Die Weasleys

John rematerialisierte direkt vor dem Laden der Zwillinge.

Ohne zu zögern betrat John das Geschäft. Von den beiden Weasleys war nichts zu sehen, nur eine junge Frau stand hinter dem Tresen und lächelte ihn freundlich an.

„Wie kann ich Ihnen helfen, Sir? Interessieren Sie sich für unsere Scherzartikel oder für die Verteidigungszauber?"

John setzte sein diplomatisches, unverbindliches Lächeln auf. Er wollte eigentlich nur zu Molly, aber ein wenig Information, was die Zwillinge anboten, konnte nicht schaden.

„Ich weiß es noch nicht genau. Ich schaue mich um und wenn ich Fragen habe, melde ich mich."

„Kein Problem, Sir."

Schnell hatte John sich umgesehen. Die Scherzartikel überflog er mit einem Blick. Es gab nichts, das ihn interessierte.

Anders war es bei den Verteidigungszaubern. Ob man nun einen Umhang mit intrigierten Fluchabwehrzaubern kaufen wollte, oder ein Amulett, das die eigene Zauberkraft verstärkte, alles gab es in den verschiedensten Ausführungen.

John verschaffte sich einen Überblick, danach wandte er sich mit einem strahlenden Lächeln an die Verkäuferin.

„Wenn ich eine Sonderanfertigung benötige, an wen muss ich mich wenden? Ich habe nicht das gefunden, was ich wirklich brauche."

„Bitte haben Sie einen Moment Geduld, ich sehe nach, ob die Herren Weasley Zeit für Sie haben. Können Sie mir bitte Ihren Namen sagen?"

„John Sheppard. Ich bin ein guter Freund von Molly Weasley."

„Dankeschön."

Damit verschwand die junge Frau im Hinterzimmer.

John nahm sich einen Prospekt, der auf der Theke lag und blätterte es durch. Es irritierte ihn ein wenig, dass sich die Bilder bewegten und anschaulich demonstrierten, wie der Scherzartikel genau funktionierte, aber nach wenigen Seiten hatte er sich wieder daran gewöhnt. In Atlantis hatte er noch verrücktere Sachen kennengelernt.

Er war noch nicht weit gekommen, als die Verkäuferin wiederkam.

„Bitte folgen Sie mir, Sir. Ich soll Sie zu den privaten Räumen bringen."

„Danke sehr."

Die Frau begleitete John durch das Hinterzimmer bis ins Treppenhaus.

„Die Treppe hoch und dann nehmen Sie bitte die erste Tür rechts."

John bedankte sich mit einem Neigen seines Kopfes.

Vor der Tür atmete John tief ein, dann klopfte er. Fast sofort ertönte „Herein!", und er betrat den Raum.

Es war eine geräumige Wohnküche, mit einem großen Esstisch und einem riesigen Herd. Dort stand Molly und beaufsichtigte, wie das Essen mit Magie zubereitet wurde, während Fred und George am Küchentisch saßen.

Sie hatten Notizen um sich herum ausgebreitet und bastelten wohl an ihrer neuesten Erfindung. Sie blickten hoch, als John die Küche betrat und musterten ihn.

„Hallo, John!" Molly kam auf John zu und nahm ihn in den Arm. Sie freute sich, ihn zu sehen. „Schön, dass du es geschafft hast, mich zu besuchen. Als ich bei Charlie war, hast du keine Zeit gefunden. Und das, wo wir praktisch Nachbarn waren. Setz dich, ich habe Tee aufgesetzt, er müsste jeden Moment fertig sein."

Wie auf Kommando gab die Teekanne - die auch auf dem Tisch stand - ein lautes Pfeifen von sich.

Molly löste sich von John und wedelte mit dem Zauberstab. Das Teesieb schwebte aus der Kanne und platzierte sich auf den daneben stehenden Teller.

„Danke, Molly. Aber ich bin nicht hier, um mit dir gemütlich zu plaudern. Kann ich dich unter vier Augen sprechen?"

Die Zwillinge waren nicht begeistert.

„Schon wieder Ordenssachen? Nur weil wir mit dem Ministerium Geschäfte machen…"

„…bedeutet es nicht, dass wir nicht mehr vertrauenswürdig sind. Schließlich bekommt das Ministerium im Gegensatz zu euch…"

„die schlechtere Qualität…"

„Und wir sind diejenigen, die euch die meisten Informationen liefern."

Fred und George wechselten sich ab und einer beendete ohne zu zögern den Satz des anderen.

„Jungs! Hört gefälligst auf!" Molly hatte ihre Hände in die Hüfte gestemmt und sah ihre Söhne verärgert an. „Ihr wart einverstanden, dass ihr von den wichtigen Entscheidungen des Ordens ausgeschlossen werdet, weil ihr in dem Vertrag mit dem Ministerium unterschreiben musstet, dass Überprüfungen eurer Produktionen unter Zuhilfenahme des Veritasserums durchgeführt werden können."

Die beiden grinsten.

„Reg dich nicht auf, Mum!"

Synchron standen die beiden auf.

„Wir gehen jetzt in den Laden und du hast deine Ruhe."

Als sie den Raum verließen, nickten sie John kurz zu.

Molly sicherte die Tür mit einem Imperturbatiozauber, um auch ein ‚zufälliges' Lauschen ihrer Kinder zu unterbinden. Dann ging sie zum Küchentisch.

„Komm her und setzt dich, mein Junge. Auch wenn es etwas Unerfreuliches ist, solltest du einen Tee trinken. Und wenn es länger dauern sollte: das Mittagessen reicht auch für dich."

John folgte Mollys Anweisung und setzte sich an den Tisch – weit weg von den Bastelein der Zwillinge.

Molly zauberte ihm eine Tasse her und goss den Tee ein, dann setzte sie sich neben ihn.

Erst nachdem John den ersten Schluck Tee getrunken hatte, nahm er Charlies Schreiben raus und reichte es Molly.

„Das ist der Grund für mein Hier sein."

Sie nahm das Pergament, las den Inhalt und erbleichte. Dann sah sie John an.

„Du hast Charlie im Verdacht?"

Es war weniger eine Frage als eine Feststellung. John nickte.

„Rodney ist in der Nacht, nachdem du weggefahren bist, entführt worden. Außer deinem Sohn hatte ich noch einige weitere Verdächtige, aber Charlie hat Hogwarts verlassen, kurz bevor ich dieses Pergament bekommen habe. Bisher ist er auch noch nicht zurückgekehrt."

Die Karte hatte noch keinen Ton von sich gegeben.

„Dieser dumme Junge! Was hat er sich dabei gedacht? Glaubt er wirklich, dich erpressen zu können?"

„Ich weiß es nicht, Molly. Leider gibt es noch etwas, was er nicht weiß."

„Betrifft es Rodney?"

Molly sah John traurig an.

„Ja. Er ist vor einiger Zeit von einem Werwolf gebissen worden und wenn er nicht morgen den Trank bekommt, den Severus für ihn entwickelt hat, wird er die Verwandlung nicht überleben."

John erwähnte nicht, dass dies sein einziger Grund gewesen war, nach Hogwarts zurückzukehren.

Er fühlte Mollys prüfenden Blick, dann traf sie eine Entscheidung.

„Ich bin dabei und helfe dir, Rodney so schnell wie möglich zu finden. Gib mir fünf Minuten, dann bin ich reisefertig. Ich werde nicht zulassen, dass mein Sohn den Tod eines Unschuldigen verursacht. Es reicht, dass ich bei Percy versagt habe."

„Du brauchst nicht mitzukommen, Molly. Ich brauche Informationen, wo Charlie McKay versteckt haben könnte."

„Aber ich will. Und versuche ja nicht, mir das auszureden!"

Abwehrend hob John seine Hände.

„Das werde ich nicht. Ich bin sogar froh, dass du mich unterstützt."

„Etwas anderes hättest du jetzt nicht sagen dürfen. Trink in Ruhe deinen Tee aus, dann bin ich reisefertig. Wer ist sonst---"

Molly kam nicht dazu, den Satz zu beenden, denn die Tür ging auf und die Zwillinge stürmten hinein.

„Wenn unser Bruder etwas angestellt hat und wir ihn aus der Scheiße holen müssen, sind wir mit dabei…"

„Wir können nicht zulassen, dass er die Familienehre besudelt."

Molly sah die beiden verärgert an.

„Ihr habt gelauscht."

„Glaubst du ernsthaft, dass wir zulassen, dass du mit einem Fremden irgendein Geheimnis in unserer Küche besprichst?"

„Ein Imperturbatiozauber hat nur die Tür geschützt, aber wir haben auch Möglichkeiten, anderweitig mitzuhören."

Sie gaben somit zu, ihre eigene Wohnung verwanzt zu haben. John wunderte es noch nicht einmal. Die Zwillinge waren schon immer anders gewesen.

„Das wird Konsequenzen für euch haben!"

Molly war sehr verärgert.

„Ja, Mum", antworteten die beiden im Chor. „Du wirst uns aber nicht davon abhalten können, euch zu folgen, denn ihr werdet uns brauchen."

Ehe Molly etwas entgegnen konnte, mischte John sich ein.

„Von mir aus könnt ihr mitkommen. Aber merkt euch eins: Charlie gehört mir! Niemand entführt meinen Freund, um mich damit zu erpressen. Selbst für einen Weasley wird es Konsequenzen haben."

Fred und George sahen sich kurz an, zuckten dann mit den Achseln.

„Solange er nicht ans Ministerium ausgeliefert wird…", fing der eine Zwilling an.

„Und du uns garantierst, dass er es überleben wird, sind wir damit einverstanden", vollendete der andere Zwilling den Satz.

„Ich kann es euch nicht garantieren, denn wenn er mich angreift, werde ich mich verteidigen. Aber ich verspreche, dass ich ihn, soweit es mir möglich ist, verschonen werde."

Wieder wechselten die beiden Blicke, dann nickten sie.

„Einverstanden. Wer ist sonst noch mit dabei?"

„Nicht viele", gab John zu. „Es gibt nur wenige, denen ich vertrauen kann. Und ich weiß nicht, ob Charlie Verbündete hat. Severus und Hermine Snape sind in alle Details eingeweiht. Dobby, der Hauself, sammelt alle relevanten Informationen und McGonagall ist informiert, aber ich habe sie gebeten, sich nicht einzumischen. Und das war's."

„Ich will nicht wissen, wie du es geschafft hast, die Fledermaus zu überreden. Aber wenn er wirklich dabei ist, brauchen wir keine anderen Verbündeten. Und ein Hauself als Spion hat auch seine Vorteile. Wir gehen packen."

Und ohne auf einen Kommentar zu warten, verließen die Zwillinge die Küche, um ihre Sachen zusammenzupacken. Molly schloss sich ihnen an.

John trank den Tee und fragte sich, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, auf seine Instinkte zu hören und Fred und George mit ins Boot zu holen. Er bezweifelte jedoch, dass sie ihm eine andere Chance gelassen hätten, wenn er nein gesagt hätte.

Es dauerte wesentlich länger als eine halbe Stunde, bis die Zwillinge alles zusammen gepackt hatten, und als sie aufbrachen, trug jeder einen Rucksack und einen großen Koffer.

Dann apparierten sie.

Bevor sie die Grenzen von Hogwarts überschritten, kramte John sein Headset heraus und kontaktierte das SGC.

Er erfuhr, dass die Daedalus früher als erwartet zurückgekehrt war und wieder Position auf einer Umlaufbahn um die Erde bezogen hatte. In den nächsten Tagen sollte sie Nachschub für Atlantis übernehmen und man übermittelte John die Order, dass er an Bord sein musste, wenn sie den Erdorbit verlassen würde. John sagte dazu nichts und bestätigte nur den Erhalt des Befehls.

Für ihn war klar, dass er Rodney nicht zurücklassen würde.

General Hammond hatte ihm nur die Nachricht hinterlassen, dass Hermines Überprüfung noch nicht abgeschlossen war.

Im Anschluss funkte John die Daedalus an. Er wurde sofort mit Caldwell verbunden. John informierte den Kommandanten der Daedalus, dass Rodney entführt worden war und welche Schritte er bisher unternommen hatte.

Caldwell akzeptierte nur zähneknirschend, dass John nach Hogwarts zurückkehrte, wo sein Funkgerät nicht funktionierte. Doch er versprach, John zu unterstützen, wenn er Hilfe brauchte."

Sie überschritten die Grenze von Hogwarts, als die Karte der Rumtreiber erneut einen Alarmton von sich gab.

John nahm die Karte und überzeugte sich davon, dass sie nur meldete, dass Molly Hogwarts betreten hatte – von Charlie gab es nichts Neues.

Er wollte sie wieder einstecken, als er spürte, dass einer der Weasleys über seine Schulter spähte.

„Woher hast du sie?" Erwartungsgemäß stellte einer der Zwillinge die Frage.

„Aus Filchs Büro", antwortete John, wusste aber, dass diese Antwort die Weasleys nicht zufrieden stellen würde.

„Das glaube ich nicht", war auch die Antwort – wobei John es wieder einmal nicht erkennen konnte, ob nun Fred oder George mit ihm sprach.

„Ist aber so", konterte John grinsend.

„Der letzte Besitzer hatte Hogwarts schon lange verlassen, als er sie zum letzten Mal in seinen Händen gehalten hat."

John erinnerte sich zu gut daran. Es war in St. Mungos gewesen, die Verletzungen vom letzten Gefecht waren noch lange nicht verheilt und er hatte darauf gewartet, dass die Schmerzen nachließen. Er hatte sich die Zeit vertrieben, indem er beobachtete, wie nach und nach immer mehr Räume auf der Karte erschienen. Bis Hogwarts wieder komplett aufgebaut war.

„Das ändert nichts an der Tatsache, dass ich sie vor einigen Tagen aus Filchs Büro geholt habe. Sie war in Freds Akte aus dem sechsten Schuljahr deponiert. Genau dort, wo ich sie auch versteckt hatte, um sie vor dem Zugriff Unbefugter zu bewahren."

Es dauerte einen Moment, dann verstanden beide, was dieser Satz bedeutete.

Grinsend ließ John zu, dass sie ihn umarmten und willkommen hießen.

Dann wurden die Zwillinge wieder ernst.

„Weiß Charlie, dass er sich mit Harry Potter anlegt?"

„Bitte vergesst diesen Namen. Es erinnert mich an viel zu dunkle Zeiten. Und ja, Charlie wusste es."

„Unser Bruder ist ein Idiot…"

„…Er hätte wissen müssen, dass man dich nicht erpressen kann."

John nickte nur und verkniff sich eine Stellungnahme, dafür ergriff Molly das Wort.

„Ich habe ihm schon als Kind erzählt, dass der Zweck niemals die Mittel heiligt, und ich hatte gehofft, dass er im Gegensatz zu euch beiden nicht nur zugehört, sondern auch verstanden hatte."

Gleichzeitig wuschelte sie beiden durchs Haar.

„Aber Mum!", protestierten die Zwillinge. Doch Molly übertönte sie ohne Probleme.

„Ihr wisst ganz genau, was ich über euer Geschäft und den Vertrag mit dem Ministerium denke, aber ihr müsst wissen, ob ihr es mit eurem Gewissen vereinbaren könnt. Und jetzt lasst uns weitergehen, die Zeit läuft uns davon. Nur noch 29 Stunden, dann geht der Vollmond auf."

Molly ging los und ihnen blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.