Die Winkelgasse

Es war nur ein recht kurzer Fußweg und dann standen sie schon vor der Gaststätte

Die äußere Fassade wirkte noch heruntergekommener, als John sie in Erinnerung hatte.

„Das ist also der Eingang?"

Rodney war nicht begeistert.

„Hmm."

„Irgendwie habe ich nicht damit gerechnet, dass es so schäbig ist. Nach dem, was du mir darüber erzählt hast, habe ich ihn mir anders vorgestellt."

„Warte ab, bis wir drin sind. Wenn die Antikergene wirken, dann wirst du nach Überscheiten der Schwelle in der magischen Welt sein."

„Und was hat das mit meinen Genen zu tun?"

Rodneys Stimme hatte einen alarmierten Unterton. Und John beschloss, ihn ein wenig zappeln zu lassen.

„Hatte ich dir noch nicht gesagt, dass man nur hinter die Schutzbanne sehen kann, wenn man ein Zauberer ist? Wenn ein Muggel Hogwarts betritt, sieht er kein prächtiges Schloss, in dem ein Internat untergebracht ist, sondern eine leerstehende, einsturzgefährdete Ruine. Wenn der Schutzbann das künstliche Gen nicht akzeptieren sollte, wirst du eine extrem heruntergekommene Kneipe betreten, in der wirklich niemand freiwillig ein Bier bestellen würde. Mal abgesehen von der Tatsache, dass das auch nicht möglich ist."

John fiel es schwer, nicht zu grinsen, als er Rodneys entsetzten Blick sah.

„Und warum hast du mir dieses winzige Detail verschwiegen? Wenn ich die magische Welt nicht betreten kann, dann hätte ich auch auf Atlantis bleiben können. Meine Überlebenschancen wären dann höher."

„Weil du bisher jeden einzelnen Zauber, den ich gewirkt habe, gesehen hast. Für mich bedeutet es, dass du ein Zauberer bist, egal, ob deine Anlagen künstlich sind oder nicht."

John wusste, dass Rodney sein Grinsen als Entschuldigung akzeptierte.

„Gut, dann sollte ich es wohl als letzten Beweis werten, dass Carson mit seiner Gentherapie wirklich gute Arbeit geleistet hat. Aber demnächst nimmst du bitte etwas Rücksicht auf meine Nerven. Ich vertrage solche Schocks nicht."

„Wenn du mich öfters in deine Pläne einweihst, gerne."

Rodneys Gemurmel hielt John für eine Reihe von Flüchen.

Es dauerte nur einen Augenblick, dann ging Rodney zur Tür, öffnete sie und deutete eine kleine Verbeugung an. „Nach dir."

Schon wollte John mit einem hoheitsvollen Nicken antworten und die Schwelle überschreiten, als ihm klar wurde, dass er heimkehrte.

Würde man ihn wieder erkennen und die Verfolgung durch die Medien und Todesser von vorne beginnen? Und was war aus seinen Freunden geworden? Den wenigen, die die letzte Schlacht überlebt hatten. Jahrelang hatte John diese Frage verdrängt. Selbst nachdem er sich durchgerungen hatte zurückzukehren, hatte er diesen Gedanken weit von sich geschoben. Sogar auf der Daedalus hatte er es geschafft, nicht darüber nachzudenken

„Wenn du nicht langsam losgehst, schaffst du es nie."

John schrak hoch. Rodney hielt noch immer die Tür auf und wirkte noch nicht einmal genervt. Eher verständnisvoll.

„Stimmt." Mit zwei großen Schritten betrat er die Kneipe, nur um wie angenagelt stehenzubleiben.

Es war der Geruch, der ihn stocken ließ. Der Geruch nach Schweiß, Alkohol und etwas Undefinierbarem. Seltsam vertraut und fast vergessen.

Die magische Welt roch anders als alle Planeten, die er bisher besucht hatte.

„Das Gen wirkt nicht."

Diesen Ton hatte Rodney nur, wenn er fast schon verzweifelt war.

„Bitte?"

Plötzlich aus seinen Erinnerungen gerissen blickte John zu seinem Freund. Rodney sah aus, als ob er kurz davor war zu weinen.

„Ich bin in einem alten, heruntergewirtschafteten Schankraum mit skurril gekleideten Gästen. Ich kann aber mit Recht behaupten, dass ich schon wesentlich seltsamere Gestalten gesehen habe. Dieser Laden ist in keiner Weise ungewöhnlich."

Sich umblickend erkannte John, dass Rodney Recht hatte. Auf einigen Planeten hatten sie schon wesentlich exotischere Lokale besucht, wo man sich stärker überwinden musste, etwas zu bestellen – dafür war die Einrichtung bestimmt wesentlich jünger.

„Komm, wir setzen uns und trinken etwas, es fällt schon auf, dass wir so lange im Eingang stehen."

Nicht nur Tom, der Wirt, beäugte sie, sondern auch zwei jüngere Zauberer, die an der Theke standen.

Fast mit Gewalt schob John seinen Freund zu einem Tisch, der etwas abseits in einer Ecke stand. Sie saßen gerade, als auch schon Tom vor ihnen stand. Er sah noch älter und hinfälliger aus, als John ihn in Erinnerung hatte. Dafür bewegte er sich sehr flink.

„Darf ich Ihnen etwas zu trinken bringen?"

„Wenn Sie Muggelgeld akzeptieren, bitte zwei Butterbier, ansonsten müssen wir erst nach Gringotts."

„Solange Sie mir nicht mit so modernem Kram wie einer Kreditkarte ankommen, nehme ich auch das gute englische Pfund. Zwei Butterbier. Kommt sofort."

Schnell ging Tom hinter die Theke und als Rodney etwas sagen wollte, stand auch schon ein Bier direkt vor ihm auf dem Tisch.

„Wohl bekommt's."

Und damit war Tom auch wieder weg.

Erleichtert atmete John aus. Er hatte die erste Bewährungsprobe überstanden. Tom hatte ihn nicht erkannt. So war die Gefahr, in der Winkelgasse von einem flüchtigen Bekannten wiedererkannt zu werden, doch nicht so groß, wie er befürchtet hatte.

Er prostete Rodney zu.

„Wenn du das Bier siehst und es gleich auch schmeckst, dann bist du wirklich in der magischen Welt angekommen und du brauchst dir keine Sorgen zu machen."

„Aber du hast den ‚Tropfenden Kessel' ganz anders beschrieben."

„Und doch ist er noch genau so, wie ich ihn in Erinnerung habe. Es tut mir leid, als Kind habe ich ihn wohl mit anderen Augen gesehen. Und jetzt trink."

John setzte den Krug an seine Lippen – und war nicht enttäuscht. Butterbier schmeckte immer noch unbeschreiblich gut. Und das ganz ohne Alkohol. Ehe er sich versah, hatte er den Krug in einem Zug geleert.

Als er ihn absetzte, sah er Rodneys erstaunten Ausdruck – er hatte seinen Krug noch nicht einmal berührt und betrachtete ihn, als ob ein giftiges Insekt darin schwimmen würde.

„Trink, Rodney. Auch wenn man es als Bier bezeichnet, ist es ohne Alkohol. Ich habe nicht vor, mich zu betrinken."

Grinsend beobachtete John, wie sein Freund den Krug hob, erst misstrauisch daran roch und dann daran nippte – um ihn nach einem seligen Seufzer genau wie John in einem Zug zu leeren.

Er hatte das Glas noch nicht abgestellt, als Tom zwei volle Krüge vor ihnen absetzte.

„Lange nicht mehr hier gewesen."

Er wollte wohl mit ihnen ins Gespräch kommen. John beschloss, darauf einzugehen.

„Zu lange", bestätigte er dem Wirt. „Es ist über zehn Jahre her."

„Nach dem Krieg sind viele weggegangen. Ich bin zu alt, sonst hätte ich es auch getan. ‚Den Tropfenden Kessel' wollte ich auch nicht aufgeben."

Tom war einer derjenigen gewesen, die am längsten Voldemorts Terror widerstanden hatten. Was war los, dass er so unglücklich wirkte?

„Hat sich in den letzten Jahren viel verändert?"

„Nein", Tom schüttelte den Kopf. „Hier ticken die Uhren anders als bei den Muggeln. Viel langsamer. Das Ministerium hat kein Gesetz, das im Krieg erlassen wurde, außer Kraft gesetzt."

Das Blinzeln war eindeutig. Tom versuchte, ihm eine Warnung zukommen zu lassen, wie er es wahrscheinlich bei jedem Neuankömmling machte. John war sehr dankbar dafür. Es ersparte ihm, andere fragen zu müssen.

„Das Ministerium wird gute Gründe dafür haben", versuchte er, so neutral wie möglich zu antworten. Gleichzeitig verpasste er Rodney unterm Tisch einen leichten Tritt gegen das Schienbein, damit er gar nicht erst auf die Idee kam, sich in das Gespräch einzumischen.

„Ja, es gibt viele Gründe. Einige Todesser sind immer noch nicht gefasst und dann gibt es viele, die glauben, dass Harry Potter den dessen-Name-nicht-genannt-wird nicht endgültig umgebracht hat. Und es gibt Gerüchte, dass er zurückkehren wird."

„Wieso…"

Ein heftiger Tritt ließ Rodney aufstöhnen. John konnte nicht riskieren, dass er mit seiner Neugierde und Unwissenheit auffiel.

„Wissen Sie das nicht? Sind Sie muggelgeboren, oder machen Sie sich über mich lustig? Als Harry Potter den dessen-Name-nicht-genannt-werden-soll zum ersten Mal besiegte, hat er ihn nicht töten können, darauf ist der dessen-Name-alle-kennen für fast vierzehn Jahre verschwunden, nur um dann noch mächtiger wiederzukehren. Und jetzt sind zwölf Jahre vergangen und es fehlt der endgültige Beweis, dass er wirklich tot ist."

Es gab genug Beweise. Die Horkruxe, die Harry Potter gefunden und vernichtet hatte, dass sowohl seine Narbe als auch sämtliche dunklen Male der Todesser verschwunden waren und noch viel mehr. Aber für das Ministerium war es auf diese Weise einfacher, die Menschen unter Kontrolle zu halten.

„Ja, ich bin muggelgeboren", gab Rodney zu. „Und frage mich gerade, warum ich seiner Bitte", damit deutete er auf John, „entsprochen habe."

Er stockte, wusste nicht genau, was er sagen sollte. Jetzt sprang John ein.

„Ich habe ihn gebeten, mich zu begleiten. Ich möchte für meine schwangere Frau einige dieser magischen Tränke besorgen."

„Sie hat eine Risikoschwangerschaft", spann Rodney den Faden weiter. „Und er will ihr helfen. Mich hat er mit reingezogen, obwohl ich mit dieser verrückten Welt nichts zu tun haben will."

Es hörte sich sehr überzeugend an. Tom nickte nur und schien mit der Antwort zufrieden zu sein.

„Dann passt auf euch auf. Geht nur nach Gringotts und zur Apotheke. Kommt danach direkt wieder zurück. Und geht den Auroren aus dem Weg – besonders den jungen, die den Krieg nicht kennen. Vor einem halben Jahr haben sie den letzten Todesser erwischt und sie brauchen neue Sündenbocke."

Der alte Wirt war erstaunlich offen.

Dankbar lächelte John ihn an, denn jetzt wusste er, wie er sich verhalten musste.

„Danke, wir wissen den Rat zu schätzen."

„Dann kann ich mich ja meinen anderen Gästen widmen. Meldet euch, wenn ihr noch ein Bier wollt."

Nachdem Tom weg war, schaute John seinen Freund vorwurfsvoll an. Auf eine Risikoschwangerschaft konnte nur Rodney kommen. Dieser hob entschuldigend die Hände.

Alles in allem war es eine gute Idee gewesen, im ‚Tropfenden Kessel' einzukehren. John hatte einen groben Überblick über die politische Situation und wusste nun, wie er es vermeiden konnte aufzufallen

Dabei war er ganz und gar nicht zufrieden mit der Entwicklung der magischen Welt. Als er sie zum ersten Mal betreten hatte, war es eine Welt, in dem ein Ministerium existierte, aber irgendwie von allen Menschen ignoriert wurde. Niemand wollte wirklich mit den Beamten zu tun haben. Und jetzt war die Zauberwelt ein Polizeistaat, nein, Aurorenstaat.

Snape zu kontaktieren, war jetzt mit einem Risiko verbunden, schließlich war bekannt, dass er auch mal zu Voldemorts Anhängern gehört hatte, und John bezweifelte, dass man ihm verziehen hatte.

Nachdenklich und schweigsam trank er sein Bier aus. Dann blickte er zu Rodney. Sein Krug war auch leer und ihm war die Ungeduld anzusehen.

John stand auf, warf einige Münzen auf den Tisch und ging in den Hinterhof. Direkt neben den Mülltonnen blieb er stehen. Er konnte direkt auf die Steine blicken, die er als Kind mit seinem Zauberstab berührt hatte, um in die Winkelgasse zu kommen.

Wie zum Teufel sollte er die Mauer öffnen, wenn er keinen Zauberstab hatte?

So würden sie warten müssen, bis ein anderer Zauberer die Winkelgasse betrat oder verließ. Mit einem ungeduldigen Rodney an seiner Seite, war jede verlorene Minute die Hölle.

„Was ist los, John, warum stehen wir jetzt rum?"

„Weil ich keinen Zauberstab habe, um das Tor zur Winkelgasse zu öffnen. Ich habe einfach nicht daran gedacht, dass ich den brauche. Verdammt!"

Erstaunlicherweise regte Rodney sich nicht auf.

„Darf ich?"

Ohne eine Antwort zu erwarten, schob sich der Wissenschaftler an John vorbei und tastete die Wand Ziegel für Ziegel ab. Dann holte er aus seinem Rucksack das Laptop und untersuchte die Mauer. Dabei tippte er die Informationen ein und machte einige Kalkulationen..

John war einen Schritt zur Seite gewichen und sah ihm zu, glaubte aber nicht, dass Rodney etwas herausfinden könnte.

„Hab' dich!"

Nicht zum ersten Mal wurde er von dem Wissenschaftler überrascht.

Zufrieden packte Rodney sein Laptop weg.

Dann blickte er die Wand an, schloss seine Augen und konzentrierte sich.

Zuerst passierte gar nichts, doch als John zu einem bissigen Kommentar ansetzen wollte, bewegten sich die ersten Steine – irgendwie widerwillig, aber sie wichen zur Seite und gaben den Weg zur Winkelgasse frei.

„Wie hast du denn das geschafft?"

Mit stolz vorgereckter Brust marschierte Rodney durch den Eingang. John blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

Auf der anderen Seite blieb Rodney stehen, konzentrierte sich wieder und brachte die Steine dazu, erneut eine Mauer zu bilden. Triumphierend sah er John an.

„Was sagst du dazu?"

„Dass du ein Genie bist. Und wenn du mir jetzt verrätst, wie du es geschafft hast, erstarre ich vor Ehrfurcht."

Spöttisch blickte John Rodney an.

„Danke. Hey, ich habe nicht mehr lang zu leben. Statt mich aufzubauen und zu motivieren, ziehst du mich gerade runter."

Ein tiefes Seufzen war Johns einzige Antwort.

„Ist ja schon gut. Es gibt viele Sachen, die auf Atlantis nicht erschöpfend erforscht sind. Und noch mehr Sachen, von denen wir noch nicht mal eine Ahnung haben, wie sie überhaupt funktionieren. Aber jeder Neuankömmling schafft es, sich mindestens einmal gründlich zu verlaufen und zig mal in irgendwelchen Räumen festzustecken, weil er nicht in der Lage ist, die Türen mit einem geistigen Befehl zu öffnen. Und weist du, wer meistens zur Befreiung anrücken musste?"

„Lass mich raten. Zelenka?"

„Der auch, und ich. Und ich kenne inzwischen jeden verdammten Trick, um die Antikertechnologie zu überlisten, damit ich eine Tür öffnen kann. Das Tor funktioniert genau so. Nur ist es getarnt und sieht wie eine Mauer aus. Ich musste mich nur entsprechend konzentrieren und es funktionierte."

Das konnte John nicht auf sich sitzen lassen. Er trat vor die Mauer, schloss seine Augen und konzentrierte sich. Dann versuchte er, die Mauer mit seinem Geist zu ertasten. Rodney hatte Recht. Es war einfach, fast schon zu einfach. Er sandte einen kurzen Impuls aus und hörte das Knirschen, als die Steine zur Seite wichen. Bevor das Tor ganz geöffnet war, kehrte John den Befehl um. Auch das funktionierte.

„Wow. Das ist klasse. Gut gemacht, McKay. Jetzt lass uns gehen, wir müssen Geld tauschen."

John drehte sich um und blickte auf die Winkelgasse.

Er fühlte sich plötzlich wieder wie ein kleiner Junge, der auszieht, um eine fantastische Welt zu erobern.

Alle Läden waren geöffnet, überall konnte man die bunten, glitzernden Schaufensterauslagen, mit Zauberbüchern, Zaubertrankzutaten und Kesseln sehen. Selbst die Modegeschäfte schienen zu glitzern.

„Oh, wow. Das ist doch was anderes."

„Stimmt. Du fasst nichts an und untersuchst auch nichts. Wir gehen erst nach Gringotts und tauschen Geld."

„Und wo ist Gringotts?"

„Siehst du da hinten den weißen Turm?"

John zeigte in die Richtung.

„Du meinst am anderen Ende der Gasse?"

„Yep. Das ist Gringotts."

„Anschließend starten wir unsere Suche?"

„Ich hoffe, dass mir die Kobolde schon Auskunft geben können. Ansonsten werden wir uns bei Ollivander Zauberstäbe besorgen und dann mit der Suche beginnen. Komm, ich will hier weg sein, bevor es dämmert."

Sie waren erst einige Schritte gegangen, als sie angesprochen wurden.

„Dürfen wir Ihre Zauberstäbe sehen, Sirs?"

Die Stimme klang sehr dienstlich. John blieb stehen, darauf achtend, seine Hände möglichst weit von den Manteltaschen fernzuhalten und drehte sich um.

Es waren die beiden Zauberer, die sie auch schon im ‚Tropfenden Kessel' beobachtet hatten. So wie sie sich bewegten, waren es eindeutig Auroren – zu jung, um im Krieg gekämpft zu haben.

„Es tut mir leid, wir haben keine Zauberstäbe."

John versuchte ruhig zu bleiben. Streit führte nur zu Ärger und er hatte keine Lust, in Askaban zu landen – auch wenn es keine Dementoren mehr gab.

„Das ist der dümmste Witz, den ich seit langem gehört habe. Wie haben Sie die Winkelgasse ohne Zauberstab betreten können?"

Dass es auch ohne ging, schienen sie nicht zu wissen.

„Ich persönlich glaube, dass Sie ihren Stab nicht vorzeigen wollen, weil wir mit einem ‚Prior Incantatem' sehen können, dass sie verbotene Zauber gewirkt haben. Sie sind Todesser!"

Das war ganz übel. Toms Warnung war berechtigt gewesen.

„Wissen Sie, es gibt da einige recht interessante Theorien, die ich Ihnen gerne erklären würde. Allerdings würde das einige Stunden dauern und zudem ist es auch fraglich, ob Sie es verstehen würden."

Rodney hatte das Gespräch an sich gezogen. Und während er die beiden Auroren provozierte, bewegte er sich zwei Schritte zur Seite. Er war zum selben Schluss gekommen und sah seine Aktion wohl als Ablenkungsmanöver.

„Ach, wollen Sie uns etwa sagen, dass wir dumm sind?"

Es funktionierte sogar. Und damit bewiesen die Auroren, dass sie wirklich nicht mit Intelligenz gesegnet waren.

„Nein, nein", abwehrend hob Rodney seine Hände. „Es ist nur so, dass es mich mehrere Forschungsjahre gekostet hat, um diese Theorie aufzusetzen."

„Er redet wie ein Muggel. Der will uns nur verwirren."

Es gab nur eine Möglichkeit, zu verhindern, dass man sie festnahm. John war es egal, dass es eigentlich schwarze Magie war.

Er konzentrierte sich und wandte zuerst 'Legilimens' in Kombination mit einem 'Obliviate' bei dem einem, dann bei dem anderen Auror an. Es hatte wirklich Vorteile, weder einen Zauberstab zu schwingen, noch den Zauber laut aussprechen zu müssen. So konnte der die beiden überwältigen, ohne dass sie merkten, überhaupt angegriffen worden zu sein. Als er sicher war, sie unter Kontrolle zu haben, gab er ihnen die entsprechenden Befehle.

„Ihr braucht unsere Zauberstäbe nicht zu sehen."

Der Ältere – wohl der Anführer – drehte sich zu seinem Kollegen und sprach mit ihm.

„Wir brauchen ihre Zauberstäbe nicht zu sehen."

„Wir sind nicht die Zauberer, die ihr sucht."

„Das sind nicht die Zauberer, die wir suchen."

„Wir können passieren."

„Sie können passieren."

„Weiterfahren."

„Weiterfahren."

Jetzt drehte sich der Auror zu John und wiederholte den Befehl.

„Weiterfahren."

John nickte, packte den verdutzten Rodney an der Schulter und ging weiter. Dabei manipulierte er das Gedächtnis der Auroren mit einem 'Amnesia', so dass sie den Vorfall vergaßen. Dann unterbrach er den geistigen Kontakt.

Kurz darauf tauchten sie in der Menschenmenge, die in der Winkelgasse ihre Einkäufe tätigte, unter.

„Was war das?"

Rodneys Frage war nicht unberechtigt.

„Ich habe sie geblitzdingst", war Johns lakonische Antwort.

„Und Obi Wan lässt grüßen. Du hast den Dialog wortwörtlich übernommen. Das mit dem Weiterfahren passte absolut nicht hierhin."

„Tut mir leid, mir fiel auf die Schnelle nichts Besseres ein."

„Und mich hast du in dem Moment an den Rand eines Herzinfarktes gebracht. Ich habe nur noch vierundzwanzig Tage und will sie auch auskosten."

John rechnete schon mit einer längeren Beschwerde, aber die kam nicht. Zur Seite blickend bemerkte er, dass sich Rodney mit einem sehr erstaunten Gesichtsausdruck umsah. Dass die Kinnlade nicht den Boden erreichte, war fast schon ein Wunder.

„McKay, mach den Mund zu. Wir fallen sonst auf."

„Es ist fantastisch. Ich sehe Dinge, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Schau mal da drüben." Rodney deutete auf die Auslage von ‚Weasleys Zauberhaften Zauberscherzen'.

„Wenn du noch Freude am Leben haben willst, dann bleibst du diesem Laden fern. Die Weasley-Zwillinge vertreiben Scherzartikel der übelsten Sorte. Ganz nebenbei beliefern sie auch noch das Ministerium mit den verschiedensten Entwicklungen im Bereich der ‚Verteidigung gegen die dunklen Künste.'"

„Das hört sich nach ganz üblen Burschen an."

„Für ihre Lehrer waren sie auch die Pest." John grinste. „Aber sie gehörten zu meinen besten Freunden. Bevor ich die magische Welt verließ, hatten sie einige Großaufträge vom Ministerium bekommen, um die Auroren auszurüsten. Sie verdienten daran viel Geld und ich weiß nicht, ob sie noch für das Ministerium arbeiten und ob ich ihnen jetzt noch trauen kann. Es sind zu viele Jahre vergangen." John zuckte mit den Achseln „Komm, lass uns weiter gehen."

John schaffte es, Rodney davon abzuhalten, auch nur ein Geschäft zu betreten und so erreichten sie kurz darauf Gringotts. Das schneeweiße Hochhaus war zwar nicht so groß wie die Wolkenkratzer auf Manhattan, aber durch die die fast schon blendende Farbe und das große Bronzetor war es beeindruckend.

John ließ Rodney etwas Zeit, das Tor und die dahinterliegende silberne Doppeltür zu betrachten, dann gingen sie in die große Eingangshalle.

Es war recht ruhig. Nur wenige Kunden standen an den Schaltern an und noch weniger Kobolde waren zu sehen.

„Sehen hier die Bankiers immer so seltsam aus?"

„Yep, es sind halt Kobolde. Absolut zuverlässig und vertrauenswürdig."

„Dann sollten wir uns anstellen, wir haben keine Zeit zu verlieren."

Doch bevor sie sich in einer Schlange einreihen konnte, wurden sie von einem kleinen, sehr alten Kobold abgefangen. Er deutete eine Verbeugung an und begleitete sie in ein Büro.

John und Rodney blickten sich nur an, bevor sie ihm folgten.

Erst als die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte, sprach der Kobold sie an.

„Es tut mir leid, dass ich Sie so abpassen musste. Die magische Welt hat sich seit Ihrer Abreise bedauerlicherweise nicht verändert."

„Sie wissen, wer wir sind?" Rodney konnte seinen Mund nicht halten.

„Ich weiß nicht, wer Sie sind. Aber Harry Potter habe ich erkannt. Seit seiner Kindheit war ich für sein Verließ verantwortlich und habe auch nach seinem Wechsel in die Muggelwelt seine Finanzen überwacht. Zudem hatte ich die Möglichkeit, seine militärische Laufbahn zu verfolgen. Es hat mich sehr traurig gestimmt, dass er in ein geheimes Projekt versetzt wurde und er in den letzten zwei Jahren nicht ein Mal seine Kreditkarte verwendet hat. Ich konnte mir noch nicht einmal mehr sicher sein, ob er noch lebte. Sie können sich aber vorstellen, wie erfreut ich war, als ich feststellte, dass er vor einigen Tagen einen Flug nach London gebucht hatte. Seitdem warte ich darauf, dass er hierher kommt."

Irgendwie war John von dieser Eröffnung nicht überrascht. Kobolde wussten schon immer mehr als Menschen. Aber scheinbar wussten sie weder über das Stargateprojekt noch über Atlantis Bescheid.

„Ich habe aber nicht vor, lange zu bleiben. Ich bin nur auf der Suche nach einem Zaubertrankmeister, der nicht nur den Wolfsbanntrank brauen, sondern ihn auch noch modifizieren kann."

Der Kobold musterte Rodney, nickte dann verstehend mit dem Kopf.

„Damocles Belby, der den Wolfsbanntrank entwickelt hat, ist leider letztes Jahr gestorben. Er wird Ihnen nicht helfen können."

„An ihn hatte ich auch gar nicht gedacht, sondern an Severus Snape."

Der Kobold dachte kurz nach, dann nickte er.

„Er ist eine gute Wahl. Ein Meister seines Faches. Und seit er verheiratet ist, ist er sogar fast schon umgänglich. Doch es wird nicht einfach sein, ihn zu kontaktieren. Das Ministerium überwacht ihn nicht nur mit einem magischen Auge. Seltsamerweise wird er verdächtigt, politische Ambitionen zu haben. Man glaubt, dass er der Kopf einer Widerstandsbewegung ist. Ich dagegen sage, dass seine Frau die treibende Kraft ist und er nur ihr zuliebe mitmacht."

„Wer ist denn die Glückliche?"

Rodneys Sarkasmus wirkte irgendwie unangebracht.

„Hermine Granger."

Das saß. John hatte mit vielem gerechnet, nur nicht, dass Hermine zurückgekehrt war und dann ausgerechnet Snape geheiratet hatte. Die Fledermaus.

„Hermine lebt noch in der magischen Welt?"

„Sie ist ein halbes Jahr nach Voldemorts Tod zurückgekehrt. Es war nicht einfach, aber Professor Snape hat sie als Schülerin angenommen und sie ist jetzt Tränkemeister."

„Könntet ihr mich bitte aufklären, wer Hermine Granger ist?"

So viel John Rodney auch über sein Leben erzählt hatte, über Hermine hatte er nie ein Wort verloren.

„Hermine ist brillant. So wie du im Bereich der Astrophysik. Nur dass sie den gesamten magischen Bereich abdeckt. Sie war lange Zeit meine beste Freundin."

Mehr wollte John nicht erzählen, Rodney hakte auch nicht weiter nach, doch sein Blick machte deutlich, dass das Thema noch nicht durch war.

„Ich kann Ihnen leider nicht soviel Zeit widmen, wie ich möchte, denn auch Gringotts wird vom Ministerium überwacht. Dies ist einer der wenigen Räume, die sie nicht abhören können, aber wenn wir zu lange hier bleiben, werden sie misstrauisch."

„Das kann ich verstehen. Wie viel Geld kann ich umtauschen?"

„Sie haben bei uns unbegrenzten Kredit. Ich denke, dass tausend Galleonen für den Anfang angemessen sind. Wenn Sie noch mehr brauchen, dann brauchen Sie uns nur aufzusuchen."

Das waren etwa neuntausend Dollar. Sehr viel Geld und kein Kobold gab es ohne Grund aus.

„Was wollen Sie von mir? Sie haben doch irgendwelche Hintergedanken."

„Nur die Hoffnung eines alten Mannes, dass Harry Potter es schafft, ein zweites Mal unsere Welt zu retten."

„Ich soll diese Welt retten?" Wütend stand John auf. „Geben Sie mir einen guten Grund, warum ich es ein zweites Mal machen soll?"

„Weil es ihre Heimat ist?", kam die ruhige Antwort.

„Diese Gesellschaft ist alles, aber garantiert nicht meine Heimat. Ich bin hier sieben Jahre zur Schule gegangen, habe Voldemort vernichtet und fast all meine Freunde verloren. Es gibt nichts, was mich hier hält. Meine Heimat ist dort, wo ich gerade herkomme. Und dass ich die magische Welt einmal gerettet habe, ist mehr als genug. Jetzt müssen sich die Zauberer selber retten. Haben Sie das verstanden?"

Die Ohren des Kobolds sanken ein kleines Stück nach unten.

„Dann muss ich diese Hoffnung begraben. Aber bitte nehmen Sie trotzdem das Geld. Wenn Sie es wünschen, werde ich den entsprechenden Betrag von Ihrem Konto abbuchen, damit Sie sich zu nichts verpflichtet fühlen."

„Ja, das ist mir lieber. Sie kennen meine Kontonummer?"

„Ich habe es damals höchstpersönlich eingerichtet und ich vergesse keine Zahlenkombination", kam die entrüstete Antwort.

John konnte den Wunsch des alten Kobolds verstehen, war aber nicht bereit, ihm und der ganzen Zauberwelt zu helfen. Er wollte wieder zurück nach Atlantis, dort brauchte man ihn mindestens genauso sehr.

„Aber Sie müssen mir den Empfang des Geldes noch bestätigen."

Damit reichte er John ein Pergament, auf dem stand, dass er tausend Galleonen abgehoben hatte. Irgendwie misstraute John dem Kobold. Es konnte nicht sein, dass er so einfach aufgab – diese Rasse war nicht umsonst die reichste der magischen Welt. Sie waren unheimlich gerissen.

Doch das Pergament schien nicht verzaubert zu sein.

„Wenn Sie schon mir persönlich nicht trauen, dann vertrauen Sie bitte meinem Ruf als Bankier, dass ich nicht versuchen werde, Sie hier und jetzt zu betrügen. Das ist unter meiner Würde."

Nach einem Moment des Nachdenkens stimmte John zu, nahm sich eine Feder und unterschrieb. Als er dem Kobold das Pergament zurückgab, reichte dieser ihm im Austausch einen großen, schweren Beutel. Da es keine Scheine gab, hatten sie ein gutes Gewicht zu tragen.

„Danke für Ihre Hilfe, auch wenn ich Ihre Hoffnung nicht erfüllen kann. Können Sie mir sagen, wo ich Professor Snape finden kann?"

„Dort wo er schon immer war. Auf Hogwarts. Er ist inzwischen stellvertretender Direktor und hätte er nicht den Ruf, ein ehemaliger Todesser zu sein, wäre er sogar ein angesehener Mann. So fürchtet man ihn. Wenn Sie nicht apparieren wollen, empfehle ich Ihnen, morgen früh um sieben Uhr den Zug nach Hogsmeade zu nehmen. Am späten Nachmittag werden Sie dann Hogwarts erreicht haben."

„Snape wollte nie ein angesehener Mann sein. Sonst könnten seine Schüler ja denken, er hätte doch noch ein Herz. Es hört sich nach einer guten Idee an, den Zug zu nehmen. Komm, Rodney, wir müssen noch einige Besorgungen machen. Morgen werden wir dann Hogwarts einen Besuch abstatten."

„Also gehen wir jetzt Zauberstäbe kaufen. Wo finden wir die?"

„Es ist nicht weit weg. Wir müssen nur einige Häuser zurück."

„Das ist gut. Mit dem Gewicht, das ich jetzt mit mir rumtrage, komm ich nicht weit. Was hältst du eigentlich von Arbeitsteilung?"

John wusste genau, was sein Freund wollte, aber er gab vor, ihn mißzuverstehen.

„Du willst gleichberechtigt für unsere Sicherheit sorgen? Das ist toll!"

Ohne auf einen Kommentar zu warten, ging John los.

Ollivanders Geschäft hatte sich nicht verändert. Es war klein und unauffällig. Eine Glocke erklang, als sie eintraten, und kurz drauf erschien Herr Ollivander.

"Was kann ich für Sie tun, meine Herren? Wurde Ihr Zauberstab beschädigt und er muss repariert werden, oder möchten Sie eine ganz besondere Politur?"

„Weder noch", war Johns Antwort. „Wir benötigen zwei neue Zauberstäbe."

„Sie wissen, dass ich Zauberstäbe nur mit Genehmigung des Ministeriums an Erwachsene abgeben darf. Darf ich sie bitte haben?"

John begegnete Rodneys Blick. Dieses Dekret war erst nach Voldemorts Sturz erlassen worden. Zeit zu pokern.

„Welche Genehmigung brauche ich denn für einen elfzölligen Stab aus Stechpalme mit einer eingelassenen Phönixfeder?"

Die großen, blassen Augen des alten Mannes versuchten, John zu durchbohren. Doch er hielt diesem Blick mit einem Lächeln stand.

„Es gibt nur zwei Zauberer, die so einen Stab benutzt haben. Und ich bezweifle, dass der dunkle Lord mein Geschäft wie ein ganz gewöhnlicher Kunde betreten würde. Das ist nicht sein Stil. Bitte entschuldigen Sie mich, diese besondere Ware bewahre ich nicht hier im Verkaufsraum auf."

Ohne auf eine Antwort zu warten, verschwand Ollivander.

Mit einem unbehaglichen Gefühl blieb John zurück. Ollivander war zu Beginn seines sechsten Schuljahres verschwunden und erst nach Voldemorts Sturz zurückgekehrt. Niemand wusste, wohin er geflüchtet war, und es hatte mehr als nur ein Gerücht gegeben, dass er sich Voldemort angeschlossen hatte. Und wer Voldemort als ‚dunklen Lord' titulierte, war mehr als nur verdächtig.

Wenn er Pech hatte, würden im nächsten Augenblick einige Todesser - oder noch schlimmer, Auroren – in den Raum stürzen. John hörte im Nebenraum Ollivander einige Schachteln durchsuchen. Sonst gab es keine verdächtigen Geräusche.

Währenddessen lief Rodney in dem recht kleinen Raum unruhig auf und ab, nahm eine der unzähligen Schachteln in seine Hände, holte den darin liegenden Zauberstab heraus und musterte ihn misstrauisch. Dann nahm er ihn und schwang ihn. John erinnerte diese Bewegung an die Hexe in 'Merlin und Mim'.

Es geschah aber nichts. Seufzend packte Rodney den Stab wieder weg, drehte zwei weitere Runden vor der Theke und blieb an einem anderen Regal stehen. Dort nahm er einen anderen Zauberstab in die Hand und untersuchte ihn.

John rechnete damit, dass er jeden Moment seinen Scanner zücken würde. Stattdessen blickte Rodney hoch.

„Ich verstehe es nicht. Was soll an diesen Dingern so besonders sein, dass sie in der Lage sind, Magie zu verstärken?"

Ollivanders Schritte kündigten seine Rückkehr an.

„Jeder Stab ist etwas ganz Besonderes. Fast schon einzigartig. Aber nur mit ganz wenigen würden Sie zurecht kommen. Und mit viel Glück finden Sie hier einen Zauberstab, der vollständig mit Ihnen harmoniert."

Rodney – der nicht damit gerechnet hatte, dass der alte Mann antwortete - zuckte zusammen, als dieser seine Frage beantwortete, fing sich aber schnell wieder.

„Und wie finde ich diesen Stab? Das hier sind bestimmt an die tausend Schachteln, wenn nicht mehr."

„Der Stab wird Sie finden. Sehen Sie sich noch etwas um, berühren Sie die einzelnen Stäbe und Sie werden es merken, wenn Sie den Richtigen in der Hand halten."

„Das stimmt. Du kannst ihm vertrauen."

Unausgesprochen blieb, dass John ihm nur in dieser Hinsicht vertraute. Doch das verstand Rodney auch ohne Worte, dafür arbeiteten sie schon lange genug zusammen.

„Ich habe etwas für Sie."

Ollivander zog hinter seinem Rücken eine besonders hübsche Schachtel hervor, holte den Zauberstab heraus und legte ihn in Johns Hände. Fast schon atemlos betrachtete John den Stab. Glatt, geschmeidig und wie eine Verlängerung seiner Finger. Er fühlte, wie seine Kräfte gebündelt wurden.

„Er ist… fantastisch."

"Nachdem Sie damals unsere Welt verlassen hatten, brachte man Ihren zerstörten Stab zu mir. Reparieren konnte ich ihn nicht, doch Fawkes gab mir eine seiner Federn, um für Sie einen neuen zu fertigen. Wir haben immer gehofft, dass Sie zurückkehren würden."

Erst der Kobold in der Bank und jetzt Ollivander. Wieso hegten alle die Hoffnung, dass er zurückgekehrt war, um das Chaos zu beseitigen, das sie selbst geschaffen hatten?

Am liebsten hätte John ihm gesagt, dass sie ihre Ärsche gefälligst selbst aus der Scheiße rausziehen sollte, aber er konnte sich so gerade eben noch beherrschen.

„Ich bin nur auf der Durchreise und werde nicht lange bleiben. Für die politische Situation bin ich nicht verantwortlich, die haben sie selbst verursacht. Sie müssen sich einen anderen Dummen suchen, der den Held spielt."

Ollivander musterte ihn zweifelnd und ungläubig.

„John! Hilfe! Hey, was ist das?"

Rodneys Ausruf unterbrach die angespannte Stille. John drehte sich zu ihm und sah Funken aus der Spitze des Zauberstabes sprühen, mit dem Rodney gerade experimentierte.

„Gratuliere, Sie haben Ihren Stab gefunden. Das ging schnell. Zeigen Sie mir, bitte, wer Sie erwählt hat."

So schnell, wie Rodney den Stab abgab, fühlte er sich mehr als unbehaglich damit.

„Faszinierend. Dieser Stab ist vor langer Zeit von meinem Urgroßvater gefertigt worden. Mit zehn Zoll Länge ist er sehr kurz, aber durch die Kombination von Eibenholz mit einem Kern aus den Barthaaren eines Ungarischen Hornschwanzes extrem kraftvoll. Ich hätte nicht gedacht, dass ich ihn verkaufen würde."

„Dann ist er genau so ungewöhnlich wie sein neuer Besitzer. Was schulden wir Ihnen für die beiden Stäbe?"

Ollivander überlegte kurz.

„Ich muss meine Bücher dem Ministerium vorlegen. Deswegen werde ich Ihnen eine aufwendige Reparatur und eine Wartung berechnen."

Als John ihm widersprechen wollte, hob er abwehrend die Hände.

„Sie werden es akzeptieren müssen, wenn Sie verhindern wollen, dass ich Schwierigkeiten bekomme."

John wusste, wann er verloren hatte – er hatte das dumme Gefühl Ollivander etwas schuldig zu sein, etwas was er gar nicht wollte - und steckte seinen Stab ein. Er würde sich noch eine sichere Halterung basteln müssen.

„Gut, wie Sie wünschen. Was müssen wir bezahlen?"

„Da ich immer bei Erwachsenen einen anderen Tarif abrechne als bei Kindern, wird es nicht auffallen, wenn ich für die Reparatur des einen Stabes 200 Galleonen und für die Wartung des andern 125 Galleonen berechne."

Durch Johns Erklärungen kannte Rodney den Wert eines Galleonen.

„So teuer?"

Doch Ollivander konnte es gut erklären.

„Die Politur besteht unter anderem aus einem Extrakt aus Einhornmilch. Und es gibt nur ganz wenige Einhörner, die sich melken lassen. Sie können sich sicherlich denken, dass ich diese Politur nur sehr selten verkaufe, aber es gibt sie wirklich. Sie scheinen noch nicht viel Erfahrung im Umgang mit Zauberstäben zu haben. Wäre es Ihnen recht, wenn ich den Stab einpacke?"

„Ja, ich denke, dass ich noch viel lernen muss, bevor ich mit diesem Ding auf die Menschheit losgelassen werden kann.", zeigte Rodney überraschend viel Einsicht.

„Sie werden einen guten Lehrer haben."

Kopfschüttelnd nahm Rodney die Schachtel in Empfang, sagte aber nichts.

Währenddessen hatte John den Rucksack geöffnet, den Geldbeutel rausgeholt und den Betrag abgezählt. Die goldenen Münzen reflektierten das spärliche Licht mit einem matten Schein.

Ollivander nahm das Geld entgegen und schob es ohne nachzuzählen in eine Schublade unter dem Tresen.

„Es war mir eine Freude, Ihnen weiterzuhelfen. Bitte denken Sie über mein Anliegen noch einmal nach."

Es gab Menschen, die nicht aufgaben, Ollivander gehörte offensichtlich dazu, doch John hob abwehrend seine Hände.

„Ich brauche gar nicht erst darüber nachzudenken. Meine Antwort lautet Nein."

„Dann bedenken Sie, dass das Ministerium Ihnen vielleicht gar keine andere Wahl lässt. Rufus Scrimgeour ist immer noch Minister und Dolores Umbridge ist seine Stellvertreterin. Beide versuchen ständig, Ihren Ruf in den Dreck zu ziehen."

„Das ist mir egal. Mich interessiert diese Welt nicht mehr. Ich bin nicht lange hier. Bitte versuchen Sie nicht weiter, mich zu überzeugen, ich will Sie nicht in schlechter Erinnerung behalten."

„Sie verstehen es, einen alten, sentimentalen Mann zum Schweigen zu bringen."

John schluckte einen sarkastischen Kommentar runter.

„Danke, dass Sie mir trotzdem geholfen haben. Komm, Rodney, wir müssen los."

Mit einem Nicken verabschiedete sich John von Ollivander und verließ das Geschäft, dicht gefolgt von Rodney.