir gehen ja schon." Gemeinsam dreht das Ehepaar uns den Rücken zu und zieht von dannen.
"Vielen Dank, Charlie."
"Wofür? Es ist idiotisch, sie mit anstehen zu lassen. Mich stört es nicht, hier zu warten. Sie werden die Zeit nutzen, so wie schon den ganzen Abend über."
"Die Musik ist dafür geschaffen, sich an den Liebsten zu kuscheln." Aus mir spricht ein Bedürfnis. "Ich mag Dido."
"Da gebe ich Dir Recht. Es ist toll, was sie mit den Worten sagt. Ich beneide sie dafür, denn Wörter werden mir niemals leicht fallen. Leider ist es nicht wie mit den Büchern, ich habe nur einen Anstoß benötigt, um zu lesen. " Ich schaue ihn an, doch sein Gesicht ist ohne das typische Grinsen.

Schneller als gedacht ist die Wartezeit vergangen und wir geben unsere Bestellung auf, keine zwei Sekunden später halten wir die Getränke in der Hand, die wieder einmal Charlie bezahlt. Gemeinsam gehen wir zu den anderen, die sich, wie erwartet, in den Armen liegen. Dabei stören wir sie nicht, stellen uns etwas abseits und stoßen ohne Grund an. Dann wird der Raum wieder abgedunkelt, Wendy und Jan lösen sich von einander und nehmen ihre Becher, während Dido wieder die Bühne betritt. Bevor sie beginnt, erzählt sie etwas zu Thank You, das sie all denen widmet, die den Menschen gefunden haben, der jeden noch so schlechten Tag zum allerschönsten macht. Sanfte Töne erklingen, ehe sie zum Mikrofon greift und singt. Den Refrain singe ich mit.

I want to thank you for giving me the best day of my life.
Oh just to be with you is having the best day of my life.

Dabei schaue ich Charlie an, der den Blick erwidert, wieder lächeln wir beide. Dann wende ich mich der Bühne zu, doch er nicht. Stattdessen nimmt er mir meinen leeren Becher ab und lässt ihn auf den Boden fallen. Dann legt er seinen linken Arm um meine Schulter und zieht mich zu sich heran, bis er seine rechte Hand auf meinen unteren Rücken legen kann und mich in eine Umarmung zieht, die zu einem Tanz wird. Ein sehr ruhiger Tanz, denn eigentlich machen wir nur kleine Schritte im Takt der Musik. Sie beendet das Lied und beginnt ein neues, mir ist egal, welches. wir tanzen einfach weiter, dabei verringert sich der Abstand zwischen uns kontinuierlich. Als nicht mal mehr ein Blatt Papier zwischen uns Platz findet, spielt sie eins der schnelleren Lieder, woraufhin wir uns schließlich voneinander lösen.

Nach zwei Stunden ist das Konzert zu Ende und unsere Freunde fahren uns zurück. Vorm Hotel verabschieden wir uns von ihnen, gehen, während sie im Auto davon fahren, hinein, holen unseren Schlüssel und betreten den Fahrstuhl. Schweigend fahren wir hoch und betreten die Suite. Ich lasse mich auf das Sofa fallen, während Charlie ins Bad geht. Kurz darauf höre ich das Wasser laufen. In meinem Kopf entsteht ein Plan, deshalb gehe ich grinsend zur Badezimmertür und öffne sie vorsichtig.

Durch die Milchglasscheibe der Duschkabine sehe ich die Silhouette seines Körpers und höre ihn gedämpft singen. Gleichzeitig öffne ich meine Hose und lasse sie zu Boden gleiten, dann ziehe ich mein Top über den Kopf und entledige mich schließlich meiner Unterwäsche. Erst als ich auf die Dusche zugehe, stelle ich fest, dass mir seine Singstimme gefällt. Die Schiebetür der Duschkabine öffne ich einen Spalt weit und schaue hinein. Charlies Blick ist unbeschreiblich, als ich den Spalt vergrößere und hineintrete.

"Was..." Die Frage bleibt ihm im Hals stecken.
"Wir waren vorhin noch nicht fertig."

Mehr gibt es nicht zu sagen, stattdessen trete ich zu ihm unter den Wasserstrahl. Das Wasser fließt mir über den Kopf, während ich nach dem Duschgel greife, es aufschäume und langsam beginne, seinen Oberkörper einzuschäumen. Ich schaue ihm dabei tief in die Augen und deute mit der freien Hand an, dass er sich umdrehen soll. Wie er beginne ich, seinen Rücken einzuschäumen, wobei meine Hände langsam seinen Rücken hinunter gleiten. Als ich seinen Po erreiche, greife ich nach seiner Hand, woraufhin er sich umdreht und wir uns gegenüber stehen.

Seine Erregung ist offensichtlich, doch meine noch schaumigen Finger lasse ich durch sein gekräuseltes Brusthaar gleiten. Mitten in der Bewegung hält er meinen Arm fest und schüttelt den Kopf. Dann beugt er sich zu mir und beginnt, mich zu küssen. Gleichzeitig suchen seine Hände meinen Körper, an dem sie entlang gleiten, bis sie meine Brüste erreichen, die er sanft berührt. Meine Finger liegen nach wie vor auf seiner Brust, die ich langsam auf den Rücken gleiten lasse und den hinunter. Schließlich wandern seine Lippen meinen Hals entlang, doch ich berühre seinen Kopf leicht, woraufhin er mich anschaut. Mit dem Kopf deute ich zur Schiebetür.

Wir verlassen die Dusche und trocknen uns notdürftig gegenseitig ab, wodurch die Erregung nur noch mehr steigt. Nackt und nicht wirklich trocken schaffen wir es nicht ins Schlafzimmer, sondern lieben uns auf dem Sofa. Es ist anders als nach der Hochzeit, das war reine Begierde. Dieses Mal nehmen wir uns Zeit, wodurch die Erfahrung noch viel intensiver ist. Anschließend gehen wir erschöpft in mein Zimmer und legen uns ins Bett. Das geschieht einfach, als ob es vollkommen normal ist. Nebeneinander liegend schauen wir uns an, dann ergreift er meine Hand und zieht mich zu sich. Ich gebe nach, rutsche zu ihm und schmiege meinen Kopf an seine Brust.

"Was wirst Du an Hamburg vermissen?" Ich blicke zur Decke, um ihn nicht anschauen zu müssen, wenn er antwortet.
"Meine Freunde, zu denen ich Dich zähle. Das Gefühl zu leben. Glück." Während er spricht, streicht er über mein Haar. "Und Du?" Da er mich gerade zu einer Freundin gemacht hat, kann ich nicht über meine Gefühle sprechen.
"Dieser Urlaub ist einmalig, deshalb ist es zu viel, um es in einen Satz zu fassen." Meine Rettung ist eine Floskel, die nichts und trotzdem einiges sagt. Ich räuspere mich. "Aber ich freue mich, Dich zum Freund zu haben." Unwillkürlich muss ich gähnen, die Müdigkeit ist offensichtlich. "Gute Nacht." Ich lege meine Hand auf seinen nackten Oberkörper und kuschle mich an ihn.
"Schlaf schön."

Ein letztes Mal streicht er über mein Haar, dann löscht er das Licht.