Das Duell
Am nächsten Morgen erwachte John kurz nach Sonnenaufgang.
Rodney lag selig schnarchend in seinem eigenen Bett und so hatte er die Ruhe, sich auf das Duell vorzubereiten. Er beschloss, ein leichtes Aufwärmtraining zu machen. Er zog sich an und steckte seine M-9 in den Hosenbund. Ein weiter Pullover verhinderte, dass jemand die Waffe sehen konnte. Es war schon praktisch, dass die M-9 rein mechanisch funktionierte und somit nicht auf die Magie, die Hogwarts umgab, ansprechen konnte.
John joggte eine Stunde im leichten Trab durch die menschenleeren Gänge, wohl bewusst, dass er aus dem einen oder anderen Portrait neugierig beäugt wurde.
Auf dem Rückweg machte er einen Abstecher in die Küche. Er kitzelte die Birne des Gemäldes und wurde sofort eingelassen.
Alle Elfen waren dabei, das Frühstück für die große Halle vorzubereiten.
Einer von ihnen – damit beschäftigt Saft mit Hilfe von Magie frisch zu pressen und anschließend in Krüge abzufüllen – unterbrach seine Arbeit und eilte zu John. Der Elf hatte eine saubere Schürze und bunte Socken an.
„Was kann Dobby für Sie tun, Sir?"
War John beim letzten Treffen viel zu abgelenkt gewesen, um den Hauself zu erkennen, so bestand jetzt kein Zweifel mehr, dass hier ein freier Elf vor ihm stand – und in der magischen Welt gab es nur einen freien Elfen, der Dobby hieß. Er hoffte nur, von ihm nicht erkannt zu werden.
„Kannst du mir bitte ein Tablett mit einem nicht zu reichhaltigem Frühstück für zwei Personen und eine große Kanne Kaffee fertig machen?"
„Harry Potter vertraut Dobby nicht mehr?"
Schon wieder eine Hoffnung weniger.
„Weil ich verhindere, dass du meine Räume betreten kannst?"
Bestätigend nickte Dobby und es schien als würde er jeden Augenblick in Tränen ausbrechen.
„Ja!" Ein Schluchzen kam aus seiner Kehle, doch dann hatte er sich gefangen. „Abby erzählte Dobby von einem Mann, der Hermine Snape besucht hat. Ein Mann, der ungebändigte dunkle Haare hat. Dobby hat gehofft, dass dieser Mann Harry Potter ist. Er hat Abby gesagt, dass niemand wissen darf, dass Hermine Snape Besuch bekommen hat. Deswegen ist Dobby für Harry Potters Räume zuständig, hat Kleidung ausgesucht und sie in den Schrank gehängt. Deswegen wird kein anderer Elf wagen, Harry Potter ohne Dobbys Einverständnis zu dienen."
Jedes Mal, wenn Dobby seinen Namen aussprach, war John zusammengezuckt und hatte sich umgesehen. Doch die anderen Elfen waren so sehr auf ihre Aufgaben konzentriert, dass sie nichts mitbekamen.
Und dann rann eine Träne aus Dobbys großen Augen. John nahm ihn bei der Hand, ging zum Küchentisch, zwang den Elf, sich auf einen Stuhl zu setzen und hockte sich vor ihm hin.
„Es tut mir leid, Dobby. Ich bin so lange weg gewesen, dass ich einfach nicht mehr weiß, wem ich trauen kann."
„Traut Harry Potter denn Dobby?"
„Zunächst muss Dobby aufhören, mich Harry Potter zu nennen, ja."
„Soll Dobby „Sir" sagen?"
„Nein, ich heiße jetzt John Sheppard."
„Dann kann John Sheppard Dobby trauen. Dobby ist überall im Haus unterwegs. Dobby weiß, wem John Sheppard vertrauen kann."
„Und wer sagt mir, dass ich dir trauen kann? Es sind mehr als zehn Jahre vergangen."
„Für einen Elf sind zehn Jahre nur ein Augenblick. Will John Sheppard Dobby beleidigen? Dobby ist ein freier Elf. In meiner Familie der erste seit über tausend Jahren. Es gibt keinen Herrn mehr, dessen Befehlen Dobby unabdingbar gehorchen muss. Dobby kann auch kündigen, wenn ihm etwas nicht passt. Dobby möchte John Sheppard helfen. Denn Dobby hat immer noch die Socke, die die Freiheit gebracht hat."
Der Elf wühlte in seiner Schürzentasche und zeigte John eine alte, ausgeblichene Kindersocke.
John entschied, seinen Instinkten zu folgen.
„Du hast mich überzeugt. Kannst du mit in unsere Räume kommen, damit ich die Schutzbanne über meine Räume ändern kann?"
„Dobby muss zuerst zu Direktor McGonagall und sie bitten, ihm seine freien Tage jetzt sofort zu geben."
„Ich möchte nicht, dass du meinetwegen deinen Urlaub opferst."
Ein schüchternes Lächeln erschien auf dem Gesicht des Elfen.
„Dobby hat in den letzten zehn Jahren erst zwei freie Tage gebraucht. Er möchte jetzt frei haben, um nicht zwei Herren gleichzeitig zu dienen."
Dieses Argument konnte John zu gut verstehen.
„Fällt es nicht auf, wenn du jetzt frei nimmst? Ich möchte nicht, dass Professor McGonagall weiß, dass du für mich unterwegs bist."
„Dobby wird ihr sagen, dass seine alte Tante Ixie im Sterben liegt. Ixie arbeitet bei den Malfoys. Die Malfoys wissen noch nicht einmal, wie viele Elfen für sie arbeiten, und nur mit Mühe erinnern sie sich an die Namen der persönlichen Elfen. Deswegen kann Professor McGonagall nicht nachprüfen, ob es stimmt."
„Aber du bleibst doch hier?"
„Dobby wird sich für die Lüge bestrafen müssen."
Gleichzeitig stopfte er die Socke wieder in die Tasche zurück und John befürchtete schon, dass er sich selbst verstümmeln würde.
„Du sollst dich nicht selbst verletzen!"
„Es wird nur eine leichte Strafe sein. Dobby wird auf die Kleidung eines freien Hauselfen verzichten. Jedenfalls solange er frei hat. Dann merkt kein Mensch, dass Dobby auf Hogwarts bleibt."
„Wird dich niemand erkennen?"
„Dobby muss vermeiden Hermine Snape zu begegnen, sie kennt alle Elfen mit Namen. Kein anderer Professor hat sich jemals die Mühe gemacht. Sie erkennen Dobby nur an der Kleidung."
„Und wenn du sie nicht trägst, kannst dudich ungestört bewegen. Eine tolle Strafe hast du dir ausgedacht." John musste über die Gerissenheit des Elfen grinsen. „Was ist mit den anderen Elfen?"
„Direktor McGonagall spricht nicht mit ihnen. Dobby wird ihnen nicht sagen, dass er Urlaub hat. Dobby sagt ihnen, dass er den Auftrag bekommen hat, für John Sheppard zu sorgen. Und da John Sheppard ein anstrengender Herr ist, hat Dobby keine Zeit mehr für seine üblichen Aufträge."
Das Grinsen war fast schon als listig zu beschreiben.
„Das hört sich nach einem guten Plan an. Ich muss jetzt los. Bringst du gleich das Frühstück oder kann ich es jetzt schon mitnehmen?"
„John Sheppard braucht nichts zu tragen. Dobby wird Abby bitten, es fertig zu machen. Wenn Dobby von Direktor McGonagall zurückkommt, wird Dobby mit dem Frühstück bei John Sheppard anklopfen."
„Schön, dann kann ich sogar noch duschen."
„Hat John Sheppard an der Dusche schon den ganz linken Knopf gedrückt?"
„Nein, warum?"
„Es ist ein neuer Zauber, den John Sheppard noch nicht kennt. Er wird ihn bestimmt mögen."
Dobby rutschte von seinem Stuhl und John stand auf.
„Hat John Sheppard noch einen Wunsch?"
„Viele." Erwartungsvoll hob Dobby den Kopf. „Aber leider keinen, den du erfüllen kannst. Ich bin dir für deine Hilfe sehr dankbar."
Spontan beugte John sich vor und drückte Dobbys Hand. Der Elf errötete und lächelte. Dann zog er seine Hand zurück und verschwand mit einem leisen Plop.
Als John in seine Räume zurückkehrte, war Rodney überraschenderweise bereits unter der Dusche. Das Plätschern und der schiefe Gesang waren bis ins Wohnzimmer zu hören.
John klopfte kurz an die Tür und der Gesang verstummte.
„Was?" Rodney hörte sich ziemlich genervt an.
„Hast du bei der Dusche schon den ganz linken Knopf ausprobiert?"
„Warum sollte ich das?"
„Weil du der Wissenschaftler bist und es einfach nur toll ist."
Zuerst hörte John nur das Rauschen des Wassers, es war so laut, dass es sogar Rodneys Gemurre übertönte. Doch dann hörte er plötzlich Rodneys Schrei.
Ohne weiter nachzudenken, zog John seine Waffe und trat die Tür ein. Jetzt musste er Rodney retten, später konnte er sich darüber ärgern, Dobby vertraut zu haben.
Dass man mit Magie viel erreichen konnte, wusste er. Aber dass auch so was möglich war. Staunend ließ John seine Waffe sinken.
Rodney stand nicht mehr in einem Badezimmer, sondern direkt neben einem Wasserfall, der in einem tropischen Teich mündete. Es wirkte paradiesisch und war wirklich so fantastisch, wie Dobby angedeutet hatte.
Die M-9 steckte John wieder in den Hosenbund. Hier würde es keine Angriffe geben. Im Geiste entschuldigte er sich bei Dobby, dass er so wenig Vertrauen gehabt hatte.
„Was ist los, McKay? Warum hast du geschrieen?"
Der schien jetzt erst zu realisieren, dass er nicht mehr allein in seinem ‚Badezimmer' war. Er drehte sich zu John und sah ihn vorwurfsvoll an.
„Das Wasser ist zu kalt! Ich dusche sonst immer mit Wasser, das auf Körpertemperatur angeheizt ist. Und dieser Wasserfall ist eisig kalt!"
John bückte sich und streckte seine Hand in den Teich
„Ich weiß nicht, was du hast! Die Temperatur ist perfekt."
„Dann geh du ins Wasser. Du kannst dann nachher das Paradies wieder wegräumen - der Knopf ist nämlich verschwunden. Reich mir bitte das Handtuch."
Rodney deutete auf einen Baum und dort hing ein großes, flauschiges Handtuch. John reichte es seinem Freund, der aus dem Teich watete. Rodney rubbelte sich kurz ab, schlang das Tuch um seine Hüften und wollte gerade das Badezimmer verlassen, als John einen Kommentar loswerden musste.
„Ich glaube es nicht. Du hast im letzten Monat mindestens zehn Kilo zugenommen."
„Wenn ich schon dem Tode geweiht bin, dann will ich wenigstens mein Essen genießen. Mit einer Diät fange ich an, wenn ich den nächsten Vollmond überlebt habe."
Bevor John eine Antwort geben konnte, hatte Rodney auch schon die Tür hinter sich zugeschlagen. Nicht wirklich effektiv, denn Johns hastiger Eintritt hatte das Schloss kaputt gemacht.
Rodney hatte definitiv noch keinen Kaffee getrunken.
Es war richtig angenehm, in dem kleinen Teich zu schwimmen und unter dem Wasserfall zu duschen.
Erfrischt verließ John eine halbe Stunde später das Badezimmer.
Rodney hatte in der Zwischenzeit Dobby hereingelassen und gefrühstückt. Doch Johns Kommentar zeigte Wirkung, denn er ließ mindestens die Hälfte seiner Portion stehen.
John informierte Rodney, dass Dobby ihr neuer Verbündeter war. Er schüttete sich eine Tasse Kaffee ein und modifizierte den Schutzzauber so, dass der Elf jederzeit das Wohnzimmer betreten konnte – gleichzeitig legte er einen Bann über ihre Schlafzimmer. Das Frühstück rührte er nicht an. Je nachdem was für ein Fluch Snape ihm anhexte, war es sinnvoll, nüchtern zu sein.
Und dann war es Zeit, in die große Halle zu gehen und sich Snape zu stellen.
Um kurz vor zehn betrat John mit Rodney an seiner Seite die große Halle. Er hatte es so gerade geschafft, Dobby davon abzuhalten, mitzukommen. Als Kind hatte John oft genug erlebt, was für Auswirkungen Dobbys Hilfe auf ihn hatte, deswegen verzichtete er dankend darauf und bat den Elfen, heute im Hintergrund zu bleiben, er würde später seinen Einsatz haben. Dieser war mit hängenden Ohren abgezogen.
Die Halle war voller Menschen. Statt einer einzigen Klasse oder eines einzelnen Jahrgangs war die gesamte Schülerschaft und das komplette Lehrpersonal anwesend. Selbst Molly Weasley war gekommen und stand neben ihrem Sohn Charlie. Sie schien sich nicht wirklich für ihre Umgebung zu interessieren, sondern konzentrierte sich auf die Unterhaltung mit ihrem Sohn, besser gesagt, sie schien ihm Vorwürfe zu machen. John fragte sich, was Charlie angestellt hatte, um selbst in der Öffentlichkeit derart behandelt zu werden.
John sah sich die Halle genau an. Dort, wo sonst die Tische für die Lehrer standen, war eine große Bühne aufgebaut worden, die hell erleuchtet war. Snape, Hermine, Professor McGonagall und Tonks standen dort und warteten wohl nur noch auf John und Rodney.
Der Bühnenaufbau gefiel John überhaupt nicht: Es gab keine Möglichkeit, in Deckung zu gehen, falls man von den Zuschauerreihen aus angegriffen wurde, und so wie es aussah, musste man am Kopf der Bühne eine kleine Treppe hochsteigen, um die Tribüne überhaupt betreten oder verlassen zu können. Es gab also keine Möglichkeit, um einem geballten Angriff aus dem Publikum zu entgehen. Schließlich existierte immer noch der Apparierschutz um Hogwarts.
„Colonel, dein Plan hörte sich in der Abgeschiedenheit unseres Quartiers ganz gut an, aber du hast nicht zufällig daran gedacht, vor dem großen Auftritt alles zu inspizieren?", flüsterte Rodney Johns ins Ohr.
„Wann hätte ich das machen sollen? Das Ganze ist doch erst nach dem Frühstück aufgebaut worden", raunte John zurück. „Eigentlich hatte ich gestern Professor McGonagall gebeten, sowohl für Deckungsmöglichkeiten in Form von Tischen, als auch für Fluchtmöglichkeiten zu sorgen."
„Kennst du ihre Beweggründe? Traust du ihr?"
Rodney hatte sich von Johns Paranoia anstecken lassen.
„Ich kenne sie gut genug, um zu wissen, dass sie weder mich noch Snape jemals auf so einem Präsentierteller dem Feind servieren würde."
Während ihrer Unterhaltung hatte John sich durch die Schülermengen gequetscht, bis sie in der ersten Reihe standen, aber er zögerte noch, die Treppe hochzusteigen.
Da erklang die Stimme der Direktorin.
„Liebe Schüler, werte Kollegen. Sie werden sich bestimmt über diese kurzfristig anberaumte Veranstaltung wundern. Es war ursprünglich geplant, der sechsten Klasse Hufflepuff/Rawenclaw vorzuführen, wie ein klassisches Duell abläuft. Da sich aber zusätzlich zu Professor Severus Snape auch noch der amerikanische Auror John Sheppard bereit erklärt hat, seine Fähigkeiten in der Verteidigung gegen die dunklen Künste zu zeigen, haben wir beschlossen, diese Vorführung allen Schülern zugänglich zu machen. Denn es ist sehr selten, dass sich zwei Meister dieses Faches zu so einer Demonstration bereit erklären. Begrüßen Sie nun John Sheppard!"
Der aufbrandende Applaus und das aufmunternde Grinsen der Schüler, die direkt neben ihm standen, ließen John keine andere Wahl. Als er mit Rodney zusammen die Bühne betrat, veränderte sich auf einmal ihr Aussehen. Der Boden war keine leicht spiegelnde Fläche mehr, sondern wurde durch mehrere Einschnitte – die John an Gräben erinnerte – unterteilt. Und einer dieser Gräben führte direkt zum Nebeneingang der großen Halle. Gleichzeitig wurden die Geräusche aus den Zuschauerreihen leiser.
„Wow." Rodney schaffte es, trotz seiner Begeisterung leise zu sprechen, und auch seine Arme ruderten nicht wild durch die Gegend. „Wir haben wohl eine Art Schleier durchschritten. Was meinst du, gibt es eine Möglichkeit, dass ich ihn nachher untersuchen kann?"
John blieb eine Antwort erspart, da McGonagall sie begrüßte.
Hermine und Tonks stellten sich an den Bühnenrand und begannen, einen Zauber zu sprechen. Dies nutzte Professor McGonagall, um mit John einige Wörter zu wechseln.
„Ist alles so arrangiert, wie Sie es wollten?"
„Perfekt." John lächelte. „Wenn ich den Aufbau richtig interpretiere, werden Snape und ich uns recht weit vorne duellieren, während Sie weiter hinten, direkt vor einem Graben stehen."
„Ja, so hatten wir das geplant. Und wenn Sie es wünschen, können wir noch einen Schutzzauber wirken, damit die Zeugen weder von verirrten Flüchen, noch durch Angriffe aus dem Publikum verletzt werden können."
„Können wir eingreifen, wenn bei der Vorführung etwas schief geht?" Rodney mischte sich in ihr Gespräch ein.
„Das ist dann nur bedingt möglich. Sie können zwar Magie wirken, aber den vorderen Bühnenbereich nicht betreten."
Ein Raunen aus dem Publikum und ein leichtes Flimmern zeigten, dass der erste Schutzschirm stand.
„Wenn die anderen nichts dagegen haben, dann brauche ich keinen Schutzschild."
Ruhig und gelassen hatte Rodney seine Entscheidung mitgeteilt. Vor zwei Jahren hätte er noch ganz anders reagiert. Auf der einen Seite war John erleichtert, dass Rodney bereit war, seinen Rücken zu decken, auf der anderen Seite machte er sich Sorgen, dass er vielleicht doch verletzt werden könnte.
Professor McGonagall trat wieder vor und erklärte den Schülern zur Entstehungsgeschichte des Duells, dass Zauberer früher oft ihre Streitigkeiten beigelegt hatten, nachdem sie in einem Zweikampf geklärt hatten, wer der Bessere war.
Für ein einfaches Duell waren vier Zeugen notwendig, die darauf achteten, dass die wenigen Regeln, die es gab, eingehalten wurden. Diese lauteten: Dass die Duellanten sich bereit erklärten, auf das Startzeichen des dafür ausgewählten Zeugen zu warten, niemals einen Zauberer zu verfluchen, der als Zeichen seiner Niederlage seinen Stab abgeben hatte und keinen Unverzeihlichen anzuwenden.
Solange man diese Flüche nicht anwendete, wurde kein Zauberer bestraft, selbst wenn der Duellgegner an den Folgen sterben sollte.
Fast immer endete ein Duell, wenn einem Zauberer vom Gegner der Stab abgenommen wurde oder einer der Kämpfer aufgab. Nur selten wurde in der magischen Welt ein Duell auf Leben und Tod ausgefochten; es reichte, den Gegner zu besiegen.
Tonks übernahm die weiteren Erklärungen und führte aus, dass diese Form nicht automatisch bedeutete, dass es nur wenige Verletzungen gab. Wenn die Gegner gleich stark waren und lange gegeneinander kämpften, dann wurden die Flüche immer stärker und teilweise sehr schwere Wunden waren die Folge. Schließlich drehte Tonks sich um und bat John und Snape vorzutreten. Die Schüler begrüßten sie mit Applaus, der durch den Schleier nur gedämpft zu hören war..
Im Gegensatz zum Zaubertränkemeister hatte John nicht viel Erfahrung im Duellieren. Selbst sein letzter Kampf gegen Voldemort konnte nicht als herkömmliches Duell bezeichnet werden.
Aber es war egal, ob er Übung hatte oder nicht. Schließlich musste er ja ‚nur' verlieren. John wollte lediglich verhindern, dass Snape ihn mit einem besonders üblen Fluch auf die Krankenstation hexte. Und dabei durfte er sich nicht wirklich wehren, um Snape nicht zu verletzen. Er bekäme gewaltigen Ärger mit Rodney, wenn er Snape außer Gefecht setzen würde.
John stakste auf seine Seite der Bühne, zog seinen Zauberstab und harrte der Dinge. Ein beruhigendes Gefühl gab ihm seine M-9. Er hatte sie in den Hosenbund gesteckt. Der Staubmantel, den er anstelle eines Umhangs angezogen hatte, verhinderte, dass jemand diese Muggelwaffe sehen konnte.
Snape hatte sich ihm gegenüber aufgestellt und musterte John mit einem geringschätzigen Lächeln.
„Wie Sie sehen, gibt es zwei Grundpositionen für ein Duell", fuhr Tonks mit ihrer Erklärung fort. „Professor Snape hat die Angriffsposition eingenommen. Dagegen ist Mr. Sheppard in einer defensiven Haltung. Sehen Sie, wie die Zauberstäbe gehalten werden? So kann man jederzeit einen Fluch wirken. Und jetzt beginnen Sie!"
Damit gab Tonks den Kampf frei und lief mehrere Schritte zurück, um aus der unmittelbaren Gefahrenzone zu kommen.
Doch John dachte gar nicht daran, den ersten Fluch zu schleudern, denn in demselben Augenblick wäre er schutzlos Snapes erstem Zauber ausgeliefert.
So beließ John es dabei, seinen Gegner zu mustern und einige Schritte zur Seite zu weichen, als ob er seinen Gegner umkreisen wollte. Snape folgte dieser Bewegung, blieb aber stehen, als er merkte, dass er dem Publikum seinen Rücken zuwenden musste, wenn er John weiter verfolgte.
„Incarcerus!"
Mit einem Hechtsprung wich John zur Seite und rollte sich geschickt auf dem Boden ab. Er sah aus dem Augenwinkel, wie die Seile hinter ihm auf den Boden landeten, ohne Schaden anzurichten.
„Petrificus Totalus!"
Snape hoffte wohl, dass John von den Seilen abgelenkt worden war. Doch der konnte dem Zauber entgehen, indem er sich erneut zur Seite rollte. Er kam unsanft auf der Schulter aus und fluchte leise. Bevor Snape einen weiteren Angriff startete, sprang John auf und richtete seinen Stab auf ihn.
„Rictusempra!"
Der Kitzelfluch war einer der wenigen wirklich harmlosen Flüche. Leider er war so harmlos, dass Snape noch nicht einmal darauf reagierte, obwohl er voll getroffen wurde. Kein Grinsen, kein Lächeln, noch nicht einmal das Zucken eines Mundwinkels.
„Tja, John! Dieser Fluch wirkt nur, wenn der Gegner kitzlig ist. Es tut mir unheimlich leid, Sie enttäuschen zu müssen. Haben amerikanische Auroren nichts Besseres auf Lager?"
Dabei zeigte Snape seine Zähne, wohl die wölfische Version eines Grinsens.
John lächelte zurück, wohl wissend, dass dieser Ausdruck schon so manchen Genii in die Flucht geschlagen hatte. Er ärgerte sich, dass er nicht wirklich um den Sieg kämpfen konnte.
„Ihre Provokation wird nicht funktionieren, Snape. Oder ist das alles, was Sie können: reden statt kämpfen?"
Bevor Snape antworten konnte, griff John an.
„Impedimenta!"
Mit einer eleganten Bewegung, die seine Robe wehen ließ, brachte Snape sich in Sicherheit. Es war kein Zeichen von Verlangsamung zu erkennen. Gleichzeitig richtete er den Stab auf John und versuchte, ihn zu lähmen. John wich aus und griff an.
„Stupor!"
Snape sprang zur Seite, war aber nicht schnell genug und seine Robe wurde getroffen. Das Kleidungsstück erstarrte, brachte ihn zum Stolpern. Snape stürzte zu Boden, doch seinen Zauberstab verlor er nicht und richtete ihn erneut auf John. Der konnte nicht hören, welche Beschwörung sein Gegner murmelte, ahnte aber Schreckliches.
Er warf sich zur Seite, doch dem Funkenstrom des Relaschiofluches konnte er nicht entkommen. Einzig sein Staubmantel bewahrte ihn vor schweren Verbrennungen. Es stank bestialisch nach verkokeltem Leder und so wie seine Augenbraue sich anfühlte befürchtete John, dass seine Haare auch angesengt waren.
Es war Zeit, die Show zu beenden, auch wenn sie gerade erst angefangen hatte.
Es wäre einfach gewesen, während des Funkenregens aufzuspringen und Snape mit einem weiteren Fluch zu belegen. Doch John rappelte sich nur langsam hoch, ließ seinem Gegner genug Zeit, einen Angriff vorzubereiten.
„Expelliarmus!"
Snape landete einen Volltreffer. John wurde mehrere Meter zurückgeschleudert und landete hart auf dem Rücken. Sein Zauberstab glitt ihm aus der Hand und flog in einem eleganten Bogen direkt in Snapes ausgestreckte Hand.
Applaus war aus den Zuschauerreihen zu hören. Die Kinder hatten schnell gemerkt, dass das Duell zu Ende war.
John versuchte, sich aufzurichten – ein schmerzhaftes Ziehen im Rücken machte ihm klar, dass es keine gute Idee gewesen war, die Waffe in den Hosenbund zu stecken. Er stützte sich mit seinen Händen auf dem Boden ab und wartete, dass die Schmerzen nachließen. Er beobachtete das Publikum, niemand schien einen Angriff zu planen. John blickte erst hoch, als Snape über ihm stand und auf ihn hinabsah.
„Wissen Sie, dass ich vor Jahren davon geträumt habe, Ihnen einmal eine Lektion zu erteilen und Sie in der Öffentlichkeit so zu demütigen, wie Sie es so oft mit mir gemacht hatten?"
Snapes Stimme war so leise, dass nur John ihn verstehen konnte. Nicht weniger leise gab er darauf die passende Antwort.
Also war es doch Rache, dachte John. "Wenn ich wirklich in Ihren Träumen war, habe ich Ihnen den Arsch aufgerissen", antwortete er nicht weniger leise. "Was wollen Sie? Soll ich um Gnade betteln, macht Sie das glücklich?"
Spöttisch musterte John seinen Gegner. Ein Duell absichtlich zu verlieren war eine Sache, aber vor Snape zu kriechen war nichts, was er freiwillig tun würde.
Der Tränkemeister zog einen Mundwinkel hoch.
„Nein, das ist nicht notwendig, Es reicht, dass Sie besiegt am Boden liegen. Diesen Anblick werde ich nie vergessen."
„Severus, Achtung!" Hermines Schrei war fast schon panisch.
Doch John hatte den Grund für ihre Warnung im Augenwinkel gesehen und bevor sie zu Ende gesprochen hatte, hatte er einen Schutzschild um sich und Snape aufgebaut.
Keine Sekunde zu spät. Ein blass-grüner Strahl traf den Schild und wurde absorbiert.
Ohne auf seine Schmerzen zu achten, sprang John auf, schob Snape – der gerade einen Fluch auf den Täter werfen wollte – zur Seite, zog seine Waffe und zielte auf den Jungen, der versucht hatte, den Tränkemeister mit einem Avada Kedavra umzubringen.
Er visierte die rechte Schulter an und schoss.
Der Schuss halte laut und unangenehm in seinen Ohren. Der Schrei des Jungen kam nur gedämpft durch den Schutzschild. John sah, wie er seinen Zauberstab fallen ließ, in sich zusammensackte und die linke Hand auf die verletzte Stelle presste.
Prüfend beobachtete John einen Augenblick die umstehenden Zuschauer. Doch weder Schüler noch Lehrer schienen von dem Attentat gewusst zu haben. Sie wirkten gleichermaßen schockiert und verängstigt.
Mit einem Flackern sank der Schutzschirm in sich zusammen. Er war keine zehn Sekunden aktiv gewesen.
John blickte zu Snape, der ihn sehr wütend anblickte. John ignorierte ihn und sprach so laut, dass es selbst die Schüler in der letzten Reihe hören konnten.
„Mit dem Schutzschirm haben Sie hervorragende Arbeit geleistet. So etwas schafft nur ein Meister. Es war mir eine Ehre, im Duell gegen Sie zu stehen, und hoffe, dass Sie mir irgendwann Gelegenheit zur Revanche geben, Professor."
John deutete eine Verbeugung an und wollte sich von Snape seinen Zauberstab wiederholen, indem er ihn einfach entwendete, als dieser ihn am Arm festhielt.
„Was soll das, Potter?"
Snape war immer noch sehr leise, doch seine Stimme hätte die Hölle gefrieren lassen können. John zog nur eine Augenbraue hoch und grinste.
„Glauben Sie ernsthaft, dass ich ohne Zauberstab einen so mächtigen Abwehrzauber wirken kann? Professor, Sie schmeicheln mir. Sie werden doch nicht krank?"
Mit einem harten Ruck riss John sich los. Doch die Bühne konnte er nicht verlassen, solange der Schutzzauber noch stand. Einseitig wirkende Schutzbanne waren ineffektiv.
„Hermine, Tonks, senkt den Schild, ich muss da raus."
Einen Moment später war das Hindernis beseitigt. John steckte seinen Zauberstab ein, hielt die M-9 schussbereit in beiden Händen und stieg die Treppe hinunter.
Die Kinder wichen mit weit aufgerissenen Augen zurück. Doch das kümmerte John nicht. Seine Aufmerksamkeit galt dem jungen Mann, den er angeschossen hatte. Vom Alter her musste er ein Schüler der sechsten oder siebten Klasse sein. Der Attentäter hatte den Zauberstab wieder an sich genommen und hielt ihn nun mit beiden Händen fest umklammert. Er sah John wütend an und ignorierte die Waffe, die auf ihn zielte.
„Was sind Sie? Ein Schlammblut? Es ist nicht fair, mit einer Muggelwaffe zu kämpfen. Legen Sie sie zur Seite, oder ich werde Sie verfluchen. Jetzt ist keiner da, der einen Schutzzauber über Sie legen kann."
„Bevor du auch nur die erste Silbe ausgesprochen oder gedacht hast, hat mein Finger den Abzug gekrümmt und du bist tot. Schneller als du deinen Zauberstab schwingen kannst. Lass ihn los. Jetzt!"
Die letzten Worte brüllte er als Befehl. Und es wirkte. Der Junge ließ den Zauberstab fallen. Und dann war auch schon Tonks zur Stelle, die ihn recht unsanft hochzerrte. John zielte aber weiter auf den Jungen und sah ihn an, so lange, bis der Junge in Tränen ausbrach. Erst dann senkte er seine Waffe und nickt Tonks zu, die den Attentäter abführte.
Professor McGonagalls Stimme übertönte problemlos die teilweise hysterischen Rufe der Schüler: „Ich bitte die Schülersprecher, dafür zu sorgen, dass alle Schüler die große Halle geordnet verlassen und sich in die Aufenthaltsräume ihrer Häuser begeben. Es ist niemand ernsthaft zu Schaden gekommen. Das Mittagessen werdet ihr in den Aufenthaltsräumen serviert bekommen. Ich hoffe, dass wir bis zum Abendessen so weit alles aufgeklärt haben, dass der Schulbetrieb ordnungsgemäß wieder aufgenommen werden kann."
Ihre Worte hatten die gewünschte Wirkung. Kurz darauf verließen die Kinder in geordneten Reihen die Große Halle, bis nach wenigen Minuten nur noch die Lehrer zurückblieben.
John entging nicht, dass die Kinder einen großen Bogen um ihn machten. Und irgendwie tat es weh. Die misstrauischen Blicke der Erwachsenen waren ihm egal.
Er stieg wieder auf die Bühne. Rodney stand in einem Graben und hielt seine Waffe schussbereit auf das Lehrpersonal gerichtet. Erst als John ihm zunickte, steckte er die M-9 ein und kletterte auf die Bühne. Dabei fluchte er leise vor sich hin.
Hermine war zu ihrem Mann gelaufen, hatte ihn umarmt und redete leise auf ihn ein. Snape schien es nicht nur zu dulden, er legte sogar einen Arm um ihre Hüfte. Doch sein Blick sagte etwas ganz anderes. Unter anderem, dass er noch nicht mit John fertig war. Noch lange nicht.
John war froh, ihm jetzt nicht in einem Duell gegenüberstehen zu müssen.
Rodney kam direkt auf John zu.
„Mach das noch einmal und ich sterbe an einem Herzinfarkt, bevor der nächste Vollmond aufgeht. Ich habe während des Duells mehrere Tode durchlitten und als der Funkenregen dich einhüllte, da hatte ich wirklich gedacht, dass Snape dich schwer erwischt hätte. Das ist wirklich nicht gut für meine Gesundheit."
Rodney schien wirklich sehr besorgt zu sein.
„Ohne den Mantel hätte ich mir wohl auch Verbrennungen geholt. Aber der optische Effekt ist größer als die tatsächliche Wirkung."
„War es das denn wert? Ich meine, es war ein Junge, der Snape umbringen wollte."
„Ich denke, dass man mehr fürchtet, dass ich meine Waffe ziehe, als dass ich jemanden verfluche. Meine Tarnung ist jetzt sicherer als jemals zuvor. Und ich glaube nicht, dass man in der nächsten Zeit versuchen wird, mich hinterrücks zu ermorden."
„Du traust Snape?"
„Nein, ich vertraue darauf, dass er keinen Ärger mit Hermine haben will. Lass uns gehen, die sind alle mit sich selbst beschäftigt McGonagall wird uns rufen, wenn sie Neuigkeiten für uns hat. Ausnahmsweise brauche ich weder aufzuräumen, noch einen Bericht zu schreiben. Das ist doch was."
