5. Kapitel: Überlegungen

Das warme Wasser lief über meinen Rücken und entspannte meine verkrampften Muskeln. Es wusch allen Schmerz weg, und alles, was mich sonst noch so belastete. Ich wusch meinen Körper und meine Haare mit Erdbeershampoo und stellte mich den Tatsachen.

Edward war ein Vampir.

Edward trank Tier- statt Menschenblut.

Edward begehrte mein Blut.

Edward liebte mich und wollte mir niemals weh tun.

Und ich liebte ihn ebenfalls, trotz allem.

Ich seufzte. Wenn er sich beherrschen konnte und oft genug trank, überlegte ich, könnten wir beide wohl für immer zusammen sein. Diese Vorstellung gefiel mir sehr. Ich hoffte sehr, dass er für immer bei mir blieb. Doch irgendwann, fiel mir ein - und diese Erkenntnis schmerzte fast so sehr, wie der Schmerz als ich mich am Duschkopf stieß, den ich in die dafür vorgesehene Halterung eingehängt hatte – würde ich sterben. Dann wäre er nicht mehr bei mir. Edward, so wusste ich, würde ewig leben. Er würde ewig jung und schön sein und selbst in 1000 Jahren noch auf der Erde sein, wenn ich schon längst unter der Erde lag.

Es gab nur eine Lösung. Edward musste mein Blut trinken und mich zu einem Vampir machen. Anders würde ich nicht für immer bei ihm sein können.

Mein Blut trinken, dachte ich, das klang schmerzhaft und brutal. Wie war es wohl, wenn er seine Zähne in meinen Hals schlug? Hatte er spitze, scharfe, dolchartige Fangzähne, die sich mein Fleisch graben würden? Oder hatte er normale Zähne, so wie Menschen auch? Hatte er Gift in den Zähnen? Schlief er in einem Sarg? Hatte er Angst vor Knoblauch, Kreuzen und Weihwasser? Konnte man ihn mit einem Pflock ermorden? Würde er in der Sonne verbrennen, und kam deshalb an den, in Forks so seltenen, sonnigen Tagen nicht zur Schule? War das alles Mythos? Denn wenn er Tagsüber rausgehen konnte, was er ja tat, wenn er in der Schule war, schlief er dann Nachts im Sarg? Machte ihm das Licht nichts aus? Er sah jedenfalls nicht so aus als würde ihm etwas weh tun, überlegte ich und rief mir ein Bild vor Augen, indem er in der Schule in die Cafeteria kam. Seine Geschwister und er hatten ihren Stammtisch direkt an einem Fenster. Machte ihnen das Licht nur etwas aus, wenn es direkt auf ihre Haut schien? Konnte nicht sein, denn wenn er zur Schule kam und aus seinem Volvo stieg, schien das Licht direkt auf seine Haut. Also musste ihm das Licht nichts ausmachen.

„Bella, lebst du noch?", rief Edward von draußen.

Ich erschrak und stieß mich das zweite Mal am Duschkopf.

„Au! Ja, ähm, ich lebe noch.", rief ich zurück.

„Hast du dir weh getan?", fragte er besorgt.

„Nein, nein. Ich habe mich nur gestoßen.", sagte ich und stellte das Wasser ab.

„Dann ist ja gut. Ich warte in deinem Zimmer.", meinte er und ging.

„Ja ja.", rief ich ihm hinterher.

Ich stieg aus der Dusche und trocknete mich ab. Ich zog mich an und kämmte mir noch schnell meine Haare, band sie zu einem Zopf zusammen und verließ das Bad.

Edward war in meinem Zimmer.

„Schick.", sagte er als ich herein kam.

„Das freut mich."

Ich stellte mein Waschzeug weg und hing mein Handtuch über die Stuhllehne meines Schreibtischstuhls.

„Ist Charlie schon weg?", fragte ich beiläufig.

„Ja. Er hat mich gebeten, auf dich aufzupassen. Er glaubt, du würdest nicht allein klar kommen. Du bräuchtest jemand, der dir hilft, falls du nochmal zusammenbrichst." Edward hob eine Augenbraue und stand von meinem Bett auf. Er kam zu mir und schloss mich in seine Arme.

„So, und jetzt ist es Zeit fürs Frühstück.", sagte er nach einiger Zeit und schob mich die Treppe hinunter.

„Was möchtest du denn essen?", fragte er mich und stand ratlos in der Küche.

„Lass mal, ich mach schon selbst.", wehrte ich ab und griff zu einer Packung Müsli, die im Regal über der Spüle stand.

„Müsli.", sagte ich und hielt Edward die Packung hin, der sie mir abnahm. Er schaute eine Weile auf die Verpackung, bevor er sagte: „Und das willst du essen?"

„Ja, wieso nicht?", verwundert schüttete ich Milch in die Müslischale.

„Da sind tonnenweise Zucker drin.", meinte er.

„Ach, ich brauch es süß." Ich nahm ihm die Packung wieder ab und stellte sie auf den Tisch. Eigentlich sollte er das machen. Aber na ja.

„Ich liebe auch süße Sachen.", meinte Edward.

„Ach echt?" Ich schüttete Müsli in die Milch und begann zu essen.

„Ja." Edward beugte sich näher zu mir heran. „Zum Beispiel solche süßen Sachen wie dich!"

Ich erstarrte und äugte zu ihm herüber.

Edward lachte. „Keine Sorge, ich werde dir nicht weh tun, dass habe ich dir ja versprochen."

„Mmh.", machte ich nur.

Und dann aß ich weiter. Als ich fertig war stand ich auf, und wusch meine Schüssel und den Löffel ab und stellte dann die Packung Müsli wieder in den Schrank zurück.

„Was wollen wir denn heute machen?", fragte Edward, als ich mit allem fertig war.

„Ich weiß nicht. Ich wollte eigentlich mit dir reden.", sagte ich und kuschelte mich an seine Brust.

„Worüber denn?", fragte er neugierig.

„Komm mit auf mein Zimmer, dann werde ich es dir erklären.", bat ich ihn.

„Okay, dann komm."

Edward fasste mich an der Hand und führte mich hinauf in mein Zimmer.