Harry saß mit Ginny auf dem kleinen Balkonboden der neuen Wohnung der Weasley-Familie. Es war dunkel geworden. Harry war versunken in den Blick über die Dächer der Stadt. Straßenlaternen erfüllten die Szenerie, aus Fenstern drangen Lichter in die Dunkelheit.

Er hielt Ginny im Arm. Sie waren beide froh, einander zu haben, sich gegenseitig Trost geben zu können.

Nichts war, wie es einst gewesen. Zu viele Freunde, Familienmitglieder, waren nicht mehr am Leben.

Sie hatten beide geschwiegen. Nun ergriff Ginny wieder das Wort "Du warst bei Dumbledore in Hogwarts, Harry?"

"Ja, ich habe ihm ein paar Blumen gebracht und noch das Schloss besucht. Es sah schlimm aus. Alles ist kaum wiederzuerkennen." Er verfiel wieder in Schweigen. Ginny sah ihn von der Seite an, während sie ihre Wange an seine Schulter schmiegte.

Harry merkte es nicht, war in Grübeleien verfallen.

"War irgendwas in Hogwarts, Harry? Bist du noch jemandem begegnet? Du bist so eigenartig verschlossen, seit du dort warst!"

Harry überlegte. Er wusste nicht, ob Ginny, die ihren Bruder verloren hatte, verstehen konnte, dass er sich seit kurzem andauernd mit einer Person beschäftigte, die ihm niemals nahegestanden hatte.

"Ginny, es tut mir leid, aber ich weiß nicht, wie ich es dir verständlich machen kann."

Ginny schaute ihn erstaunt an "Was meinst du. Gibt es noch immer Dinge, die du mir verschweigst? Du weißt doch, dass ich alles verstehen will, was in dir vorgeht." Sie schaute ihm eindringlich in die Augen. "Sag es mir, Harry. Was auch immer." Harry nahm seine Freundin wieder in den Arm. "Es ist nur, weil du und deine Familie auch so viel Kummer durchlebt. Dagegen kommen meine Gedanken mir so lächerlich vor. Ich wollte dich damit nicht belasten."

"Sag es mir totzdem!", drängte Ginny.

"Ich habe versucht, in Hogwarts Snape in der Heulenden Hütte aufzusuchen. Es tat mir leid, dass er noch immer dort liegt." Ginny nickte bedächtig ihre Zustimmung. "Das kann ich durchaus nachvollziehen. Was ist daran schlimm, Harry?"

"Nun, er ist nicht mehr dort!"

Ginny dreht ihren Kopf zu Harry. "Das heißt?", fragte sie. "Ich weiß es nicht Ginny. Seitdem geht mir so vieles durch den Kopf. Warum konnte ich tatenlos dabeistehen, während ein Mann getötet wird? Warum habe ich absolut nichts unternommen?"

"Aber Harry", Ginnys Stimme war erregt, "was hättest du denn gegen Voldemort ausrichten sollen?"

"Nein", sagte Harry tonlos, " bei jedem anderen hätte ich nicht darüber nachgedacht, sondern gekämpft. Aber vielleicht habe ich es ja genossen; ja..., ich denke, es war wirklich nicht unangenehm. Ich habe es ja durch die Augen Voldemorts miterlebt. Snape mit seiner Todesangst hat in meine eigenen Augen gesehen. Ich selbst habe es also getan, wie ich es mir die ganzen Monate seit Dumbledore's Tod gewünscht hatte. Und konnte dabei frontal in die Pupillen Snapes sehen, konnte seine Gedanken erahnen, sah jeden Muskel in seinem Gesicht arbeiten, als er langsam sein Ende realisierte."

Harry blickte einen Moment über die grauen Dächer der Stadt. "Ich habe erst bei meinem Besuch in Hogwarts begriffen, dass ich diesen Teil des Sieges über Voldemort verdrängt habe. Aber dort kam es über mich. Ich fühlte mich schlecht, ich hatte ihm nicht geholfen und auch als ich seinen letzten Wunsch erfüllte, mit meinem eigenen Selbst, nicht durch Voldemorts Fratze, in seine Augen blickte, hat es mir nichts bedeutet."

Wieder schwieg Harry und starrte in die Dunkelheit.

Ginny drückte seine Hand. "Harry, mach dir doch keine Vorwürfe. Snape allein kannte die Wahrheit. Er hat nie den Versuch unternommen, etwas an eurem Status Quo zu ändern. Er hätte jederzeit die Möglichkeit gehabt, euer Verhältnis zueinander zu bereinigen. Er wollte es aber so."

Harry schüttelte den Kopf. "Nein Ginny, so einfach ist es wohl nicht. Er musste für uns unbedingt der Todesser bleiben. Er konnte mir nicht vertrauen. Zu oft wurde er gerade durch mich enttäuscht. Durch mich hätte Voldemort mit Leichtigkeit von Snapes Doppelfunktion erfahren können. Denk nur z.B. mal an Okklumentik. Und Snape wusste, dass alles, was bei mir ankam, auch zu euch durchdringen würde. Für ihn nur weitere Risiken."

Ginny konnte diesen Argumenten nichts entgegensetzen.

"Dass er nicht mehr in der Heulenden Hütte war, beschäftigt mich ununterbrochen", spann Harry seine Gedanken weiter. "Für wen war er noch wichtig? Ich weiß darauf keine Antwort." Beide saßen eine Weile nachdenklich zusammengekuschelt.

Ginny nahm den Faden wieder auf: "Ich kann mir auch nicht vorstellen, wer ihn inzwischen dort rausgeholt haben könnte. Aber mir ist, während du vorhin von seiner Ermordung gesprochen hast, etwas in den Sinn gekommen, dass ich auch nicht verstehe."

"Was meinst du, Ginny?" Ginny richtete sich etwas auf, kostete Harry's Interesse aus. "Snape war doch, so wie wir ihn kannten, immer ein überragender Zauberer..."

"Ja, sicherlich", warf Harry ein, "aber worauf willst du hinaus?"

"Wart's ab", erwiderte Ginny. "Bei allen Vorführungen, die er uns geboten hat, bei seinem Duell mit Quirell, bei seiner Flucht vom Schlossgelände nach Dumbledore's Tod, hat er immer seine Umsicht demonstriert. Es schien, als könne er jeden Schachzug seiner Gegner vorhersagen. Nie konnte jemand ihn überraschen, ihn täuschen. Er kam mir fast...., sagen wir mal unbesiegbar vor".

Harry wiegte seinen Kopf nachdenklich. "Das mag schon sein. Aber er war nie gezwungen gegen Voldemort anzutreten. Darauf wolltest du doch hinaus, nicht wahr?"

"Ja", gab Ginny zu, "Voldemort war natürlich ein ganz anderes Kaliber von Gegner. Gegen ihn zu bestehen, war logischerweise nicht sehr erfolgversprechend. Aber Harry, was ich dennoch nicht verstehe.... Du hast mir den Ablauf ja bereits mehrfach geschildert..."

"Und?", Harry wurde ungeduldig.

"Du sagtest, Snape habe seinen Zauberstab gezogen, als er die Bedrohung durch Voldemort erkannte. Warum in aller Welt hat er denn dann absolut nicht gehandelt, wenn er doch sonst überlicherweise bereits die geringste Absicht seiner Feinde sicher vorausahnen konnte? Wenn er es schon für aussichtslos hielt, Voldemort zu besiegen, hätte er sich doch selbst in Sicherheit bringen können oder die Schlange bekämpfen. Genug Fähigkeiten hierzu hatte er ganz bestimmt!"

Harry konnte nichts erwidern, es stimmte, was Ginny vortrug; er hatte Snape oft genug unterschätzt.

"Und noch was"; Ginny nahm mit Genugtuung zur Kenntnis, dass Harry ihr gebannt zuhörte," Snape hätte, wenn er seinen eigenen Tod zu diese Zeitpunkt für hinnehmbar hielt, nie mehr sicherstellen können, dass du die letzte Nachricht noch erhalten würdest, wie Dumbledore es vorgesehen hatte. Wie hätte er dir noch Klarheit darüber verschaffen sollen, dass ein Seelenbruchstück von Voldemort in dir ruhte? Die wichtigste Nachricht, nach Dumbledore's Einschätzung, die du nur zur alles entscheidenden Zeit erhalten solltest. Wie hätte Snape nur riskieren können, dass er diesen höchstwichtigen Auftrag Dumbledore's nicht mehr auszuführen in der Lage wäre? Er konnte ja wohl kaum planen, dass du bei seinem Tod anwesend bist. Oder dass du überhaupt Interesse daran hättest, ihm bei seinen letzten Atemzügen Gesellschaft zu leisten. Ich kann einfach nicht glauben, dass Snape so pflichtvergessen, den Jahre lang gehüteten Plan zur Vernichtung Voldemorts in Gefahr gebracht hat. Er hätte alles daran setzen müssen, zu entkommen, damit er dir die entsprechende Aufklärung im Sinne Dumbledore's hinterlassen könnte".

Harry sah ihr entgeistert ins Gesicht. "Ja, du hast absolut Recht!" Er nickte.

"Es ist wirklich nicht vorstellbar, dass Snape die Anweisungen Dumbledore's nicht punktgenau ausgeführt hätte. Aber was kann das bedeuten?"

Ginny nickte, sich selbst bestätigend. "Es kann für mich nur bedeuten,dass Snape auf gar keinen Fall sterben durfte. Das muss ihm klar gewesen sein. Nicht, ohne dass er deine Information vorher absolut sichergestellt haben würde. Das war aber nicht gegeben an diesem Tag. Er müsste also noch über eine andere Möglichkeit verfügt haben, sich zu schützen, auch ohne Flüche einzusetzen, denn das hat er definitiv ja nicht getan!"

Harry starrte Ginny ungläubig an:"Du denkst wirklich, er hätte des Todeskuss der Schlange überleben können? Du glaubst, es besteht die Möglichkeit, das er an diesem Tag nicht den Tod fand?"

"Hast du dich denn vergewissert, dass er icht mehr lebte?"

Harry musste zugeben, dass er nichts derartiges unternommen hatte. Es war für ihn nicht bedeutsam gewesen. Dringendere Angelegenheiten hatten ihn erwartet. Entscheidende Handlungen waren lebenswichtig gewesen. Er schüttelte den Kopf.

"Von daher", resümierte Ginny, "vielleicht ist es gar nicht so verwunderlich, dass du keine Leiche in der Heulenden Hütte gefunden hast. Vielleicht gibt es sie gar nicht!"

"Du bist ein schlaues Mädchen, Ginny", Harry kraulte ihr seidiges Haar, "an deinen Spinnereien ist einiges dran, das gebe ich zu. Es würde tatsächlich einige Ungereimtheiten erklären. "Aber Snape kann sich unmöglich einfach wieder erhoben haben und aus der Hütte herausspaziert sein. Ich habe gesehen, wie sein Blut nur so aus seinem Hals herausgespritzt ist. Und wie das Leben aus seinen Pupillen verschwand. Das kann er unmöglich vorgetäuscht haben".

Ginny nickte. "Da hast du natürlich Recht. Ich habe dafür auch noch keine Erklärung. Möglicherweise war er nur sehr tief bewusstlos, aber noch am Leben. Ich meine, du hast doch schon von Muggeln gehört, dass es da immer wieder Scheintote gibt... Vielleicht hat ihm jemand geholfen. Ihn aus der Hütte geholt. Möglicherweise hatte Snape vorgesorgt."

"Die Idee ist nicht übel", meinte Harry, "aber ich kann mir nicht vorstellen, wem Snape jemals hätte so weitgehend vertrauen sollen."

Molly trat auf den Balkon. "Kommt Kinder, es wird Zeit herein zu gehen. Es ist schon spät und hier draußen wird es zu kalt für euch." Ginny lächelte ihrer Mutter zu. "Ja gleich, Mom. Wir sind gleich da." Molly verschwand wieder hinter der Tür.

Harry erhob sich, reichte Ginny die Hand und zog sie zu sich hoch.

"Ich will der Sache auf den Grund gehen. Wenn Snape tatsächlich noch lebt, will ich ihn finden. Das verstehst du doch Ginny, oder?" Ginny sah liebevoll in seine Augen. "Am besten, du versuchst, etwas über seine Gewohnheiten rauszufinden. Wie er lebte, mit wem er Kontakt hielt außerhalb von Hogwarts. Vielleicht entdeckst du einen Hinweis."

"Ja, das ist meine Absicht. Ich werde gleich morgen früh nach Spinners End gehen und mich in Snapes Haus umsehen. Er hat dort viel Zeit verbracht. Möglicherweise finde ich dort eine Spur, die mir weiter hilft."

"Ich werde dich begleiten!" Ginny machte deutlich, dass sie keinen Protest hinnehmen würde. "Immerhin ist das alles meine Theorie!" Harry war einverstanden. Er würde dafür Sorge tragen , dass sie sich nicht in Gefahr brachte.

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Vielen Dank an Reni und Lion für eure reviews. Schön, dass ihr mitlest und mir eure Gedanken gebt.