4. Kapitel: Das Geheimnis

Am nächsten Morgen wurde ich nicht – wie ich dachte – von meinem Wecker geweckt, sondern von Edward. Er gab mir einen sanften Kuss auf die Lippen und flüsterte: „Bella, mein Engel, aufwachen.", in mein Ohr. Seine Stimme klang wie Musik.

Benommen öffnete ich die Augen. Ich sah in sein schönes, gott- und engelsgleiches Gesicht und mein Herzschlag setzte kurzzeitig aus.

„Guten Morgen.", murmelte ich verschlafen.

„Guten Morgen, mein Schatz. Hast du gut geschlafen?", fragte er.

„Wie ein Stein. So erholsam war mein Schlaf schon lange nicht mehr. Ich bin richtig erholt.", sagte ich.

„Willst du aufstehen?", erkundigte er sich.

„Mmh, nö. Musst du nicht zur Schule?" Liebevoll sah ich ihn an. Er war einfach zu schön, als dass es jemandem vergönnt sein würde. Mein persönlicher Gott. Mein Engel. Mein Edward. Glücklich lächelte ich.

„Ich gehe heute nicht. Viel lieber bleibe ich bei dir, wenn du das willst.", antwortete er.

„Ja, gerne. Legst du dich zu mir?", bat ich ihn.

„Wenn du willst.", sagte er.

„Ich will immer.", meinte ich.

„Dann hast du aber sicher nichts dagegen, wenn ich vorher mein Hemd und meine Schuhe ausziehe."

Edward knöpfte sein Hemd auf und legte es ordentlich über die Lehne meines Schreibtischstuhls. Dann zog er seine Schuhe aus und stellte sie ordentlich darunter. Ich bewunderte ihn, dass er selbst bei solch kleinen Sachen darauf erpicht war, dass es ordentlich aussah. Bei mir wäre das anders gewesen. Und auf einmal war ich froh darüber, dass Charlie mich vorgestern Abend gezwungen hatte, mein Zimmer aufzuräumen. Ich mochte mir nicht vorstellen, was für einen Eindruck ein total verwüstetes Zimmer auf ihn gemacht hätte. Ehrlich, es sah aus als hätte eine Bombe eingeschlagen, schlimmer noch, als wäre ein Tornado oder Hurrikan hindurch gefegt. Leise seufzte ich. Edward musste mir Nachhilfestunden im ordentlich sein geben. Unbedingt. Sonst würde ich es ja nie lernen. Und wenn man so einen schönen Lehrer hatte, viel einem das Lernen doch gleich viel leichter.

Jetzt kroch Edward unter meine Decke. Zum ersten Mal spürte ich, dass er eine kalte und harte Haut hatte. Wie Diamant oder Marmor fühlte sie sich an. Das hatte ich gestern im Strudel der Leidenschaft gar nicht bemerkt. Kurz zuckte ich zusammen.

„Bella?", fragte Edward sofort nach.

„Nein, nein. Alles okay. Ich habe mich nur erschrocken, weil du so kalt bist.", erklärte ich.

Edward lächelte. „Soll ich lieber nicht unter deine Decke kommen?"

„Bleib.", forderte ich.
„Schon gut, ich bleibe ja.", beruhigte er mich.

Zufrieden lächelten wir uns an. Ich fand, dass das der richtige Moment war, um ihm zu sagen, wie viel er mir bedeutete.

„Edward?", begann ich also.

„Ja, Bella?"

Seine goldenen Augen ruhten sanft auf mir. Er betrachtete mich nicht mit den Augen des Sex-Monsters, sondern mit denen des liebevollen, zärtlichen, auf Liebe zielenden Edwards. Dieser Blick ließ mein Herz gleich schneller schlagen.

„Ich … ich muss dir was sagen.", stotterte ich nervös.

„Liegt dir etwas auf dem Herzen?", riet er und sah mir tief in die Augen.

„Ich denke, du solltest wissen, was ich für dich fühle."

Er schwieg.

„Edward, ich habe mich in dich verliebt.", sagte ich und sah auf seine Brust. Er hob meinen Kopf an und ich sah, dass er lächelte.

„Bella.", flüsterte er zurück. „Du glaubst nicht, wie schön sich das für mich anhört. Von jemand anderem als meiner Familie geliebt zu werden, richtig geliebt zu werden ... Wow."

Jetzt schwieg ich.

„Ich muss dir auch etwas sagen. Seitdem du gestern zusammengebrochen bist und ich gemerkt habe, dass ich mir große Sorgen mache, und als wir dann zusammen geschlafen haben, ich ... ich habe mich auch in dich verliebt. ", gestand er ebenfalls.

Freudig geschockt sah ich ihn an. Mein Herz machte Freudensprünge, dann setzte es aus, um darauf umso kräftiger weiterzuschlagen. Er liebte mich. Edward liebte mich. Ich konnte es gar nicht fassen.

Jetzt kam er mir näher. Mit seinem Gesicht war er meinem ganz nah. So nah wie noch nie zuvor. Edward hatte mich zwar schon geküsst, aber nicht aus Liebe. Vielmehr war es Lust gewesen, und ich hatte seine Nähe nicht so sehr wahrgenommen. Doch jetzt war es anders. Es war intensiver. Und plötzlich schmiegten sich seine Lippen an meine. Gierig sog ich seine berauschenden Duft ein, keuchte und zog ihn zu mir heran. Ich fuhr ihm erregt durchs Haar und drückte meine Lippen fester auf seine. Ganz plötzlich löste er sich von mir. Sanft aber bestimmt, und als ich aufschaute stand er bereits an der Heizung.

„Oh, tut mir Leid.", sagte ich. Ich wusste zwar nicht, wofür ich mich entschuldigte, doch meine Reaktion hatte etwas in ihm ausgelöst, wogegen er gerade erbittert kämpfte. Das man ihm an.

„Gib mir einen Moment.", bat er.

Ich nickte und wartete. Sein Kiefer presste sich gewaltsam aufeinander, ich sah wie sich seine Muskeln anspannten und wie er gegen etwas ankämpfte. Ich wusste nicht, was er begehrte, doch das es etwas war, das ihm nicht gefiel, dass es ihn jetzt überkam, das wusste ich. Auch das sah man ihm an. In diesem Moment wirkte er wenig menschlich, wie er da so stand und seine Brust vor unkontrollierbarem Verlangen vibrierte, wie er versuchte, sich zu beherrschen. Seine Augen waren tief schwarz - sie machten mir Angst. Was war nur mit im los? Ich wusste es nicht.

Minuten vergingen, dann trat er vorsichtig zu mir heran.

„Entschuldige mein Verhalten. Du hast mich auf dem falschen Fuß erwischt. Ich verspreche, egal was jetzt passiert, dass ich dir nichts tue.", schwor er. Vielmehr als mich, schien er sich selbst überzeugen zu wollen.

Ein leises Seufzen entfuhr mir. „Was hast du denn?", fragte ich.

„Das kann ich dir nicht sagen.", antwortete er. „Es ist besser, wenn du nicht nachfragst, glaub mir. Ich will nicht, dass du Angst bekommst und wegrennst."

Sein Gesicht war ganz weich. Seine Worte standen im Gleichgewicht zu seinem Blick und dem, was er stumm ausdrückte.

Wieder seufzte ich. „Warum sollte ich vor dir Angst haben?"

„Weil ich nicht gut für dich bin. Ich bin gefährlich. Für dich sogar noch mehr als für gewöhnliche Menschen. Bitte – frag nicht weiter nach. Es ist nicht gut, wenn du es weißt.", versuchte er mir begreiflich zu machen.

„Edward. Ich liebe dich. Und egal was mit dir ist, ich werde zu dir halten. Bitte sag es mir.", bat ich.

„Nein. Ich darf es nicht sagen.", wehrte er ab.

„Ich sag auch niemandem was. Bitte, vertrau mir. Ich werde nicht wegrennen. Ich bleibe bei dir.", bettelte ich ihn nochmals.

Er schüttelte den Kopf.

„Sonst denke ich noch, dass es was ganz schlimmes ist. Etwas das mit mir zu tun hat.", drohte ich und senkte gespielt traurig den Blick.

„Nein, es hat nichts mit dir zu tun, wirklich. Es … es hat etwas mit mir zu tun, was für dich gefährlich ist. Sehr gefährlich. Aber frag nicht weiter nach, ich darf es dir nicht sagen.", weigerte er sich noch immer. "Ich verrate sowieso viel zu viel. Bitte!"

„Bitte", erwiderte ich. "Was ist es? Hat man dir etwas angetan?" Erschrocken weiteten sich meine Augen.

Er seufzte gequält. „Bitte frag nicht."

Ich versuchte es erneut. „Ich werde nicht eher ruhen, als bis ich es weiß. Und ich werde es herausfinden, egal wie. Am besten du sagst es mir."

Edward faltete seine Hände, als würde er beten. „Bitte, Bella. Ich wünschte, du würdest nicht versuchen, es herauszufinden. Lass es auf sich beruhen, bitte."

„Kann ich nicht. Ich muss es wissen. Wenn ich mit dir zusammen sein will, ist es doch besser, wenn ich es weiß. Wenn ich nie irgendeine Ahnung habe, wo du hin musst oder was du gerade wieder hast, dann fühle ich mich traurig und verletzt. Du hast ein Geheimnis vor mir. Das gefällt mir nicht.", versuchte ich meine Gefühle deutlich zu machen.

„Du brauchst nicht traurig zu sein. Ich werde immer zu dir stehen. Allerdings gebe ich dir recht, wenn du sagst, dass du dann traurig bist. Ich würde genauso fühlen. Ich kann dich verstehen – aber ich darf es nicht sagen!", beteuerte er nochmals.

„Bitte.", flüsterte ich.

Tränen liefen mir die Wangen hinab. Edward wischte sie weg.

„Nicht weinen, bitte."

„Dann sag du mir, was du hast.", schniefte ich.

Widerstrebend gab er nach. „Aber nur, weil du so sehr bittest, und weil ich nicht will, das du traurig bist und weinst. Du sollst glücklich sein. Du sollst bei mir sein, auch wenn ich gefährlich bin. Aber ich schwöre, bei allem was mir heilig ist, dass ich dir nie weh tun werde."

Er hob zwei Finger. Edward machte eine Pause und holte noch einmal tief Luft. Ich sah ihn gespannt an und wartete darauf, dass er weiter sprach.

„Ich bin ein Vampir.", hörte ich ihn schließlich sagen.

„Was?", fragte ich entgeistert. Meine Tränen trockneten augenblicklich.

„Ein Vampir, ein bluttrinkendes Wesen.", erklärte er.

Ich war geschockt. Die Liebe meines Lebens war ein Vampir. Edward war ein Vampir und trank Blut. Menschenblut, was sonst. Und ich war ein Mensch. Und eben - da hatte er wohl Durst gehabt. Er hatte mir leertrinken wollen. Er wollte seine Durst an mir stillen. Doch er hatte es nicht getan, hatte dagegen angekämpft. Also musste doch etwas Gutes in ihm sein. Keinerlei Todesfälle hatte es in Forks gegeben, seit ich hier war. Das war zwar noch nicht so lange, doch in den Zeitungen, die Charlie sammelte, hatte auch nie etwas gestanden und er hatte mir auch nie etwas erzählt. In der Schule war auch nie etwas passiert - eher im Gegenteil. Als ich mich im Biologieunterricht - den wir zusammen hatte - am Papier meines Schreibblocks geschnitten hatte, konnte er sich beherrschen. Man hatte ihm keinerlei Veränderung angemerkt. Er war völlig normal geblieben. Aber da hatte er auch goldene Augen, statt schwarze. Vermutlich war er satt gewesen, und konnte es deshalb ab. Aber war das Verlangen bei Vampiren nicht immer da? Ich wusste es nicht. Doch trotz allem, was mir gerade klar geworden war, trotz der Gefahr, die von ihm ausging, wenn ich mit ihm zusammen war, vermochte keine Angst zu empfinden. Zwar hatte ich sehr großen Respekt vor ihm, aber keine Angst in dem Sinne. Ich fühlte mich nach wie vor zu ihm hingezogen und liebte ihn. Aber das war wahrscheinlich Teil seines Wesens.

„Okay.", sagte ich schließlich, weil mir nichts besseres einfiel.
„Okay? Du hast keine Angst?", fragte er überrascht. Er hatte also tatsächlich gedacht, dass ich schreiend wegrenne. Aber ich hatte ja keine Angst.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe keine Angst. Und ich liebe dich, auch wenn du ein Vampir bist und Blut trinkst. Ich habe doch gesagt, dass ich zu dir stehe, egal was passiert."

Er atmete erleichtert tief aus. „Aber Bella, ich trinke kein Menschenblut. Wir Cullens ernähren uns von Tierblut. Deshalb bezeichnen wir uns als Vegetarier. Wir wollen keine Menschen töten."

Ein Stein fiel mir vom Herzen. Er tötete keine Menschen. Er war sozusagen ein "guter" Vampir. Erleichert atmete ich aus.

„Das heißt, du bist nicht so sehr gefährlich?", fragte ich hoffnungsvoll.

„Nein, das heißt das nicht. Im Gegenteil. Du wirkst auf mich unglaublich anziehend. Ich begehre dich sehr. So sehr, wie ich noch nie das Blut eines Menschen begehrt habe. Deshalb habe ich mich auch vorhin so plötzlich gelöst. Weil ich dir nicht weh tun wollte.", gestand er.

„Wie bist du auf mich aufmerksam geworden?", erkundigte ich mich nebenbei. Ich wollte nicht weiter auf das Thema Blut eingehen.

„Dein Duft ist mir an deinem ersten Tag an der Forks High entgegen geweht. Du konntest dich glücklich schätzen, dass ich die Nacht zuvor erst gejagt hatte, sonst hätte ich mich wohl auf dich gestürzt. Aber ich konnte dir mühevoll widerstehen – frag mich bloß nicht wie. Es war verteufelt schwer. Immer wieder habe ich mir ausgemalt, wie es wäre, wenn ich mich meinen Instinkten und dem Verlangen hingeben würde. Aber die Folgen für mich und meine Familie haben mich davon abgehalten, dir etwas zu tun. Ich habe dann jede denkbare Vorsichtsmaßnahme getroffen, damit ich dir nicht weh tue. Ich habe auch mit Carlisle, meinem Adoptivvater, gesprochen. Meine Familie hat mich sehr unterstützt in den ersten Tagen, damit ich es schaffte, mich nicht von dir auf die falsche Bahn bringen zu lassen. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Na ja, und als du gestern zusammengebrochen bist, habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich mehr für die fühle, als nur das Begehren deines Bluts. Ich musste mir eingestehen, dass ich dich liebe. Du glaubst nicht, wie froh ich bin, das du mich auch liebst. Ich hätte nicht gewusst, was ich gemacht hätte, wenn du mich nicht lieben würdest. Das wäre unerträglich gewesen. Aber, glücklicherweise fühlen wir beide Liebe. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal mit einem Menschen so zusammen sein will. Du bist jetzt mein Leben, Bella. Mein Engel, der mich von der Dunkelheit ans Licht geführt hat. Ich will dich nie mehr verlieren."

Während er sprach, war er mir wieder ganz nah gekommen. Sein Gesicht war wieder ganz nah an meinem. Und dann küsste er mich erneut. Diesmal hielt er mich fest, damit ich nicht wieder so stürmisch reagieren konnte wie beim ersten Mal.

Als sich seine Lippen lösten, bat ich: „Darf ich jetzt aufstehen? Ich muss dringend unter die Dusche. In Wirklichkeit wollte ich das eben erlebte nur verarbeiten.

„Na klar." Edward stand auf.

Ich erhob mich und nahm meine Klamotten, inklusive Handtuch und Waschzeug und schwebte, vor Liebe glücklich lächelnd, ins Bad.