Hermines Entscheidung

John hatte seinen Rhythmus gefunden. Kurz nach Sonnenaufgang stand er auf und lief durch die einsamen und verlassenen Gänge. Er war jeden Tag über eine Stunde unterwegs und begegnete in den Kerkern dem einen oder anderen Frühaufsteher aus Slytherin, der auf dem Weg zum Frühstück war. Angestarrt wurde er nur in den ersten Tagen, danach hatte man sich an seine Anwesenheit gewöhnt.

Aber er wusste, was die Schüler hinter vorgehaltener Hand über ihn tuschelten – dank Dobby. Denn die meisten Kinder schienen die Hauselfen nicht als denkende und fühlende Wesen, sondern lediglich als Inventar von Hogwarts zu betrachten. Kaum besser als ein Möbelstück.

Dobby nutzte diese Situation aus, hörte sich um und konnte John deshalb über die wichtigsten Gerüchte informieren.

Die meisten Schüler vermuteten, dass Rodney ein bedeutender amerikanischer Magier war, der zusammen mit Snape an einem geheimen Projekt forschte. Und John zu seinem Schutz zugeteilt bekommen hatte.

Viele der muggelgeborenen Kinder waren der Meinung, dass Rodney ein sehr reicher Magier war, der sich einen Bodyguard leisten konnte und bei Snape Unterricht im Tränkebrauen nahm. Sie bezweifelten, dass es irgendein Geheimnis gab.

Jeden Tag ging John nach dem Frühstück in die Bibliothek, denn um diese Uhrzeit verirrten sich nur ganz wenige Schüler dorthin, da sie im Unterricht saßen und er konnte in Ruhe Nachforschungen anstellen.

Wenn Rodney am späten Vormittag wach wurde, arbeiteten sie mehrere Stunden mit den Schulbüchern. Im Anschluss diskutierten sie noch die Forschungsergebnisse der vorhergegangenen Nacht. Rodney hatte hin und wieder Probleme, Snapes Gedankensprüngen zu folgen, weil ihm noch viel zu viel Wissen fehlte und war auf Johns Hilfe angewiesen.

Es war atemberaubend, wie schnell Snape und Rodney mit ihrer Forschung vorankamen. Je tiefer sie sich in die Materie einarbeiteten, umso mehr Probleme hatte John, aufkommende Fragen zu beantworten, und er gewöhnte es sich an, unklare Punkte am nächsten Tag in der Bibliothek nachzuschlagen.

Rodney blühte auf. Er schien wirklich Hoffnung zu haben, den nächsten Vollmond zu überleben. Dank seines straffen Arbeitspensums vergaß er die eine oder andere Mahlzeit und nahm ab, ohne strenge Diät einhalten zu müssen.

Insgeheim bewunderte John, wie einfach es für Rodney zu sein schien, mit Snape zusammenzuarbeiten. Er beschwerte sich über die Fledermaus wesentlich weniger als über jeden anderen Wissenschaftler, mit dem er in den letzten Jahren zusammengearbeitet hatte. Sie schienen sich mit ihrem sarkastischen Humor gefunden zu haben und wenn Rodney wild gestikulierend von ihren Meinungsverschiedenheiten berichtete, war er nicht genervt, sondern absolut begeistert. Sie schienen sich gegenseitig zu beflügeln.

Jeden Abend um fünf vor acht verschwand Rodney für viele Stunden in Snapes Labor. Oft kam er erst zurück, wenn John seine Trainingsrunde drehte. Wie Snape es schaffte, dieses Pensum durchzuhalten, obwohl er nebenbei unterrichtete, war selbst Rodney ein Rätsel.

Während sein Freund weg war, wälzte John die Bücher, die er aus der Bibliothek mitgebracht hatte.

Nachdem er innerhalb von zwei Wochen nur einen verschwindend kleinen Teil der ältesten Bücher durchgearbeitet hatte, zweifelte er, dass er rechtzeitig etwas finden würde, das gegen die Wraith helfen könnte. Er hatte noch nicht einmal ein Prozent des Bücherbestandes gesichtet und es waren nur noch sechs Tage bis zum Vollmond.

Neun Uhr war vorbei und an Schlaf war noch lange nicht zu denken. Aber lesen konnte John auch nicht mehr. Er sah statt Wörter nur noch Buchstabensalat.

Er sah ein, dass es keinen Zweck hatte, noch weiterzuarbeiten, klappte das Buch zu und verließ sein Quartier. Er brauchte frische Luft. Zielstrebig ging er zum Astronomieturm und stieg die Stufen hoch.

Oben angekommen blickte er sich um. Zwei Schüler waren auf der Plattform - zu sehr miteinander beschäftigt, um zu merken, dass sie nicht mehr allein waren. Erst Johns Räuspern ließ sie auseinanderfahren und mit roten Gesichtern stiegen sie den Turm hinab.

Dankbar blickte John ihnen hinterher, bis sie im Inneren verschwunden waren. Dann ging er an den Rand der Plattform und stützte sich auf die Brüstung.

Der frische Wind, der ihm ins Gesicht wehte, tat gut. Die Wolken zogen rasch über den Himmel und es begann zu regnen.

Kalte Tropfen, passend zum nahenden Herbst in Schottland, fielen auf sein Gesicht.

Es war ganz anders als das atlantische Wetter.

Schritte kündigten kurz darauf an, dass ein anderer Besucher sich näherte. John drehte sich um und erkannte Hermine.

Sie war die einzige Person, deren Anwesenheit ihn jetzt nicht störte. Er lächelte sie an, doch sie nickte nur, ihr Gesicht war ungewöhnlich ernst.

Schweigend stellte sie sich zu ihm und blickte über Hogwarts Güter.

Sie standen eng nebeneinander und jeder hing seinen Gedanken nach. Das Schweigen war nicht unangenehm, John fühlte sich nicht gezwungen, etwas zu sagen.

Dieser Zustand dauerte einige Minuten, dann schüttelte Hermine sich und versuchte, sich enger in ihren Umhang einzuwickeln, denn es war nicht nur nass, sondern auch kalt.

„Es vergehen manchmal mehrere Wochen, bevor ich an die frische Luft gehe. Einfach weil ich zu beschäftigt bin und nicht daran denke, dass es auch noch ein Leben außerhalb des Schlosses gibt. Du als Pilot musst dich hier sehr eingeengt fühlen."

„So groß wie Hogwarts ist?" Kleiner als Atlantis aber immer noch groß genug, dass man sich verlaufen konnte. Das Schloss war Atlantis viel zu ähnlich, um in John Klaustrophobie hervorzurufen. Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich fühle mich sogar recht wohl. Vielleicht liegt es daran, dass ich als Kind so viel Zeit hier verbracht habe. Als ich direkt nach meiner Ausbildung als Pilot in Holloman stationiert war und in Alamogordo eine Wohnung hatte, da hatte ich trotz der Weite des Landes manchmal Platzangst."

„Und deine jetzige Heimat?"

„Ist mit nichts zu vergleichen und ganz anders als du sie dir vorstellen kannst."

John grinste, als er ihren neugierigen Blick sah und schüttelte den Kopf. Glaubte sie wirklich, dass es so einfach war, ihn auszufragen?

Als Antwort zuckte sie mit den Schultern.

„Wie du weißt, bin ich neugierig."

„Ich weiß. Und es hat mir mehr als nur ein Mal das Leben gerettet. Aber ich würde meine Befehle missachten, wenn ich dir etwas von meiner Heimat erzählen würde." John seufzte. „Leider, denn euer Wissen wäre eine große Hilfe."

Gemeinsam mit Hermine und Snape würden sie die Geheimnisse von Atlantis viel schneller entschlüsseln können. Aber das war nur ein Wunschgedanke. Sie gehörten nach Hogwarts und würden Atlantis niemals sehen.

„Du müsstest uns schon mehr über das Projekt erzählen, damit ich eine Entscheidungsgrundlage habe. Ich bin mir nämlich nicht mehr sicher, ob ich dies hier als meine Heimat bezeichnen kann."

„Du meinst das politische Klima?"

„Nein, die Tatsache, dass es keine Fernseher gibt. Was denn sonst? Ich bekomme keine Luft mehr und ich muss hier raus."

„Du würdest Hogwarts tatsächlich verlassen?"

Überrascht sah John sie an. Hermine und Snape, ganz besonders Snape waren für ihn aus Hogwarts nicht wegzudenken.

„Du hast es nicht mitbekommen, aber wir hatten gestern ‚Besuch' vom Ministerium. Zwei Auroren und ein Beamter, der Einblick in Severus und Rodneys Forschung verlangt hat."

„Aber es gibt doch nichts zu verbergen. Sie arbeiten an einem modifizierten Wolfsbanntrank."

„Und kurz bevor er fertig ist, wird man ihnen sämtliche Unterlagen wegnehmen und ein Günstling des Ministeriums wird behaupten, es wäre seine Forschung. Es wäre nicht das erste Mal, dass so etwas passiert."

„Ich kann es nicht fassen. Und damit kommen sie durch?"

„Sag mir, wer sich ihnen entgegenstellen soll? Wir aus dem Orden sind zu wenige. Ich bezweifle inzwischen, dass selbst deine Unterstützung uns helfen würde. Die Zauberer sind zu gleichgültig geworden, um sich politisch zu engagieren. Und ich halte es nicht mehr aus. Will einfach nur weg."

„Was ist genau passiert?"

„Sie kamen kurz vor Mittag und waren schon vor dem Abendessen wieder weg. Sie haben sich unmöglich benommen, haben Severus seltsame Fragen gestellt, sein Büro durchwühlt, sich über Rodneys Schrift mokiert und einer von ihnen…"

Hermine schüttelte sich.

John sah sie an. Um ihre Augenwinkel entdeckte er Fältchen, die vor einigen Tagen noch nicht da gewesen waren.

„Was haben sie getan?"

Ihr Gesicht war nass, John befürchtete, dass es nicht nur der Regen war. Er breitete die Arme aus und Hermine nahm die Einladung an. Eng umschlungen standen sie dort. Es schien keine zehn Jahre her zu sein, seit sie sich das letzte Mal so nahe gewesen waren.

„Getan haben sie mir gar nichts. Sie haben sich zu jeden Raum Zutritt verschafft und noch nicht einmal vor unserem Schlafzimmer halt gemacht. Die beiden Auroren, ich kenne noch nicht mal ihre Namen, haben sich alles angesehen. Hin und wieder haben sie eine Schublade oder eine Tür geöffnet und den Inhalt herausgenommen. Anschließend haben sie alles wieder ordentlich weggeräumt. Aber du hättest den Gesichtsaudruck des einen Aurors sehen müssen, als er meine Unterwäsche betastet hatte."

Johns Gedanken rasten. Wieso hatte er nichts davon mitbekommen? Dobby versorgte ihn doch sonst mit allen notwendigen Informationen und noch mehr Gerüchten.

„Lass mich raten: Es gibt kein Gesetz, das diese Willkür verhindert."

Der Sarkasmus war unüberhörbar.

„Ganz im Gegenteil." Ihre Stimme war hart. „Da Severus ein ehemaliger Todesser ist, hat das Ministerium sogar die Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass er keine Gefahr für seine Umwelt darstellt. Nur die Tatsache, dass Severus dem Orden angehört und stellvertretender Schulleiter ist, hat uns in den letzten Jahren vor schlimmeren Demütigungen bewahrt. Wir bekommen in unregelmäßigen Abständen solch lieben Besuch und eigentlich sollte ich mich daran gewöhnt haben, doch bei den Blicken des Aurors ist mir schlecht geworden. Und dann hat er mich Todesserflittchen genannt."

Das Bild, wie Hermine vor unendlich langer Zeit Draco geohrfeigt hatte, weil er sie beleidigt hatte, stand deutlich vor seinen Augen.

„Und welchen Fluch hast du ihm angehext?"

„Keinen!" Hermine schüttelte den Kopf. „Das war doch genau das, was er wollte. Denn dann hätte er mich verhaften können. So mussten sie ohne Erfolg abziehen."

„Was ist aus den Forschungsergebnissen geworden?"

Ihr Lachen war bitter.

„Die Originale sind an einem sicheren Ort. Damit sie denken, dass ihre Mission nicht ganz nutzlos war, haben sie manipulierte Kopien bekommen – allerdings sind sie zehn Tage alt. Damit werden sie nicht viel anfangen können. Und schon gar nichts mit Rodneys Notizen. Selbst Severus flucht über seine Gedankensprünge."

„Darüber flucht jeder, der mit ihm arbeiten muss. Und darüber dass er eine unleserliche Schrift hat ebenfalls. Am meisten überrascht mich, dass die beiden so friedlich zusammenarbeiten."

„Friedlich?" Hermine sah John an, als ob er den Verstand verloren hätte. Dann lachte sie. „Das kannst auch nur du behaupten. Du warst noch nie im Labor."

„Dein lieber Ehegatte hat mir Hausverbot erteilt. Ich möchte doch keinen Streit provozieren."

Amüsiert lächelte John, er wusste genau, was Hermine ihm jetzt erzählen würde.

„Sicher. Erzähl mir keine Märchen, ich kenne dich lang genug. Im Gegensatz zu dir musste ich das Labor mehrfach betreten, weil ich dort auch an einem Forschungsprojekt arbeite. Und ich konnte ihre ‚Zusammenarbeit' live und in Farbe beobachten. Severus überschüttet Rodney mit sarkastischen und bissigen Kommentaren, wann immer er denkt, einen Fehler gefunden zu haben."

„Und was ist, wenn Rodney einen Fehler findet?"

„Dann bekommt Severus Rodneys bissige Zunge zu spüren. Das führt soweit, dass mein Mann mich am zweiten Tag gebeten hat, ihm einige Dinge aus der Muggelwelt zu erklären, weil er sich nicht Rodneys Spott zuziehen wollte. Ich bin bestens informiert, wie weit sie mit ihrer Forschung sind. Das Schlimmste ist, dass Severus seit einigen Tagen ein Aufputschmittel nimmt, um Rodneys Tempo mitzuhalten. Dabei ignoriert er, dass er im Gegensatz zu deinem Freund auch noch unterrichten muss."

Grinsend hatte John zugehört.

„Das kommt mir bekannt vor. Rodney nimmt bei mir Nachhilfestunden, um sein magisches Wissen zu erweitern, er will nicht bei Severus nachfragen. Mach dir wegen des Aufputschmittels keine Sorgen. Es sind nur noch sechs Tage."

John weigerte sich, auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass der Trank nicht helfen könnte.

„Rodney wusste auch vorher schon viel über uns. Ihm fehlt andererseits aber auch viel und er hat wohl nie eine magische Schule besucht, weder hier, noch in einem anderen Land. Aber dann gibt es magische Kräfte, die er mit einer Leichtigkeit beherrscht, die einfach unfassbar ist. Er macht es einfach und denkt nicht darüber nach und ist uns dann haushoch überlegen."

„Das kann er gut. Ich habe niemals gedacht, dass er ein Scheunentor auf zwanzig Fuß treffen würde, einfach weil er am Anfang Angst vor den Waffen hatte. Aber seitdem er seine Panik überwunden hat, macht er den Elitesoldaten Konkurrenz."

„Das kann man mit Training erklären", widersprach Hermine. „Aber wieso schafft er es, dass sich jede, aber auch absolut jede Tür auf Hogwarts vor ihm öffnet, wenn er den entsprechenden Raum betreten will? Severus hat es ausprobiert und die Tür zur Vorratskammer mit verschiedenen Schutzbannen versehen. Rodney hat alle durchbrochen. Selbst die, die eigentlich undurchdringlich sein sollen. Mein Mann hat mich letzte Woche gebeten, als Zeuge anwesend zu sein. Er hatte die Tür mit einem Zauber versiegelt, der normalerweise von den Kobolden verwendet wird, um die Verliese zu sichern. Rate mal, was passiert ist."

Darüber brauchte John nicht nachzudenken.

„Rodney ist zur Tür gegangen und als er festgestellt hat, dass sie sich nicht wie üblich öffnen ließ, hat er kurz die Augen geschlossen, gegrinst und dann schwang die Tür auf."

John schwor sich, seinen Freund bei passender Gelegenheit umzubringen – wenn sie die Wraith besiegt hatten. Denn jetzt wusste er, wer auf Atlantis seinen Süßigkeitenvorrat in unregelmäßigen Abstand dezimiert hatte. Zu wenig, um jemanden öffentlich des Diebstahls zu beschuldigen, genug, um es herauszufinden und sich zu ärgern. Von Anfang an war Rodney Johns Hauptverdächtiger gewesen.

„Genau so. Und das ist nur ein Indiz, das darauf hindeutet, dass er in den letzten Jahren regelmäßig Magie angewendet hat. Jedoch ganz andere als wir kennen."

Hermine löste sich aus der Umarmung und sah John an. Er wusste, was sie wollte, konnte es ihr aber nicht geben. Dafür kannte er die Gefahren der Pegasusgalaxie zu gut.

„Und du glaubst deswegen, dass ihr euch dort wohlfühlen könnt? Ich bezweifle das. Frieden wirst du keinen finden, im Gegenteil, wir sind im Krieg. Und er ist wesentlich härter als damals gegen Voldemort." Die finale Schlacht war schrecklich gewesen, aber die Belagerung von Atlantis war noch viel schlimmer. „Wenn wir den Kampf verlieren sollen, dann wird die Welt, so wie wir sie kennen, untergehen. Außerdem ist es auch kein Ort, um Kinder zu bekommen."

Es war Johns schlimmster Albtraum, dass die Wraith die Erde heimsuchen und grausame Ernte halten würden.

John trat einen Schritt zurück und musterte Hermine. Der Ärger über die Auroren war einer Entschlossenheit gewichen, die John zu gut kannte. Sie war an einem Punkt angelangt, wo sie eine endgültige Entscheidung getroffen hatte.

„Das lass mein Problem sein. Fakt ist, dass wir hier nicht mehr bleiben können. Aber was für Alternativen haben wir? In der Muggelwelt würde Severus zugrunde gehen."

„Und was ist, wenn ihr weit weg zieht? In Australien leben viele Magier. Ihr könnt auch woanders leben."

„Klar, die werden ganz schnell herausbekommen, dass Severus ein ehemaliger Todesser ist. Hier auf Hogwarts werden wir wenigstens von den Kollegen geachtet."

„Habt ihr nie daran gedacht, eure Identität zu wechseln?"

„Wir hatten es in unseren Flitterwochen versucht. Zwei Stunden nachdem wir auf Hawaii angekommen waren, hatte man Severus erkannt. Dabei hatte er seinen Kleidungsstil komplett gewechselt. Aber ein Magier, der nach einem Todesserangriff ausgewandert war, hat ihn erkannt." Hermine umklammerte die Brüstung mit den Händen und blickte über das Land. „Vor zwei Jahren haben wir es in den Sommerferien noch einmal versucht. Severus hatte sich in Neuseeland einen Job bei Gringotts besorgt. Er blieb unerkannt, doch man hat mich als ehemalige Kriegsheldin und jetziges Todesserflittchen wiedererkannt. Nur an der Art, wie ich meinen Zauberstab bewegt habe. Doch mit Severus kann ich nicht in die Muggelwelt gehen. Er würde damit nicht klar kommen."

Die Bitterkeit in ihrer Stimme war unüberhörbar.

„Das wusste ich nicht."

„Niemand wusste es. Aber wenn ich neu anfangen will, kann ich nicht jeden, der mich erkennt, mit einem Amnesia belegen."

„Du solltest sie besser blitzdingsen."

Hermine sah John fragend an. Dann verstand sie, worauf er anspielte und sie lächelte.

„Ja, das sollte ich. Aber vielleicht ist deine Heimat die bessere Alternative. Ich kann nicht glauben, dass es dort wirklich den ultimativen, alles entscheidenden Krieg gibt. Krieg, ja. Wie im Irak oder Afghanistan. Aber so wie du es schilderst…" Hermine schüttelte den Kopf. Waren ihre Haare sonst eine ungebändigte Mähne, hingen sie jetzt nass herab und erinnerten an einen Wischmopp.

Zweifel am ultimativen Krieg konnte nur jemand haben, der das Stargate-Programm nicht kannte. John hatte in der Pegasusgalaxie genug Zeit gehabt, um die Berichte der letzten Jahre durchzuarbeiten, bevorzugt die des SG-1. Die Menschheit hat es mit mehr Glück als Verstand geschafft, die letzten Jahre zu überleben. Er fragte sich, wie die Regierenden es schafften, dieses Wissen geheim zu halten.

„Was kannst du?"

„Wie meinst du das?" Irritiert sah Hermine ihn an.

John kratzte sich am Hinterkopf.

„Wenn ich meinen kommandierenden Offizier bitte, mich von der Geheimhaltungspflicht zu entbinden, um dich anzuwerben, muss ich ihm etwas bieten können."

„Die Tatsache, dass ich eine voll ausgebildete Hexe bin, wird er dir wohl nicht glauben."

„Man ahnt inzwischen, dass es besondere Fähigkeiten gibt. Aber obwohl die jeweiligen Regierungschefs über uns informiert sind, hat das Militär und besonders die Forschung noch nichts über die magische Welt erfahren. Dennoch haben sie auch so schon einiges herausbekommen. Es gibt ein Gen, das für unsere Gabe verantwortlich ist, sie nennen es das Antikergen. Personen, die dieses Gen haben, sind selten und werden händeringend gesucht. Aber das alleine reicht nicht."

„Wie wäre es mit zwei Semestern Medizin, ein abgeschlossenes Mathematikstudium und ein Magister in Physik? Wenn das nicht reicht, kannst du ihm noch erzählen, dass ich Zaubertränkemeisterin bin, dazu habe ich detaillierte Kenntnisse über alte Runen und Aritmathik. Im Moment lerne ich via Fernstudium Latein und Griechisch. Ich habe gemerkt, dass ich dieses Wissen brauche, um einige alte Bücher zu lesen."

Herausfordernd sah sie ihn an und John blickte fasziniert zurück. Ihr Wissen war genau das, was man in der Pegasusgalaxie dringend benötigte. Dann bemerkte er, wie er sie anstarrte und räusperte sich.

„Du hast etwas vergessen."

Sie überlegte einen Augenblick, schüttelte dann ihren Kopf.

„Nicht, dass ich wüsste."

„Doch." John schmunzelte. „Du bist Mitglied der Mensa. Und wenn du mir jetzt noch einen Lebenslauf ohne große Lücken gibst, appariere ich heute Abend nach Washington, um mir die Genehmigung zu holen, dich über meine neue Heimat zu informieren. Dass du damit zum Geheimnisträger wirst, stellt doch hoffentlich kein Problem für dich dar?"

„Es ist ein akzeptables Risiko. Mein Lebenslauf ist soweit in Ordnung."

„Kein Wunder, so viel, wie du studiert hast."

Sie lächelte.

„Dabei habe ich es immer nur nebenbei gemacht. Ohne die Möglichkeit zu lernen, fehlt meinem Leben etwas. Ich denke, dass meine Unterlagen nicht beanstandet werden. Aber wenn man auch noch Severus durchleuchten will, wird es schwierig. Er hat weder eine Geburtsurkunde noch einen gültigen Pass, existiert also in der Muggelwelt überhaupt nicht."

„Darum kümmern wir uns, wenn ich die Freigabe habe und ihr euch entschieden habt, wirklich mitzukommen. Und wenn du meinen ganz ehrlichen Rat hören willst---"

„Dann wirst du mir abraten, weil es zu gefährlich ist. Danke, ich weiß deine Sorge zu schätzen. Denkst du nicht, dass Severus und ich alt genug sind, um zu wissen, was wir tun? Kommst du mit?" Auffordernd streckte sie ihre Hand aus. „Es ist nass und kalt. Lass uns reingehen. Während du einen Tee trinkst, stelle ich meine Unterlagen zusammen, damit du alle notwendigen Schritte einleiten kannst. Vielleicht finden Severus und ich doch noch einen Ort, wo wir ohne Verfolgung leben können."