Kapitel 2.3 Wüste
Spock hatte einen Albtraum.
Dies war durchaus keine Seltenheit bei ihm, obwohl Vulkanier grundsätzlich nur äußerst selten in einen natürlichen, tiefen Schlaf fielen, sondern eher während einer tranceartigen Meditationsphase ihren Körper regenerierten und zur Ruhe kamen.
Bei dem Durchlaufen dieses Zyklus waren sie sogar in der Lage kontrolliert komplexe Fragestellungen und komplizierte, mathematische Probleme zu bearbeiten, wodurch keinerlei Träume auftreten konnten. Doch wie in manch anderen Details wies Spock gravierende Unterschiede zu seinen Stammesgenossen auf; beispielsweise quälten ihn des Nachts auf der Enterprise häufig die Vorstellung, dass er in einer Gefahrensituation trotz größter Anstrengungen nicht zu dem Ort, an dem seine Präsenz benötigt wurde, gelangen konnte, da sich seine Füße nur wie in Zeitlupe bewegen ließen.
Diese inhaltliche Auffälligkeit führte er auf seine Schwierigkeiten mit der internen, künstlichen Schwerkraft des Raumschiffs zurück, da diese deutlich geringer ausfiel als auf seinem Heimatplaneten Vulkan.
Trotz alledem vermutete er noch weitere Gründe, da er durch intensive Forschung in Erfahrung gebracht hatte, dass Träume emotionaler Problemverarbeitung dienten, doch war der Halbvulkanier gerade auf diesem Gebiet zu unerfahren, um die nötige Transferleistung zu erbringen. Der Albtraum allerdings, welcher Spock dazu brachte sich auf dem heißen Wüstensand hin und her zu wälzen, ähnelte keinem seiner bisherigen, da er momentan noch einmal den Absturz der Shuttles auf eine sehr realitätsnahe Art und Weise durchlebte.
Aus der Position eines außenstehenden Beobachters blickte er auf sein eigenes besorgt wirkendes Ich herab und hörte sich selbst sagen, wobei die Stimme etwas Leeres und Hallendes an sich hatte: „Aktuelle Höhe 3700 Meter, Tendenz fallend." Auch nahm er Kirk, McCoy und die übrigen Besatzungsmitglieder wahr, doch waren ihre Gestalten verschwommen und lagen in der Dunkelheit, wie bei einem Theaterstück, in dem ein Spotlicht nur auf den Hauptdarsteller gerichtet ist und die Nebenakteure im Schatten verborgen bleiben.
Spock sah, wie sein Traum-Ich in Erwartung der Todes die Augen schloss, aber der Aufprall blieb aus, stattdessen schwebte sein körperloser Geist für einen Moment im Nichts, ehe er auf seinen zusammengekrümmten Körper blickte, der kurz zuvor aus dem Shuttle geschleudert worden war. Der Wissenschaftsoffizier näherte sich seinem eigenen Gesicht, registrierte Tränenspuren auf der grünen Haut, die ein bizarres Muster in die Staubschicht zu zeichnen schienen, berührte die Wange seines bewusstlosen Ichs und verschmolz mit ihm. Als er die Augen öffnete, erblickte Spock den wolkenlosen Himmel über sich, stellte aber überrascht fest, dass er noch immer träumte, da sich plötzlich die gesamte Szenerie veränderte. Über ihm war wie zuvor der Himmel, doch musste es sich um eine andere Tageszeit und einen anderen Ort handeln, da Sterne aus nachtblauer Unendlichkeit in einer ihm sehr bekannten Konstellation funkelten.
Spock befand sich eindeutig auf dem Gelände der Vulkanischen Akademie der Wissenschaften und das leicht diffus wirkende Licht der Himmelskörper legte die Vermutung nahe, dass der Vulkanier den abendlichen Himmel durch das gläserne Dach des Astronomiefahrstuhls betrachtete. Da die Akademie auf einer beträchtlichen Anhöhe gelegen war und der Lift erst am Anfang seines langen Abstiegs war, konnte Spock die pulsierenden Lichter seines Geburtsorts Shi'Kahr in der Ferne sehen, sodass er mit einem Anflug von Melancholie an seine Kindheit und Jugend erinnert wurde, ehe der Fahrstuhl an Geschwindigkeit gewann. Dies Wunderwerk der Technik ermöglichte den Wissenschaftlern ein schnelles Erreichen der unteren Ebenen, die den astronomischen Forschungen gewidmet waren. Das Beobachtungsareal umfasste mehrere Quadratkilometer und beherbergte eine gewaltige Anzahl von Spiegel- und Radioteleskopen, wobei das Gelände auch ansonsten äußerst ansprechend gestaltet worden war, durch graziöse Springbrunnen und geschmackvolle Parkanlagen, da sich Effizienz und Ästhetik durchaus nicht logisch ausschlossen.
Noch während Spock die so vertraute Harmonie bewunderte, verschwamm die Umgebung und Dunkelheit umhüllte ihn. Unerwartet wurde das sichere Gefühl der Ausgeglichenheit verdrängt durch die körperlose Idee des Grauens, die wie ein lauerndes Raubtier Spocks Geist in Panik und Todesangst versetzte, doch er war wie gefangen ohne auch nur die geringste Ahnung, wie er sich befreien konnte. Wie ein Blitz schoss die Gewissheit durch sein Bewusstsein, dass er vollkommen hilflos war und entweder von einem Retter zurückgeholt werden musste oder der Wahnsinn ihn für immer gepackt halten würde. Genau in diesem Moment wurde er brutal herumgerissen, an den Schultern gepackt und heftig geschüttelt.
„Spock!Spock! Um Himmelswillen, wachen sie auf!"
Verwirrt erkannte der Vulkanier die Stimme des Captain und erblickte auch prompt dessen zutiefst besorgtes Gesicht, als er langsam die Augen öffnete.
Vorsichtig setzte er sich mit unterstützender Hilfe von Kirk auf, während sich seine Gedanken soweit geklärt hatten, dass er sich über Doktor McCoy wundern konnte, der einen Meter entfernt auf dem sandigen Boden saß und sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Schulter hielt.
Kirk bemerkte seinen irritiert fragenden Blick und erklärte mit beruhigender Stimme: „Er hat versucht sie zu wecken und, naja sagen wir es so, sie haben sich mit Erfolg zu Wehr gesetzt."
Aus McCoys Richtung kam ein verächtliches Schnauben und der Doktor grummelte: „ Das ist die Untertreibung des Jahrtausends."
Doch auf diese Unterbrechung ging Kirk nicht ein, sondern fragte mit einem besorgten Funkeln in den Augen: „Sie haben ziemlich laut geschrien. Ich nehme an, dass sie einen ziemlich unangenehmen Albtraum hatten, oder?"
Spock ließ sich einen Moment Zeit, um zu antworten: „Es scheint fast so, Captain, doch erachte ich diese Tatsache als unkompliziert, da ich bereits eine passende Lösung für das Problem gefunden habe."
McCoy hatte sich in der Zwischenzeit aufgerappelt, trat an die beiden Männer heran und fragte mit einem Hauch von Ironie: „ Und diese Lösung möchten sie doch bestimmt mit uns teilen, hab ich recht?"
„ Ich denke nicht, dass dies Sinn machen würde." Sofort war für Kirk und McCoy klar, dass die Diskussion damit beendet war und trotzdem entschieden sich beide individuell für Sicherheitsmaßnahmen.
Ehe der erste Offizier widersprechen konnte, hatte der Doktor ein Hypospray mit einem leichten Beruhigungsmittel in Spocks Oberarm entladen. Augenblicklich stieg in Spock ein leichtes Gefühl von Übelkeit auf als Reaktion seines Körpers gegen das Medikament.
Er wartete einen Moment, bis sich das Unwohlsein gelegt hatte, und bemerkte mit leicht rauher Stimme: „ Das ist eine Verschwendung von Ressourcen, Doktor."
„Das sehe ich ganz anders. Ich bin nicht gerade scharf darauf noch einmal von einem träumenden Vulkanier dermaßen eine gewischt zu bekommen."
Auch Kirk mischte sich nun ein: „ Ich denke, dass sie sich noch ein wenig ausruhen sollten, ehe wir aufbrechen. Und wagen sie nicht zu widersprechen; sie sehen aus wie der leibhaftige Tod."
Obwohl Spock anderer Meinung war, nickte er zustimmend und begann die Zeit zu überbrücken, indem er mit der Reparatur des Phasers fortfuhr. McCoy seufzte nur resigniert und drehte sich auf die Seite, um noch ein wenig zu schlafen.
Doch Kirk hatte nicht vor sich seiner Müdigkeit hinzugeben, rückte möglichst nahe an seinen ersten Offizier, auch wenn er bedacht war, keinen Körperkontakt herzustellen, und schwor sich innerlich auf den Vulkanier acht zu geben, für den er so viel empfand. Spock wusste, dass seine Lösund alles andere als akzeptabel war, doch glücklicherweise waren Vulkanier in der Lage lange Zeit gänzlich ohne Schlaf auszukommen – trotzdem war die Spanne nicht unbegrenzt. Kurz bemerkte er aus dem Augenwinkel einen Seitenblick von Kirk, den er nicht zu interpretieren wusste, widmete sich dann aber wieder dem Phaser, wobei ihm sowohl seine missliche Lage als auch die Präsenz des Captains bewusst wurde.
