Arthur, Molly und Fred saßen in ihrer beengten Wohnung am Tisch im Essraum. Fred nahm ein spätes Frühstück ein. Seine Eltern sahen die Morgenzeitung und einige Briefe durch. Noch immer kamen von entfernten Verwandten Schreiben der Anteilnahme, des Trostes, in die Wohnung geflattert. Molly las schweigsam, ihre Augen waren rot gerändert.
Arthur sagte nichts, ließ seiner Frau Raum für ihre Trauerarbeit. Er verbrachte seine Tage bei seiner Familie. Was konnte er auch sonst tun? Das Ministerium war geschlossen. Niemand konnte sagen, ob dieser sich in der Vergangenheit als korrupt erwiesene Apparat jemals wieder zurückberufen würde.
So versuchte Arthur seiner Frau und Kindern eine Stütze zu bieten, die Tage in der neuen Wohnung wärmer zu gestalten, für seine Familie einen gewissen Grad an Normalität zu schaffen.
Die drei wurden jäh aus ihren Gedanken gerissen. Im kleinen Wohnzimmer apparierten geräuschvoll ihre Tochter mit ihren Freunden Hermine und Harry.
Allein das war eine Tat, die eine absolute Überschreitung aller Regeln im Hause Weasley darstellte. Arthur hatte seinen Kindern eingeschärft, dass Apparieren in die Familienwohnung nur in höchsten Notsituationen gestattet war. Nur bei Bedrohung von Gesundheit oder Leben. Schließlich lebten sie zur Zeit in einer Muggelstadt und wollten hier keinesfalls für Aufsehen sorgen. Es konnte ja nicht ausgeschlossent werden, dass vielleicht einmal Muggelnachbarn oder andere nichtmagische Bekannte zugegen waren.
Aber das war noch nicht alles, was Arthur und Molly veranlasste, in Panik aufzuspringen, so dass Gläser und Tassen vom Tisch gestoßen wurden.
Die Ankömmlingen waren nicht allein. In ihrer Mitte hing ein schwarz gekleideter Mann, dessen Kopf heruntergekippt auf seiner Brust hing, so dass sein Gesicht nicht zu erkennen war.
Als Ginny ihr Mutter zornig auf sie zukommen sah, ließ sie erschrocken den Arm des Todessers los. Harry, der von Ginny's Reaktion überrascht wurde, konnte Snape nicht mehr halten und dieser glitt leblos zu Boden, wo er auf der Seite liegen blieb.
Molly war außer sich. "Seid ihr verrückt?", schrie sie das Trio an. "Wen schleppt ihr hier mitten in unsere Familie? Einen Todesser? Was soll das bedeuten?" Ginny hatte befürchtet, dass ihre Mutter nicht begeistert sein würde. Aber Molly's Wutausbruch ließ sie dennoch ganz klein werden.
Harry und Hermine hatten Molly noch selten so wütend erlebt. Sie wagten nicht, auch nur ein Wort zu entgegnen. Molly fixierte sie böse, sie kochte innerlich. Hatte ihre Tochter nicht schon genug Abenteuer gehabt? War nicht genug Unglück über ihre Familie hereingebrochen?
Sie umrundete die drei, die in ihren Augen immer noch unerfahrene Kinder geblieben waren und nährte sich der bewusslosen Gestalt. Keine Frage, der Kleidung nach hatten die Kinder es tatsächlich gewagt, einen Todesser in ihre Mitte zu bringen. Reichte es ihrer Tochter nicht, dass ihr Bruder von der Hand eines wie diesem hier gestorben war?
Molly's Zorn wuchs an.
Die Statur des Mannes, seine Haare kamen ihr bekannt vor. Wie konnte das möglich sein? Molly kniete sich neben den Zauberer und beugte sich herunter, um in sein Gesicht zu sehen. "Snape!", entfuhr es ihr.
Sie erhob sich und sah fordernd zu ihrer Tochter, dann zu Harry hinüber.
"Ja, es ist Snape", beeilte sich Ginny ihrer Mutter alles zu erklären. "Wir haben ihn in Spinners End gefunden. Pettigrew hatte ihn dort versteckt. Er hat Voldemorts Plan überlebt, obwohl das schon eine ganze Woche her ist. Wir müssen......" Ginny hatte hastig gesprochen. Sie wusste nicht, wie sie ihre Mutter einschätzen sollte, ob sie besänftigt war. Ginny hatte keine Gelegenheit mehr, das herauszufinden.
Molly's Blick hatte sich verfinstert. Sie bebte, als sie Ginny das Wort abschnitt. "Was müssen wir? Gar nichts müssen wir tun, für ihn, für Snape. Ich will ihn nicht hier haben, verstehst du! Wenn er noch lebt, ist es ein Glück für ihn, nicht für unsere Familie. Damit sollen sich andere beschäftigen, aber nicht wir. Ich dulde keinen Todesser, wen auch immer, zwischen uns." Molly atmete heftig, blickte Unterstützung suchend zu Arthur.
Auch Fred hatte sich zu der Gruppe gesellt, betrachtete interessiert den Mann auf dem Fußboden.
Harry trat vor und stellte sich beschützend vor Ginny. "Mrs. Weasley, Snape braucht unsere Hilfe; wir konnten ihn nicht ins 's bringen. Dort wäre er in Gefahr. Zu wenige Leute wissen, dass er für Dumbledore gearbeitet hat. Man würde ihn dort wahrscheinlich als Todesser behandeln. Das will ich nicht zulassen. Bitte Mrs. Weasley, Sie haben mich hier aufgenommen. Erfüllen Sie mir diesen Wunsch. Lassen Sie uns Snape versorgen. Wir wissen, was zu tun ist, ich bitte Sie."
Molly konnte kaum in Harry's Augen schauen. Zu sehr mochte sie diesen Jungen. Sie wusste, dass er sie nie anlügen könnte und sie konnte ihm kaum je eine Bitte abschlagen.
"Dumbledore", kam es bitter über ihre Lippen, "wie konnte er ihn nur töten. Diesen guten Menschen, wie konnte er es über sich bringen. Ich weiß, der Schulleiter wollte es so. Aber dennoch. Ich sage, niemand wäre in der Lage gewesen, so eine Tat zu begehen. Nur ein Mensch mit einem abgrundtief schwarzen Herzen kann so Abschleuliches fertigbringen.
Und er hat Bill entstellt....., meinen hübschen Bill. Wie soll Fleur damit je fertig werden, noch liebt sie meinen Jungen, aber..... Wie könnt ihr diesen Mann nur ausgerechnet in mein Heim bringen......." Molly wandt sich ab, ihr Augen hatten sich mit Tränen gefüllt.
Nun war es Hermine, die versuchte, Molly zu besänftigen. Sie legte der kleineren Frau tröstend einen Arm um die Schulter. "Es könnte aber auch Snape sein, und nur er, der Bill sein Gesicht wiedergeben könnte. Lassen Sie uns Snape retten, und Bill hätte die Chance, wieder so zu werden, wie er war!"
Molly schnäuzte sich und schaute Hermine dann lange an. "Du glaubst wirklich, Bills Gesicht könnte wieder so werden, wie früher?"
Arthur fasste Molly an der Hand, hob liebevoll ihr Kinn und lenkte ihren Blick in seine Augen. "Liebling, ich glaube die Kinder haben richtig gehandelt. Wir sollten Snape aufnehmen und versuchen zu tun, was wir für ihn zu tun in der Lage sind. Ich weiß, er war immer auf der Seite des Ordens. Er hat alles für Dumbledore getan, was er konnte. Wir können ihn nicht anderen überlassen, ihn seinem Schicksal anheim geben. Wir wären nicht dass, was wir sind, wenn wir das täten!".
Molly umarmte Arthur, während Tränen über ihre Wangen rollten. "Gut, ich bin einverstanden", wisperte sie tränenerstickt in Arthurs Strickjacke. Sie ordnete ihr Haar, schnäuzte sich nochmals in ihr besticktes Taschentuch und drehte sich wieder den Kindern zu. "Ihr könnt ihn hier im Wohnzimmer auf die Couch legen. Wir werden den Tisch beiseite rücken. Eine andere Möglichkeit haben wir nicht. Ansonsten gibt es keine freien Zimmer."
Die drei packten Snape an Armen und Beinen, auch Fred kam zu Hilfe, und betteten ihn auf den zugewiesenen Platz.
Molly betrachtet das Krankenlager und holte aus einem oberen Schrankfach ein paar Decken. Sie ging hinüber zu dem Bewusstlosen und machte sich ein Bild seines Zustandes. 'Nicht sehr vielversprechend', dachte sie. Fahle Haut, hohle Wangen, nichts deutete darauf hin, dass noch ein Funken Leben in diesem bewegungslosen Körper wohnte. Sie schob den fransigen Vorhang schwarzer Haare aus Snapes Gesicht und legte die Hand auf dessen Stirn.
Schnell zog sie sie wieder zurück. Kälte; ihr war, als habe sie den Tod selbst berührt.
Sie legte ihren Kopf an die Brust des Mannes, horchte hinein in den starren Körper. Ihre Erfahrung ließ sie den schwachen verlangsamten Herzschlag schnell erspüren.
Ihr Ehrgeiz als heilkundige Hexe, wie sie es als Mutter stets gefordert war, war geweckt. Sie würde beweisen, dass sie es noch immer konnte. Dieser Mann würde geheilt werden. Was auch immer er war, jetzt war er in ihren Augen nur noch eins: ein Patient, eine weitere Aufgabe, die sie bewältigen würde.
Geschäftig polsterte sie die Lehne der Liegestatt, stopfte Kissen unter den Kopf des Bewusstlosen. Dann befahl sie ihrer Familie:" Ihr geht jetzt alle mal aus dem Zimmer. Ich muss Snape die Kleidung wechseln. Das Zeug ist klamm und dreckig."
Folgsam verschwanden alle im Esszimmer.
Molly zog Snape vorsichtig die schmutzige Robe aus. Es kostete die stämmige Hexe wenig Mühe, den hageren Todesser hierzu anzuheben. Sie besah sich das weiße Hemd daruntern. Der Stehkragen war blutbespritzt, die Flecke waren innerhalb der Woche eingedunkelt. Molly entschied, dass auch dieses Kleidungsstück zu unsauber war, um es dem Kranken zu lassen. Sie öfnete die Knöpfe und schob es Snape über die Schultern. Als sie den Oberkörper des Zauberers wieder anhob, um das Hemd herauszuziehen, fiel ihr Blick auf den nun freien Nacken. Die Bisswunden der Schlange, sie hatte davon gehört. Sie klafften unerhört tief und der Nacken war noch immer blutverschmiert. Auch die Haare, in die sie gegrifen hatte, waren verklebt von getrocknetem Blut.
Dass Snape dennoch lebte, grenzte an ein Wunder. Ein Blick auf die von Blut durchtränkte Rückenseite des Hemdes sagte ihr, dass der Todesser schwer verletzt worden war. Die Fänge der Schlange hatten mehr als nur Fleisch durchtrennt. Nicht nachzuvollziehen, warum er nicht gestorben war.
Diese Wunden zu heilen würde schon ihr ganzes Geschick fordern, aber es war zu schaffen. Aber diesen Todesschlaf zu beenden, erschien ihr außerhalb ihrer Möglichkeiten.
Sie ließ den Verletzten wieder zurück auf sein Lager gleiten. Ein Mitleid erregendes Bild bot sich ihr. Ein magerer Leib lag da auf ihrer Couch. Rippen, die sich unter der Haut deutlich abzeichneten, dürre Arme mit blutbesudelten Fingern. Und darüber das farblose Gesicht. Die Hakennase stach über den fleischlosen Wangen nun noch mehr heraus.
Vielleicht hatten die Kinder ja Recht, und dieser Mann verdiente es tatsächlich nicht, unbeachtet einem ungewissen Schicksal überantwortet zu werden. Es fiel ihr auf alle Fälle inzwischen deutlich leichter, den Oberkörper des ehemaligen Anhängers Voldemorts vom eingetrockneten Blut reinzuwaschen.
Dann holte sie ein frisches Hemd und ein leinenes Oberteil aus dem Schrank und zog es ihrem Patienten über. Nachdem sie Snape die Decken übergelegt hatte, holte sie ihre Familie wieder in das Zimmer.
Das blutige Hemd lag noch auf dem Boden. Fred schubste es mit der Fußspitze auseinander und pfiff dann anerkennend durch die Zähne. "Ganz schön happig", kommentierte er.
"Lass den Unsinn", mahnte Molly. "Ich werde noch ein paar Dinge besorgen müssen", verkündete sie dann, "ich denke, am besten ist es, ich mache mich gleich auf den Weg". "Dann begleite ich dich, Molly", meinte Arthur und holte seine Jacke.
"Ihr bleibt hier", wandt sich Molly an Ginny, Harry und Hermine, "und seht nach dem Rechten. Von Zeit zu Zeit befeuchtet ihr eurem Professor mit einem nassen Tuch den Mund. Das ist dann aber auch schon alles, was ihr tun könnt. Und bitte, keine Experimente! Ihr macht nichts, bevor ich nicht wieder zurück bin. Habt ihr verstanden?" Die drei nickten.
Ginny sah, dass es nun höchste Zeit war, ihrer Mutter die noch fehlenden Informationen zu geben. "Mum", begann sie zaghaft, "du hast doch sicher auch bemerkt, dass es keinen Grund gibt, warum er noch am Leben ist...." Molly sah ihre Tochter stirnrumzelnd an. "Ja Ginny, das habe ich in der Tat".
Dann erzählte Ginny ihrer Mutter von ihrer Theorie, davon dass Snape seinen Auftrag nicht hätte gefährden dürfen und von ihrer Entdeckung in der Büchersammlung in Spinners End. Molly hatte gebannt zugehört und strich sich nun grübelnd über die Oberlippe.
"Das hast du gut kombiniert, mein Mädchen", lächelte sie Ginny an. "Es könnte so sein, wie du glaubst, aber ich habe überhaupt keine Ahnung welcher Zauber bei Brahmanen-Hokuspokus weiterhelfen soll. Ich denke, ich kann die Nackenverletzungen in den Griff kriegen, aber für alles andere müsst ihr euch selbst um eine Lösung kümmern."
Molly musterte die drei nacheinander, ihre Augen blieben an Hermine hängen. "Hermine, wieviele Bücher hast du von Snapes Haus mitgenommen?" Für Molly bestand gar kein Zweifel, dass die junge Hexe einer guten Bibliothek nicht hatte widerstehen können. Hermine schmunzelte und deutete mit dem Kopf in Richtung ihrer prall gefüllten Umhängetasche, die achtlos an der Wand abgelegt war. "Aus der indischen Sammlung habe ich ein gutes Dutzend eingepackt, natürlich auch das Buch das Ginny gefunden hat."
"Sehr gut, Hermine", meinte Molly, "ich wusste, auf dich ist Verlass." Hermine lächelte verstohlen und schüttelte ihr Haar.
"Na gut denn, Kinder", nahm Molly mit ernster Stimme den Faden wieder auf, "Das heißt für euch, ihr habt gut zu tun, wenn ich jetzt unterwegs bin. ich habe zwar, wie gesagt, keine Erfahrungen mit indischen Praktiken. Und möglicherweise hat ihm wirklich eine Selbstversenkung , wie auch immer so etwas funktioniert, einstweilen das Leben gerettet. Aber eines ist klar, in diesem Zustand kann er nicht ewig unbeschadet bleiben. Seit einer Woche ohne Nahrung, ohne einen Tropfen Wasser. Ihr seht ja selbst, wie weit das schon an ihm gezehrt hat. Es könnte jederzeit vorbei sein........
Also, findet heraus, was ihr könnt, um ihn zurückzuholen."
Molly hatte den letzten Satz noch nicht ganz zu Ende gesprochen, da flog die Eingangstür zur Wohnung auf und Ron stampfte herein. Man hörte ihn im Flur pfeifen, dann war er in der Küche beschäftigt, der Kühlschrank wurde geöffnet und geschlossen.
Ron erschien mit einem Sandwichteller im Wohnzimmer Seine Mahlzeit fixierend war er einige Schritte in den Raum vorgedrungen. Als er den Blick hob, stockte seine Bewegung so abrupt, als sei er gegen eine gläserne Wand gestoßen. Seine Augen weiteten sich in Entsetzen. Rons Stimme klang fast weinerlich, so sehr hatte er die Beherrschung verloren. "Mum, sag mir, dass das hier nicht wahr ist. Ich bilde mir das doch nur ein...."
Wie ein großes Baby stand der rothaarige Zauberer mit seinem Sandwich ungläubig vor der Versammlung. "Mum, warum ausgerechnet auf unserer Couch,,,,", versuchte Ron nochmals eine Erklärung von seiner Mutter zu bekommen.
Molly drehte sich wieder zu Ginny und ihren Freunden. "Ginny, bringe du bitte deinem armen Bruder bei, was los ist. Ich habe jetzt keine Zeit mehr für lange Erklärungen. Ihr wisst, was zu tun ist!" Und schon hatte Molly ihren Reiseumhang übergeschwungen und machte sich mit Arthur auf den Weg.
Ron brauchte mehrere Anläufe, bis er die Erzählungen seiner Freunde ganz aufzunehmen fähig war. Abwechselnd redeten Ginny und Hermine auf ihn ein. Dennoch konnte er sich mit dem Gedanken nur schwer anfreunden, sein Heim ausgerechnet mit Snape zu teilen.
Aber ehe er sich versehen hatte, lagen zwei Bücher vor ihm und er hatte die Aufgabe, diese nach bestimmten Schlüsselworten und Bedeutungen zu durchforsten. Bei aller Freundschaft, aber so hatte sich Ron seinen Abend nicht vorgestellt. Missmutig biss er in sein Sandwich, dass jetzt irgendwie fad schmeckte und stöberte im ersten Buch.
