Fünf Tage waren vergangen, seit der dunkle Lord gefallen war. Fünf lange Tage, in denen die Trauer herrschte. Freunde waren zu Grabe getragen worden. Lupin, Tonks, George Weasley. Viele Tränen waren geweint, viele Worte des Trostes gesucht worden. Immer fand sich Harry zwischen seinen Freunden Ron und Hermine.

Am schlimmsten war der Tag, an dem George seine letzte Ruhe fand. Diese einst so glückliche, lebensfrohe Familie so zerstört zu sehen, war für Harry kaum auszuhalten. Es fehlten ihm die Worte, er wollte die Umarmungen nie enden lassen. Die tapfere Molly, so aufgelöst erleben zu müssen, zehrte an Harrys Lebensmut.

Obwohl der Fuchsbau nicht mehr existierte, boten ihm die Weasleys an, bei ihnen in ihrer einstweiligen Wohnung in der Stadt Unterschlupf zu nehmen.

Die vergangenen Tage hatte Harry in Sirius leerstehendem Haus am Grimauldplatz verbracht. Dort fühlte er sich einsam und die bedrückte Stimmung in dem düsteren Anwesen war ihm aufs Gemüt willigte er nur zu gern bei den Weasleys ein.

Heute wollte er das Grabmal Dumbledore's in Hogwarts besuchen. Dem väterlichen Ratgeber seiner Schulzeit noch einmal die Aufwartung machen. Ein Zwiegespräch zwischen Vertrauten führen. Daher wollte er allein zum Schloss reisen. Seine Freunde hatten Verständnis hierfür. Auch waren sie froh, nicht wieder einen Tag der Trauer begehen zu müssen.

Harry hatte Blumen erworben unbd so fand er sich am Grabmal des einstigen Schulleiters wieder. Seine Blumen hatte er auf dem polierten weißen Marmor abgelegt und war in stiller Meditation versunken. Er gedachte all der frohen Stunden, die er in der Obhut des alten Mannes verbracht hatte. Dumbledore, der ihm immer eine Zuflucht gewesen war, wenn er gezweifelt hatte. Der ihn in eine andere Welt geführt und versucht hatte, seinen Blick zu schärfen, für das Richtige und für die falschen Wege. Und dennoch waren so viele Dinge verschwiegen worden.

Er kam wieder zu sich.

Harry erhob sich und blickte stumm auf das Grabmal. Eine würdevolle letzte Ruhestätte für einen großen Menschen. Harry lächelte zufrieden. Auch seine dahin gegangenen Freunde Remus und Tonks und auch George waren so bestattet, wie es ihrem Wesen entsprach. Remus und Tonks Asche hatte der Wind mitgenommen. Sie sollten frei sein, wie sie es immer waren. Nur Sirius; es gab keinen Ort, ihn zu betrauern. In seinem Herzen konnte Harry ihn jedoch immer sprüren. Er war ihm nah und vertraut. Harry konnte seine Stimme in seinem Inneren hören, wie er Kommentare zu diesem und jenem abgegeben hätte. Er hatte Sirius fallen sehen, war mit ihm zusammen, als seine Seele ihn verließ. Das war sicher der Grund, warum er immer ein Teil von ihm bleiben würde.

Harry erschauerte. Sein umherschweifender Blick war an der niedergebrochenen Peitschenden Weide hängen geblieben.

Noch jemanden hatte er sterben gesehen. Nur dieses Mal hatte er dabei nichts empfunden. Er war nur neugieriger Beobachter gewesen. Anders als bei Sirius war ihm bei Snapes Hinrichtung nicht in den Sinn gekommen, einzugreifen; seinen Tod verhindern zu wollen. Er wusste, dass er zu lange davon geträumt hatte, Snape selbst zu töten; Harry's Hass war zu übermächtig gewesen. Er hatte damals kein Mitleid empfinden können. Entsetzen vielleicht, über die Leichtigkeit mit der Voldemort sich eines Hindernisses entledigt hatte. Auch als er damals allein mit Snape, dessen Todeskampf aus nächster Nähe miterlebt hatte , war kein Bedürfnis aufgestiegen, etwas gegen dessen bevorstehendes Ende zu unternehmen; ihn zu retten. Harry hatte sich lediglich als Beobachter in einer Vorstellung gefühlt. Ohne Emotionen. Das war die Arbeit des Hasses in ihm gewesen.

Harry konnte erst jetzt sein Verhalten voll realisieren.

Er hatte diese Augenblicke verdrängt. Zu vieles musste von ihm und seinen Kameraden in den letzten Tagen verarbeitet werden. Es war kein Platz für Schuldgefühle gewesen.

Aber jetzt fühlte er sich flau im Magen. Nun nagte das entsetzliche Gefühl an ihm, Snape, seinen heimlichen Beschützer seit den ersten Tagen in Hogwarts, im Stich gelassen zu haben. Snape, der mit seinem letzten Atemzug nur einen Blick in seine, Harry's Augen, gewünscht hatte. Und auch hierbei hatte Harry nichts empfunden.

Erst nachdem er Snapes Lebensgeständnis aus dem Denkarium erfahren hatte, kam das erste Mal Bedauern in ihm auf, dass er niemals mehr Gelegenheit haben würde, den Spion selbst zu befragen. Ihm zu danken, für das Schicksal, das er auf sich genommen hatte.

Doch das Gegenteil war eingetreten; die letzten Worte, die sie gewechselt hatten, vor diesem Tag der Vernichtung Voldemorts, waren Worte des abrundtiefen Hasses, der Verachtung, gewesen. Harry hatte Snape einen Feigling genannt, ihm seine Abscheu ins Gesicht geschrien. Und Snape hatte ihn dennoch weiter geschützt gegen die Gefahr der Todesser. Seinen Zorn gezügelt und weiter seine Aufgabe erfüllt. Wissend, dass er niemals Dank erwarten konnte; von niemandem.

Und trotz all dieser Taten hatte es niemand für nötig befunden, dem Tränkemeister ein einigermaßen würdiges Grab zu schaffen.

Harry's Augen füllten sich mit Tränen. Auch er fasste diesen Gedanken nunmehr zum ersten Mal. Snapes Körper lag noch immer unbeachtet in der Heulenden Hütte, wo er seinen Geist ausgehaucht hatte. Langsam verrottend. Warum hatte man das zugelassen? Aber anders als all die niedergestreckten Todesser hatte der Spion absolut keine Familie, keine Freunde, die ihn betrauerten und sich um eine Heimholung des Leichnams gekümmert hätten.

Harry nahm eine weiße Lilie vom Strauß auf Dumbledore's Grabstätte ab und wanderte hinüber zum Eingang der Heulenden Hütte, der seine Wächterin eingebüßt hatte.

Der Tunneleingang war teilweise verschüttet. Harry hatte beabsichtigt, die Lilie direkt hier abzulegen. Aber nun war er unschlüssig. Es zog ihn ins Innere. Er war es seinem Beschützer schuldig, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Seine Lider zu schließen, seinen toten Leib mit seinem Umhang zu bedecken.

Vorsichtig kroch Harry in den Tunnel, die Lilie hatte er in den Umhang geschoben.

Der Tunnelboden war muffig und Harry war froh, als er sich vor der Hütte wieder erheben konnte.

Nun lag der Hütteneingang vor ihm. Harry's Kehle war wie abgeschnürt, ein dumpfer Kloß lag in seinem Magen. Vor ihm erwartete ihn der Mann, dem er beim Sterben zugesehen hatte, den er Zeit seines Lebens verabscheut hatte und dessen Ende er nun bedauerte. Die Szene von Snapes letzten Minuten schob sich vor sein geistiges Auge.

Der Schrei des Todessers, als die Schlangenzähne in sein Fleich eindrangen, der zitternde Fuß, den er vor kanpp einer Woche vor sich gesehen hatte.

Nun würde der Leichnam totenstarr vor ihm liegen.

Harry hoffte, dass er dem Anblick des vergehenden Körpers standhalten würde. Er wünschte sich, dass die Kälte hier unten, den Prozess aufgehalten hatte.

Die Tür stand offen. Langsam schritt Harry in den Raum. Und blieb wie angewurzelt stehen.

Die Hütte war leer.

Nur ein brauner Fleck auf dem Boden war Beweis dafür, dass Snape hier verblutet war. Harry sah sich um. Die Hütte war voller Spinnennetze und Staub bedeckte das spärliche Mobiliar. Harry entfachte ein Licht aus der Spitze seines Zauberstabs. Er untersuchte den Fußboden rund um die eingetrocknete Blutpfütze. Es schien ihm, als wären Schleifspuren im Staub auf dem Dielenboden erkennbar. Aber er war sich nicht sicher. Er selbst hatte einiges an Abdrücken verursacht. Nachdenklich legte er die Lilie an der Stelle ab, an der eigentlich Snape liegen sollte.

Er gedachte noch einige Minuten seines einstigen Widersachers, dann verließ er die Hütte.