Kapitel 2
Schock am Morgen
Als Hermine kurze Zeit später an dem Gryffindor-Tisch saß und in ihrem Rührei herum stocherte, dachte sie immer noch an ihren seltsamen Traum. Von ihrem Traum wanderten ihre Gedanken zu ihrem Ausflug in die Bibliothek. Und da fiel ihr auch schon der kleine Zwischenfall mit Malfoy wieder ein. Dieser arrogante Schönling würde sich wohl niemals ändern. Schon seit der ersten Klasse nutzte er jede Chance um Hermine daran zu erinnern, dass sie Muggel-Eltern hatte und seiner Meinung nach nicht nach Hogwarts gehörte. Sie war in seinen Augen nicht würdig genug, um in diesen Hallen die Kunst der Magie zu erlernen. Düster starrte sie zum Slytherin-Tisch hinüber, nur um festzustellen, dass Draco Malfoy noch nicht beim Frühstück war.
Alles an ihrem Leben hier änderte sich... nur Malfoy nicht. Er blieb gewohnt boshaft. Wenn doch nur Harry und Ron genauso unveränderlich wären. Natürlich änderte auch sie sich. Das war der jungen Gryffindor durchaus bewusst. Aber dennoch wünschte sie sich ihre besten Freunde zurück. Immer mehr wurde sie zur Einzelgängerin. Sie verbrachte noch mehr Zeit als sonst in der Bibliothek und wurde in der Schule ebenso erfolgreicher. Prof. McGonagall hatte sich sogar schon einmal mit ihr zusammen gesetzt um mir ihr ihre Zukunft zu besprechen. Die Professorin war der Ansicht, dass Hermine es weit bringen könnte. Ihrer Meinung nach sollte sie Aurorin werden, Bücher schreiben, in die Magie-Forschung gehen oder aber Lehrerin werden. Als Hermine diesen beiläufig erwähnten Vorschlag gehört hatte, war ihr für einen Moment die Luft weg geblieben. Lehrerin auf Hogwarts werden! Das war ihr Traum! Und McGonagall schien in diesem Punkt an sie zu glauben.
Ein fröhliches „Morgen Hermine" ließ sie aufblicken. Neville... Er hatte sich auch verändert. Er war selbstbewusster geworden und das sah man ihm auch an. Nichts war mehr übrig von dem schüchternen und tollpatschigen Gryffindor. Nur noch die Liebe zu den Pflanzen und Kräutern ließ erahnen, dass es sich hier um Neville handelte. Das war wohl auch der Grund warum er seit einigen Wochen Ginny Weasley seine feste Freundin nennen konnte. Die beiden gaben ein sehr harmonisches Paar ab. Wer hätte das gedacht? Die eigensinnige und mutige Ginny und der schüchterne, ungeschickte Neville. Aber es funktionierte. Die beiden ergänzten sich gut und schienen glücklich zu sein. Leiser Neid machte sich in Hermine breit. Doch bevor sie komplett in Selbstmitleid versinken konnte setzte sich Neville auch schon neben sie. Ihre guten Manieren hatten ausgeschlafen und entschlossen sich dazu, endlich zu reagieren: „Guten Morgen Neville." grüßte sie daher freundlich zurück und beobachtete aus den Augenwinkeln wie ihr Mitschüler seiner Freundin Ginny einen kurzen Guten-Morgen-Kuss auf die Wange drückte.
Gerade noch konnte Hermine sich ein Seufzen verkneifen. Sie hätte auch gerne jemanden an ihrer Seite. Früher hatte sie ja immer gedacht, sie und Ron würden ein Paar werden. Aber der war inzwischen zu gar nichts mehr zu gebrauchen, was auch nur annähernd in Richtung Freundschaft ging. Sie hatte zwar ab und zu probiert, eine Beziehung zu führen aber es klappte einfach nicht. Es war nicht so, dass die Jungs nicht an ihr interessiert waren. Vielmehr war es so, dass sie sich einfach nicht dazu durchringen konnte, mit jemandem ernsthaft zusammen zu sein ohne ihn zu lieben. Schon immer hatte Hermine an die wahre Liebe geglaubt. So wie bei ihren Eltern. Ihre Eltern liebten sich auch nach vielen Jahren Ehe noch so wie am ersten Tag. Sie wollte einen Partner haben, auf den sie sich den Rest ihres Lebens verlassen konnte. Den hatte sie aber leider bisher nicht gefunden. Also hieß es warten und weiterhin neidisch sein, wenn Neville seine Freundin küsste.
Hermine schon ihr Rührei zur Seite und nahm sich eine Banane. Sie hatte nicht wirklich Hunger. Warum war sie eigentlich zum Frühstück gegangen? Lustlos nippte sie an ihrem Kürbissaft und blickte zur Tür, als diese wieder einmal geöffnet wurde. Harry und Ron kamen herein und steuerten den Gryffindor-Tisch an. Beide sahen ziemlich verpennt aus und Hermine fragte sich wieder einmal, wie man so lange schlafen konnte. Sobald sie ihre seltsamen Träume los war würde sich auch endlich wieder einmal ausschlafen können. Wie sehr sie sich darauf freute! aber selbst dann würde sie niemals bis halb 9 schlafen! (*g*) Die beiden Jungs waren unmöglich.
"Morgen allerseits" brummte Ron und ließ sich Hermine gegenüber auf die Bank fallen um sofort damit anzufangen, alles Essbare in seiner Nähe auf den Teller vor sich zu schaufeln. Harry nickte ihr zu und setzte sich neben Ron. Beide gähnten ununterbrochen, als hätten sie viel zu wenig Schlaf abbekommen. Harry hob wenigstens seine Hand, um sich den Mund zu zu halten. Ron schaffte dies gar nicht mehr, da er viel zu sehr damit beschäftigt war, Essen in sich hinein zu stopfen. Dabei sah das Gähnen natürlich besonders... attraktiv aus. Hermine verdrehte innerlich die Augen. Jungs!
„Ich musste ihn halb aus dem Bett prügeln. Wir wollten den Samstag doch ganz fürs Quidditch haben. Also heißt es früh aufstehen." Grinste Harry und nahm sich ebenfalls Rührei und Würstchen auf den Teller. Hermine schüttelte verständnislos den Kopf. Dass diese Verrückten auch nur an ihr Training denken mussten. Hatten die auch noch was anderes im Kopf? Schule und Lernen zum Beispiel? „Wollt ihr nicht endlich einmal eure Hausaufgaben machen? Wie meinst du reagiert McGonagall darauf, wenn ihr wieder einmal nicht eure Hausaufgaben gemacht habt?" fragte sie deshalb spitz und aß dabei ihre Banana auf. Sie wollte schnell weg von hier. „Wir schreiben einfach kurz vor der Stunde von dir ab." Brummte Ron und sah kurz von seinem Essen auf, um sie frech anzugrinsen.
Hermine gab ein verächtliches Schnauben von sich und schüttelte energisch den Kopf, so dass ihre braunen Locken wippten. „Das würde euch so passen. Aber ich habe euch bereits gesagt, dass ich euch nicht mehr abschreiben lasse. Statt immer nur fliegende Bälle und Besen im Kopf zu haben solltet ihr einmal an die Wichtigen Dinge im Leben denken." Schimpfte sie und sah Ron dabei wütend an. Sie wurde ausgenutzt von allen beiden! Zum Hausaufgaben abschreiben war sie also gut genug! Aber gemeinsam mit ihr nach Hogsmeade gehen wollten sie nicht mehr!
Verärgert wandte sie sich ab und verwickelte Neville und Ginny in ein Gespräch. "Na, was habt ihr beide heute vor? Romantischen Tag in Hogsmeade?" fragte sie und hörte wie Ron leise zu Harry sagte: „Was hat die denn mal wieder für Probleme?" „Keine Ahnung. Vielleicht hat sie ihre Tage?" schlug Harry vor und beiden Jungs grinsten sich bei diesem Gedanken an.
Nachdem Neville und Ginny sich auf den Weg nach Hogsmeade gemacht hatten saß Hermine schweigend an ihrem Platz und trank einen Kaffee während sie ihre Nase in ein Buch für Zauberkunst steckte. Sie blickte erst wieder auf, als die Eulen mit der Morgenpost hereingeflattert kamen. Sofort erkannte sie ihre Eule Hubertus, die sie letzten Sommer von ihren Eltern bekommen hatte. Diese hatten gemeint, es wäre nötig. Hermine war der Meinung, die Schul-Eulen würden es auch tun. Aber wie immer, hatten ihre Eltern gewonnen und ihr die Eule gekauft. Insgeheim freute Hermine sich darüber. Bekam sie doch dadurch inzwischen viel öfter Post von ihren Eltern.
Diesmal schien Hubertus auch einen Brief für sie dabei zu haben. Freudig packte sie ihr Buch weg und beobachtete ihre Eule bei der Landung. Als der braun-rote Kauz vor ihr auf dem Tisch saß nahm sie ihm den Brief ab und gab ihm ein Stück Brot und ein Schälchen Wasser ehe sie sich daran machte den Brief zu untersuchen. Er sah merkwürdig aus. Nicht wirklich sehr persönlich, also nicht von ihren Eltern. Leicht verwirrt drehte sie den Brief um und suchte nach dem Absender, fand aber keinen. Mit einem Schulterzucken öffnete sie den Brief und zog ein gefaltetes Stück Pergament heraus. Es sah... amtlich aus. War das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Irgendwie wurde Hermine flau um Magen. Hubertus machte sich gerade wieder auf den Weg als sie das Pergament entfaltete und zu lesen begann:
Sehr geehrte Ms. Granger,
leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass Ihre Eltern, Catherina Liliana Granger und Bob George Granger in der vergangenen Nacht bei einem schweren "Automobil"-Unfall ums Leben gekommen sind.
Die zuständigen Muggel wollten sich direkt an sie wenden, doch unsere Abteilung hat sich zum Schutze der Zaubererwelt darum gekümmert, dass niemand nachforschen wird, wo genau Sie sich derzeit aufhalten.
Professor Dumbledore wurde benachrichtigt und er wird sich darum kümmern, dass Sie zeitnah zu den Muggels nach London gebracht werden, um die testamentarischen Angelegenheiten zu klären.
Herzliches Beileid
Ihre
Cordula Silverstone
Abteilung für Todesfälle natürlicher und magischer Art
Nachdem das Mädchen den Brief ein zweites und sogar noch ein drittes mal gelesen hatte ließ sie ihn endlich sinken. Tränen liefen ihr in Strömen über die Wange. Beim ersten Mal hatte sie es nicht glauben wollten. Beim zweiten Mal hatte sie es nicht glauben können.
Und nun, nach dem dritten Mal, ... drang langsam zu ihr durch dass ihre Eltern – ihre liebenswürdigen, immer lachenden Zahnarzteltern – tot waren. Bei einem schweren Autounfall ums Leben gekommen hieß es in dem Brief. Wie konnte das nur möglich sein? Ihr Vater war doch immer ein so sicherer Fahrer gewesen. Bilder schossen Hermine durch den Kopf obwohl sie nicht wusste was passiert war.
Ihre Eltern saßen gemeinsam im Auto und lachten fröhlich über den netten Abend den sie wahrscheinlich bei Freunden verbracht hatten. Sie redeten über den guten Wein, die netten Kinder der Familie Book und über ihre eigene Tochter die leider nicht dabei sein konnte. Und plötzlich stieß Catherina einen Schrei aus und deutete auf die Straße, Bob trat auf die Bremse... doch zu spät und das Auto fuhr direkt in das andere hinein, während hinter ihnen ein Lkw ebenfalls nicht mehr rechtzeitig bremsen konnte...
So oder ähnlich hätte es ablaufen können. Wie in einem Film, spielte ihr inneres Auge ihr noch mehrere mögliche Szenen ab. Und eine war schlimmer und qualvoller als die andere. Mit einem Satz sprang die Gryffindor auf die Beine und schluchzte laut auf. Der Brief in ihrer Faust wurde zerknüllt während sie eilig aus der Großen Halle rannte. Weg! Nur weg! Hermine brauchte einen Ort an dem sie alleine sein konnte. Sie musste realisieren, was sie eben erfahren hatte. Und ihr fiel nur ein Ort in Hogwarts ein, wo sie ihrer Trauer freien Lauf lassen konnte: Das Klo der Maulenden Myrte!
Harry und Ron sahen ihr verwirrt nach und blickten sich hilfesuchend um. Dann standen sie auf um nach ihrer Freundin zu sehen. In letzter Zeit benahm sie sich seltsam, deshalb hatten sie sich darauf geeinigt sie eine Weile in Ruhe zu lassen. Doch jetzt brauchte sie die Hilfe ihrer Freunde und aus diesem Grund verließen die beiden Jungs ebenfalls sie Große Halle um sich auf die Suche nach ihrer Freundin zu machen.
Hermine hatte die Beine an den Körper gezogen und ihr Kopf ruhte auf den Knien. Sie konnte immer noch nicht glauben was passiert sein sollte. Sie hatten doch schon so viele Pläne für die Zukunft geschmiedet. Die Familie Granger hatte vorgehabt, in den Sommerferien mit den Weasleys und Harry nach Rumänien zu fahren. Die Reise war gebucht und es mussten doch nur noch die Sommerferien beginnen! Wieso durften ihre Eltern das nicht mehr erleben? Das war so ungerecht!
Der letzte Brief ihrer Eltern war vor einer Woche gekommen in dem sie ihr geschrieben hatten wie sehr sie ihre Tochter doch vermissten und dass diese bloß fleißig sein sollte, um einen guten Abschluss hinzulegen. Sogar ein Glücksbringer für die Prüfungen war dabei gewesen... Das war typisch für ihre Mutter! Immer legte sie ihrer Tochter kleine Geschenke als Aufmunterung in die Umschläge. Und jedes Mal hatte Hermine sich unendlich gefreut, zeigte es doch, wie sehr ihre Eltern sie liebten.
Und nun würde sie nie wieder von ihren Eltern einen Brief erhalten! Sie würde mit ihnen auch nie mehr in ferne Länder reisen oder einfach nur beim Abendessen sitzen. Bei all diesen Gedanken war es Hermine, als würde ihr Herz zerspringen. Die Schmerzen in ihrer Brust waren fast unerträglich. Mit jeder Erinnerung die in ihr hoch kam, wurde er größer und das Schluchzen heftiger. Sie liebte ihre Eltern doch so sehr! Fast schon vergöttert hatte sie diese. Hätte sie nicht herausgefunden, dass sie eine Hexe war, so wäre sie wohl Zahnärztin geworden, so wie ihre Eltern.
Sie war doch erst 17! Womit hatte sie es verdient ihre Eltern so früh schon zu verlieren? Und womit hatten ihre Eltern den frühen Tod verdient? Catherina Granger hatte sich doch schon immer darauf gefreut, ihr Mädchen mal heiraten zu sehen und später wollte sie ganz viele Enkelkinder haben. Und jetzt hatte Hermine ihrer Mutter nicht einmal einen festen Freund vorstellen können. Es hatte schließlich auch keinen gegeben! Aber ihre Mutter hatte sie immer danach gefragt und Hermine hatte stets geantwortet: "Irgendwann wirst du schon noch meinen Traumprinzen kennenlernen, Mama." Irgendwann! Pha! Niemals hätte es wohl eher getroffen.
„Hermine? Bist du da drinnen?" Harry's Stimme schien sie von weit her zu rufen. Fast hätte sie es gar nicht gehört. Warum waren sie gekommen? Wollten sie nicht Quidditch spielen? Jetzt wirst du unfair Hermine! Sie machen sich sicher Sorgen.... sie sind schließlich immer noch deine Freunde! mahnte sie sich selbst und seufzte. Sie wollte aber auch ihre Freunde jetzt nicht sehen. Sie wollte einfach niemanden sehen. Das einzige was Hermine jetzt wollte, war alleine sein und sich an ihre Eltern und die schönen Zeiten mit ihnen erinnern. Nur so konnte sie ihre Trauer in den Griff bekommen.
Irgendwann gaben Harry und Ron auf und schlürften mit hängenden Köpfen davon, ohne auch nur ein Wort aus ihrer Freundin herausgebracht zu haben.
