Hogwarts
Um schlafen zu können, machte John einige Meditationsübungen, die er von Teyla gelernt hatte. Er schaffte es damit, sämtliche Gedanken an die magische Welt zur Seite zu schieben, und verbrachte tatsächlich eine ruhige, albtraumfreie Nacht.
Als um sechs Uhr der Wecker klingelte, fühlte sich John erholt und ausgeschlafen. Er bräuchte jetzt nur noch eine Tasse Kaffee, dann konnte es losgehen.
Er zog sich rasch an und wollte seinen Freund zum Frühstück abholen, doch John musste eine kleine Ewigkeit an der Tür hämmern, bis er endlich öffnete. Rodney hatte verschlafen und war gerade erst wach geworden. Damit er sich nicht wieder hinlegte, blieb John, bis er geduscht und angezogen war.
Sie kamen ziemlich abgehetzt um kurz vor sieben auf Gleis neun an. Obwohl alle anderen Bahnsteige durch den Berufsverkehr fast schon überfüllt waren, war dort nichts los.
Rodney war informiert, wie Gleis 9 ¾ betreten werden musste und folgte John ohne zu zögern, als er durch die Wand ging.
Der Hogwarts-Express war schon eingefahren. Im letzten Waggon fanden sie noch ein freies Abteil. Sie hatten gerade ihre Taschen verstaut, als der Zug anfuhr.
„Puh, das war knapp!"
Rodney ließ sich auf den Sitz fallen
„Das war aber nicht dein Verdienst. Was musstest du auch verschlafen? Ich hatte nicht einmal Zeit für einen Kaffee!"
„Du kennst mich doch." Entschuldigend zuckte Rodney mit den Schultern und hob seine Hände leicht an. „Warum hast du nicht an meine Tür geklopft, bevor du duschen gegangen bist? Aber wir können uns doch auf die Suche nach einen Bistrowagen machen und dort frühstücken. Und anschließend weiter nach vorne gehen. Ich möchte mir gerne die Lok etwas näher ansehen."
„McKay, pass auf, ich hatte noch keinen Kaffee und dann kann ich dich nur bedingt ertragen. Und wenn du es jetzt übertreibst, würde es mir sehr viel Freude machen, dir Furunkeln anzuhexen."
Der erschrockene, fast schon panische Gesichtsausdruck entschädigte John fast für das entgangene Frühstück.
„Ist es nicht verboten, einem armen, unschuldigen Wissenschaftler so etwas anzutun?"
„Wenn der Richter erfährt, dass ich deinetwegen das Frühstück verpasst habe, komme ich mit einer Geldstrafe davon, die ich locker aus der Portokasse bezahle."
„Schade nur, dass sie in meinem Rucksack ist und von mir verwaltet wird."
„Ein Spruch und ich habe sie wieder."
Grinsend lehnte John sich zurück. Auch Rodney lächelte und sah dann aus dem Fenster.
„Wo ist London abgeblieben?"
Man konnte deutlich seine Verblüffung hören. John blickte auch aus dem Fenster. Weder von der Stadt, noch von den Vororten war etwas zu sehen. Stattdessen führten die Gleise durch eine bewaldete, leicht hügelige Landschaft.
„Die Muggelwelt ist weg. Frag mich jetzt bitte nicht, warum. Ich weiß es nicht, ehrlich. Im Unterricht hat man uns noch nicht mal ansatzweise diese Art der Magie gelehrt."
„Immer wenn es wirklich spannend wird, weißt du nicht weiter. Haben wir unterwegs Aufenthalt, damit ich mir die Lokomotive doch etwas näher ansehen kann?"
„Selbst wenn wir Aufenthalt hätten, würde ich dich nicht aus dem Abteil lassen, McKay. Du erregst damit zuviel Aufsehen und das müssen wir vermeiden." Irgendwann würde die Neugierde Rodney zum Verhängnis werden. „Jetzt lehne dich zurück und entspann dich. In etwa neun Stunden werden wir Hogsmeade erreichen."
„Wie soll ich mich entspannen, wenn ich Hunger habe? Komm, ich will wenigsten den Bistrowagen suchen, um zu frühstücken."
„Ich will nicht riskieren, dass man mich erkennt, und ich lasse dich nicht allein gehen. Dafür staunst du zu sehr über alles, was du hier siehst, und wirst auffallen."
„War das jetzt ein Nein?"
„Das war sogar ein endgültiges Nein. Und versuche nicht zu diskutieren, denn du kannst mich nicht umstimmen."
Demonstrativ blickte John aus dem Fenster. Doch sein Gehör konnte er nicht abschalten. Rodney seufzte, rutschte hin und her, stand auf, kramte in seiner Tasche, setzte sich wieder hin und stand kurz darauf wieder auf, kramte erneut in seiner Tasche und setzte sich dann mit einem zufriedenen Seufzen hin.
John wusste, was jetzt kommen würde, und schmunzelte.
„Verdammt! Was ist mit meinem Laptop los? Warum bleibt der Bildschirm schwarz und nichts rührt sich? Du hast doch die ganze Nacht am Ladekabel gehangen!"
Jetzt blickte John Rodney an, der sich heftig gestikulierend über sein Laptop gebeugt hatte.
„Ich habe dir doch gesagt, dass moderne Technik hier nicht funktioniert. Du wirst ganz altmodisch Papier und Stift nehmen müssen und beim Rechnen nicht nur auf go klicken können."
„Darum geht es mir gar nicht", war Rodneys heftige Erwiderung. „Sam Carter hat mir Material über ‚Merlins Mantel' mitgegeben, damit ich im Urlaub etwas Interessantes zu lesen habe."
„Über was?"
„Merlins Mantel'." Rodney gestikulierte wild. „Laut einer Sage war es ein Tarnumhang, mit dem er sich jederzeit unsichtbar machen konnte."
„Ja, und?" John zuckte mit den Achseln. „Wie du weißt, hatte ich als Kind auch so einen Umhang."
Den er vor der letzten Schlacht Hermine anvertraut hatte. Ob der Tarnumhang noch existierte, war eine ganz andere Frage.
„Darum geht es nicht, es ist kein Mantel, sondern ein Gerät. Damit konnte Merlin in eine andere Dimension wechseln." Rodney merkte, dass er Johns Aufmerksamkeit hatte, und fügte hinzu: „Wenn ich das Gerät einschalte, dann würde ich auch noch hier sitzen, aber du könntest mich nicht wahrnehmen, weil ich in einer anderen Dimension bin."
Triumphierend sah Rodney John an.
„Was willst du mir damit sagen, McKay?"
„Ich vermute, dass der Zug auf genau diesem Prinzip beruht. Dass wir uns - jedenfalls solange wir in einem Waggon sind – in einer anderen Dimension befinden und damit auch ungesehen von London nach Hogsmeade kommen."
„Die Theorie hat was", stimmte John zu. „Aber so funktioniert es nicht."
„Warum nicht? Hast du den Hogwarts-Express jemals von außen gesehen?"
„Yep. Im zweiten Schuljahr habe ich einmal den Zug verpasst und habe ihn verfolgt, um Hogwarts zu finden. Ich habe ihn die ganze Strecke im Auge behalten müssen."
„Wie konntest du ihn verfolgen?"
„Im Ford Anglia von Rons Vater. Der Wagen konnte fliegen. Ron und ich hatten uns das Auto ausgeliehen, um doch noch pünktlich nach Hogwarts zu kommen."
Während die Landschaft vorbei flog, erzählte John die Geschichte. Mit Abstand betrachtet war es nur noch witzig und nicht halb so schrecklich, wie er damals gedacht hatte.
John erzählte gerade, wie er nach seiner Ankunft auf Hogwarts von Snape zur Schnecke gemacht wurde, als es an der Abteiltür klopfte und eine alte, runzlige Hexe Kaffee und Süßigkeiten anbot.
Sie kauften zwei große Becher Kaffee. Dazu nahm John auch noch mehrere Schokofrösche. Berti Botts Bohnen lehnte er dankend ab. Doch Rodney – neugierig wie er war – kaufte von allem etwas. Nur die Zitronendrops verschmähte er. Er riss direkt die Tüte mit den Bohnen auf und steckte sich eine in dem Mund, nur um sie sofort angewidert auszuspucken.
„Igitt! Will man die Kunden umbringen? Das ist ja grauenhaft!"
„Wonach schmeckt es denn?"
„Nach uraltem, verschimmelten Käse."
Schmunzelnd hielt John die Schokofrösche in der Hand, unschlüssig, ob er schon einen essen sollte oder für schlechte Zeiten aufbewahren sollte. Auf Berti Botts Bohnen war Verlass.
„Dann sollte es auch so schmecken. Nicht umsonst heißt es ‚alle Geschmacksrichtungen'."
„Du meinst…" Misstrauisch betrachtete Rodney den Beutel. „Es gibt auch Bohnen, die nach... nach verbranntem Essen schmecken?"
„Yep! Es soll sogar die Geschmacksrichtung ‚Erbrochenes' geben."
Und wegen dieser Erinnerung entschied sich John, doch einen Frosch zu essen. Er packte ihn aus und bevor er wegspringen konnte, hatte John ihn geschnappt und den Kopf abgebissen. Die Schokolade schmeckte besser als die beste Muggelsorte. Viel intensiver. Und irgendwie cremiger. Nachdem das erste Stück in seinem Mund geschmolzen war, nahm er die Sammelkarte, um sie zu betrachten.
Natürlich war der Zauberer nicht anwesend, so dass kein Bild zu sehen war. Einzig der Name stand auf der Vorderseite. Harry Potter.
Auf der Rückseite las John, was man über ihn für erwähnenswert hielt.
Harry Potter
geb. 31. Juli 1980
Überlebte 1981 den Todesfluch und besiegte
zum ersten Mal den,
dessen Name nicht genannt werden darf.
1997 besiegte er ihn in einer großen Schlacht
und wurde dabei schwer verletzt.
Seit seiner Entlassung aus St. Mungos
ist er verschollen.
„Achtung!"
John blickte hoch zu Rodney. Der hatte sich auch an die Schokofrösche rangetraut, aber nicht soviel Glück beim Fangen gehabt. Seine Kleidung hatte einige braune Flecken und der Frosch sprang gerade auf Johns Bein.
Das war sein Ende. John fing ihn und übergab ihn Rodney, der sich mit einem gierigen Biss in einen Schenkel rächte. Um dann zufrieden zu seufzen.
„Das ist Schokolade!"
Dann merkte er, dass John diese kleine Karte fest umklammerte und deutete mit seinen verschmierten Fingern darauf.
„Was ist damit?"
„Lies selbst!"
Mit seiner linken Hand, die noch sauber war, nahm Rodney die Karte in Empfang, las den Text und schleuderte sie in eine Ecke.
„Die können ja noch nicht mal Voldemorts Namen schreiben. Ich glaube es einfach nicht, dass sie so einen Kult um ihn machen. Der Kerl ist tot. Mausetot, wenn ich deinen Erzählungen glauben darf."
„Du darfst."
Um das Thema zu wechseln, deutete John auf Rodneys Sammelkarte.
„Und was für einen Zauberer hast du?"
Rodney betrachtete seine Karte, schüttelte den Kopf, drehte sie um, las den Text und schnaubte verächtlich.
Als er Johns fragenden Blick sah, las er laut vor:
„'Du weißt schon wer'. Geboren 1926. Behauptet, ein direkter Nachfahr von Salazar Slytherin zu sein. Schwarzmagier. Hat mehrfach versucht, die Herrschaft über die Magische Welt an sich zu reißen. Wurde 1981 und 1997 von Harry Potter besiegt. Seine Leiche wurde nie gefunden." Die letzte Zeile las Rodney mit ätzender Ironie vor. „P.S.: Falls sein Bild auf der Vorderseite auftauchen sollte, muss das Ministerium sofort informiert werden." Kopfschüttelnd sah er John an. „Das ist doch nicht wahr!"
Der konnte nur zustimmen.
„In meiner Schulzeit haben sie versucht, Voldemort totzuschweigen, und jetzt impfen sie es schon den Kindern ein, dass er die Gesellschaft gefährdet. Wer auch immer für die Propaganda zuständig ist, versteht seinen Job."
„Irgendwie erinnert mich das an die Genii. Sie arbeiten mit ähnlichen Methoden."
Rodney warf auch diese Karte auf den Boden, blickte dann John erwartungsvoll an.
„Und wie geht es jetzt weiter?"
„Am Ende des Waggons befindet sich die Toilette. Dort gehst du jetzt hin und beseitigst die Flecken, die der Schokofrosch hinterlassen hat."
Amüsiert beobachtete John, wie Rodney an sich herunterblickte und angewidert das Gesicht verzog, als er die braunen Spuren auf seiner Kleidung sah. Er stand auf und verließ ihr Abteil.
John hoffte nur, dass er auf dem kurzen Stück nichts fand, was seine Neugier weckte. Aber er konnte Rodney nicht komplett an sich fesseln und musste ihm vertrauen – auch wenn er damit nicht nur positive Erfahrungen gemacht hatte.
Als zehn Minuten vergangen waren, wurde John unruhig, stand auf, ging zur Tür, nur um sich mit einem frustrierten Seufzen wieder hinzusetzen. Nach fünfzehn Minuten hatte er die Abteiltür bereits aufgerissen, als er sich zur Ruhe mahnte und hinsetzte.
So wie er Rodney kannte, würde er die Toilette erst verlassen, wenn auch die Wasserflecken getrocknet waren.
Es waren zwanzig Minuten vergangen – die John wie eine Ewigkeit vorgekommen waren -, als er es nicht mehr aushielt. Diesmal verließ er das Abteil und ging zur Toilette. Im Gegensatz zu Muggelzügen war es kein enger, kleiner Raum, sondern hatte sogar einen Vorraum, in dem sich ein großes Waschbecken befand. Davor stand Rodney – mit nacktem Oberkörper und peinlich berührt.
„Sie brauchen sich nicht zu schämen, dass Sie den Reinigungszauber nicht beherrschen, junger Mann. Meine Kinder beherrschen diesen Zauber auch nicht, dafür haben sie zuviel Unsinn im Kopf. Jetzt muss ich nur noch einen Trocknungsspruch anwenden und dann sind ihre Sachen wieder in Ordnung."
Die beiden waren so vertieft, dass sie gar nicht bemerkten, wie John die Tür schloss und verschwand. Es war zwar nicht nett, dass er Rodney in Molly Weasleys Klauen ließ, aber dort war er sicher. Selbst wenn Molly herausbekam, dass Rodney nicht einen einzigen Zauber beherrschte und nur zufällig in der Zauberwelt war, würde sie ihm nicht schaden wollen, sondern versuchen, ihn zu bemuttern.
Zurück in seinem Abteil fragte sich John, warum er sich zurückgezogen hatte, statt Molly gegenüberzutreten. Es war nicht, dass er Angst vor ihr hatte. Im Gegenteil, er wusste, dass sie ihn mit offenen Armen in die Familie aufnehmen würde.
Vielleicht lag es daran, dass John nicht aufgenommen werden wollte. Er wollte nicht in einen Gewissenskonflikt zwischen seinem Leben auf Atlantis und den Forderungen der Zauberwelt geraten. Es wollte – wenn man für Rodney einen Wolfsbanntrank gebraut hatte – zurück nach Hause. Nach Atlantis, das in den letzten Jahren zu einer Heimat geworden war, wo man ihn und seine Fähigkeiten wirklich brauchte und nicht auf der Suche nach einer Symbolfigur war.
Rodneys Rückkehr riss ihn aus seinen Gedanken.
„Wo warst du so lange? Ich war schon in Versuchung, auf eine Rettungsmission zu gehen."
„Das wäre noch nicht mal verkehrt gewesen. Ich war in den Klauen einer Hexe, die meinte, mich bemuttern zu müssen. Sie hat mich noch nicht einmal richtig zu Wort kommen lassen, sondern mir einfach befohlen, mein Hemd auszuziehen. Dann hat sie zweimal ihren Zauberstab geschwungen und meine Kleidung wirbelte durch die Luft, sprang ins Waschbecken und wusch sich von selbst. Einfach fantastisch. Aber erklären, wie der Zauber funktionierte, konnte sie nicht."
Grinsend schüttelte John den Kopf.
„Frag mal eine Hausfrau, wie eine Mikrowelle funktioniert. Sie wird dir auch keine Auskunft geben können."
„Peinlich genug. Man sollte kennen, was man bedient. Und was machen wir jetzt?"
„Ich versuche, noch etwas zu schlafen. Ich bezweifle, dass ich in Hogwarts zur Ruhe kommen werde. Das solltest du auch machen."
„Ich kann aber nach dem Kaffee nicht schlafen."
„Dann sei still und schau aus dem Fenster! Ich werde jetzt schlafen."
Demonstrativ lehnte John sich in seinem Sitz zurück und schloss seine Augen. Er rechnete fest mit einem Kommentar von Rodney, doch nichts geschah. Langsam entspannte sich John und driftete ins Reich der Träume.
„Wie lange sind wir noch unterwegs?" Gleichzeitig fühlte John eine Berührung an seiner Schulter und schrak hoch. Er hatte tatsächlich tief und fest geschlafen. Ein Blick aus dem Fenster zeigte, dass die Sonne schon ein ganzes Stück weitergewandert war. Und die Umgebung wirkte auch vertraut. Weit konnte es nicht mehr sein. Die Uhr bestätigte seine Vermutung.
„Wir müssten in zehn Minuten in Hogsmeade einfahren. Zeit, die Sachen zusammenzupacken. Hat dich die Hexe irgendwie ausgefragt?"
Wäre er sich bei Molly nicht ganz sicher gewesen, dass sie keine Gefahr für Rodney war, hätte er die Frage schon viel früher gestellt. Außerdem würde sie wohl eher ihre eigene Lebensgeschichte erzählt haben.
„Das fällt dir aber früh ein. Nein", Rodney schüttelte den Kopf. „Ausgefragt hat sie mich nicht. Ganz im Gegenteil. Sie hat nicht nur mein Hemd gereinigt, sondern mir auch noch erzählt, dass sie auf dem Weg nach Hogwarts ist, um ihren Sohn zu besuchen. Er unterrichtet dort Pflege Magischer Geschöpfe."
Das konnte nur Charlie sein. Als Drachenpfleger kannte er sich mit gefährlichen Tieren aus.
„Wie heißt er denn?"
John stand auf und holte seine Tasche aus dem Gepäcknetz. Auch Rodney kramte in seinem Rucksack.
„Charlie Weasley. Er hat laut ihrer Erzählung in Rumänien mit Drachen gearbeitet. Mann, das ist schon total verrückt. Wenn ich nicht ein Werwolf wäre, würde ich so was nie glauben. Aua. Wieso schlägst du mich?"
Der empörte Blick interessierte John recht wenig.
„Halt gefälligst deine Klappe, Rodney. Wir sind nicht allein im Zug und alle sind im Aufbruch. Die ideale Möglichkeit, Langziehohren an unserer Abteiltür auszuprobieren."
„Aber sind Werwölfe nicht etwas Alltägliches? Du hast mir so viel von Remus erzählt---"
„Er ist diskriminiert worden und man hat ihn immer gemieden. Erinnere dich, wie man dich behandelt hat, als auf Atlantis die Gerüchteküche startete. Das war im Vergleich zu dem, was dich hier erwarten würde, harmlos."
„Ich bin es zwar gewohnt, dass ich über meine Arbeit mit niemandem reden kann, aber dass ich noch nicht einmal mehr über meine Krankheiten reden darf, ist echt schlimm."
Im Vorbeigehen gab John Rodney einen Klaps auf den Hinterkopf.
„Früher hast du über deine Wehwehchen geklagt und niemand hat dir zugehört. Also kannst du gleich deine Klappe halten, denn es macht keinen Unterschied. Und jetzt komm."
John schob die Abteitür auf und trat in den Gang, gefolgt von einem leise vor sich hin schimpfenden Rodney.
Die ersten Häuser waren schon zu sehen und der Zug bremste.
„Wohin jetzt?"
Sie standen auf dem Bahnsteig. Alle Mitreisenden waren ihrer Wege gegangen. John beobachtete, wie die Lok vom Hogwarts-Express umgekoppelt wurde, als Rodneys ungeduldiger Kommentar ihn wieder in die Gegenwart brachte.
„Siehst du dort hinten die Burg?" John deutete auf Hogwarts. „Das ist unser Ziel."
„Wie lange müssen wir denn laufen? Ich schätze wir sind mindestens zwei Stunden unterwegs. Ich habe bisher nur etwas Schokolade gegessen, das überstehe ich nicht."
„So wie du aussiehst, hast du genug Reserven, um mehr als eine ausgefallene Mahlzeit zu überstehen. Aber es ist wirklich sinnvoller, jetzt etwas zu essen, sonst erreichen wir Hogwarts, wenn der Nachmittagsunterricht gerade zu Ende ist. Ich habe keine Lust, im Speisesaal von einer Horde Schüler begutachtet und ausgefragt zu werden."
„Ich kämpfe lieber mit Wraith als Babysitter zu spielen. Ich war jetzt so lange unterwegs, da kommt es auf eine halbe Stunde auch nicht an."
Dabei sah Rodney an sich hinab. In den drei Wochen auf der Deadalus hatte er einige Pfunde zugenommen.
John wählte das Café aus, das er als Schüler nur ein einziges Mal betreten hatte, um sich mit Cho Chang zu treffen. Dort war die Gefahr, erkannt zu werden, recht gering. Die Speisekarte würde garantiert Rodneys Geschmack entsprechen.
Zwei Stücke Kuchen später machten sie sich auf den Weg.
Rodney hatte schon seit einer ganzen Weile Probleme, Johns Tempo zu halten, als endlich die hohen Säulen, die das Eingangstor flankierten, in Sichtweite kamen. Nach ein paar weiteren Minuten konnte John erkennen, dass die geflügelten Eber immer noch auf den Säulen thronten.
Die Torflügel waren zwar geschlossen, aber nicht mit einer Kette gesichert. Im Gegensatz zum Ministerium schien Hogwarts keinen Sinn in speziellen Sicherheitsvorkehrungen zu sehen.
John brauchte einen der Flügel nur zu berühren, damit das Tor aufschwang. Sie durchschritten es und hinter ihnen schloss sich das Tor automatisch.
Das Eingangsportal war zwar in Sichtweite, doch sie mussten noch ein gutes Stück laufen, um es zu erreichen.
„Ist es noch genau so weit, wie es aussieht? Verdammt, ich bekomme keine Luft mehr!"
„Möchtest du, dass wir eine Pause machen?"
Rodney schätzte die Strecke ab, dann schüttelte er den Kopf.
„Nein, es geht schon. Nur... könntest du etwas langsamer gehen?"
„Kein Problem, geh vor und bestimme das Tempo. Du kannst dich nicht mehr verlaufen."
Dies gab John die Möglichkeit, sich umzusehen, ohne dass sein Freund es merkte. Irgendwie war alles zu glatt gegangen. Niemand hatte ihn angesprochen, keiner hatte die Ähnlichkeit mit Harry Potter bemerkt, nichts. Sein Verhalten ähnelte einer Paranoia. Aber entspannen wollte er sich nicht, er hatte keine Lust, auf den letzten Metern noch eine böse Überraschung zu erleben.
Doch nichts geschah. Selbst der Verbotene Wald wirkte im Sonnenlicht harmlos. Dennoch blieb John auf der Hut. In seiner Manteltasche hielt er den Zauberstab fest umklammert.
Kurz bevor sie das Hauptportal erreichten, sahen sie einige Schülern, die ihre freie Zeit vor dem Abendessen nutzten, um noch etwas Sonne zu tanken. Ein paar saßen auf der Wiese, ihre Nasen tief in Büchern gesteckt, andere gingen spazieren und unterhielten sich angeregt über all die Themen, über die sich auch John mit Hermine und Ron unterhalten hatte, wenn sie nicht gerade die magische Welt retten mussten.
Es war alles so vertraut und friedlich.
Man bedachte sie zwar mit neugierigen Blicken, aber niemand sprach sie an.
Dann schritten sie durch das Eingangstor. Rodney voran, John hinter ihm.
„Wow!"
Der begeisterte Ausruf kam von Rodney, der die Eingangshalle begutachtete. Auch John blickte sich um. Auf den ersten Blick schien sich in den letzten Jahren nichts verändert zu haben. Das Hogwarts-Wappen mit den vier Wappentieren der Häuser dominierte immer noch die Halle. Überall hingen Gemälde, deren Figuren sich bewegten, selbst die Treppe gab noch dasselbe knarrende Geräusch von sich, als sie sich verlagerte.
Zuerst wollte John Professor McGonagall aufsuchen. Als Direktorin musste sie zustimmen, wenn sie in Hogwarts Quartier nehmen und Snape für ihr Projekt gewinnen wollten. John bezweifelte, dass er es ohne ihre Unterstützung überhaupt schaffen würde, Snape davon zu überzeugen, für Rodney den Wolfbanntrank zu modifizieren.
„Komm!" John stupste Rodney an, der staunend die Gemälde betrachtete. „Wir müssen hier lang." Dabei deutete er auf eine Treppe, die noch im falschen Flügel endete, aber innerhalb der nächsten Minuten ihre Position ändern würde.
„Schönen guten Tag, die Herren. Wären Sie so gütig, mir zu verraten, was Sie hier wollen? Sie sind hier in einer Privatschule und können nicht einfach so durch das Gebäude laufen."
Die Stimme kam von oben. Sehr bestimmt. Der Hall verzerrte alles und so konnte er nicht heraushören, ob es ein Mann oder eine Frau war. John vermutete, dass der Sprecher auf der Balustrade entlang der Fenster stand. Vorsichtig nahm er seine Hand aus dem Mantel und drehte sich um. Er hatte keine Lust, versehentlich von einem Fluch getroffen zu werden.
„Entschuldigen Sie, wir sind hier, um Professor McGonagall zu besuchen."
„Ich kenne ihre Termine. Sie erwartet keinen Besuch."
„Das ist richtig. Es ist dringend und ich hatte keine Zeit, eine Eule zu schicken."
Die Sicherheitsvorkehrungen waren nicht sehr offensichtlich, aber die Anwesenheit eines Wächters am Eingangsportal ließ an ihrer Existenz keinen Zweifel.
„Gut, dann wird es Ihnen bestimmt nichts ausmachen, wenn ich Sie begleite. Bitte warten Sie einen Moment, ich komme zu Ihnen."
Inzwischen war sich John sicher, dass es sich um eine Frau handelte, doch er hatte im Gegenlicht nur einen groben Umriss gesehen.
John blickte kurz zur Seite. Rodney war viel zu beschäftigt, mit offenem Mund zu beobachten, wie sich die Treppen bewegten, als dass er sich um irgendetwas anderes kümmerte.
Doch das änderte sich, als die Frau die Treppe hinab schritt. Zügig und doch elegant. Sie war wohl Mitte zwanzig und hatte eine buschige braune Haarmähne in einem Zopf gebändigt. Doch jetzt war John von ihrem Anblick gefesselt.
Es war wirklich Hermine. Sie wurde langsamer, als sie am Fuß der Treppe ankam, und blieb stehen, als sie nur noch wenige Meter von John entfernt war. Sie schien ihren Augen nicht zu trauen.
Doch dann lief sie los, warf sich in Johns Arme. Es tat so gut, sie nach so vielen Jahren zu berühren, ihren Duft einzuatmen und zu wissen, dass es ihr gut ging.
„Harry!"
Er wollte schon sagen, dass sie ihn nicht so anreden sollte, doch dann sah er, dass sie weinte, und er schwieg, kam sich so hilflos vor. Gleichzeitig plagte ihn ein sehr schlechtes Gewissen.
Als Hermine zurücktrat, gab er sie nur widerwillig frei.
Den Schlag sah er nicht kommen. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, sich jede Linie ihres Gesichtes für die Ewigkeit einzuprägen.
„Aua!"
Verwundert rieb er sich die brennende Wange. Rodneys leises Lachen dagegen verstummte, als John ihn scharf ansah.
„Das ist dafür, dass du dich nie bei mir gemeldet hast."
Und dann lag sie wieder in seinen Armen.
„Das habe ich wohl verdient." Die Ohrfeige war ein geringer Preis dafür, dass er seine beste Freundin lebend und gesund wieder sah.
Erst Rodneys wirklich nicht dezentes Räuspern ließ sie wie Schulkinder auseinanderfahren. Um festzustellen, dass sie von eben solchen neugierig angestarrt wurden.
„Ein Punkt Abzug für jeden Gaffer. Und fünf weitere für jeden, der in dreißig Sekunden die Halle noch nicht verlassen hat."
Hermine hatte nicht einmal die Stimme erhoben, doch die Schärfe und Bestimmtheit war unüberhörbar. Sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als die Kinder fluchtartig die Halle verließen.
„Du greifst hart durch."
„Hart aber gerecht. Und jetzt kommt. Bevor ich euch zu Minerva bringe, schuldest du mir noch eine Erklärung."
„Ist das eine Drohung?"
„Lass dich überraschen."
Schmunzelnd folgte John Hermine. Ihm blieb auch gar nichts anderes übrig, denn sie hatte seine Hand genommen und zog ihn hinter sich her die Treppe hoch. Mit etwas Abstand folgte Rodney.
Kurz vor dem Portrait der Fetten Dame bog Hermine in einen Seitengang ein und blieb vor einem Gemälde mit einem sich innig küssendem Liebespaar stehen.
„Einhorn."
Das Bild schwang auf und sie betraten den dahinter liegenden Raum.
Es war zweifellos Hermines Büro. An den Wänden standen überfüllte Regale. Selbst auf dem Boden waren einige Bücher gestapelt. Dagegen war der Schreibtisch ordentlich und aufgeräumt und wurde von einem 21-Zoll-Bildschirm dominiert.
„Wieso funktioniert der Computer?"
Rodney hatte natürlich nicht vergessen, dass dies ungewöhnlich war, und sah Hermine neugierig an.
„Leider nur bis zu einem gewissen Grad." Hermine seufzte. „Es hat mich drei Jahre Forschungsarbeit gekostet, um wenigstens dieses Modell ans Laufen zu bringen. Es ist veraltet und hat viel zu wenig Arbeitsspeicher. Ich traue mich aber noch nicht einmal, ein Update von einem Programm zu installieren, zu fragil ist das Zusammenspiel von moderner Technik und Magie."
„Das kann ich mir gut vorstellen. Mein Laptop streikt, seit wir den Hogwarts-Express betreten haben. Ich war überzeugt gewesen, dass meine Theorien stimmten und ich das Gerät gegen magische Einflüsse abgesichert hätte. Können Sie mir erklären, wie Sie Ihren Computer ans Laufen gebracht haben?"
„Gern. Harrys Freunde sind auch meine Freunde."
Dabei sah sie John fragend an, dem einfiel, was er vergessen hatte.
„Entschuldigung, das ist mir entgangen. Hermine: Doktor Rodney McKay. Rodney: Professor Hermine…" Hilfesuchend sah er sie an.
"Snape."
Es war keine Überraschung. Hermine schien auf einen Kommentar zu warten, doch John wollte sich noch keine Meinung bilden. Er wollte sehen, ob Snape sich ihrer würdig erwies.
"Doktor McKay?"
Mussten sich seine Freunde so förmlich anreden? John war nicht der einzige, der so dachte.
"Sie können mich gerne Rodney nennen."
Er grinste die Hexe vorsichtig an. Sie lächelte zurück
„Angenehm. Hermine."
Sie reichte Rodney die Hand. Er drückte sie, ließ aber fast sofort wieder los.
„Ich bin neugierig, Rodney. In der magischen Welt trifft man selten Menschen, die an einer Universität studiert haben. In welchem Fach haben Sie promoviert?"
„Astrophysik. Und was ist Ihr Fachgebiet?"
„Ich unterrichte Muggelkunde."
„Nicht ‚Verteidigung gegen die dunklen Künste'?"
Auch wenn sie bei Snape Zaubertränke gelernt hatte, konnte John sich nicht vorstellen, dass Hermine etwas anderes als Verteidigung unterrichtete. Darin war sie einfach viel zu gut gewesen.
Sie schüttelte den Kopf.
„Das Fach ist immer noch verflucht, dieses Jahr hat Tonks das kürzere Hölzchen gezogen. Zaubertränke wird immer noch von Severus unterrichtet und Minerva ist Verwandlungslehrerin. So blieb für mich die Muggelkunde. Und es macht mir sehr viel Spaß. Inzwischen ist es auch ein Pflichtfach, so dass selbst die arrogantesten Zauberer lernen müssen, wie es in der normalen Welt zugeht, wenn sie nicht ihre Versetzung gefährden wollen."
„Und die armen Muggelstämmigen müssen auch in den Unterricht?"
„Nein." Hermine schüttelte den Kopf. „Für sie gibt es ein Zusatzkurs, in dem sie die Besonderheiten der magischen Welt kennen lernen. Aber was stehen wir die ganze Zeit hier rum? Setzt euch!"
Dabei deutete sie auf die Sitzecke, die in den Erker hineingebaut war. Von dort aus hatte man einen fantastischen Blick auf das Quidditch-Feld.
„Danke."
John setzte sich und wusste nicht weiter, als er nun Hermines erwartungsvollen Blick sah.
Mit einem Hüsteln machte sich ein Hauself bemerkbar, der aus dem Nichts mitten in den Raum appariert war. Doch ein Geräusch war nicht zu hören gewesen.
„Madam Snape haben einen Wunsch? Möchte sie Tee und Kuchen für den Besuch? Oder vielleicht schon das Abendessen? Was kann Abby für sie tun?"
Es überraschte John, dass ein Hauself – auch wenn er gut gekleidet, wohlgenährt und offensichtlich zufrieden war – für Hermine arbeitete.
„Kuchen hatte ich schon unterwegs. Wenn nichts dagegen spricht, entscheide ich mich für das Abendessen."
Rodney, der sich von dem seltsamen Aussehen des Elfen nicht irritieren ließ, äußerte zuerst seinen Wunsch.
„Wenn es nicht zu viel Arbeit ist, schließe ich mich dem an."
Das würde die Hauselfen herausfordern, ein mehrgängiges Menü zu servieren.
„Dann ist es entschieden. Abby, bring uns bitte von dem Essen, das für die Schüler vorbereitet worden ist. Nicht mehr als drei Gänge und dazu bitte eine Flasche Kürbissaft. Danke."
Der Hauself nickte und verschwand mit einem leisen ‚Plop'. Bei dem Geräusch zuckte Rodney noch nicht einmal zusammen.
„Ich dachte, du wolltest keine Elfen ausnutzen?"
John erinnerte sich noch gut an Hermines Predigten bezüglich der armen, von Menschen ausgebeuteten Wesen. Die B.Elfe.R-Plakette hatte er nur ihretwegen getragen.
Hermine lächelte.
„Inzwischen habe selbst ich eingesehen, dass es keinen Zweck hat, Hauselfen zu etwas zu zwingen, was sie nicht wollen. Und sie wollen keine Freiheit, Geld oder Urlaub. B.Elfe.R habe ich schon vor Jahren aufgegeben. Aber wir sitzen nicht hier, um darüber zu reden. Erzähl mir lieber, warum du dich entschieden hast, heimzukehren."
Es fiel John schwer, ehrlich zu sein, aber es brachte nichts, Hermine anzulügen. Früher oder später würde sie es sowieso erfahren. Er schluckte, nahm ihre Hand und sah sie an.
„Ich bin nicht heimgekehrt. Ich bin auch nicht hier, um als Symbolfigur für einen politischen Umsturz herzuhalten. Ich bin hier, weil Rodney eure Hilfe braucht."
Er sah ihre Traurigkeit, wie sie dagegen ankämpfte zu weinen und es auch schaffte. Als Hermine antwortete, klang ihre Stimmer fest.
„Ich kenne dich lange genug, um zu wissen, wann es dir wirklich ernst ist. Ich kann dich sogar verstehen. Wobei braucht Rodney unsere Hilfe? Ich werde alles in meiner Macht Stehende unternehmen, um euch zu unterstützen."
„Danke." John war sehr erleichtert, dass Hermine nicht versuchte, ihn umzustimmen. „Ich hoffe, du bereust es nicht."
Sie zuckte mit den Achseln. „Die magische Welt schuldet dir zu viel, um diese Bitte abzulehnen. Ich weiß genau, welchen Preis du gezahlt hast, um Voldemort zu besiegen."
John schwieg, blickte auf ihre Hände und dachte an Ron und Ginny. Hermine hielt seine Hand fest, schien sie als Anker zu benutzen. Genau so empfand John es auch. Als Anker, um nicht in die Vergangenheit abzurutschen. Er atmete einmal tief durch und schüttelte die Bilder ab.
„Danke."
Hermine lächelte nur schwach. Dann wurde sie sachlich.
„Was für ein Problem hat Rodney?"
„Ich bin von einem Werwolf gebissen worden. Und ich mag es übrigens überhaupt nicht, wenn man so tut, als ob ich nicht da wäre."
Dabei hörte er sich nicht halb so biestig an wie sonst in so einer Situation. John nutzte die Gelegenheit.
„Dazu lässt du doch niemandem eine Chance, McKay. Wir können ja froh sein, wenn du die Unterhaltung nicht an dich reißt."
„Ob du es glaubst oder nicht, ich kann mich auch benehmen und brauche dabei nicht alle Frauen anzuflirten."
Die Stimme triefte vor Sarkasmus.
„Stop! Hört sofort damit auf!"
Es war eine alte Angewohnheit, dass John auf Hermine hörte und seinen bissigen Kommentar runterschluckte. Dafür erntete er von Rodney einen ungläubigen Blick, den er mit einem Grinsen und Schulterzucken beantwortete.
„Meint ihr nicht, dass dies der falsche Zeitpunkt ist, um zu streiten?"
„Wir streiten uns nicht."
Ihre Antwort kam synchron.
„Gut, ich habe verstanden. Aber verschiebt, was auch immer ihr da gerade tut, auf einen anderen Zeitpunkt, bevor ich in Versuchung komme, Gryffindor und Ravenclaw Punkte abzuziehen."
Das erneute Erscheinen des Hauselfen ersparte John eine Antwort.
Für Hogwarts-Verhältnisse brachte Abby ein fast schon bescheidenes Abendessen. In Atlantis wäre es ein Festmahl gewesen. Allein der Geruch war verführerisch.
Der Tisch deckte sich von selbst und der Elf stellte mehrere Schüsseln mit dem Essen auf den Tisch. Dieser Verzicht auf Magie war zwar ungewöhnlich, aber seinen Blicken nach zu urteilen, war er neugierig und wollte mehr über Hermines Besuch erfahren.
„Danke, Abby. Du kannst jetzt gehen, ich komme allein zurecht."
Der Elf ließ seine Ohren hängen und war sichtlich enttäuscht, nicht länger zu Diensten sein zu können, nickte aber und verschwand.
Hermine wartete noch einen Moment, bis sie wieder auf Rodneys Problem zu sprechen kam.
„Wie lange ist es her, dass du gebissen worden bist?"
„Ich bin vor zwei Monaten gebissen worden und habe mich beim letzten Vollmond zum ersten Mal verwandelt."
Dabei umschiffte er geschickt alle Klippen, die darauf hinweisen konnten, dass er sich nicht auf der Erde angesteckt hatte. Sein Vorteil war, dass Hermine keinen Grund hatte, in diese Richtung zu denken.
„Wurden dabei andere Menschen verletzt?"
Hermine füllte den Männern die Teller mit Suppe.
„Nein, John hat dafür gesorgt, dass ich ausbruchssicher untergebracht war."
Hermine blickte von ihrem Essen hoch.
„Wer ist John?"
„Glaubst du wirklich, dass ich unter dem Namen Harry Potter lebe? Dann hättest du mich garantiert gefunden. Genau so wie die Todesser. Nein, das ging nicht." John schüttelte den Kopf. „Ich heiße John Sheppard und bin Colonel der U.S. Airforce. Auf den Namen Harry reagiere ich schon lange nicht mehr."
„Das erklärt, warum ich dich nicht gefunden habe. Aber musstest du unbedingt diesen Namen annehmen?"
„Warum nicht?" John grinste. „Schließlich ist er auch in die Muggelwelt gegangen und war sehr erfolgreich. Ich habe es als gutes Omen gesehen."
„Als Musiker war er damals wirklich erfolgreich. Doch wenn du jetzt Colonel bist, dann hast du wirklich Karriere gemacht."
„Ich habe nur das getan, was ich am besten kann: fliegen und kämpfen."
„Hmm, und wie ist das mit der sehr eigenwilligen Interpretation von Anordnungen? Du hast doch immer das gemacht, was du für richtig hieltest, und nicht, was man dir gesagt hat."
John leerte seinen Teller, bevor er Hermine eine Antwort gab.
„Das hat mir auch eine Degradierung inklusive Strafversetzung eingebracht."
Er schüttelte leicht den Kopf, dann nahm er sich Kartoffeln. So gern er Hermine auch vom Stargate, den Antikern und Atlantis erzählen würde: Sie war Zivilistin und durfte nichts erfahren. Vielleicht würde sie es in hundert Jahren lesen, wenn die Akten freigegeben wurden.
„Du willst mir nicht mehr darüber erzählen."
„Wollen schon. Nur arbeiten Rodney und ich seit einigen Jahren an einem Geheimprojekt und ich darf nichts erzählen. Es tut mir leid, aber es ist am besten, wenn du nicht weiter fragst."
„Genauso geheim wie das Geheimnis der magischen Welt?"
„Anders geheim. Es tut mir leid, aber von mir wirst du nichts erfahren."
Dass sich Hermine seufzend ihrem Essen widmete, bedeutete noch lange nicht, dass sie auch aufgegeben hatte. Ihre Neugierde war noch immer genau so groß wie früher.
Einige Minuten aßen sie schweigend.
„Habe ich euch richtig verstanden, dass Rodney den Wolfsbanntrank braucht und du lernen willst, wie man ihn braut?"
„Von Severus?" John zog eine Augenbraue hoch und grinste spöttisch. Dann wurde er wieder ernst. „Wenn wir uns nicht hier einquartieren wollen, muss das wohl einer von uns lernen. Aber ich hatte eher gedacht, dass Rodney seinen Trank selber braut."
„Wie soll das funktionieren? Der Trank ist so schwierig, dass ihn nur Meister brauen können. Mit der entsprechenden Einweisung könntest du es auch schaffen, du warst nicht umsonst in der sechsten Klasse Jahrgangsbester. Aber man kann nicht einfach so mit dem Zauberstab schlenkern und er ist fertig. Dazu braucht man ein großes magisches Talent, Fingerspitzengefühl und viel Übung."
„Mir fehlt zwar die Übung im Brauen irgendwelcher Tränke, aber die anderen Eigenschaften habe ich. Hilft es, ein überdurchschnittlich guter Koch zu sein? Ich habe nur nie Lust, anschließend zu putzen."
Die Arroganz klang nur unterschwellig durch. Rodney sah Hermin fragend an. Die blickte jedoch sehr skeptisch.
„Hermine, glaubst du wirklich, dass ich jemanden vorschlage, der dafür ungeeignet ist? Rodney ist neben dir der fähigste Wissenschaftler, den ich kenne. Wenn er sich nicht mit Snape, Entschuldigung, mit deinem Mann zerstreitet, wird es ihnen wahrscheinlich auch gelingen, den Wolfsbanntrank so zu modifizieren, dass er den nächsten Vollmond überlebt."
Alarmiert sah Hermine auf.
„Ihr habt etwas verschwiegen."
Rodney schüttelte den Kopf.
„Nein, wir sind nur noch nicht dazu gekommen, es zu erzählen. Nach meiner ersten Verwandlung musste ich…" Er stockte, es fiel ihm sichtlich schwer weiterzureden, und John sprang ein.
„Er musste reanimiert werden. Sein Herz hat wohl die Belastung der Verwandlung nicht verkraftet. Dr. Beckett, sein behandelnder Arzt, weiß nicht, ob er ihn nach dem nächsten Vollmond noch einmal zurückholen kann. Deswegen sind wir hier. Ich will nicht, dass schon wieder einer meiner Freunde durch den Einfluss der magischen Welt stirbt. Ich habe schon zu viele sterben gesehen."
Hermine zögerte, dachte nach.
„Ich weiß nicht, ob der Wolfsbanntrank das geeignete Mittel ist. Er bewirkt nur, dass der Geist klar bleibt und der Werwolf nicht zur reißenden Bestie wird. Die körperliche Veränderung kann er nicht beeinflussen."
Sie schob ihren leeren Teller zur Seite, klatschte in die Hände und ließ den Hauself die Reste abtragen. Dann ging sie zum Bücherregal und kam mit mehreren dicken Wälzern zurück.
„Rodney, du wärst nicht der erste, der so stirbt. Etwa ein Drittel aller Gebissenen sterben nach der ersten Verwandlung. Meistens sind es alte, schwache Menschen. Wenn man allerdings unter Allergien leidet, kann es ebenfalls sein, dass man große Probleme bekommt."
„Ich bin gegen Zitrusfrüchte allergisch. Schon ein kleines Stückchen und ich bekomme Erstickungsanfälle und Herzrasen."
„Dann haben wir die Ursache. Wir haben in der dritten Klasse einen Gryffindor, der als Kleinkind von Werwölfen gebissen worden ist. Im Gegensatz zu seinem Bruder hat er die erste Verwandlung überlebt. Er ist ein ernster und zurückhaltender Junge, der gegen die Vorurteile seiner Klassenkameraden ankämpfen muss. Seitdem er an der Schule ist, habe ich mich mit dieser Problematik befasst."
„Du hast also eine Idee, wie man Rodney helfen kann?" Hoffnungsvoll schaute John sie an.
Es wäre viel angenehmer, mit Hermine zusammenzuarbeiten, als mit Snape. Doch sie schüttelte den Kopf.
„Nein, das ist Severus' Forschungsgebiet. Er gibt es zwar nicht zu, aber er hat etwas gegen die Diskriminierung von Werwölfen und forscht schon seit vielen Jahren. Ich habe ihn nur ein wenig unterstützt, indem ich das Virus mit Muggeltechniken untersucht habe. Ich habe deswegen in Oxford zwei Semester Medizin studiert, aber da ich meine wahre Forschung vor den Professoren und Mitstudenten geheim halten musste, konnte ich nicht viel erreichen."
„Es ist eine Viruserkrankung. Das Virus selber ist größer als das Pockenvirus. Wenn es auf der Erde keinen Mond geben würde, dann würde der Zyklus bis zur Verwandlung etwa 80 Tage dauern."
Überrascht sah Hermine Rodney an und er sonnte sich in ihrer Sprachlosigkeit. Er bemühte sich zwar, dies zu unterdrücken, aber John kannte ihn lange genug, um das Funkeln in seinen Augen und sein Gestikulieren richtig zu interpretieren.
„Auf meinem Laptop sind rund zwei Gigabyte Datenmaterial. Die wichtigsten Forschungsergebnisse habe ich auf etwa tausend Seiten ausgedruckt."
Rodney nahm seine Tasche, holte die Ausdrucke hervor und legte sie Hermine vor. Nach einer Sekunde des Zögerns blätterte sie durch die Unterlagen.
„Du bist doch Doktor der Astrophysik." Endlich hatte Hermine ihre Stimme wieder gefunden.
„Aber meine Interessen sind weit gefächert – besonders wenn es um mein Überleben geht. Ich bin nicht umsonst Mitglied der Mensa."
Für diesen selbstgefälligen Tonfall hatte John schone eine besonders bissige Antwort parat, als Hermine ihm zuvorkam.
„Das ist doch dieser Verein für Hochbegabte." Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Irgendwo an der Wand hängt auch meine Plakette. Aber ich komme mit den Mitgliedern nicht klar. Sie bilden sich viel zu viel auf ihren IQ ein, statt damit zu arbeiten."
Damit landete sie einen Volltreffer und Rodneys Antwort war schon viel weniger arrogant.
„Ganz Unrecht hast du nicht. Sie können manchmal ein sehr selbstzufriedener Haufen sein. Von den letzten Vereinssitzungen habe ich mir nur die Protokolle zuschicken lassen, weil ich zu beschäftigt war, um teilzunehmen."
Zu beschäftigt, Atlantis vor den Wraith zu retten, ergänzte John in Gedanken Rodneys Satz.
„Wann wirst du McGonagall erzählen, dass wir hier sind?"
John versuchte, das Gespräch auf ein ungefährlicheres Terrain zu bringen, damit Rodney nicht schon am ersten Abend sämtliche Fettnäpfchen ausprobierte, die er erreichen konnte.
„Irgendwann nachher. Ich wollte dich erst etwas für mich haben, bevor ich dich zu ihr bringe. Zudem hat sie heute Nachmittag ein Gespräch mit Rufus Scrimgeour und ich bezweifle, dass du auf ihn treffen möchtest."
„Stimmt, denn ich werde mich nicht in eure politische Situation einmischen."
Doch Hermine ließ sich nicht von Johns abweisender Miene abschrecken und wagte einen Vorstoß.
„Es würde aber helfen, wenn du dich zu erkennen gibst und verlauten lässt, dass Voldemort wirklich tot ist. Du bist der einzige, dem sie glauben werden."
Sie hatte wohl vergessen, dass man ihm vor mehr als zehn Jahren auch nicht geglaubt hatte, als er beteuert hatte, Voldemort endgültig besiegt zu haben.
„Und was wird mir das bringen? Man wird mich verehren und mich anfeinden. Ganz zu schweigen von den Todessern, die versuchen werden, mich umzubringen, wenn sie erfahren, dass ich hier bin. Und warum sollte man mir heute glauben, wenn man mir damals nicht geglaubt hat? Es wird nicht helfen, sondern die ganze Angelegenheit wird eskalieren."
„Vielleicht ist das der einzige Weg, um eine Veränderung zu bewirken. Weißt du, dass jedes Jahr weniger Schüler eingeschult werden? Wenn das so weiter geht, dann können wir in ein paar Jahren zwei der Häuser schließen. Ich will nicht, dass die magische Welt ausstirbt."
„Lass uns nicht darüber diskutieren, Hermine. Meine Entscheidung steht fest. Jetzt bring uns bitte zu McGonagall."
Hermine stand auf, blieb aber hinter ihrem Stuhl stehen und sah John ernst an.
„Wie du möchtest. Rechne aber damit, dass auch sie dich um Unterstützung bitten wird."
John stand auf, um ihr in die Augen zu blicken.
„Bittet nicht zu sehr, denn ansonsten könnte euch euer Wunsch gewährt werden und ich würde euer Problem lösen. Allerdings auf meine Weise."
„Aua, das willst du den Zauberern doch nicht wirklich antun."
Rodney wusste sofort, was John meinte, doch Hermine blickte ihn fragend an.
„Wenn du es wirklich willst, dann ist dein Problem mit dem politischen System innerhalb von vierundzwanzig Stunden gelöst – allerdings wirst du anschließend zu sehr vielen Beerdigungen eingeladen werden."
Hermine erbleichte.
„Sag, dass das nicht dein Ernst ist."
Humorlos lachte John auf.
„Ich bin Soldat und ich habe Voldemort überlebt. Wenn ich mich in eurem Konflikt einmischen sollte, werde ich dafür sorgen, dass niemand mehr übrig bleibt, um mich umzubringen. Nervt mich nicht zu sehr, sonst mache ich es, um in Ruhe gelassen zu werden! Ich fange mit Scrimgeour an und mit einem Adava Kedavra ist er Geschichte, dann knöpfe ich mir Umbridge vor. Und von jedem werde ich weitere Namen erfahren. Du ahnst nicht, wie schnell man redet, wenn man nur die richtigen Mittel anwendet."
Während Hermine mit angstvoll geweiteten Augen zwei Schritte zurück trat, blieb Rodney sitzen, rieb aber unbewusst seinen rechten Unterarm.
„Du kannst ihm jedes Wort glauben. Wenn es um unser Überleben geht, ist er ziemlich skrupellos."
Es hörte sich fast schon wie ein Vorwurf an.
„Ach, bist du da etwa einen Deut besser?"
Abwehrend hob Rodney die Hände.
„So war es nicht gemeint. Ich bin sogar sehr froh, dass du so bist, denn so weiß ich, dass wir wenigstens den Hauch einer Chance haben, um zu überleben. Ich wollte ihr nur klar machen, dass mit dir nicht zu spaßen ist."
„Glaubst du nicht, dass ich das alleine kann?"
„Das schon", gab Rodney zu. „Aber wenn ich es bestätige, braucht ihr keine drei Stunden zu diskutieren. Sie mag zwar deinen Kampf gegen Voldemort verfolgt haben, aber sie hat nicht die geringste Ahnung, welche Dämonen wir in den letzten Jahren bekämpft haben. Woher soll sie wissen, wozu du wirklich fähig bist? Wollten wir nicht zu Professor McGonagall? Mich juckt es in den Fingern, mit der Forschung anzufangen. Darf ich erwähnen, dass ich nur noch 22 Tage bis Vollmond habe?"
