-2- Panik

Booth fühlte, wie ihn eine enorme Kraft zu Boden schleuderte und etwas hart seinen Kopf traf. Benommen schloss er einen Moment lang die Augen.

Es war so leicht und schien so verlockend, sich jetzt einfach in den dunklen, ruhigen und schmerzfreien Abgrund der Bewusstlosigkeit fallen zu lassen und doch wusste er instinktiv, dass er eine solche Ohnmacht nicht überleben würde.

Feuer loderte um ihn herum und beißender Qualm lag in der Luft. Würde er hier verharren oder gar das Bewusstsein verlieren, würde er ersticken oder das Feuer würde ihn töten.

Und was war mit Parker? Zwar war die Explosion selber, wenn Booth sich richtig erinnerte, weiter weg von seinem Sohn gewesen, doch wenn diese Wucht einen erwachsenen Mann wie ihn umwarf, wie mochte sie dann erst auf ein Kind wirken?

Booth rollte sich auf den Bauch und stemmte sich auf die Knie. Er schwankte und wäre um ein Haar wieder zu Boden gegangen. Sein Kopf schmerzte und er spürte etwas Feuchtes über sein Gesicht rinnen. Blut?

Ohne weiter darüber nachzudenken, wischte er das Rinnsal weg und suchte etwas, das ihm beim Aufstehen ein wenig Halt bieten würde. In der Nähe konnte er etwas ausmachen, dass das Podest einer Statue gewesen sein mochte. Booth kroch näher und der zerschmetterte Marmor rund um das Podest am Boden bestätigte diese Vermutung.

Er zog sich an dem Klotz hoch und Schwindel und Übelkeit wuschen wie eine Welle über ihn hinweg. Es erforderte all seine Willenskraft nicht doch noch das Bewusstsein zu verlieren.

„Reiß' dich zusammen, Booth! Dein Sohn ist irgendwo und vielleicht ist er verletzt." rief er sich in Gedanken zur Ordnung.

Dass Parker eventuell etwas noch Schlimmeres zugestoßen sein mochte, daran wollte er gar nicht denken. Seinen eigenen, angeschlagenen Zustand ignorierend, versuchte er in dem von Qualm durchtränkten unsteten Licht der Brände, die um ihn herum flackerten, etwas zu erkennen.

Wieder ran ihm Blut in die Augen und trübte seine Sicht zusätzlich und erneut wischte er es weg, ohne weiter darauf zu achten.

Durch das penetrante Klingeln, welches das Dröhnen der Explosion in seinen Ohren hinterlassen hatte, hörte er Schreie.....Kinderstimmen!!!

„Parker!" Booths Rufen geriet durch den Rauch, der in seine Lungen drang, zu einem würgenden Keuchen. Unwahrscheinlich, dass ihn jemand gehört hatte.

Er versuchte es erneut, aber auch diesmal gelang es ihm nicht, den Lärm, der um ihn herum brandete, zu übertönen. Ein dritter Versuch, nach seinem Sohn zu rufen, in der Hoffnung eine Antwort von diesem zu bekommen und ihn so finden zu können, endete in einem heftigen Hustenanfall, der ihm die Tränen in die Augen trieb und seine durch den Rauch schon schlechte Sicht zusätzlich trübte.

Schatten huschten durch den Rauch. Um ihn herum war ein höllisches Getöse und immer wieder hörte er Kinder aufschreien oder weinen.

Auf dem Boden sah er die verkrümmte, leblose Gestalt des Wächters liegen, mit dem er eben noch gescherzt hatte. Booth wankte zu ihm, beugte sich zu ihm hinunter und tastete nach einem Puls am Hals des Mannes. Er fand keinen und erschauerte.

Eigentlich sollte der plötzlicher Tod eines Menschen ihn nicht mehr erschrecken, oder wenigstens nicht mehr in dem Maß, in dem es der Tod dieses Mannes tat, denn oft genug war er als Scharfschütze der Verursacher eines solchen Todes gewesen.

Doch Vernunft und Logik drangen angesichts des Chaos um ihn herum und der Sorge um seinen Sohn, der hier irgendwo in diesem Inferno sein musste, nicht bis zu seinem Verstand durch.

„Parker! PARKER!" brüllte Booth aus Leibeskräften, bevor ihn ein Hustenanfall wieder auf die Knie zwang. Ein kleiner Schatten lief an ihm vorbei und halb blind griff er danach.

„Parker??!!" keuchte er und hielt die Gestalt am Ärmel fest, doch es war nicht das Gesicht seines Sohnes, sondern das eines von Parkers Klassenkameraden, das ihn mit panisch geweiteten Augen anstarrte.

Booth rappelte sich erneut auf. „Wir müssen ...hier...raus...!" keuchte er.

Trotz aller Sorge um seinen Sohn, trat sein Selbsterhaltungstrieb in den Vordergrund seines Handelns und welche Art Mensch wäre er, wenn er dieses Kind, auch wenn es nicht sein eigenes war, weiter dieser Gefahr aussetzte?

Er konnte nur hoffen, dass auch sein Sohn jemanden gefunden hatte, der ihm half oder dass Parker aus eigener Kraft das brennende Gebäude bereits verlassen hatte.

Das Kind an seiner Hand hustete und rang genauso verzweifelt nach Luft wie er selber.

In dem Versuch sich zu orientieren, sah sich Booth um. Rauch ließ alles konfus und undeutlich erscheinen und alle eventuellen Orientierungspunkte, an die sich Booth entsinnen konnte, waren durch den Rauch nicht zu erkennen oder durch die Explosion und das Feuer zerstört.

Booths Kopf wollte schier zerspringen, ihm war übel, seine Lungen brannten wie Feuer und er hielt ein völlig verängstigtes, schreiendes Kind an der Hand, während sein eigener Sohn verschwunden war.

Wenn Booth seine Vorstellung von der Hölle beschreiben sollte, käme dieses Szenario, das ihn in diesem Moment umgab, seiner Beschreibung sehr, sehr nahe.

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Die Detonation ließ das Laborgebäude erzittern, dass die Glaswände von Temperances Büro klirrten. Erschrocken blickte sie von ihrer Arbeit auf und wenige Sekunden später setzte der Evakuierungsalarm ein.

Die Logik sagte ihr, dass eine geordnete Evakuierung die Chancen, das Gebäude sicher verlassen zu können, um ein Vielfaches erhöhte.

Über die Gründe für diesen Alarm würde sie sich später Gedanken machen können.

Ruhig griff sie nach ihrer Tasche, verließ ihr Büro um den Anweisungen des Sicherheitspersonals zu folgen.

Das Protokoll der Evakuierung – tausendmal geübt und genauso oft verflucht - griff sofort.

Sämtliche Angestellte des Laborbereichs verließen relativ ruhig und gefasst das Gebäude.

Auch hier überwog die Logik und hielt die Panik unter den Angestellten auf einem überschaubaren Level.

Als sie das Gebäude sicher verlassen hatten und sich auf dem Gelände vor dem Labor sammelten, griff Angela entsetzt den Arm ihrer besten Freundin und deutete auf das zerstörte, brennende Gebäude, dass das Museum des Instituts beherbergt hatte.

„Mein Gott, Brennan!! Die Kinder!!!" stöhnte die Künstlerin.

Der ruhige, gefasste Ausdruck, der noch bis vor wenigen Sekunden auf Brennans Gesicht gelegen hatte, als diese noch sicher gewesen war, das Logik der Schlüssel zu ihrer aller Sicherheit sei, war wie weg gewischt. Angelas Entsetzen spiegelte sich jetzt auch auf dem Gesicht der Anthropologin, als die Erkenntnis einsetzte, was sich da vor ihren Augen abspielte.

„Booth!" keuchte Temperance. „Parker!"

Sie sah Angela verzweifelt an. „Wir müssen doch etwas tun!!"

Cam, die zu ihnen getreten war, hielt sie zurück. „Die Feuerwehr ist schon im Gebäude. Wir können da nicht rein!!"

„Aber...!" stammelte Temperance und wollte die Hand ihrer Vorgesetzten abschütteln, doch Cam verstärkte den Griff und schüttelte den Kopf: „Zu gefährlich!" mahnte sie dumpf.

„Die Kinder!" Angela deutete auf eine Gruppe Kinder auf den Rasen, die offenbar nur leicht oder gar nicht verletzt waren, aber offensichtlich unter Schock standen.

Ohne weiter nachzudenken rannte Angela zu den Kindern um zu helfen.

Die ersten Ambulanzen erreichten den Unglücksort. Sanitäter strömten aus den Fahrzeugen und bereiteten sich auf die Verletzten vor, die nach und nach aus dem zerstörten Gebäude taumelten oder gestützt oder getragen wurden.

Auch Jack und Zach liefen los, um verletzte Kinder zu den Ambulanzen zu tragen.

Temperance schüttelte sich und versuchte das lähmende Gefühl der aufkeimenden Panik los zu werden. Wie in Trance bewegte sie sich auf den Eingang des brennenden Museums zu.

Was war geschehen? Ein Unfall? Ein Anschlag?

Der Lärm vor dem Institut war ohrenbetäubend und sie suchte nach Booth und seinem Sohn, obwohl es in dem Durcheinander aus Mitarbeitern des Instituts, die zum Teil helfen und zum Teil auch nur ihre Neugier befriedigen wollten, Sanitätern, Feuerwehrleuten und verletzten und geschockten Menschen, die aus dem zerstörten Museumsflügel strömten, unwahrscheinlich war, sie sofort zu finden.

Und tatsächlich behielten die Wahrscheinlichkeit und die Logik Recht in diesem Fall: Keine Spur von Booth oder seinem Sohn, so sehr Temperance auch suchte.

Auch Cam hatte sich mittlerweile unter die Helfer gemischt. Ihre Ausbildung als Ärztin kam ihr jetzt zugute.

Keiner hielt Temperance davon ab, sich – die provisorischen Absperrungen der Feuerwehr ignorierend – weiter dem brennenden Gebäude zu nähern.

Ein Feuerwehrmann brachte einen kleinen, leblosen Körper aus dem Gebäude und legte ihn vorsichtig auf den Rasen.

Als er kurz seine Atemschutzmaske abnahm, trafen sich ihre Blicke für einen Moment.

Er wischte sich über die Augen, senkte den Blick und schüttelte nur leicht den Kopf.

Entsetzen wallte in Temperance auf.

Stumm setzte der Feuerwehrmann seine Atemschutzmaske wieder auf und ging erneut in das Gebäude.

Fassungslos sah sich Temperance um. Dies hier war ein Schlachtfeld!

Erst als sie nur noch verschwommen sehen konnte, bemerkte sie die Tränen, die ihr über das Gesicht strömten.

Unfähig, den Blick abzuwenden, starrte sie weiter regungslos auf den Eingang des Museums.

„Booth. Parker. Booth. Parker"

Diese Worte waren ihr Mantra, das alle furchtbaren Möglichkeiten – und seien sie noch so logisch und wahrscheinlich- ausblendete.

Wenn sie es sich nur fest genug wünschen würde, kämen die Beiden sicher gleich aus dieser Tür!

Zum Teufel mit der Logik!

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Booth war klar, wenn sie noch lange in diesem Gebäude bleiben würden, würde der Qualm sie umbringen, vorausgesetzt, dass das Feuer nicht schneller war.

Schon jetzt hatte er Schwierigkeiten einen klaren Gedanken zu fassen und sich nicht von Panik übermannen zu lassen.

Er zerrte den Jungen, der auch kaum noch bei Bewusstseins war, hinter sich her, in die Richtung, in der er am ehesten den Ausgang vermutete.

Sie stolperten über Hindernisse, von denen Booth nicht sagen konnte, ob es Exponate, Gebäudeteile oder, woran er gar nicht denken wollte, Körper waren.

Nirgendwo war etwas, das ihm einen Hinweis darauf gab, in welchem Teil des Gebäudes sie sich gerade befanden. Er musste sich zu seiner Schande eingestehen, dass er vollkommen die Orientierung verloren hatte.

Nach Luft ringend – ein schier hoffnungsloses Unterfangen- blieb er stehen und sah sich um.

Sollte er sich geschlagen geben? Aufgeben? Jeder Versuch ihren Aufenthaltspunkt in diesem Gebäude zu bestimmen schien hoffnungslos; wahrscheinlich liefen sie ohnehin die ganze Zeit nur im Kreis.

„Einen Orientierungspunkt, irgendetwas!" betete er stumm. „Oder am besten gleich den Ausgang."

Trotz der aufkeimenden Panik und der scheinbaren Hoffnungslosigkeit, ging ein Blitz von Galgenhumor durch Booth. „Logisch, der Sauerstoffmangel!", vermutete er sarkastisch und der Gedanke an Logik brachte ihm das Bild seiner Partnerin in den Sinn.

Bones! Würde sie einfach aufgeben? Niemals! Also wer war er, sich von einer Bombe, Feuer und einem – zugegebenermaßen- knappen Sauerstoffgehalt in der Luft, kampflos umbringen zu lassen? Die letzten Reserven mobilisierend, kämpfte er sich weiter mit dem Kind an der Hand durch das zerstörte Museum

Dann sackten dem Jungen neben ihm die Beine weg, als dieser das Bewusstsein verlor.

Obwohl Booth sich selber kaum noch auf den Beinen halten konnte, nahm er das Kind unter den Arm und taumelte weiter.

„Geben Sie mir das Kind!"

Booth schrak zusammen, als eine Gestalt, die man auf den ersten Blick für ein Alien halten konnte, aus dem diffusen Licht im Gebäude auftauchte. Selbst die Stimme klang kaum menschlich und seltsam verzerrt.

„Geben Sie mir das Kind!" wiederholte das Alien und Booth war viel zu benommen um zu widersprechen.

Er reichte dem Feuerwehrmann den Jungen.

„Können sie laufen??"

Booth nickte nur zwischen zwei Hustenanfällen.

„Gut! Folgen Sie mir, ich bringe Sie hier raus!"

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Temperance stieß einen erleichterten Schrei aus, als sie ihren Partner hinter einem Feuerwehrmann ins Freie wanken sah.

Im Laufen griff sie sich eine kleine Sauerstoffflasche von einem Krankenwagen und rannte auf ihren Partner zu.

In dem Wissen, dass er und der Junge jetzt in Sicherheit waren, verließen Booth endgültig die Kräfte. Keuchend nach Luft ringend brach er auf dem Rasen zusammen, gerade als Temperance ihn erreichte.

Rasch drückte sie ihm die Sauerstoffmaske aufs Gesicht und er atmete gierig ein.

Sie bettete seinen Kopf auf ihren Schoß und hielt ihn fest, während er sich die Seele aus dem Leib hustete. Als sein Atem endlich wieder etwas ruhiger und gleichmäßiger ging, drehte er vorsichtig den Kopf, um sie anzusehen, doch mitten in der Bewegung zuckte er schmerzerfüllt zusammen. Die Kopfwunde hatte er völlig vergessen.

„Parker??" flüsterte er heiser. Der Rauch hatte seiner Stimme sehr zugesetzt und nur mit Mühe konnte Temperance ihn durch den sie umgebenden Lärm verstehen.

„Ich weiß es nicht", antwortete sie bedrückt, „aber sie werden ihn bestimmt finden! Hier herrscht das reine Chaos."

Booth rollte sich zu Seite und versuchte aufzustehen. „...Muss...ihn...finden...!" stöhnte er.

Temperance versuchte ihn aufzuhalten: „Booth, du solltest liegen bleiben! Du bist verletzt, hast eine Rauchvergiftung und mit Sicherheit auch eine Gehirnerschütterung!!

Du kannst da nicht wieder rein!!"

Entsetzt beobachtete sie, wie er sich mühsam auf die Füße stemmte. Sie sprang ebenfalls auf. „Booth, bitte...!"

Schwer stützte sich Booth auf sie, entschlossen, seinen Sohn zu suchen. Sein unsteter Blick suchte ihren.

„Rebecca bringt mich um, wenn Parker etwas passiert." versuchte er zu argumentieren. In ihre Augen trat etwas, dass er vielleicht, wäre er in besserer Verfassung gewesen, hätte deuten können, doch nicht heute, hier und jetzt.

Deshalb schaute er nur verwirrt, als sie viel zu ruhig antwortete: „Wenn du da nochmal rein gehst, werde ICH dich umbringen, Booth."

Um sie herum heulten Sirenen, schrien Menschen, hupten Fahrzeuge.

Booth Augen wurden glasig und besorgt verstärkte Temperance den Griff um seinen Arm. Noch einmal straffte er sich und kämpfte gegen die eigene Schwäche, dann gab er auf.

„Ich brauche hier Hilfe!!"

Die Stimme seiner Partnerin war das Letzte, das sein Bewusstsein noch wahrnahm, bevor der Lärm, der sie umgeben hatte, leiser wurde und schließlich ganz verstummte, als Booth sich in die lockende Dunkelheit fallen ließ.