Kapitel 1
Träume
Mit Tränen in den Augen erwachte Hermine Granger, Junghexe und Schulsprecherin auf der Zaubererschule Hogwarts, aus ihrem Schlaf. Noch ganz benommen setzte sie sich auf und wischte sich mit dem Ärmel ihres Nachthemdes die Tränen ab. Der Traum war ihr noch ganz frisch im Gedächtniss. Was hatte das zu bedeuten? Warum träumte sie in letzter Zeit immer wieder den selben Traum. Und warum kam es ihr weniger wie ein Traum und eher wie eine... Erinnerung vor? Diese Frau mit dem Kind auf dem Arm.... sie tat ihr Leid. Hermine konnte jedes mal den Schmerz im Gesicht der jungen Mutter sehen, als ihr Kind einfach so verschwand. Wer sie wohl war? Und der Mann? Wer war er? Ihrendwie kamen ihr die beiden seltsam vertraut vor... aber im nächsten Moment waren sie wieder Fremde für Hermine. Sie würde so gerne verstehen, was das Paar in ihrem Traum sprach. Aber niemals hörte sie ein Wort. Es war wie ein Stummfilm, der in ihrem Kopf immer und immer wieder abgespielt wurde. Was hatte das bloß zu bedeuten?
Hermine Granger war inzwischen lange genug Hexe um zu wissen, dass Träume durchaus etwas zu bedeuten haben können. Und sie hatte einfach das bestimmte Gefühl, dass dieser Traum für sie wichtig war. Ein Blick auf die Uhr sagte Hermine, dass es erst 06:00 Uhr war. Und das an einem Samstag! Sie musste herausfinden, was dieser Traum ihr sagen wollte! Sonst würde sie immer wieder wach im Bett liegen und sich den Kopf darüber zerbrechen. Und Hermine Granger war eine Hexe, die ihre Probleme zu lösen versuchte und sie nicht verdrängte. Und genau aus diesem Grund schwang sie die Beine aus dem Bett und zog sich leise an, um ihre Mitschülerinnen nicht zu wecken. Sie hüllte sich in ihren neuen Umhang und schlich aus dem Schlafsaal.
Wie gerne würde sie jetzt einfach zu Harry und Ron gehen um mit ihnen über ihren Traum zu reden. Früher waren sie immer für einander da gewesen. Doch seit auch Ron im Quidditch-Team der Gryffindors aufgenommen wurde bekam sie ihre beiden Freunde kaum noch zu Gesicht. Sie trainierten, aßen und schliefen. Hermine war für sie nur noch interessant, wenn sie ihnen halb ihren Berg an Hausaufgaben abzuarbeiten. Natürlich war Hermine klug genug, um zu wissen, dass ihre beiden Freunde erwachsen wurden. Wahrscheinlich waren sie gerade mitten in der Pubertät und interessierten sich daher eher für Sport und Freunde.... Freunde! Nicht Freundinnen. Gut möglich, dass es ihnen einfach nur peinlich war, mit Hermine gesehen zu werden. Sie war ein Mädchen und eine Streberin... "Jungs sind so bescheuert!" murmelte sie vor sich hin während sie den Gemeinschaftsraum betrat.
Wie erwartet, war keine Menschenseele außer ihr schon wach. Einen Moment überlegte sie, ob sie sich nicht einfach vor das Feuer in einen Sessel setzen und Haushaufgaben machen sollte. So viel Ruhe hatte man im Gemeinschaftsraum sonst nie. Aber der Traum beschäftigte sie immer noch zu sehr. Sie würde sich ehe nicht auf ihren Verwandlungs-Aufsatz konzentrieren können. So viel war klar. Da sie Harry nicht fragen wollte, gab es nur noch eine Möglichkeit für sie, etwas über seltsame Träume herauszufinden. Ein Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. Die Bibliothek natürlich!
Als die junge Gryffindor die Tür zur Bibliothek aufstieß war noch niemand hier zu sehen. Kein Wunder, schließlich schlief das ganze Schloss noch. Allerdings war hier auch am Nachmittag nicht besonders viel los. Vielleicht war dieser Ort deshalb Hermines liebster überhaut. Hier konnte sie stundenlang in uralten Büchern stöbern, in Ruhe Hausaufgaben machen, lernen oder einfach nur die Ruhe genießen. Selten störte sie hier jemand. Ron kam aus Prinzip nie mit in die Bibliothek (zu viele Bücher, sagte er immer) und wenn Harry einmal mitkam, dann blieb er höchstens eine Stunde und verschwand dann wieder zum Quidditchtraining. Wie konnte es jemand toll finden, sich bei jedem Wetter durch die kalte Luft zu schwingen und sich von fliegenden Bällen halb tot schlagen zu lassen? Das würde Hermine wohl nie verstehen. Sie beschäftigte sich lieber mit sinnvolleren Dingen, wie dem Stöbern in Büchern. Liebevoll sah sie sich in der etwas düsteren und staubigen Bibliothek um. Ja, hier fühlte sie sich willkommen.
Ihr Blick wurde jedoch sogleich etwas missmutiger, als sie sich der Wahrsageabteilung näherte. Ron würde sie jetzt sicher ungläubig anstarren. Hermine hatte schließlich schon in der 3. Klasse zu verstehen gegeben, dass sie mit so etwas Unsinnigem wie Wahrsagen nichts zu tun haben wollte. Doch das Buch Traumdeutungen für jedermann fand man nun einmal nur hier. Hoffentlich stand darin nicht nur Blödsinn... Wenn sie an die Wahrsagelehrerin Trelawny dachte, schüttelte es sie schon. Noch nie, hatte Hermine eine so unfähige Lehrerin gesehen. Selbst in der Muggel-Welt nicht. Kurz überlegte sie, ob sie nicht einfach umdrehen sollte. Das war doch alles nur Wischiwaschi. Traumdeutung! Aber wenn sie es nicht versuchte, würde sie niemals herausfinden, was es mit ihrem seltsamen Traum auf sich hatte. Also ging sie tapfer weiter, bis sie vor einem langen Bücherregal stand, in dem nur Bücher zum Thema Wahrsagen zu finden waren.
Die Schulsprecherin ließ ihren suchenden Blick über die Titel auf den Buchrücken wandern und verzog dabei leicht das Gericht. Büchern wie Haben sie die Fähigkeit in die Zukunft zu sehen? oder Schicksal – Kann man es ändern? konnte man doch nicht ernst nehmen. Hermines Meinung, dass Wahrsager nicht ganz richtig im Kopf sein konnten, verfestigte sich mit einem Mal noch mehr. Plötzlich blieb ihr Blick an einem Buch ‚Der Blick in die Vergangenheit' hängen. Es war schon ziemlich alt und verstaubt. Anscheinend wurde es selten in die Hand genommen. Hermine streckte sich etwas und stellte sich auf die Zehenspitzen um an das schwere, in Leder gebundene Buch zu kommen. Vorsichtig und auch etwas zögernd zog sie es schließlich aus dem Regal und wirbelte dabei einiges an Staub auf. Hermine musste husten und warf das Buch schnell auf einen kleinen Tisch am Fenster. Da bestand ja Erstickungsgefahr! Als der Staub sich wieder gelegt hatte traute sie sich näher an das Buch heran und strich mit dem Zeigefinger vorsichtig über den alten Einband, auf dem der Titel in goldenen Lettern stand. Jedoch war kein Autor genannt. Dieser Tatsache schenkte Hermine allerdings keine Beachtung. sie war viel zu fasziniert von dem Buch. Wie gebannt blickte sie es an und strich immer wieder mit dem finger über die Buchstaben darauf.
Schließlich riss sie sich los und schlug das Buch mit ruhiger Hand auf. Die Schrift war sehr, sehr alt. Ein Wunder, dass dieses Buch noch existierte. Und vor allem, dass es ungeschützt im Regal stand. Die Bibliothekarin schien die Wahrsageabteilung wohl auch nicht besonders zu mögen, sonst wäre ihr sicher aufgefallen, dass darin ein sehr wertvolles Buch verstaubte. Das Buch war in einer Schrift geschrieben, die mit der von heute gar nicht mehr zu vergleichen war. Zum Glück hatte Hermin sich schon immer für vergessene Schriften interessiert und so konnte sie mit einiger Mühe das Geschriebene entziffern. Die Neugier hatte sie gepackt und so zog sie sich einen Stuhl heran um ihre Nase in das alte Buch zu stecken.
Hermine hatte gerade angefangen, das Vorwort zu lesen, als sie hörte, ie die Tür der Bibliothek geöffnet wurde. Und ohne zu wissen warum kam sie sich ertappt vor. Als hätte sie etwas Verbotenes getan. Das war natürlich Unsinn und das wusste sie auch, trotzdem war ihr seltsam zu mute. Mit klopfendem Herzen sprang sie auf und schlug das Buch zu. Sie würde es sich einfach ausleihen und lesen, wenn sie alleine im Schlafsaal war. Erst einmal musste sie nach dem eigentlichen Buch suchen, weshalb sie gekommen war. Gerade hatte sie das besagte Buch gefunden, als sie Schritte näher kommen hörte. Hastig drehte sie sich um und wollte aus der Wahrsageabteilung verschwinden. Sie gab es zwar nicht gerne zu, aber es wäre ihr peinlich, dort gesehen zu werden. Doch sie kam gar nicht mehr so weit. Vor ihr stand... "Malfoy!" Hat man vor dem denn nie Ruhe? Nicht einmal an einem Samstagmorgen? "Was willst du denn schon so früh hier?" fragte sie schnippisch und versuchte sich dabei unauffällig von der Bücherabteilung zu entfernen. Das fehlte ihr gerade noch, dass ausgerechnet der arrogante und verhasste Malfoy sie mit Wahrsagebüchern erwischte. Bald würde es die ganze Schule wissen! Die Bücher versteckte sie - wie sie hoffte - unauffällig unter ihrem Umhang.
"Was i c h hier will? Findest du nicht, dass ich ein wenig mehr Recht habe, mich hier aufzuhalten, als ein Schlammblut? Schließlich ist das hier eine Zauberschule!" schnaubte Malfoy verächtlich und blickte sie böse an. Die Wut kochte in Hermine. Wieso hielt dieser Fiesling sich nur immer für etwas Besseres? Natürlich hatte er sie im Laufe der letzten sieben Jahre mehrfach Schlammblut genannt... aber es tat immer noch weh. Schließlich beleidigte er damit nicht nur sie, sondern auch ihre Muggel-Eltern. Und diese waren zwei Goldstücke. Nettere und hilfsbereitere Menschen konnte man einfach nicht finden. Malfoys Eltern hingegen, waren weder nett noch hilfsbereit. Eher eingebildet und hinterhältig. Und hätten ihre Eltern sie nicht so gut erzogen, dann hätte sie Malfoy schon längst einen bösen Fluch aufgehetzt. "Du kannst mich mal Malfoy!" zischte Hermine ungehalten und schob sich an ihm vorbei. Mit diesem Wicht wollte sie sich nicht weiter abgeben. Sollte er sich doch weiter in seiner Selbstverherrlichung wälzen, wenn es ihn so befriedigte! Wütend stapfte Hermine zum Ausgang der Bibliothek. Das Buch unter ihrem Umgang fest umklammert.
Immer noch sauer betrat sie den Gemeinschaftsraum, in dem inzwischen schon ein bisschen Leben herrschte. Die Frühaufsteher wurden langsam munter. In ihrer Aufregung vergaß sie komplett, dass sie ja eigentlich nachforschen wollte, was es mit ihrem Traum auf sich hatte. So wüten wie sie war, schmiss sie die ausgeliehen Bücher jedoch nur in eine Ecke auf ihrem Schreibtisch, in der es von Pergamentrollen begraben wurde. Sie musste sich abreagieren und so beschloss sie, einen kleinen Spaziergang am See zu machen. Das würde ihr gut tun. Frische Luft klärte die Gedanken.
Als Hermine nach einer guten Stunde wiederim Gemeinschaftsraum auftauchte, war dieser schon gut gefüllt. Ihre Mitschüler machten sich langsam auf den Weg zum Frühstück. Heute war Samstag. Daher würden die meisten ihrer Mitschüler wohl nach dem Frühstück aufbrechen, um nach Hogsmeade zu gehen. Fein, dann hatte sie mehr Zeit für sich um ihre Hausaufgaben zu machen. An Hogsmeade-Samstagen war der Gemeinschaftsraum immer wie ausgestorben. In Wahrheit würde Hermine auch gerne einmal wieder nach Hogsmeade gehen. Sie war früher immer gemeinsam mit Harry und Ron gegangen. Doch die beiden gingen inzwischen lieber mit den anderen Gryffindor-Jungs, als mit ihr. Mit denen konnte man mehr Spaß haben, sagten sie. Und andere Freunde hatte sie nicht. Natürlich könnte sie mit Lavender oder Parvati gehen... aber die beiden nervten sie immer nach einiger Zeit. Die hatten nur ihre aktuellen Freunde, Hexen-Zeitschriften und die neuste Mode im Kopf. Die beiden dachten nie an die wirklich wichtigen Sachen im Leben. Und das regte Hermine früher oder später immer wieder auf. Daher hatte sie sich angewöhnt, nicht mehr nach Hogsmeade zu gehen und in der Zeit lieber die Ruhe zu nutzen, um ihre Hausaufgaben zu erledigen. Das war eh viel sinnvoller...
Mit einem traurigen Seufzen schloss Hermine Granger sich ihren Mitschülern an, um alleine in die Große Halle zum Frühstück zu gehen. Auch wenn sie nicht besonders viel Hunger hatte.
