Verschwunden
John musste bis acht Uhr warten, erst dann öffnete sich das Tor wie von Geisterhand bewegt.
Er hatte viele technische Zeichnungen studiert und ihm waren einige neue Funktionsmöglichkeiten des Puddlejumpers aufgefallen. Er musste in Atlantis nur herausfinden, ob es wirklich funktionierte. Geschlafen hatte er gar nicht. Ein unbestimmtes Gefühl der Gefahr hatte ihn wachgehalten. Ob es daran lag, dass er vor vielen Jahren direkt vor den Toren von Hogwarts in die letzte, entscheidende Schlacht gezogen war, oder ob es eine aktuelle Gefahr aus den Tiefen des Verbotenen Wald war - John wusste es nicht.
Es reichte aus, um wachsam und wach zu bleiben.
Endlich wieder auf Hogwarts wollte er nur noch duschen, etwas essen und einige Stunden schlafen. Rodney würde bestimmt verlangen, dass er den Unterricht auch heute fortsetzte, und das konnte John nur ertragen, wenn er halbwegs ausgeschlafen war.
Vor Hermine würde er die nächsten Stunden Ruhe haben, da sie einen vollen Stundenplan hatte und von einem Unterricht in den nächsten hetzte.
John sah kurz in Rodneys Zimmer. Doch der war noch nicht zurück, selbst Johns Nachricht lag noch unangerührt auf dem Nachttisch. Er nahm die Notiz an sich. Was Rodney nicht wusste, konnte er auch nicht hinterfragen.
Dann ging er unter die Dusche. Als Dobby ihm das Frühstück brachte, konnte der Elf ihm nur mitteilen, dass die Nacht ruhig gewesen war. Einzig zwei Schüler waren nach der Sperrstunde von Professor Longbottom auf dem Astronomieturm erwischt worden. Sie waren jedoch ohne Punktabzug und nur mit Nachsitzen davongekommen.
Es war zehn Uhr, als John mit dem Frühstück fertig war, und Rodney war immer noch nicht zurück.
Auch wenn Hogwarts einer der sichersten Orte der Welt war – John wurde unruhig. Schlafen konnte er nicht. Er nahm sich eins der herumliegenden Bücher und blätterte es durch. Doch vom Inhalt erfasste er nichts. Alle zwei Minuten blickte er zur Tür, doch kein Rodney erschien.
Schließlich hielt er es nicht mehr aus. John entschied sich, im Labor nachzusehen, ob Rodney einfach nur die Zeit vergessen hatte. Snape war im Unterricht, also gab es für ihn keinen Grund, das Labor zu vermeiden.
John klopfte an, doch als darauf keine Reaktion kam, versuchte er die Tür zu öffnen. Dass sie nicht nur verschlossen war, sondern auch noch mit mehreren Schutzbannen versiegelt, war für John ein Zeichen, dass keiner da war.
Mit einem ‚Alohomora' versuchte John, die Schutzbanne zu durchbrechen, doch wie erwartet, tat sich nichts. Die Tür blieb versiegelt.
Statt immer kompliziertere Zauber auszuprobieren, griff er auf Rodneys Methode zurück. John konzentrierte sich, schloss die Augen und versuchte, die Magie wie ein kompliziertes Artefakt zu erreichen. Und es funktionierte. Es knirschte und die Tür schwang auf.
„Rodney! Wo steckst du?"
Als keine Antwort kam, trat John ein. Er betrat nicht gern das Reich der Fledermaus und rechnete jederzeit damit, dass ihn ein Fluch traf. Nichts geschah. Noch nicht einmal Rodney antwortete. Es war wirklich verlassen. Nur ein silberglänzender Kessel hing über einer kleinen Flamme und gab leise, blubbernde Geräusche von sich.
Der interessierte John nicht. Er lief durch den Raum und öffnete die Tür zur Vorratskammer, doch auch dort war niemand.
Im Laufschritt verließ John das Labor, vergaß aber nicht, sämtliche Schutzbanne wieder zu aktivieren.
Bevor er Snape aufsuchte, um zu erfahren, was in der letzten Nacht passiert war, machte er einen Abstecher in die Bibliothek. Außer einigen Sechstklässlern, die für eine Prüfung lernten, war niemand da. Madame Pince hatte Rodney auch nicht gesehen.
So blieb ihm wirklich keine andere Möglichkeit, als Snape zu fragen.
Vor dem Unterrichtsraum atmete er einmal durch, ermahnte sich, sich nicht provozieren zu lassen, und klopfte an.
Er trat erst ein, als er Snapes mürrisches „Herein!" hörte.
Die Fledermaus zog indigniert eine Augenbraue hoch, als er sah, wer es wagte, seinen Unterricht zu stören.
„Kann ich Sie bitte unter vier Augen sprechen, Professor Snape?"
Snape blickte seine Schüler – Fünftklässler – an. Sie waren dabei, Kräuter für einen Trank kleinzuhacken, doch noch hatte niemand mit dem eigentlichen Brauen begonnen.
„Sie haben zwei Minuten, Mr. Sheppard. Miss Biggs, Sie achten darauf, dass in der Zwischenzeit niemand auf die Idee kommt, irgendwelchen Unsinn anzustellen, oder so verrückt sein sollte, mit dem Brauen zu beginnen."
Ohne auf ihr Nicken zu achten, rauschte Snape an John vorbei aus dem Raum. John folgte ihm.
„Und? Was wollen Sie?"
Snape hielt wirklich nichts davon, lange um den heißen Brei herumzureden.
„Doktor McKay ist verschwunden. Er ist diese Nacht nicht in unsere Räume zurückgekehrt und im Labor war er auch nicht."
John hoffte, dass Snape keinen Anfall bekommen würde, dass er ins Labor eingebrochen war.
„Dort kann er auch gar nicht sein." Snape warf John einen giftigen Blick zu. „Ich habe ihn gestern um Mitternacht gezwungen, Schluss zu machen, da wir erst weiter machen können, wenn wir wissen, ob der Trank genau so reagiert, wie wir berechnet haben. Aber der muss noch auf kleiner Flamme köcheln und wird erst heute Nachmittag fertig sein. Wir wollten uns um fünf wieder treffen. Und er ist wirklich nicht zurück ins Quartier gegangen? Sie waren doch auch unterwegs."
Es lag kein Vorwurf in Snapes Stimme.
„Stimmt. Ich hatte ihm eine Nachricht hinterlassen und die hat er nicht angerührt."
Der Tränkemeister runzelte die Stirn.
„Seltsam. Haben Sie es schon in der Bibliothek versucht? Vielleicht ist er ja über einem Buch eingeschlafen und Madame Pince hat es nicht über sich gebracht, ihn zu wecken."
John stellte fest, dass Snape sich wirklich Sorgen machte.
„Dort war ich, bevor ich Sie aufgesucht habe."
„Vielleicht hat er auch nur einen Spaziergang gemacht und sich verlaufen. Wer weiß, wo er jetzt ist und nicht mehr zurückfindet."
Dabei sprach er nicht aus, dass Hogwarts ein gefährlicher Ort sein konnte, wenn man die falschen Wege einschlug. So manch ein Erstklässler hatte nach so einem Abenteuer mehrere Tage auf der Krankenstation verbringen müssen. Hogwarts war nur dann einer der sichersten Orte, solange kein Schüler verbotene Regionen betrat.
„Nicht McKay. Er hat zuviel Erfahrung, um so einen Unsinn anzustellen."
Ohne zu antworten ging Snape zurück zu seiner Klasse. John konnte hören, wie Snape seinen Schülern Anweisungen gab.
„Heute wird kein Trank mehr gebraut, da ich kurzfristig abberufen wurde. Bitte löschen Sie die Feuer und räumen Sie die Kessel weg. Stattdessen schreiben Sie einen Aufsatz über die Wirkung von Pestwurzeln – zwei Pergamentrollen lang. Das ist gleichzeitig auch Ihre Hausaufgabe. Bis nächste Woche."
Bevor die Schüler reagieren oder protestieren konnten, hatte Snape den Unterrichtsraum verlassen und die Tür hinter sich geschlossen.
„Um Dr. McKay schnell zu finden, müssen wir Professor McGonagall alarmieren, sie wird die Hauselfen miteinbeziehen."
John war überrascht, dass sich Snape aktiv an der Suche beteiligte. Da die Fledermaus als Hauslehrer von Slytherin in den letzten Jahren bestimmt viele verloren gegangene Erstklässler gesucht hatte, zählte John auf seine Erfahrung und überließ ihm das Kommando.
Auch Professor McGonagall stimmte Snapes Vorschlägen zu. Mehrere Suchtrupps wurden ausgeschickt und John wurde für den Astronomieturm eingeteilt.
Als er die Treppe hochstieg, wünschte er sich, einen der Lebenszeichendetektoren der Antiker mitgenommen zu haben. Dann wäre diese Suchaktion überflüssig und Snape hätte ihn nicht aus reiner Gehässigkeit die weiteste Strecke laufen lassen.
Oben angekommen, sah er sich suchend um, doch die Plattform war leer. Er blickte über die Ländereien von Hogwarts, in der Hoffnung, Rodney dort unten zu entdecken. Vergeblich.
Als er den Turm verlassen und die Treppe hinabsteigen wollte, hörte er das wütende Kreischen einer Eule. Er sah sich neugierig um und riss gerade noch rechtzeitig den Arm hoch, damit sie darauf landen konnte.
Nichts war unangenehmer als ein Vogel, der auf der Schulter landete und mit Schnabelhieben versuchte, Aufmerksamkeit zu bekommen. Es dauerte einen Augenblick, bis der Vogel sein Gleichgewicht gefunden hatte, dann hielt er John auffordernd seine rechte Kralle entgegen.
Kopfschüttelnd befreite John die Eule von ihrer Botschaft. Er hätte es sowieso getan, ohne die extra Aufforderung des Tieres.
Ohne auf eine Belohnung zu warten, flog der Vogel weg.
Vorsichtig entrollte John das dünne Pergament, las die Nachricht und erbleichte.
Hallo John! Oder bevorzugen Sie die Anrede Harry?
Dr. McKay befindet sich in unserer Gewalt. Ihm geht es den Umständen entsprechend gut. Wenn Sie unseren Anordnungen folgen, wird ihm nichts passieren. Wir werden uns wieder melden.
P.S.: Weihen Sie niemanden ein, sonst bekommt Dr. McKay Probleme.
Einzig Hermine hatte gewusst, dass John in der Nacht in Washington war. Und John war sich sicher, dass sie nicht versucht hatte, ihn zu verraten.
Es war wahrscheinlich nur ein dummer Zufall, dass Rodney genau in der Nacht entführt worden war, aber John machte sich trotzdem Vorwürfe, dass er Hogwarts verlassen hatte.
Statt die anderen Stockwerke des Turms zu durchsuchen, setzte John sich auf die Stufen und versuchte, seine Gedanken zu ordnen und einen Plan zu entwickeln.
Wer auch immer Rodney entführt hatte, musste sich auf Hogwarts auskennen, musste wissen, wo Rodney gearbeitet hatte und wie er das Gelände verlassen konnte, ohne das Haupttor zu benutzen. Denn das war – wie John am eigenen Leib erfahren hatte – nachts geschlossen.
Also kam kein Fremder in Frage. Blieben nur noch die Lehrer, Schüler und alle Ehemaligen. Also mindestens die Hälfte aller Zauberer. Viel zu viele Verdächtige. Und er kannte nur die wenigsten, um den Kreis zu verkleinern. Ohne Hilfe konnte er es nicht schaffen.
Aber der Gedanke, die Fledermaus um Hilfe zu bitten, stieß John bitter auf. Aber außer Hermine und ihrem Mann gab es auch niemandem, dem er wirklich vertraute.
Da eine Suchaktion angelaufen war, musste John Professor McGonagall bis zu einem gewissen Grad einweihen. Priorität war, Rodney so schnell wie möglich zu befreien. Es waren nur noch fünf Tage bis Vollmond und wenn er dann immer noch gefangen gehalten wurde, würde er sich verwandeln. Ohne Medikamente.
John kannte Rodneys lebhafte Fantasie und wusste, welche Ängste er jetzt schon durchstand.
Sollten die Entführer sich wieder melden, würde John kooperieren. So lange, bis er herausgefunden hatte, wer seine Gegner waren.
Und dann würden sie feststellen, dass John Sheppard keine Gnade kannte.
