7. Explosivstoffe
Booth wälzte sich schlaflos von einer Seite auf die andere. Trotz oder vielleicht gerade wegen der Schmerzmittel, die er genommen hatte, war er aufgekratzt und unruhig. An Schlaf war nicht zu denken. Alles in ihm drängte danach, endlich mit den Ermittlungen anzufangen. Nicht willens, noch mehr Zeit unnütz im Bett zu vertrödeln, stand er auf und zog sich an.
Er wärmte sich eine Tasse Kaffee vom Frühstück in der Mikrowelle auf und griff nach seinem Telefon.
Die erste Nummer, die er wählte, war die von Rebecca. Er erkundigte sich nach seinem Sohn und wie der Junge das Geschehen verkraftete. Parker war, Rebeccas Aussage nach, immer noch ziemlich verstört wegen der Ereignisse, aber sie versicherte Booth, dass sie bereits Kontakt mit einem Kinderpsychologen aufgenommen hatte, der sich um ihn kümmern würde.
„Und wie geht es dir?" fragte Rebecca.
Booth atmete langsam aus bevor er antwortete: „Es ging mir schon mal besser, aber ich bin nicht mehr im Krankenhaus." Er versuchte ein schiefes Lächeln, obwohl er wusste, das Rebecca es nicht sehen konnte. „Danke übrigens, das du mir gestern ein paar Sachen vorbei gebracht hast."
„Gern geschehen. Aber ich finde, du hättest noch im Krankenhaus bleiben sollen." meinte Rebecca, „es hatte dich ziemlich übel erwischt."
„Bitte, Becca," unterbrach sie Booth, „du nicht auch noch! Ich habe mir schon genug von Bones anhören dürfen zu diesem Thema. Glaub mir, sie hat nichts ausgelassen."
Er konnte Rebecca am anderen Ende leise lachen hören. „Das kann ich mir lebhaft vorstellen." Dann wurde sie wieder ernster. „Seeley, du solltest auf sie hören. Ihr liegt sehr viel an dir. Und das sage ich jetzt nicht nur aus Sympathie für Dr. Brennan. Und wenn du dich schon nicht um deinetwillen schonen willst, dann tu es ihr und uns zuliebe."
Booth verdrehte leicht genervt die Augen. „Bones und ich sind nur...."
„Nur Partner, ich weiß." ergänzte Rebecca, aber Booth konnte ihr Grinsen förmlich hören, bevor sie fortfuhr: „Trotzdem Seeley, hier sind Menschen, die brauchen dich. In einem Stück."
„Natürlich Becca," gab Booth zurück, „genau aus dem Grund kann ich es mir auch nicht leisten, lange auszufallen."
Rebecca seufzte leise. „Du hast mich nicht richtig verstanden, Seeley. Wir brauchen den Menschen Seeley Booth, nicht den FBI-Agenten." Mit diesen Worten verabschiedete sie sich von Booth und beendete das Gespräch.
Booth starrte noch eine Weile auf sein stummes Telefon und ließ Rebeccas Worte etwas beklommen auf sich einwirken. Dann schüttelte er die Beklommenheit wieder ab und wählte erneut. Diesmal die Nummer seines Büros. Da Booth ja nach dem Anschlag ins Krankenhaus gebracht worden war, hatte ein anderer FBI-Mitarbeiter Booth Fahrzeug wieder zum FBI-Hauptquartier zurückgefahren. Deshalb wies er mit kurzen Worten einen Agenten an, ihn von seiner Wohnung abzuholen und legte wieder auf.
Während er auf seinen Fahrer wartete, lief er unruhig in seinem Wohnzimmer auf und ab. Er überlegte, ob er sich Bones Ärger jetzt gleich oder lieber etwas später stellen wollte. Denn verärgert würde sie mit Sicherheit sein, wenn er sie darüber informierte, dass sie ihn nicht mehr abzuholen brauchte, weil er bereits auf dem Weg zum - oder eben später schon im - Büro Entscheidung wurde ihm durch ein Klingeln an der Tür abgenommen. Sein Fahrer war da. Er würde Bones also später, vom Hoover-Gebäude aus, anrufen.
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Temperance Brennan war in der Tat mehr als verärgert, als sie Booths Anruf eineinhalb Stunden später erhielt. Nur mühsam beherrschte sie sich, um Booth nicht zusammen zu stauchen, wie einen unfähigen Studenten.
'Er ist erwachsen und kann für sich selber entscheiden' sagte sie sich immer wieder.
Doch der Wunsch, ihm wenigstens einige der wüstesten ihr bekannten Verwünschungen an den Kopf zu werfen, war beinahe überwältigend.
Booth spürt sehr wohl, das seine Partnerin am anderen Ende der Leitung am Kochen war. Also versuchte er alle Themen, die einen Ausbruch verursachen konnten vorsichtig zu umschiffen, indem er sich nur nach den bisher gefundenen Spuren erkundigte. Bones klärte ihn kühl über die Reste der Uhr, der wahrscheinlichen Zündvorrichtung, sowie über Cams Theorie, dass bei dem Anschlag eventuell gar kein Personenschaden beabsichtigt gewesen war, auf. Und dass der Zeitpunkt der Explosion lediglich ein Fehler der Attentäter bei der Programmierung der Uhr gewesen sein könnte.
„Amateure also?" fragte Booth und klang ähnlich skeptisch wie Hodgins, als der Cams Theorie zum ersten Mal gehört hatte. „Zumindest ist diese Theorie nicht völlig unwahrscheinlich." verteidigte Temperance die Leiterin des Instituts, „es sei denn, du hast eine Bessere vorzuweisen."
„Nein, hab ich nicht," gab Booth zu, „aber ich werde da noch mal einige Dinge überprüfen."
Eine Weile hörte Brennan nichts weiter, als das Geklapper von Booths PC-Tastatur und das Geraschel von Papier.
Sie wollte schon verärgert auflegen, weil Booth sie so in der Leitung hängen ließ, als er sich nochmal meldete. „Bones, bist du noch dran?"
Temperance antwortete mit einem angesäuerten Schnaufen, das Booth lieber unkommentiert ließ, obwohl ihm eine Bemerkung über tibetanische Wasserbüffel auf der Zunge lag. Doch auch, wenn er harte Schläge auf den Kopf bekommen hatte, wusste er, wann man Bones besser nicht reizte.
„Hat sich mittlerweile jemand zu dem Anschlag bekannt?" fragte er stattdessen.
„Nicht in den letzten zwei Stunden." bekam er zur Antwort.
„Merkwürdig." murmelte er mehr zu sich selbst. „Normalerweise können es diese Möchtegern-Terroristen doch gar nicht abwarten, mit ihren kranken Taten zu prahlen."
„Diese hier können es anscheinend ." kam es trocken vom anderen Ende der Leitung.
„Nun ja," überlegte Booth laut, „Wenn sie andererseits wirklich keinen Personenschaden im Sinn gehabt haben, würde ich mich an ihrer Stelle auch nicht melden."
„Na dann ist ja alles klar. Wenn Super-Agent Booth sich an ihrer Stelle nicht melden würde, brauchen wir ja nicht mehr auf einen Bekennerbrief zu warten!" Bones Stimme war purer Sarkasmus.
Booth zog die Augenbrauen zusammen und schaute ein wenig verwundert den Telefonhörer an.„Kein Grund so gereizt zu sein, Bones!"
Er konnte am anderen Ende der Leitung Temperance tief Luft holen hören, bevor sie grollte: „Ich bin nicht gereizt, Booth, ich bin stinksauer! Und du weißt, warum! Wir hatten eine Abmachung!"
„Hör' bitte endlich auf, mich zu bemuttern, Bones!" Langsam war auch Booths Geduld am Ende. „Wenn du jemanden zum betüddeln brauchst, schaff dir ein Haustier an!!"
Er wusste, er war ungerecht, aber die Worte waren heraus, bevor er nochmal darüber nachdenken konnte. Eigentlich ließ ihn Bones ja nur seine eigene Medizin schlucken. Wie viele Male hatte er sich schon ungefragt – natürlich nur aus lauter Besorgnis um sie - in Dinge eingemischt, die sie sehr gut alleine hätte handhaben können? Bevor sie zu einer scharfen Antwort ansetzen konnte – die er, das musste er sich selber eingestehen, auch verdient hätte - versuchte er seinen Worten die Spitze zu nehmen. „Bones, es tut mir leid! Ich weiß, du bist besorgt, aber es geht mir gut, wirklich. Hör' bitte auf, dir meinetwegen Sorgen zu machen." Was immer sie hatte sagen wollen, sie ließ es bleiben. Stattdessen gab sie nur erneut ein verärgertes Schnaufen von sich.
Rasch brachte Booth das Gespräch wieder auf eine professionelle Ebene, bevor es weiter eskalieren konnte. „Haben deine Blinzler schon heraus gefunden, was für Sprengstoff verwendet wurde?" Temperance wollte gerade verneinen, als Hodgins an ihre offene Bürotür klopfte.
„Einen Moment." sagte sie zu Booth, stellte ihr Telefon auf Lautsprecher um und winkte Hodgins in ihr Büro. Hodgins wies mit dem Kinn auf ihr Telefon und fragte: „Booth?"
„Ja! Hodgins? Habt ihr etwas gefunden?" kam Booth Stimme aus dem Lautsprecher.
„Hey, Mann, Booth, bist du okay? Du hast uns gestern einen ziemlichen Schrecken eingejagt. Dr. B. sagt, du hättest dich selber aus dem Krankenhaus entlassen. Sie war ziemlich aufgebracht deswegen." Hodgins warf einen raschen Seitenblick auf Bones, die diesen Blick finster erwiderte.
„Ja, ja und ja!" antworte Booth genervt. „Habt ihr etwas gefunden, Hodgins??" wiederholte er dann seine Frage.
„Haben wir!" bestätigte Hodgins und grinste.
Temperance sah ihn fragend an und auch Booth Stimme wurde ungeduldig: „Und was ist es??!!"
„N-Trinitro-hexahydro-triazin" sagte Hodgins in einem Tonfall, als wüsste er die Lottozahlen der nächsten Woche.
„Bitte was? Nochmal für Nicht-Blinzler, bitte!" Booth klang völlig ratlos.
„Hexogen!" übersetzten Hodgins und Temperance unisono.
Und Hodgins erklärte weiter:
„Hexogen ist Bestandteil vieler verbreiteter Sprengstoffarten, zum Beispiel Torpex oder C4. Hexogen ist in reinem Zustand hochexplosiv. Damit es als effektiver Sprengstoff genutzt werden kann, wird es mit Plastifizierern wie Wachs, Knetmasse, Vaseline oder etwas Ähnlichem zu den Plastiksprengstoffen A2, A3, B2, B3, B4, C2, C3 und dem besten, bekanntesten und am weitest verbreiteten C4 vermischt. Ausserdem ist Hexogen Bestandteil von Semtex! Wie fast alle militärisch verwendeten Sprengstoffe sind alle diese Plastiksprengstoffe nicht mehr gegen Schlag, Flamme und Reibung empfindlich. Um diese Plastiksprengstoffe zur Explosion zu bringen, muss eine Initialzündung mit einer Sprengkapsel erfolgen. Mit bestimmten anderen chemischen Verbindungen kann Hexogen jedoch auch direkt zur Explosion kommen.
Hexogen wird durch eine zweistufige Synthese hergestellt, die eigentlich so einfach ist, dass man das sogar in einem Schullabor machen könnte. Also Vorsicht, wenn du deinem Sohn irgendwann einen Chemie-Experimentierkasten kaufst, Booth!"
Hodgins wurde wieder ernst und erklärte weiter:
„ Ausgangsstoffe für die Synthese der ersten Stufe sind Ammoniak und Formaldehyd. Diese reagieren in einer Bilderbuchreaktion zu Hexamethylentetramin. Hexamethylentetramin ist ein weit verbreiteter Lebensmittelkonservierungsstoff, der allerdings Allergie auslösend ist und daher in manchen Ländern nicht mehr als solcher zugelassen ist. Dennoch ist dieser Stoff überall erhältlich. Man schätzt ihn z. B. in der Chemie unter der Bezeichnung Urotropin zur Einstellung eines schwach basischen Milieus. Vor einiger Zeit versuchte Lybien - erfolglos - einige zehn Tonnen davon zu erwerben. Begründung: Konservierung von Meeresfrüchten."
Hodgins konnte sich diesen ironischen Seitenhieb nicht verkneifen.
„ Hexamethylentetramin wird dann mit Salpetersäure oder einem Gemisch von Salpetersäure, Ammoniumnitrat (einer Düngersubstanz) und Essigsäureanhydrid (mit dem man z. B. aus Morphium Heroin herstellen kann, aber auch aus Cellulose den bekannten Kunststoff Celluloseacetat oder Acetatseide) versetzt. Dabei bildet sich bereits Hexogen. Du siehst, Booth, Sprengstoffherstellung ist ein Kinderspiel."
„Wow!" machte Booth nur, der sich nicht ganz sicher war, ob er das alles richtig verstanden hatte. „Du meinst also, dass jeder, der an Ammoniak, Formaldehyd und Salpetersäure kommen kann, Sprengstoff herstellen kann??"
„Genau das." antwortete Hodgins.
„Klasse!" brummte Booth frustriert. „Das schränkt den Kreis der Verdächtigen natürlich immens ein!"
„Hey!" Hodgins musste trotz der ernsten Situation grinsen, „Ich bin nur ein Blinzler, richtig?! Also maul nicht mich an. Ich habe mein Blinzler-Ding gemacht, jetzt mach du dein Ermittler-Ding!"
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In ihrem Zimmer im Studentenwohnheim der University of Maryland, College Park, saß Morgan Avery, Studentin des Chemie-Ingenieurwesens, auf ihrem Bett. Sie hatte ihre Knie bis ans Kinn hochgezogen und wiegte sich auf ihrem Bett verzweifelt vor und zurück.
Wie hatte sie nur so dumm sein können und sich auf diese Sache einlassen können?
Wie hatte sie sich auf Ronald Coven einlassen können?
Eigentlich war sie doch viel zu klug für so etwas! Sie gehörte zu den besten Studentinnen ihres Jahrgangs und ihre Professoren sagten ihr eine glorreiche Karriere im Anschluss an ihr Studium voraus. Wie hatte sie sich bloß in einen Mann wie Ron Coven verlieben können? Er war das komplette Gegenteil von ihr. Warum er überhaupt studierte, war ihr ein Rätsel. Er tat nichts um seine bestenfalls mittelmäßigen Leistungen zu verbessern. Das einzige, was er ausdauernd tat, war mit seinen Kommilitonen zu trinken oder sich die Spiele der Terrapins, des College-Teams der UMCP, anzusehen und aufs Establishment zu schimpfen.
Doch das war ihr erst viel zu spät aufgefallen. Zuerst war ihr nur sein gutes Aussehen ins Auge gestochen. Und wenn er wollte, konnte er so vor Charme sprühen, dass man ihm fast alles nachsah. Was er auch schamlos ausnutzte.
Mit eben diesem Charme und seinem überzeugten Gerede von einer klassenlosen Gesellschaft, in der alles allen gehören würde, es keinen Hunger und keine Armut geben würde, hatte er sie verzaubert.
Im Nachhinein fragte sich Morgan, ob dieser Dopamin-Serotonin-Neurotrophin-Oxytocin- und Testosteronmix, der Verliebtsein 'verursachte', wirklich einen so intelligenten Menschen wie sie einer war, in eine blauäugige Idiotin verwandeln konnte.
„Offensichtlich!" dachte sie bitter. Denn jetzt, wo sich dieser rosarote Nebel verzogen hatte, erschien es ihr einfach nur dämlich, an so etwas wie 'real existierenden Kommunismus' geglaubt zu haben. Die Geschichte der UDSSR hatte doch wohl mehr wie deutlich gezeigt, dass dieses Konzept nicht funktioniert hatte.
Wütend über sich selber wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie würde, nein sie musste das irgendwie wieder in Ordnung bringen! Sie hatte nur noch keine Ahnung, wie.
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A/N: Da ich in Chemie eine ziemliche Niete bin, habe ich mir die Freiheit genommen, Hodgins Monolog über Hexogen in weiten Teilen nahezu wortwörtlich aus den entsprechenden Seiten des Wikipedia, sowie Chemieunterricht.de zu übernehmen.
