A/N: Das letzte Kapitel hat es ja schon angedeutet, dass diese Story keine leichte Kost wird. Auch dieses Kapitel ist ziemlich düster. Allen, die hier auf eine fluffig-leichte B/B Liebes-Story hoffen, muss ich leider sagen, dass die so in DIESER Geschichte NICHT vorkommen wird! Andeutungen ja ( UST sowieso ;D), aber generell habe ich anderes im Sinn. Wer trotzdem weiter folgen mag, sollte sich auf weitere dunkle Kapitel einstellen. Es wird sicher im Laufe der Story auch noch leichtere Momente geben, aber die ernsteren werden überwiegen. - alphadine

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3. Verzweiflung

„Ich brauche hier Hilfe!!" rief Temperance in Richtung der Ambulanzen.

Obwohl sie damit gerechnet hatte, konnte sie Booths Sturz nicht völlig auffangen.

Sie konnte lediglich verhindern, dass er allzu hart auf dem Boden aufschlug. Rasch kamen zwei Sanitäter hinzu und kümmerten sich um den Bewusstlosen.

Ohne weiter darüber nachzudenken warum, hielt sie Booths Hand fest und beobachtete jeden Handgriff der Sanitäter mit Argusaugen.

Sie hätte im Moment auch nicht sagen können, ob sie nur seine Hand nur hielt um ihm zu versichern, dass er nicht alleine war oder ob sie sich in Wahrheit an ihm festhielt, um Gewissheit zu haben, dass sie selbst nicht alleine war in diesem Inferno.

Doch auch darüber würde sie sich später noch den Kopf zerbrechen können; nur nicht jetzt. Für den Moment war es ihr genug, dass Booth lebte.

Mehr als einmal forderten die beiden Ersthelfer sie auf, sie möge doch ein Stück zur Seite zu treten, damit sie ihre Arbeit machen konnten und genauso oft ignorierte Temperance diese Bitte. Sie machte nur so weit Platz, wie unbedingt nötig, ohne dabei Booths auch nur eine Sekunde lang los zu lassen.

Booth!-Parker!-Booth!-Parker!

Das Mantra, an das sie sich vor Kurzem noch geklammert hatte um ihre Angst beherrschen zu können, schoss ihr wieder in den Sinn und sie erstarrte. Parker!

Sie war so froh gewesen, ihren Partner lebend aus dem Gebäude kommen zu sehen, dass sie seinen Sohn völlig vergessen hatte!

„Ma'am! Wir werden Agent Booth jetzt ins Krankenhaus bringen! Wollen sie ihn begleiten?"

Die Frage des Sanitäters riss sie aus ihrer Stasis.

Diese selbstsüchtige Stimme in ihr, deren Vehemenz sie selber erschreckte, schrie danach, Booth ins Krankenhaus zu begleiten, doch ihr Gewissen stimmte mit nicht weniger Penetranz dagegen:

Sie musste nach Booths Sohn sehen; nach ihm suchen! Für Booth, der ja selber dazu nicht in der Lage war!

Sicher, hier waren genug Leute, die das genau so gut hätten erledigen können; die dazu ausgebildet waren, in Katastrophenfällen wie diesem nach Verletzten und Vermissten zu suchen. Doch Temperance wusste, dass ihr Booth es nie verzeihen würde, wenn sie jetzt mit ihm fahren würde.

Das Gewissen siegte über die Selbstsucht. Sie tat einen tiefen Atemzug und schüttelte den Kopf. „In welches Krankenhaus werden Sie ihn bringen? Ich werde später nachkommen."

Der Sanitäter nannte ihr den Namen des Krankenhauses und Temperance begab sich auf die Suche nach dem Sohn ihres Partners

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Hinter den Absperrungen, die von der Polizei errichtet worden waren, um Schaulustige in sichern Abstand zu halten, standen bereits die Eltern der Kinder und schauten ängstlich und verzweifelt zum Gebäude, in der Hoffnung Informationen über ihre Kinder zu bekommen.

„Schlechte Nachrichten verbreiten sich schnell." dachte Brennan bitter, als sie in die besorgten, angespannten und ängstlichen Gesichter sah.

Der Grund für diese schnelle Verbreitung befand sich ein Stück hinter den verzweifelten Eltern:

Etwa zehn Übertragungswagen mit den Logos verschiedener Sendeanstalten parkten vor dem Jeffersonian. Große Sendeantennen waren auf den Lieferwagen aufgerichtet und ausgefahren worden und TV-Reporter brachten sich vor den laufenden Kameras in Pose um der Welt live an diesem Desaster teilhaben zu lassen.

„Aasgeier!" dachte Brennan, angewidert von dem hektischen Treiben der Berichterstatter, „Wenn nur ein paar dieser Reporter bei der Suche helfen oder sich um die verstörten und verängstigten Kinder kümmern würden..."

'Bist du die Richtige um über die Selbstsucht von Anderen zu urteilen?' meldete sich ihr Gewissen, 'Wolltest du nicht gerade noch selber eben diese Kinder, und damit auch Booths Sohn, im Stich lassen um bei Booth sein zu können?'

'Ich wollte, ja! Aber ich habe nicht! Das ist ein großer Unterschied! ' Mit einem selbstironischen Schnauben schüttelte sie, ungläubig über sich selbst, den Kopf. Temperance Brennan stritt mit sich selbst. ‚Hoffentlich sind nur die Umstände daran schuld. Denn es wäre jetzt doch ein recht ungünstiger Zeitpunkt um den Verstand zu verlieren, Brennan. ', dachte sie trocken.

Den inneren Disput in den hintersten Winkel ihres Verstandes verdrängend, wandte sich Temperance wieder dem Gebäude zu in der Absicht, endlich nach Parker zu suchen.

Nach dem, was sie aus den Bruchstücken der Berichte der Reporter entnahm, war das Gebäude mittlerweile geräumt und alle Überlebenden zum Teil schon auf dem Weg in die Krankenhäuser. Brennan kam nicht umhin, zugeben zu müssen, dass die Berichterstattung nicht nur schlecht war.

Durch das Stimmengewirr hinter der Absperrung hörte sie jemanden ihren Namen rufen und drehte sich um. Direkt an der Absperrung sah sie Parkers Mutter Rebecca Stinton und deren Lebensgefährten stehen. Rebeccas Augen waren vor Angst tellergroß und sie klammerte sich haltsuchend an den Arm ihres Freundes, mit einer Verzweiflung, die Brennan noch sehr vertraut war. Vor kurzem hatte sie selber so empfunden, als sie sich an Booths Hand fest gehalten hatte um die Angst, die sie empfunden hatte, in Schach halten zu können.

„Dr. Brennan!"

Temperance ging auf die Absperrung zu. Rebecca fasste ihre Hand.

„Dr. Brennan, wo ist Parker?? Haben Sie irgendwo Parker gesehen??"

Temperance schüttelte verneinend den Kopf. „Bisher noch nicht."

„Aber er muss hier doch irgendwo sein, er kann doch nicht verschwunden sein!!" Rebecca war vor Angst und Sorge außer sich.

Booth hatte einen ähnlichen Ausdruck im Gesicht gehabt, als er gegen ihren Rat wieder nach seinem Sohn suchen wollte.

„Aber Seeley war doch bei ihm? Wo ist Seeley? Weiß er, wo Parker ist??" bestürmte Parkers Mutter sie mit sich überschlagender Stimme.

Temperance berichtete ihr äußerlich ruhig, dass Booth verletzt sei und auf dem Weg in ein Krankenhaus war und sie selber sich gerade auf die Suche nach Parker machen wollte.

Entschlossen schlüpfte Rebecca unter der Absperrung hindurch, bevor ihr Freund oder Temperance sie daran hindern konnten. „Ich werde mitkommen!"

„Nein!" sagte Temperance schnell und hielt sie auf.

Rebecca war auch so schon ein Nervenbündel vor Sorge. Brennan war sicher, dass der Anblick der verletzten und toten Kinder Parkers Mutter aus der Bahn werfen würde. Das würde Rebecca dann nur zu einer zusätzlichen Belastung bei der Suche nach Parker machen.

Temperance selbst machte die Situation schon sehr zu schaffen, obwohl sie keine persönliche Beziehung zu den Opfern hatte. Vielleicht mit Ausnahme von Parker.

Aber selbst das konnte und würde sie zur Seite schieben, wenn es sein musste, befand sie.

Es war nicht das erste Mal, das sie sich an den Schauplätzen von Katastrophen befand. Das war schließlich ihr Job. Nur wenn sie an die Orte dieser Verbrechen kam, um die Opfer zu bergen und zu identifizieren, waren diese bereits tot. Wenn Brennan mit ihrer Arbeit begann, war der Tod mit seiner schon eine Weile fertig.

Was ihr hier so zusetzte – und Temperance Brennan war wirklich keine Mimose - waren die Schreie der Verletzten, der Lärm der Ambulanzen, die lebendige Panik und das Entsetzen, welches den Tod und das Sterben bei solchen Katastrophen begleitete.

Temperances Gefühle für Booth Ex waren zwiespältig. Als Person war ihr Rebecca Stinton nicht unangenehm, sie mochte Rebecca sogar ein wenig, aber die Art, wie Rebecca Booths Zeiten mit seinem Sohn nach ihren Gutdünken änderte und beschnitt, gefiel ihr nicht.

Im Moment jedoch waren persönliche Präferenzen irrelevant, sagte sich Brennan. Wichtig war es jetzt nur, Parker zu finden. Um Rebeccas willen, um Booths willen und auch um ihrer Selbst willen. Und vor allen Dingen um Parkers willen. Also schob sie Rebecca entschieden wieder zurück hinter die Absperrung in die Arme ihres Lebensgefährten.

Ich werde ihn suchen!" versprach sie Parkers Mutter.

‚Und ich werde ihn finden! ' versicherte sie sich selbst.

„Danke, Dr. Brennan!" sagte Rebecca leise und verkroch sich in den Schutz, den ihr die Umarmung ihres Freundes bot.

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Temperance begann systematisch das Gelände des Jeffersonians abzusuchen und fragte jeden der ihr begegnete nach Parker. Sie gab Sanitätern, Polizisten und Feuerwehrleuten seine Beschreibung, erntete aber jeweils nur bedauerndes Kopfschütteln. Sie fragte sogar Parkers Klassenkameraden, die nicht verletzt waren, doch diese waren viel zu verstört und verängstigt um ihr Auskunft geben zu können.

Einem Moment lang blieb sie stehen und fluchte leise. Doch sie weigerte sich, schon aufzugeben. Wenn es sein musste, würde sie eben wieder von vorne anfangen.

Sie drehte sich erneut suchend um die eigene Achse, wie um sich noch einmal zu vergewissern, dass ihr auch wirklich nichts entgangen war, als sie Zack bemerkte, der in der Nähe mit angezogenen Beinen auf dem Rasen saß. Neben dem Doktoranden lag ein Körper der provisorisch mit einer Plane abgedeckt war.

Temperance zuckte zusammen. Die Gestalt unter dem Laken war klein. Zu klein für einen Erwachsenen. Parker? Ihr Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen bei diesem Gedanken.

‚Bitte nicht! ' betete sie stumm, als sie sich Zack näherte. Sie rief ihren Assistenten beim Namen, aber der reagierte nicht auf den Ruf.

Zack Addy hatte seinen Kopf auf seine Knie gestützt und murmelte mit starrem Blick etwas vor sich hin. Temperance trat noch etwas näher und beugte sich zu ihrem Assistenten hinunter um zu hören was es war. Eiseskälte kroch ihr die Wirbelsäule, als sie verstand was Zack da mit monotoner Stimme murmelte:

„Weiß, weiblich, etwa 7 Jahre alt, multiple Knochenfrakturen, Todesursache vermutlich Genickbruch. Weiß, weiblich, etwa 7 Jahre alt, multiple Knochenfrakturen, Todesursache wahrscheinlich......"

„Zack!"

„Weiß, weiblich, etwa 7 Jahre alt..." setzte Zach sein Gemurmel unbeirrt fort.

Ein Mädchen? Nicht Parker!

Kaum hatte sie diesen Gedanken zu Ende gedacht, fühlte Temperance sich auch schon schuldig, für die Erleichterung die sie verspürte.

Denn das, was ihr einen Stein vom Herzen fallen ließ, würde für jemand anderen großes Leid bedeuten. Und offenbar auch für ihren Assistenten.

Das merkwürdige Verhalten von Zach machte ihr Sorgen.

„Zachery Uriah Addy!" rief sie, ohne dass er darauf reagierte.

Sie war jetzt direkt bei ihm, griff ihm unters Kinn und zwang ihn so, sie anzusehen. Sein Blick war trüb vor Kummer und Verzweiflung. Ihr schauderte. In einer solchen Verfassung hatte sie ihren Assistenten noch nie gesehen. Auch wenn sie kaum etwas über ihn privat wusste, so wusste sie doch, dass das nicht der Zack Addy war, den sie kannte.

„Zack! Sieh mich an, Zack!" befahl sie dem jungen Mann und endlich bekam sie so etwas wie eine Reaktion von ihm. Er holte zitternd Luft

„Mia! Ihr Name war Mia! Sie fand mich lustig. Sie war doch noch so klein!" Ein weiterer, bebender Atemzug folgte und endlich trat so etwas wie Erkennen in den Blick des jungen Mannes. „Dr. Brennan, Sie haben mir mal gesagt, man dürfte ihnen keine Namen

geben, das würde es leichter machen. Aber ich kannte ihren Namen!" Sein Blick verschleierte sich wieder „Ich kannte sie, als sie noch lebte."

Er sah sie an und sein Blick bettelte nach Trost, nach irgendetwas, dass es ihm leichter machen würde, diese Tragödie zu verstehen, aber Temperance konnte ihm nichts dergleichen bieten. Hilflos und unfähig irgendwelche Worte des Trostes für ihn zu formulieren, legte sie lediglich ihre Hand auf seine Schulter.

Nichts und niemand hatte sie auf so etwas vorbereitet.

Sie beschloss, Zack in die Obhut eines Sanitäters zu geben, denn er stand ganz offensichtlich unter einem Schock. Die Ereignisse überforderten ihn. Eigentlich überforderten sie jeden hier. Sie half ihrem Assistenten auf und führte ihn von Mias Leiche weg zu einer Ambulanz.

Noch immer hatte sie keine Spur von Parker gefunden.

Krampfhaft überlegte sie, welche Orte sie bisher bei der Suche nach dem Jungen ausgelassen haben könnte, doch ihr fielen keine ein.

Also gut, dachte sie, dann eben noch einmal von vorne. Sie würde das Gelände nicht eher verlassen, als bis sie wusste, wo Parker war. Tot oder – vorzugsweise- lebendig. Die Hilflosigkeit, die sie empfand, ließ sie gereizt und sarkastisch werden. Hilflosigkeit machte sie emotional und sie hasste diesen Zustand; und sie hasste diese Hilflosigkeit.

Die Arme um ihre Mitte geschlungen, stapfte sie zurück zu dem ersten Ausgangspunkt ihrer Suche und verfluchte in Gedanken diejenigen, die für das alles hier verantwortlich waren.

Innerlich wappnete sie sich dafür, Rebecca sagen zu müssen, dass sie Parker immer noch nicht gefunden hatte, als sie plötzlich eine helle, bekannte Stimme rufen hörte: „Dr. Brennan!"

Parker!

Für einen Moment drohten Temperance Beine nachzugeben, als die Anspannung, die sie seit Stunden Aufrecht hielt von einer Welle der Erleichterung weg gewaschen wurde.

Parker war am Leben! Sie fuhr herum. Wenigstens ein winziger Lichtblick an diesem furchtbaren Tag!

Er kam an Camilles Hand auf sie zu, war verweint und mit einem Pflaster auf der Stirn, aber ansonsten offenbar unversehrt.

„Ich habe ihn bei den Sanitätern am anderen Ende gefunden." erklärte Camille, „und man sagte mir, dass Sie auf der Suche nach ihm sind." Sie lächelte Temperance zu,

die den Jungen mit einem Seufzer der Erleichterung fest in den Arm genommen hatte.

Camille berichtete, dass der Junge beinahe unmittelbar nach der Explosion von einem überlebenden Museumsmitarbeiter gefunden und aus dem Museum heraus gebracht worden war, sich aber völlig verstört davon gemacht hatte, als die Sanitäter einen Moment lang abgelenkt waren und sich schutzsuchend in einem Polizeiwagen versteckt hatte. Erst sehr viel später hatte man ihn dort schlafend gefunden.

Parker blinzelte und sah Temperance mit einem verwirrten Blick an. „Du weinst ja, Dr. Brennan. Bist du auch verletzt? Guck mal", der Junge zeigte auf das Pflaster auf seiner Stirn, „der Doktor meinte, da bleibt vielleicht eine Narbe." Ein schwaches Lächeln zeigte seinen Stolz über das zukünftige Zeichen von Verwegenheit, das seine Stirn zieren sollte.

Der Laut aus Brennans Kehle war eine Mischung aus einem Lachen und einem Schluchzen. „Nein, Parker, mir fehlt nichts. Jetzt nicht mehr!" Sie drückte den Jungen ein weiteres Mal fest an sich und sah zu ihrer Vorgesetzten hoch.

Camille beschloss, den untypischen Gefühlsausbruch ihrer Kollegin zu ignorieren, denn sie hatte selber einen dicken Kloß im Hals gehabt, als sie Brennans Erleichterung bemerkt hatte. Dieser Junge, und wohl auch sein Vater, bedeuteten der allgemein als gefühlskalt beschriebenen Dr. Temperance Brennan, mehr als diese anderen – und auch sich selbst- eingestehen wollte.

„Wir sollten ihn zu seiner Mutter bringen. Ich habe Rebecca vorhin an der Absperrung gesehen. Sie ist sicher schon halb wahnsinnig vor Sorge. Ich übernehme das, wenn Sie möchten. Sie wollen sicher ins Krankenhaus fahren."

Temperance zögerte. „Nein, mir fehlt nichts, ich brauche nicht…"

Mit einem schmalen Grinsen unterbrach Camille Sorayan sie. „Booth?" gab sie Brennan als Hinweis. Diese verzog eine Sekunde lang grübelnd das Gesicht, bevor sie antwortete.

„Ich denke, Booth wird dort sicher gut versorgt. Ich glaube, ich habe während der Erstversorgung schon mehr im Weg gestanden wie geholfen und es reicht, wenn ich morgen nach ihm sehe."

Eine Augenbraue von Camille wanderte in die Höhe. Wen wollte Temperance denn damit täuschen? Sich selbst? Denn obwohl sich Dr. Brennan alle Mühe gab, ihre Emotionen hinter ihrem rational gefärbten und unberührten Auftreten in der Öffentlichkeit zu verbergen, wusste Camille wahrscheinlich schon mehr über die Gefühle von Brennan, als dieser wohl lieb sein dürfte. Doch Camille würde sich hüten, auch nur ein Wort darüber verlauten zu lassen. Doch sie würde Dr. Brennan weiter beobachten, soviel war sicher. Fürs Erste wäre es aber genug, so zu tun, als würde sie Brennans Erklärung glauben.

„Also gut, Dr. Brennan." Camille wandte sich an Parker und lächelte ihm zu „Dann wollen wir diesen jungen Mann mal zu seiner Mutter bringen. Okay, Parker?"

Der Junge nickte.

Temperance ließ Parker los und ihr Blick traf den von Camille: „Danke, Dr. Saroyan!"

„Seeley Booth ist auch mein Freund." antwortete diese ruhig, bevor sie mit Parker in Richtung der Absperrungen verschwand um ihn endlich zu seiner Mutter zu bringen.

Müde sowie körperlich und emotional völlig ausgelaugt ließ Temperance sich zu Boden sinken und wischte sich mit beiden Händen übers Gesicht. Auch sie hatte ihre Grenzen und die waren jetzt erreicht.

Emotionalität war ihr nicht vertraut und heute hatte sie unfreiwillig eine Überdosis davon bekommen. Es würde sie eine Weile beschäftigen, all diese Eindrücke zu sortieren und zu verarbeiten: Die wilde Angst um Booth und seinen Sohn. Das Entsetzen angesichts der Katastrophe und des daraus resultierenden Chaos. Die Erleichterung, als sie herausgefunden hatte, dass Booth und sein Sohn am Leben waren. Der Kummer, der sie immer noch befiel, wenn sie an den verzweifelten Zack dachte.

‚Zuviel. ' dachte sie. ‚Zuviel für einen alleine.'

Ihr Blick fiel auf Jack Hodgins, der etwas entfernt die haltlos weinende Angela tröstete.

Wie sehr wünschte sie sich jetzt selber jemanden, der tröstend einen Arm um sie legen würde. Seufzend legt die den Kopf auf die Knie und schloss die Augen.

Sie war bisher immer alleine mit allem fertig geworden, sie würde es auch weiterhin können. Tief atmend versuchte sie ein wenig zu entspannen; versuchte den Lärm und den Brandgeruch auszublenden und ihre Mitte wieder zu finden. Aber immer wieder

schlichen sich die Bilder der schrecklichen Ereignisse in ihr Gehirn.

Sie spürte mehr als dass sie es sah oder hörte, wie sich jemand neben ihr auf dem Rasen nieder ließ.

„Rebecca war überglücklich Parker unversehrt zurück zu bekommen. Sie hätte den armen Jungen beinahe erdrückt." Camille hatte einen traurigen Zug im Gesicht, „andere Eltern haben heute nicht so viel Glück!"

Temperance drehte den Kopf zur Seite, sah ihre Chefin an und fragte leise. „Wissen wir schon, was es war, oder wer?"

Dr. Saroyan holte tief Luft: „Ich habe meine alten 'Verbindungen'..." sie setzte das Wort mit zwei Fingern in Anführungszeichen, „.spielen lassen. Die Experten von der Feuerwehr sind sich ziemlich sicher, dass es ein Sprengsatz war. Natürlich können sie noch nicht sagen, was für einer. Aber alles spricht für eine absichtlich herbei geführte Explosion."

Sie schüttelte fassungslos den Kopf und ergänzte: „Für mehr Informationen müssen wir allerdings die Ergebnisse der Spurensicherung abwarten."

„Wie viele Opfer?" fragte Temperance und fühlte sich unendlich müde.

„ Rund 20 Verletzte und sieben Tote..bisher."

„Sieben Tote?" Temperance schluckte hart: „Wie viele Kinder?"

Camille Saroyan sah zu Boden und schien Grashalme zu zählen. „Drei." antwortete sie nach einer Weile dumpf. Während sie weiter geistesabwesend Grashalme auszupfte fuhr sie fort: „Die meisten Kinder sind mit kleineren Blessuren und einem Schock davon gekommen. Nur fünf oder sechs mussten zur Beobachtung ins Krankenhaus, der Rest wurde schon wieder seinen Eltern übergeben."

„Das ist gut, oder?!" Temperance neigte den Kopf und sah seitlich zu ihrer Vorgesetzten die auf einen unbestimmten Punkt in der Ferne sah.

„Ja, das ist gut. Wenigstens das." befand sie, als Camille nicht antwortete.

Sie saßen eine Weile schweigend nebeneinander, bis Camille aufsah und sagte: „Ich denke, Sie sollten nach Hause fahren, Dr. Brennan. Wir können hier nichts mehr tun.

Jetzt arbeiten hier andere. Etwas Schlaf wird uns allen gut tun. Morgen wissen wir dann vielleicht schon mehr."

Sie erhob sich und reichte Temperance die Hand um ihr ebenfalls auf zu helfen. Temperance stand auf, doch Camille hielt ihre Hand noch etwas länger fest und sah Temperance fest an: „Wir werden herausfinden, wer das getan hat. Wer das diesen Kindern angetan hat! Aber nicht mehr heute."

„Aber wir werden es herausfinden!" bekräftigte Temperance und es klang wie ein Schwur.

Sie wusste, dass Camille Saroyan Recht hatte. Heute würden sie nichts mehr herausfinden. Und es wäre sicherlich besser, sich morgen ausgeruht an die Ermittlungen zu machen.

Langsam ging zu sie zu ihrem Auto. Auf dem Platz vor dem Jeffersonian herrschte immer noch ein wildes Durcheinander.

„Zuviel!" dachte Temperance traurig, „Viel zu viel!"

Ihren Angestelltenausweis vorzeigend, passierte sie die Absperrungen und fuhr nach Hause.