Der Mond geht auf
Auf der Daedalus sprach John mit Caldwell. Eigentlich war das Schiff voll belegt, doch John konnte erreichen, dass man für die Hermine und Severus einen kleinen Raum, der eigentlich eine Staukammer war, frei räumte. Nur Platz für zusätzliches Gepäck gab es nicht mehr.
Zurück in Hogwarts eilte John direkt zu seinem Quartier er befürchtete, dass Rodney in seiner Abwesenheit ausgerastet war.
Aber seine Sorge war umsonst: als John, dicht gefolgt von Severus, ihr Quartier betrat, saß Rodney in einem Sessel und las ein Buch. Er blickte hoch und grinste schief.
„Wart ihr erfolgreich?"
„Du hast ab morgen zwei Wissenschaftler mehr in deinem Team."
John war überrascht, dass Rodney so ruhig war. Er erinnerte sich noch zu gut an den letzten Vollmond.
„Schön, das wird eine Herausforderung sein. Es dauert eine Weile, bis die Neuen verstehen, was ich von ihnen will."
„Erwarten Sie nicht, dass ich springen werde, wenn Sie pfeifen. Ich bin kein dressierter Haushund."
Mit hochgezogener Augenbraue taxierte Severus Rodney. Der klappte das Buch zu und legte es zur Seite.
„Habe ich Ihnen noch nie von den Grundlagen erzählt, nach denen man auf Atlantis arbeitet?"
„Und die wären?" Die Augenbraue wanderte noch ein Stückchen weiter nach oben.
„Erste Regel: Dr. Rodney McKay ist Gott und hat immer Recht. Zweite Regel: Sollte Dr. Rodney McKay doch einmal Unrecht haben, tritt automatisch Regel eins in Kraft."
Eigentlich konnte die Augenbraue nicht weiter hochwandern, doch John hatte den Eindruck, dass sie es trotzdem tat.
„Ich habe nur eine einfache Regel."
„Und die lautet?" Rodney blieb ganz ruhig, viel zu ruhig.
„Wer einen überlebenswichtigen Trank von mir gebraut haben will, muss nett und höflich zu mir sein. Egal, wie schlecht meine Laune ist. Sie mögen zwar in der Lage sein, den Verwandlungsblocker selbst zu brauen, Dr. McKay, aber er ist dann nicht so effizient wie mein Trank. Diese Regel gilt auch für meine Frau. Ist das klar?"
Rodney sprang auf und starrte Severus wütend an. Der Vollmond hatte doch Auswirkungen auf ihn.
Der Tränkemeister verschränkte seine Arme vor der Brust.
„Wollen Sie mich erpressen?"
„Nein, das ist Notwehr. Ich habe Ihre Fähigkeiten in den letzten Wochen schätzen gelernt, ansonsten hätte ich niemals zugestimmt, dass Sie mein Vorgesetzter werden. Trotz allem sollten Sie sich damit abfinden, dass ich Ihnen in einigen Fachbereichen überlegen bin."
„Das zweifle ich nicht an. Nur werde ich entscheiden, wie Ihr Wissen in den Labors von Atlantis eingesetzt wird."
„Es kommt darauf an. Solange Sie mich nicht zum Erbsenzählen einteilen oder mir Aufgaben zuschieben, die unter meiner Würde sind, werde ich Ihren Anordnungen folgen. Haben Sie den Trank schon eingenommen?"
Diese Bemerkung nahm Rodney den Wind aus den Segeln. Er setzte sich hin und blickte auf die Uhr.
„Nein, erst in fünf Minuten. Genau zwei Stunden vor Aufgang des Vollmondes. Ich habe den Beruhigungstee getrunken, den Sie mir empfohlen haben. Er scheint zu wirken."
Den Eindruck hatte auch John und nahm sich fest vor, einen Vorrat von dem Tee mitzunehmen.
„Ich haben nichts anderes erwartet." Die Arroganz in Severus' Stimme hätte Rodney normalerweise auf die nächste Palme getrieben, aber jetzt blieb er sitzen. „Ich gehe jetzt und werde kurz vor Aufgang des Vollmonds zurückkommen."
„Verständlich", Rodney nickte zustimmend. „Sie müssen bestimmt noch packen."
„Packen? Bei dem Bisschen, was wir mitnehmen dürfen, ist Hermine bestimmt schon fertig. Sie rechnet seit Jahren damit, dass wir überstürzt aufbrechen müssen, und hat die entsprechenden Vorbereitungen getroffen."
„Und was wird dann aus Ihrem Labor und der Büchersammlung?"
Severus zuckte mit den Achseln.
„Wir können froh sein, dass auf der Daedalus noch für uns Platz ist. Mein Nachfolger wird sich sicher freuen, dass er ein gut ausgestattetes Labor bekommt und meine Bücher…" Severus stockte. „Einige wenige werde ich mitnehmen und viele werden Hogwarts Bibliothek hinzugefügt werden, doch dann gibt es noch einige schwarzmagische Bücher, die ich niemandem anvertrauen darf. Ich werde sie wohl zerstören müssen."
John hatte den Eindruck, dass Severus mit diesem Kommentar etwas erreichen wollte, war sich aber noch nicht sicher, was es war.
Rodney sah Severus entsetzt an.
„Das können Sie nicht tun! Sie können doch kein Wissen zerstören! Das ist Frevel!"
„In den falschen Händen können diese Bücher ganze Welten zerstören. Wir brauchen keinen zweiten Voldemort."
Rodney stand auf und wanderte auf und ab, massierte dabei seine Schläfen. Dann blieb er stehen und sah Severus an.
„Sie wissen ganz genau, wie Sie mich manipulieren können. Gut, ich werde dafür sorgen, dass an Bord der Daedalus Platz für Ihre Bücher geschaffen wird. Im Gegenzug müssen alle Bücher, die Sie nicht für ein Sicherheitsrisiko halten, allen Wissenschaftlern auf Atlantis zugänglich machen."
„Wie willst du das schaffen?"
John wusste, dass die Daedalus mit Vorräten vollgestopft war; dass auf der Brücke keine Kisten gelagert wurden, hatte Caldwell nur mit Mühe verhindern können.
„Auf jedem Flug sind zwei Lagerräume für meine Abteilung reserviert. Dieses Mal konnte ich höchstpersönlich alles bestellen, als wir in Washington waren. Wenn ich die Menge richtig eingeschätzt habe, ist vielleicht ein Lagerraum voll. Der freie Raum wird normalerweise dafür genutzt, zusätzlichen Kaffee einzulagern."
„Kaffee? Das darf doch nicht wahr sein! Wie viel Kaffe bekommt ihr jedes Mal extra? Wir Soldaten bekommen nicht genügend Nachschub, weil ihr eine Sonderration Kaffee einlagert. Das ist doch nicht dein Ernst!"
Die Militärs hatten Anspruch auf drei Lagerräume, aber das war immer zu wenig. Die Wraith, die Genii und alle anderen unliebsamen Gestalten der Pegasusgalaxie sorgten für einen viel zu hohen Verbrauch an Munition.
„Selten mehr als 300 Kilo. Es kommt darauf an, was wir sonst noch benötigen. Du weißt doch, dass Wissenschaftler nur arbeiten können, wenn sie genügend Koffein im Blut haben. Das ist notwendig, um kreativ zu arbeiten. Und zum anderen wissen alle, dass es nur dann zusätzlichen Kaffee gibt, wenn sie nicht zuviel Nachschub ordern. Damit stelle ich sicher, dass sie nur das bestellen, was absolut notwendig ist. Das solltest du mit deinen Soldaten auch machen, vielleicht ballern sie dann nicht wie verrückt, wenn eine Mücke auftaucht."
„Das hat dir aber mehr als nur ein Mal deinen Arsch gerettet. Und darf ich dich daran erinnern, wie viel Munition du oft genug beim Training verbrauchst."
„Aber auch nur, weil du mich auf die seltsamsten Missionen schickst."
Severus räusperte sich und John schluckte den Kommentar, den er auf der Zunge hatte, runter.
„Um nicht zu riskieren, dass meine zukünftigen Kollegen auf mich sauer sind, weil sie meinetwegen auf ihren Kaffee verzichten müssen, könnte ich mit den entsprechenden Zaubern meine Bibliothek auf etwa 200 Kilogramm Gewicht und fünf bis sechs große Staukisten reduzieren. Im Gegensatz zu irgendwelchen Muggeltechniken kann ich auch den Kaffee schrumpfen."
„Ich hätte nicht gedacht, dass Sie so kollegial sein können, Professor Snape."
„Ich bin nicht kollegial, nur weiß ich, welche Flüche ich einem Neuling auf den Hals hetzen würde, der verantwortlich ist, dass ich keinen Kaffee bekomme."
„An so etwas hätte Kavanagh auch denken sollen, als er damals das Plutonium für Versuchszwecke geordert hatte."
John wusste jetzt, warum Kavanagh fast schon von Atlantis geflohen war.
„Caldwell will uns morgen Nachmittag um 15.00 Uhr hochbeamen. Rodney, du musst dann einigermaßen fit sein und Severus, deine Sachen müssen gepackt und außerhalb der Schutzschirme von Hogwarts sein. Schaffst du das?"
Severus sah auf seine Uhr.
„Dr. McKay, Sie sollten jetzt Ihren Trank nehmen. Ich werde in anderthalb Stunden zurückkommen, um zu sehen, wie der Blocker wirkt."
Schwungvoll drehte Severus sich um und verließ den Raum. Hätte er seinen Umhang angehabt, hätte es imposant ausgesehen.
Die Zeit, bis sich der Vollmond über den Horizont erhob, verlief quälend langsam. John blickte immer wieder auf die Uhr, nur um festzustellen, dass seit dem letzten Mal keine Minute vergangen war.
Rodney lief unruhig auf und ab, setzte sich hin, trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte, bis John ihn mit leiser, mühsam kontrollierter Stimme fragte, wie sehr er auf seine Finger angewiesen war.
Rodney stand wieder auf, um Furchen in den Teppich zu laufen.
John hasste nichts mehr als zu warten. Keinen Einfluss zu haben und abwarten zu müssen. Ganz besonders, wenn es sich um eine Entscheidung auf Leben und Tod handelte.
Seitdem Rodney Mitglied seines Teams war, hatte John gelernt zu akzeptieren, dass er in unregelmäßigen Abständen auf der Krankenstation warten musste, bis Carson aus der OP kam und ihn über den Gesundheitszustand seines Freundes aufklärte.
Aber diese Situation war anders.
Am liebsten wäre John aufgestanden und ziellos durch die Gänge gelaufen, doch er wollte Rodney nicht alleine lassen.
John war froh, dass ihm kein Gespräch aufgezwungen wurde. Er hätte nicht gewusst, was er erwidern sollte. Rodney blieb zwar mehrmals stehen, blickte ihn an und öffnete den Mund, als ob er was sagen wollte, doch jedes Mal zuckte er nur mit den Schultern und nahm seine Wanderung wieder auf.
John wusste, dass er als guter Freund etwas sagen sollte.
„1.237!"
Rodney blieb stehen und sah ihn entgeistert an.
„Was soll das? Gleich entscheidet sich, ob mein Genie für alle Zeit verloren geht und du kommst mit so einer Zahl an!"
„Ist es eine Primzahl oder nicht?" Herausfordernd blickte John Rodney an.
„Und das fragst du jetzt? Ich versteh dich nicht."
„Immer noch besser, als sinnlos auf und ab zu rennen! Oder bist du so mit den Nerven runter, dass du noch nicht einmal mehr diese einfache Frage beantworten kannst?"
Bisher hatten sie auf langweiligen Missionen dieses Zahlenspiel gemacht und wenn kein Computer in der Nähe war, hatte es früher oder später für Streit gesorgt, weil man sich nicht einigen konnte, ob die abgefragte Zahl nun wirklich eine Primzahl war oder nicht. Dafür verging die Zeit schneller.
„Primzahl. 12.381?"
Es war eine Zahl, die Rodney schon öfters abgefragt hatte. So brauchte John noch nicht einmal über die Antwort nachzudenken.
„Nein, sie lässt sich durch drei teilen. 123.811?"
Dieses Mal brauchte Rodney länger, um eine Antwort zu finden, und als es drei Runden später um die Zahl 725180981 ging, setzte Rodney sich hin, nahm Zettel und Stift um nachzuprüfen, ob sie nun durch 41 teilen ließ, wie John behauptete – natürlich hatte John recht.
So verging die Zeit erstaunlich schnell und Severus stand wie versprochen kurz vor Mondaufgang vor der Tür. John ließ ihn rein und stellte fest, wie erschöpft der Tränkemeister aussah.
„Alles in Ordnung?"
„Wenn ich schon so aussehe, dass du diese Frage stellst, kannst du dir denken, dass es nicht der Fall ist. Ich war gerade bei Minerva und habe ihr mitgeteilt, dass Hermine und ich mit sofortiger Wirkung unsere Arbeit als Lehrer aufgeben. Alles ist in bester Ordnung und sie war hellauf begeistert. Solche Phrasen kannst du dir in Zukunft bei mir sparen."
Ohne John weiter zu beachten, ging er zum Tisch und stellte Rodney einige Fragen zu seinem Wohlbefinden, leuchtete ihm mit der Spitze des Zauberstabes – nachdem er den ‚Lumos' angewendet hatte – in die Augen und testete einige Reflexe.
Er war noch nicht ganz fertig, als es erneut an der Tür klopfte. Severus drehte sich um und blickte John an.
„Das wird Madam Pomfrey sein. Ich habe sie hinzugebeten, weil ich es für sinnvoll halte, dass ein ausgebildeter Heiler dabei ist, falls es irgendwelche Probleme gibt."
„Sperrt ihr mich nicht gleich in einen Käfig? So für den Fall der Fälle? Ich merke, dass ich unruhiger werde, je mehr Menschen jetzt in meiner Umgebung sind."
„Nein, das ist nicht notwendig. Der Trank wird wirken und wenn nicht, sind John und ich ohne Probleme in der Lage, einen einzelnen Werwolf zu bändigen."
John ließ die Heilerin hinein. Er hatte in den letzten Wochen Madam Pomfrey mehrfach in den Gängen gesehen, aber erst jetzt fiel ihm auf, wie sehr sie gealtert war.
Sie nickte ihm zu und stellte ihren Koffer auf dem Tisch ab.
„Hallo Dr. McKay, ich bin Madam Pomfrey, die zuständige Heilerin. Professor Snape hat mich gebeten zu überwachen, wie der Verwandlungsblocker wirkt, und im Notfall Nebenwirkungen zu behandeln. So wie ich ihn kenne, ist es eine reine Vorsichtsmaßnahme und ich kann morgen früh den Raum verlassen, ohne dass meine Dienste benötigt wurden."
Rodney nahm die Hand, die sie ihm reichte, und verzog bei ihrer Ansprache genervt das Gesicht.
Severus sah sie dagegen belustigt an.
„Poppy, hören Sie auf, mir zu schmeicheln, denn es bringt Ihnen nichts. Ab Morgen müssen Sie Ihre Tränke selber brauen."
„Severus, ich habe in jedem Jahr, das wir zusammen gearbeitet habe, all meine Komplimente ernst gemeint. Und so bedauerlich es auch ist, ich kann zu gut verstehen, dass Sie gehen und wünsche Ihnen alles Gute."
„Danke, ich weiß es zu schätzen. Aber bevor Sie jetzt in Lobhudeleien ausbrechen, kümmern Sie sich besser um Dr. McKay. Ich habe gerade seine Vitalfunktionen überprüft und bis auf eine zu hohe Pulsfrequenz liegen alle Werte noch im grünen Bereich. Er ist durch die Situation extrem gestresst."
„Verständlich." Die Heilerin nickte zustimmend. „Welche Nebenwirkung befürchten Sie?"
John fragte sich, ob Severus erst jetzt Zeit fand, um diese Details mit Madam Pomfrey zu besprechen, oder ob er dies nur machte, um Rodney zu beruhigen.
„Bei der letzten Verwandlung ist es zum Herzstillstand gekommen und Dr. McKay musste reanimiert werden. Ich habe dem Trank Bibernelle hinzugefügt, aber ich bin mir nicht sicher, ob das reicht."
Madam Pomfrey nickte. „Ich habe das Heilkraut schon in der Zutatenliste gesehen, die Sie mir gestern gegeben haben, und habe damit gerechnet, dass es so ein Problem gibt. Ich habe bei dieser Mischung nur eine sehr geringe Auswahl an Mitteln, sollte wirklich ein Herzproblem auftreten."
„Hoffentlich beinhaltet dies keine Zitronenschalen oder Ähnliches, darauf reagiere ich allergisch."
Rodney redete langsam, deutlich langsamer als normal und schien auch sonst Probleme zu haben, sich zu konzentrieren.
„Darauf hat mich Professor Snape auch schon hingewiesen und ich habe es bei der Auswahl der Medikamente berücksichtigt."
„Gut." Rodney nickte. „Ich wollte nur auf Nummer sicher gehen. Nicht dass die Arbeit der letzten Monate umsonst war, weil man mir versehentlich irgendetwas mit Zitrusfrüchten einflößt. Sie können sich nicht vorstellen, welch unfähige Ärzte ich in den letzten Jahren erlebt habe. Carson Beckett ist der einzige, der meine Probleme ernst nimmt."
„Wenn Sie möchten, können wir die Zutatenliste der einzelnen Tränke durchgehen. Bestimmt fühlen Sie sich besser, wenn Sie wissen, was ich Ihnen im Notfall verabreichen werde."
„Ich will aber nicht wissen, was für Nebenwirkungen die Tränke haben. Nur die Zutatenliste bitte."
„Im Gegensatz zur Muggelmedizin gibt es so gut wie keine Nebenwirkungen. Da sind wir wesentlich fortschrittlicher."
„Ich weiß aber, welche Nebenwirkungen der Verwandlungsblocker haben kann. Hören Sie auf, mich anzulügen, nur um mich zu beruhigen."
Rodney war zwar ein wenig gereizt, aber wesentlich ruhiger als John befürchtet hatte. So ruhig war er sonst nur, wenn er von all seinen Bekannten den Nachtisch – vorzugsweise den Beinahe-Schokoladenpudding der Athosianer – eingeheimst hatte.
John trat näher und stellte fest, dass die Pupillen seines Freundes geweitet waren. Der Verwandlungsblocker enthielt wohl auch ein Beruhigungsmittel.
„Sie vergleichen ernsthaft einen Trank, der sich noch in der Entwicklungsphase befindet, mit seit Jahrhunderten erprobten Medikamenten? Ich dachte, dass Sie intelligenter wären." Madame Pomfrey ärgerte sich über Rodneys Vorwurf.
„Es ist bisher der einzige Trank, den ich wirklich kenne, weil ich ihn mit entwickelt habe. Ich habe keine andere Vergleichsmöglichkeit! Geben Sie mir die Zutatenliste und überlassen Sie mir die Entscheidung, welche Medikamente für mich am besten sind. Glauben Sie mir, ich verstehe diesen Job."
Kommentarlos öffnete die Heilerin ihren Koffer, holte mehrere Pergamentrollen heraus und reichte sie Rodney.
Dann trat sie mehrere Schritte zurück, kreuzte ihre Arme vor der Brust und blickte Rodney wachsam an.
Als John sah, dass Severus seinen Zauberstab zückte, wusste er, dass jeden Moment der Mond aufgehen und die Verwandlung einsetzen würde – soweit es der Blocker zuließ.
Rodney bemerkte davon nichts. Er hatte sich hingesetzt, rollte das Pergament auf und studierte den Inhalt.
Die erste Rolle legte er nach kurzer Zeit mit einem zustimmenden Brummen zur Seite, doch bei der zweiten stutzte er.
Er nahm eines der Bücher, die er neben dem Tisch gestapelt hatte Er blätterte durch die Seiten, bis er gefunden hatte, was er suchte, und begann, den Artikel zu lesen.
Er was so beschäftigt, dass er gar nicht mitbekam, dass sein Körper eine leichte Mutation durchlief. Es wuchsen überall Haare, sogar die Hände wurden von einem hellbraunen Flaum bedeckt, und die Ohren wurden spitzer. Insgesamt sah das ganze Gesicht wölfischer aus, aber John konnte nicht festmachen, woran das lag.
„Diesen Trank dürfen Sie mir nicht einflößen. Er enthält Diptam und da es entfernt mit Limetten verwandt ist, ist das Risiko einer allergischen Reaktion sehr groß." Rodney blickte hoch und sah, wie ihn alle anstarrten. „Was ist?", explodierte er und sprang auf. „Ist es verboten, sich um die eigene Gesundheit zu sorgen?"
„Nein, Rodney, darum geht es nicht." John lächelte und schüttelte den Kopf. „Du hast ein dickes Fell bekommen. Man könnte dich jetzt glatt mit Wolverine verwechseln, hättest du nicht ein paar Pfund zuviel auf den Rippen."
Rodney erstarrte, nach einigen Sekunden stand er auf und ging ins Badezimmer, um sich im Spiegel zu betrachten.
„Ich habe mich stärker verwandelt, als Sie berechnet haben, Professor Snape!" Rodney kam ins Wohnzimmer zurück. Das erleichterte Grinsen zeigte, wie froh er war, die erste Phase überstanden zu haben.
„Nur weil Sie jetzt ein dickes Fell haben, statt der von mir prophezeiten dichteren Haarpracht? Was kann ich für Ihre Veranlagung?"
"Sie haben mich gründlich genug untersucht, um diese Veranlagung einschätzen zu können, Professor Snape. War das jetzt alles, oder kommt noch mehr?"
Severus betrachtete Rodney abschätzend, blickte dann auf seine Uhr.
„Der Mond ist komplett aufgegangen. Bis zum Untergang werden Sie Ihre Ruhe haben."
Rodney setzte sich wieder an den Tisch.
„Gut. Ich schaue mir noch die restlichen Pergamentrollen an und gehe dann ins Bett. Der Trank macht mich müde. John, weckst du mich, bevor der Mond untergeht? Falls es doch noch Probleme geben sollte, will ich den letzten Moment meines Lebens bewusst erleben und nicht im Schlaf hinüberdämmern."
John ignorierte die Theatralik und nickte. Rodney widmete sich den Unterlagen.
Madame Pomfrey nahm sich einen Stuhl und setzte sich neben Rodney, so dass sie ihm über die Schulter schauen konnte. Sie beobachtete den Wissenschaftler, dann lehnte sie sich zurück und klatschte in die Hände.
Sofort erschien Dobby.
„Was kann ein armer, überbeschäftigter Hauself für Madame Pomfrey tun?"
Die Heilerin verzog keine Miene, als sie die für einen Hauselfen sehr ungewöhnliche Begrüßung hörte.
„Bring mir bitte eine große Kanne Kaffee und belegte Brote. Die Nacht wird lang werden."
„Wie Madame Pomfrey wünscht. Haben die Herren noch einen Wunsch?"
„Nein, ich darf leider nichts essen. Es ist gemein, dass der Trank mir verbietet, etwas zu essen, wo die Verwandlung so kräftezehrend ist. Ich sterbe vor Hunger und ihr wollt einfach in meiner Gegenwart essen. Das Leben ist schrecklich unfair."
„Wenn Rodney McKay wünscht, wird das Essen erst gebracht, wenn Rodney McKay ins Bett gegangen ist."
„Wenigstens einer, der Rücksicht auf mich nimmt, mach das so."
John und Severus schlossen sich der Bestellung der Heilerin an, Rodney vertiefte sich wieder in die Zutatenlisten und stellte hin und wieder Madame Pomfrey eine Frage.
Kurz darauf legte Rodney das letzte Pergament zur Seite, rieb sich die Augen und ging mit einem genuschelten „Gute Nacht!" in sein Schlafzimmer.
Seine Bewegungen waren unsicher und er schien sogar einen Moment zu schwanken. John war schon aufgesprungen, um ihm zu helfen, als Rodney sich fing, die letzten Schritte aus eigener Kraft zurücklegte und die Tür hinter sich zustieß.
Zwei Minuten später folgte ihm Madam Pomfrey, um ihn zu untersuchen, kurz darauf verließ sie den Raum.
„Er schläft. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, alle Werte sind für seine Verhältnisse normal."
Sie setzte sich zu John und Severus an den Tisch. Dobby hatte ihn blitzschnell gedeckt, nachdem Rodney sich zurückgezogen hatte.
John hatte nur gefrühstückt und war entsprechend hungrig. Er achtete nicht weiter auf die Unterhaltung der beiden anderen, die sich um Kräuter und Tränke drehte.
„Das können Sie nicht tun, Professor Snape!"
Madame Pomfreys Ausruf ließ John zusammenzucken und er blickte hoch.
„Warum nicht? Es ist meine Arbeit und ich entscheide, ob ich publizieren will oder nicht. Geben Sie mir einen guten Grund, warum ich das Rezept des Tränkeblockers in einer Fachzeitschrift veröffentlichen soll!"
„Damit Sie endlich einen besseren Ruf bekommen. Die Art, wie das Ministerium und die Öffentlichkeit Sie behandelt, ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Danach werden alle ihre Haltung ändern müssen."
„Dazu haben sie über zehn Jahre Zeit gehabt und egal, was ich gemacht habe, es hat nie gereicht, immer hat man etwas gefunden, um mich doch wieder als den ach so bösen Todesser abstempeln zu können. Nein, es ist zu spät. Ab morgen starten wir ein neues Leben ohne Ministerium, ohne Tagespropheten und ohne Leute, die sich ständig in mein Leben einmischen."
Dieser Ausbruch war nicht laut, ganz im Gegenteil, die letzten Worte flüsterte Severus, aber John war sich danach absolut sicher, dass er nicht Hermine zuliebe in die Pegasusgalaxie ging, sondern weil er es wollte.
Madame Pomfrey sah Severus lange und nachdenklich an, bis sie endlich ein weiteres Argument vorbrachte
„Damit die Werwölfe ein besseres Leben haben. Der Wolfbanntrank ist der erste Schritt, aber Sie wissen genauso gut wie ich, wie kräftezehrend die Verwandlungen für sie sind. Und damit sich niemand die Rezeptur unter den Nagel reißt und für jeden Trank ein Vermögen verlangt, muss das Rezept so weit wie möglich gestreut werden."
Severus wischte sich die Brotkrümel von seinem schwarzen Pullover, blickte in seine Tasse, nippte an dem Kaffee und sah die Heilerin nachdenklich an.
„Haben Sie sich die Zutatenliste des Verwandlungsblockers mit eingeschaltetem Verstand durchgelesen?"
„Das habe ich. Wo soll das Problem sein?" Sie ignorierte die unterschwellige Beleidigung.
„Haben Sie gerechnet, wie teuer alleine die Zutaten für eine Dosis sind? Wenn nicht, dann sollten Sie es ganz schnell nachholen. Sie werden feststellen, dass der Trank ein Vermögen kostet."
„Das Schweifhaar vom Einhorn ist die teuerste Zutat, aber da sie davon nur zwei Zoll brauchen, relativiert sich der Preis, ansonsten ist mir nichts Besonderes aufgefallen."
Severus schnaubte. „Ich habe die Wurzel der Alten verwendet", war seine einzige Anmerkung.
Madam Pomfrey schaute Severus verständnislos an, bis dieser sich zu einer weiteren Erklärung herab lies.
„Nicht das Kraut, das man heute so nennt. Ich habe die wahre Wurzel verwendet."
John verstand nicht, was Severus sagen wollte, aber die Heilerin begriff; sie sah Severus überrascht an.
„Das kann nicht sein! Sie ist ausgestorben. Seit über tausend Jahren wächst sie nirgendwo mehr."
„Dr. McKay hat mir zwei Pfund mitgebracht. In einer Plastiktüte. Es ist meine Bezahlung für die Forschung am Verwandlungsblocker und es sind anderthalb Pfund übriggeblieben."
„Wenn es wirklich die Wurzel der Alten ist, dann sind Sie unermesslich reich. Sind Sie sicher, dass Sie wirklich gehen wollen?"
„Ja! Und jetzt hören Sie auf, mich damit zu belästigen. Sie werden von mir morgen früh das Rezept bekommen und dann ist es Ihre Entscheidung, was Sie damit machen. Ich empfehle Ihnen allerdings, sich jeden Schritt gut zu überlegen, damit Sie nicht auf der Abschussliste des Ministeriums landen." Severus stand auf. „Entschuldigt mich bitte, es wartet noch viel Arbeit auf mich. Wir sehen uns, bevor der Mond untergeht."
Bevor John oder Madame Pomfrey etwas sagen konnten, hatte Severus fluchtartig den Raum verlassen.
Die Heilerin seufzte tief auf, als er die Tür hinter sich geschlossen hatte. Dann blickte sie John an.
„Sie sind also schuld, dass Severus uns verlässt. Als ich sie vor einigen Wochen zusammen bei dem Demonstrationsduell gesehen hatte, dachte ich, dass Sie eine gegenseitige Abneigung hätten. Jetzt scheinen Sie Freunde zu sein. Sie müssen ihm viel geboten haben."
War sie so blind oder wollte sie es nicht sehen? John hatte nicht vor, irgendetwas zu beschönigen.
„Nein!" Er schüttelte abwehrend den Kopf. „Ich bin es nicht schuld. Nicht wirklich. Für mich gehört Severus nach Hogwarts. Aber da man ihm das Leben hier zur Hölle gemacht hat, gibt es für ihn keinen anderen Ausweg, als zu gehen. Schuld ist die magische Welt. Ich habe ihm nur ein schlechtes Angebot gemacht."
„So schlecht, dass er alles stehen und liegen lässt? Er war immer ein verantwortungsbewusster Mensch und jetzt lässt er uns im Stich. Er ist nicht nur Minervas Stellvertreter, sondern auch noch Hauslehrer von Slytherin. Jetzt schmeißt er alles hin. Ich glaube Ihnen kein Wort, Mr. Sheppard."
Jede Diskussion war überflüssig, Madame Pomfrey würde ihre Meinung nicht ändern. Allein, wie sie kampflustig ihr Kinn vorgereckt hatte, war für John ein sicheres Zeichen. Er war es auch müde, über die ach so tolle magische Welt zu streiten. Er wollte die Heilerin, die Severus beistehen wollte, nicht verärgern.
„Daran kann ich nichts ändern", war seine lakonische Antwort. Er stand auf und ging zu Rodneys Schlafzimmer, öffnete leise die Tür und blickte hinein.
Rodney lag voll bekleidet auf dem Bett und schlief. Nicht einmal die Schuhe hatte er ausgezogen.
John betrat den Raum, zog Rodney die Schuhe aus und sorgte dafür, dass sein Freund halbwegs bequem unter der Decke lag. John blickte sich noch einmal um, bevor er das Zimmer verließ. Rodney schnarchte leise, aber sonst wirkte alles – bis auf die Haarpracht - erstaunlich normal.
Die Tür ließ er angelehnt, um mitzubekommen, falls sich etwas änderte.
Madam Pomfrey saß trotz der Meinungsverschiedenheit noch am Tisch und hielt ihre Kaffeetasse mit beiden Händen.
Einen Seufzer unterdrückend, setzte John sich zu ihr. Am liebsten hätte er einen Sessel in Rodneys Zimmer gebracht und über den Schlaf seines Freundes gewacht. Aber er wusste aus seiner Kindheit, was sie darüber dachte. Da Carson auch immer behauptete, dass seine Patienten ein gewisses Maß an Ruhe brauchten, um sich zu erholen, ging er lieber den Kompromiss ein.
Seine eigene Tasse war halbleer und der Kaffee kalt. John schüttete heißen hinzu. Es schmeckte nicht gut, aber das Koffein würde ihn wach halten. Er leerte die Tasse in drei großen Schlucken und füllte sie wieder auf – auf Atlantis hatte er schon wesentlich schlechteren Kaffeeersatz getrunken, der noch nicht einmal Koffein enthielt.
„Sie brauchen nicht die ganze Nacht wach zu bleiben, Mr. Sheppard. Ich werde hier Wache halten und regelmäßig nach Dr. McKay sehen."
So wie Madame Pomfrey ihn ansah, war es auch ein Waffenstillstandsangebot – vielleicht wollte sie sogar Frieden schließen.
John wollte aber nicht schlafen, konnte es einfach nicht.
„Danke für das Angebot, ich weiß es sehr zu schätzen, aber ich werde bleiben."
„Wie Sie wünschen."
Die Heilerin nahm ein Buch aus ihrem Koffer und schlug die erste Seite auf.
John starrte einige Minuten in seine Tasse, bis ihm zu langweilig wurde. Auf der Suche nach Ablenkung hob er ein Buch vom Boden auf und blätterte durch das Inhaltsverzeichnis. Es war ein Tränkebuch. Auch die anderen Wälzer, die auf dem Boden lagen, gehörten zu dieser Fachliteratur. Frustriert stand John auf und studierte die Rücken der Bücher im Regal. Ein Buch nahm er hinaus, da es von der Verteidigung gegen die dunklen Künste handelte. Ein Thema, das ihn immer wieder faszinierte. Aber nicht heute. John konnte sich darauf nicht konzentrieren. Er war mit seinen Gedanken zu Hause, auf Atlantis.
Und es gab nur ein Buch, das es schaffte, sein Heimweh ein wenig zu lindern.
Es lag auf seinem Nachttisch und gehörte Hermine. Eigentlich hätte er es schon lange zurückgeben müssen, aber er hatte sich nie dazu überwinden können. Dass er es noch nicht durchgearbeitet hatte, war nur eine Ausrede. Er hatte es jeden Abend in seinen Händen gehalten und sich gefragt, ob es vielleicht das Buch aus Lunas Prophezeiungen war. Er musste es herausfinden.
Da der Monduntergang noch zehn Stunden entfernt war, hatte er jetzt noch Zeit, um damit zu beginnen.
John ging ins Schlafzimmer und holte das Buch.
Zurück im Wohnzimmer betrachtete er einen Moment Madame Pomfrey argwöhnisch. Doch sie war in ihre eigene Lektüre vertieft.
Paranoia erleichterte zwar das Überleben, es gab aber Augenblicke, in denen sie einfach nur lästig war.
Mit einem Kopfschütteln vertrieb John die dunklen Gedanken, setzte sich und vertiefte sich in die Konstruktionszeichnungen der verschiedenen Raumschifftypen. Ein Nachteil war, dass John die Schriftsprache der Antiker nur soweit beherrschte, dass er wusste, welche Symbole er antippen musste, um durch das Stargate zu den verschiedenen Planeten zu gelangen. Die Symbole für Gefahr und Hilfe waren ihm auch vertraut, doch mehr wusste er nicht.
Die Antiker waren technische Überflieger, vor deren Wissen selbst Rodney hin und wieder kapitulierte. Sie hatten es aber verstanden, dieses Buch so einfach und verständlich aufzubauen, dass John sehr viel verstand, indem er sich einfach auf die Zeichnungen konzentrierte. Die Bedeutung vieler Symbole begriff er danach intuitiv.
Einzig der Erläuterungstext unter den Zeichnungen – teilweise bis zu fünfzig Seiten lang – überstieg seinen Wissensstand um Längen.
Damit würden sich die Linguisten abplagen müssen. John bezweifelte jedoch, dass sie für das Fachchinesisch vernünftige Übersetzungen finden würden.
So sehr das Buch John faszinierte - es lenkte ihn nicht genug ab, um zu vergessen, dass Rodney im Nebenraum schlief. Jede halbe Stunde stand John auf und spähte durch die Tür, um sich zu überzeugen, dass alles in Ordnung war. Bis auf die Tatsache, dass Rodney schnarchte, blieb alles ruhig.
Madame Pomfrey sah auch regelmäßig nach Rodney, gleichzeitig überprüfte sie mit einem Zauber, den nur Heiler beherrschten, sämtliche Körperfunktionen. John hatte als Jugendlicher oft genug erlebt, wie sie den Spruch anwendete, und es gab ihm das Gefühl, dass für Rodney wirklich alles getan wurde.
Jedes Mal verließ die Heilerin das Zimmer mit einem sehr zufriedenen Gesichtsausdruck, der John erleichtert aufatmen ließ.
Gegen zwei Uhr morgens tauchte Dobby unaufgefordert auf, brachte Süßigkeiten und frischen Kaffee.
John wollt den Elfen fragen, was mit ihm los war, aber der verschwand mit einem leisen Plopp, bevor John auch nur "Dobby" sagen konnte.
Das war John mehr als nur recht. Emotionale Gespräche waren ihm ein Graus. Wenn Dobby nicht von sich aus über die Geschehnisse in der Heulenden Hütte sprach, würde er ihn auch nicht dazu drängen.
So schüttete John sich und Madame Pomfrey frischen Kaffee ein und konzentrierte sich wieder auf das Buch.
Instinktiv verstand John die Konstruktionszeichnung, die er gerade vor sich hatte. Sie war irgendwie vertraut. Nach einigen Minuten dämmerte es John, dass es sich um ein Kriegsschiff vom Typ der Orion handelte.
Mit Wehmut dachte er an das prächtige Schiff zurück, das sie verloren hatten, bevor sie wussten, wie es wirklich funktionierte.
Aber die Art, wie das Schiff mit John kommuniziert hatte, ließ ihn ahnen, welches Potential sie verloren hatten.
Doch er hatte keine Zeit zu trauern. John überflog den Erläuterungstext, blätterte auf der Suche nach der nächsten Zeichnung mehrere Seiten weiter, bis er beim letzten Absatz stutzte.
Eine Symbolreihenfolge in der vorletzten Zeile kam ihm bekannt vor. Aber sie bedeutete weder Gefahr noch Hilfe, dessen war er sich sicher.
John grübelte mehrere Minuten, bis er die Symbole zählte. Es waren sieben. Und dann erkannte er die Zeichenfolge. Es war die Adresse von Taranis, dem Planeten, auf dem sie die Orion gefunden hatten.
Hastig blätterte John zurück zu dem Kapitel über die Puddle Jumper.
Jetzt, da er wusste, wonach er zu suchen hatte, war es ganz einfach. Im jeweils letzten Abschnitt der Erläuterungstexte fand er die Adressen: Bei den Puddle Jumpern waren es fast fünfzig und er verwettete sein Gehalt, dass es vor 10000 Jahren auf jedem einzelnen Planeten einen Hangar für Puddle Jumper gegeben hatte.
Das Buch listete nicht nur alle Raumschifftypen der Antiker auf, es lieferte auch die Adressen, wo die Schiffe vor den Wraith versteckt worden waren.
Es war wahrscheinlich das entscheidende Wissen, was ihnen fehlte, um die Wraith erfolgreich zu bekämpfen.
Lunas Prophezeiung hatte sich erfüllt.
John bezweifelte, dass alle Schiffe, die in diesem Buch aufgelistet wurden, die letzten 10.000 Jahre überstanden hatten, hoffte aber, dass sie das eine oder andere Kriegsschiff instand setzen konnten. Mit dem Wissen aus dem Buch hatten sie sogar eine Gebrauchsanweisung und brauchten nicht zu experimentieren.
Fröhlich vor sich hinsummend nahm John ein Stückchen Schokolade. Dieser Durchbruch musste doch gefeiert werden.
Ein Räuspern ließ ihn hochblicken. Madame Pomfrey sah ihn fragend an.
„Alles in Ordnung, Mr. Sheppard?"
Sofort hörte John auf zu summen und seine Miene wurde ausdruckslos. Die Heilerin konnte nicht verstehen, was ihn so begeisterte, und erzählen wollte er es ihr nicht.
„Ja, ich lese gerade eine witzige Stelle."
Aber er musste es jemandem mitteilen.
John stand auf, legte das Buch auf den Tisch, legte mit einem gedanklichen Befehl einen Schutzbann darüber, damit niemand das Buch fortnehmen oder beschädigen konnte. Dann ging er in Rodneys Zimmer.
Sein Freund schlief noch immer, auch ein Tätscheln der Schulter konnte nichts daran ändern. Der Trank hielt Rodney im tiefen Schlaf – was für ihn am besten war.
John setzte sich zu ihm auf das Bett und erzählte ihm leise von seiner Entdeckung, doch es war unbefriedigend, von Rodney keine passenden Kommentare zu hören. Deswegen stand John nach zwei Minuten auf und verließ das Schlafzimmer. Die Heilerin hatte ihre Lektüre vor sich auf den Tisch gelegt und wärmte ihre Finger an einer Kaffeetasse. Sie hielt ihren Blick auf John gerichtet.
Das hielt er nicht lange aus, unruhig lief er auf und ab, bis es aus ihm herausbrach.
„Ich habe das Gefühl, hier zu ersticken. Kann ich Sie für eine halbe Stunde allein lassen?"
Madam Pomfrey nickte.
„Wenn Sie es jetzt nicht von sich aus gesagt hätten, dann hätte ich es Ihnen jetzt vorgeschlagen. Und nicht nur für eine halbe Stunde. Sie strahlen eine Unruhe aus, die nicht gut für den Patienten ist. Sorgen Sie dafür, dass Sie wieder ruhig sind, wenn sie zurückkommen."
Schuldbewusst senkte John den Kopf. Er hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen – auch wenn es nicht die Wahrheit war.
„Das Warten macht mich wahnsinnig. Mein Verstand sagt mir, dass es positiv ist, wenn er die ganze Nacht durchschläft, statt uns mit seinen sarkastischen Kommentaren verrückt zu machen. Trotzdem…" Gut, es war eine andere Wahrheit.
„Sie erleben ein Auf und Ab der Gefühle."
Hilflos zuckte John mit den Achseln. „Ich glaube, man könnte es so beschreiben."
Madame Pomfrey stellte die Tasse auf den Tisch, stand auf, ging zu John und legte ihm mitfühlend eine Hand auf seinen Arm.
„Das ist in dieser Situation normal. Nehmen Sie meinen Rat an und laufen Sie durchs Schloss. Das wird Ihre Nerven beruhigen."
„Passen Sie auf Rodney auf?"
Sie nahm ihm die Frage noch nicht einmal krumm.
„Ich setze mich zu ihm. Wenn sich an seinem Zustand etwas ändern sollte, schicke ich Ihnen den Hauself hinterher. Er wird Sie in wenigen Sekunden finden."
„Danke."
„Nicht dafür. Aber eine Bitte habe ich."
„Was kann ich für Sie tun?" John hoffte, dass es nichts Unerfüllbares war.
„Nicht für mich. Passen Sie auf Severus und Hermine auf. Die beiden haben es verdient, ein glückliches Leben zu führen. Aber Severus kann nicht gut mit Menschen umgehen und braucht Hilfe. Sie verstehen, was ich meine?" Die Heilerin blickte John hoffnungsvoll an.
„Ich verstehe es und hatte es sowieso vor. Seien sie unbesorgt."
Bevor John wusste, wie ihm geschah, zog ihn Madame Pomfrey in eine Umarmung. Er blieb starr stehen und hoffte, dass diese Zuwendung bald vorbei war.
Kurz darauf stand John auf dem Astronomieturm und blickte in den wolkenverhangenen Himmel. Nur hin und wieder rissen die Wolken soweit auf, dass der Vollmond hervorlugte.
John stützte sich auf der Brüstung ab und blickte hinunter. Er konnte nur Schemen erahnen, ansonsten war es viel zu dunkel.
Langsam und allmählich ebbte die Freude über seine Entdeckung ab. John realisierte, wie viel Arbeit auf sie zukommen würde, sollten sie tatsächlich mehrere Raumschiffe der Antiker finden.
Sie würden in Atlantis mehr Personal brauchen, was angesichts der angespannten Lage auf der Erde nicht zur Verfügung stand. Ein eigenes Schiff würde jedoch gleichzeitig mehr Unabhängigkeit von der Erde bedeuten.
Sie wären nicht mehr darauf angewiesen, dass das SGC die Daedalus nicht brauchte, sondern könnten selbst Versorgungsflüge unternehmen. Und vielleicht auch eigenständig Personal anwerben, so wie John es mit Hermine und Severus getan hatte.
Leise Schritte kündigten an, dass John nicht mehr allein war. Er drehte sich um und erkannte Luna. Sie trug ein strahlend weißes Kleid und wirkte fremdartiger als alles, was John bisher gesehen hatte – selbst die Antiker wirkten nicht so überirdisch.
„Hallo John! Hat der Vollmond seinen Schrecken verloren?"
John blickte hoch. Genau in diesem Moment riss die Wolkendecke auf und der silberglänzende Mond wurde sichtbar.
„Ich hatte keine Angst vor dem Vollmond. Er war nicht Schuld, dass Rodney sich verwandelte. Es ist dieses Virus."
„Das beantwortet nicht meine Frage."
Luna tänzelte vorwärts. Leichte, fließende Bewegungen, die sehr viel Elfenhaftes an sich hatten – ganz anders als die Luna aus Johns Kindheit.
„Du beantwortest auch nicht meine Fragen."
Ihr Lachen war glockenhell und sie schüttelte den Kopf.
„Nein, aber ich brauche das auch nicht. Denn ich gebe dir die Antworten, die du brauchst. Auch wenn du die falschen Fragen stellst."
Sie hielt ihm auffordernd eine Hand hin.
„Tanz mit mir!"
Ohne die Brüstung im Rücken hätte John den taktischen Rückzug angetreten.
„Ich tanze nicht."
„Heute schon. Ich habe es gesehen."
John lächelte Luna liebevoll an.
„Wie oft hast du das schon Neville gesagt, wenn du ihn zu etwas überreden wolltest?"
„Immer dann, wenn ich es vorher auch gesehen hatte."
„Also jedes Mal?"
Sie lächelte wieder, hielt John immer noch ihre Hand hin. Und John konnte nicht nein sagen. Ihrer Prophezeiung hatte er zu verdanken, dass er überhaupt das Buch gesucht hatte.
Theatralisch aufseufzend nahm er ihre Hand.
„Du musst auf deine Füße aufpassen", warnte er sie.
Sie blickte ihm tief in die Augen und John hatte plötzlich das Gefühl, dass ein Geiger neben ihm stand und eine traurige und zugleich fröhliche Melodie spielte.
„Hörst du es auch?"
John nickte. Als ob es ein geheimes Zeichen war, fing er an, sich im Rhythmus der unhörbaren Melodie zu bewegen.
Es gab keinen Fehltritt, nur das Gefühl zu schweben und einen perfekten Moment zu erleben.
Als die Musik verklang, hielt John Luna noch einen Moment fest. Dann löste er sich von ihr und sah sie fragend an.
„Was ist das für ein ungewöhnlicher Zauber? Ich würde gerne mehr darüber erfahren."
„Es ist die Musik der Sterne, die du gehört hast, kein Zauber, deswegen kann ich es auch nicht erklären." Luna zuckte mit den Schultern. „Es ist ein Gefühl, unerklärbar und fantastisch."
„Erwarte nicht, dass ich das verstehe."
„Brauchst du auch nicht." Luna lächelte ihn an. „Du solltest schauen, dass du zurück gehst. Der Mond geht gleich unter."
Überrascht sah John hoch. In einem wolkenlosen Himmel konnte er die Sterne sehen. Der Mond war ein ganzes Stück weiter gewandert und berührte beinahe den Horizont.
„Wie lange haben wir getanzt?"
John hatte das Gefühl, dass er nur wenige Minuten zur dieser Melodie getanzt hatte, aber der Mond sagte ihm, dass es mehrere Stunden gewesen waren.
„So lange, wie es nötig war, um dich zur Ruhe kommen zu lassen. Und jetzt geh. Dein Freund fühlt sich wohler, wenn du in seiner Nähe bist."
„Aber wie…", setzte John noch einmal an.
„Frag nicht. Ich kann es dir nicht erklären. Lebewohl."
„Kommst du heute nicht mehr vorbei?"
Luna schüttelte den Kopf.
„Nein, ich habe dich heute zum letzten Mal gesehen. Ich wünsche dir und deiner Welt alles Gute."
Sie trat einen Schritt näher und umarmte John. Genauso schnell ließ sie ihn los, wirbelte herum und lief zur Treppe. Sie war aber nicht schnell genug. John hatte die Tränen in ihren Augen glitzern gesehen.
„Luna!"
Sie stockte und drehte sich um.
„Viel Glück und langes Leben! Mögen die Sterne immer mit dir sein."
Es war nicht das, was John wirklich sagen wollte, aber ihm kam nichts Passendes in den Sinn – wie so oft.
„Danke." Luna hob die Hand, winkte John zu und war dann von einem Augenblick zum nächsten verschwunden.
John blieb noch einen Moment stehen und starrte in den Himmel. Der Mond mahnte ihn jedoch, dass er sich beeilen musste, wenn er rechtzeitig zurück sein wollte.
„Rodney! Aufwachen! Du wolltest wach sein, wenn der Mond untergeht!"
Rodney brummte nur, zog sich die Decke über den Kopf und ignorierte ihn – wie bei allem, was John in den letzten fünf Minuten versucht hatte. Selbst eine Tasse frisch aufgebrühten Kaffees hatte nicht geholfen. Und als er Rodney die Decke wegziehen wollte, hatte dieser sie mit aller Gewalt festgehalten.
Aufgeben kam nicht in Frage und als Zauberer hatte er noch einige Tricks in der Hinterhand, die Rodney noch nicht kannte. Einer davon war, die Bettdecke so zu verzaubern, dass sie sich wie ein Lebewesen verhielt. Aber Rodney würde ihm vorwerfen, dass er versucht hatte, ihn umzubringen – Herzstillstand durch Schock war schließlich eine bekannte Todesart.
So beschränkte John sich darauf, das Wasser im Glas in viele kleine Eiswürfel zu verwandeln Sie würden ihre Temperatur die nächsten fünf Minuten halten, ohne zu schmelzen.
Mit einem kräftigen Ruck zog John die Decke weg und steckte das Eis unter Rodneys Shirt. Die Wirkung setzte sofort ein.
Rodney setzte sich kreischend auf und versuchte, die Eiswürfel aus seiner Wäsche zu fischen. Als das nicht funktionierte, zog er das Shirt einfach aus. Anschließend wollte er sich die Decke vom Fußende hoch holen, wurde aber durch Johns warnenden Blick abgehalten.
„Was zum Teufel soll das, John? Willst du mich mit dem Schreck in der Morgenstunde umbringen?"
Einzig der dichte Haarwuchs zeigte deutlich, dass Vollmond war. Alle anderen Veränderungen waren zu subtil, um sie wirklich fassen zu können.
„Um dich in den Herzstillstand zu treiben, hätte ich deine Bettdecke in eine Schlange oder etwas Ähnliches verwandelt, aber nicht so etwas Harmloses wie Eiswürfel verwendet."
John versuchte Rodney zu beruhigen, aber der sah ihn misstrauisch an.
„Hast du schon mal eine Bettdecke verwandelt?"
„Um Ron wach zubekommen, musste ich manchmal zu wirklich brutalen Methoden greifen. Da passierte es öfters, dass er plötzlich mit einer Schlange kuschelte. Irgendwann hatte er sich daran gewöhnt und reagierte nicht mehr drauf und ich musste mir etwas anderes ausdenken. Bevor Ron nach Hogwarts kam, hat George einmal seine Bettdecke in eine Monsterspinne verwandelt. Ich habe es selbst nicht mitbekommen, aber man hat mir erzählt, dass Ron sich anschließend drei Tage lang weigerte, abends ins Bett zu gehen. Danach hatte er eine Arachnophobie."
„Ihr seid verrückt."
„Zauberer." John grinste Rodney übermütig an.
„Das ist für mich kein Unterschied."
Fasziniert beobachtete John, wie bei Rodney die Verwandlung einsetzte. Sie war subtil, doch als Rodney mit der Hand durchs Gesicht fuhr, hatte er ein Büschel Haare in seinen Fingern.
„Was zur Hölle ist denn jetzt los?"
Er starrte die Haare in seiner Hand an, als ob es sich um ein giftiges Insekt handeln würde.
„Du haarst. Und da es die falsche Zeit ist, um das Winterfell zu verlieren, würde ich sagen, dass du dich zurückverwandelst."
Rodney stand auf und ging ins Bad, wo er sich vor den großen Spiegel stellte.
Aufmerksam beobachtete Rodney jedes Detail seiner Rückverwandlung und zupfte immer wieder an seinen Haaren.
Nach wenigen Minuten war alles vorbei. Auf dem Boden um ihn herum lagen viele Haarbüschel und die subtilen Veränderungen seiner Gestalt waren auch verschwunden.
„Wow, ich lebe. Der Vollmond ist auf- und untergegangen und ich habe es mit nur wenigen Nebenwirkungen überstanden. Ich kann es nicht glauben."
Rodney betrachtete sich weiter im Spiegel, drehte sich hin und her und je länger er das machte, um so unzufriedener wirkte er..
„Was ist los?", wollte John wissen. „Du siehst wieder so aus wie vorher und Schmerzen hast du auch keine."
„Ich sehe nicht so aus wie vorher", stellte Rodney wehleidig fest. „Ich habe jetzt viel mehr Haare auf der Brust, dafür sind mir auf dem Kopf mehr Haare ausgefallen. Ich bekomme eine Glatze. Und das sind die eklatanten Nebenwirkungen des Tranks! Wisst ihr, was es bedeutet, wenn ich mich jeden verdammten Monat verwandle? In spätestens einem Jahr werde ich tatsächlich eine Glatze und ein Pelz wie ein Bär haben. Ich kann Frauen zwar mit meinem Genie beeindrucken, aber wenn ich mich so verändere, werde ich ihnen nicht nahe genug kommen können, dass sie mein Genie überhaupt bemerken. Das ist eine Katastrophe!"
Innerlich amüsiert musterte John seinen Freund aufmerksam. Auf dem Kopf konnte er keine Veränderung bemerken – Rodney hatte schon seit einiger Zeit Geheimratsecken. Auf der Brust waren es vielleicht ein paar Haare mehr geworden, aber das konnte John nicht beurteilen. Er hatte einfach nicht darauf geachtet, wie Rodney dort vorher ausgesehen hatte.
„Du siehst nicht viel anders aus als vorher", stellte er fest.
„Es ist ja auch nicht dein Körper, der sich verändert", sagte Rodney. „Außer mir achtet ja auch niemand auf meine Gesundheit. Und das, obwohl von mir so oft das Überleben der ganzen Station abhängt. Die Veränderungen mögen für dich subtil sein, aber sie sind eindeutig da. Erinnerst du dich an den Film, den wir vor der Invasion aufgenommen haben, um ihn zur Erde zu schicken? Da sah ich anders aus."
„Da warst du auch zwei Jahre jünger und wir hatten keine leichte Zeit."
„Dann schau dich doch mal an!" Rodney deutete mit seinen Finger auf John. „Du hast dich überhaupt nicht verändert, obwohl du ein halbes Jahr mehr gelebt hast."
„Ein halbes Jahr, das ich fast ausschließlich mit Meditation verbracht habe. Wenn da nicht diese Manifestation gewesen wäre, wäre ich vor Langeweile gestorben. Wie fühlst du dich, außer, dass du haarst wie ein räudiger Hund?"
John konnte sehen, wie Rodneys Temperament hoch kochte. Bevor es zur Explosion kam, schritt Madam Pomfrey ein. Sie betrat das Bad, bedachte John mit einem strafenden Blick und wandte sich an Rodney.
„Darf ich Sie kurz untersuchen, Dr McKay? Wenn alles in Ordnung ist, lasse ich Sie allein, damit Sie duschen können. Das wird auch ihr Haarproblem lösen."
Rodney blickte sie an, erwog ihr zu widersprechen und senkte dann ergeben seinen Kopf.
„Wenden Sie Ihren Voodoo-Zauber ruhig auf mich an. Ich bezweifle, dass es Auswirkungen auf mich hat. Und den Haarwuchs können auch Sie nicht rückgängig machen."
„Stimmt, weil es ein bei Ihnen ein ganz normaler Alterungsprozess ist. Es ist definitiv keine Nebenwirkung des Tranks."
Madam Pomfrey zückte ihren Zauberstab, murmelte eine Beschwörung und scannte Rodneys Körper.
Danach trat sie mit einem zufriedenen Lächeln zurück.
„Weder der Trank noch die Verwandlung haben irgendwelche Nachwirkungen auf ihren Metabolismus, Dr. McKay. Selbst Ihr Herz ist in keiner Weise belastet worden. Gratuliere, Professor Snape, Sie haben eine hervorragende Leistung erbracht. Dafür wird man Ihnen den Merlin-Orden verleihen."
„In Abwesenheit", knurrte Severus. Er stand im Eingang und beobachtete das Prozedere. „Ich habe nicht vor, in der nächsten Zeit zurückzukehren. Da meine Anwesenheit hier nicht mehr erforderlich ist, gehe ich weiter packen. John, wo treffen wir uns, damit ich mein Gepäck und die Kisten aus Hogwarts herausschaffen kann?"
„Ist dir die Wiese hinter der Peitschenden Weide recht? Soviel ich weiß, verläuft dort eine der Apparationsgrenzen."
„Wir sehen uns dort um zwei Uhr, damit Dr. McKay sich einen Überblick verschaffen kann, was ich eingepackt habe. Vielleicht entscheidet er, dass die Hälfte meiner Sachen überflüssig sind, und ich sie zurück lassen muss." Severus hob fragend eine Augenbraue.
„Ich werde gar nichts überprüfen!" Rodney sah Severus genervt an und übersah den hochgezogenen Mundwinkel, der anzeigte, dass der Tränkemeister sich sehr gut amüsierte. „Sie sind erfahren genug, um zu wissen, was Sie mitnehmen müssen. Und jetzt verschwindet aus dem Badezimmer. Ich will duschen und brauche keine Gaffer!"
Grinsend verließ John als Letzter das Bad.
Severus schloss gerade die Eingangstür hinter sich und Madam Pomfrey packte ihre Sachen zusammen. Als sie das Klicken des Schlosses hörte, blickte sie hoch und sah John an.
„Ich werde hier nicht mehr gebraucht. Sie erinnern sich an meine Bitte?"
John wusste sofort, was sie meinte.
„Ja, und ich werde auf die beiden aufpassen. Vielen Dank, dass Sie mir diese Nacht beigestanden haben."
„Nichts zu danken. Es war eine angenehme, ruhige Nacht, ohne Komplikationen. Bestellen Sie Dr. McKay viele Grüße. In einer halben Sunde beginnt die Tagschicht und ich möchte mich noch frisch machen."
„Das werde ich machen."
Die Heilerin nahm ihre Tasche und einen Händedruck später ging sie.
John verriegelte hinter ihr die Tür und wollte Dobby rufen, als er feststellte, dass der Elf den Tisch bereits für zwei Personen zum Frühstück gedeckt hatte.
John schüttet sich eine Tasse Kaffee ein und ging ins Schlafzimmer.
Im Schrank hingen nur die Sachen, die der Elf für ihn ausgesucht hatte. Alles andere hatte er bei Carter deponiert. John befürchtete, dass Caldwell keinen Zwischenstopp über Amerika machen würde, damit er seine Kleidung abholen konnte. Also entschloss er sich, einfach die Kleidung einzupacken und als Dank einige Münzen dazulassen.
Da Dobby jedem Gespräch auswich, hielt John es für die beste Lösung.
Als er seine Reisetasche ins Wohnzimmer brachte, saß Rodney am Tisch und frühstückte. John nahm das Buch der Antiker und wickelte es in ein Hemd ein, dann packte er es sorgfältig in die Tasche. Danach setzte er sich zu Rodney. Nur noch wenige Stunden und sie würden die Heimreise antreten. Rodney hatte überlebt und mit Severus und Hermine hatten sie eine Bereicherung für Atlantis angeworben.
Trotz allem hatte John das Gefühl, eine Niederlage erlitten zu haben.
„Hast du noch irgendwelche Pläne?"
Rodneys Frage schreckte John aus seinen Gedanken.
„Ich werde wohl McGonagall einen Besuch abstatten müssen, um mich für ihre Gastfreundschaft zu bedanken. Von Luna habe ich mich verabschiedet, bleibt nur noch Molly."
„Keine leichte Aufgabe." Rodney verschluckte das letzte Wort, als er mit Hingabe in ein Muffin biss. Mindestens sein fünftes.
John hatte sich auch ein Teil gesichert, das er mit Genuss verspeiste. Als er damit fertig war, hatte Rodney eine Tasse Kaffee inhaliert und noch drei weitere Muffins verschlungen.
„Du solltest nicht so viel essen. Sonst bist du bald wieder dick und rund."
Rodney zuckte mit den Achseln.
„Auch wenn der Verwandlungsblocker wirkt, werde ich nie wieder auf Außenmissionen können. Also muss ich nicht mehr um mein Leben laufen. Ich kann genau das essen, was ich will."
Demonstrativ nahm Rodney ein weiteres Muffin und biss davon ab.
„Und wenn die Wraith mal wieder Atlantis belagern? Wenn wir auf einem Planeten, dessen Mondphase wir kennen, die Hilfe unseres Chefwissenschaftlers brauchen? Vergiss es, McKay. Du wirst immer wieder um dein Leben laufen müssen. Und ich werde dafür sorgen, dass du schnell genug bist. Verstanden?"
Rodney zuckte zusammen, als John das letzte Wort mit sehr viel Nachdruck aussprach, hob dann abwehrend die Hände.
„Ja, ja, ich habe verstanden. Ich muss Zaubern lernen, werde Sport treiben und auch sonst alles machen, was du willst. Beschwer dich dann aber bitte nicht, dass ich keine Zeit mehr für meine Arbeit habe und auf Atlantis alles schief läuft. Das ist dann schlicht und einfach deine Schuld."
„Wenn du wegen Herzverfettung den nächsten Vollmond nicht überstehst, wem willst du dann die Schuld geben?"
Das letzte Muffin landete wieder auf Rodneys Teller.
„Und wenn ich deinen Anweisungen folge, dann kann ich dich verantwortlich machen, wenn mein Herz trotzdem verfettet?"
„Verdammt, Rodney! Jetzt versuche nicht, mich darauf festzunageln. Ich verstehe nicht genug von Medizin, um überhaupt eine Prognose zu machen. Aber wenn wir in drei Wochen auf Atlantis sind, wird Beckett sich sicher freuen, dich gründlich zu untersuchen und dir einen Fitnessplan aufzudrücken, den ich überwachen werde."
„Wieder etwas, auf das ich mich freuen kann. Wieso meinen diese Voodoodoktoren, dass ausgerechnet ich ihr Opfer bin?"
Grinsend lehnte John sich zurück.
„Weil du oft genug krank bist. Begleitest du mich, wenn ich Molly besuche?"
Rodney schüttelte den Kopf.
„Nein, dass tue ich weder mir noch Molly an. Du kennst sie von früher, aber mir wird sie die Schuld an dem Tod ihrer Kinder geben. Schließlich sind sie bei meiner Befreiungsaktion gestorben."
„Du schätzt Molly falsch ein. Das ist nicht ihre Art."
„Aber ich werde händeringend vor ihr stehen und keinen Ton herausbekommen, geh du nur. Das ist für alle besser."
John bezweifelte das, er würde sich wohler fühlen, wenn er nicht allein vor Molly stehen würde, doch er würde Rodney nicht noch einmal um Unterstützung zu bitten.
Er schob den Stuhl zurück, stand auf und schnallte sich seine Holster um und stöpselte das Headset ins Ohr, bevor er ging.
Nach längerem Suchen fand er Molly. Sie war in Charlies Hütte, saß an dem großen Tisch und diktierte einer magischen Feder.
„Hallo Molly!"
John trat ein, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und wartete auf ihre Reaktion. Sie hob abwehrend die Hand.
„… deswegen frage ich mich, ob das Ministerium wirklich in der Lage ist, uns erfolgreich zu beschützen. Ein besorgter Leser."
Eine Handbewegung und die Feder ging in Ruhestellung. Molly stand auf, ging zu John und drückte ihn.
Er erwiderte die Umarmung, fühlte sich aber bei diesem engen Körperkontakt nicht wohl. Er ertrug es Molly zuliebe.
„Hat Rodney die Verwandlung gut überstanden? Wie geht es ihm? Wann macht ihr euch auf den Heimweg? Stimmt es, dass ihr Severus und Hermine mitnehmen werdet? Setz dich zu mir und trink einen Tee, mein Junge. Und spann mich nicht so auf die Folter."
Das hatte John nicht erwartet. Er war davon ausgegangen, eine trauernde, zerbrochene Frau zu treffen und nicht auf das Energiebündel Molly Weasley.
Er löste sich von ihr und sah ihr in die Augen. Er sah die Wärme und das Mitgefühl, das sie immer für ihn aufgebracht hatte, aber auch eine Härte, die er selbst niemals spüren wollte.
Dann sah er sich in dem Raum um. Über den Tisch verstreut lagen Bücher und Zeitungen, vielfach konnte John Bilder von Rufus Scrimgeour erkennen.
„Rodney geht es gut, wir brechen in wenigen Stunden auf und Hermine und Severus kommen mit. Was zur Hölle machst du hier?" Fragend zog er die Augenbraue hoch.
„Das, was ich schon vor zehn Jahren hätte tun sollen, mein Junge. Ich bin eine erwachsene Frau und werde nicht länger der Spielball irgendwelcher Politiker sein. Rufus Scrimgeour und Dolores Umbridge werden nur noch kurze Zeit an der Spitze der Macht sein. Und das geht ohne deine Hilfe."
Molly stellte John eine Tasse hin, und schüttete ihm Tee ein, dann setzte sie sich hin.
„Wie willst du das schaffen? Indem du Leserbriefe an den Tagespropheten schreibst, die niemals veröffentlicht werden, weil sie anonym sind?"
John deutete auf die alte, unscheinbare Feder.
„Sie werden veröffentlicht werden. Glaube mir. Schau dir das hier an!"
Molly nahm die aktuelle Ausgabe des Tagespropheten von einem Stuhl und reichte die Ausgabe John.
‚Rätselhafte Vorgänge in Hogsmeaden! Wurde vielleicht doch ein Unverzeihlicher ausgesprochen?'
Für den Tagespropheten war die Titelseite ungewöhnlich gestaltet. Schwarz/weiß, keine bunte, blinkende Werbung, nur ein Bild von der Heulenden Hütte. So aufgenommen, dass es wie eine Muggelfotografie aussah.
John überflog den Artikel. Auf dem ersten Blick schien er belanglos zu sein, er berichtete über die Ortung des Unverzeihlichen, die darauf folgende Aktion der Auroren in Hogsmeaden, die Beschlagnahmung von etwa 50 Zauberstäben und die Feststellung, dass weder die Tatwaffe noch ein Opfer gefunden worden waren.
Der Tagesprophet spekulierte in zwei Richtungen. Entweder war es tatsächlich nur ein Fehlalarm, wie das Ministerium behauptete, oder die Auroren waren nicht schnell genug gewesen und die Täter hatten den Tatort mitsamt Opfer verlassen, lange bevor die Auroren eingetroffen waren.
Der Tagesprophet verlangte, dass Köpfe rollten, weil der gesamte Einsatz schlampig durchgeführt worden war.
Unterschrieben war der Artikel mit R.K.
„Seit wann schreibt die Kimkorn so etwas? Sie war doch Klatschreporterin."
„Schon seit einigen Jahren nicht mehr. Das Ministerium hat sie damals als Redakteurin für den Nachrichtenteil des Tagespropheten eingesetzt, in der Hoffnung, dass das einfache Volk noch weniger Informationen bekommt, aber trotzdem stillhält. Rita ist aber der Ansicht, dass Pressefreiheit und Informationsfluss wichtiger als alles andere sind und so treffen wir uns seit einigen Jahren in unregelmäßigen Abständen zum Kaffeekranz. Dort besprechen wir Strategien, welche Informationen trotz der strenge Zensur des Ministeriums veröffentlicht werden können."
„Das könnte ihr aber das Genick brechen." John deutete auf den Leitartikel, doch Molly schüttelte den Kopf.
„Dafür ist das Ganze schon zu sehr ausgeufert. Wenn sie Rita feuern, würde es bedeuten, ihr Recht zu geben. Das würde ein noch schlechteres Licht auf das Ministerium werfen als dieser Skandal. Ich wette, Dolores und Rufus haben sich schon ihr Bauernopfer ausgesucht."
Mollys Lächeln ließ nichts Gutes ahnen.
„Du hast Pläne, wie es weiter geht?"
„Ja, Severus hat Georges Leiche mit einem Stasisfeld umgeben, das den Zerfall aufhält. Charlie ist vermisst gemeldet, aber Fred wird für die nächsten zwei Wochen mit dem Zeitumkehrer dafür sorgen, dass niemand George vermisst. Wie genau wir George verschwinden lassen und dafür sorgen, dass einige Tage später seine Leiche gefunden wird, weiß ich noch nicht. Aber ich habe noch Zeit. Wenn man die Leiche findet und feststellt, dass der Unverzeihliche ihn umgebracht hat, werde ich die trauernde Mutter sein, die das Ministerium anklagt und öffentlich die Frage stellt, ob Charlie vielleicht das erste Opfer in Hogsmeaden war."
Sie grinste ihn verschmitzt an.
„Du ziehst das wirklich durch?"
„Du hast es erfasst, mein Junge. Das Ministerium ist schuld, dass zwei meiner Jungs tot sind. Ich habe nur noch Fred. Und bevor ihm etwas zustößt, müssen sie an mir vorbei. Und wenn ich selbst Minister werden muss, um etwas zu verändern."
„Wenn du Scrimgeour stürzen willst, solltest du bei passender Gelegenheit der Frage stellen lassen, ob er nicht erschöpft aussieht."
Molly nickte.
„Es würde helfen, ihn zu demoralisieren. Ich werde daran denken. Danke für den Tipp."
„Gern geschehen, Molly."
Es war Zeit, sich zu verabschieden. John war sich sicher, dass er Molly hier und heute zum letzten Mal sah. Wie sollte er es vernünftig hinter sich bringen?
„Du bist nur hergekommen, um Rodney zu helfen?"
John nickte.
„Dann war deine Mission erfolgreich und du kannst mit gutem Gewissen nach Hause reisen."
„Ich habe trotz allem das Gefühl, viel zu viel zurückzulassen. Und das will ich nicht."
„Du lässt niemanden zurück. Diese Welt ist unsere Heimat und es ist unsere Entscheidung zu bleiben. Die, die wirklich weg wollen, nimmst du mit."
„Sicher? Was ist mit dir?"
„Ich bleibe hier, es wäre ja noch schöner, wenn mich das Ministerium aus meiner Heimat vertreibt. Ich werde etwas verändern, nicht gehen. Doch du solltest dich auf den Weg machen, bevor du sentimental wirst, mein Junge."
Lächelnd schüttelte John den Kopf. Er war alles, nur nicht sentimental.
„Du kommst wirklich zurecht?"
„Ja, mach dir keine Sorgen, ich werde es schaffen, die Verhältnisse zu ändern."
John dachte an Lunas Prophezeiung und wusste, dass sie mal wieder Recht hatte. Sie war wirklich die größte Seherin ihrer Zeit.
„Gut, dann lasse ich dich jetzt allein. Ich muss noch zu McGonagall, um mich zu verabschieden."
„Dann zieh dich warm an. Sie ist gar nicht glücklich, dass du ihren Stellvertreter und die Hauslehrerin von Gryffindor abgeworben hast. Sie hat mir gestern gesagt, dass man ihre Gastfreundschaft noch nie so hart bestraft hat."
„Ich kann es mir vorstellen, aber die Tatsache, dass ich Severus und Hermine mitnehme, bereitet mir kein schlechtes Gewissen. Sie wären sowieso gegangen – notfalls in die Muggelwelt."
„Da hast du Recht. Und jetzt geh! Ich habe noch zu arbeiteten."
John hatte schon befürchtet, dass sie ihn noch einmal umarmen, ihm vielleicht sogar einen Kuss auf die Stirn drückte, stattdessen nickte sie ihm zu und vertiefte sich in eine Zeitung.
John verließ erleichtert Charlies Hütte. Er war noch nie gut bei Verabschiedungen gewesen und war froh, dass Molly es ihm so leicht machte.
Kurz darauf stand er vor dem Wasserspeier und wartete darauf, dass Minerva McGonagall ihn zu sich ließ. Es dauerte eine halbe Stunde, bis er endlich die Stufen hochsteigen konnte und ihre eisige Mine zeigte, dass er in Ungnade gefallen war.
Sie hielt ihm eine Standpauke über die Gastfreundschaft und wie er diese missachtet hatte, indem er Severus und Hermine verführt hatte, Hogwarts zu verlassen.
John ertrug die Standpauke genau so, wie er alle anderen Standpauken seiner Vorgesetzten ertrug. In Hab-Acht-Stellung, die Hände hinter dem Rücken und mit ausdrucksloser Mine.
Als sie eine Pause machte, um Atem zu holen, versuchte er, sich zu entschuldigen. Schließlich war es wirklich nicht nett, dass Hermine und Servers mitten im Schuljahr das Handtuch warfen und die Schuler verließen. Doch mit einem eisigen Blick, brachte Minerva ihn zum Schweigen, danach überhäufte sie ihn mit weiteren Vorwürfen. John ertrug sie und versuchte nicht mehr, sie zu unterbrechen. Einzig Dumbledores Portrait, das ihm ständig zuzwinkerte, lenkte ihn ab.
Als McGonagall endlich fertig war – sie hatte viel zu lange lamentiert, musste John an sich halten, nicht die Tür hinter sich zuzuknallen. Sie war verdammt noch mal nicht mehr seine Hauslehrerin und es war Hermines und Severus freie Entscheidung gewesen, aber jeder Widerspruch hätte alles eskalieren lassen.
Jetzt wollte er nur noch weg. Weg von Hogwarts, von allem Magischen, das ihn an die Menschen erinnerte, die er zurückgelassen hatte.
Im Laufschritt eilte er zu seinem Quartier im Keller, hoffend, dass Rodney fertig gepackt hatte und sie aufbrechen konnten.
Im Wohnzimmer saß Rodney lesend am Tisch und hatte eine Tasse Kaffee vor sich stehen. Er sah hoch, als John den Raum betrat.
„Lass mich raten: Molly hat dir Vorwürfe gemacht, dass du für den Tod ihrer Kinder verantwortlich bist. Wenn ja, dann gehe ich jetzt zu ihr und sage ihr meine Meinung."
„Mit Molly ist alles in Ordnung. Kein Vorwurf, keine zerbrochene Frau, sondern voll mit Racheplänen. Die magische Welt wird noch ihr Wunder erleben."
„Und was hat dich sonst so aufgeregt?"
„Professor McGonagall. Deswegen werde ich keine Sekunde länger als notwendig ihre liebenswürdige Gastfreundschaft in Anspruch nehmen. Du hast gepackt?"
„Viel zu packen gab es nicht, eigentlich ist alles, was ich von Atlantis mitgenommen habe, noch bei Sam." Rodney deutete auf die Tasche, die auf einem Stuhl stand. „Das und die Zutaten für den Verwandlungsblocker ist alles, was ich brauche. Von mir aus können wir los."
„Gut!" John nickte, ging in sein Zimmer und holte seine Sachen. Den Beutel mit Münzen deponierte er auf seinen Nachttisch und legte den Zettel ‚Für Dobby' daneben. Dann ging er.
Sie verließen Hogwarts , ohne zurückzublicken.
Obwohl sie viel zu früh waren, war Hermine schon am Treffpunkt. Sie dirigierte die Kisten, die von Hogwarts aus geflogen kamen. Es waren schon viele, die fein säuberlich aufgereiht darauf warteten, hochgebeamt zu werden, doch es schienen noch viel mehr zu sein, die in einer endlosen Reihe angeflogen kamen.
John zweifelte ernsthaft, dass auf der Daedalus genug Platz war.
Es dauerte noch fünf Minuten, dann versiegte der Strom der Kisten. Hermine ließ den Zauberstab sinken und blickte sie an.
„Ihr seid früh dran, wir wollten uns erst in einer Stunde hier treffen."
„Ich habe es vorgezogen, Professor McGonagalls Gastfreundschaft keine Sekunde länger als notwendig zu beanspruchen. Was wollt ihr mit den ganzen Kisten? Soviel Platz habt ihr niemals."
„Sie sind noch nicht geschrumpft. Severus will es erst auf der Daedalus machen, da er nicht einschätzen kann, wie magisch geschrumpfte Gegenstände auf das Beamen reagieren." Rodney ging zwischen den Kisten auf und ab und betrachtete neugierig die Beschriftung. John konnte sehen, wie er immer wieder zustimmend nickte.
Kurz darauf stieß Severus zu ihnen. Er wirkte erschöpft, aber auch zufrieden.
„Ich bin startbereit. Jetzt kann ich nur noch warten, bis wir - wie nennt ihr das? -hochgebeamt? werden."
Hermine schlang von hinten ihre Arme um ihn.
„Hochgebeamt ist richtig. Und jetzt komm zur Ruhe, du hast die letzten zwei Tage so gut wie gar nicht geschlafen."
„Ja, und? Es hat Zeiten gegeben, da musste ich dieses Pensum wochen- und monatelang durchhalten, um zu überleben."
Severus ließ sich in die Umarmung sinken und entspannte sich.
„Daedalus an Colonel Sheppard. Bitte kommen!"
Es war viel zu früh für den Ruf des Raumschiffes. Irgendetwas musste passiert sein.
„Sheppard hier. Was ist los?"
„Wir haben Alarmstufe Rot, Sir. Es ist zu befürchten, dass die Ori sich für diesen Raumsektor interessieren. Das SGC macht das Stargate und sämtliche verdächtigen Energiequellen dicht und wir müssen innerhalb der nächsten zehn Minuten den Erdorbit verlassen. Sind Sie bereit zum Beamen, Sir?"
Das war gar nicht gut.
„Vier Personen sind bereit."
„Verstanden."
Kaum hatte John ausgesprochen, als es vor seinen Augen schwarz wurde. Er rematerialisierte auf der Brücke der Daedalus. Genau wie die anderen.
Rodney reagierte als Erster.
„Colonel Caldwell, auf der Erde befindet sich noch wichtige Ausrüstung für die Labors. Sie muss hochgebeamt werden."
„Wir müssen in weniger als fünf Minuten den Erdorbit verlassen und alles tun, um den Verdacht der Ori abzulenken. Ihr Gepäck ist unwichtig."
John sah die angespannten Gesichtszüge des Kommandanten und schritt ein.
„Können Sie nicht soviel wie möglich hochbeamen? Notfalls in die Gänge, wir werden es dann später wegräumen, das Material ist wirklich wichtig, Sir."
„Wenn es die Kisten sind, die unten sind, dann brauchen wir 3,35 Minuten, um alles hochzubeamen, Sir." Hermiod berührte einige Tasten und sah den Kommandanten fragend an.
Caldwell sah sich mit den bittenden Blicken von vier Personen konfrontiert und gab sich geschlagen.
„Hermiod, beamen Sie es hoch, aber bitte nicht in die Hauptgänge. Sie haben drei Stunden, um alles zu verstauen. Ist das klar?"
„Ja, Sir."
John nickte bestätigend und gab den anderen ein Zeichen, gemeinsam verließen sie die Brücke, um sich um Severus Gepäck zu kümmern.
Knapp vier Stunden später war alles verstaut. Hermine und Severus hatten ihre magische Kräfte eingesetzt, um nicht jede Kiste einzeln tragen zu müssen, trotzt allem war John schweißgebadet.
Alles war in dem Lagerraum verstaut worden, selbst für den Kaffee hatten sie noch genügend Platz gehabt.
Kurz nachdem sie mit der Arbeit angefangen hatten, kam eine Durchsage, die ab sofort die Benutzung jeglicher Funkgeräte untersagte.
So machte sich John auf den Weg zur Brücke, um Caldwell Bericht zu erstatten.
Er stand in seinem Aufenthaltsraum am Fenster und blickte auf die Sterne, die an ihnen vorbei flogen.
John räusperte sich.
„Haben Sie alles verstaut?"
„Ja, Sir, das haben wir."
„Ich hätte nie gedacht, dass ich Sie um ihren Job auf Atlantis beneide. Aber im Vergleich zu den Ori sind die Wraith harmlos."
„Ja, Sir."
„Wenn wir Sie und die Vorräte auf Atlantis abgesetzt haben, werden wir wahrscheinlich für lange Zeit nicht wiederkommen können. Die Ori werden und zwingen all unsere Kräfte in der Milchstraße zu bündeln."
„Ja, Sir."
John dachte an das Buch in seiner Tasche und wusste, dass sie mit etwas Glück demnächst nicht mehr auf die Ressourcen der Erde angewiesen waren.
Und Caldwell hatte Recht, die Wraith waren im Vergleich zu den Ori das kleinere Übel. Er war froh, auf dem Heimweg zu sein.
Auch wenn es sich nicht so anhört - ihr habt noch ein Kapitel vor euch, bevor die Story zu Ende ist.
