Ein wichtiger Fund
In Hermines Büro angekommen brachte ihnen Abby Tee. Bevor sie sich mit dem heißen Getränk aufwärmten, trockneten sie ihre Kleidung mit einem einfachen Zauber.
Dann saßen sie sich schweigend gegenüber und nippten an ihrem Tee. Als Hermine die Tasse geleert hatte, stand sie auf und suchte ihre Unterlagen zusammen.
Schon bald wurde es John langweilig, ihr dabei zuzusehen. Er stand auf und musterte ihre Büchersammlung. Hermine hatte sie nach Themengebieten sortiert. Die meisten Bücher schienen recht neu zu sein und ein Regal war mit Muggelliteratur gefüllt. Doch es gab auch einige alte und abgegriffene Exemplare, die sich John genauer ansah.
Zaubertränke hatte er schnell durch. Kein Buch in diesem Bereich war wirklich alt. John vermutete, dass die seltenen Exemplare in Snapes Büro standen. Das eine oder andere Arithmathikbuch blätterte er durch. Früher hatten die endlosen Zahlenreihen John nicht annähernd so fasziniert wie heute. Inzwischen bedauerte er, dieses Fach in der Schulzeit nicht belegt zu haben.
Die Bücher über alte Runen überflog er zuerst nur. Sprachen war noch nie sein Ding gewesen und er hatte als Kind keinen Sinn darin gesehen, eine tote Sprache, von der nur die Schrift übrig geblieben war, zu lernen. Was er im Kampf gegen Voldemort benötigte, hatte Hermine beigesteuert.
John blickte die Bücherreihe entlang und wollte sich den Geschichtsbüchern widmen, als ihm plötzlich ein Symbol auf einem alten und abgegriffenen Buchrücken seltsam vertraut vorkam. Er nahm das Buch und blickte auf den Titel.
Tatsächlich! Antikerschrift! Es durfte einfach nicht wahr sein. Wieso hatte er solange gesucht und das Offensichtliche übersehen? Er kannte die Symbole und inzwischen konnte er die Sprache auch lesen. Langsam und stockend, doch es ging.
Das Buch war weder auf Papier, noch auf Pergament gedruckt worden, sonst hätte es niemals 10.000 Jahre überdauert. Es schien ein extrem langlebiger Kunststoff zu sein. Auf Atlantis gab es keine Bücher, dort hatten die Antiker ihr gesamtes Wissen in der Datenbank gespeichert, aber hier und jetzt hatte John ein Buch der Antiker in seinen Händen. Voll mit technischen Zeichnungen und vielen Erklärungen. Ein Handbuch, nach dem er schon lange gesucht, aber nie in der Datenbank gefunden hatte.
„Harry! Hörst du mir überhaupt zu?"
John blickte zu Hermine. So wie sie ihn ansah, war es wohl nicht das erste Mal gewesen, dass sie ihn angeredet hatte. Entschuldigend grinste er.
„Du solltest inzwischen wissen, dass ich nicht mehr auf den Namen Harry reagiere. Tut mir leid, ich war abgelenkt." Gleichzeitig hielt er das Buch hoch, so dass sie den Titel lesen konnte.
„Seit wann interessierst du dich für alte Runen?"
„Nicht wirklich, aber in diesem Buch sind technische Zeichnungen, die für die magische Welt extrem ungewöhnlich sind. Woher hast du es? Es fühlt sich auch anders an als die anderen Bücher."
Mehr wollte John noch nicht verraten.
„Ich habe es vor fünf Jahren in einer Buchhandlung in der Nokturngasse entdeckt. Und da niemand etwas damit anfangen konnte, habe ich es für wenige Sickel bekommen. Es ist in der ältesten mir bekannten Runensprache geschrieben, die es gibt, und nur Merlin weiß, wie alt es wirklich ist."
„Woher kennst du die Schrift?"
„Ich bin neugierig und habe vor einigen Jahren in der Bibliothek einige wenige Texte gefunden, die auch in dieser Sprache geschrieben worden sind. Dann gibt es noch einige wenige Bücher, die sich mit dieser Schrift beschäftigen. Ich habe sie alle gelesen, denn die Inhalte erinnern mich mehr an die Wissenschaft der Muggel als an unsere Magie. Es ist unheimlich faszinierend." Sie betrachtete noch einmal das Buch, blätterte dann durch ihre Unterlagen. „Muss ich in meinem Lebenslauf eigentlich ein Zeugnis von Hogwarts beilegen? Oder reicht es, wenn ich den Namen erwähne und angebe, wie lange ich dort war? Die Unterrichtsfächer sind zu seltsam, um sie Muggeln zu präsentieren."
John war mit seinen Gedanken noch bei dem Buch.
„Hast du es übersetzt?"
Sie schüttelte den Kopf.
„Nur die Einleitung. Es sind so viele Fachbegriffe in dem Text, dass ich es vorerst gelassen habe. Aber soviel ist klar: Es ist ein Handbuch für die Bedienung eines Fluggerätes. Aber kannst du bitte zum Thema zurückkommen? Welche Unterlagen brauchst du wirklich von mir? Ich will nicht Gefahr laufen, die magische Welt zu verraten."
Mit dem Buch in der Hand ging John zum Schreibtisch und sah ihr über die Schulter. Sie hatte den Computer hochgefahren und entwarf einen Lebenslauf. Übersichtlich und tabellarisch.
„Du brauchst das Zeugnis nicht beizulegen. Deine anderen Unterlagen sind ja soweit komplett." John blickte auf seine Uhr. „Es ist jetzt kurz vor zehn. Wenn ich in Washington ankomme, wird es später Nachmittag sein. Noch nicht zu spät, um General O'Neill zu erreichen."
„Danke, dass du dich für uns einsetzt. Bist du dir sicher, dass du wirklich mit Severus zusammenarbeiten willst?"
John musste grinsen.
„Das lass Rodneys Sorge sein. Er ist der leitende Wissenschaftler und Severus wird sich ihm unterordnen müssen."
„Glaubst du, dass das gut geht?"
Zweifelnd blickte Hermine zu ihm hoch.
„Ich denke schon. Rodney hat Respekt vor Severus' Wissen und seinen magischen Fähigkeiten. Und wenn dein Mann damit leben kann, dass Rodney die endgültige Entscheidung trifft, dann werden wir eine sehr interessante Zeit haben." Sie wirkte nicht überzeugt. „Hey, wenn ich jetzt zu O'Neill appariere, ist es nichts Endgültiges. So leicht kommt ihr nicht in das Projekt rein und ihr werdet auch noch die Möglichkeit haben, nein zu sagen."
Hermine war erleichtert.
„Gut, denn mir ist gerade bewusst geworden, dass ich noch nicht mit Severus über meine Entscheidung gesprochen habe. Und ihm zumindest das Gefühl vermitteln sollte, dass er was zu sagen hat."
„Hat er das sonst nicht?"
„Er glaubt es… wie alle Männer."
„Hermine, du bist unmöglich, langsam tut mir Severus leid. Es muss fast schon eine Strafe sein, mit dir zusammen zu sein."
Ihr Lachen war dunkel und angenehm. Sie drehte sich zu John um.
„Das ist nicht wahr. Aber wo wir bei Beziehung sind, solltest du nicht Rodney eine Nachricht hinterlassen? Wie lange wirst du weg sein?"
„Wenn alles gut geht, bin ich wohl in zwei Stunden wieder zurück. Aber wenn O'Neill in einer Konferenz ist, kann es ewig dauern, bis ich zu ihm vorgelassen werde. Gib mir etwas zum Schreiben."
Sie reichte ihm Feder und Pergament.
„Sonst noch einen Wunsch?"
John ging einen Schritt zur Seite, beugte sich über den Schreibtisch und kritzelte eine Notiz, in der er Rodney mitteilte, dass er sich bei O'Neill melden musste und am nächsten Tag zurückkommen würde. Er faltete das Pergament und reichte es Hermine.
„Das sollte reichen. Kann ich mir noch etwas Lesestoff mitnehmen? Falls ich wirklich warten muss, brauche ich Ablenkung."
„Das Buch fasziniert dich wirklich?"
„Ja." Offen gab John es zu. „Ich bin Pilot. Und so ein Fluggerät habe ich noch nie gesehen. Deswegen möchte ich es mir gerne näher ansehen."
Hermine stand auf, drehte sich um und nahm John das Buch aus der Hand, um es selber noch einmal durchzublättern.
„Was ist, wenn es den anderen auffällt? Ich möchte es nicht verlieren."
„Ich verspreche dir, dass ich es dir heil und an einem Stück zurückbringen werde."
Dabei verschwieg John, dass er es in Washington einscannen und die Kopie Daniel Jackson zukommen lassen wollte. Mehr über die Puddle-Jumper zu erfahren stand ganz oben auf seiner eigenen Prioritätenliste.
„Gut, in dieser Sache vertraue ich dir. Nimm es mit. Wo wir schon beim Thema Vertrauen sind…"
John ahnte Schreckliches. Immer wenn sie ihn so ansah, bereitete sie im Geiste eine saftige Predigt vor.
„Muss das sein?"
„Ja, denn falls du dich gefragt hast, warum Dobby dir nichts von dem Aurorenbesuch gesagt hat---"
„Woher weißt du von Dobby?"
„Im Gegensatz zu allen anderen kümmere ich mich um die Hauselfen. Es reicht nicht, sich einfach nur andere Kleidung anzuzuiehen, um nicht erkannt zu werden. Jedenfalls musste ich Abby befehlen, keine Gespräche mehr mit Dobby zu führen, damit er nicht alle Informationen sofort weitergibt. Weißt du, wie ungern ich in ihr Privatleben eingegriffen habe?"
„Ich kann es mir vorstellen. Tut mir leid, aber Dobby wollte unbedingt helfen. Und das ist die einzige Möglichkeit, wie er sich nützlich machen kann, ohne Zerstörungen anzurichten."
Sie überlegte einen Moment, dann nickte sie zustimmend.
„Den Punkt kann ich verstehen. Nur frage ich mich, welche Asse du noch im Ärmel hast."
John lächelte nur, gab aber keine Antwort.
