5. Partner

„Ich finde es immer noch unverantwortlich von dir, einfach das Krankenhaus zu verlassen." murrte Temperance. Seeley seufzte ergeben. Hätte er bloß ein Taxi genommen. Er wollte nur nach Hause, duschen und endlich diesen Geruch nach Rauch und Krankenhaus von seiner Haut bekommen.
Starr aus dem Fenster schauend, versuchte er das Gemurre seiner Partnerin über seine Entscheidung zu ignorieren. Sicher, sie war ja nur besorgt, aber im Moment verstärkten ihre Vorwürfe nur seine Kopfschmerzen. Außerdem hatte die Diskussion mit Dr. Walters ihn mehr Kraft gekostet, als er zugeben wollte. Dieser war just in dem Moment aufgetaucht als er die Bestätigung, dass er das Krankenhaus auf eigenen Wunsch verlassen würde, unterschreiben wollte.
'Was für eine Zeitverschwendung!' dachte Booth sauer, der die Diskussion zu seinen Gunsten hatte entscheiden können. Der Arzt hatte noch kurz mit Bones gesprochen, als Booth bereits zum Wagen vor gegangen war.
„Alles Ok?" fragte Temperance besorgt, nachdem sie eine Weile schweigend gefahren waren.
„Ja." brummte er.
„Du hättest wirklich nicht........" begann sie wieder, aber er winkte nur müde ab. Sie seufzte. Was nützte es schon, ihm immer wieder das Gleiche zu sagen und damit doch nur auf taube Ohren zu stoßen? Verdammter Sturkopf! dachte sie leicht verärgert.
„Ist wirklich alles ok mit dir?" fragte sie, nachdem sie einen Seitenblick auf Booth geworfen hatte, der wirklich sehr angeschlagen aussah. Er atmete langsam aus und hob den Kopf.
„Es geht schon !", meinte er nur. Dann setzte sie erneut an, ihn darauf hinzuweisen, dass er gesundheitlich noch nicht in der Lage war, sich an den Ermittlungen zu beteiligen, aber Booth fiel ihr verärgert ins Wort: „Bones, wenn ich eine Krankenschwester gebraucht hätte, dann hätte ich Schwester Cindy genommen. Die hatte wirklich einen Prachtarsch!" Sie schnappte empört nach Luft. „Du meinst also, dass ich als Krankenschwester ungeeignet wäre, weil ich nicht so einen 'Prachtarsch' habe wie Schwester Cindy???" sie spie ihm die letzten Worte förmlich vor die Füße. Warum sie seine Bemerkung so verletzte, war ihr selber ein Rätsel. Sie war eigentlich selbstbewusst genug, um mit ihrer Erscheinung zufrieden zu sein. Wütend über Booths Bemerkung und darüber, dass sie sich über diese Bemerkung ärgerte rammte Temperance den nächsten Gang rein und nahm abrupt den Fuß von der Kupplung. Der Wagen machte einen Satz und Booth stöhnte auf, als er dadurch hart in den Sitz gepresst wurde.
„Bones, bitte! Laß' das! Und es liegt auch nicht an deinem Hintern, daß ich dich nicht als Krankenschwester will....Ich wollte damit nur andeuten...."
„Ach nein??!!" unterbrach sie ihn gereizt, „Und woran liegt es dann??"
Wollte sie jetzt allen Ernstes mit ihm über eine unbedachte, gereizte Bemerkung von ihm diskutieren?? Booth atmete tief durch. „Weil du viel zu klug bist, um nur mein Kissen auf zu schütteln oder dafür zu sorgen, das ich regelmäßig irgendwelche Medikamente nehme.", versuchte er die Wogen zu glätten.
Sie schien noch nicht überzeugt. „Zu klug, hm??" Er versuchte es erneut: „Wir sind Partner, Bones. Ich brauche deinen Verstand, um diese Mistkerle zu kriegen und nicht, um bei mir Fieber zu messen."
„Gut." meinte sie gedehnt, „und es liegt nicht an meinem Hintern?"
„Nein," seufzte Booth, „der ist ok."
„Nur ok?"
„Bones, bitte...!!" flehte Booth müde und Temperance hakte zu seiner Erleichterung nicht weiter nach.

Als sie Booth' Wohnung erreichten, begleitete Temperance Booth hinein, seine Beteuerungen, er käme von jetzt an auch alleine zurecht, ignorierend. Mit einem leisem Seufzen, ließ er sie gewähren und musste sich doch insgeheim eingestehen, daß er eigentlich ganz froh darüber war, nicht alleine zu sein.
„Gott, ich brauche ganz dringend eine Dusche! Und etwas zu essen!" stöhnte er, als sie seine Wohnung betreten hatten. Er drehte sich zu Temperance um, die ihm gefolgt war. „Was ist mit dir? Du hast doch sicher auch noch nichts gegessen?"
Temperance schüttelte verneinend den Kopf. „Ich kann mir auf den Weg ins Institut etwas....." Empört fiel ihr Booth ins Wort: „Das kommt überhaupt nicht in Frage, Bones. Ich hab vielleicht nicht alles für ein First-Class-Frühstück im Haus, aber du verlässt diese Wohnung nicht, ohne etwas gegessen zu haben!"
Schmunzelnd über seine Fürsorglichkeit, gab sie nach. 'So typisch für ihn' , dachte sie, 'er selbst ist kaum in der Lage, sich aufrecht zu halten, macht sich aber wieder Sorgen um andere.'
„Also gut," gab sie nach und begann sich in der Küche umzusehen, „Aber ich frühstücke nur mit dir, wenn du mir versprichst, dich anschließend noch eine Weile auszuruhen."
„Ich sagte doch bereits, daß ich keine Krankenschwester brauche!" kam Booth Stimme aus dem Schlafzimmer, wo er sich saubere Kleidung heraussuchte, bevor er in das angrenzende Bad verschwinden wollte. Temperance ging zu ihm und sah ihn an. „Ich bitte dich auch nicht als deine Krankenschwester, sondern als deine Partnerin." änderte sie ihre Überzeugungs-Taktik, „Du bist effektiver, wenn du ausgeruht bist." Gegen diese spezielle Bones-Logik konnte auch Booth nichts mehr einwenden.
„Ich denk' drüber nach." brummelte er bevor er die Badezimmertür hinter sich schloss.

Obwohl das Wasser in seinen Schnittwunden brannte und auch die Prellungen ziemlich schmerzten, hatte Booth nach der Dusche das Gefühl wieder um Einiges lebendiger zu sein. Er zog eine bequeme Sweathose über und ging, das T-Shirt in der Hand in die Küche um Temperance zu bitten, die Pflaster an den Stellen zu wechseln, die er selber nicht erreichen konnte. Auf den Weg zur Küche empfing ihn schon der Duft frischen Kaffees. Er schloss auf den letzten Schritten die Augen um das Aroma zu inhalieren. Booth assoziierte den Geruch frischen Kaffees immer mit der Gemütlichkeit einer von Licht durchfluteten Küche und mit Ruhe. Obwohl er sich natürlich darüber im Klaren war, dass außerhalb seines Apartments gar nichts in Ordnung, gemütlich oder auch nur ruhig war, hielt er die Augen noch eine Weile geschlossen und gönnte sich ein paar weitere Sekunden dieser tröstlichen Illusion. Das Gefühl, daß ein intensiver Blick auf ihm ruhte, ließ ihn die Augen wieder öffnen. Temperance starrte ihn an. Booth konnte den Ausdruck in ihren Augen jedoch nicht deuten, als sie aufstand und sich ihm nun wortlos näherte.
Temperance war entsetzt, als sie Booth Verletzungen mit eigenen Augen sah. Zu wissen, das er verletzt war, war eines, es zu sehen etwas völlig anderes. Sie unterdrückte den Drang, entsetzt aufzuschreien. Statt dessen ging sie zu Booth und sah sich jeden Schnitt, jede Prellung, jede Verbrennung genau an. Ihr Verstand ratterte automatisch die möglichen Verursacher jeder Verletzung herunter. Herumfliegende Trümmerteile, Feuer, die Wucht der Explosion, etc.

Sie zwang sich, Booth als beliebigen Körper auf ihrem Untersuchungstisch zu sehen. Diese analytische Bestandsaufnahme half ihr, die Fassung zu bewahren. Trotzdem zitterten ihre Hände sichtbar, als sie jede Verletzung mit dem Finger vorsichtig nachzeichnete. Während sie nun unter professionellen Aspekten Booth Körper scannte, versuchte sie, das in ihr wirbelnden Chaos an Empfindungen zu sortieren.
Sorge um Booth: Er war verletzt, aber nicht Willens sich deswegen zu schonen.
Wut über die Attentäter, die, aus einer verqueren Überzeugung von was auch immer, Leben ausgelöscht und andere in ihren Grundfesten erschüttert hatten.
Auch die Angst, die sie empfunden hatte, als sie nicht sicher war, ob Booth noch lebte oder bei der Explosion umgekommen war, schwang als Echo in ihr nach.
Es erstaunte sie selbst, wie sehr er bereits Teil ihres Lebens geworden war. Sie assoziierte Booth mit einem Gefühl der Wärme und Sicherheit, welches sie viele Jahre vermisst hatte. Obwohl sie sich dafür selbstsüchtig schalt, liess sie der Gedanke, ihn und damit auch die Geborgenheit die er ihr vermittelte zu verlieren, schaudern.

„Bones! Sieh mich an!" Mit einer Hand griff Booth nach ihren zitternden Händen mit der anderen hob er ihr Kinn an, um ihren Blick von den Verletzungen abzulenken und sah ihr in die Augen. „Wir werden sie kriegen!" versicherte er ihr . Stumm blinzelte sie die Tränen fort, die ihr, trotz ihrer Bemühungen die Fassung zu bewahren in die Augen gestiegen waren und schluckte hart. Er hielt ihren Blick fest „Das sind keine bleibenden Schäden. In ein paar Tagen wird kaum noch etwas zu sehen sein." versuchte er sie zu beruhigen doch sie schwieg. Unvermittelt umarmte sie ihn und verbarg ihr Gesicht an seiner Schulter. Booth versuchte nicht allzu sehr zusammen zu zucken vor Schmerz. Verdutzt über ihre spontane Handlung, erwiderte er zögernd die Umarmung und begann beruhigend über ihren Rücken zu streichen. „Du hast mir solch einen Schrecken eingejagt! Ich habe geglaubt du wärst tot!!" hörte er ihre gedämpfte Stimme, „Tu das bitte nie wieder!" Wie um sich rückzuversichern, dass er wirklich am Leben war, löste sie ihre Arme von seinem Nacken und legte beide Hände auf seine Brust, um seinen Herzschlag zu fühlen.

Booth wusste nicht, wie er reagieren sollte. Ihr warmer Atem auf seiner Haut, ihr Gesicht an seiner Schulter und ihre sanften Hände auf seiner Brust verwirrten ihn und ließen sein Herz schneller schlagen. Es irritierte ihn, dass es sich so gut anfühlte. Viel besser, als es sich bei Kollegen und Freunden anfühlen sollte. Für einen Moment, wünschte er sich, die Welt würde still stehen und er könnte ewig so verharren. Fern ab von Verbrechen,Tod und von Gewalt. Aber die Welt da draußen nahm keine Rücksicht auf die Wünsche eines Seeley Booth.

Nach einer Weile löste sich Temperance zu Booths Bedauern von ihm. Sie trat einen Schritt zurück um sich zu sammeln und wieder zu ihrer professionellen Haltung Booth gegenüber zurück zu finden. Booth seufzte leise. Er wusste, dass Bones die Linie, die er gezogen hatte, respektierte. Trotzdem gab es gelegentlich Momente, in denen er sich wünschte, diese nie gezogen zu haben. Aber jetzt war nicht der Augenblick um über Beziehungen zwischen Kollegen, und fühlten sie sich noch so gut an, nachzudenken. Also versuchte er seinen Herzschlag unter Kontrolle zu bekommen und sah sie ruhig an.

„Entschuldige." murmelte sie leise. Sie schien wieder ruhig und gefasst. „Es ist gut, Bones, wir hatten alle Angst gestern. Es war ein schrecklicher Tag." beruhigte Booth sie erneut. „Wir stehen wohl alle ein wenig neben uns." Sie sah ihn nur an. Bemüht, wieder auf neutrales Territorium zurückzukommen, reichte Booth Temperance Verbandsmaterial. „Vielleicht könntest du die Pflaster erneuern? Ich komme leider nicht überall selber heran....." Diese nickte eifrig, dankbar für die Ablenkung und begann Booth Verbände zu wechseln und langsam löste sich die verlegene Atmosphäre auf.

Sie beendeten gemeinsam das Frühstück und Booth nahm Temperance im Gegenzug für seine Zusage, sich noch eine Weile auszuruhen das Versprechen ab, ihn am frühen Nachmittag abzuholen, damit sie gemeinsam auf die Jagd nach den Bombenlegern gehen konnten. Booth brachte Temperance zur Tür. Sie drehte sich noch einmal um. „Bis später. Und bitte ruf mich an falls....." „..Falls ich doch eine Krankenschwester brauchen sollte?" ergänzte Booth mit einem schmalen Grinsen. Temperance rang sich ebenfalls ein Lächeln ab und nickte. Beruhigend legt er ihr eine Hand auf den Arm: „Versprochen! Pass bitte auf dich auf. Solange wir nicht wissen wer hinter dem Anschlag steckt und wem er eigentlich galt......." er brach ab, aber sie verstand ihn auch so. „Ich werde vorsichtig sein." versicherte sie ihm und verließ das Apartment. Leise seufzend schloss Booth die Tür hinter ihr.

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