Entscheidungen
Am nächsten Morgen erwachte John, als jemand an seine Tür hämmerte. Es dauerte einen Moment, bis er das Geräusch identifiziert hatte, dann sprang er aus dem Bett, nahm sich frische Wäsche, ging ins Bad und aktivierte mit einem Gedanken den Öffnungsmechanismus.
„Kommen Sie rein. Ich bin gleich fertig!"
Er konnte jetzt alles gebrauchen, nur nicht Elizabeth, die mit ihm ein privates Gespräch unter vier Augen führen wollte.
„Kein Problem!", hörte John Carsons Stimme aus dem Nebenraum. „So dringend ist es auch nicht."
Trotzdem beeilte er sich und verließ zwei Minuten später angezogen das Bad. Der Arzt hatte sich auf den einzigen Stuhl gesetzt und wirkte ziemlich erschöpft. Im Gegensatz zu John hatte er wohl nicht besonders gut geschlafen.
„Alles in Ordnung?"
Carsons sah mehr als nur ein wenig genervt aus.
„Die Frage müssen Sie mir beantworten. Schließlich haben Sie sich gestern sehr seltsam verhalten. Dr. Weir hat mich auch schon gefragt, ob ich wüsste, was in Sie gefahren ist..."
„Wenn sie etwas wissen will, soll sie mich fragen." Manchmal war ihre Wissbegierde sehr nervig. Auch wenn sie berechtigt war. „Ich wurde durch Rodneys Verwandlung mit etwas konfrontiert, das ich gerne im hintersten Winkel meines Gedächtnisses vergraben hätte. Keine guten Erinnerungen. Ich komm jetzt damit klar. Sie schulden mir noch eine Antwort."
Gleichzeitig verschränkte John seine Arme vor der Brust, um Carson klar zu machen, dass er wirklich nicht bereit war, auch nur einen weiteren Ton darüber zu verlieren.
Dieser zuckte mit den Schultern.
„Rodneys Blutwerte haben mich fasziniert und ich habe mehr gearbeitet, als gut für mich ist. Mehr als einige vage Ideen, was die Werte bedeuten könnten, habe ich aber nicht bekommen. Heute Morgen um fünf habe ich aufgegeben. Aber ich werde noch herausfinden, wie der Virus es schafft, dem menschlichen Körper solche Veränderungen aufzuzwingen."
Carson hörte sich kämpferisch an. Doch John wusste, wie lange die magische Welt schon erfolglos an einem Gegenmittel forschte. Der Wolfsbanntrank war zwar ein erster Schritt, aber damit waren sie noch weit vom Ziel entfernt.
John setzte sich auf Bett, um Carson in die Augen sehen zu können.
„Besteht die geringste Hoffnung, dass Sie vor dem nächsten Vollmond etwas finden?"
Carsons Blick sagte eigentlich alles. Er war frustriert und wütend zugleich, machte sich aber die Mühe, John den Sachverhalt zu erklären, auch wenn seine Theorie noch viele Ungereimtheiten hatte.
Am Ende wusste John nur eins sicher. Rodney würde sich beim nächsten Vollmond wieder verwandeln und sein Körper würde wieder kollabieren. Ob es dem Arzt erneut gelingen würde, ihn zurückzuholen war fraglich.
Nachdem Carson geendet hatte, wusste John, dass er mehr erfahren hatte, als er ohne Frühstück vertragen konnte.
„Wieso sind Sie eigentlich zu mir gekommen? Sie hätten mich doch auch rufen können."
„Dazu braucht es immer noch einen funktionierenden Empfänger."
Überrascht stand John auf und nahm sein Headset, das auf dem Tisch lag. Es war wirklich aus. Er konnte sich gar nicht erinnern, es ausgeschaltet zu haben. Als er es aktivierte, gab das Gerät noch nicht mal ein Rauschen von sich. Und dann fiel der Groschen. Die Magie, die er gestern angewendet hatte, hatte zu einer Überlastung des Headsets geführt. Das Teil war wahrscheinlich nur noch Schrott.
„Tut mir Leid, aber da ist die Technik schuld. Aktiviert war es." Zielsicher warf John den Schrott auf den Tisch. „Gibt es sonst noch was?"
„Rodney ist aufgewacht."
Es war die erste positive Meldung dieses Morgens. Doch so wie Carson es ausdrückte, war er ganz anderer Meinung.
„Und das sagen Sie mir erst jetzt?"
"Ach, ich wollte die Ruhe genießen, bevor wir zurückgehen."
„Er hat nicht nur den Pfleger, sondern auch Sie genervt."
„Hmmm, nicht nur das. Er wollte sogar, dass ich ihn entlasse, weil er sich vollkommen fit fühlte. Wenn er nur niest, will er sich am liebsten auf der Krankenstation einquartieren, aber kaum es ist etwas Ernstes, versucht er alles, um sein Leiden zu vertuschen."
„Sie erzählen mir nichts Neues. Aber was hat das mit mir zu tun?"
John begriff nicht, was Carson wollte. Vielleicht war er noch nicht wach genug.
„Mir wird er nicht glauben, wenn ich ihm erzähle, dass er ein Werwolf ist, selbst wenn ich ihm das Video vorführe, wird er behaupten, dass es eine Fälschung ist. Aber Ihnen wird er es vielleicht glauben."
„Gut, Sie haben mich überredet. Wie schlimm ist er denn? Darf ich vorher noch frühstücken? Ohne eine Grundlage werde ich es nicht überstehen."
Er machte sich nichts vor - es war eine Galgenfrist. Denn wie sollte er Rodney klar machen, dass er bei der nächsten Verwandlung nur geringe Überlebenschancen hatte?
„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, dann komm ich mit zur Kantine."
Keine Stunde später stand John vor der Tür zur Krankenstation. Carson hatte es so gerade eben geschafft, einen Kaffee zu trinken, ehe er zu einem Unfall gerufen wurde. Er hatte John noch gefragt, ob er Rodney alleine bändigen könnte. John hatte sich jeden Kommentar gespart und einfach nur genickt. Die Erleichterung war Carson anzusehen gewesen, als er ging. John hatte sich noch ein neues Headset besorgt. Der Techniker hatte ihn vorwurfsvoll angesehen, etwas von ‚begrenzen Mitteln' gemurmelt und dann das neue Gerät eingestellt.
Jetzt hatte er keinen Grund mehr, den Besuch bei Rodney weiter aufzuschieben. John atmete einmal tief durch und ging dann hinein.
„… das ist kein Frühstück, das ist eine Zumutung. Wenn man mich schon zwingt, meine wertvolle Zeit zu verschwenden, dann kann man wenigstens für eine anständige Verpflegung sorgen."
Rodney. Eindeutig. John hörte, wie genervt der Wissenschaftler war, aber auch seine Verunsicherung entging ihm nicht.
„Wenn es dich beruhigt: Das Frühstück in der Kantine war auch miserabel. Guten Morgen, Rodney."
John ging zu Rodneys Bett, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich hin.
„Im Gegensatz zu mir konntest du aber dort hingehen. Auf deinen eigenen Füßen. Als ich eben zur Toilette wollte, da war ich so schwach, dass ich noch nicht einmal aufstehen konnte. Weißt du, wie entwürdigend es ist, eine Bettpfanne zu benutzen?"
Dabei gestikulierte er wild mit seinen Händen und hätte beinahe einen Schlauch abgerissen, der mit einer Infusionsnadel an seinem linken Handrücken befestigt war.
„Rodney, meinst du nicht, dass du es etwas ruhiger angehen solltest?"
„Ich bin ruhig", kam es in einem sehr eisigen Tonfall zurück. „Dafür, dass ich eben erfahren habe, dass mir zwei Tage meines Lebens fehlen, und keiner mir sagen will, was mit mir los ist, bin ich sehr ruhig. Allerdings weiß ich nicht, wie lange ich das noch aushalte."
„Ich bin hier, um es dir zu erzählen. Aber erst musst du mir sagen, woran du dich erinnern kannst."
Jeder andere hätte überlegen müssen, was die letzte bewusste Erinnerung war, nicht aber Rodney.
„Daran, dass meine Leute mal wieder absolut unfähig waren und dass ich wütend aus dem Labor gestürmt bin. Dort bin ich dir begegnet und du hast mich gegen die Wand gestoßen. Dann hast du mich aufgefordert mitzukommen. Danach ist alles verschwommen. Ich erinnere mich an einen dunklen Frachtraum…Schokolade… Gerüche… Haare überall."
Zum Schluss wurde seine Stimme immer leiser, zweifelnder. Er blickte auf seine Hände drehte sie hin und her. „Sie waren behaart, und meine Fingernägel waren scharf und spitz, wie Waffen." Er blickte John an. „Was für eine Droge habt ihr mir gegeben, dass ich mir so etwas einbilde?"
„Es war keine Droge, Rodney. Du hast dich in einen Werwolf verwandelt."
Es war so einfach, diese Worte auszusprechen. Rodneys Blick war zuerst ungläubig, er musterte John mit einer Intensität, die fast schon beängstigend war. Dann wandelte sich der Ausdruck. Er wurde fragend, dann, als er verstand, dass es kein Scherz war sondern die bittere Wahrheit, verzweifelt. Er schien John ohne weitere Beweise zu glauben. Auch wenn er sich zuerst dagegen wehrte.
„Das kann nicht wahr sein, John, sag, dass es nur ein Scherz ist. Ein zugegeben sehr schlechter Scherz. Aber bitte…" Er schwieg, betrachtete wieder seine Hände. „Ich kann mich daran erinnern auf allen vieren gestanden zu haben, bereit meine Beute zu jagen. Aber es gab keine. Nur eine seltsame Wand, die mich schmerzhaft davon abhielt, Beute zu machen. Dann habe ich es noch einmal versucht… ich kann mich aber nicht erinnern, was danach passiert ist. John, sag, dass ihr mir irgendwelche Drogen eingeflößt habt…"
Doch John konnte nur den Kopf schütteln.
Selten verschlug es Rodney die Sprache. Er war der Mensch, der immer Recht und das letzte Wort haben wollte. John konnte sehen, dass Rodney versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen.
„Es tut mir so Leid, aber du bist auf M7K-693 nicht von einem wilden Tier gebissen, sondern von einem Werwolf infiziert worden. Letzte Nacht war Vollmond. Carson hat in seinem Tresor Aufnahmen von deiner Verwandlung. Wenn du es möchtest, dann zeigt er sie dir."
Am liebsten hätte John etwas Tröstendes gesagt, oder Rodney in den Arm genommen. Doch er kannte seinen Wissenschaftler gut genug, um an seiner Körpersprache zu erkennen, dass er genau das nicht wollte. Dieser begriff sofort, welche Konsequenzen es für ihn haben konnte.
„War ich so wie die Bestien? Habe ich etwa… jemanden… ich will kein Mörder sein."
Es war zuviel für Rodney. John sah es und verfluchte innerlich diesen sturköpfigen Mann, der diesen Horror ohne Hilfe durchstehen wollte.
Entschlossen ergriff er Rodneys rechte Hand, die fahrig über die Bettdecke glitt. Er versuchte, in dieser kleinen Geste den Trost zu legen, den er gestern von Teyla erfahren hatte.
„Das bist du auch nicht. Du hast in einer der Hochsicherheitszellen gehockt und gejault. So laut und so schief, dass ich nicht schlafen konnte. Was ich dir einfach nicht verzeihen kann."
„Du bist dabei gewesen?"
Eigentlich war John froh, dass Rodneys Verstand wieder eingesetzt hatte. Auch wenn er befürchtete, jetzt eine ganze Reihe wirklich unangenehmer Fragen gestellt zu bekommen. Doch belügen wollte und konnte er seinen Freund nicht.
„Ja. Carson und ich waren bei dir. Irgendjemand musste ja auf dich aufpassen."
„Toll und dann liege ich jetzt auf der Krankenstation. Eine wirklich fantastische Fürsorge."
Wieder kam der Sarkasmus durch - John konnte nicht anders, als entsprechend zu antworten.
„Was kann ich dafür, dass dein Körper mit der zweifachen Verwandlung Probleme hatte? Ich habe nur darauf geachtet, dass du keinen Unsinn anstellst."
Wieder spürte John Rodneys prüfenden Blick.
„Wusstest du, dass ich zum ‚Werwolf' mutiere?"
Im Gegensatz zu Carson würde Rodney ihm nur die Wahrheit abnehmen. Sie kannten sich inzwischen zu gut, als dass John ihn erfolgreich belügen konnte.
„Ja, und bevor du fragst, ich wusste es, seitdem sie uns gejagt haben. Aber hättest du es mir geglaubt?"
„Ich glaube dir jetzt auch."
„Ja, aber ich war mir dessen nicht sicher. Und ich konnte einfach nicht das Risiko eingehen, dass du dich verwandelst, ohne eingeschlossen zu sein."
Rodney schwieg einen Moment. Dann akzeptierte er Johns Argumente.
„Das kann ich verstehen. Wie geht es weiter? Ersterkundungen kann ich jetzt wohl vergessen. Das Risiko, dass dort Vollmond ist und ich mich nach Durchquerung des Gates verwandle, ist zu groß. Wirst du jetzt Zelenka mitnehmen?"
„Hör auf, so einen Unsinn zu reden. Zelenka wird kein Mitglied meines Teams, denn ich habe nicht vor, dich einfach so abzuschreiben."
Die Hand hielt John währenddessen fest gedrückt und Rodney hatte nicht einmal den Versuch unternommen, sie wegzuziehen.
„Weißt du, ich habe immer damit gerechnet, dass ich mir irgendwann einmal eine seltene, unheilbare Krankheit einfange. Aber damit habe ich nicht gerechnet. Woher wusstest du, dass es Werwölfe waren?"
„Wenn wir viel Zeit haben, dann bekommst du eine sehr unglaubliche Geschichte zu hören. Aber nicht heute. Denn das, was ich dir gerade erzählt habe, ist noch nicht die ganze Wahrheit."
„Was denn noch? Da ich niemanden getötet habe, gibt es keine Probleme mehr, ich bleibe brav in Atlantis, forsche und heule alle paar Wochen den Mond an. Was ist noch?"
John bewunderte, wie schnell Rodney sich mit der Tatsache abzufinden schien, dass er ab sofort ein Handicap hatte.
„Es gab Komplikationen bei deiner Verwandlung."
„Was für Komplikationen? John, schau nicht so betroffen zur Seite, sondern sag mir die Wahrheit. Ich werde es ertragen. So wie ich bisher alles ertragen habe, inklusive der Tatsache, dass ich in der Vorratskammer der Wraith war. Ich bin nicht mehr aus Zucker."
„Carson sollte es dir besser erklären. Er ist der Mediziner, und er müsste auch jeden Augenblick zurück sein."
„Colonel Sheppard! Sagen Sie mir, was los ist. Ich kann alles ertragen, nur keine Ungewissheit."
Zum ersten Mal erwiderte Rodney Johns Händedruck, milderte damit die Tatsache, dass er ihn gesiezt hatte. John gab sich geschlagen.
„Ich weiß keine Details. Carson hat mir nur gesagt, dass du nach der Rückverwandlung zum Menschen reanimiert werden musstest, weil dein Körper die Belastung nicht ausgehalten hat. Wahrscheinlich wird dies auch bei der nächsten Verwandlung passieren."
John sah, wie Rodney ansetzte etwas zu sagen und einen Moment stockte.
„Gut, dann gehe ich halt auf einen mondlosen Planeten, wenn hier Vollmond ist. Mit so einer Unbequemlichkeit komme ich auch zurecht. Sucht mir nur einen Ort aus, wo es nicht zu kalt ist und es keine wilden Tiere gibt. Ich denke, ich habe dann zusammen mit Carson ein neues Forschungsprojekt: herauszufinden, warum ich mich verwandle, und etwas zu finden, um es zu verhindern."
Was sollte John jetzt antworten? Carsons Informationen waren nur Mutmaßungen, keine wissenschaftliche Tatsachen.
„John! Du verschweigst mir immer noch etwas. Was ist es?"
Das Zischen der Tür und ein Sanitäter, der ein Bett in das Krankenzimmer rollte, gewährten John eine kleine Gnadenfrist. Carson in OP-Kleidung begleitete den Verletzten.
Bevor er sich um diesen Patienten kümmern konnte, wurde er von Rodney angesprochen.
„Inzwischen weiß ich, warum Sie sich heute Morgen vor einer Antwort gedrückt haben. Auch wenn es nicht nett war, kann ich es verstehen – was nicht bedeutet, dass ich es auch verzeihe. Aber so wie John sich verhält, gibt es abgesehen von der Tatsache, dass ich ein jetzt ein Werwolf bin, noch etwas, was er mir verschweigt. Können Sie mir jetzt sagen, was los ist?"
Der Sanitäter zuckte bei Rodneys Worten zusammen und starrte ihn ungläubig an.
„Was starren Sie mich so an? Sie haben bestimmt Besseres zu tun? Und wenn nicht, gibt es demnächst ein Experiment, für das ich Sie auswählen werde, wenn Sie nicht sofort verschwinden."
Jeder auf der Station wusste, dass man um Rodney einen ganz großen Bogen machen musste, wenn er in diesem Tonfall redete. Der Sanitäter warf seinem Vorgesetzten einen Blick zu und als dieser nickte, verließ er den Raum, ohne Rodney noch einmal anzuschauen.
„Was ist? Muss ich mir gefallen lassen, dass man mich wie einen Aussätzigen behandelt, nur weil ich jetzt ein Werwolf bin?"
Nein, duldsam wie Remus würde Rodney sein Schicksal bestimmt nicht ertragen.
„Nein, aber er hat gerade eben zum ersten Mal erfahren, was mit dir los ist. Und dass es ihn schockt, kannst du ihm nicht wirklich ankreiden, schließlich sind Werwölfe für die meisten nur Sagengestalten."
„Das gibt ihm noch lange nicht das Recht, mich so anzustarren. Er muss inzwischen gelernt haben, dass in der Pegasusgalaxie alles möglich ist."
Egal, was John jetzt darauf antwortete, es würde Rodney nur weiter provozieren. Auch wenn er es für seine Verhältnisse recht gelassen aufgenommen hatte, war er für seine Umgebung fast schon unerträglich. Carson wusste genauso gut, wann es für ihn gut war, nichts zu sagen.
„Bevor ihr endgültig in Trübsal versinkt, wäre ich sehr euch verbunden, wenn ihr mir erzählt, was es noch Schlimmeres gibt als die Tatsache, dass ich ein Werwolf bin und keinen Vollmond anheulen darf, weil ich anschließend sterbe. Ihr habt so alle zwei Monate mindestens einen Tag Ruhe vor mir."
Mit der freien Hand kratze John sich am Kopf. Er blickte zu Carson, der zuckte fragend mit den Schultern. Schließlich hatte er nicht mitbekommen, was John versuchte zu verschweigen. Doch es hatte keinen Sinn, irgendetwas zu verheimlichen. Rodney würde es nur noch mehr aufregen.
„Carson hat bereits mit der Analyse des Virus begonnen. Weit ist er nicht gekommen, aber er vermutet, dass die Verwandlung zum Werwolf in bestimmten Abständen erfolgen muss, egal ob man dem Vollmond ausgesetzt ist oder nicht. Nur dass wir dann nicht wissen, wann es passiert."
Mit einem Ruck zog Rodney die Hand weg und starrte zuerst John, dann Carson an.
„Danke, dass mein Vorgesetzter eher über meinen zu erwartenden Tod informiert worden ist, als ich selber. Konnten Sie nicht abwarten, bis ich wach wurde? Oder wollten Sie sicher gehen, dass John sich rechtzeitig nach einen Nachfolger für mich umschauen kann?"
Hysterie schwang in der Stimme mit und Rodney gestikulierte wieder wild mit seinen Händen.
„Halt den Mund, Rodney. Du redest Unsinn. Carson hat meinen Rat gesucht, weil ich hier wohl der ‚Werwolfexperte' bin. Nicht mehr und nicht weniger. Und ich habe auch nicht vor, ohne dich durchs Stargate zu gehen. Ganz im Gegenteil. Ich lasse meine Freunde nicht im Stich und ich werde verdammt noch mal nicht zulassen, dass du bei der nächsten Verwandlung stirbst. Und sollte Carsons Forschung erfolglos sein, dann quittiere ich den Dienst und begleite dich zur Erde. Dort gibt es zwar keine Heilung, aber ein Mittel, das dafür sorgt, dass die Verwandlung weniger intensiv ist. Ich weiß nicht, ob es reicht, aber wenn ihr keine Lösung findet, ist es einen Versuch wert." Dass es gleichzeitig auch Rodneys letzte Chance war, brauchte John gar nicht erst zu erwähnen. „Und damit es auch in deinen Dickschädel hineingeht, wiederhole ich es noch einmal: Ich lasse nicht zu, dass du stirbst.
Hast du verstanden?"
Rodney sah John mit halboffenem Mund an. Er schluckte einmal und als sein Denken einsetzte, presste er die Lippen aufeinander. Aber seine Rührung war unverkennbar.
„Ich… John. Es tut mir Leid. Ich habe in dieser verdammten Galaxie schon so viel mitgemacht, dass mich selbst die Tatsache, ein Werwolf zu sein, nicht wirklich schocken kann. Aber ich will nicht so sterben. Tut mir leid, dass ich so ausgerastet bin."
Jetzt war es Rodney, der Johns Hand nahm und sie drückte, er ließ sie aber sehr schnell wieder los.
„Schon gut. Was haltet ihr von Arbeitsteilung? Ihr forscht und sucht nach einem Gegenmittel und ich sorge dafür, dass wir im Notfall einen Rücktransport zur Erde haben. "
In den nächsten drei Wochen vernachlässigte Rodney seine eigentlichen Forschungen und verbrachte die meiste Zeit auf der Krankenstation, um so viel wie möglich von Carson zu lernen, Und nach einem größeren Streit – das Gebrüll konnte man noch im Stargateraum hören – fanden sie einen Weg, als Team zu arbeiten
Obwohl der Sanitäter an die ärztliche Schweigepflicht gebunden war, verbreitete sich mit Lichtgeschwindigkeit das Gerücht, dass Rodney ein Werwolf sei. Aber scheinbar wusste niemand etwas Genaues und beweisen konnte es auch keiner.
Als militärischer Kommandant fiel John als direkter Adressat von Flüsterpost aus, aber er wusste, was los war, als er in der Kantine das Getuschel mitbekam. Noch war niemand so verrückt gewesen, Rodney darauf anzusprechen, aber es konnte nicht mehr lange dauern.
Ronon hatte mit Teyla eine Wette laufen, was mit dem armen Kerl passieren würde, der es wagte, Rodney aus diesem Grund niederzumachen. Sollte Rodney sich wirklich so verhalten wie Ronon gewettet hatte, wäre Werwolfdiskriminierung in Atlantis kein Thema mehr.
Außer den beiden wussten nur Elizabeth, Zelenka, Carson und John über Rodneys delikates Problem Bescheid – und natürlich der Sanitäter, Clive. Dieser stand unter Hausarrest und durfte sein Quartier nicht mehr verlassen und wartete auf den Abflug der Daedalus. Carson hatte ihn bei John angezeigt, nachdem er von den Gerüchten gehört hatte. John hatte sich Clive vorgeknöpft und sie waren zu der gemeinsamen Entscheidung gekommen, dass er sich aus dem Medikamentenschrank bedient hatte und im Rausch das Werwolfgerücht verbreitet hatte.
Die offizielle Version lautete, dass Rodney sich ein malariaähnliches Virus eingefangen hatte, welches in unregelmäßigen Abständen Wutausbrüche und daran anschließende Schwächeanfälle verursachte.
Bisher hatten die Forschungen so gut wie keine Ergebnisse gebracht. Das Einzige, was sie mit Sicherheit sagen konnten, war, dass sich Rodney ohne Mondeinfluss alle 80 Tage verwandeln würde.
John hatte für sich die Entscheidung getroffen, dass er mit Rodney auf die Erde zurückkehren würde, sollten die Untersuchungen nach dreißig Tagen keinen entscheidenden Durchbruch erzielen. Wenn man die drei Wochen Reisezeit abzog, dann würde er auf der Erde über zwanzig Tage Zeit haben, Snape oder einen ähnlich guten Tränkebrauer davon zu überzeugen, für Rodney einen Wolfsbanntrank zu brauen und ihn so zu modifizieren, dass Rodney die Verwandlung ohne anschließenden Herzstillstand überstehen würde.
Dies machte es notwendig, Elizabeth in seine Pläne einzuweihen. Zuerst war sie aufgebracht, sie wollte nicht, dass ihr bester Wissenschaftler und der militärische Leiter Atlantis verließen. Als alle Argumente nichts halfen, versuchte sie, ihn mit Bitten umzustimmen. Sie verstand, dass Rodney auf die Erde zurückkehren musste, um Hilfe zu finden. Da John ihr aber immer noch einige Details verschwieg, konnte sie nicht verstehen, warum er mit musste.
John behalf sich mit der Ausrede, dass der Wissenschaftler, der den Wolfsbanntrank entwickelt hatte ein alter, schrulliger Lehrer aus seiner Kindheit war. Dass dieser nur Kontakt zu Menschen pflegte, die er kannte, und bei Fremden gern und schnell zu seiner Schrotflinte griff.
Auch wenn sie John danach immer noch mit vorwurfsvollen Blicken traktierte, kam Elizabeth ihm so weit entgegen, dass sie den geplanten Abflugtermin der Daedalus verlegte, damit Rodney nicht einen Tag vor, sondern zwei Tage nach Vollmond auf der Erde eintreffen würde.
Wie sie es geschafft hatte, Caldwell dazu zu überreden, wollte John gar nicht wissen.
Da John inzwischen seine Ablage in Ordnung gebracht hatte und nicht mehr auf Außenmissionen ging, hielt sich seine Arbeit in Grenzen. Er blieb auch von 'Wir-müssen-die-Welt-retten'-Situationen verschont, da die Wraith scheinbar von der Bildfläche verschwunden waren. John konnte nur hoffen, dass dieser Frieden möglichst lange hielt.
Ein bis zwei Stunden am Tag war er mit Papierkram und diversen Kleinigkeiten beschäftigt. Major Lorne schaute ihm dabei über die Schulter, er hatte ihn mit Elizabeths und Caldwells Einverständnis zu seinem Stellvertreter ernannt
Viel Zeit verbrachte er mit Teyla und Ronon, die ihm die verschiedensten Kampftechniken beibrachten. Falls in England irgendjemand glaubte, ihn angreifen zu müssen, würde derjenige ein großes Problem haben.
Zusätzlich verbrachte John täglich mehrere Stunden in einem unbenutzten Frachtraum, der weit weg von jeder Energiequelle lag. Dort übte er stablose Magie. Er hatte es zwar geschafft, mehrfach das ‚Adava Kedavra' auszusprechen. Der Unverzeihliche war aber vergleichsweise einfach, da er seine Energie direkt aus den Aggressionen des Fluchenden zog.
Die meisten Schutz- und Angriffszauber waren komplizierter und funktionierten nur, wenn man regelmäßig den gezielten Einsatz der magischen Kräfte trainierte. Und ohne die Fokussierung des Zauberstabs war es noch viel schwieriger.
Nach drei Wochen war John so weit, dass er zum ersten Mal seit dem Ende des Krieges einen Patronus beschwören konnte. Keine diffuse Wolke, wie bei den letzten Versuchen, sondern ein prächtiger Zwölfender-Hirsch mit einer strahlend hellen Aura.
Zufrieden lächelnd betrachtete John sein Werk. Seine Vorbereitungen für die Rückkehr waren sehr weit vorangeschritten. Er konnte es sich erlauben, das Training etwas früher zu beenden und bei Rodney vorbeizuschauen. Er hatte seinen Freund in den letzten Tagen kaum gesehen.
Am Morgen hatte John Carson in der Kantine beim Frühstück getroffen. Sie arbeiteten an einer Testreihe, von der sie sich einen Durchbruch in ihrer Forschungen erhofften
In der Krankenstation brauchte John Rodney nur zu sehen, um zu wissen, dass wohl das Gegenteil eingetreten war. Der Wissenschaftler saß mit hängenden Schultern auf einem Hocker vor seinem Laptop und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.
„Es ist nicht so gelaufen, wie ihr es erhofft hattet?"
Eigentlich war es keine Frage, sondern eine Feststellung.
Rodney blickte hoch. Er wirkte vollkommen verzweifelt.
„Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts. Die Testreihe war ein vollkommenes Desaster. Das Virus lässt sich in kein gängiges Verhaltensmuster einsortieren. Wir haben zwar mit der DNA-Analyse angefangen, aber selbst mit der Technologie der Antiker sind wir einfach nicht schnell genug. Wir haben jetzt sämtliche irdischen Medikamente getestet, die eine Vermehrung von aggressiven Viren stoppen. Aber..."
Rodney stand auf und wanderte auf und ab.
„… aber selbst die Modifikation eines AIDS-Mittels hat nicht gewirkt. Im Gegenteil, das Virus hat sich in den Petrischalen explosionsartig vermehrt. Innerhalb einer Stunde hat sich die Anzahl verzehnfacht. John", Rodneys war sehr niedergeschlagen. „Ich weiß einfach nicht, was wir noch machen sollen. Noch 51 Tage und dann kannst du meine Beerdigung organisieren."
Der Wissenschaftler schien unter Drogeneinfluss zu stehen – er benahm sich noch seltsamer als sonst.
„Hör auf, so rumzulaufen. Wann hast du das letzte Mal geschlafen? Ich meine damit nicht, wann du vor dem Computer eingeschlafen bist!"
Rodneyblieb stehen und blickte John an, dann gestikulierte er mit seinen Armen.
„Wie kann ich schlafen? Immer wenn ich meine Augen schließe, steht eine gigantische Sanduhr vor mir und ich sehe jedes einzelne Korn hindurchrinnen."
„Und wie willst du logisch denken, wenn du übermüdet bist? Nimmst du Aufputschmittel?"
Rodney machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Die wirken schon seit einer Woche nicht mehr. Aber wenn ich eine halbe Stunde gedöst habe, dann kann ich drei Stunden arbeiten. Das ist effektiver, als mich sechs Stunden schlafen zu legen, denn danach kann ich nur achtzehn Stunden arbeiten. Wenn ich daran denke, wie fit ich nach der Injektion des Wraith-Enzyms war…"
Rodney verstummte, er wirkte plötzlich nicht mehr hoffnungslos. Er setzte sich vor sein Laptop und gab Daten ein. John war sich sicher, dass er sogar seine Anwesenheit vergessen hatte.
Und hoffte, dass der Geistesblitz Resultate brachte. Er setzte sich auf einen Stuhl und lehnte sich entspannt zurück.
Wenn Rodney mit dieser Berechnung fertig war, würde er ihn zwingen, zum Essen mitzukommen. Anschließend würde er ihn nötigen, einige Stunden zu schlafen. Notfalls mit vorgehaltener Waffe.
Nach einer Stunde wich der Ausdruck von Begeisterung aus Rodneys Gesicht. Er wirkte immer verkniffener und schien mit dem, was der Computer berechnete, überhaupt nicht zufrieden zu sein. Er fuhr fort, Daten einzugeben, aber es schien, dass sich etwas nicht so entwickelte, wie er es sich gedacht hatte. Dann fluchte er.
„Was heißt hier 'Zur Kalkulation kein ausreichender Datenbestand vorhanden'? Scheißteil. Ich habe außer Aidens und meinen Krankendaten keine weiteren Daten. Verdammt!"
Trotz seiner Frustration schloss er sein Laptop fast geräuschlos. Er hatte aufgegeben, drehte sich um und sah John an.
„Ich hatte eben einen genialen Einfall, wie wir das Virus bändigen können. Allerdings muss Carson dafür das Wraith-Enzym noch weiter analysieren."
„Wir haben keins mehr", erinnerte John ihn. Rodney dachte aber nicht daran, so schnell von seiner Idee abzulassen.
„Ich weiß. Ich dachte da eher an eine kleine Exkursion---"
„Vergiss es!"
Johns Stimme war hart und bestimmt. Es gab Dinge, über die er nicht diskutierte. Und jeglicher Kontakt zu den Wraith gehörte dazu.
„Ich will doch nicht selbst Atlantis verlassen, sondern wenn du mit Teyla und Ronon---"
„McKay!" Es klang nur leicht genervt, aber deutlich genug, dass der Wissenschaftler zusammenzuckte. „Vergiss es. Wir werden keinen Wraith für dich einfangen. Das Risiko, dass etwas schief geht und man uns erkennt, ist viel zu groß. Ich kann Atlantis nicht so einer Gefahr aussetzen. Außerdem bist du damals fast an dem Enzym gestorben."
„Aber nur weil es eine Überdosis war. John, es könnte ein Weg sein, um meine Verwandlung extrem zu verzögern. Vielleicht sogar über Jahre!"
„Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es mehr als ein paar Tage sind?"
Rodney senkte seinen Kopf und John hatte seine Antwort.
Er wollte seinen Freund – der mehr als nur ein Mal Atlantis vor dem Untergang gerettet hatte - nicht so hoffnungslos sehen.
„Ich mache dir ein Angebot. Rechne morgen alles in Ruhe durch und lass die Kalkulationen von Carson überprüfen. Er hat den medizinischen Sachverstand. Wenn er der Meinung ist, dass die Chancen über fünfzig Prozent liegen, spreche ich mit Elizabeth. Ob ich Erfolg haben werde, kann ich aber nicht versprechen. Aber so müde wie du bist, machst du jetzt Feierabend und kommst mit mir essen. Du hast dich in den letzten Tagen bestimmt nur von Powerbars ernährt."
„Zählt dieses dickflüssige Getränk der Athosianer, das viel Koffein enthält, nicht auch als Nahrung?"
„Nein, McKay! Und jetzt komm, ich habe Hunger."
John stand auf und sah Rodney erwartungsvoll an. Dieser wusste, wann es besser war, seinem Colonel nicht zu widersprechen. Er nickte, nahm seine Jacke und begleitete John zur Kantine.
Als sie die Tür durchschritten, hatte John plötzlich ein ganz mulmiges Gefühl, denn der Geräuschpegel sank ab und sie wurden von allen angestarrt. Nachdem sie an den ersten Tischen vorbei gegangen waren, setzte dort heftiges Getuschel ein.
Ein Blick auf Rodneys starren, verkrampften Blick machte John klar, dass sein Freund den Stimmungswechsel ebenfalls mitbekommen hatte, sagte aber nichts. Dabei konnte er nicht helfen.
Schweigend stellten sie sich in die Schlange der Essensausgabe. Dass niemand zur Seite wich, war für John das Zeichen, dass man das Gerücht über Rodneys Veränderung mit Genuss weiterverbreitete, aber nicht wirklich daran glaubte. Wenn Rodney es schaffte, sein Temperament zu zügeln und niemanden zusammenzustauchen, würden die Spekulationen bald aufhören. Es dauerte nicht lange, bis sie mit vollen Tabletts in ihren Händen nach einem freien Tisch Ausschau hielten. Als drei Wissenschaftler aufstanden, steuerte Rodney direkt darauf zu.
„Das ist mein Tisch."
Es genügte ein Blick und die drei Soldaten, die das gleiche Ziel hatten, drehten ab.
Mit einem zufriedenen Grinsen setzte Rodney sich hin und fiel über sein Essen her.
Unwillkürlich wurde John an einen hungrigen Wolf erinnert. Kopfschüttelnd widmete er sich seiner eigenen Mahlzeit.
Lange bevor John fertig war, hatte Rodney seinen Nachtisch gegessen. Statt wie sonst nonstopp zu reden, schwieg er und war in Gedanken versunken. John störte sich nicht daran, sondern löffelte genüsslich seine Schokoladencreme, froh, sie nicht gegen Rodney verteidigen zu müssen. Gesättigt beugte er sich vor und stupste Rodney an. Dieser zuckte zusammen, blinzelte kurz und war wieder bei der Sache.
„Du hattest mir vor drei Wochen eine lange Geschichte versprochen"
Das beschäftigte Rodney also.
„Ich hätte sie dir längst erzählt, wenn wir irgendwann mal mehr als zehn Minuten Zeit gehabt hätten."
„Gut, ich kann ohne Carson nicht mehr weiterarbeiten. Bis er aber von seinem Besuch bei den Athosianern zurückkommt, wird Mitternacht vorbei und er nicht mehr ganz nüchtern sein."
„Stimmt, da ist heute eine Feier. Warst du nicht auch eingeladen?"
„Ich habe auch überlegt hinzugehen, um sagen zu können, dass ich die letzten Tage meines Lebens nicht nur arbeitend verbracht habe. Aber dann war da die Testreihe und die Tatsache, dass ich den Leuten mit meinem Trübsinn nur die Stimmung verdorben hätte."
„Lass uns doch den Abend auf einem der Aussichtsbalkone verbringen. Ich habe in meinem Quartier noch etwas athosianisches Bier."
Rodney überlegte einen Moment, stimmte dann zu.
„Ich sollte vor meinem Tod noch einen Sonnenuntergang erleben. Ich hole ein paar Decken und Kissen, während du den Alkohol besorgst. Treffen wir uns in einer halben Stunde auf dem Balkon oberhalb des Stargateraums?"
John nickte. Er hatte dann noch genügend Zeit, sich einen Nachschlag von der Schokoladencreme zu besorgen. Im Gegensatz zu Rodney hatte er auch nie Schwierigkeiten, diesen zu bekommen.
Die Aussicht war grandios. Man konnte zwar nur den Ozean und den Himmel sehen, aber John fand den Ausblick auch nach über zwei Jahren immer noch beeindruckend. Wenn er sich über die Brüstung lehnte, konnte er auf Atlantis hinabsehen.
„Es ist mein Job, mich von der höchsten Turmspitze zu stürzen, nicht deiner."
„Erwarte nicht, dass ich hinterherspringe, um dich zu retten."
Rodney lehnte sich neben John an die Brüstung und schaute hinab. Genau wie sein Colonel konnte er die Daedalus direkt unter sich sehen.
„Ein Doppelbegräbnis hätte was."
„Du hast deinen Körper doch sicherlich der Wissenschaft gespendet."
„Hier gibt es keinen Wissenschaftler, dem ich ihn anvertrauen will."
„Ach, und auf der Erde gibt es welche? Und jetzt fang nicht an, von Carter zu schwärmen."
John blickte zu Rodney. Dieser wirkte für seine Verhältnisse sehr entspannt und schien ihr Wortgefecht zu genießen. Dann zuckte er mit den Schultern.
„Für Merlin und all die anderen Antiker muss es eine gewaltige Umstellung gewesen sein, als er auf der Erde war. Hier die Einsamkeit und dort die recht primitiven Menschen."
„Er wird sie nicht für ganz so primitiv gehalten haben, ansonsten hätte er bestimmt nicht fünf Kinder gezeugt!"
„Woher weißt du dass? In keinem von Doktor Jacksons Berichten ist das erwähnt."
„McKay, Jackson weiß auch nicht alles. Und ich habe den Stammbaum meiner Familie gelesen. Mein Vater ist ein Nachfahre von Gillian, Merlins jüngster Tochter. Was glaubst du, woher ich das Antiker-Gen habe?"
Mit heruntergeklappter Kinnlade sah Rodney nicht besonders intelligent aus. Lächelnd beobachtete John ihn. Bis er mit seiner Geschichte fertig war, würde er diesen Anblick wohl noch öfter erleben dürfen.
In sieben Tagen startete die Daedalus zur Erde und sein Freund musste wenigstens in groben Zügen über die magische Welt Bescheid wissen. Warum also nicht dort ansetzen, wo es am logischsten ist?
„Mach den Mund zu, Rodney, sonst fängst du noch Fliegen."
Prompt kam dieser der Aufforderung nach und atmete einmal tief durch.
„Und warum erfahre ich das erst jetzt?"
„Weil es dich nichts anging."
„Und warum geht es mich jetzt etwas an?"
Statt zu antworten stieß John sich von der Brüstung ab und holte zwei Flaschen Bier. Eine davon reichte er Rodney.
„Du musst dich entscheiden, welche Geschichte du heute hören willst. Meine oder die von Merlins Nachfahren. Beide musst du kennen, wenn du auf die Erde zurückkehrst, sonst findest du dich in meiner Heimat nicht zurecht."
„Das sagt derjenige, der immer behauptet hat, dass seine Vergangenheit vor dem Eintritt in die Armee langweilig war. Dass es nichts über deine Jugend zu erzählen gibt, außer dass du ständig umziehen musstest, weil dein Vater versetzt wurde."
„Stimmt, aber es ist nicht die Wahrheit. Die ist so fantastisch, dass niemand sie glauben würde. Und Werwölfe sind in meiner Welt keine Sagengestalten, sondern Außenseiter, weil sie zur Gefahr für andere werden können."
Offen erwiderte John Rodneys prüfenden Blick.
„Das mit dem Werwolf hat mich überzeugt. Vor vier Wochen hätte ich dich wahrscheinlich für verrückt erklärt. Fang mit der Geschichte über Merlin an."
„Wie du willst."
John prostete Rodney zu, nahm einen tiefen Schluck und erzählte.
Dabei fiel ihm auf, dass er fast gar nichts über die Geschichte der Antiker wusste. Noch weniger konnte er erklären, wie sie sich zu einer konservativen Zauberwelt entwickelt hatten, die ohne Technik auskam. John hatte mehr über ‚Quidditch im Wandel der Zeit' und über diverse Koboldaufstände gelesen als über die Entwicklung der Zauberwelt.
Dass er über Merlin und einen Teil seiner Nachfahren Bescheid wusste, verdankte er nur der Tatsache, dass Sirius ihm ein Buch gegeben hatte, in dem der Pottersche Stammbaum mit einer kurzen Biografie aller Familienangehörigen beschrieben war. Aus diesem Buch stammte auch sein Alias John Sheppard. John Sheppard war ein schwarzes Schaf der Familie gewesen und hatte im sechzehnten Jahrhundert die magische Welt verlassen, um als Komponist in Oxford zu arbeiten.
Diese Geschichte hatte er an einem Abend kurz vor dem Endkampf Arthur Weasley erzählt, was diesen dazu inspiriert hatte, den gefälschten Ausweis auf diesen Namen ausstellen zu lassen. Eben diese Schwachstellen entgingen Rodney natürlich nicht. John konnte nicht in Ruhe erzählen. Er wurde ständig von seinem Freund unterbrochen, der ihn mit Fragen löcherte, um weitere Details zu erfahren. Dinge, von denen John noch nie etwas gehörte, die er nie gesehen hatte. Immer wieder schüttelte er den Kopf und erklärte dem Wissenschaftler, dass er die Frage nicht beantworten konnte, weil er keine Ahnung hatte.
Eine ganze Weile blieb Rodney gelassen, dann fing er an, einen unruhigen Rhythmus auf dem Geländer zu trommeln, irgendwann wurde es ihm zu viel und er explodierte. John hatte es kommen sehen, wusste aber nicht, wie er es verhindern sollte.
„Warum weißt du fast gar nichts? Wie soll ich dir dieses Märchen glauben, wenn du mir keine Fakten lieferst? Ich bin Wissenschaftler und brauche Informationen, keine Hirngespinste. Ich kann nicht einfach an etwas glauben, dann könnte ich gleich auf die Erde zurückkehren und mich vor den Ori in den Staub werfen."
„Daran werden die Ori bestimmt ihre helle Freude haben, vielleicht erwählen sie dich ja", schoss John zurück. „Und um zu deinen Fragen zurückzukommen: Als ich die magische Welt verließ, war ich gerade mal siebzehn. Da habe ich mich nicht für Geschichte interessiert. Ich konnte Quidditch spielen und kämpfen. Mehr nicht."
Die Flasche war schon längst leer und John war bereits heiser. Er hatte einfach zuviel geredet. Erfolg hatte er aber keinen. Rodney wirkte alles, nur nicht überzeugt.
„So geht das mit mir aber nicht. Vielleicht solltest du mir das erzählen, was du wirklich weißt, und mit deiner Lebensgeschichte anfangen. Ich bezweifle zwar, dass die Memoiren eines Siebzehnjährigen der Renner sind, aber wenn ich dabei nicht einschlafe, dann ist es schon mal was. Aber ob ich es wirklich glauben kann, ist eine andere Frage."
Demonstrativ gähnte Rodney. Und dieses Mal war es John, der ziemlich wütend war.
„Danke, dein Vertrauen ehrt mich, wenn du dich bei den Ori so verhältst, dann hast du aber eine recht kurze Lebenserwartung. Ich weiß, warum ich niemandem etwas von der magischen Welt erzählt habe."
„Stopp, das habe ich nicht so gemeint, Sheppard. Es ist nur so, dass ein Schweizer Käse weniger Löcher hat als deine bisherige Story. Du bist einfach ein schlechter Geschichtenerzähler."
„Glaubst du, dass deine Missionsberichte besser sind? Du schreibst so ein Technobabble, dass die auch niemand versteht."
„Dafür ist es logisch durchdacht", wehrte Rodney ab. Holte aber zwei volle Flaschen. Eine davon hielt er John hin, der sie mit einem Lächeln nahm. Er wurde aber sofort wieder ernst, als Rodney fortfuhr.
„Es geht darum, dass du mir von einer Gesellschaft erzählst, die auf der dicht bevölkerten Erde gar nicht existieren darf. Besonders in England müssen doch normale Menschen mitbekommen, dass es diese ‚Zauberer' gibt."
John schüttelte den Kopf.
„Wir haben Schutzzauber, die das verhindern."
„Dann hätten sie aber entdeckt werden müssen, als die Prometheus England nach Antikertechnik abgesucht hat."
„Es ist aber anders als alles, was die Antiker gemacht haben. Hier auf Atlantis muss ich meine geistigen Fähigkeiten ganz anders einsetzen, um die Stadt dazu zu bringen, das zu machen, was ich will. Als Zauberer habe ich außer einem Zauberstab keine Unterstützung, um mit meiner Gabe zu arbeiten. Wir setzen keine Energie ein. Deswegen konnte die Prometheus nur Merlins Höhle orten aber nicht die heutige magische Welt."
Wieso das Ministerium es damals geschafft hatte, zu ermitteln, wenn ein Schüler in den Ferien zauberte, war John immer noch nicht ganz klar. Er vermutete, dass es daran lag, dass alle Zauberstäbe registriert waren.
„Dann zeig es mir. Zeig mir etwas, das du nicht mit Hilfe von Atlantis erschaffen kannst. Ich brauche Beweise."
Wenn Rodney das brauchte, um überzeugt zu werden, dann sollte er es bekommen. John war entschlossen und verzweifelt genug, eine Zaubershow zu präsentieren, um Rodney zu überzeugen. Er schloss die Augen konzentrierte sich und beschwor einen weiß strahlenden Abwehrschirm, der ihn umgab.
„Kannst du diesen Schild einen Moment aufrechterhalten? Ich muss einige Daten messen."
Rodneys Stimme hörte sich durch den Abwehrschirm seltsam verzerrt an.
„Kein Problem. Den Zauber kann ich über mehrere Minuten halten."
Wenn John bedachte, dass er vor kurzem noch nicht einmal geschafft hatte, den Zauber überhaupt zu wirken, war es ein enormer Fortschritt. Noch war er nicht in der Lage, weitere Personen mit in den Schirm einzubeziehen, hoffte aber, dies in den nächsten Tagen hinzubekommen.
Rodney wühlte in einer Tasche, doch nach dem er den Inhalt auf den Boden verteilt hatte, gab er seufzend auf.
„Hör auf, Sheppard. Ich habe den Scanner nicht mit. Kannst du das wiederholen?"
Mit einem Gedankenimpuls senkte John den Schild.
„Solange du die Untersuchungen nicht veröffentlichst und niemandem, weder militärisch noch zivil, zugänglich machst, gerne. Es reicht, wenn der Premierminister über die Zauberer informiert ist."
„Der kennt doch auch das Stargate-Projekt. Magie und Antikertechnik scheinen ja sehr ähnlich zu sein. Doch er ist zu dumm, um eins und eins zusammenzuzählen. Politiker!"
Es war ein abfälliges Schnauben.
„Welcher Politiker weiß, dass es die Antiker gibt, Rodney? Und selbst wenn: Weiß er, wozu sie fähig sind? Sei nicht ungerecht. Außerdem hat der Premierminister normalerweise nur einmal in seinem Leben Kontakt mit unserer Welt. Das ist am Tag nach seiner Amtseinführung, wenn der Zaubereiminister sich persönlich vorstellt."
„Okay", Rodney hob abwehrend seine Hände. „Du magst Recht haben. Außerdem habe ich für heute genug gehört. Deine Story ist selbst für atlantische Verhältnisse etwas sehr phantastisch und ich muss sie noch verdauen."
„Glaubst du mir?"
„Mein Gefühl sagt ja, aber mein Kopf ist noch nicht soweit."
Die Flasche war leer, John konnte sich nicht erinnern, dass er sie ausgetrunken hatte.
„Das bekommen wir auch noch hin. Willst du noch ein Bier?"
John ging zu seiner Tasche und holte noch zwei Flaschen raus. Währenddessen breitete Rodney die Decken aus.
„Definitiv. Ohne Alkohol halte ich es nicht aus. Jetzt lass uns zum gemütlichen Teil übergehen. Ich will mir die Sterne ansehen, auch wenn sie mir immer noch fremd erscheinen."
Die Sonne war untergegangen und die Dämmerung war hereingebrochen. Grinsend sah John auf Rodney hinab, der sich trotz der Wärme in eine Decke gekuschelt hatte.
„Meinst du nicht, dass du für die restliche Gestaltung des Abends Kate einladen solltest?"
„Colonel Sheppard! Sie waren derjenige, der mir untersagt hat, heute noch zu arbeiten. Nun müssen Sie es auch ausbaden und Ihre Freizeit mit mir verbringen. Sie können diese Verantwortung nicht einfach abschieben."
Rodney grinste und klopfte auf den freien Platz neben sich. John gab ihm das Bier, bevor er sich hinsetzte.
„Außerdem habe ich keine Lust auf eine gepflegte Konservation, wie Kate sie mir aufzwingen würde. Ich will hier sitzen, den Sternenhimmel betrachten, Bier trinken und bedauern, dass die Menschheit bald einen genialen Geist verliert."
„Und ich bin die geeignete Gesellschaft?"
Johns Stimme war fast überhaupt nicht ironisch.
„Noch nicht, aber gleich, denn ich habe heute über unseren wöchentlichen Kontakt mit der Erde die aktuellen Footballergebnisse bekommen und weiß, wer verloren hat. Du wirst deine privaten Daten erst morgen bekommen."
Es war schrecklich, dass Rodney immer das letzte Wort haben musste.
Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. John reduzierte seine Trainingszeiten und verbrachte mehr Zeit mit Rodney. Ließ zu, dass der versuchte, seine magischen Fähigkeiten mit technischen Mittel zu begreifen, bezog ihn aber auch in einige Übungen ein. So schaffte John es, diverse Schutzzauber um sich und Rodney zu wirken. Und solange sie diese Tests durchführten, stellte der Wissenschaftler Fragen, auf die John keine Antworten hatte. Er wusste nicht, warum man selbst im Geiste Worte betonen musste, um eine Wirkung zu erzielen, hatte keine Ahnung, warum der Abwehrschirm weiß und nicht rot war. Und wusste noch viel weniger, welche Eigenschaft das Licht hatte, das er mit einem ‚Lumos' beschwor. Irgendwann hörte Rodney auf zu fragen und tippte lediglich Daten in sein Laptop ein.
Solange sie noch auf Atlantis waren, stellte John sicher, dass Rodney seine Freizeit nicht allein verbrachte. Dass Rodney dies zuließ und sich nicht Tag und Nacht hinter seinem Laptop verschanzte, war seine Art einzugestehen, dass er vor diesem Virus kapitulierte. Nichts was er jemals in Worte fassen würde.
Er hatte zwar zusammen mit Carson Möglichkeiten geprüft, das Wraith-Enzym zu verwenden, doch dieser hatte Rodneys Idee widerlegt.
Bei einer Besprechung mit Elizabeth – sie hatte darum gebeten, über den Stand der Forschungen informiert zu werden - hatte Carson ihr unmissverständlich klar gemacht, dass sie in der kurzen Frist bis zum nächsten Vollmond kein Gegenmittel entwickeln könnten. Rodney hatte daneben gesessen und entgegen seiner üblichen Art die ganze Zeit den Mund gehalten, auf sein Laptop gestarrt und abwesend mit einem Stift gespielt. In diesem Moment wirkte er sehr verletzlich. John konnte nichts anderes tun, als für ein schnelles Ende der Besprechung zu sorgen – aber erst nachdem er von Elizabeth die offizielle Erlaubnis bekommen hatte, Rodney zu begleiten.
Für den Tag vor ihrem Abflug hatte John einen Ausflug zu den Athosianern und anschließend einen Nachmittag am Strand der Westküste geplant. Er wollte Sonne und frische Luft tanken, bevor sie für die nächsten drei Wochen in einem Raumschiff eingesperrt wurden. Rodney hatte diesem Vorschlag mit einem Nicken zugestimmt. So wie er alle anderen Freizeitaktivitäten der letzten Zeit akzeptiert hatte.
Seit der letzten Besprechung hatte Rodney sich immer mehr in ein Schneckenhaus zurückgezogen. Er schaute zwar mit John zusammen Filme, verbrachte viel Zeit mit Glücksspiel im Club ‚Zehn Vorne' – er bezeichnete es als mathematische Kalkulationen - und hatte sich sogar den Galaabend mit den ‚Gesangstalenten' der Station angetan, blieb aber ruhig und gelassen und war für seine Verhältnisse extrem wortkarg. John hatte den Eindruck, nicht mit Rodney, sondern mit einer vollkommen anderen Person etwas zu unternehmen.
Rodney hatte John zugehört, als er von seinem Leben in der magischen Welt erzählt hatte, aber nicht eine einzige Frage gestellt. Dabei hatte er noch nicht einmal uninteressiert gewirkt – nur sehr weit weg.
Um nicht wieder Rodneys Schweigen zu erleben, hatte John Ronon und Teyla zum Strandausflug eingeladen; sie hatten begeistert zugestimmt.
Der Besuch bei den Athosianern verlief friedlich. Wie immer wurden sie freundlich empfangen und gut und reichlich bewirtet. Als John ihnen mitteilte, dass er zusammen mit Rodney Atlantis und die Pegasusgalaxie verlassen musste, um private Angelegenheiten auf der Erde zu regeln, reagierten sie verständnisvoll.
Die Verabschiedung war sehr herzlich und überrascht musste John feststellen, dass man Geschenke für sie vorbereitet hatte und ihnen nun überreichte. Teyla hatte ihren Leuten wohl schon vorher den Grund ihres Besuches genannt.
So blieb ihnen nichts anderes übrig, als die in diverse Kisten verpackten Geschenke anzunehmen, obwohl sie diese nicht mit zur Erde nehmen konnten.
Schwer bepackt kehrten sie zum Jumper zurück.
Erst als sie gestartet waren, sprach John Teyla, die neben ihm saß, darauf an.
„Warum hast du ihnen schon vorher gesagt, dass wir Atlantis verlassen werden? Wir dürfen nur 20 Kilogramm Gepäck mit auf die Daedalus nehmen und ich habe gestern schon gewaltig aussortieren müssen, damit ich dieses Limit nicht überschreite."
„Ich weiß es. Aber mein Volk hat euch beiden so viel zu verdanken, dass ich ihnen einfach die Möglichkeit geben musste, es zu zeigen. Ihr solltet die Geschenke durchsehen, denn ich weiß, dass eine Kiste getrocknete Heilkräuter, Samen und eine Beschreibung ihrer Wirkungsweise enthält."
Rodney gab ein abfälliges Schnauben von sich.
„Heilkräuter, pha. Was sollen die helfen, wenn selbst die Forschung der Antiker versagt?"
„Vielleicht hat eine dieser Pflanzen genau die Wirkung, die Snape braucht, um den Wolfsbanntrank so zu modifizieren, dass du die Verwandlung überlebst. Teyla, danke für dieses Geschenk."
Sie senkte den Kopf und akzeptierte Johns unausgesprochene Entschuldigung für Rodneys Verhalten.
Rodney schnaubte wieder, sagte aber nichts mehr. Erst als John zur Landung ansetzte, redete er zum ersten Mal seit einer Woche, ohne angesprochen worden zu sein.
„Was kann dieser Snape so Besonderes, dass du glaubst, er könnte mehr erreichen als Carson und ich?"
„Er hat das Wissen vieler Generationen und beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit unterschiedlichen Tränken, die den Werwölfen das Leben erleichtern."
Ruhig und sicher setzte John den Jumper auf. Das Fluggerät stand noch nicht ganz, als Teyla aufstand, zur Luke ging und den Jumper verließ. Ronon folgte ihr. Sie wussten, wann sich ein Streit – wirklicher Streit und keine ihrer üblichen Plänkeleien – anbahnte. Und John konnte ihre Flucht zu gut verstehen.
„Und wozu braucht er dann diese Kräuter? Es würde doch reichen, wenn er seinen Zauberstab zieht, ein Mal ‚Simsalabim' sagt und mich heilt."
„Du hast zu oft 'Merlin und Mim' gesehen. Das funktioniert so nicht."
John verging das Lächeln, als er sich umdrehte und Rodney ansah. Dieser hatte die Arme vor der Brust verschränkt und starrte fast schon feindselig auf die Geschenke der Athosianer. Und Johns Geduld war erschöpft. Da sie die nächsten drei Wochen auf der Daedalus miteinander eine Kabine teilen mussten, war es besser, jetzt die Fronten zu klären.
„Hast du überhaupt ein ernsthaftes Interesse an meinen Antworten? Die letzten Male hast du noch nicht mal Fragen gestellt."
„Du bist doch derjenige, der meine Fragen nicht beantworten kann, weil er als armer, unwissender siebzehnjähriger Junge diese ach so grausame Welt verlassen hat."
Es war schwer, ganz langsam auszuatmen und ruhig sitzen zu bleiben. Er war kurz davor, Rodney Furunkeln anzuhexen. Stattdessen grinste er.
„McKay, hör auf damit." Seine Stimme war leise, mit einem eisigen Unterton. „Sonst reißt mein Geduldsfaden, der eigentlich aus Titan ist. Ich bin kein Wissenschaftler und werde es nie werden. Deswegen fehlt mir auch überall das Fachwissen. Aber wenn du mit Snape oder einem anderen Zauberer zusammenarbeiten willst, dann musst du wissen, wie ihre Gesellschaft funktioniert, um mit ihnen klarzukommen. Oder willst du aufgeben? Dann sag es mir jetzt und hier. Dann kann ich es mir ersparen, einigen Personen gegenüberzutreten, besser noch, ich kann gleich hier bleiben."
John wusste, dass seine Worte sehr hart waren und Rodneys Miene zeigte, dass er auch getroffen hatte. Aber wie sollte er sonst seinen Freund aus diesem Schneckenhaus herausholen?
Dass Rodney nicht sofort antwortete und über Johns Worte nachdachte, war ein gutes Zeichen.
„Ich habe Angst, dass ich enttäuscht werde, wenn ich mir zu viele Hoffnungen mache. Ich könnte es einfach nicht ertragen. Im Gegensatz zu den ganzen kritischen Situationen, die wir in den letzten Jahren erlebt haben, habe ich keinen Lösungsvorschlag, keinen Geistesblitz, nichts. Ich bin auf die Hilfe anderer angewiesen und das beängstigt mich."
Seine Stimme war leise, fast nicht hörbar. Für John bestand aber kein Zweifel, wie ernst Rodney es meinte. Deswegen antwortete er viel freundlicher.
„Ich kann es verstehen, besser als du im Moment denkst. Als ich zu diesem Echsenwesen mutierte, ist es mir ähnlich ergangen. Aber im Gegensatz zu dir habe ich nicht aufgegeben, sondern weiter gekämpft. Denn nur wenn du weiter kämpfst, besteht auch Hoffnung, dass du es wirklich schaffst."
Rodney stand auf, ging zur Luke und blickte direkt auf den Sandstrand.
„Wie siehst du meine Chancen, John? Sei ehrlich: Glaubst du, dass die Zauberer mich heilen können?"
„Heilen werden sie dich nicht können. Aber ich denke, dass sie es schaffen werden, die Verwandlung soweit abzuschwächen, dass du den Vollmond ohne ärztliche Hilfe überlebst und deinen Verstand soweit behältst, dass du keine Gefahr mehr darstellst."
„Bist du sicher?"
Immer noch starrte Rodney zur Luke hinaus. John überbrückte die Distanz zwischen ihnen mit zwei großen Schritten, berührte seinen Freund an der Schulter. Als dieser nicht reagierte, baute John sich vor ihm in der Luke auf und sah Rodney fest an.
„Wenn Remus den Trank eingenommen hatte, dann verbrachte er die Vollmondnacht friedlich dösend vor einem Kamin. Die Verwandlung hat seinen Körper auch nicht so belastetet wie sonst. Und das ist zehn Jahre her. Ich hoffe, dass die Forschung in der Zwischenzeit nicht stehen geblieben ist."
Jedenfalls wenn Snape überlebt hatte. Ansonsten waren die Zauberer viel konservativer, als manchmal gut für sie war.
„Was sind eigentlich Zaubertränke?"
Rodney wirkte jetzt interessiert und schien auch bereit zuzuhören, denn er ging zu seinem Sitz, ließ sich hineinfallen und sah John auffordernd an.
„Habe ich dir schon gesagt, dass es verschiedene Arten gibt, Magie zu wirken?"
„Du hast es angedeutet."
„Was du bei mir gesehen hast, ist die Art, Magie nur mit den eigenen geistigen Kräften zu wirken. Es ist die Sonderform, die so genannte stablose Magie, die schwieriger ist, als wenn man mit einem Zauberstab arbeitet. Die Beschwörung von Formeln ist für viele die einzig wahre Art, Magie zu wirken. Und dann gibt es Zaubertränke. Ich kann mich noch gut an Snapes Ansprache in meinem ersten Schuljahr erinnern, wo er von Zauberstabgefuchtel sprach und dass dies nichts ist im Vergleich zu einem gut gebrauten Trank. In der sechsten Klasse habe ich ihn verstanden."
Er erinnerte sich zum ersten Mal ohne Trauer an seine Schulzeit.
„Schon wieder Snape?"
„Er ist in seinem Fach der Meister. Er war ein katastrophaler Lehrer, aber es gab keinen Trank, den er nicht beherrschte, und noch viel mehr Tränke, die er selbst entwickelt hatte."
John setzte sich ebenfalls hin – nicht auf seinem Platz hinter dem Steuer, sondern in dem Sessel neben seinem Freund
„So wie du es erzählst, wirst du vor Ehrfurcht erstarren, wenn du ihn nur siehst."
„Kann es sein, dass du mir in den letzten Tagen überhaupt nicht zugehört hast?"
„Also nicht?"
Rodney sah richtig zerknirscht aus.
„Nein, ich habe mehrfach versucht, ihn umzubringen. Es hat nur nicht geklappt, weil er mehr dunkle Sprüche beherrscht als ich."
„Wegen seiner umgänglichen Art?"
John schüttelte den Kopf.
„Nein, er musste im Krieg jemanden töten, der für mich ein väterlicher Freund war. Damals wusste ich nicht, dass er es nicht freiwillig getan hat. Wahrscheinlich hat er unter Albus' Tod mehr gelitten als jeder anderer."
„Muss ich das verstehen?"
„Nein, nicht heute. Aber in drei Wochen."
„Ich hätte nie gedacht, dass es noch etwas Abgefahreneres gibt als die Tatsache, dass ich jetzt und hier in einer anderen Galaxie bin. Aber dass es Magie auf der Erde gibt und dass es dort vor einigen Jahren einen Krieg gab, den wir nicht mitbekommen haben, das ist Wahnsinn."
John war es Leid, darüber zu erzählen. Er sah den strahlend blauen Himmel und den fast weißen Sandstand. Und im Hintergrund konnte er das Rauschen der Wellen hören.
„Jetzt komm. Ich habe keine Lust, im Jumper sitzen zu bleiben, während Teyla und Ronon sich am Strand vergnügen."
„Gut, ich suche mir einen Platz im Schatten. Es gibt einige Analysen, die ich durchgehen möchte, um heute Abend noch einige Berechnungen zu machen."
Das war Rodneys Vorstellung von Erholung.
Innerhalb von zwei Minuten hatte John seine Sachen gepackt und Rodney aus dem Jumper gescheucht.
Am Strand angekommen zog er sich aus und ging ins Wasser. Er genoss die Abkühlung. Direkt neben ihm balgten sich Teyla und Ronon wie zwei kleine Kinder.
Als sie versuchten, ihn in ihr wildes Spiel einzubeziehen, tauchte John ab und erst außer Reichweite wieder auf. Er hatte keine Lust, Wasser zu schlucken.
Er war gerade erst eine Viertelstunde im kühlen Nass, als er schon genug hatte. Die Temperatur war zwar angenehm, doch ohne großen Wellengang langweilig. Er schwamm noch einmal raus und drehte dann um.
Am Ufer sah John Rodney stehen, der zögerlich einen Fuß ins Wasser streckte. Die Hosenbeine hatte er hochgekrempelt und wirkte wie eine wasserscheue Katze, die auf der anderen Seite eines Baches das leckerste Essen witterte.
Rodney war so vertieft in der Betrachtung des Wassers direkt vor ihm, dass er gar nicht bemerkte, wie John immer näher kam. Als dieser ihn mit einem Schwall Wasser bespritzte, sprang er mit einem empörten Aufschrei zurück.
Grinsend richtete John sich auf und watete die letzten Schritte ans Ufer.
„Wusste gar nicht, dass du wasserscheu bist, McKay! Zieh dich aus und komm mit schwimmen, es ist herrlich."
„Danke, nein. Ich kann nicht schwimmen. Als Kind hatte ich eine Chlorallergie und war vom Unterricht befreit."
„Deine Freizeit hast du in der Bücherei verbracht?"
„Wo sonst? Es hat sich nicht gelohnt, nach Hause zu fahren. Und in der Bücherei hatte ich meine Ruhe vor den Jungs, die meinten, einem Streber eine Abreibung verpassen zu müssen."
Einen Moment war nur das Gekreische einiger Seevögel zu hören. Dann zuckte Rodney mit den Schultern.
„Ich bin nicht der Typ, der stundenlang in der Sonne braten kann – davon bekomme ich einen ekligen Ausschlag. Ich bevorzuge einen Platz im Schatten, einen eisgekühlten Drink neben mir und mein Laptop auf dem Schoß."
„Und warum stehst du dann hier in der prallen Sonne?"
„Teylas und Ronons Wasserschlacht hat mich neugierig gemacht."
Dabei sah Rodney angestrengt nicht in deren Richtung, auch war es gar nicht mehr so laut wie noch vor wenigen Minuten. John blickte zu den beiden und was er sah, überraschte ihn überhaupt nicht.
„Endlich. Wurde ja langsam Zeit."
„Bitte? Deine Untergebenen knutschen wild miteinander und mehr hast du nicht zu sagen?"
„McKay, die beiden sind alt genug, um zu wissen, was sie tun."
John packte Rodney am Arm und zog ihn mit sich, bis sie im Schatten einiger palmenähnlicher Bäume angekommen waren. Dort hatte John seine Sachen deponiert. Er nahm sein Handtuch und trocknete sich ab. Anschließend setzte er sich, nahm eine Flasche Wasser, trank und sah fragend zu Rodney – der sich mit verschränkten Armen vor ihm aufgebaut hatte – hoch.
„John, wie du weißt, gibt es Dienstvorschriften---"
„Die wir hier oft genug gebrochen haben. Und selbst wenn, Teyla und Ronon gehören nicht zur Truppe, sie bekommen noch nicht mal Sold. Außerdem sind sie sozusagen gleichrangig. Kurz: Es ist egal. Oder glaubst du, dass sie wegen ihrer Beziehung in einer kritischen Situation den Kopf verlieren würden?"
„Teyla bestimmt nicht. Und Ronon wird sehr schnell merken, dass er nur die zweite Geige spielt, wenn sie meint, dass ihr Volk Probleme hat."
„Dessen ist er sich bewusst. Und jetzt setz dich, nimm dein Laptop und fang mit deinen Berechungen an. Ich will den heutigen Tag genießen. Mit dir diskutieren kann ich auch noch die nächsten drei Wochen auf der Daedalus."
Rodney setzte sich sogar hin.
„Du machst dir keine Sorgen, weil wir eine Kabine teilen?"
„Sollte ich das? Wenn du mir auf die Nerven gehst, dann drück ich dir dein Laptop in die Finger und habe meine Ruhe. Der Rest der Besatzung macht mir wesentlich mehr Sorgen."
„Wusste gar nicht, dass ich pflegeleicht bin."
„Pflegeleicht ist anders. Da ist da noch der Punkt, dass ich Raumschiffe hasse."
„Dafür fliegst du aber viel zu oft."
„Es ist ein Unterschied, ob ich selber fliege oder als Passagier mitgenommen werden. Besonders wenn Caldwell das Kommando hat. Und ja, du hast Recht. Nichts gibt mir so einen Kick wie ein Flug im All. Selbst Quidditch ist dagegen gar nichts."
John fühlte deutlich Rodneys Blick, zwang sich, ihn nicht anzublicken.
„Sind alle Zauberer so verrückt nach diesem Sport?"
„Definitiv. Wesentlich schlimmer als die Amerikaner mit Football oder Baseball. Es gibt verschiedene Ligen und alle paar Jahre Weltmeisterschaften. Ich warne dich, wenn du jetzt weiter fragst, dann höre ich so schnell nicht auf, davon zu erzählen."
„Ich werde es überleben – wenigstens für einige Tage."
Jetzt blickte John doch zur Seite. Und sah, dass Rodney versuchte zu lächeln. Es erinnerte eher an eine Grimasse. Es war das erste Mal, dass sein Freund versuchte, über seine Krankheit zu scherzen.
Als Rodney merkte, wie überrascht John war, grinste er breit.
Auf den Schock trank John einen Schluck. Dann begann er, Rodney die Quidditchregeln zu erklären.
Die Sonne stand schon tief, als sie sich auf den Rückweg machten. Ronon und Teyla trafen sie erst am Jumper. Sie wirkten so glücklich, dass es selbst Rodney auffiel. Doch als er etwas sagen wollte, kassierte er von John einen Stoß in die Seite.
So sehr es John freute, dass sein Freund an diesem Strandtag zu seinem alten Selbst zurückgefunden hatte, so sehr wünschte er sich manchmal, dass Rodney etwas mehr Taktgefühl hatte – doch das war ein Wunsch, der sich nicht erfüllen würde.
Kurz bevor sie auf Atlantis landeten, ertappte sich John dabei, ein Lied zu summen. Zuerst wusste er nicht, woher er es hatte, doch dann fiel es ihm wieder ein. Fred und George hatten es ihm vor unendlich langer Zeit bei der Quidditchweltmeisterschaft beigebracht.
Vielleicht war es doch keine so schlechte Idee heimzukehren.
