Die alte Welt
Ganz so schnell, wie John es geplant hatte, erreichten sie die Erde dann doch nicht, denn am vorletzten Tag ihrer Reise wurde die Deadalus von einem Schiff der Asgard aufgehalten und Hermiod von Bord gebeamt. Mit der Bitte, doch auf seine Rückkehr zu warten.
John wusste genau so gut wie Rodney und alle anderen an Bord, dass eine Bitte der Asgard einem Befehl gleichkam und so warteten sie zwei Tage auf die Rückkehr des Außerirdischen. Als dieser zurückkam, verriet er natürlich nicht, warum er von seinen Leuten so kurzfristig abberufen worden war. Er ließ nur verlauten, dass er für die nächsten zwei Jahre der Deadalus als technischer Berater zugewiesen worden war.
Inzwischen war sich John sicher, dass Hermiod für einen Asgard extrem aus der Art geschlagen war. Er schien es zu genießen, die Menschen in seiner Umgebung zu tyrannisieren. Zudem gab es auf dem Rückflug so manch heiße Fachdiskussion zwischen Rodney und dem Asgard – heiß in der Hinsicht, dass Rodney auf und ab lief, wild mit den Händen gestikulierte und laut wurde, wenn Hermiod seine Argumente nicht akzeptierte. Der Asgard blieb immer ruhig, nickte hin und wieder und sagte kurz und knapp, was er von den Theorien hielt. Manchmal war es geradezu vernichtend, oft musste er aber zugeben, dass Rodney, wenn er nicht Recht hatte, zumindest auf dem richtigen Weg war. In dieser Zeit schien der Wissenschaftler vollkommen zu vergessen, dass er dem Tode geweiht war.
Trotzdem verfluchte er den Asgard für jede Minute, die sie auf seine Rückkehr warten mussten. Fast die ganze Wartezeit verbrachte Rodney auf der Brücke, nervte Caldwell und jeden, der ihm zu nahe kam und schaute alle fünf Minuten auf seine Uhr.
Der Flug war John wie eine Ewigkeit vorgekommen. Im Gegensatz zu Rodney hatte er niemanden, mit dem er diskutieren konnte und von der Kommandostruktur war er ausgeschlossen. Mit Caldwell verstand er sich nicht gut genug, um freiwillig mehr Zeit als unbedingt notwendig mit ihm zu verbringen. Und Kampftraining war mangels vernünftiger Räumlichkeit nur bedingt möglich. Einzig die Bibliothek war akzeptabel. So war seine Laune auf dem Nullpunkt, als die Daedalus endlich das Erdorbit erreichte.
Nachdem sie in Washington angekommen waren, wurde John ins Pentagon zitiert und musste seinen Vorgesetzten Bericht erstatten. Er hatte keine Chance, diesem Befehl zu entkommen – sonst hätte man Zwang ausgeübt. Die Generäle wollten nicht ohne weiters akzeptieren, dass sie für private Angelegenheiten einfach zurückgekommen waren, sozusagen das Kommando geschmissen hatten. Noch nicht einmal Elizabeths Genehmigungsschreiben akzeptierten sie. Einzig Rodneys Kontakt zu Jack O'Neill hatten sie es zu verdanken, dass man ihnen kein Disziplinarverfahren angehängt hatte und sie ihrer Wege gehen konnten. John hatte General O'Neill anvertraut, dass Rodney krank war und er hoffte, bei einem alten Professor in England Hilfe zu finden. Dieses Argument zog und O'Neill setzte sich für sie ein.
Ohne seine Hilfe hätte es Tage gedauert, bis man sie herausgelassen hätte, kein großer Akt, doch Rodney lief die Zeit davon. Und seine Krankheit war etwas, was sie vor den Sesselfurzern geheim halten wollten. Rodney sollte nicht in irgendeinem Hochsicherheitsbereich als Versuchskaninchen enden.
Nachdem man sie fast zehn Stunden befragt hatte, wurden sie auf Urlaub entlassen. Natürlich gab es auch keinen Militärflug nach London, so mussten sie einen Linienflug buchen – Umsteigen und zwei Stunden Aufenthalt in Montreal inklusive
Sie hatten nur noch 24 Tage, bevor der nächste Vollmond aufging.
Schlafen konnte John schon lange nicht mehr. In weniger als einer Stunde würden sie in London landen und kurz darauf würde er zum ersten Mal seit vielen Jahren die Winkelgasse betreten. Nach langem Nachdenken hatte er entschieden, dass dies der beste Weg war, um einen ersten Kontakt mit der magischen Welt herzustellen Schließlich musste er bei Gringotts Geld tauschen und, um den Schein zu wahren, sollte er sich auch einen neuen Zauberstab besorgen – niemand brauchte zu wissen, wie gut er in stabloser Magie geworden war. Und dann konnte er gleichzeitig versuchen, diskret in Erfahrung zu bringen, ob Snape noch lebte und, falls ja, wo er zu finden war.
Rodney saß neben ihm und war mit seinem Laptop beschäftigt. Es waren keine Kalkulationen oder sonstiger wissenschaftlicher Kram. Er spielte MineSweeper. Als Antwort auf Johns Frage meinte er nur, dass er zu nervös sei, um Berechnungen zu machen. Eines der wenigen Zeichen, wie sehr es Rodney belastete, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein.
Reden konnten sie nicht. Jedes Thema war in irgendeiner Art und Weise klassifiziert, so dass die Flugnachbarn nichts davon wissen durften. Also schaute John Rodney über die Schulter und gab ihm Tipps, wo die Minen sein konnten. Als Rodney einem dieser Hinweise folgte und prompt verlor, verlor er auch seine Geduld.
„Hör auf, mir diese dummen Ratschläge zu geben", fuhr er John an.
„Warum?", fragte John mit einem entwaffnenden Lächeln.
Doch Rodney war dagegen immun.
„Weil das mein Laptop und mein Spiel ist. Wenn du mir ständig reinredest, kann ich mich nicht konzentrieren."
Dass sich der Wissenschaftler auch vorher nicht konzentrieren konnte und ständig verloren hatte, erwähnte er natürlich nicht.
„Wie hast du es geschafft, dass du das Laptop während des Urlaubs nicht abgeben musstest? Ich bin alles losgeworden."
Ohne das vertraute Gewicht seiner Waffe an der Seite, fühlte John sich fast schon nackt und wehrlos.
„Tja, manchmal gibt es Situationen, wo Charme allein nicht ausreicht und Köpfchen gefragt ist!"
Warum war er jemals auf die verrückte Idee gekommen, diesem nervigen, überheblichen Wissenschaftler helfen zu wollen? Es war wohl eine masochistische Ader, beschloss John.
„Hast du auch soviel Grips, dass du sämtliche Daten, die Snape die Untersuchungen erleichtern könnten, ausgedruckt hast?"
„Wieso sollte ich? Die Informationen sind hier und hier gespeichert."
Damit zeigte Rodney erst auf seinen Kopf und dann auf das Laptop.
„Und ich wette mit dir, dass das Laptop nicht funktionieren wird."
„Aber es ist---"
Johns warnender Blick ließ Rodney verstummen. Antikertechnologie war definitiv nichts, worüber in einem Flugzeug diskutiert werden sollte. Rodney schien bei ihrer Kabbelei vergessen zu haben, dass sie in der Öffentlichkeit waren.
Seufzend setzte John einen weiteren Punkt auf ihre Arbeitsliste.
„Dann werden wir uns in London noch einen Ort suchen müssen, um deine Forschungen auszudrucken. Kennst du dort einen vertrauenswürdigen Wissenschaftler?"
Rodney schüttelte den Kopf.
In Johns Bekanntenkreis gab es nur eine Person, der er genug vertraute und die vielleicht in London lebte: Hermine Granger. Aber selbst wenn er ihre Adresse im Telefonbuch fand: Er konnte es ihr nicht zumuten, einfach so vor ihrer Haustüre zu erscheinen. Oder etwa doch? Nein, John entschloss, dass es keine gute Idee war, ohne Voranmeldung bei Hermine aufzukreuzen und sie zu bitten, Rodneys Daten auszudrucken. Bei ihrem Temperament konnte es gut sein, dass sie ihn verfluchen würde. Effektiver als Voldemort es jemals getan hatte.
„Toll, ich kenne auch niemanden, dann müssen wir in einen Copyshop."
„Wir sollen wohin? Ich kann doch nicht einfach meine Daten an einem fremden Drucker ausdrucken. Wer weiß, was man damit anstellt."
„Wenn du die ganze Zeit daneben stehst und anschließend dafür sorgst, dass die fremde Festplatte wie leergefegt ist, sollte das kein Problem sein."
Fast schon schützend hielt Rodney sein Laptop fest.
„Und wenn es nicht kompatibel ist? Ich kann doch mein Schätzchen---"
So leise, dass kein Nachbar es hören konnte, aber mit unerbittlicher Schärfe antwortete John: „McKay, hör mit dieser Show auf. Ich weiß, was du schon für Systeme gehackt hast, da wird doch ein 08/15-Computer ein Kinderspiel sein. Willst du das Risiko eingehen, ohne Datenausdrucke im Nirgendwo festzuhängen und viele Stunden zu verlieren, um eine Druckmöglichkeit zu finden?"
Rodney schüttelte den Kopf, wirkte aber nicht begeistert. John hatte bei der ganzen Sache auch ein mulmiges Gefühl, sah aber keine andere Möglichkeit. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass niemand außer Rodney selbst seine Analysen wirklich verstand – vielleicht noch Zelenka, aber er war weit weg.
„Wenn du meinst, dass ich alles ausdrucken soll, bitteschön, kein Problem", nörgelte Rodney. „Aber beschwer dich nicht, wenn du zehn Kilogramm Papier schleppen musst."
„Ich sorge für die Sicherheit. Da kann ich nicht deinen Packesel spielen. Du musst deinen Kram schon selber tragen."
„Klar, dann breche ich aber schnell unter der Last zusammen. Wie du weißt, bin ich noch sehr geschwächt."
„Träume von was anderem." Sein Grinsen relativierte seinen Kommentar. Dann zeigte er auf das Laptop. „Aber an deiner Stelle würde ich das Feld nicht anklicken, da ist eine Mine."
John konnte es nicht lassen und hatte wieder hin geblickt. Rodney hielt sich nicht an den Rat - und verlor. Während er vor sich hingrummelte, kam die Aufforderung zum Anschnallen über die Lautsprecher. Das Flugzeug war im Landeanflug auf Heathrow.
Rodney warf John noch einen bitterbösen Blick zu, bevor er sein Laptop ausschaltete und sicher im Handgepäck verstaute. Mehr als diese Tasche hatte Rodney auch nicht mit – sie hatten gelernt, mit kleinem Gepäck auszukommen. Und nicht die geringste Lust, stundenlang an der Gepäckausgabe auf ihre Koffer zu warten. Die Sachen, die sie sonst noch von Atlantis mitgebracht hatten, hatten sie Sam Carter anvertraut. Wenn Rodney früher erwähnt hätte, dass er seine Daten nicht ausgedruckt hatte, hätte sie bestimmt ihren Drucker zur Verfügung gestellt. Für solche Überlegungen war es jetzt zu spät.
In Johns Tasche befanden sich weder eine Zahnbürste, noch sonstige Kosmetikartikel. Die konnte er in London kaufen. Stattdessen hatte er die Kräuter, die die Athosianer ihnen mitgegeben hatten, eingepackt. Rodney hatte nichts dazu gesagt, als aber ein Beutel nicht mehr in die Tasche hineingepasst hatte, hatte er ihn kommentarlos zu seinem Laptop gesteckt.
In London wollte John die Sachen erst mal in einem Schließfach verstauen – solange er nicht wusste, wie er in der magischen Welt empfangen wurde, wollte er auf alles vorbereitet sein.
Als erstes kümmerte John sich darum, wieder eine Waffe zu bekommen. Aus Afghanistan kannte er einige englische Soldaten und nachdem er das Telefonbuch durchforstet hatte, fand er auch zwei Jungs, mit denen er enger zusammengearbeitet hatte und die ihm noch etwas schuldeten. Ein Anruf und einen kurzen Abstecher nach Isligton, dann hatte er für sich und Rodney M9s und mehrere Ersatzmagazine besorgt. Das Schulterholster fühlte sich zwar ungewohnt an, aber es gab ihm ein sicheres Gefühl. Er hatte sie nach einer Druckmöglichkeit gefragt, aber als er ihren verständnislosen Blick sah, ließ er das Thema schnell fallen.
Es dauert einige Stunden, bis Rodney einen Copyshop gefunden hatte, wo er seine Analysen ausdrucken ließ. Man hatte ihn dort gegen Aufpreis einen Computer zur Verfügung gestellt, damit er die Daten formatieren konnte, um sie zweiseitig auszudrucken. Es dauerte einige Zeit, bis der Hochleistungsdrucker etwa tausend Seiten – und damit fünfhundert Blätter – fertig hatte. Diese packte Rodney sorgfältig in eine Tasche. Danach wurde er ziemlich unruhig, zahlte bar und drängte John zum Aufbruch. So verließen sie das Geschäft mehr oder weniger im Laufschritt.
Fünf Minuten später und drei Ampeln weiter hatte John von der Hektik seines Freundes genug.
„Bleib stehen, Rodney! Du weißt doch noch nicht mal, wohin wir müssen."
Demonstrativ lehnte John sich gegen einen Laternenpfahl.
„Doch, weg von dem Laden, denn in…", Rodney blickte auf seine Uhr. „Genau zwei Minuten werden alle Festplatten und Speichersysteme des Shops gelöscht werden. Und dann will ich in der Menschenmenge untergetaucht sein."
„Klar, und in der letzten Stunde haben die Überwachungskameras wunderschöne Portraitaufnahmen von uns gemacht. Das war eine Scheißidee. Wieso hast du mich nicht schon früher in deine Pläne eingeweiht, dann hätte ich dich daran hindern können?"
Doch Rodney grinste nur breit und hob seine Hände.
„Das habe ich mit eingeplant, denn die Kameras entsprechen der neuesten Technik. Dumm nur, dass die Aufnahmen auf dem Hauptserver des Shops gespeichert wurden."
„Willst du mir damit sagen, dass auch diese Daten verloren gehen?"
Wieso rückte er seine Pläne immer nur stückchenweise raus? John hasste es, wenn Rodney so eine Show abzog. Besonders wenn dabei seine Nerven aufs Äußerste strapaziert wurden.
„Sicher. Was meinst du, warum ich mir nicht den erstbesten Laden ausgesucht habe? Der vorletzte Shop hatte auch die entsprechende technische Voraussetzung, aber da hatte dich die Bedienung so angehimmelt, dass sie dich wahrscheinlich im Traum erkannt hätte. Aber der kleine Asiate kann uns nur als Durchschnittsweiße in Durchschnittskleidung beschreiben."
Grinsend konterte John: „Du hast eine kriminelle Ader, McKay. Ich sollte besser auf dich und mein Portemonnaie aufpassen. Sonst ist es auch noch weg."
Für Londoner Verhältnisse waren sie mit Jeans, Shirt und Jacke wirklich sehr unauffällig gekleidet. In der Winkelgasse würden sie aber als Muggel auffallen.
„Dann rate mal, von wem ich das gelernt habe. Manchmal bleibt von deinen Führungsqualitäten sogar was hängen."
„Führungsqualitäten sind wichtig, McKay. Wenn man sie hat, braucht man seine Leute nicht ständig zusammenzubrüllen, um etwas zu erreichen."
Damit war Ruhe. John stieß sich von der Laterne ab und ging zwei Schritte auf Rodney zu.
„Aber man kann auch an seinen Aufgaben wachsen. Und das bist du, seit wir in der Pegasusgalaxie sind. Wir sollten uns jetzt aber wirklich wie ganz normale Menschen verhalten. Am besten indem wir ins nächstbeste Kaufhaus gehen und Mäntel kaufen. Wenn wir später die Winkelgasse betreten, will ich nicht auffallen. Und außerdem können wir die Tragetasche mit dem Werbeaufdruck vom Copyshop gegen eine andere austauschen."
Rodney wurde rot, folgte aber, als John losging.
„Da war doch noch was. Danke."
„Gern geschehen."
Zielstrebig steuerte John auf ein großes Herrenbekleidungsgeschäft zu. Im Schaufenster standen mehrere Puppen, die fast bodenlange Mäntel trugen.
Nachdem sich John die verschiedenen Mäntel angesehen hatte, entschied er sich für australische Staubmäntel. Sie ähnelten Drachenhautmänteln, waren praktisch und fast unverwüstlich. Rodney nörgelte zwar ein wenig, schien aber dann mit dem, was er im Spiegel sah, recht zufrieden zu sein. Er zuckte noch nicht einmal zusammen, als er einen Blick auf das Preisschild warf.
Die Mäntel behielten sie gleich an und ließen die Jacken entsorgen. Den Papierberg verstauten sie in einem Laptoprucksack, den Rodney im Computershop direkt nebenan entdeckt hatte und unbedingt kaufen musste.
Es war schon ein seltsames Gefühl, als John nach seiner Kreditkarte suchte, um zu bezahlen. In der Pegasusgalaxie hatte er nie Geld nötig gehabt und in der magischen Welt würde er alles in Knut und Sickel umrechnen müssen.
