London
Die Winkelgasse verließen sie dort, wo sie sie auch betreten hatten. Um den Durchgang in der Mauer zu öffnen, benutzte John zum ersten Mal seinen Zauberstab. Er brauchte sich noch nicht einmal zu konzentrieren. Seine Kräfte wurden so gebündelt, dass er den Stab nur auf die Mauer zu richten brauchte, damit sich die Steine wie von selbst bewegten. Es war ein Kinderspiel.
Im Tropfenden Kessel stand Tom hinter der Theke und polierte Gläser. Doch bevor er sie ansprechen konnte, winkte John ab und ging zielstrebig zum Ausgang. Neugierige Fragen – auch wenn sie noch so gut gemeint waren – konnte er jetzt nicht brauchen.
Wieder im nichtmagischen London angekommen, versuchte John, ihre Spuren zu verwischen, und so war es sehr spät, bis sie ihre Sachen aus den Schließfächern geholt und ein vernünftiges Hotel in der Nähe von King's Cross gefunden hatten.
Als John die Zimmertür hinter sich geschlossen hatte, atmete er tief durch. Er hatte jetzt eine halbe Stunde für sich. Ohne Rodneys Stimme als Hintergrundgeräusch. Der hatte die ganze Zeit genörgelt, weil der Zug zu voll war, die Menschen zu laut waren und überhaupt. John hatte es einfach ignoriert.
John wollte erst unter die Dusche gehen. Danach wollte er planen, wie er sich auf Hogwarts verhalten sollte. Dass Hermine mit Snape verheiratet war, hatte alles durcheinander geworfen.
Sie war seine beste Freundin gewesen. Immer für ihn da.
Nach Ginnys Tod war sie diejenige gewesen, die versucht hatte, ihn zu trösten. Doch damals hatte er keinen Trost sondern Rache gesucht und sie abgewiesen.
Als Ron in der letzten Schlacht umgekommen war, da wollte John Hermine trösten. Aber es war nicht möglich gewesen, weil er schwer verletzt im Krankenhaus gelegen hatte und sie aus der magischen Welt geflüchtet war.
Später - nach seiner Entscheidung, ein neues Leben zu beginnen, hatte er nie versucht, sie zu finden, weil er einfach nur vergessen wollte. Bei der Air Force hatte man ihn so beansprucht und gefördert, dass er noch nicht einmal Zeit gehabt hatte, über seine Vergangenheit nachzudenken.
Erst als er in Antarktika vor dem Antikerstuhl stand, wurde sie ihm wieder bewusst. Wider besseres Wissen wurde die Neugierde zu groß und er hatte sich auf den Stuhl gesetzt. Es hatte sich anders angefühlt. Anders und doch vertraut.
Als General O'Neill ihn dann aufgefordert hatte, nach Atlantis zu gehen, da hatte John mit sich gerungen. Wenn er ging, musste er seine Kräfte einsetzen, die er nie wieder hatte nutzen wollen. Er hatte sich selbst mit dem Argument überzeugt, dass es nicht der Magie gleichzusetzen war, weil er keinen Zauberstab schwingen und keine Beschwörungen aufsagen musste.
Es war die Möglichkeit, weiter weg zu kommen, als er jemals gehofft hatte. Nachdem er in Atlantis angekommen war und feststellte, dass es Raumschiffe gab, mit denen er das All erkunden konnte, war es die Erfüllung eines alten Traumes gewesen. Nichts schien weiter weg als die magische Welt.
Und doch war er wieder auf der Erde, in London, und morgen würde er mit dem Hogwarts-Express zurückkehren. Er würde Hermine wiedersehen.
Ein Klopfen an der Tür riss John aus seinen Gedanken. Er hatte es wirklich geschafft, eine halbe Stunde am Fenster zu stehen und zu grübeln.
„Ja, bitte?"
„Ich bin's!"
„Moment."
John schloss die Tür auf und ließ seinen Freund herein. Der hatte die Zeit genutzt und geduscht.
„Wollten wir nicht los? Ich verhungere!"
„Lass mir einige Minuten, ich spring noch unter die Dusche und dann können wir starten. Und fang nicht an zu meckern, sonst lass ich mir extra viel Zeit."
Rodney sah ihn an, schluckte einen Kommentar runter und setzte sich aufs Bett.
John ging ins Bad. Beim Abtrocknen stellte er fest, dass er vergessen hatte, sich neue Kleidung zu besorgen. Da er keinen Zauber anwenden wollte, zog er die verschwitzten Sachen noch einmal an.
Als er das Bad verließ, rubbelte er noch mit einem Handtuch seine Haare trocken.
„Wieso hast du das größere Zimmer?"
„Weil du dich für den anderen Schlüssel entschieden hast, außerdem bin ich dein Vorgesetzter und habe ein Recht auf ein größeres Zimmer. Was ist los?"
Rodney sah so aus, als ob er über etwas nachgedacht hatte.
„Warum bleiben wir nicht hier und bestellen das Essen beim Zimmerservice. Ich habe sowieso genug davon, mich in der Öffentlichkeit zu bewegen und jedes Wort auf die Goldwaage zu legen."
„Das hört sich nach einem vernünftigen Plan an."
„Dieses Attribut hätte ich nicht gewählt, aber deine Zustimmung reicht mir schon."
„Wie du meinst, McKay. Ich habe im Moment keine Lust, mich mit dir zu streiten. Dann rufst du den Zimmerservice."
„Wieso ich? Es ist dein Zimmer und ich bin nicht deine Telefonistin. Du kannst es genauso gut."
Jetzt reichte es John. Er warf das Handtuch nach Rodney, doch der fing es auf und grinste herausfordernd.
„Tut mir leid, Colonel Sheppard. Das Training der letzten Monate war nicht umsonst. Aber ich gehorche gerne Ihren Befehlen. Was wünschen Sie zu essen? Chinesisch, indisch, türkisch oder arabisch?"
Wann hatte Rodney das letzte Mal wie ein Lausbub gegrinst?
„Ich habe Lust auf ganz normales Essen. Irgendwas mit Pommes und Steak. Das hätte ich gerne medium."
Und bevor sein Freund noch irgendetwas sagen konnte, ging John noch einmal ins Bad, um das Handtuch wegzubringen.
Als er zurückkam hatte Rodney es sich gemütlich gemacht. Er lag ausgestreckt auf dem Bett und las gerade die die Titelseite einer Zeitung
„Das Essen kommt gleich. Ich hoffe, es ist dir Recht, wenn ich dir ein fünfhundert Gramm Steak bestellt habe, auf Holzkohle gegrillt."
„Klasse, ich habe wirklich Hunger. Wenn du willst, können wir Zimmer tauschen."
„Lass gut sein. Wir müssen reden."
Rodney wirkte sehr ernst. John konnte es verstehen. Der Besuch in der Winkelgasse musste noch verarbeitet werden.
„Ja, das müssen wir. Aber bitte nach dem Essen."
„Hast du Angst, dass es dir den Appetit verdirbt?"
„Nichts verdirbt mir den Appetit, aber der Genuss wird dann verloren gehen. Und es wäre schade um das erste Rindersteak, das ich seit einer Ewigkeit auf meinem Teller habe."
Ein leises Klopfen unterbrach ihr Gespräch. Es war der Zimmerservice. Schnell war der Tisch in der Ecke des Raumes gedeckt und fast genauso schnell fielen sie über das Essen her.
Die Kantine auf Atlantis war nicht wirklich schlecht, aber so ein frisches Steak war doch etwas ganz anderes.
Als der Teller leer war, lehnte John sich satt und zufrieden zurück. Rodney war noch nicht fertig, da er sich auch einen Nachtisch bestellt hatte, den er gerade mit Genuss verzehrte.
„Warum sehen alle in dir den Retter ihrer Welt? Du hast mir erzählt, dass du als Jugendlicher Voldemort zur Strecke gebracht hast. Warum haben denn alle noch soviel Angst vor diesem Kerl?"
„Ich weiß es nicht", war Johns ehrliche Antwort. „Ich habe in der Hinsicht die Zauberer nie verstanden und werde sie wohl auch nie verstehen. Ich habe nur den Mann besiegt, der durch seine Taten meine Kindheit zerstört hatte. Gut, er hatte großes magisches Potential und kannte auch die schwärzesten Zauber. Aber ich konnte ihn besiegen, obwohl ich noch nicht viel Kampferfahrung hatte. Aber die magische Welt hat etwas Anderes daraus gemacht. Du hättest den Starkult erleben müssen, den sie nach dem Krieg um mich aufbauten. Schlimmer als bei einer Boygroup. Dabei wollte ich nur in Ruhe mein eigenes Leben leben. Vergessen, dass durch diesen gottverdammten Krieg fast all meine Freunde gestorben sind. Aber man hat es nicht zugelassen. Und das war einer der Gründe, warum ich gegangen bin."
Rodney blieb still, gab noch nicht einmal einen sarkastischen Kommentar von sich und wartete, bis John weitersprach.
„Ich weiß nicht, welche Hoffnungen ich hatte, als ich heute die Winkelgasse betrat. Auf der einen Seite ist es wesentlich besser gelaufen, als ich gehofft habe, auf der anderen Seite war es katastrophal."
„Du meinst die politische Entwicklung? Die scheinen sich ja einen netten Polizeistaat aufgebaut zu haben."
„Nein", John schüttelte den Kopf. „Das war zu erwarten gewesen. Mich hat es jedenfalls nicht wirklich überrascht. Ich meine die Tatsache, dass man in mir so was wie einen Messias sieht, der wiederkehrt, um alles in Ordnung zu bringen. Ich bin kein Messias und auch kein Luke Skywalker."
Er stand auf und ging unruhig auf und ab. Rodney blieb sitzen, verfolgte mit seinen Augen jede Bewegung, die John machte.
„Stimmt, dafür bist du nicht nett genug. Du bist eher Han Solo. Dein Flugstil hat schon gewisse Ähnlichkeiten."
„Danke, aber nein, danke. Es gibt hier noch nicht Mal eine Prinzessin als Belohnung. Und falls ich mich in die Politik einmischen sollte, wird man versuchen, mich zu verletzen. Und du wirst ihr erstes Ziel sein."
„Das wäre nicht das erste Mal. Ich bin halt nur der zerstreute, hilflose Wissenschaftler."
Rodney zuckte mit den Schultern.
„Der ein verdammt guter Schütze ist, alles repariert, was man ihm in die Finger drückt und bei Vollmond den Mond anheult. Und erwarte jetzt keine weiteren Komplimente von mir. McKay, ich lasse nicht zu, dass man meine Freunde angreift, um mir zu schaden. Wenn sie das machen, werden sie herausfinden, dass Voldemort im Vergleich zu mir ein Kleinkind war. Ich habe auf Atlantis mehr über meine Kräfte gelernt, als es den Zauberern lieb sein kann."
Stille. Rodney dachte offensichtlich über das eben Gehörte nach. John blieb am Fenster stehen. Der Himmel über London war nicht wirklich dunkel. Obwohl er wolkenlos war, konnte man nur wenige Sterne sehen, schon gar nicht die Pegasusgalaxie.
John befürchtete, dass es vielleicht doch keine gute Idee gewesen war, heimzukehren. Falls es gelang, für Rodney einen Wolfsbanntrank zu brauen, so konnte es sein, dass sein Freund anschließend von einem Auror oder Todesser umgebracht wurde.
„Was ich heute mit den beiden Auroren angestellt habe---"
„War absoluter Wahnsinn. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas möglich ist. Gibt es irgendeine Möglichkeit, das zu untersuchen? Überleg mal, wenn wir das mit den Wraith machen könnten! Wir könnten uns ungehindert in ihren Schiffen bewegen."
Die Begeisterung war unüberhörbar.
„Lass mich ausreden, Rodney. Es war Magie. Aber es ist die schwärzeste Magie, die du dir vorstellen kannst. Ich habe den Geist der beiden Männer manipuliert. Für so etwas wurde einem früher von den Dementoren die Seele ausgesaugt. Auch wenn eigentlich nichts das Aussaugen der Seele rechtfertigt, wüsste ich nicht, wie man so eine Tat anders ahnden sollte."
„Aber---"
„Kein Aber. Ich habe es gemacht, weil ich uns schützen wollte. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass es richtig ist. Und ich hasse die Auroren dafür, dass ich gezwungen war, dies zu machen. Es hat mir auch gezeigt, wie stark meine Kräfte sind. Und ich denke, dass Merlins Erbe bei mir voll zugeschlagen hat. Es ängstigt mich. Und ich will das nicht."
Eine Hand legte sich auf Johns Schulter. Stark und Trost spendend.
„Mach dir nicht zu viele Gedanken, John. Das ist mein Job."
Seit wann hatten sie vertauschte Rollen? Aber es tat gut.
„Danke. Aber ich muss es, damit wir bis zum nächsten Vollmond überleben. Wenn ich alleine daran denke, dass ich Hermine gegenübertreten muss…"
„Nicht deine Prinzessin Leia?"
„Hermine? Nein."
Johns Grinsen war längst nicht fröhlich, doch er war erleichtert, dass sie das ganz tiefe Wasser verlassen hatten.
„Sie war meine beste Freundin. Eine Besserwisserin und genauso wissbegierig wie du. Ihr werdet euch wahrscheinlich blendend verstehen. Nur wird sie es mir übel nehmen, dass ich gegangen bin, ohne mich zu verabschieden."
„Frauen können da wirklich sehr nachtragend sein."
Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihr Gespräch. Der Zimmerservice wollte abräumen, was John gestattete. Er wollte kurz darauf hinter ihm abschließen, wurde aber von Rodney aufgehalten.
„Ich werde jetzt auch gehen. Der Jetlag steckt mir in den Knochen und wir müssen morgen früh los."
„Ja, der Zug geht um sieben Uhr."
„Du solltest jetzt schlafen und nicht grübeln."
„Das musst ausgerechnet du sagen."
„Ja, ich habe damit Erfahrung und weiß, dass es nichts Schlimmeres gibt, als unausgeschlafen einem Feind gegenüberzutreten."
„Ja, Mama. Ich werde es versuchen."
Nachdenklich schloss John die Tür hinter seinem Freund. Noch dreiundzwanzig Tage bis zum nächsten Vollmond.
