6. Kollegen

Nach einem kurzen Zwischenstop in ihrem Apartment um zu duschen und sich umzuziehen, erreichte Temperance das Jeffersonian.

Das Feuer war bereits gelöscht und die Toten und Verletzten alle in die umliegenden Krankenhäuser oder Leichenhallen gebracht worden. Statt der Feuerwehrfahrzeuge und Krankenwagen, die gestern abend das Gelände bevölkerten, standen jetzt überall Fahrzeuge der Spurensicherung.

Als sie das Labor betrat, sah sie FBI-Forensiker an einigen Stationen arbeiten die von Mitarbeitern des Jeffersonians unterstützt wurden.

Da das Labor von der Explosion im Museumstrakt nicht in Mitleidenschaft gezogen worden war, hatten es die Verantwortlichen für naheliegend befunden, die gefundenen Beweise direkt hier zu untersuchen. Die erheblich bessere Ausstattung des privat gesponsorten Instituts war mit Sicherheit auch ein entscheidender Grund dafür gewesen.

Etwas irritiert registrierte Temperance die vielen ihr unbekannten FBI-Mitarbeiter, obwohl auch das eine oder andere vertraute Gesicht darunter war, da sie bereits mit einigen von ihnen gearbeitet hatte. Unter den ihr vertrauten Personen befanden sich Hodgins und ihr Assistent Zack Addy. Erstaunt die Beiden im Labor zu sehen, ging sie auf sie zu. Die Zwei waren so sehr in ihre Arbeit vertieft, dass sie Temperance erst bemerkten, als diese sie direkt vor ihnen stand. Jack sah überrasch hoch, während Zack stoisch weiter arbeitete.

„Dr. B.? Was tust du denn hier?"

„Ich arbeite hier." antwortete Temperance trocken, „und im Übrigen könnte ich dich das Gleiche fragen, Jack."

Hodgins überging ihren Sarkasmus. „Wir waren in Sorge um dich. Du warst nirgendwo zu erreichen, nachdem du das Gelände verlassen hattest. Weder in deinem Apartment noch auf dem Handy. Angela hat es stundenlang versucht und dir wahrscheinlich mindestens einhundert Nachrichten hinterlassen." antwortete er stattdessen und seine Stimme klang vorwurfsvoll. Beschämt musste Temperance zugeben, dass sie in ihrem ersten Schock und anschliessend in ihrer Sorge um Booth, nicht daran gedacht hatte ihren Anrufbeantworter oder ihre Voicemailbox abzuhören. Angela war sicher ausser sich gewesen.
Angesichts von Temperances betretenen Gesichtsausdruck wurde Jacks Stimme etwas milder.
„Angela geht es körperlich gut." beantwortete er ihre ungestellte Frage, „aber das mit den Kindern hat sie sehr mitgenommen. Du kennst ja Angela." Er seufzte und Temperance nickte. „Sie ist wirklich tough, hat aber ein Herz, so weich wie Butter." fuhr er fort, „ sie wird heute wohl zu Hause bleiben..." Er brach ab und sah erstaunt auf einen Punkt hinter Temperance, bevor er fortfuhr: „Dachte ich zumindest...."

Temperance drehte sich um, um zu sehen, was Hodgins so erstaunte und fand sich gleich darauf von Angelas Armen umklammert wieder. „Sweety, du bist wirklich der letzte Nagel an meinem Sarg!" stöhnte Angela, als sie Temperance wieder frei gab.
„Ich weiss nicht, was du damit meinst." antwortete Temperance verdutzt, „ Solltest du nicht zu Hause sein?"
„Das sagt die Richtige!" wetterte Angela. „Wo, zum Teufel, hast du die ganze Nacht gesteckt??"
"Im Krankenhaus, " antwortete die Gescholtene und ergänzte, als sie Angelas entsetzten Blick sah: "Bei Booth!"

"Booth?! Natürlich!" Erleichterung und ein kleines, wissendes Grinsen huschte über Angelas Züge bevor sie wieder ernst wurde, "Wie geht es ihm?"
Temperance seufzte: "Er ist ein unbelehrbarer Sturkopf! Aber er wird es überleben und keine bleibenden Schäden zurück behalten."
"Nun, Sturheit ist schon ein ernstzunehmendes Krankheitsbild." Angela konnte ein kleines Kichern nicht unterdrücken. Temperance sah sie nur ratlos an
"Ich weiss nicht, was..." begann sie, aber Angela unterbrach sie sofort: "Schon gut, Bren, vergiss es einfach. Dieser Anschlag macht mir wirklich zu schaffen. Und dann reagiere ich manchmal unangemessen."
"O-kay." machte Temperance gedehnt, die die Pointe immer noch nicht verstanden hatte. Angela hatte nun auch Zack entdeckt, der nach wie vor stumm vor sich hin arbeitete. Sie ging auf ihn zu und nahm ihn wortlos in den Arm. "Und wie geht es dir, Zack?"

Zack wirkte über diese Umarmung ziemlich irritiert. "Es geht mir gut, Angela, und es würde mir noch besser gehen, wenn ich wieder Luft bekäme. Du bist dabei mich zu zerquetschen, metaphorisch gesprochen."
Angela ließ Temperances Assistenten wieder los."Du warst gestern so niedergeschlagen wegen der Kleinen."
Zack presste die Lippen zusammen und schluckte. Er überlegte eine Weile bis er sagte: "Ihr Genick war gebrochen. Sie hat wahrscheinlich nichts gespürt!"
"Das ist immerhin ein kleiner Trost." meinte Angela mitfühlend.
Zack sah sie ernst an. "Für mich vielleicht, aber nicht für Mia." meinte er schroff, " und für ihre Eltern wäre es sicher hilfreicher, wenn wir die Verantwortlichen finden. Also sollten wir Spuren und Beweise auswerten." Brüsk drehte er sich wieder zu seiner Arbeit um.

Betroffen starrte Angela ihn an. Sie legte ihm tröstend eine Hand auf die Schulter, aber er schüttelte sie ab. Hodgins sah seine Verlobte an und schüttelte wortlos den Kopf. "Laß' ihn!" sagte diese Geste stumm.
"Wie lange muss Booth noch im Krankenhaus bleiben?" fragte er stattdessen laut.
Temperance verzog das Gesicht ein wenig. "Nun, Dr. Booth hat sich heute morgen selber entlassen. Entgegen aller Expertenmeinungen, meiner eingeschlossen." antwortete sie sarkastisch. "ER glaubt, er wäre unabkömmlich."

"Anscheinend glauben das hier auch noch einige Andere von sich."

Die Gruppe fuhr herum, denn keiner hatte Cam kommen gehört. Sogar Zack sah kurz von seiner Arbeit auf. Camille Saroyan stellte sich zu der Gruppe und sah Temperance fragend an: "Geht es Booth soweit gut?"
"Bis auf einen chronischen Dickschädel, scheint er, nach Brennans Aussage keine bleibenden Schäden zurück zu behalten." antwortete Angela an Temperances Stelle.
Diese sah Angela streng an und ergänzte an Camille gerichtet: "Einige oberflächliche Verletzungen, ein paar üble Prellungen und eine leichte Gehirnerschütterung sowie eine leichte Rauchvergiftung, aber wie Angela schon sagte, nichts wirklich Ernstes."
Camille atmete erleichtert auf. "Gut. Aber was tun Sie hier alle? Sie sollten sich frei nehmen."
"Na dann, willkommen im Club der Unabkömmlichen." meinte Hodgins trocken.

Trotz der offensichtlichen Respektlosigkeit, die Hodgins seiner Chefin gegenüber an den Tag legte, hob diese nur leicht amüsiert die Augenbrauen.
Sie zeigte mit dem Zeigefinger auf sich selbst und antwortete nicht weniger trocken: "Leiterin dieses Labors, Dr. Hodgins, erinnern Sie sich? Deshalb: Anwesenheit zwingend erforderlich." Sie ließ ihre Hand wieder sinken und meinte mit einem Seufzen: "Glauben Sie mir, ich wäre heute überall lieber als hier. Aber....." Camille zuckte müde mit den Schultern und liess den Satz unvollendet. "Ich denke, Zack hat recht. Wenn wir doch schon alle hier sind, können wir genau so gut unsere Arbeit machen. Was haben wir bisher?" Sie wandte sich an Zack, der sich wieder zu der Gruppe umgedreht hatte.

"Die Bombe war ersten Erkenntnissen nach mit einem Zeitzünder versehen. Sowohl Bombe als auch Zünder waren scheinbar eher primitiver Bauart." berichtete dieser. "Wir haben die Überreste einer Uhr mit Digitalanzeige gefunden. Die Anzeige der Uhr war zwölfstündig. Das heißt, sie sprang nach 12 Uhr wieder auf 1 um. Das ist bisher alles, was ich rekonstruiren konnte, aber ich arbeite weiter daran."
Camille legte einen Finger an ihr Kinn und überlegte. "Primitiv, sagen Sie?" wandte sie sich an Zack, der bestätigend nickte. " Klingt nicht nach einer größeren Terrororganisation. Eher nach Amateuren."
"Amateure mit Mordauftrag?" warf Hodgins zweifelnd ein.
"Was, wenn gar kein Mord geplant war. Die Uhr zeigte nur Zeiten von 1 – 12 Uhr an. Was, wenn die Uhr nur verkehrt gestellt war?" fuhr Camille fort.
"Wie meinen Sie das?" fragte Zack.
Camille sah ihn an. "Diese Uhren zeigen zum Beispiel sowohl morgens um zwei sowie nachmittags um 14 Uhr 2 Uhr an. Die Vormittagszeit wird durch den Zusatz a.m. von der Nachmittagszeit, die mit p.m. gekennzeichnet ist, unterschieden."
"Und Sie glauben, diese Amateure haben die Uhr falsch gestellt und die Explosion hätte gar nicht tagsüber sondern nachts passieren sollen?" fasste Temperance zusammen.
"Wäre immerhin eine Möglichkeit." bestätigte Camille, "Mir will einfach nicht in den Kopf, warum man sich das Museum des Jeffersonian für einen Mordanschlag aussuchen sollte. Für Leute, die Personenschaden im Sinn haben, gibt es, auch wenn das jetzt gefühllos klingt, lohnendere Ziele."

"Es klingt sogar sehr gefühllos." bestätigte Angela bitter.

"Aber rational betrachtet klingt es plausibel." erwiderte Temperance. "Gibt es bereits ein Bekennerschreiben?"
Die Leiterin des Jeffersonians schüttelte den Kopf. "Bisher ist weder hier, noch beim FBI, irgendetwas in dieser Richtung eingegangen."
"Dann werden wir wohl mit dem arbeiten müssen, was wir bisher haben," sagte Hodgins, " Ich werde mit Zack weiter die Überreste des Sprengsatzes untersuchen. Vielleicht finden wir noch mehr. Und Angela könnte mit ihrem 'Zaubercomputer' anhand der Zerstörungsmuster ausrechnen, wieviel Sprengstoff im Spiel war."
Angela nickte zustimmend und Hodgins ging wieder zu Zack, um mit ihm weiter nach Hinweisen in den Überresten zu suchen.

"Gut. Sie wissen alle, was Sie zu tun haben. Ich werde mich dann mal mit der Versicherung auseinander setzen. Ausserdem wollen die Vorstandsmitglieder ebenfalls wissen, wie hoch der Sachschaden im Museeum ist. Juhu!" Camille verdrehte seufztend die Augen und wandte sich, genau wie Temperance und Angela zum Gehen.
Doch dann drehte sie sich noch einmal um: "Ach, und Hodgins: Ich weiß, was sie vom FBI und anderen Regierungsorganisationen halten! Aber bitte, das FBI ist hier um uns zu helfen, also halten sie sich ein wenig zurück, ja?!"
Hodgins unterdrückte ein Grinsen und salutierte nachlässig. "Jawohl, Ma'am!"

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Morgan Avery war ausser sich, als sie in den Morgennachrichten von dem Anschlag auf das Museum des Jeffersonians hörte.
Hysterisch wandte sie sich an ihren Freund, der auf einer abgewetzten Couch lag und sich bei der Meldung ebenfalls angespannt erhob.
"Ron, du hast gesagt, es würde kein Mensch zu Schaden kommen!!! Du hast es versprochen!! Da sind Kinder gestorben, Ron! Kinder!!"
Ihre Augen waren vor Entsetzen weit aufgerissen.
"Klappe! Ich kann nichts verstehen, wenn du hier so herumplärrst!" fuhr sie Ronald Coven unwirsch an und konzentrierte sich wieder auf die Berichterstattung im TV.
Als der Bericht endete, griff er zum Telefon und wählte. Kaum hatte sich der Angerufene gemeldet, blaffte er auch schon in den Hörer: "Vince, etwas ist verdammt schief gelaufen! Ist das Bekennerschreiben schon raus? - Nein? Gut! Verbrenn' es, lösch'es, stampf es ein!! Wenn uns irgendwer mit dem Anschlag in Verbindung bringt, sind wir am Arsch!!"
Ron fuhr sich nervös mit der Hand übers Gesicht. "Warum??? - Hörst du keine Nachrichten, du Idiot? Verdammte Scheiße!! Wir haben Kinder umgebracht!! "

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A/N: Hmmmm, ich weiß, das die Story gelesen wird, aber leider hat sich bisher hier kaum einer dazu geäußert, was er/sie von der Story hält.
Das würde mich aber wirklich brennend interessieren. Also bitte, traut euch. (Ich weiß, dass ihr da draußen seid!! ;D)