"Wer sollte ein Interesse daran haben, Snapes Leiche mitzunehmen", brachte Hermine die Gedanken aller Drei auf einen Punkt. Harry hatte Ron und Hermine nach seiner Rückkehr sofort von seiner Entdeckung, bzw. seiner Nichtauffindung, berichtet. "Jemand, der wie Du dachte, Harry, und ihm eine vernünftige Bestattung gönnen wollte?", sinnierte Ron. Harry schüttelte den Kopf, "Kann ich mir nicht vorstellen. Wenn der Orden damit in Verbindung stehen würde, hätten wir es erfahren. Die hätten nichts Geheimes daraus gemacht. Und die Todesser, die noch frei sind, haben sicherlich Besseres zu tun, als sich selbst in Gefahr zu bringen. Nur um einen Ihresgleichen zu verabschieden, würde keiner von denen riskieren, in Gefangenschaft zu geraten." "Könnte Snapes Freund Lucius etwas damit zu tun haben?", warf Ron ein. "Nein, auch unwahrscheinlich", gab Hermine zu bedenken. "Malfoy Manor steht komplett unter Arrest. Von dort aus kann keine Aktion ausgegangen sein. Außerdem traue ich den Malfoys so viel ehrenhaftes Handeln nicht zu. Dafür sind sie immer zu viel mit sich selber beschäftigt gewesen."

"Aber warum machst Du Dir so viele Gedanken , Harry?", beendete Ron die Diskussion, "für Snape ist es einerlei, wo seine Reste abgeblieben sind und Du kannst froh sein, dass Dir der Anblick erspart blieb. Und Du musst nicht weiter über die Möglichkeiten der Beisetzung von Snape nachdenken. Die Wenigsten hielten ihn für einen, der dem Orden zuzurechnen war. Also seh es als das, was es ist: Du hast Dir eine Sorge weniger zu machen!"

Eigentlich hatte Ron Recht, das gestand sich Harry ein. Eine öffentliche Beisetzung von Snape wäre auf Missfallen gestoßen. Und keiner wusste etwas von den Vorlieben des dunklen Zauberers, also konnte auch niemand seine möglichen Wünsche für eine letzte Ruhestätte erfüllen.

Wahrscheinlich war es so das Beste.

Dennoch, Harry blieb ruhelos. Etwas trieb ihn, er musste dem Drang folgen, mehr über den Verbleib des Toten herauszufinden.

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Wurmschwanz hatte seinen Triumph ausgekostet. Nicht einmal der Ehrfurcht gebietende Tränkemeister, Vertrauter von Voldemort hatte das geschafft, was er, Peter Pettigrew, der kleine krumme Diener, erreicht hatte: Leben.

Immer überleben, wenn andere keinen Ausweg mehr hatten.

Nur unangenehm, dass er seine Zuflucht jetzt mit einem Toten teilen musste. Er würde mindestens noch eine Nacht hier verbringen. Die Schlacht würde sicherlich noch den ganzen Tag andauern. An Flucht vom Schulgelände war noch nicht zu denken.

Er besah sich Snape näher. Der Umhang schien unversehrt, abgesehen von den Flecken am Kragen. Der berüchtigte Zauberstab lag unter dem Arm des Todessers. Viel hatte er ihm offensichtlich nicht genützt.

Wurmschwanz war mittellos, musste sich künftig irgendwie durchschlagen. Er konnte alles gebrauchen, was ihm seine Zukunft in irgendeinem Schlupfloch erleichtern konnte. Mit einem Seufzen dachte Peter daran, dass er allein auf sich gestellt sein würde. Kein Meister, der wenigstens für das Allernötigste sorgte.

Wurmschwanz beugte sich über den stillen Körper, griff nach Snapes Umhang, um ihn zu untersuchen. Vielleicht gab es noch nützliche Zaubertränke, noch lieber würde er jedoch ein paar Dublonen an sich nehmen. Er steckte seine Hand tief in die Brusttasche des Umhangs und ertastete tatsächlich einen kleinen Lederbeutel mit Münzen darin. Ein Lächeln huschte über das feiste Gesicht der Ratte.

Er tastete den Umhang weiter ab und fand in den Außentaschen mehrere Phiolen. Er sah nicht auf die Aufschriften. Es würde ihm ohnehin nichts nützen. Aber er wusste, dass er die Fläschchen gut würde verkaufen können. Die Robe unter dem Umhang war noch zugeknöpft. Auch hier vermutete Peter vielversprechenden Inhalt.

Er riss die oberen Knöpfe ungeduldig auf und suchte mit seinen Fingern nach Innentaschen über der Brust des Toten.

Heftig ausatmend riss er seine Hand zurück und sprang auf. Statt kalter Dublonen hatten seine Finger Wärme gespürt! Eine Leiche, die sich warm anfühlte? Das war nicht möglich, das war selbst Wurmschwanz augenblicklich klar.

Snape lebte also noch. Irgendwo da drinnen gab es wohl noch einen Lebensfunken, wenn auch äußerlich nichts darauf hindeutete. Wurmschwanz besah sich die Blutlache, offensichtlich ausgehend vom Hals seines ehemaligen Mitstreiters, genauer.

Sie war schon groß, befand er, aber auch nicht so, dass sie direkt den Tod eines Mannes verursacht hätte. Er drehte vorsichtig den Körper auf die Seite und suchte nach den Verletzungen, die den Blutstrom verursacht haben könnten. Es war keine Kunst, die beiden tiefen Wunden im bleichen Nacken zu entdecken.

Nur ein Schlangenbiss konnte diese Verletzungen herbeigeführt haben. Wurmschwanz nickte bestätigend. Und nur eine Schlange, die er kannte, hatte die Größe für solche Bisse. Nagini, Voldemorts ständige Begleiterin.

Die Wunden waren blutverkrustet, offenbar hatte das verklumpende Blut den Strom unterbrochen. Snape hätte genauso gut verbluten können, dachte Peter, aber er lebte ja nun einmal.

Er drehte den Körper wieder zurück auf den Rücken. Snapes Augen starrten unverändert unter halbgeschlossenen Lidern unbeweglich an die Decke. Es war kein Lebenzeichen in seinem Gesicht abzulesen. Pettigrew suchte die Halsschlagader. Er konnte keinen Puls fühlen. Wenn Snape tatsächlich noch am Leben war, musste sein Herzschlag nur noch minimal sein. Wurmschwanz schob seine Hand unter das Hemd des Leblosen. Er fühlte gegen den Rippenbogen. Konzentrierte sich, hielt den Atem an, war nur noch suchende Hand. Nach einigen Momenten spürte er die geringgradige Wärme der Haut. Er forschte weiter, verharrte, und ganz leise konnte er an seinen Fingerspitzen den kraftlosen, weit entfernten Schlag des Herzens erspüren.

Wurmschwanz zog seine Hand zurück, verschloss die Robe und zog den Umhang über dem Körper zusammen. Er setzte sich auf den einzigen Stuhl im Raum und dachte nach. Was sollte er tun? Viel hatte er aus Snapes Habseligkeiten nicht erbeuten können. Wenn er ihn hier zurückließ konnte er maximal noch den Zauberstab und den Umhang mit sich nehmen. Viel wäre hierfür auch nicht zu bekommen.

Er durchdachte die weiteren Möglichkeiten. Wenn es ihm gelingen würde, Snape, der ja sicherlich noch als Todesser gesucht wurde, unbemerkt hier rauszubringen, und wieder auf die Beine zu kriegen, wäre ihm dieser ewig zu Dank verpflichtet.

Eine verlockende Aussicht für einen, der Niemandes Freund war. Mit Wehmut dachte er an die Tage in Spinners End zurück, als er bei Snape untergekrochen war. Der Vertraute Voldemorts hatte zwar kein freundliches Wort für ihn gehabt, aber er stand im Schutz des Zauberers und niemand hatte gewagt, mit ihm, Peter, auch nur den kleinsten Scherz zu treiben. Es war eine gute Zeit gewesen, als er eine Heimstatt hatte, ein Bett, warmes Essen und vor allem einen überlegenen Beschützer. Ein wohliges Gefühl machte sich in Wurmschwanz breit.

Diese Gemütlichkeit , wie er sie empfunden hatte, würde er sich zurück holen. Mehr brauchte er nicht für sein Dasein.

Er fasste einen Entschluss. Wurmschwanz würde Snape nach Spinners End bringen. Dort konnten sie sich verstecken. Er wusste, dass der Tränkemeister über genug Mittel verfügte, um sie über Wasser zu halten.

Peter musste seinen zukünftigen Gönner nur noch wieder ins Leben zurückholen. Aber dieses Problem würde erst an zweiter Stelle angegangen. Zunächst sollten sie Spinners End erreichen. Und dazu war abzuwarten, bis die Nacht einsetzte. In der Dunkelheit würden seine Chancen besser aussehen. Doch bis dahin musste er noch einige Stunden hier ausharren. Und vor allem: Snape musste durchhalten. Sonst wären Peters Zukunftsplanungen mit einem Federstrich ausgelöscht.

Ängstlich ging er wieder zu dem leblosen Körper zurück.

Jetzt war er auch bereit, auf seinen eigenen Umhang zu verzichten und breitete ihn über dem Todesser aus. Er fand ein staubiges Kissen und stopfte es Snape unter den Kopf. Es war kalt in der Hütte. Doch ein Feuer hätte seine Anwesenheit verraten. Pettigrews Augen gingen jeden Winkel der Hütte ab. Er entdeckte noch eine verschlissene Decke. Auf diese konnte er Snape betten. Er war zufrieden. Zumindest würde der Todesser bis zum Abend nicht erfrieren. Ansonsten konnte er nichts mehr tun. In der Hütte war noch nicht einmal Wasser zu bekommen. Er musste abwarten und hoffen.

Er fragte sich, ob nur der Blutverlust Snapes tiefe Bewusstlosigkeit verursacht hatte. Möglicherweise musste er auch Schlangengift in Erwägung ziehen. Das würde die Sache auch nicht einfacher machen. Er vergewisserte sich nochmals, dass sein zukünftiger Hausherr noch am Leben war, nahm dann den Hausschlüssel aus Snapes Robe an sich und setzte sich wieder auf seinen Platz, um zu warten.