Atempause

„Was zum Kuckuck war das denn jetzt?"

Nachdem sie den Laden verlassen hatten, schüttelte Temperance verärgert Booth' Hand von ihrem Arm und ging zurück zum Auto.
„Du hättest mir ruhig sagen können, dass du noch mit einem Informanten sprechen willst, anstatt einfach 'Halt' zu brüllen. Mir ist beinahe das Herz stehen geblieben!" Sie schloss den Wagen auf.

„Booth?"

Sie sah auf die Beifahrerseite. Ihr Partner stand vornübergebeugt an den Wagen gelehnt, die Hände auf dem Autodach und war kreidebleich. Der Auftritt bei seinem Informanten hatte Booth' letzte Energie verbraucht und er fühlte sich buchstäblich ausgelaugt.

Erschöpft hob er eine Hand um Temperances Fragen abzublocken.

Er spürte selber, dass er sich übernommen hatte und einen Moment lang bereute er sich nicht einen weiteren Tag Ruhe gegönnt zu haben.

Die Ermittlungen gingen nicht so voran, wie er es sich erhofft hatte. Genaugenommen hatten sie gar nichts, außer eine Allerweltsbombe und einen Haufen Vermutungen.

„Bring mich bitte einfach nach Hause." bat er Temperance mit müder Stimme, als er wieder in den Wagen stieg und obwohl ihr tausend Fragen auf der Zunge lagen, tat sie, worum er bat. Temperance wusste, dass er ihr jetzt sowieso nicht auf ihre Fragen antworten würde und schwieg. Sie konnte warten.

Schweigend fuhren sie zu Booth' Haus. Ohne auf seinen Einwand zu achten, sie könne ihn dort absetzen und dann weiter fahren, lenkte sie den Wagen in eine freie Parklücke vor dem Gebäude.

Als er erneut ansetzte, sie zu überzeugen, er käme von hier an alleine zurecht unterbrach sie ihn knapp: „Nein, das tust du nicht!"
Zu erschöpft um noch mit ihr zu streiten gab Booth nach, öffnete die Tür zu seinem Apartment und ließ sie ein.

Nachdem sie ihre Jacke abgelegt hatte, ging Temperance sofort in die Küche.
„Hast du Hunger? Ich mach uns was." rief sie und Booth fand, dass sie sich in seiner Küche bereits mit einer Selbstverständlichkeit bewegte, als wäre es ihre eigene, doch darüber wollte er jetzt nicht nachdenken.

Mit einem Brummen, dass alles Mögliche bedeuten konnte, ging er ins Wohnzimmer und ließ sich auf seine Couch fallen. Temperance zuckte mit den Achseln und begann, den Inhalt seines Kühlschrankes zu inspizieren, während sie überlegte, was sie aus den Sachen die sie dort fand machen könnte.

Genau wie der Kaffeeduft am Morgen, hatten die leisen Geräusche aus der Küche, in der Temperance werkelte, etwas Beruhigendes. Es dauerte nicht lange und Booth war auf seiner Couch eingeschlafen, wo ihn Temperance fand, als sie wenig später mit zwei Tellern ins Wohnzimmer kam.

Sie stellte die Teller ab und schüttelte ihn leicht. „Booth!"

Ein undeutliches Knurren war seine Antwort.

„Booth, du solltest etwas essen.", versuchte sie es erneut und diesmal schlug er langsam die Augen auf.

„Bones, manchmal kannst du wirklich eine Nervensäge sein!" murmelte er benommen während er sich aufsetzte. „Außerdem ist das ja eigentlich mein Text!"

Er sah zu seiner Partnerin hoch, die bei dem Versuch seine Bemerkung zu deuten die Stirn runzelte. „Wenn du einfach tun würdest, was ich dir sage, müsste ich keine Nervensäge sein.", antwortete sie.

Booth grinste, während Temperance ihm eine Gabel reichte. „Einfach, hm?"

„Ja, es würde viele Dinge vereinfachen.", sagte sie ernst.

Jetzt musste Booth doch lachen. „Träum weiter, Bones!"

Temperance blinzelte irritiert. Die Übersetzung von umgangssprachlichen Ausdrücken in eine logische, für Brennan eher verständliche Form, war für die Anthropologin jedes Mal eine Herausforderung. Warum konnte sich dieser Mann nie einer klaren Ausdrucksweise bedienen und musste ständig irgendwelche blumigen Metaphern verwenden?

„Ich träume nicht. Ich bin völlig wach, obwohl ich zugegebenermaßen etwas erschöpft bin. Jedoch nicht so sehr, dass ich halluzinieren oder träumen würde. Aber ich nehme mal an, dass du das, wie so oft, nicht wörtlich meinst. Ich glaube, es soll bedeuten, dass du nicht daran denkst, ausschließlich das zu tun, was ich sage." meinte sie daher nach einer kurzen Analyse, zufrieden mit sich, dass sie diesmal in der Lage gewesen war, dieses Sinnbild zu dechiffrieren.

„Was vielleicht auch gar nicht so verkehrt ist.", resümierte sie weiter, „denn manchmal ist deine Beurteilung einer Situation doch die Bessere."

„Wow, Bones, war das eben ein Kompliment?" Booth hörte auf zu essen und sah sie erwartungsvoll an.

Sie zog grübelnd die Augenbrauen zusammen: „Das deine Expertise manchmal die Bessere ist? Ich bin mir nicht sicher. War es eins?"

„Ich nehm' es mal als Kompliment.", griente Booth zufrieden, dann deutete er mit der Gabel auf den Teller, „Sag mal, hast du das alles in meinem Kühlschrank gefunden? Das schmeckt klasse. Was ist das?"

„Ich habe ein wenig improvisiert. Es hat keinen Namen." zuckte Temperance mit den Schultern, dann, nach einem kurzen Zögern, ergänzte sie: „Danke."

Booth sah sie verblüfft an, doch bevor er etwas sagen konnte, platzte sie heraus: „Ich weiß, dass ich recht gut kochen kann, aber Danke für das Kompliment."

Schmunzelnd dachte Booth, dass Bones es doch immer wieder schaffte ihn zu überraschen. Wer hätte geglaubt, dass Temperance Brennan, die in seiner Gegenwart ein zeitweise überheblich scheinendes Selbstbewusstsein an den Tag legte, sich eines Tages bei ihm für etwas in ihren Augen so Unwichtiges wie ein Kompliment bedanken würde?

Er schüttelte ungläubig den Kopf, stoppte aber mitten in der Bewegung. Ruckartige Bewegungen waren keine gute Idee, musste er feststellen. Rasende Kopfschmerzen ließen ihn scharf Luft holen. Während er herum gescherzt hatte, hatte er die Schmerzen völlig vergessen, doch jetzt kehrten sie umso stärker zurück.

Temperance war die Veränderung nicht entgangen. Schweigend nahm sie ihm den Teller aus der Hand und brachte diesen zusammen mit ihrem eigenen zurück in die Küche.

„Du solltest wirklich schlafen gehen, Booth.", sagte sie, als sie aus der Küche zurückkehrte. „Ich räume nur noch die Sachen in der Küche wieder weg. Geh ruhig, ich finde mich hier schon zurecht.", versicherte sie ihm auf seine ungestellte Frage.

„Danke, Bones." Booth war aufgestanden und ging, sich die Schläfen reibend, in Richtung seines Schlafzimmers. „Ist das wirklich okay, wenn ich jetzt…..?" Er ließ den Satz unvollendet und sah sie fragend an.

Temperance lächelte ihn aufmunternd zu und nickte. „Gute Nacht, Booth!"

„Gute Nacht, Bones." Mit einem leisen Klicken schloss sich die Schlafzimmertür und Temperance ging in die Küche um dort ein wenig Ordnung zu schaffen.

-.-.-.-.-.-.-.

Ein lautes Scheppern und ein unterdrückter Aufschrei rissen Booth einige Stunden später aus seinem Schlaf. Diffuses Licht drang durch die Vorhänge vor seinen Fenstern und ein Blick auf seinen Wecker sagte ihm, dass es noch ziemlich früh am Morgen war.

Alarmiert spitzte er die Ohren, dann setzt er sich auf und glitt leise aus dem Bett. Mit zwei, drei raschen Schritten überbrückte er die Distanz zwischen seinem Bett und der Kommode in der er seine Waffe verstaut hatte, nahm und entsicherte sie mit den instinktiven Bewegungen die jahrelange Übung mit sich brachten, während er angespannt auf weitere verdächtige Geräusche in seiner Wohnung lauschte.

Lautlos öffnete er die Schlafzimmertür und spähte auf den Flur. Alles schien ruhig und unverdächtig. Sollte er sich geirrt und das Geräusch nur geträumt haben?

Booth lauschte erneut angestrengt. Nein, da war es wieder! Irgendetwas klapperte und er hörte ein unterdrücktes Murmeln. Jemand versuchte erfolglos sehr, sehr leise zu sein.

Die Waffe im Anschlag und alle Sinne auf Höchstleistung, schlich Booth geschmeidig in Richtung der verdächtigen Geräusche. Er passierte sein Wohnzimmer und stutzte. Auf der Couch lagen, wenn auch wieder ordentlich zusammengelegt, Kissen und eine Decke, die gestern noch nicht dort gelegen hatten. Jemand hatte auf dieser Couch übernachtet. Booth ließ die Waffe sinken.

Eine Bewegung in der Tür die seine Küche mit dem Wohnzimmer verband ließ ihn zusammenfahren und instinktiv riss er die Waffe wieder hoch.

„Kaffee?"

Booth starrte perplex in das Gesicht seiner Partnerin, während diese ihm ungerührt einen Becher hinhielt. Rasch senkte er den Lauf seiner Waffe und sicherte sie.

„Verdammt noch mal, Bones! Willst du, dass ich dich erschieße?" explodierte er. „Was zum Teufel tust du hier? Warum bist du hier?" Als er die Waffe auf dem Couchtisch ablegte, zitterten seine Hände ein wenig.

Diese Frau war noch mal sein Tod! Wenn er wirklich einmal den Löffel abgeben sollte, war es mit Sicherheit für oder durch diese Frau, dachte er grimmig.

Da Booth keine Anstalten machte, ihr den Becher abzunehmen, stellte Brennan ihn auf dem Couchtisch neben der Waffe ab und setzte sich.

„Auch wenn dein Vorgehen in den meisten Fällen nicht unbedingt rational ist, weiß ich doch mit Sicherheit, dass du im Umgang mit Waffen sehr überlegt handelst."
Sie nahm einen Schluck aus ihrem eigenen Kaffeebecher und sah zu Booth hoch, der immer noch versuchte, dem Zittern seiner Hände Einhalt zu gebieten. „Du würdest nie impulsiv schießen!"

Booth ließ sich schwer neben sie auf die Couch fallen. „Da wäre ich mir nicht so sicher.", meinte er dumpf und fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. „Mein Gott, Bones, ich hätte dich töten können! Warum bist du hier und nicht bei dir zu Hause?"

„Ich war gestern sehr müde und hatte mir gedacht, dass du sicher nichts dagegen hättest, wenn ich auf deiner Couch übernachte. Ich hielt es für sicherer, hier zu bleiben, als mich noch ins Auto zu setzen und zu fahren."

An ihrem Gesicht konnte er ablesen, dass sie seine Aufregung nicht verstand.
Sie schien eher überrascht wegen seiner Reaktion zu sein. Booth seufzte und griff nach seinem Kaffeebecher.

„Darum geht es nicht, Bones." erklärte er, nachdem er einen Schluck getrunken hatte. „Ich möchte nur gerne wissen, wer sich in meiner Wohnung aufhält, wenn ich aufwache. Ich bin da ein wenig eigen."

Er beobachtete Temperance, die an ihrem Kaffee nippte, während sie seine Erklärung überdachte. Schließlich sah sie auf.

„Aber wie hätte ich denn, ohne dich zu wecken…" begann sie, brach aber ab, als sie bemerkte, wie Booth gequält das Gesicht verzog.

„Also gut, keine unangemeldeten Spontanübernachtungen mehr auf deiner Couch. Versprochen." Wie zum Schwur hob Temperance die Hand und ein spitzbübisches Funkeln trat in ihre Augen. „Gilt das auch für Spontanübernachtungen auf dem Fußboden?"

„Bones!" stöhnte Booth und stimmte dann gutmütig in ihr leises Lachen ein. Als das Lachen abebbte, saßen sie eine Weile schweigend ihren Kaffee trinkend nebeneinander. Jeder war in seine eigenen Gedanken versunken, bis Temperance die Stille unterbrach und fragte:

„Wie fühlst du dich heute?"

Booth unternahm eine rasche gedankliche Schnellüberprüfung seiner selbst und musste erstaunt feststellen, dass es ihm, bis auf die unvermeidlichen aber erträglichen Schmerzen, die Prellungen und blaue Flecken nun mal mit sich bringen, recht gut ging. Er fühlte sich ausgeruht und bereit, sich wieder auf die Jagd nach den Bombenattentätern zu machen.

„Gut." antwortete er deshalb auf ihre Frage, „Ein wenig zerschlagen noch, aber besser als gestern."

„Schön." Temperance leert ihre Tasse und erhob sich. „Ich fahre jetzt nach Hause um zu duschen und mich umzuziehen." Sie wandte sich zum Gehen. „Ich denke, dass ich in etwa einer Stunde wieder hier sein werde um dich abzuholen."

Booth sprang ebenfalls auf die Füße. „Du könntest auch hier duschen." Vage deutete er in Richtung Badezimmer, „Das würde Zeit sparen."

Temperance schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich weiß, aber leider habe ich nichts zum Wechseln mit." Sie deutete auf ihre verknitterte Kleidung und öffnete die Haustür.
„In einer Stunde bin ich wieder da." versprach sie und schloss die Tür hinter sich.

Du könntest auch hier duschen!"
Booth ohrfeigte sich innerlich für diesen Satz, als er zum Fenster ging, dass zur Straße zeigte. Er sah Brennan nach, wie sie ruhig und aufrecht zu ihrem Auto ging. Eine stolze Erscheinung, dachte er bewundernd.

Du könntest auch hier duschen!"
Der Gedanke an seine Partnerin unbekleidet unter seiner Dusche hätte wahrscheinlich noch eher zum plötzlichen Herztod bei ihm geführt, als das unerwartete Auftauchen ihres Gesichtes im Visier seiner Waffe vorhin.

Booth stieß einen missbilligenden Laut aus. Derartige Gedanken über seine Kollegin waren absolut unangebracht! Sie waren Partner, Kollegen, nicht mehr.

Aber an Frühstück mit Bones konnte er sich wirklich gewöhnen!

Leise pfeifend ging er ins Badezimmer und unter die Dusche und überhörte so das Klingeln seines Handys.

Nachdem der Anrufer zweimal an die Mailbox weitergeleitet wurde, meldete der Bildschirm den Eingang einer Textnachricht. Booth fand diese Nachricht eine halbe Stunde später, als er, geduscht und angekleidet, sein Telefon überprüfte.

Die Nachricht kam von Stevens.

„Wir haben eine Spur!"

-.-.-.-.-