Streit liegt in der Luft

Zurück in ihrem Quartier zog John als erstes seinen Staubmantel und den Pullover aus und musterte sich im großen Spiegel des Badezimmers – das sich ohne sein Zutun wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückverwandelt hatte. Seine Haare waren zwar ein wenig angesengt, aber ansonsten hatte er das Duell unverletzt überstanden. Besser als er zu hoffen gewagt hatte.

Im Wohnzimmer hatte Rodney sich auf die Couch fallen gelassen und massierte seine Schläfen.

Ein leises Ploppen ertönte und Dobby erschien.

„Braucht John Sheppard medizinische Versorgung?"

„Nein, danke, ich bin in Ordnung, aber Kaffee und etwas zu essen wären klasse."

John blickte wieder zu Rodney, aber der hatte noch nicht einmal aufgeschaut.

„Wie John Shepard wünscht. Kann Dobby Rodney McKay etwas mitbringen?"

Rodney zuckte zusammen und blickte den Elfen fragend an. Dann schien er zu realisieren, dass man von ihm eine Antwort erwartete.

„Äh, ja, Kaffee, bitte. Viel Kaffee. Und etwas, das mich aus diesem Alptraum aufweckt."

„Dobby versteht nicht, was Rodney McKay wünscht."

Rodney winkte ab.

„Einfach nur Kaffee, das ist fürs Erste genug."

Ohne etwas zu erwidern verschwand Dobby.

„Rodney, es tut mir leid, dass es hier so wild zugeht. Ich wünschte, wir könnten einfach abhauen."

„Und was dann? Dann schafft mich der nächste Vollmond. Oder noch schlimmer, ich verwandle mich und bin nicht sicher weggeschlossen, reiße als Bestie ein halbes Dutzend Kinder und werde dann erschossen. Ich will als Nobelpreisträger in die Geschichte eingehen, nicht als blutrünstiges Monster."

John setzte sich zu ihm auf die Couch.

„Das wird nicht passieren. Nicht solange ich es verhindern kann."

„Ich weiß, aber…" Rodney seufzte. „… die Angst ist da. Lass uns jetzt von etwas anderem reden. Was ist auf der Bühne passiert, dass Snape so sauer war? Der hätte dich am liebsten mit seinen Blicken erdolcht."

„Er hat gemerkt, dass ich ihn habe gewinnen lassen. So etwas mag er nicht."

„Toll, das heißt also, dass die Zusammenarbeit mit ihm schwieriger wird, als sie es jetzt schon ist?"

„Da du kein Gryffindor bist, wird er dich merken lassen, dass er schlechte Laune hat, aber es nicht wirklich an dir auslassen. Nicht viel anders, als du es mit deinen Kollegen machst." John feixte ein wenig, als er Rodneys fast schon panischen Gesichtsausdruck sah. „Nur mir wird er etwas ganz Übles anhexen, wenn ich ihm die Möglichkeit gebe… und Hermine mich nicht vorher erwischt."

Dobby erschien wieder und stellte ein Tablett auf den Tisch. Rodney stürzte sich auf die Kaffeekanne und füllte eine Tasse.

„Warum sollte sie denn sauer sein?"

„Weil Hermine Snape dachte, John Sheppard einschätzen zu können. Und Hermine Snape hat das Gefühl, von ihm betrogen worden zu sein."

Überrascht sah John Dobby an. War der kleine Elf vielleicht doch ein nützlicher Helfer?

„Wo hast du das erfahren?" Seit dem Kampf war noch keine halbe Stunde vergangen.

„Dobby hat mit Abby gesprochen. Und Abby hat Dobby alles erzählt, auch dass Hermine Snape in ihrem Büro das Geschirr an die Wand geschmissen hat."

„Dann werden wir wohl bald Besuch bekommen."

Im gleichen Moment klopfte es auch schon an der Tür. Ein Augenblick später war auch schon der Hauself verschwunden.

„Auf in den Kampf." John stand auf, schlug Rodney auf die Schulter und wollte die Tür öffnen, als sein Freund ihn zurück hielt.

„Meinst du nicht, dass dein Outfit etwas gewagt ist?"

John wusste sofort, was Rodney meinte.

„Ganz im Gegenteil. Es wird ein taktischer Vorteil sein."

„Bist du sicher, dass du die Frauen verstehst?"

Grinsend deaktivierte John die Schutzzauber und öffnete die Tür.

„Du kommst zum falschen Zeitpunkt, Hermine, ich wollte gerade unter---"

John stockte. Es stand keine vor Wut schnaubende Hermine vor ihm, sondern eine verlegen lächelnde Molly Weasley. Hinter ihr stand ihr Sohn Charlie, der aussah, als müsste er seine Mutter gegen ein wildes Tier verteidigen.

John fühlte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. Ein nackter Oberkörper war in Mollys Gegenwart ein sehr großer Nachteil. Als sie ihn musterte, fühlte er sich entblößt.

Charlie räusperte sich.

„Entschuldigen Sie die Störung, meine Mutter möchte etwas mit Ihnen besprechen. Und der Flur ist dafür nicht der geeignete Ort."

„Bitte, kommen Sie rein. Die Zauberstäbe legen Sie auf den Kaminsims."

John trat einen Schritt zur Seite und ließ sie ein.

Molly folgte sofort seiner Aufforderung und legte ihren Stab an die gewünschte Stelle, während Charlie ihn finster anstarrte. Gelassen erwiderte John den Blick, bis Charlie blinzelte und die Standuhr betrachtete.

„Ich warte. Sie können aber auch wieder gehen."

Er kreuzte die Arme vor der Brust, nicht bereit, von seinem Standpunkt auch nur einen Millimeter abzuweichen.

„Tu, was er sagt, mein Junge. Oder geh. Ohne mich."

„Mutter, es ist zu gefährlich. Ich lass dich nicht mit zwei wildfremden Männern allein."

Molly lächelte. Und John war sich sicher, dass Charlie in den nächsten Tagen einen Heuler erhalten würde.

„Glaubst du ernsthaft, dass sie über mich herfallen werden? Sie sind Minervas Gäste und wissen sich zu benehmen. Und dass sie nach dem, was beim Duell passiert ist, vorsichtig sind, kann ich gut verstehen."

Charlie blickte sich noch einmal um, seufzte tief und legte den Stab auf den Kaminsims.

Molly trat einige Schritte zurück und musterte John.

„Lass dich anschauen. Du hast zwar den anderen erfolgreich vormachen können, dass du ein amerikanischer Auror bist, aber hast du ernsthaft geglaubt, mich täuschen zu können?" Ihr Blick war warm und mitfühlend. „Du hast so viele Narben. Was ist passiert?"

Bevor John etwas erwidern konnte, überbrückte Molly den Abstand zwischen ihnen und nahm ihn in den Arm. Sie hatte Tränen in den Augen und John konnte nichts anderes tun, als ihre Umarmung zu erwidern.

Als er sie zu Beginn des ersten Schuljahres kennen gelernt hatte, war er elf Jahre alt gewesen. Sie hatte ihn mit offenen Armen in ihre Familie aufgenommen und war für John eine der wichtigsten Bezugspersonen geworden. Es tat gut, sie wiederzusehen. Ihr Haar war grau geworden, aber ansonsten hatte sie sich kaum verändert.

Dann löste Molly sich aus der Umarmung, hielt aber immer noch seine Hände fest.

„Ich wusste, dass du noch lebst und habe immer gehofft, dass es dir gut geht. Du weißt, dass es für dich gefährlich ist heimzukehren? Nicht nur die Todesser wollen deinen Tod. Das Ministerium würde auch gerne ein Staatsbegräbnis ausrichten. Sie befürchten – nicht zu Unrecht – dass du eine Gefahr für sie werden könntest. Diese Idioten denken nur an ihr eigenes Wohl und merken nicht, dass sie dabei sind, eine Zivilisation auszulöschen. Wer will in diesen Zeiten schon Kinder in die Welt setzen?"

„Mutter, du sollst so etwas nicht sagen. Was ist, wenn dich jemand meldet?"

„Charlie, ich weiß, was ich tue. Ich bin weder alt noch senil. Und unser Gastgeber hat bestimmt nicht vor, mich zu verraten. Oder?"

Sie sah ihren Sohn bei dieser Predigt nicht an. Ihre Augen waren auf John gerichtet. Der schüttelte den Kopf.

„Weder Rodney und ich haben großes Verlangen, Leuten vom Ministerium zu begegnen. Ganz im Gegenteil. Charlie, Sie brauchen sich nicht um Ihre Mutter zu sorgen. Sie hat genug Kriege überlebt, um zu wissen, was sie tut."

Bei der Erwähnung von Rodneys Namen blickte Molly sich suchend um. Der Wissenschaftler saß immer noch auf der Couch und beobachtete Charlie argwöhnisch.

„Wir haben uns schon einmal getroffen. Vor einigen Tagen im Hogwartsexpress."

„Ich erinnere mich an jede Sekunde unseres Zusammentreffens. Es ist unvergesslich."

Die ätzende Ironie war nur für John erkennbar. Er ahnte, was Molly jetzt sagen würde.

„Du brauchst ihn nicht so finster anzustarren, Charlie. Er beherrscht noch nicht einmal einen einfachen Reinigungsfluch und ich musste ihm helfen, Schokoladenflecken zu entfernen. Er scheint ein netter Mann zu sein und du brauchst dir keine Sorgen zu machen, dass er mich hinterrücks anfällt. Dabei fällt mir ein, dass ich dir auch noch den einen oder anderen Haushaltszauber beibringen muss. So wie es in deiner Hütte aussieht, beherrschst du keinen einzigen."

John grinste. Das war typisch Molly. Sie schien sich wirklich nicht verändert zu haben.

Molly berührte John sanft am Arm. „Warum bittest du uns nicht, Platz zu nehmen? Hast du alles vergessen, was man dir an gutem Benehmen beigebracht hat? Ich habe Gerüchte gehört, dass es in Amerika unzivilisiert zugeht, aber ich wollte das eigentlich nicht glauben."

„Bitte setzt euch." John deutete eine Verbeugung an. „Möchtet ihr einen Kaffee? Er ist frisch aufgebrüht und es ist so viel da, dass Rodney ihn nicht alleine austrinken kann."

„Danke, dass du mich gleich wieder ins rechte Licht rückst. Snape zwingt mich, nachts zu arbeiten, und tagsüber muss ich dein Sekundant sein. Da ist es kein Wunder, dass ich auf den Kaffee angewiesen bin."

„Ich dachte, dass du mit weniger als sechs Stunden Schlaf auskommst. Einen Augenblick, ich bin sofort zurück."

John ignorierte Mollys fragenden Blick und ging ins Bad, zog sich den Pullover wieder an, steckte die M9 in den Hosenbund und nahm seinen Zauberstab.

Als er ins Wohnzimmer zurückkam, hatten die Weasleys sich gegenüber von Rodney in die beiden Sessel gesetzt.

Die Blicke, die Charlie und Rodney austauschten, waren alles andere als freundschaftlich. Es schien Abneigung auf den ersten Blick zu sein. John wunderte sich, dass Molly es durchgehen ließ.

Zwei Kerzenständer waren schnell in Tassen verwandelt – die Gelegenheit kam gerade recht, um den Weasleys zu zeigen, dass John einen Zauberstab brauchte - und Rodney stand auf und schüttete ihnen Kaffee ein.

Molly nickte dankend, Charlie nahm die Tasse ohne erkennbare Regung an. Doch es war offensichtlich, dass er sich große Sorgen um seine Mutter machte. Deswegen nahm John ihm sein Verhalten auch nicht übel.

Schweigend trank er seinen Kaffee, das Essen stand unberührt auf dem Tisch.

Die Stille war unangenehm. John wusste nicht, was er sagen sollte; er konnte Charlie nicht einschätzen. Früher hatte er nie Kontakt mit Rons Bruder gehabt. Er war schon ausgezogen, als er seine ersten Sommerferien im Fuchsbau verbracht hatte. Da Bill im Kampf gegen Voldemort gefallen war, war er jetzt ihr ältester Sohn. Doch es musste sich erst zeigen, ob John ihm vertrauen konnte.

Selbst Rodney, der selten mitbekam, wenn die Stimmung umschlug, rutschte unruhig hin und her und spielte mit seinem Kaffeelöffel.

Schließlich war es Molly, die das Schweigen brach.

„Wieso bist du das Risiko eingegangen, dich in aller Öffentlichkeit mit Severus zu duellieren? Ohne seinen Schutzschild hätte es für euch beide übel ausgehen können."

Selbst Molly hatte er überzeugt.

„Ich musste herausfinden, wie sicher ich hier bin."

„Und was ist, wenn dich noch andere erkannt haben?"

„Das bezweifle ich. Woran hast du es gemerkt?"

„Ich erkenne doch meine Jungs."

Sie lächelte ihn liebevoll an. Und John fühlte sich schuldig, dass er ihr nicht die Wahrheit gesagt hatte.

„Wovon redet ihr eigentlich?", mischte sich Charlie in ihr Gespräch ein.

„Du kannst ihm vertrauen. Er ist seit vielen Jahren im Orden aktiv und steht auf unserer Seite."

Molly hatte erkannt, was John dachte, aber das eigentliche Problem sah sie nicht.

„Unsere Seite? Was meinst du damit? Ich bin hier und jetzt nur auf meiner eigenen Seite."

Er war genervt, sprach nicht laut, aber sehr bestimmt. Konnte niemand verstehen, dass er einfach nur in Ruhe gelassen werden wollte? Es war Molly gegenüber unfair, weil sie es nicht wissen konnte, aber das änderte nichts an Johns Stimmung.

„Du wirst keine Wahl haben. Entweder ist man für oder gegen das Ministerium. Neutralität gibt es nicht. Und ich bin genau wie meine Mutter gegen das Ministerium."

Charlie hatte sich wohl entschieden, die Karten auf den Tisch zu legen, und sah John herausfordernd an. Doch der schüttelte nur den Kopf. Er hatte keine Lust, sich jedes Mal zu wiederholen. Das konnte er auf andere abschieben.

„Habt ihr schon mit Hermine gesprochen?"

„Nicht wirklich", erwiderte Molly. „Sie war eben in einer Stimmung, in der man sie besser in Ruhe lässt. Ich hoffe, sie beruhigt sich bald wieder."

„Hermine leitet doch den Orden."

John war sich dessen nicht sicher, er hatte nur die wenigen Informationen, die ihm der Kobold gegeben hatte und seine eigenen Vermutungen.

Molly nickte zustimmend und erntete einen entsetzten Blick von ihrem Sohn.

„Wenn du mit ihr gesprochen hättest, hätte sie dir empfohlen---"

Es klopfte an der Tür.

„Bleibt ruhig sitzen, ich gehe schon."

Rodney stand auf und ging zur Tür. Die Schutzzauber waren für ihn kein Problem, er brauchte dafür noch nicht einmal einen Zauberstab. Schwungvoll öffnete er die Tür und Hermine wollte sich vorbeidrängeln.

„Wo ist er? Ich dachte, dass ich ihm vertrauen könnte, und dann zieht er diese Show ab. Geh zur Seite, Rodney, das ist etwas Persönliches."

Mit einem Satz sprang der Wissenschaftler aus ihrem Weg.

„Bitte, dein Wunsch ist mir Befehl. Aber mach ihn nicht ganz kaputt, ich brauche ihn noch."

„Danke, das ist zu gnädig, Rodney. Wieso habe ich nur so oft deinen Arsch gerettet?", ließ sich John vom Sofa aus vernehmen.

Hermine blieb stehen, blickte ungläubig zuerst John, dann Rodney an.

„Weil du mich brauchst, um zu überleben."

John schnaubte und setzte zu einer Erwiderung an, doch dazu kam er nicht.

„Silencio!"

Molly war für ihr Alter erstaunlich schnell zum Kaminsims geeilt, hatte ihren Zauberstab genommen und sah nun abwechselnd John und Rodney drohend an.

Es brachte sie zwar zum Schweigen, aber damit waren sie noch lange nicht eingeschüchtert.

John zückte seinen Zauberstab und grinste sie herausfordernd an, während Rodney die Arme vor seiner Brust verschränkte. Wenn Blicke töten könnte, hätte Molly eine extrem kurze Lebenserwartung gehabt.

„Finite Incantatem. Jetzt setzt euch, meine Lieben. Auch du, Hermine. Und hört auf, euch zu streiten. Hermine, Kind, komm zu mir, setz dich und erzähl mir, was dich so aufgeregt hat."

Sie deutete auf die Couch. – tatsächlich gehorchte Hermine. John behielt Charlie im Auge. Der hatte alles nur kopfschüttelnd beobachtet. Doch plötzlich sah er John argwöhnisch an und dann ging ihm ein Licht auf.

„Sie sind Harry Potter! Das erklärt alles! Aber warum sind Sie inkognito hier?"

„Weil ich keine Lust habe, wieder eure Welt zu retten. Ich muss einige private Dinge regeln und will nicht in euren Kleinkrieg reingezogen werden. Und wenn Sie auch nur ein einziges Mal meinen Namen außerhalb dieses Raumes erwähnen, sind Sie tot."

„Es ist kein Kleinkrieg", erwiderte Hermine. „Denn nicht nur die englische Zauberwelt hat so seltsame Gesetze. Es hat auf ganz Europa übergegriffen. Überall versucht man, unsere Meinungsfreiheit einzuschränken und uns zu überwachen. Voldemort benutzen sie als Ausrede, warum sie uns diese Gesetze aufdrücken. Man versucht, uns einzureden, dass er immer noch lebt und jederzeit zuschlagen könnte."

Molly und Charlie nickten zustimmend.

Rodney mischte sich ein: „Wie viele Zauberer gibt es in Europa? Zehntausend, Zwanzigtausend? Glaubt ihr wirklich, dass ihr euch diese Auseinandersetzung leisten könnt, ohne zu Grunde zu gehen? Ich hatte eigentlich gedacht, dass Merlins Nachfahren intelligenter wären." Sein Tonfall war sehr herablassend und John sah, dass Charlie bereit war anzugreifen – vorausgesetzt Molly würde ihm dafür keinen Heuler schicken. Der Weasley setzte auch schon zu einer heftigen Erwiderung an, als er unter dem Tisch von beiden Frauen Tritte gegen sein Schienbein kassierte. Charlie verzog das Gesicht, gab aber keinen Ton von sich.

„Ihr werdet Harry weder dazu bringen hierzubleiben, noch werdet ihr ihn überzeugen können, in unseren Kampf einzugreifen." Hermines Stimme war leise. „Ich habe es versucht. Aber als er mich gefragt hat, was diese Welt außer dem Tod seiner Freunde zu bieten hat, hatte er mich fast überzeugt, ihn in Frieden zu lassen. Bei meinem nächsten Vorstoß hat er mir gedroht, das Problem auf seine Weise zu lösen, damit ich ihn in Ruhe lasse."

„Wieso war das eine Drohung? Da er so lange nicht da war, hat er einen ganz anderen Blickwinkel und sieht Dinge, die wir übersehen haben." Molly sah John forschend an, doch er schüttelte lächelnd den Kopf. „Möchtest du einen Kaffee, meine Liebe?", wandte sie sich an Hermine. Ohne auf eine Antwort zu warten, nahm Molly einen weiteren Kerzenständer und verwandelte ihn.

„Er hat klar und deutlich gesagt, dass er das politische Problem löst, indem er alle tötet, die uns im Wege stehen. Willst du wirklich ein Massaker, Molly? Der Genpool der magischen Welt ist fast schon zu klein. Darum gibt es auch so viele Squibs. Wir können uns keinen weiteren Krieg leisten, ohne selbst unterzugehen. Und über den moralischen Gesichtspunkt so einer Aktion haben wir schon oft genug diskutiert."

„Woher willst du wissen, dass er nicht nur blufft? Gegen Snape hat er gerade verloren. Ich bezweifle, dass er seine Drohung wahr machen kann."

Charlie schien mehr als nur skeptisch zu sein.

Rodneys Lachen ließ sie zusammenfahren und hochblicken. John hatte sich auf den Schreibtisch gesetzt, während Rodney mit vor der Brust verschränkten Armen mitten im Raum stand.

„Das dachte auch Kolya, als er seine Spezialeinheit ausschwärmen ließ, um uns zu vernichten. Wir waren zu dritt und John der einzige mit Kampferfahrung. Sechzehn von ihnen hat John im Kampf Mann gegen Mann erledigt und über sechzig mit technischen Tricks. Wie lange hast du dafür gebraucht? Drei oder vier Stunden?"

Molly sah John an, sie schien das, was Rodney erzählt hatte, nicht zu glauben. Hermine dagegen nickte nur und Charlie … Charlie hatte sich zurückgelehnt und beobachtete John.

„Es waren keine drei Stunden, soviel Zeit hatten wir nicht, bis der Sturm über uns hereinbrach. Aber du solltest vielleicht noch erwähnen, dass sie die Angreifer waren und zuerst zwei meiner Männer getötet hatten. Wer meine Leute angreift, muss mit Konsequenzen rechnen."

Er war nicht stolz auf diese Tat, aber es war damals notwendig gewesen, um zu verhindern, dass die Genii seine neue Heimat eroberten. Und wenn es notwendig war, würde er jeden einzelnen wieder töten.

John blickte Molly in die Augen. Er wusste nicht, was er erwartet hatte, aber nicht diesen Blick. Sie täuschte nicht vor, ihn zu verstehen, noch lehnte sie seine Tat ab. Es war undefinierbar. Dann lächelte sie. Warm und mitfühlend.

„Du hast in zu vielen Kriegen gekämpft, mein Junge. Wann wirst du deinen Frieden finden?"

„Jedenfalls nicht in dieser Welt."

Und in der Pegasusgalaxie nur, wenn sie es schafften, die Wraith zu besiegen.

„Da hast du Recht", stimmte Molly zu. „Entschuldige, dass ich dich überhaupt gefragt habe mitzukämpfen. Es ist wohl besser, wenn wir jetzt gehen."

Molly stand auf und zog Hermine mit sich. Auch Charlie erhob sich.

„Wie lange werdet ihr bleiben? Ich könnte euch in Charlies Hütte zu Kaffee und Kuchen einladen und wir könnten reden. Vorausgesetzt, du möchtest es.", wollte Molly wissen.

John schaute Rodney an. Der zuckte mit den Schultern und schien nicht begeistert zu sein, mehr Zeit als unbedingt notwendig mit Molly zu verbringen.

„Ich komme gerne. Aber ich denke, dass Rodney zusammen mit Severus im Labor hocken wird – vorausgesetzt, Severus will das nach meinem Auftritt noch."

Fragend sah er Hermine an.

„Er weiß, dass ich hier bin, und er hat mich gebeten, Rodney auszurichten, dass er ihn heute Abend pünktlich um acht Uhr erwartet." Dann grinste sie. „Ihn soll ich auch am Leben lassen, während er hofft, dass du einen langsamen und grausamen Tod unter meinen Händen erleidest."

„Die Fledermaus ändert sich auch nie. Er müsste doch wissen, dass du mich zwar leiden lässt, aber nicht umbringst."

„Bist du dir dessen so sicher?"

Lachend nahm John sie in den Arm. Dann wurde er ernst.

„Sicher kann ich mir dessen nie sein. Falls du es jemals versuchen solltest, wirst du feststellen, dass ich niemals alle Karten auf den Tisch lege und im Notfall auch noch ein Ass im Ärmel habe."

„Du vertraust niemandem?"

„Sollte ich das? Ich weiß, dass es Menschen gibt, denen ich wesentlich mehr vertrauen kann als allen anderen. Rodney gehört dazu."

Sie seufzte, dann löste sie sich aus der Umarmung.

„Sehen wir uns?"

„Gerne, ich freu mich schon darauf."

John nahm auch Molly in den Arm und reichte Charlie die Hand. Der zögerte einen Moment, bevor er sie ergriff.

„Es tut mir leid, aber seit Vater letztes Jahr gestorben ist, habe ich das Gefühl, auf meine Mutter achten zu müssen."

„Arthur ist tot?" John war überrascht.

„Er ist auf ein uraltes Artefakt gestoßen. Und während er experimentierte, wie es funktionierte, blitzte es auf und er war tot. Wir haben keine Ahnung, wie es passiert ist."

„Das tut mir leid. Arthur war für mich ein Vorbild."

„Dieses Artefakt…" Rodney mischte sich ein. „Es hört sich seltsam an, aber ich habe Erfahrung mit solchen Dingen. Was ist daraus geworden?"

„Das Ministerium hat es", war Charlies Antwort.

„Dann liegt es in der Mysteriumsabteilung und wir haben keinen Zugriff darauf. Und ich bezweifle, dass Snape dir die Zeit lässt, deine Energie für andere Forschungen aufzubringen", fügte John hinzu.

Rodney öffnete die Tür und ließ seinen Besuch hinaus.

John ließ sich auf die Couch fallen. Diese zwei Frauen auf einmal waren wirklich anstrengend. Zwei Minuten ausruhen, etwas essen und dann unter die Dusche. Das war ein guter Plan. Danach würde er sich wieder durch die Bibliothek wühlen. Lunas Prophezeiung konnte zwar falsch sein, aber die Idee an sich war richtig.

„Steht dein Angebot noch?"

Überrascht sah John auf.

„Welches meinst du?"

„Mir mit meinem Zauberstab zu helfen, dass ich zaubern kann."

John zog nur fragend eine Augenbraue hoch. Bisher hatte er den Eindruck gehabt, dass Rodney die Magie von einer technischen Seite anging, in der ein Zauberstab keinen Platz hatte.

„Du willst das ‚Zauberstabgefuchtel' wirklich wagen?"

„Gut, ich habe von dem, was mir Snape diese Nacht erzählt hat, nicht alles verstanden. Aber ich werde den Teufel tun und ihm die Genugtuung geben, dass ich nachfrage. Und da ich denke, dass es eine Sache ist, die selbst du weißt, bitte ich dich um Hilfe."

„Du glaubst also, dass ich nicht wirklich gut darin bin?" John war nicht wirklich verärgert. „Du meinst, weil ich die Geschichte der magischen Welt nicht im Schlaf runterrasseln und auch deine Detailfragen über irgendwelche Nichtigkeiten nicht beantworten kann, bin ich ungeeignet, dir etwas beizubringen?"

„So wie du den Schutzschild aktiviert hast, habe ich volles Vertrauen in deine Fähigkeiten. Aber ich weiß nicht, ob du in der Lage bist, es mir beizubringen. Snape ist auch brillant, doch ein schlechter Lehrer. Ich weiß einfach nicht, ob ich es schaffe, wie ein Zauberer zu arbeiten. Ich bin halt Wissenschaftler."

„Du hast doch sonst auch immer alles geschafft. Und über das Schusstraining, dass wir gemacht haben, hast du dich auch nicht beschwert."

„Schießen ist aber gegen diese Materie ein Kinderspiel."

„Es basiert aber auf derselben Grundlage: Sich auf ein Ziel zu konzentrieren und es auch zu treffen. Hast du es in Atlantis geschafft, mit reiner Willenskraft etwas schweben zu lassen?"

„Schön wär's", Rodney seufzte theatralisch. „Dann hätte ich die dümmsten Unfälle der anderen verhindern können. Weißt du, wie oft ich gesehen habe, dass sie entscheidende Fehler gemacht haben? Doch meistens war es zu spät, sie zu warnen. Aber daraus haben sie gelernt und langsam werden es wirklich passable Wissenschaftler."

John kannte Carsons Krankenberichte. In Rodneys Zuständigkeitsbereich gab es so gut wie nie Arbeitsunfälle. Aber auf diese Diskussion wollte John sich jetzt nicht einlassen.

„Hol deinen Stab und ich erkläre dir, wie es funktioniert. Während du übst, gehe ich duschen. Dieser Qualmgeruch ist schrecklich."

Rodney sah ihn prüfend an.

„Den Gestank wirst du wohl erst los, wenn deine Haare kürzer geschnitten sind. Die Spitzen sehen ziemlich angekokelt aus."

„Da hast du wohl Recht. Also auf mit dir und hol den Stab, dann werde ich die Haare halt abschneiden."

Dabei hatte John nicht vor, Rodney zu erzählen, dass er seine Haare noch nie geschnitten hatte. Nur die Frisöre auf den verschiedenen Stützpunkten hatten sich verzweifelt bemüht, ihm eine militärische Frisur zu verpassen. Aber kein einziger Schnitt hatte seine widerspenstigen Haare länger als einige wenige Stunden bändigen können.

Als Rodney übte, eine Feder schweben zu lassen, ging John ins Bad und betrachtete sich im Spiegel. Dann schloss er die Augen und stellte sich seine Haare ohne die versengten Spitzen vor. Er konnte riechen, wie die Haare sich veränderten. Der Qualmgeruch verschwand. John öffnete die Augen und blickte erneut in den Spiegel. Seine Frisur war wieder in dem Zustand wie vor dem Duell.

In den nächsten Tagen brachte John seinem Freund das Pensum von Erstklässlern bei. Rodney erwies sich auch hier als sehr begabt und brauchte nur wenige Widerholungen, bis ihm ein Zauber gelang. Da Snape seinen Unterricht nicht einfach an eine Vertretung abschieben konnte, hatte Rodney ein wenig Freizeit, denn er durfte das Labor nur in Begleitung des Zaubertränkemeisters betreten.

John hatte sich aus der Bibliothek die Lehrbücher für die erste Klasse besorgt, nach denen er Rodney unterrichtete. Er hatte sich für die Fächer Verwandlung, Zauberkunst, Zaubertränke und Verteidigung gegen die dunklen Künste entschieden. Mit dem Wissen aus diesen Fachbereichen würde er eine solide Grundlage schaffen.

Es macht ihm Spaß. Wesentlich mehr als er erwartet hatte.

Als John im fünften Schuljahr in Dumbledores Armee mit seinen Klassenkameraden an der Verteidigung gegen die dunklen Künste arbeitete, war es auf einem anderen Niveau gewesen. Sie hatten zusammen gelernt und waren gleichberechtigt. Bei Rodney war er wirklich der Lehrer. Ein Lehrer, der wusste, dass er in naher Zukunft von seinem Schüler überflügelt werden würde – jedenfalls was das theoretische Wissen anging. Praktisch würde Rodney nie besser als ein durchschnittlicher Zauberer werden. Da spielten die künstlichen Gene nicht mit.

Hier und jetzt musste John nur mit Rodneys nie endendem Strom an Fragen zurechtkommen. Er konnte die meisten sogar beantworten, ohne in den Büchern nachzuschlagen.

Schnell hatten sie den Stoff des ersten Jahres durch.