-4- Entschlossenheit
Sie schloss die Tür ihres Appartements hinter sich, lehnte sich erschöpft dagegen und ließ ihren Schlüssel auf den kleinen Tisch neben der Tür fallen.
Einen Moment lang überlegte sie, ob es wirklich richtig gewesen war, dass sie direkt nach Hause gefahren war und sich nicht, wie Camille es vorgeschlagen hatte, nach ihrem Partner erkundigt hatte.
„Nicht, dass es irgendeinen praktischen Nutzen für Booth gehabt hätte, " sagte sie sich, „Booth war schließlich nicht bei Bewusstsein gewesen und mehr als im Warteraum auf irgendwelche Ergebnisse warten hätte ich auch nicht tun können. Nein, mit meiner Anwesenheit im Krankenhaus wäre zu diesem Zeitpunkt niemanden geholfen gewesen.
Mit müden Schritten ging in die Küche, ließ sich auf einen Stuhl sinken und legte ihren Kopf auf ihre Arme. Ihre Haut und ihre Kleidung rochen nach Rauch. Brennan rümpfte angewidert die Nase. Dieser Geruch erinnerte sie erneut an die Verzweiflung und die Hilflosigkeit, die sie vor dem brennenden Institut gefühlt hatte.
„Aber Booth WÄRE mit dir gefahren, wenn du verletzt gewesen wärst. Und Booth hätte auch Stunden im Warteraum zugebracht, nur um sofort über deinen Zustand informiert zu sein. Ob sinnvoll oder nicht, wäre IHM egal gewesen. Du hast deinen Partner im Stich gelassen!!" meldete sich ihr Gewissen erneut.
„Booths Verhalten ist auch in den wenigsten Fällen von Logik beeinflusst!" brummelte sie mürrisch in die Stille ihres Appartements.
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Erschöpft schüttelte sie den Kopf und rieb sich mit den Händen über ihr Gesicht. Nicht nur, dass sie ungewöhnlich emotional war, jetzt redete sie schon mit sich selber! Als Erstes müsste diesen Brandgeruch loswerden, dann würde es ihr sicher leichter fallen, wieder klar zu denken.
Mit müden Bewegungen ging sie zum Bad und warf dort ihre Kleidung angewidert von sich. Der Geruch von Feuer und Rauch in ihnen verursachte einen harten, eisigen Klumpen in ihrem Inneren. Zu viele Emotionen, zu viel Angst.
Sie stellte das Wasser an und prüft die Temperatur. Heiß! Gut!
Mit einem Schaudern, bedingt von der inneren Kälte, stieg sie in die Kabine. Das heiße Wasser prasselte auf ihren Körper, aber die eisige Kälte in ihrem Innern konnte es nicht erreichen.
Energisch drehte sie den Thermostaten noch höher. 45°C! Die Hitze des Wassers fing an auf der Haut zu schmerzen, aber sie ignorierte den Schmerz. Warum wurde ihr einfach nicht warm?
Der harte Klumpen in ihren Eingeweiden wanderte höher, setzte sich in der Brust fest und machte ihr das Atmen schwer. Schluchzend holte sie Luft und wehrte sich verzweifelt gegen die aufsteigenden Tränen. Das Leben hatte sie gelehrt, dass Tränen nichts änderten. Sie heilten weder Verletzungen, noch holten sie Tote ins Leben zurück. Basta!
Wütend schlug sie mit der flachen Hand immer wieder gegen die Fliesen und kniff die Augenlieder zu, während sie ihr Gesicht in den heißen Wasserstrahl hielt. Sie würde nicht weinen! Sie würde nicht…!
Doch vor ihrem inneren Auge sah sie immer wieder Bilder der toten Mia, von Zacks Verzweiflung und ihrer Freundin Angela - hilflos weinend in den Armen ihres Verlobten.
Rebeccas von Angst erfüllte Augen drängten sich in das Kaleidoskop der schlimmen Erinnerungen und nicht zuletzt das Bild ihres Partners, verletzt, geschwächt und doch wild entschlossen, seinen Sohn zu finden. Auch wenn das bedeutet hätte, sich erneut in die Hölle, die einmal das Museum des Jeffersonian gewesen war, begeben zu müssen.
Nach einem weiteren zitternden Atemzug entwich ein leiser Klagelaut ihrer Kehle und mit einem wütenden Aufschluchzen, gab sie den Kampf gegen die Tränen auf, lehnte den Kopf an die Fliesen und weinte haltlos.
„Wie konnten diese Kreaturen es wagen!", dachte sie.
Sie hatten Kinder getötet, hatten Menschen, mit denen sie gearbeitet hatte, das Leben genommen und anderen, die ihr am Herzen lagen, die fast so etwas wie ihre Familie waren, verletzt und Kummer bereitet!
Das nahm sie diesen Monstern genau so übel, als hätten sie sie persönlich angegriffen!
Doch auch wenn sie im Moment schwach, hilflos und geschlagen schien, sie war es nicht! Sie war Doktor Temperance Brennan, die beste forensische Anthropologin in diesem Land und zusammen mit ihrem FBI-Partner Seeley Booth würde sie einen Weg finden, diese Verbrecher aufzuspüren und sie bezahlen zu lassen, für das, was sie ihnen allen heute angetan hatten!
Sie würden den Opfern Gerechtigkeit verschaffen mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln! Und wenn die nicht ausreichen würden, auch noch darüber hinaus. Sie hatte an einigen wichtigen Stellen noch den einen oder anderen Gefallen gut und sie würde nicht zögern, diese wenn nötig auch einzufordern.
Das war es, worin sie und Booth so gut waren und dieses Wissen gab ihr wieder neuen Mut und dimmte die wildlodernde Glut der hilflosen Wut zu einer weißglimmenden Flamme, die eine ruhige, aber grimmige Entschlossenheit nährte.
Das mittlerweile nur noch lauwarme Wasser spülte ihre Tränen der Wut weg und Temperance stieg aus der Dusche. Sie fühlte sich besser; nicht gut, dafür war zu viel vorgefallen, aber besser. Mit resoluten Bewegungen trocknete sie sich ab, kleidete sich an und ging in ihre Küche.
Mit der Entschlossenheit war auch ihr Appetit zurückgekehrt. Sie bereitete sich einen kleinen Imbiss und kuschelte sich dann auf dem Sofa in eine Decke.
Obwohl sie todmüde war, konnte sie keinen Schlaf finden. Gedanken und Fragen wirbelten durch ihren Kopf. Wer würde eine Bombe im Jeffersonian zünden? Und warum? Wem würde so etwas nützen?
Es war zwecklos! Sie konnte sich hier stundenlang den Kopf zerbrechen, doch ohne die Ergebnisse der Spurensicherung würde sie mit Sicherheit keine Antwort auf diese Fragen finden.
Als sie seufzend auf die Uhr sah, war bereits weit nach Mitternacht. Wenn sie eh keinen Schlaf finden konnte, konnte sie die Zeit genauso gut anders nutzen, als hier
mit lauter ungeklärten Fragen untätig auf dem Sofa zu liegen. Außerdem nagte es an ihr, nicht genau zu wissen, wie es ihrem Partner ging.
Sie hatte ihn in dem Chaos den Sanitätern überlassen, wissend, dass er dort in guten Händen war. Aber wie sein Gesundheitszustand genau war, wusste sie nicht.
Also erhob sie sich von ihrem Sofa, zog Jacke und Schuhe an und griff nach ihren Schlüsseln. Welchen Unterschied würde es schon machen, ob sie sich jetzt oder erst morgen früh nach ihm erkundigte?
Im Gegenteil, jetzt war es sicher um einiges ruhiger als tagsüber und vielleicht nahm man es um diese Uhrzeit auch nicht so genau damit, dass sie keine Familienangehörige war.
Wer weiß, vielleicht hatte sie ja Glück!
Auf den Straßen waren um diese Zeit nicht viele Autos unterwegs und so erreichte sie in kurzer Zeit das Krankenhaus, in das Booth eingeliefert worden war.
Sie fragte sich zum Zimmer ihres Partners durch und ignorierte die verwunderten und manchmal etwas pikierten Blicke, die sie zusätzlich zu den gewünschten Antworten bekam.
Nur die Nachtschwester, die für die Station zuständig war, auf der ihr Partner lag, schien nichts mehr erschüttern zu können. Amüsiert meinte sie zu Temperance, das Mr. Booth ja wohl sehr beliebt bei den Damen sein müsste, denn gestern Abend – kurz nachdem sie ihre Schicht begonnen hatte -war auch schon eine gut aussehende Blondine mit Kind bei ihm gewesen.
‚Rebecca', dachte Temperance. Dass sich noch jemand um Booth sorgte, beruhigte ihr Gewissen etwas. Er war in der Zwischenzeit wenigstens nicht alleine gewesen.
„Nur leider hat er davon nicht viel mitbekommen, was aber nicht beunruhigend ist, denn er hat Schmerz- und Beruhigungsmittel bekommen, die auch einen Elefanten umgeworfen hätten.", fuhr die Nachtschwester munter fort, ohne sich an Temperances Schweigen zu stören. „ Also machen sie sich keine Hoffnungen, Dornröschens großen Bruder wach küssen zu können." Ein verschwörerisches Zwinkern begleitete den letzten Satz der älteren Frau.
Der Humor der Frau tat Temperance gut und ein leises Lächeln schlich sich in ihr Gesicht. „Wir sind nur Arbeitskollegen."
„Wie auch immer." meinte die Nachtschwester gutmütig und ging wieder an ihre Arbeit.
Leise betrat Temperance das Krankenzimmer. Es tat ihr weh, Booth so daliegen zu sehen. Angeschlossen an diverse Kabel, die seine Vitalfunktionen überwachten und Schläuche, durch die Medikamente in sein Blut flossen, wirkte er verletzlicher als sie es sich vorgestellt hatte. Über einen weiteren Schlauch bekam er zusätzlich Sauerstoff.
Rasch schnappte sie sich Booths Krankenbericht, der am Fußende seines Bettes befestigt war, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben sein Bett. Sie überflog den Bericht und stellte erleichtert fest, dass seine Verletzungen wohl schmerzhaft, aber ungefährlich waren. In ein paar Tagen würde er sicher das Krankenhaus wieder verlassen können.
Einigermaßen beruhigt, steckte sie den Bericht wieder in die dafür vorgesehene Halterung und beobachtete ihren schlafenden Partner.
Sein ruhiger Atem und das gleichmäßige, leise Piepsen der Überwachungsmonitore hatten eine beinahe hypnotisierende Wirkung und nach einer Weile fielen ihr die Augen zu und sie döste sie ein.
Ein leises Geräusch ließ sie wieder hoch schrecken. Die Nachtschwester machte ihre Runde und schaute leise ins Zimmer. Mit einem raschen Blick erfasste sie die Situation. „Ich bringe ihnen eine Decke." sagte sie und lächelte der verschlafen blinzelnden Anthropologin zu.
Kurz darauf kam sie mit der versprochenen Decke zurück und reichte sie Temperance. Diese bedankte sich leise, doch die Nachtschwester winkte ab und meinte nur: „Solch besorgte Arbeitskollegen, die am Bett Nachtwache halten, hätte ich auch gerne."
Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, verließ sie das Zimmer wieder.
Temperance verbot sich selber, weiter über die letzte Bemerkung nachzudenken und schlief nach kurzer Zeit wieder ein.
Das nächste Mal wurde sie von einem heiseren Husten geweckt. Sie richtete sich in ihrem Stuhl auf und sah, dass Booth wach war.
„Hey!" lächelte sie zu ihm hinüber.
„Hey!" antwortete er heiser. Er sah fürchterlich aus. Die Augen immer noch gerötet und mit fahler, mit blauen Flecken verunzierter Gesichtsfarbe, aber mit wachen Blick.
„Du schnarchst!" brummte er und setzte sich schwerfällig im Bett auf.
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Empört sah sie ihn an. Das war Booth! Eben noch halb tot und nun schon wieder streitlustig!
„Ich schnurre höchstens." schoss sie zurück, dann wurde ihr Blick wieder milder. „Wie fühlst du dich?"
„Wie von einem Truck überrollt." Er räusperte sich ausgiebig und nahm den Sauerstoffschlauch ab. „Weiß man schon, wer die Bombe gelegt hat?"
Sie sah ihn erstaunt an. „Woher weißt du, dass es ein Sprengsatz war?"
Er warf ihr einen 'Meinst-du-die-Frage-ernst?'-Blick zu, entfernte die Dioden für die Überwachungsmonitore von seinem Körper und rollte sich, einen Schmerzlaut unterdrückend, aus dem Bett, um die Monitore abzuschalten und das Nerv tötende Signal zu stoppen.
„Was tust du da??" Brennan blickte entsetzt, als ihr Partner das Bett verließ in der offensichtlichen Absicht, das Krankenhaus zu verlassen.
„Bones, ich weiß, wie es ist, wenn eine Bombe hoch geht, und das nicht erst seit gestern. Autsch!"
Er zog eine schmerzhafte Grimasse als er sich die Infusionsnadel aus dem Arm zog.
„Booth, hör auf! Du kannst doch nicht....! Es gibt genug andere fähige Leute, die den Fall untersuchen können!!" Besorgt fasste sie ihn am Arm.
Er sah sie scharf an, schüttelte ihre Hand ab und drückte ein Stück Gaze auf die Einstichstelle um die Blutung zu stoppen.
„Ich werde ganz bestimmt nicht hier im Bett sitzen, während da draußen ein Irrer herumläuft, der kleine Kinder in die Luft sprengt!!"
Er griff sich seine Kleidung und verschwand ins Bad um sich anzuziehen.
„Booth!" versuchte sie ein weiteres Mal, ihn aufzuhalten, „ Du hast eine Rauchvergiftung und eine Gehirnerschütterung erlitten. Du solltest dich wirklich erst einmal ausruhen!"
Keine Antwort.
„Booth!!!"
Mit einem leicht genervten Blick schaute er aus dem Bad. „Was?!"
„Du kannst nicht einfach das Krankenhaus verlassen!"
Er ignorierte sie und ihre Einwände weiterhin, wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser und zog ein frisches T-Shirt an. Rebecca war gestern so umsichtig gewesen, ihm Kleidung zum Wechseln mit zu bringen.
Genau konnte er sich nicht an ihren Besuch erinnern, dazu war er zu benommen gewesen. Aber dass sie Parker bei sich gehabt hatte, hatte er mit Erleichterung bemerkt. Sein Sohn war am Leben und in Sicherheit, das war alles was ihn interessierte. Danach war es ihm auch egal gewesen, was die Ärzte noch so mit ihm anstellten.
Als er in den Spiegel über dem Waschbecken schaute, musste er Temperance widerstrebend recht geben: Der Mann im Spiegel sah alles andere als topfit aus!
Das Pochen in seinem Schädel war wirklich unangenehm und wenn er ganz ehrlich zu sich selbst war, fühlte er sich auch noch ziemlich wackelig auf den Beinen.
Aber diese Typen hatten seinen Sohn in Lebensgefahr gebracht, dessen Freunde getötet und ihn selber auch angegriffen und somit wurde dieser Anschlag für ihn zu etwas Persönlichen.
Etwas, was er diesen Verbrechern nicht durchgehen lassen würde. Egal wie schlecht seine momentane körperliche Verfassung war! Da konnte Brennan noch so viel herum meckern!
Jetzt stand sie mit vor der Brust verschränkten Armen in der Badezimmertür und sah ihn skeptisch an. „Außerdem siehst du wirklich furchtbar aus."
Er schob sie vorsichtig zur Seite. „Bones, beim FBI gibt es andere Aufnahmekriterien als bei den Chipendales."
Brennan ließ sich seine Antwort durch den Kopf gehen und sah ihn dann ratlos an:„Wer oder was sind die Chipendales??"
Booth sah sie forschend an. Nahm sie ihn auf den Arm?
Nein, ihr Blick war arglos.
Er räusperte sich und überlegte fieberhaft, wie er jetzt aus dieser Nummer wieder heraus kam.
„Frag' Angela!" murmelte er schließlich, griff seine privaten Dinge aus dem Nachtschränkchen und verließ beinahe fluchtartig den Raum. Mit gerunzelter Stirn folgte Temperance ihm.
Auf dem Gang versuchte eine Krankenschwester sie aufzuhalten, aber Booth war nicht zu bremsen.
„Mr. Booth, sie können doch nicht einfach.....!!"
Temperance wandte sich an die Krankenschwester, die hilflos neben ihnen herlief: „Das habe ich auch schon versucht, ihm zu sagen. Erfolglos! Er ist sowas von stur in solchen Dingen!"
Diese Worte ließen Booth abrupt stoppen. Er sah Temperance scharf an: „Ich bin nicht stur. Nur ich sehe nicht ein, warum ich hier in einem Krankenhaus festsitzen soll, wenn ich einen Verbrecher zu jagen habe!"
Seinen Weg fortsetzend, ließ er Temperance und die verblüffte Krankenschwester hinter sich zurück, doch die Beiden holten ihn rasch wieder ein.
„Aber Dr. Walters hat gesagt, das sie mindestens......" begann die verzweifelte Krankenschwester erneut.
Booth stoppte ein zweites Mal: „Sagen Sie ihrem Dr. Walters, dass ich durchaus schon selber entscheiden kann, ob ich mich gut genug fühle, das Krankenhaus zu verlassen"
Er sah ihren verzweifelten Blick und ahnte, dass sie Ärger für seine Entscheidung bekommen würde.
Etwas milder fügte er hinzu: „Hören Sie, ich weiß, Sie machen auch nur Ihren Job. Aber ich muss auch meinen Job machen. Ich will auch nicht, dass Sie Ärger bekommen, aber da draußen läuft ein Irrer herum, der Kinder in die Luft sprengt! Also, wo muss ich unterschreiben damit Sie mich gehen lassen??"
Die Krankenschwester sah ihn resigniert an und seufzte dann leise. „Ich hole die Unterlagen."
