Abendlicher Besuch
Die Begegnung mit Professor McGonagall verlief kurz und schmerzlos. Hermine hatte sie am Wasserspeier warten lassen, während sie sie anmeldete und McGonagall über ihr Anliegen informierte. Die Schulleiterin freute sich, dass John noch lebte, vermied aber jedes tiefgründige Gespräch, wies nur darauf hin, dass Hermine ihr von Rodneys Krankheit berichtet hatte. Professor McGonagall ging sogar so weit und bot ihrem Besuch Zitronendrops an, die Rodney, mit Hinweis auf seine Allergie, ablehnte.
Diese Süßigkeit erinnerte John zu sehr an Dumbledore, es war ein bitterer Nachgeschmack und er lehnte ab. McGonagall akzeptierte seine Reaktion mit einem Nicken und informierte sie, dass Snape sich am nächsten Morgen gegen acht Uhr bei ihnen melden würde.
Hermine brachte sie anschließend in ihr Gästequartier. Es war eine Suite mit mehreren Schlafzimmern, die in unmittelbarer Nähe zum Kerker lag.
Rodney und John hatten sich gerade über die Zuteilung der Zimmer geeinigt, als es an der Tür klopfte.
„Ja, bitte?"
„Snape hier, machen Sie auf!"
Es klang wie ein Befehl. So typisch dieser Tonfall auch für Snape war, es überraschte John, dass die Fledermaus ihn früher sehen wollte als unbedingt notwendig.
Er überlegte, ob er wirklich öffnen oder mit einem bissigen Kommentar über Snapes Höflichkeit antworten sollte, als Rodney ihm zuvorkam.
Wie von Geisterhand schwang die Tür auf und Severus Snape trat ein.
John sah kurz zu Rodney, der grinsend mit den Schultern zuckte, dann konzentrierte er sich voll auf Snape.
Der stand nun in ihrem Wohnzimmer und betrachtete die Neuankömmlinge mit hochgezogener Augenbraue. Bis auf die Tatsache, dass er wesentlich gepflegter wirkte – selbst die Haare waren gewaschen – hatte er sich nicht verändert. Er trug immer noch schwarz und er hatte eine arrogante Ausstrahlung.
John begegnete seiner Musterung mit festem Blick und sie lieferten sich ein wortloses Duell.
Dann fühlte er, wie der Tränkemeister versuchte, in seinen Geist einzudringen. Doch die Zeiten, in denen John sich nicht dagegen zu wehren wusste, waren lange vorbei. Selbst die Wraith konnten ihn nicht mehr beeinflussen. Lächelnd baute er in seinem Geist eine unüberwindliche Mauer auf, verzichtete jedoch darauf, Snape anzugreifen. Schließlich waren sie auf ihn angewiesen.
„Setzen Sie sich bitte. Nach dem, was mein Freund mir über Sie erzählt hat, habe ich nicht mit einem Besuch gerechnet."
John blickte nicht zur Seite, als Rodney versuchte, die Situation zu deeskalieren. Doch Snape löste nicht den Augenkontakt, sondern versuchte, Johns geistige Mauer zu durchdringen, was nicht gelang.
„Danke, nein. Ich bin nur hier, um mich zu überzeugen, dass Hermine wirklich keinem Betrüger aufgesessen ist."
„Ihre Frau ist bestimmt begeistert von Ihrem Vertrauen."
„Nicht in diesem Punkt. Sie ist schon so vielen falschen Hinweisen nachgegangen, nur um Harry Potter wiederzufinden, dass ich befürchten muss, dass sie einem Betrüger glauben würde, wenn er eine gute Show abliefert."
„Und? Ist meine Show gut genug?"
Wieder erfolgte ein Angriff auf seinen Geist und John musste feststellen, dass Snape wesentlich stärker war, als er ihn in Erinnerung hatte. Oder hatte er sich vielleicht doch in ihrem gemeinsamen Unterricht zurückgehalten?
„Zu meinem persönlichen Bedauern muss ich zugeben, dass Sie wirklich Harry Potter sind. Hermine wird es sehr froh stimmen, aber ich hatte gehofft, für den Rest meines Lebens von Ihrer Gegenwart verschont zu bleiben."
„Dieser Wunsch beruht auf Gegenseitigkeit. Aber wie Sie sicher von Hermine erfahren haben, habe ich einen guten Grund, hier aufzutauchen."
„Je schneller ich Ihnen helfen kann, umso schneller verschwinden Sie wieder aus meinem Leben."
Sie umkreisten einander. Belauerten sich gegenseitig und schienen nur auf die passende Gelegenheit zu warten, die Zauberstäbe zu zücken und den anderen anzugreifen.
„Sie haben es erfasst. Falls Sie jedoch nicht helfen können und Rodney stirbt, werde ich nicht abreisen, sondern Nachforschungen anstellen, ob Sie vielleicht versucht haben, sich zu rächen."
„Soll das eine Drohung sein?"
Snapes Stimme war seidenweich.
„Nein, die Feststellung, dass Sie mich nur schnell loswerden, wenn Sie erfolgreich sind."
Unter Snapes ständigen geistigen Angriffen fiel es John schwer, spöttisch zu grinsen. Und es war ein wenig verzerrt. Doch die Fledermaus blieb ruhig.
„Dr. McKay, können Sie mir bitte Ihre Unterlagen geben? Um Harry Potter loszuwerden", Snape betonte seinen Namen, als ob es sich um ein äußerst giftiges Insekt handeln würde, „lege ich sogar Nachtschichten ein."
Er streckte die Hand auffordernd in Rodneys Richtung aus, unterbrach den Blickkontakt zu John aber nicht.
„Tu, was er sagt, Rodney. Wir wollen ihn doch nicht bei unserem ersten Zusammentreffen verärgern."
John schaffte es, genauso sanft zu sprechen, wie Snape es tat.
„Wie die Herren wünschen."
Der Ton verriet, dass Rodney von ihrem Verhalten mehr als nur genervt war. Dass er trotzdem die Unterlagen holte und Snape in die Hand drückte, rechnete John ihm hoch an.
„Ich bezweifle, dass Sie die Daten ohne weitere Informationen von mir verstehen können. Es sind teilweise persönliche Notizen. Aber Sie wissen ja, wo Sie mich finden können."
Dabei blieb Rodney für seine Verhältnisse sehr ruhig. Selbst seine Stimme hatte nicht den geringsten zynischen Unterton.
„Das werden wir ja sehen. Dr. McKay, ich sehe Sie morgen um acht Uhr in meinem Büro. Potter, Sie bleiben weg von mir, sonst kann ich für nichts garantieren."
Mit wehender Robe drehte Snape sich um seine Achse und wollte zur Tür hinaus stürmen. Doch die war verschlossen.
„Potter, wären Sie so gütig, den Zauber zu lösen?"
„Tut mir leid, das ist meine Schuld." Rodney konzentrierte sich einen Moment. „Jetzt müsste sie entriegelt sein."
Er hörte sich wirklich so an, als ob er diesen Vorfall bedauerte, aber nur bis die Tür hinter Snape leise ins Schloss fiel – was allerdings auch nicht Snapes sanftem Umgang mit der Tür zuzuschreiben war.
Erst dann ließ er sich aufseufzend in einen Sessel fallen.
„Und mit dem soll ich zusammenarbeiten? Das gibt Mord- und Totschlag. Der ist ja noch arroganter als Hermiod!"
Dabei machte er eine bezeichnende Armbewegung, die aussagen sollte, dass er Snape für verrückt hielt.
John gestattete sich, seine Konzentration ein ganz klein wenig zu lockern. Auch wenn der Tränkemeister den Raum verlassen hatte, musste er jederzeit mit einen Angriff rechnen.
„Er ist nur schwierig."
„Schwierig?" Rodney hob verzweifelt seine Hände. „Ich bin schwierig. Für den da hätte ich einige wesentlich weniger schmeichelhafte Worte. Ich kann nicht mit ihm zusammenarbeiten."
„Doch, du kannst." John blickte seinen Freund an. „Jedes Mal, wenn er dich nervt, musst du einfach nur im Geist den Spruch aufsagen: ‚Er rettet meinen Arsch, er rettet meinen Arsch!' und irgendwann funktioniert es von selbst."
„Bist du sicher?"
Rodney blickte skeptisch zu John hoch.
„Glaub mir, ich habe mit dieser Taktik sehr gute Erfahrungen gemacht."
„Gut", der Wissenschaftler massierte seine Schläfe. „Ich muss wohl damit rechnen, dass mich Snape mitten in der Nacht weckt, um mir einige Fragen zu stellen. Ich sollte schauen, dass ich vorher etwas Schlaf bekomme, um auch um acht Uhr wieder fit zu sein. Frage mich nur, was Hermine an ihm findet."
„Ich mich auch. Aber ich respektiere ihre Entscheidung, solange sie nicht versucht, uns zu versöhnen. Denn das kann nicht gut gehen."
Rodney machte keine Anstalten, seiner Ankündigung entsprechende Taten folgen zu lassen. Er sah John auffordernd an. Da er keine Ruhe geben würde, bis er seine Antworten bekam, kapitulierte John und machte es sich auf der Couch bequem.
„Was willst du jetzt noch, McKay?"
„Was ist da eben zwischen dir und Snape gelaufen? Da war mehr als die üblichen Drohgebärden von zwei Platzhirschen."
Sie kannten sich wirklich schon zu lange.
„Er hat versucht, in meinem Geist einzudringen, und ich habe es abgewehrt."
Rodney sah John alarmiert an.
„Ist das nicht verboten? Du hast mir doch gestern eine entsprechende Predigt gehalten."
„Glaubst du ernsthaft, dass Snape das stört?" John schüttelte den Kopf. „Ich dachte, ich hätte dir genug Fakten geliefert, damit du ihn einschätzen kannst."
„Wie kommt es denn, dass er noch frei herumläuft?"
John lachte auf. Hart und humorlos.
„Weil er sich in der letzten, alles entscheidenden Schlacht für die richtige Seite entschieden hat. Ohne seine Hilfe hätte ich damals gegen Voldemort verloren. Aus diesem einen Grund wurden ihm all seine Verbrechen erlassen und er wurde als Mitglied der Gesellschaft anerkannt."
„Aber er muss doch unzählige Straftaten begangen haben?"
„Er hat wahrscheinlich gefoltert und gemordet. Schlimmer als du es dir in deinen übelsten Albträumen vorstellen kannst. Dumbledore hat es damals im Kauf genommen, eben weil es jemanden geben musste, der sich die Finger schmutzig macht. Genauso wie wir zustimmten, dass Ronon Kavanah foltern sollte, um wichtige Informationen zu erhalten. Ich habe kein Recht, ihn zu verurteilen."
Eindringlich sah John seinen Freund an. Es war so ruhig, dass man das Ticken der Standuhr neben dem Kamin überdeutlich hörte.
Dann nickte Rodney.
„Ich verstehe, was du meinst und muss dir Recht geben. Aber das macht das, was wir getan haben, nicht besser und wir dürfen es nicht mehr zulassen." Er atmete tief durch. „Doch ich will noch etwas wissen: Wie kann ich verhindern, dass Snape in meinen Geist eindringt? Nicht nur, dass ich keine Lust auf ungebetenen Besuch in meinem Kopf habe - er könnte... würde alles über Atlantis erfahren."
„Du kannst es nicht. Es tut mir leid, aber um ihn abzuwehren, benötigt man ein sehr intensives Training. Und das über mehrere Jahre. Es erfordert viel Kraft, in den Geist einer anderen Person einzudringen. Aber wenn du es schaffst, nur an die Forschung zu denken, wird er es nicht schaffen, tiefer in deinen Gedanken zu wühlen. Mit etwas Glück wird es ihm zu langweilig, sich durch Formeln zu graben, die er nicht versteht und er lässt dich in Ruhe. Nur bei mir würde er tiefer bohren."
„Aber er investiert doch seine Zeit, um nach einem Gegenmittel zu forschen!"
Rodney war sauer, wie immer, wenn er das Gefühl hatte, nicht ernst genommen zu werden.
„Vordergründig wird er es machen, um mich loszuwerden…"
„Und hintergründig?"
„Weil er neugierig ist, weil er ein Forscher ist. Ich bezweifele, dass es in der Bibliothek ein Buch gibt, das er nicht zumindest in seinen Händen gehalten hat. Vielleicht ist dies eine Basis in seiner Beziehung zu Hermine."
„Neugierde ist immer gut." Rodney zeigte mit seinem Finger auf seinen eigenen Kopf. „Jetzt muss ich nur herausfinden, wie ich mit ihm zusammenarbeiten kann, ohne dass wir uns gegenseitig an die Kehle gehen."
„Das ist ein guter Plan. Und besser als Schäfchen zählen. Ab ins Bett mit dir! Sonst bist du doch nicht ausgeschlafen und streitest dich wegen einer Kleinigkeit mit ihm."
„Ich fange nie Streit an. Ich ärgere mich nur über die Inkompetenz meiner Mitarbeiter und das führt zu Auseinandersetzungen. Aber so wie du Snape beschreibst, dürften wir da keine Probleme haben. Wie organisiere ich mir eigentlich mein Frühstück?"
„Du klatschst einfach in die Hände und dann wird ein Hauself erscheinen. Aber sei vorsichtig mit dem, was du sagst. Sie neigen dazu, Anweisungen wortwörtlich auszuführen, und das kann dich in verzwickte Situationen führen."
Als Rodney darauf klatschte, erschien prompt ein Hauself.
„Was kann Dobby für Sie tun, Sir?"
Jetzt wusste der Wissenschaftler nicht weiter und sah John Hilfe suchend an.
„Bring uns bitte etwas zu trinken. Für mich eine Flasche Kürbissaft und für meinen Freund…" John blickte zu Rodney, doch der schüttelte den Kopf. „…eine Flasche Wasser. Wecke ihn bitte um sieben Uhr mit einem angenehmen Geräusch. Eine kleine, nicht zu laute Glocke. Falls er eine viertel Stunde später immer noch nicht aufgestanden ist, schüttest du einen Zehn-Liter-Eimer Eiswasser über ihm aus."
„Wie Master wünscht."
Und schon war Dobby verschwunden.
„Colonel Sheppard! Was soll das?"
Nach dem ganzen Stress ging doch nichts über eine nette kleine Kabbelei mit seinem Freund.
„Egal wie lange Snape dich heute Nacht wach hält, wollen wir doch nicht riskieren, dass du verschläfst. Snape hasst nichts mehr als Unpünktlichkeit."
„Jede Dankbarkeit hört auf, wenn man mich mit Eiswasser übergießt. Ich bin immer pünktlich."
Rodney verschränkte die Arme vor der Brust und sah John herausfordernd an.
„Und was war mit heute Morgen? Mich hat er schon mal stundenlang verdreckte Kessel putzen lassen, nur weil ich eine Minute zu spät war. Glaub mir, das willst du nicht miterleben."
„Noch schlimmer als gerade eben?"
„Der Auftritt gerade eben war Snapes Auffassung von Höflichkeit und Zurückhaltung."
Der Hauself erschien wieder, setzte die gewünschten Getränke auf dem Tisch ab und verschwand, bevor Rodney Johns Befehl rückgängig machen konnte.
„Mir ist egal, was du noch vorhast. Ich gehe jetzt ins Bett. Falls du eine andere Weckmethode bevorzugst, brauchst du nur in die Hände zu klatschen. Gute Nacht."
Er schob sich an Rodney vorbei, nahm seinen Saft und ging ins Schlafzimmer. Er gestattete es sich erst zu grinsen, als er die Tür geschlossen hatte.
