Rodneys Befreiung
Um 5.15 Uhr näherte John sich der Heulenden Hütte. Severus und George hatten ihm unmissverständlich klar gemacht, dass weder Hermine noch Molly in Gefahr geraten durften und sie deswegen Charlie allein ausschalten würden. John fragte sich zwar, wieso die beiden Frauen ausgeschlossen wurden, aber nachdem er Severus und George angesehen hatte, hatte er sich jede Diskussion erspart.
John wusste, wann Argumentieren zwecklos war, und so näherte er sich der Heulenden Hütte. Es regnete in Strömen. John schlich sich nicht wie ein Dieb an. Stattdessen bewegte er sich wie ein Mann, der versuchte, so schnell wie möglich sein Ziel zu erreichen, ohne komplett durchnässt zu werden.
George und Severus waren etwa hundert Meter hinter ihm und ihr Gang war unsicher, als ob sie trotz der frühen Stunde schon zu viel getrunken hatten.
Den Lebenszeichendetektor hatte John in seine äußere Manteltasche gesteckt. Als er den Schutzbann durchschritt, spürte er erstaunlicher Weise gar nichts. Warum das so war, wusste er nicht, aber er dankte allen Göttern, dass Charlie wohl irgendetwas falsch gemacht hatte.
Erst als John an der Hütte vorbei war, zücke er den Detektor und wurde mit fünf roten Punkten belohnt. Sein eigener, zwei auf dem Weg und zwei in der Hütte, so weit auseinander, dass sie sich in zwei verschiedenen Räumen aufhalten mussten. Alles lief bestens.
Sie hatten Charlie wirklich gefunden.
John folgte dem Weg noch ein Stück, bis die Hütte hinter ihm lag und Charlie seine Aufmerksamkeit längst Severus und George zugewendet hatte, die laut diskutierend auf der Straße standen.
Dann lief John zurück zur Hütte. Die Fenster waren zwar vernagelt, aber die Bretter waren so alt und morsch, dass sie bei der geringsten Berührung herab fielen.
Bevor John hineinkletterte, warf er noch einen Blick auf den Detektor. Der Raum vor ihm war leer. Ein Punkt befand sich im Nebenzimmer und der andere schien eins zu werden mit der Front – Charlie, der immer noch Severus und George beobachtete.
Drei weitere Punkte näherten sich der Hütte – sie kamen durch den Geheimgang und waren schneller, als Hermine kalkuliert hatte.
John kletterte durch das Fenster und zückte seine M-9. Jahrelange Übung machte es möglich, dass er gleichzeitig den Detektor im Auge behalten konnte.
Rodney war nah, doch John entschied, zuerst Charlie auszuschalten, bevor er sich um seinen Freund kümmerte.
Er versiegelte die Tür zu Rodneys Zimmer mit einem weiteren Bann, damit Charlie keinen Zugang hatte.
Es war stockdunkel und John konnte sich nur voran tasten. Licht anzumachen war zu gefährlich.
Dann hörte er rechts von sich ein polterndes Geräusch.
„Pass doch auf!"
Es war nur geflüstert, doch der eisige Ton verriet, dass Severus sich sehr über Georges Ungeschicklichkeit ärgerte. John fragte sich, was sie überhaupt im Haus zu suchen hatten. Sie sollten Charlie ablenken und nichts anderes.
Die Rechnung wurde ihnen auch sofort serviert. Eine Tür wurde direkt vor John aufgerissen und ein extrem helles Licht blendete ihn. Er schloss seine Augen und hechtete reflexartig zur Seite.
Keine Sekunde zu spät. Er hörte jemanden „Stupor!" rufen und fühlte geradezu, wie der Fluch ihn um Haaresbreite verfehlte.
John robbte über den Boden, um kein unbewegliches Ziel zu sein. Seine Augen tränten, aber er konnte genug sehen, um zu erkennen, dass er zwischen die Fronten geraten war.
Severus und George auf der einen, Charlie auf der anderen Seite.
Es wurden Flüche hin und her gebrüllt. Doch niemand schien Erfolg zu haben. John war dankbar, von keinem verirrten Fluch getroffen zu werden.
„Charlie! Ich bin es, Georg! Gib auf, wir werden dich auch nicht dem Ministerium ausliefern!"
„Und das soll ich glauben? Du Verräter arbeitest doch für sie!"
Endlich hatte John es geschafft, sich hinter einen Schrank in Sicherheit zu bringen – jedenfalls war er dort außerhalb Charlies Reichweite. Er rappelte sich auf.
Bisher hatte er darauf verzichtet, in dem Kampf einzugreifen, weil er Molly und den Zwillingen versprochen hatte, Charlie zu schonen. Er wollte Rodney heil zurückhaben, mehr interessierte John nicht. Es waren zwei Zauberer anwesend, die gut genug waren, um einen einzigen Mann locker zu besiegen.
Deswegen blieb John in seiner Ecke stehen und wartete ab.
Doch als Charlie „Adava Kedavra" aussprach, verließ John seine Deckung und schoss – gezielt hatte er auf die rechte Schulter, aber da sein Gegner sich zu schnell bewegt hatte, traf er ihn ins Herz.
John sah den erstaunten Ausdruck auf Charlies Gesicht, wie er sich an die Brust griff, die blutigen Finger betrachtete und dann tot zu Boden fiel.
„NEIN!"
Es musste Molly sein, die geschrieen hatte, und John erstarrte. Er hatte ihr nicht wehtun wollen.
Aber niemand hatte das Recht, im Kampf den Unverzeihlichen auszusprechen und musste gestoppt werden, bevor er noch mehr Unheil anrichtete. Besonders da nicht zu übersehen war, dass ein Gegner sein Bruder war. Dass er Charlie getötet hatte, war nicht seine Absicht gewesen – aber er kämpfte jetzt zu viele Jahre, um Reue zu empfinden.
Molly stürzte nicht zu Charlie, versuchte nicht, ihn mit diversen Sprüchen ins Leben zu holen. John hörte nur ihr Schluchzen. Er wandte seinen Blick von Charlies Leiche ab und drehte sich zu ihr.
Molly hatte sich hingehockt und beugte sich über eine andere leblose Gestalt.
Der Unverzeihliche hatte ein rothaariges Opfer gefunden. Ein Bruder hatte den anderen getötet.
John beobachtete die Szene einen Moment, dann wandte er sich ab. Was sollte er in so einer Situation sagen? Was sollte er Molly sagen? Dass sie glücklich sein sollte, dass von sieben Kindern noch eins überlebt hatte?
Zu oft hatte John erlebt, wie die Wraith bei ihrer Ernte nur wenige Mitglieder eines Stammes am Leben ließen. Zu oft hatten sich die Opfer Hilfe suchend an ihn gewandt. Doch John war nicht der Mensch, der in solchen Situationen Trost spenden konnte. Das hatte immer Teyla übernommen.
Er konnte nicht helfen, musste es Severus und Hermine überlassen, Molly beizustehen.
Er entschied sich, dass es Zeit war, Rodney aus seinem Gefängnis zu holen.
Die Tür war nicht nur mit mehreren Zaubern versiegelt, Charlie hatte auch noch ein Muggelvorhängeschloss angebracht.
Zwei gezielte Schüsse und etwas Konzentration waren nötig, dann schwang die Tür auf. Es war ein kleiner Raum, ausgestattet mit einem Bett, einem Stuhl und einem Tisch. Das Fenster war vernagelt, dafür brannte die Deckenlampe. Dass der Tisch sehr schief stand hatte einen Grund: Rodney stand direkt hinter der Tür und hatte ein hölzernes Tischbein in der Hand. Es ließ es fallen, als er erkannte, wer dem den Raum betrat.
„Du hast dir ganz schön Zeit gelassen, um mich zu befreien."
Der bissige Unterton verriet John, wie sehr Rodneys Nerven in den letzten Tagen gelitten hatten.
„Severus brauchte etwas Zeit, um in Ruhe einige Tage forschen zu können. Der Trank ist fertig und wartet auf dich."
„Wäre es nicht einfacher gewesen, mir zu sagen, dass ich es ruhiger angehen soll? Wenn du jetzt nicht aufgetaucht wärst, hätte ich die Initiative ergriffen."
„Damit?" John deutete auf das Tischbein. „Hättest du bei einem Zauberer schlechte Chancen gehabt. Du weißt, wie schnell sie dich verfluchen können."
„Ich hätte ihn damit überrascht. Charlie hält mich für einen Wissenschaftler, der von Selbstverteidigung nicht die geringste Ahnung hat."
„Dafür hatte er bestimmt seine Gründe. Wie kommt es, dass er dich überwältigen und entführen konnte?"
Rodney war es sichtlich peinlich, darauf zu antworten. Er ließ das Tischbein fallen und gestikulierte wild mit seinen Händen.
„Charlie ist mir nach Feierabend auf dem Weg in unser Quartier begegnet. Als er an mir vorbei war, habe ich nur noch ein ‚Stupor' gehört und bin umgekippt. Er hat mich mit einem weiteren Zauber zum Schweben gebracht und durch einen unterirdischen Gang hierhin transportiert. Anschließend hat er sich zig Mal bei mir entschuldigt, mich mit erstklassigen Essen versorgt und mir Schreibmaterial gegeben. Verglichen mit den sonstigen Standards bei Entführungen ging es mir dieses Mal als Geisel hervorragend. Sei also nicht zu hart zu ihm."
John fuhr sich mit der Hand durch seine Haare.
„Dafür ist es zu spät. Er hat erbitterten Widerstand geleistet und dabei seinen Bruder mit einem Unverzeihlichen umgebracht. Ich musste ihn ausschalten, bevor er noch mehr Unglück anrichtete."
„Seinen eigenen Bruder? Das ist ganz übel. Und wie geht es jetzt weiter?"
Rodney setzte sich und sah John fragend an.
„Für uns ändert sich nichts. Wir kehren nach Hogwarts zurück und warten den Vollmond ab. Aber was aus Molly und Fred wird…" John zuckte mit den Achseln. „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass wir sie jetzt besser zum Aufbruch drängen. Ich habe keine Lust, mich mit irgendwelchen Auroren auseinanderzusetzen."
Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte John sich um und ging zurück in den Flur.
Dort lagen immer noch die beiden Leichen. Molly saß neben der von Georg und hielt seine Hand. Severus und Hermine waren bei ihr. Doch von Fred war nichts zu sehen.
Niemand schien zu interessieren, wie die Zeit verrann.
„Severus?" Johns Stimme war ein Flüstern, doch der Tränkemeister hatte ihn gehört und hob den Kopf. „Ihr könnt hier nicht bleiben. Das Ministerium hat bestimmt den Unverzeihlichen geortet und wird jeden Moment hier sein."
„Aber wir können George nicht hier lassen! Ich will nicht, dass die Auroren ihn obduzieren. Nicht meinen George!"
Die Hysterie in Mollys Stimme war unüberhörbar.
Hermine zückte ihren Zauberstab und ließ Georges Leiche schweben.
„Wir gehen durch den Geheimgang, Molly. Sollen wir auch Charlie mitnehmen?"
„Nein." Mehr sagte sie nicht, presste ihre Lippen fest zusammen und stand auf.
John hielt es für keine gute Idee, Charlie zurückzulassen. Die Auroren würden – wenn sie ein klein wenig Grips hatten – herausfinden, dass er mit einer M-9 erschossen worden war. Ihm blieb wohl nichts anderes übrig, als diese Leiche hinter sich herschweben zu lassen und anschließend im ‚Verbotenen Wald' zu entsorgen.
Da erschien Dobby.
„John Sheppard muss sich beeilen. Auroren sind in Hogsmeade. Die Auroren errichten einen Apparierschutz, werden dann die Heulende Hütte stürmen."
„Danke für deine Warnung, Dobby. Wir sind so gut wie weg. Dahinten ist ein Raum, in dem Dr McKay gefangen gehalten wurde. Kannst du ihn so herrichten, dass die Auroren keine Spur von ihm finden?"
„Das ist eine einfache Aufgabe für Dobby."
Der Hauself blickte sich um und sah, dass noch eine Leiche auf dem Boden lag.
„Soll Dobby auch noch die Leiche beseitigen? Die Auroren kommen sonst nach Hogwarts und werden Fragen stellen."
Manchmal lösten sich Probleme auch von selbst.
„Mach das bitte, Dobby. Du bist wirklich eine sehr große Hilfe, danke."
Auf dem Weg zurück hielt sich Rodney die ganze Zeit neben John. Schweigend beobachtete er, wie Hermine und Severus Georges Leiche durch den engen Tunnel manövrierten.
Als sie den Geheimgang verließen, war die Peitschende Weide erstarrt und Fred stand vor ihnen.
Sein Gesicht war eine starre Maske.
„Kommt mit! Die Schüler sind beim Abendessen und ich habe mit Peeves ausgehandelt, dass die Geister dafür sorgen werden, dass wir ungestört in den Kerker kommen."
Von niemandem bemerkt brachten sie Georg nach Hogwarts. Severus führte sie zu einem leerstehenden Raum in den Kerkern.
John entschied, dass er überflüssig war, und ging – gefolgt von Rodney – in ihr Quartier.
Vorher hatte er mit Severus ausgemacht, dass sie sich drei Stunden später in seinem Labor treffen würden, damit Rodney sich die Ergebnisse der letzten Tage ansehen konnte.
Im Wohnzimmer ließ er sich in einen Sessel fallen und barg das Gesicht in seinen Händen.
Er war froh, dass Rodney nicht versuchte, ihm ein Gespräch aufzuzwingen und im Badezimmer verschwand.
Kurz darauf klopfte es.
Widerwillig stand er auf. Falls es Hermine oder Severus war, brauchten sie bestimmt seine Hilfe und die konnte er ihnen nicht verwehren.
Luna stand vor der Tür und sah ihn hilflos an.
„Ich habe eben eine Vision gehabt. Ist sie wahr?"
John wusste nicht, was sie gesehen hatte und konnte ihr keine Antwort geben.
„Komm rein! Möchtest du etwas trinken?"
Sie schüttelte den Kopf und überschritt die Schwelle.
„Es war eine heftige Vision, und ich habe ziemliche Kopfschmerzen. Und das ist einer der Gründe, warum ich jetzt hier bin. Denn dagegen hilft nur Aspirin und nichts anderes. Unglücklicherweise habe ich die letzte genommen, ohne für Nachschub zu sorgen. Hast du so was?"
„McKay hat bestimmt welche. Er ist aber im Bad. Setz dich doch."
Luna folgte seiner Aufforderung. Im Gegensatz zu allen anderen Leuten versuchte sie nicht, mit ihm zu sprechen, sondern blickte auf einen imaginären Punkt, irgendwo direkt neben der Wanduhr.
John setzte sich zu ihr und beobachtete sie. Irgendwann machte ihn ihr Gestarre nervös. Er räusperte sich, doch sie reagierte nicht. Er rutschte unruhig hin und her, keine Reaktion. Sie erlebte keine Vision - das sah bei Luna und auch Trelawney anders aus - sie war einfach nur in einer anderen Welt.
Es dauerte nicht lange und John verlor die Geduld.
„Was für eine Vision hattest du?"
Luna schrak zusammen, blickte ihn verwirrt an, dann begriff sie seine Frage.
„Es war in einem alten, heruntergekommenen Gebäude. Es gab einen Kampf und ein Unverzeihlicher wurde nicht nur ausgesprochen, sondern traf auch sein Ziel." Luna stockte.
Nichts, was John nicht auch schon wusste. Trotzdem drängte er sie, weiterzusprechen.
„Was hast du noch gesehen?"
„Einen Hauself, der Spuren verwischt. Wütende Auroren, die ohne Beweise abziehen mussten und Molly, die zwei Söhne verloren hat. Was fühlst du John? Hast du Schuldgefühle?"
„Nein." John brauchte keinen Moment darüber nachzudenken. „Charlie hat den Fluch ausgesprochen, nicht ich. Und er wusste, dass er gegen seinen Bruder kämpfte."
„Aber du hast ihn in die Enge getrieben."
Wäre er sich nicht sicher gewesen, dass Luna ihm keine Vorwürfe machte, hätte er sich jetzt aufgeregt. So fragte sich John, worauf sie hinaus wollte, ging aber auf ihr Spiel ein.
„Dieser Idiot hat Rodney entführt! Sollte ich etwa tatenlos zusehen, wie sich mein bester Freund in einen Werwolf verwandelt und stirbt? Nein, das hat er sich selbst zuzuschreiben. Aber was bezweckst du mit diesen Fragen? Stehe ich vor Gericht und weiß es nicht?"
„Nein!" Luna schüttelte den Kopf und griff sich anschließend mit einem Stöhnen an die Stirn. „Harry Potter hätte sich jetzt mit Selbstvorwürfen zerfleischt. Ich bin froh, dass John eine andere Einstellung hat."
Verlegen lächelnd blickte John zur Seite.
„Äh, ja."
„John, ich bin hergekommen, weil ich befürchtete, dass du dir Vorwürfe machst, und wollte dir klar machen, dass du total falsch liegst. Ich bin froh, dass ich dich falsch eingeschätzt habe. Eigentlich hätte ich es durch meine Visionen besser wissen müssen."
„Danke. Ich glaube…" John stockte, startete einen weiteren Anlauf. „Ich kann froh sein… Vergiss es. Danke."
Verärgert, dass er sich nicht besser ausdrücken konnte, spannte John seinen Kiefer an. Wieso fand er bei solchen Dingen nie die richtigen Worte?
„Gern geschehen."
Dass Rodney genau in diesem Moment das Bad verließ, war für John die Rettung.
„Rodney! Hast du noch eine Schmerztablette? Unser Besuch könnte sie gut brauchen."
Luna war bleich wie ein Laken.
„Was soll es denn sein? Ein sauer-antiphlogistisches und antipyretisches Analgetikum, ein nicht-saures Analgetikum oder ein Pyrazolone? Andere nichtopioide Analgetika habe ich nicht. Und Opioid-Analgetika bekommst du nicht, die sind suchterzeugend."
Hilflos sah Luna zu John rüber, der zuckte nur mit den Schultern, schließlich hatte er nichts von dem, was Rodney gesagt hatte, verstanden.
„Ich kenne es nur als Aspirin. Die Tablette ist in Wasser löslich und hilft sehr schnell."
Gequält sah Luna Rodney an.
„Also ein sauer-antiphlogistisches und antipyretisches Analgetikum . John, du organisierst das Wasser, ich die Tablette."
Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis Luna etwas besser aussah. Sie wollte aufstehen, als sich ihr Gesichtsausdruck erneut änderte. Sie schien einer fremden Stimme zu lauschen, die John und Rodney nicht wahrnehmen konnten, dann lächelte sie, fremd und geheimnisvoll.
„Was ist mit ihr?" Rodney war offensichtlich irritiert.
„Sie hat eine Vision. Warte ab, bis es vorbei ist, dann erfährst du mehr."
„Und ich dachte immer, Aliens wären seltsame Wesen, dabei sind Zauberer noch viel schlimmer."
„Luna hat prophetische Gaben. Sie ist selbst für magische Maßstäbe ungewöhnlich und war schon als Kind eine Außenseiterin."
„Durchgeknallt?"
„Einfach anders."
Rodney schnaubte verächtlich.
Dann kam Luna zurück, blinzelte und lächelte sehr zufrieden.
„Es gibt manchmal Visionen, die mich sehr dankbar zurücklassen."
„Was hast du gesehen?"
Natürlich war Rodney neugierig.
„Den Untergang des Ministeriums. Das, was in der Heulenden Hütte passiert ist, war wohl der erste Schritt dazu, denn der Tagesprophet wird einen Bericht veröffentlichen, dass die Auroren nicht in der Lage waren, herauszufinden, wer den Unverzeihlichen ausgesprochen hat. Ich habe auch gesehen, dass Molly eine wichtige Rolle darin spielt."
„Molly wird nicht an dem Tod ihrer Kinder zerbrechen?"
Es war John wichtig, dies zu erfahren. Molly bedeutete ihm viel.
„Ich weiß es nicht. Ich habe nicht viel gesehen, außerdem habe ich festgestellt, dass ich nicht zuviel über Prophezeiungen reden sollte, wenn ich will, dass sie sich erfüllen. Aber da ihr die magische Welt übermorgen verlassen werdet, mache ich bei euch eine Ausnahme."
„Ha! Erst mal muss ich den Vollmond überstehen. Und wieso bist du dir so sicher, dass wir wirklich gehen werden?"
„Weil ich es gesehen habe. Ich weiß, welche Visionen wirklich wahr werden und welche nur eine mögliche Zukunftslinie anzeigen. Um euch jetzt davon abzuhalten, die magische Welt zu verlassen, müsste ein Weltkrieg ausbrechen. Also macht euch keine Sorgen. Aber ich gehe jetzt besser. Molly wird Hilfe brauchen. Damit meine Vision wahr wird, müssen sie von Vielen unterstützt werden. Ich bin sehr froh, dass die Sterne entschieden haben, dass es Zeit ist zu kämpfen."
Luna stand auf, drehte eine Pirouette und schien für einen Moment durchscheinend wie ein Geist zu sein. Dann verstofflichte sie sich wieder.
„Ich vergesse viel zu oft, dass Hogwarts Schutzbanne hat."
Sie lächelte John und Rodney entschuldigend an und huschte zur Tür hinaus.
„Sie ist verrückt", war Rodneys Kommentar, nachdem er die Tür hinter ihr geschlossen hatte.
„In der normalen Welt hätte man sie längst in eine geschlossene Anstalt eingewiesen", gab John zu. „Aber hier ist sie die wahrscheinlich größte Seherin ihrer Zeit. In hundert Jahren wird man sie wahrscheinlich mit Cassandra vergleichen."
„Und wer bitteschön ist Cassandra? Etwa die Seherin aus Troja? Nein!" Abwehrend hob Rodney seine Hände. „Sag mir nichts. Ich will es einfach nicht wissen. Ich brauche dieses unnütze Wissen nicht. Noch nicht einmal mehr zwei Tage und der Spuk ist vorbei. Ich will wieder nach Hause."
Rodney war mehr als nur genervt und John konnte es gut verstehen.
„Mach dir keine Sorgen, das klappt schon."
„Ja, ja. Das sagst du immer. Dann greifen die Wraith an, dann geht eine einfache Handelsmission schief, dann werde ich entführt und dieses Mal ist die Daedalus ohne uns abgereist und wir sitzen auf der Erde für die nächsten Monate fest."
Jetzt hörte sich die Stimme leicht panisch an. Für John kam das nicht unerwartet.
„Die Daedalus schwebt im Erdorbit und wir konnten dich nur mit ihrer technischen Unterstützung befreien. In den letzten Wochen hat sie mehrere Missionen in dieser Galaxie geflogen und wird im Moment mit Nachschub für Atlantis versorgt." John fiel ein, dass Caldwell noch auf Informationen wartete, und stand auf. „Ich muss noch mal los. Man erwartet meinen Bericht."
„Willst du mich allein zurücklassen?"
„Warum nicht? Charlie ist tot und unser Quartier ist mit ausreichend Schutzbannen versehen, dass nichts passieren kann, solange du keine Dummheiten anstellst."
„Ich bin von der Entführung traumatisiert!" Empört blickte Rodney John an. „Du kannst mich nicht alleine lassen. Ich werde mitkommen. Bestimmt haben sie dort frischen Kaffee, der so stark ist, wie ich es jetzt brauche."
John bezweifelte, dass Rodney wirklich traumatisiert war. Er hatte schon anderes durchleben müssen, ohne anschließend Sitzungen bei Heightmeyer zu benötigen. Dafür mussten schon die Genii oder die Wraith anrücken.
„Wie du willst. Hast du eigentlich noch deinen Zauberstab?"
„Er wird wohl noch im Schlafzimmer liegen. Da Snape mir verboten hat, ihn im Labor zu benutzen, hatte ich ihn nicht mit. Brauche ich ihn etwa jetzt?"
John zog sich seinen Staubmantel an. Er hatte einige Flecken mehr, aber das würde Caldwell hoffentlich nicht stören.
„Solange du ihn nicht richtig beherrschst, ist er dort am besten aufgehoben. Aber mach dich darauf gefasst, auf dem Heimweg oft und viel zu trainieren."
„Das geht nicht. Ich bin jetzt fast zwei Monate weg und werde auf dem Rückweg Zelenkas Berichte durcharbeiten müssen. Wer weiß, was sie ohne mich angestellt haben. Ich muss vorbereitet sein, mindestens ein dutzend Katastrophen gleichzeitig zu verhindern. Du weißt doch, was für inkompetenter Haufen es sein kann."
Rodney zog seine Jacke an.
„Überlege, was für Vorteile es hat, wenn du dadurch Atlantis besser kontrollieren kannst. Oder mit einer lockeren Handbewegung eine Katastrophe am anderen Ende des Raums verhindern kannst. Auf anderen Planeten hätte es auch seine Vorteile."
Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss und John aktivierte die Schutzzauber.
„Was nützt es mir, wenn selbst du sagst, schneller schießen zu können?"
„Die Tatsache, dass du dich leichter befreien kannst, wenn du irgendwo eingeschlossen bist. Es ist ein zusätzlicher Vorteil, den wir in der Pegasusgalaxie dringend brauchen. Fragst du dich nicht, wie ein Wraith auf ein ‚Adava Kedavra' reagiert?"
„Du hast doch in den letzten Jahren oft genug die Gelegenheit gehabt, es auszuprobieren. Warum weißt du es nicht?"
„Zu dem Zeitpunkt hatte ich mir geschworen, nie wieder zu zaubern."
„Womit wir wieder bei deiner unglücklichen Kindheit angekommen sind." Abwehrend hob Rodney die Hände. „Ich habe inzwischen eingesehen, dass sie wirklich übel war. Allein Snape als Lehrer zu haben, muss ein Albtraum gewesen zu sein. Er kann genauso wenig mit Kindern umgehen wie ich. Ich bin aber intelligent genug, um kein Lehrer zu werden."
Da war doch noch etwas, was John erzählen musste. Das schien auch Rodney zu ahnen. Er blieb mitten in der Eingangshalle stehen und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Colonel Sheppard! Was versuchen Sie, mir zu verheimlichen?"
„Gar nichts, McKay. Wir hatten nur in den letzten Tagen unheimlich viel Zeit, miteinander zu reden. Ich hatte einfach nicht die Möglichkeit, dich zu informieren."
„Über was?"
„Nicht hier. Draußen!"
Ärgerlich, dass Rodney in aller Öffentlichkeit versuchte, ihm eine Szene zu machen, packte John seinen Freund am Arm und zerrte ihn raus.
Erst als sie außer Hörweite waren, blieb John stehen und blickte seinen Freund an.
Der verschränkte seine Arme vor der Brust und sah sehr genervt aus.
„Was muss ich wissen? Was hast du angestellt, dass ich der Letzte bin, der es erfährt?"
„Du bist nicht der Letzte, der es erfährt. Außer Hermine und Severus ist bisher niemand eingeweiht. Die beiden haben sich durchgerungen und beworben. Beim Atlantis-Projekt."
Die Bombe war geplatzt. Mit Genugtuung beobachtete John, dass Rodney nach Luft schnappte wie ein Fisch auf dem Trockenen.
„Da beide das Antikergen haben, wird man sie wahrscheinlich mit Kusshand nehmen", fügte er mit einem süffisanten Grinsen hinzu.
Es dauerte ein Moment, bis Rodney seine Sprache wiederfand.
„Das kann doch nicht wahr sein, die beiden gehören in diese Welt. Hast du gesehen, wie Snape sich durch Hogwarts bewegt? Es ist seine Heimat. Auch wenn er es nicht zugibt, bezweifle ich, dass er jemals ein anderes Zuhause hatte."
Überrascht wölbte John eine Augenbraue. Rodney merkte so was doch sonst nicht.
„Das schon. Aber sie werden vom Ministerium diskriminiert. Hermine ist muggelstämmig und hat Erfahrung damit, in andere Welten zu wechseln. Sie werden sich schnell zurechtfinden. Und jetzt komm. Caldwell wartet auf meinen Bericht."
John ging los, dicht gefolgt von Rodney, der das Thema nicht fallen ließ.
„Bedeutet das, dass Snape dann mein Untergebener ist?"
„Rein theoretisch schon. Glaubst du, dass es sinnvoll wäre, ihm dies unter die Nase zu reiben?"
„Groß genug ist sie dafür. Zudem erinnert er mich ständig daran, dass ich von Magie keine Ahnung habe. Soll er doch von seiner eigenen Medizin kosten. Lass ihn nur mitkommen, ich freu mich schon darauf."
John schüttelte den Kopf.
„Du vergisst, dass er mehr Flüche beherrscht, als du dir vorstellen kannst, und er hat auch keine Hemmungen, sie auszusprechen. Er ist ein mächtiger Zauberer."
„Dafür wissen Zelenka und ich mehr über Atlantis, als er jemals erfahren wird, denn für die Ebene werde ich ihn nicht freischalten."
„Wenn du Severus in deiner Mannschaft hast, kannst du nicht mehr damit rechnen, mich zu allen möglichen und unmöglichen Uhrzeiten ins Labor zu rufen, nur damit ich irgendwelche Artefakte berühre."
„Jetzt haben wir es. Du nimmst sie aus reinem Eigennutz mit. Glaub nicht, dass du so einfach davonkommen wirst."
„Wir werden sehen."
Schmunzelnd blickte John Rodney an. Und der grinste zurück.
Auf der Daedalus wurden sie von Caldwell empfangen.
„Ich sehe, die Befreiungsaktion war erfolgreich. Dann können wir ja starten. Sagen Sie mir, wo Ihr Gepäck ist, dann beamt Hermiod es gleich hoch."
„Wir waren erfolgreich, danke, Sir. Aber wir müssen zurück, weil Rodney noch einige Untersuchungen durchlaufen muss."
„Das wird voraussichtlich noch zwei Tage dauern. Sie müssen untersuchen, was es für Folgen hat, dass ich in den letzten Tagen meine Medikamente nicht nehmen konnte. Ich wage gar nicht, daran zu denken, was für Untersuchungen das sein werden. Die Magenspiegelung wird wohl das Harmloseste sein."
Rodney ging richtig in seiner Rolle auf und Caldwell schluckte. John musterte seine Fußspitzen und verkniff sich ein Lächeln.
„Warum hat man Sie eigentlich entführt?"
Der Themenwechsel kam nicht unerwartet und John spürte Rodneys fragenden Blick.
„Es geht um eine Begebenheit, die sich ereignete, bevor ich zur Akademie ging. Jemand meinte, sich deswegen rächen zu müssen. Es ist eine recht komplizierte Angelegenheit. Zu lang, um sie in drei Sätzen zu erklären. Ich schreibe natürlich einen Bericht, Sir."
Caldwells Blick war nicht angenehm. John begegnete ihm, ohne mit der Wimper zu zucken. Dann winkte der Kommandant der Daedalus ab.
„Wie ich Sie kenne, weiß ich nachher genau so viel wie vorher, oder er verwirrt mich noch mehr. Sie können sich die Arbeit sparen. Hammond hat übrigens eine Nachricht für Sie hinterlassen."
„Sir?"
„Folgen Sie mir, das ist nichts, was wir in der Öffentlichkeit besprechen sollten."
Mit einem Kopfnicken akzeptierte John Caldwells Entscheidung und folgte ihn in den Konferenzraum. Rodney kam natürlich auch mit. Dort setzten sie sich.
„Ich soll Ihnen ausrichten, dass Mrs. und Mr. Snape nur eine begrenzte Freigabe erhalten haben und eigentlich nicht am Stargateprojekt teilnehmen können. Er wird sich aber darüber hinwegsetzen, wenn sie wirklich das Antikergen haben."
„Ah, endlich ein Mann, der einsieht, dass wir dringend neue Wissenschaftler brauchen. Wurde ja auch langsam Zeit. Und die Snapes sind wenigstens nicht halb so unfähig wie die anderen Leute, die man mir immer schickt."
„Rodney, lass ihn ausreden. Wie soll bewiesen werden, dass sie das Antikergen haben, Sir?"
„Ich soll sie schnellstmöglich – also morgen – nach Antarctica bringen und sie sollen sich auf den Stuhl setzen."
Es war die einfachste Methode, um es herauszufinden und John nickte zustimmend.
„Sagt den Wissenschaftlern, dass alles abgeklemmt werden soll, was gefährlich werden könnte, bevor sie sich hineinsetzen."
„Was wollen Sie mir damit sagen, Dr. McKay?"
Caldwell war aufmerksam geworden.
„Nichts Besonderes, ich habe mich nur daran erinnert, was passierte, als Dr. Beckett sich zum ersten Mal hinein gesetzt hatte. Wenn Mr. und Mrs. Snape das Gen in der Ausprägung besitzen, wie ich vermute, dann sollten wir auf Nummer sicher gehen."
„Gut, ich werde die Wissenschaftler darum bitten. Colonel Sheppard, Hermiod möchte Sie übrigens noch vor unserem Abflug in die Pegasusgalaxie sprechen. Es geht um die Energiemuster, auf die Sie ihn aufmerksam gemacht haben."
John zog eine Grimasse. Hermiods Neugierde konnte gefährlich werden. Es war vielleicht ungefährlich, ihn in die Geheimnisse der magischen Welt einzuweihen, aber der Asgard würde bestimmt nicht eher Ruhe geben, bis er wusste, welchen Platz John in dieser Welt einnahm. Und das wollte er nicht jedem Alien erzählen.
„Bedeutet das jetzt sofort oder kann das bis morgen warten? Ich sehne mich nach einer Dusche und einigen Stunden Schlaf, Sir."
John wusste, dass er auch genau so aussah.
„Morgen ist auch noch ein Tag. Möchten Sie die Nacht hier oder auf der Erde verbringen?"
„Auf der Erde bitte, ich war in ärztlicher Behandlung, bevor ich entführt wurde und werde nachher meinen Arzt aufsuchen, damit er mich untersuchen kann. Ich wage es nicht, mir vorzustellen, was für fatale Auswirkungen es auf meinen Heilungsprozess hat, dass ich in den letzten Tagen keine Medikamente einnehmen konnte.
„Wieso können wir diese Klinik – es ist doch eine Klinik, die sie behandelt - nicht orten?" Caldwell spielte mit einem Kugelschreiber und blickte dabei John direkt an. „Sie tauchen immer wie ein Geist mitten im Nirgendwo auf, kontaktieren uns per Funk und wenn wir Sie runtergebeamt haben, verschwinden Sie auch genau so."
„Es ist eine Klinik und sie liegt innerhalb eines besonders starken Energierings. Aber Sie haben nicht die erforderlichen Sicherheitsfreigaben, dass ich Ihnen mehr erzählen darf, Sir."
„Ich dachte, ich hätte die höchste Sicherheitsstufe der Vereinigten Staaten?"
„Aber nicht die von Groß Britannien, Sir", konterte John.
„Und die haben Sie?"
„Ich bin durch einen dummen Zufall in die Sache hineingerutscht. Man hatte damals keine andere Wahl, als mich einzuweihen."
Als Zauberer geboren zu werden, war wirklich ein dummer Zufall. Deswegen brauchte John noch nicht einmal zu lügen.
„Und wo bekomme ich die Freigabe?"
„Sie fragen den britischen Premierminister persönlich. Falls er Sie für vertrauenswürdig hält, leitet er Ihre Anfrage an das zuständige Ministerium weiter. Das Ministerium entscheidet, ob die Notwendigkeit besteht, Sie einzuweihen, Sir."
„Und bei Ihnen bestand die Notwendigkeit?"
„Ja, Sir!"
Caldwell gab auf, zuckte resigniert mit den Schultern.
„Dann haben wir wohl alles besprochen." Er stand auf und verließ den Besprechungsraum.
Erst als er sich im Kommandostuhl niedergelassen hatte, blickte er John noch einmal an.
„Wir sehen uns morgen früh um zehn. Bringen Sie bitte die Snapes mit, damit sie in Antarctica geprüft werden können."
John wusste nicht, ob Severus und Hermine mit dieser Terminplanung einverstanden waren, er wusste nur, dass Caldwell ihm nach dem eben geführten Gespräch keine zweite Chance geben würde.
Deswegen nickte er.
„Ja, Sir."
Caldwell drehte sich nach hinten.
„Hermiod, beamen Sie sie runter."
Der Asgard hatte wohl nur auf den Befehl gewartet, denn alles wurde schwarz vor Johns Augen und er rematerialisierte an der Grenze zu Hogwarts.
„Toll, welcher Arzt soll mich jetzt untersuchen, wenn Snape morgen unterwegs ist? Ich hatte eigentlich gedacht, seine Forschungsergebnisse zu überprüfen. Es hängt schließlich nur mein Leben davon ab, dass der Trank funktioniert. Verdammt, ich hasse den magischen Kram."
„Wir treffen gleich Severus. Dann hast du die ganze Nacht Zeit. Ich wette, er lässt dich morgen auch allein in seinem Labor."
„Ich war die letzten Tage erheblichem Stress ausgesetzt. Wie soll ich jetzt einfach so weiter arbeiten?"
„Du arbeitest unter Stress am Besten."
Rodney murmelte eine Antwort in seinen nicht vorhandenen Bart, die John gar nicht verstehen wollte.
Kurz darauf betraten sie Hogwarts und zielstrebig ging John zu Severus' Labor. Er klopfte an und als mürrisch „Herein!" gerufen wurde, trat er ein.
Severus stand vor einem kleinen, silbernen Kessel und fügte konzentriert Tropfen für Tropfen einer roten Flüssigkeit dem Gebräu im Kessel hinzu.
Um ihn nicht zu stören, setzte John sich auf einen der Tische und wartete ab. Auch Rodney war ruhig, ging zu einem anderen Arbeitstisch, setzte sich hin und las die Notizen, die Severus dort für ihn deponiert hatte. Gelegentlich schrieb er Anmerkungen auf einen Schreiblock.
Für John machte es den Eindruck, dass dies ihre übliche Arbeitsteilung war: Severus, der experimentierte, und Rodney, der alles überprüfte.
Nach etwa einer halben Stunde war Severus fertig und blickte John an.
„Was verschafft mir die Ehre deines Besuches? Ich dachte, Dr. McKay würde alleine kommen und ich hätte wenigstens heute Abend meine Ruhe vor dir."
„Du kennst mich doch." Unschuldig grinsend blickte John seinen ehemaligen Gegner an. Dessen Gesichtsausdruck blieb undurchdringlich.
„Eben. Du gehst nicht freiwillig zwei Mal in so kurzer Zeit in die Höhle des Löwen."
„Ich fühle mich eher an ein Schlangennest erinnert. Aber du hast grundsätzlich Recht. Freiwillig bin ich nicht hier. Ich habe den Auftrag dich und Hermine morgen um zehn Uhr zum Eignungstest zu bringen. Vorausgesetzt, ihr besteht diesen Test, seid ihr mit an Bord."
Jetzt zuckte Severus' Augenbraue.
„Zu gütig von deinen Vorgesetzten. Wann erfährt man denn, für welchen Job wir uns überhaupt bewerben?"
„Morgen, beim Eignungstest. Man hat mir leider keine Befugnis gegeben, euch einzuweihen."
John hob entschuldigend die Hände.
„Du bedauerst es?"
„Ja. Irgendwie habe ich mich an dich gewöhnt und würde es dir gerne selbst erzählen."
„Seit wann habt ihr beiden einen Waffenstillstand geschlossen? Sonst klingt ihr wie ein Eiskeller, da ist dieses Gepolter wirklich schon zivil." Rodney war sichtlich irritiert.
„Nicht freiwillig, meine Frau hat uns dazu gezwungen. Es hat allerdings die Zusammenarbeit bei Ihrer Befreiung sehr erleichtert."
Severus verzog seine Lippen zu einem kleinen sarkastischen Grinsen.
Rodney schüttelte den Kopf. „Wenn ihr wollt, dass ich mich eurer großen Verbrüderung anschließe, und Sie mit den Vornamen anrede, muss ich euch enttäuschen. Denn falls ihr den Eignungstest besteht und mitkommt, seid ihr als Wissenschaftler unter Vertrag. Und ich bin der leitende Wissenschaftler. Das heißt, dass ihr euch meinen Anordnungen fügen müsst." Diese Ansprache wurde von entsprechenden Armbewegungen begleitet. „Sie werden verstehen, dass ich keine Neulinge duzen kann, solang in meiner Abteilung noch genügend inkompetente Idioten arbeiten, von denen ich gar nicht erst den Vornamen wissen will."
Rodney lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und sah Severus herausfordernd an.
„Das ist für mich eine vollkommen neue Information, Dr. McKay", war Severus seidenweiche Antwort. „Sie haben es nur jeden Tag mindestens zehn Mal in Nebensätzen erwähnt. Aber ich muss Ihnen zustimmen, ich halte auch nichts davon, inkompetente Kollegen oder Vorgesetzte zu duzen. Und bei räudigen Werwölfen habe ich auch meine Probleme."
Rodney zuckte bei der Beleidigung weder zusammen noch fuhr er aus der Haut. Er hob nur mäßig interessiert eine Augenbraue.
„Wenn Ihre Berechnungen stimmen, Professor Snape, werde ich mich nicht in einen Werwolf verwandeln. Fall sie falsch sind, dann sind Sie ein inkompetenter Stümper."
Vollkommen ruhig nahm Rodney seinen Stift und beugte sich über die Unterlagen. Aber Severus hatte nicht vor, sich einfach geschlagen zu geben.
„Dies hier", er deutete auf den Trank, „ist der Verwandlungsblocker. Ich benötige sieben Stunden, um ihn zu brauen. Morgen um zehn Uhr habe ich ein Vorstellungsgespräch. Anstatt große Reden zu schwingen, sollten Sie meine Berechnungen prüfen. Viel Zeit haben Sie nicht mehr, Dr. McKay."
John zuckte zusammen. Severus hatte die letzten Worte gezischt. Hässlich und gemein.
„Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen ist, werter Professor, bin ich im Gegensatz zu fast allen anderen Männern multitasking-fähig. Nicht, dass ich Ihnen dieses Talent absprechen möchte, aber bisher haben Sie mir noch keinen Beweis geliefert, dass Sie es beherrschen. Während Sie eben den Trank gebraut haben, habe ich mich mit Ihren Unterlagen beschäftigt. Und wenn Ihre Schrift nicht so katastrophal wäre, dann wäre ich schon viel weiter."
Trotz allem war Rodney nicht halb so angespannt, wie sonst bei so einem Gespräch, im Gegenteil, er schien diesen Schlagabtausch zu genießen.
Serverus Miene war ausdruckslos – bis auf den linken Mundwinkel, der etwas höher endete als normal.
„Meinen Sie nicht, dass Sie sich daran gewöhnt haben sollten?"
„Im Gegensatz zu Ihnen bekomme ich keine handschriftlichen Aufsätze, um sie mit roter Tinte zu korrigieren, sondern in Arial getippte Fachberichte. Ich schreibe meine Anmerkungen auch in Rot hinein, doch der große Unterschied ist, dass uns nicht nur ein Kessel in die Luft gejagt wird, sondern eine Station mit mehreren hundert Menschen Besatzung, falls ich einen winzig kleinen Fehler übersehen sollte."
Bevor Severus zu einer Antwort ansetzen konnte, ging John dazwischen.
„Severus, Rodney, ich gehe zu Hermine. Ich störe ja nur eure traute Zweisamkeit."
Severus sah ihn spöttisch an.
„Du findest sie in ihrem Büro."
„Danke!"
John stand auf und bevor er die Tür erreicht hatte, gingen die beiden wieder aufeinander los.
„Professor Snape, ich muss zugeben, dass ich in Ihrem Fachgebiet ein Laie bin, aber ich denke, Sie hätten statt Einhornmilch besser das Haar einer Stute verwenden sollen."
„Werter Dr. McKay, Ihre Idee---"
Mehr bekam John nicht mit, da er die Tür leise hinter sich schloss. Jetzt konnte er verstehen, warum Hermine das Labor mied.
Zusammen waren Rodney und Severus unerträglich.
Am Schlimmsten war, dass die Beiden auch noch Spaß an ihren Zankereien hatten.
Carson konnte sich auf einiges gefasst machen, wenn Severus sich tatsächlich entscheiden sollte, die magische Welt zu verlassen. Die Anzahl der Nervenzusammenbrüche in der wissenschaftlichen Abteilung würde sich häufen.
John verfluchte die Treppe, die es zum ersten Mal geschafft hatte, ihn zu überraschen. Er war im vollkommen falschen Flügel angekommen und hatte einen längeren Fußweg zurücklegen müssen. Er klopfte an den Rahmen des Bildes, das Hermines Tür bildete, und es schwang augenblicklich auf.
Sie saß in der Sitzecke, hatte die Beine an den Körper gezogen und starrte hinaus.
Als er näher kam, stellt John fest, dass sie geweint hatte. Ihre Augen waren rot und das Gesicht geschwollen. Er berührte kurz ihre Schulter und setzte sich neben sie.
Hermine blickte noch nicht einmal zur Seite, sondern starrte aus dem Erkerfenster.
Die Aussicht war immer noch fantastisch, aber da es regnete, wirkte es deprimierend.
„Wie lange dauert es, bis ich weiß, ob wir die Überprüfung bestanden haben? Ich will weg. Wenn wir nicht in deine Welt gehen können, dann gehe ich in die Muggelwelt. Ich halte es nicht mehr aus." Sie starrte weiter hinaus. „Weißt du, ich kannte George und Charlie. Die beiden mochten und respektierten sich. Was ist aus unserer Welt geworden, dass Charlie den Unverzeihlichen ausgesprochen hat? Bekämpfen sich in deiner Heimat Brüder?"
John schüttelte den Kopf.
„Nein, das tun sie nicht. Das liegt aber nur daran, dass wir zu wenige sind und einfach aufeinander angewiesen sind."
„Dann kann es nicht so schlimm sein, wie du behauptest."
Es gab kein Argument, was John dagegen aufführen konnte, deswegen wechselte er das Thema.
„Ich bin hergekommen, um dir zu sagen, dass ich Informationen über eure Bewerbung bekommen habe."
Jetzt blickte Hermine John an.
„Ja oder nein?"
„Jein."
„Was soll das heißen?"
„Dass man euch nehmen wird, wenn ihr morgen die Aufnahmeprüfung bestehen werdet." John lächelte Hermine verhalten an. „Eigentlich entsprecht ihr nicht den Sicherheitsrichtlinien, aber wir suchen so dringend fähiges Personal, dass man darüber hinwegsehen wird."
„Du hörst nicht auf, mich zu warnen?"
Hermine hörte sich etwas weniger deprimiert an.
„Ich will nicht, dass du mir später Vorwürfe machst", antwortete John mit einem Achselzucken.
„Das werde ich trotzdem."
„So kenne ich dich."
„Haben wir Chancen, diesen Test zu bestehen? Was will man prüfen?"
„Man wird herausfinden wollen, ob ihr bestimmte Fähigkeiten habt. Ihr seid herausragende Zauberer, deswegen wird die Prüfung für euch ganz einfach sein."
Auf einmal war Hermine aufgeregt und löcherte John mit Fragen.
„Wo findet die Prüfung statt? Was für Kleidung müssen wir tragen? Eine Jeans habe ich im Schrank, aber wenn ein Kostüm verlangt wird, muss ich noch etwas verwandeln. Was meinst du, soll ich meine Haare offen oder im Zopf tragen? Was steht mir besser?"
Es gab eine Sache, die John noch weniger mochte als die Wraith. Frauen, die nach seinem Geschmack bei der Kleiderwahl fragten.
„Wir werden nach Antarktika gehen. Und du solltest weniger Gedanken an dein Aussehen verschwenden und stattdessen warme Kleidung anziehen. Dort ist es saukalt."
Überrascht und wesentlich ruhiger sah Hermine ihn an.
„Das ist doch nur ein schlechter Scherz. Ich hatte mit Glasgow, Edinburgh oder vielleicht noch London gerechnet. Orte, die man in wenigen Stunden mit dem Hubschrauber erreichen kann. Severus will morgen Abend zurück sein, um zu überprüfen, dass Rodney die Nacht gut übersteht."
Leise lachend schüttelte John den Kopf.
„Du wirst überrascht sein, aber wenn wir erst einmal Hogwarts verlassen haben, brauchen wir keine zehn Minuten, um Antarktika zu erreichen. Die Muggel können mehr, als du dir in deinen wildesten Träumen vorstellen kannst."
„Zehn Minuten?" Hermine klang nicht überzeugt.
„Gut, vielleicht auch fünfzehn", lenkte John ein. „Der Test an sich dauert nicht lang. Wenn es Probleme gibt, vielleicht eine halbe Stunde, aber ich rechne damit, dass ihr ihn in fünf bestehen werdet. Aber bis man euch auch nur grob erklärt, was euch in meiner Heimat erwartet, werden mehrere Stunden vergangen sein. In Rodneys Interesse werde ich dafür sorgen, dass ihr früh zurück sein werdet."
„Ich bin verrückt, dass ich so was mitmache."
„Stimmt, aber dadurch werdet ihr euch recht einfach ins Team einfügen. Wir sind alle nicht normal."
„Ist das ein Trost oder eine Warnung?"
John grinst nur verschmitzt.
Der Abend und die Nacht verliefen ruhig. John schlief erstaunlich gut und fühlte sich richtig erholt, als er früh am nächsten Morgen aufstand. Viel zu früh, um sich mit Severus und Hermine zu treffen.
Deswegen absolvierte er sein übliches Morgenprogramm, schwamm aber zusätzlich im Teich, der durch eine Berührung der dritten Muschel im Badezimmer entstand. Diesen Luxus würde er in Atlantis vermissen.
So erfrischt setzte er sich an den Frühstückstisch, den Dobby gedeckt hatte, während er im Bad war. Kurz darauf betrat Rodney ihr Quartier.
Er sah müde aus und hatte dunkle Ringe unter den Augen. Doch er wirkte sehr zufrieden.
„Alles geschafft?"
„Nicht alles, aber genug, um sicherzustellen, dass der Trank diese Nacht wirken wird. Die Geschmackskomposition ist jedoch eine Katastrophe und muss dringend verbessert werden. Und er stinkt…" Der Wissenschafter verzog angeekelt das Gesicht, um eine Sekunde später zufrieden zu grinsen. „Alles in allem hat Snape in den letzten Tagen ein Wunder vollbracht, aber wehe, du sagst es ihm."
„Ich werde mich nicht in eure Angelegenheiten einmischen. Ich habe keine Lust, zwischen die Fronten zu geraten."
„Ich würde doch niemals meinen vorgesetzten Offizier in die Pfanne hauen."
„Nein, du würdest mich dazu benutzen, um Severus in die Pfanne zu hauen. Es wäre nur ein dummer Zufall, wenn ich dabei im Feuer lande. Willst du auch frühstücken?"
Rodney schüttelte bedauernd den Kopf.
„Da wir bei einigen Wechselwirkungen nicht sicher sind, darf ich zehn Stunden vor Einnahme des Tranks nichts mehr essen. Selbst Kaffee hat er mir verboten. Ich darf nur Wasser trinken", setzte er in einem weinerlichen Tonfall hinzu.
John klatschte in die Hände und kurz darauf erschien Dobby mit einem Glas Wasser. In Windeseile stellte er es vor Rodney ab und verschwand, bevor John etwas sagen konnte.
„Was ist denn mit ihm los? Sonst ist er immer so gesprächig?"
Wenn es sogar Rodney auffiel, war es wirklich schon schlimm.
„Ich weiß es nicht genau. Er war gestern bei deiner Befreiung dabei, vielleicht muss er es verarbeiten. Wenn ich nachher Zeit finde, werde ich ihn darauf ansprechen."
Wieder eine Aufgabe, die John überhaupt nicht lag. Aber sie musste getan werden.
Sinnend betrachtet er seinen Freund, der sich Kaffee einschenkte. Dafür, dass in wenigen Stunden der Mond aufging, war Rodney erstaunlich ruhig und ausgeglichen. Irgendwie zu ruhig und ausgeglichen.
„Was starrst du mich so an? Habe ich einen besonders ekeligen Pickel im Gesicht, oder was ist?"
Bei diesem aggressiven Ton revidierte John seine Meinung, ging aber nicht auf Rodneys Angriff ein.
„Kommst du damit klar, dass wir dich allein lassen?"
Einen Moment starrt Rodney ihn an, blinzelte, erst dann kam eine Antwort.
„Ich habe in weiser Voraussicht die ganze Nacht durchgearbeitet und gehe gleich ins Bett. Ob ich es wirklich schaffe zu schlafen, wage ich zu bezweifeln, dafür habe ich viel zu viel Angst. Aber daran kannst du nichts ändern. Lass mir nur die P-90 da und sorge dafür, dass die Tür abgeschlossen ist."
„Bist du dir ganz sicher?"
„Verdammt, ja. Wenn wir jetzt zusammenhocken, dann streiten wir nur. Ich merke, wie aggressiv ich jetzt schon bin. Zudem brauchen sie dich mehr, als ich es im Moment tue. Ich brauche dich diese Nacht zum Händchenhalten."
John grinste und nippte an seinem Kaffe. Er hatte noch zehn Minuten, bis er sich mit den Snapes treffen würde.
„Grins nicht so anzüglich. Du weißt, wie ich es meine. Und jetzt schau, dass du weg kommst. In der Vorratskammer eines Wrathschiffes zu landen ist definitiv unangenehmer, als den heutigen Tag zu überstehen, und das habe ich auch ohne dich ausgestanden. Außerdem nervt es, wenn du zur Glucke wirst. Ich bin kein Küken, das bemuttert werden muss."
Genervt gestikulierte Rodney mit seinen Armen.
Auch wenn er zu früh dran war, John wusste, dass er jetzt gehen musste.
