III: Der Auftrag

Sie setzte sich wieder, ganz Dame, ganz die Tochter aus gutem Hause, die sie immer gewesen war.

Sie strich sich ihre Robe mit einer routinierten Bewegung glatt, eine Geste, die sie oft verwendete, wenn sie ihre Gedanken ordnen wollte.

„Es begann alles nach jedem schrecklichen Desaster im Ministerium vor einem Jahr", begann sie zu erzählen und ihre Stimme klang jetzt ruhig und beherrscht.

Snape lauschte ihr aufmerksam, die Wandlung in ihrem Verhalten empfand er als wohltuend.

„Der dunkle Lord war zu Recht erbost über das Versagen seiner Leute und er suchte und fand natürlich sofort Schuldige. Meinen Mann", sie stockte und ihre Stimme verlor einen Moment lang ihre Sicherheit. „Und dich, Severus."

Snape hob die Augenbrauen und sah sie fragend an. Er wusste, was sie ihm da erzählte, er hatte es tausend Mal durchgedacht. Und trotzdem war es ein merkwürdig flaues Gefühl, dieses Wissen nun aus berufener Quelle bestätigt zu sehen.

„Er hat mir gedroht, Severus. Er hat mir keine Wahl gelassen und ich habe getan, was er verlangt hat."

Sie zögerte einen Augenblick, dann fuhr sie fort.

„Natürlich hatte ich eine Wahl, ich hätte zu dir gehen können und mit dir reden, aber ich hatte einfach zuviel Angst."

Wieder schwieg sie einige Sekunden, dann sagte sie mit sehr leiser Stimme: „Jetzt habe ich noch viel mehr Angst."

Als sie bemerkte, dass Snape sich nicht rührte, sondern sie nur mit seinen unergründlichen dunklen Augen unverwandt musterte, schluckte sie vernehmlich.

„Oh Severus, was habe ich nur getan. Du hättest sterben können."

Sie vergaß sich für einen Moment und griff nach seiner Hand. Ihre Finger waren zart, aber eiskalt. Die Berührung war federleicht und weckte etwas, das tief in ihm schlummerte. Er spürte, dass ihre Hände leicht zitterten und unterdrückte einen leisen Laut. Sanft schob er ihre Hände wieder von sich.

Sie griff nach einer Applikation an ihrer Robe und drehte sie zwischen ihren Fingern.

„Ich sollte von Anfang an erzählen, vielleicht kannst du dann verstehen, was mich bewogen hat, zu tun, was ich glaubte, dass es meine einzige Wahl war."

Sie begann stockend zu berichten, was an jedem Abend passiert war, als all die Geschehnisse des letzten Jahres ihren Anfang gefunden hatten und ihre Gedanken schweiften in die Vergangenheit.

oooOOOooo

Es war nur einige Tage nach dem schlimmen Desaster im Ministerium.

Der dunkle Lord hatte getobt vor Wut, aber wie so oft war der Sturm schnell vorüber gezogen und er war wieder kalt und ruhig geworden.

Jede Niederlage, die er einstecken musste, endete mit einem neuen, noch perfekter ausgeklügelten Plan. Er lernte aus seinen Fehlern, und auch wenn er sie niemals vor irgendwem eingestand, so zeigten die folgenden Pläne doch immer, dass er das Verhalten seiner Gegner präziser vorhersah.

Sie wurde zu ihm gerufen und bemerkte, dass wenige, enge Gefolgsleute anwesend waren. Sein Hang, sich öffentlich zu produzieren, Fehler anderer vor Publikum darzulegen und zu bestrafen machte ihr Angst und sie ahnte, dass das, was da auf die zukam, sie an den Rand ihrer Kräfte bringen würde.

Sie unterdrückte das Zittern, das sie packen wollte und ging auf seinen Wink hin zu ihm. Seine schlangenartigen Augen schienen sie zu durchbohren, aber sein Mund verzog sich zu einem falschen Lächeln.

„Narcissa, mein Täubchen. Du weißt, warum du hier bist?"

Sie schluckte und nickte leicht, ihr Mund war so trocken, dass sie nicht fähig war, ein Wort zu sagen.

„Nun, wir müssen über das reden, was im Ministerium passiert ist."

Er machte eine Pause, deutete auf einen Stuhl neben sich und als sie zögerte, machte er eine herrische Bewegung, die sie veranlasste, sich unverzüglich zu setzen. Er wandte sich ihr wieder zu, als er weiter sprach.

„Es war ein beispielloses Muster an Inkompetenz, was dort vorgefallen ist und natürlich ist es unverzeihlich, dass meine Befehle nicht ausgeführt werden konnten.

Lucius hat auf ganzer Linie versagt und ich kann das nicht ungestraft lassen, das verstehst du doch?"

Tränen stiegen in ihr auf, als sie diese Worte hörte und trotz seines fast hypnotischen Blickes schaffte sie es nicht mehr, ihn weiter anzusehen. Sie senkte den Kopf und sah zu Boden.

Er streckte die Hand aus und seine Finger strichen über ihre Wange zu ihrem Kinn. Mit einer leichten, aber unbeugsamen Bewegung hob er ihr Gesicht an und zwang sie, ihn wieder anzusehen.

Seine Hand war kühl und trocken wie sehr altes Pergament und sie hatte das Gefühl, etwas uraltes, grauenhaftes würde über ihr Gesicht streichen.

Sie versuchte erfolglos ein Schaudern zu unterdrücken. Seine langen, dünnen Finger fühlten sich an, als würde eine Spinne über ihre Haut kriechen, aber dann schlug die Furcht um Lucius und Draco wie eine Faust zu.

Nichts, nicht einmal die grauenhafteste Kreatur war so Furcht einflößend, wie das, was diesen beiden Menschen blühte, wenn sie hier einknickte. Sie musste jetzt stark sein und tun, was immer er verlangte, damit ihnen so wenig Schaden wie möglich entstand.

„Du wirst verstehen, dass ein solch eklatantes Versagen deines Mannes nicht ungestraft bleiben kann, nicht wahr?", fuhr er unerbittlich fort und seine Stimme klang so sanft und einschmeichelnd, als wäre es ihm unglaublich wichtig, dass sie ihn verstand.

Natürlich wusste sie, dass es ihm völlig gleichgültig war, ob sie es verstand, oder nicht. Er weidete sich an ihrer Hilflosigkeit und ihrer Angst und er genoss es, dass andere sie dabei sahen.

„Nun, aber etwas Gutes hat die Katastrophe im Ministerium immerhin eingebracht. Wir wissen nun mit absoluter Sicherheit, wer der Verräter in unseren Reihen ist und wer ein Versager ist.

Das unvermutete Auftauchen des Ordens hat uns zweifelsfrei bewiesen, wo Severus Snape steht und nun kann ich mich daran machen, ihn zu bestrafen."

Narcissa zwinkerte überrascht und ein höhnisches Lächeln überzog das Gesicht Voldemorts.

„Dein Sohn, Narcissa, hat treulich alles, was im letzten Jahr in Hogwarts geschehen ist, seinem Vater berichtet und Lucius trug sein Wissen mir zu. Ich war zu jeder Zeit genauestens informiert, wer von denen, die treu zu Dumbledore standen, noch in der Schule anwesend und handlungsfähig war.

Das dumme Weib Umbridge hat mir perfekt in die Hände gespielt, wenngleich auch sie natürlich durch Minister Fudge eine bestimmte Richtung gewiesen bekam. Unnötig zu sagen, dass der gute Lucius meine Wünsche unauffällig als Vorschläge an den Minister weiterleitete.

Ja, er hat zunächst wirklich gute Arbeit geleistet, mein teurer Lucius, umso enttäuschter bin ich von dem Ergebnis.

Ich hatte alles perfekt vorbereitet und dann hat dieser inkompetente Versager sich von ein paar Kindern aufhalten lassen und alles zunichte gemacht."

Seine Stimme war schrill geworden und unbändige Wut war zu hören gewesen, doch eine Sekunde später hatte er sich wieder unter Kontrolle.

„Wie dem auch sei. Als alle Unterstützer Dumbledores die Schule mehr oder weniger verlassen hatten, war da nur noch Severus, gegen den ich seit meiner Wiedergeburt Misstrauen hegte.

Und siehe da… Wir wurden verraten und der Verräter hat sich damit selber enttarnt."

Seine Stimme war leise und zischend geworden und die Bösartigkeit seines Denkens schimmerte klar daraus hervor.

Das Zittern, das Narcissa die ganze Zeit mühevoll unterdrückt hatte, bahnte sich seinen Weg durch ihren Körper und entlud sich in ihren Händen. Sie schaffte es, sich soweit unter Kontrolle zu halten, dass nicht ihr ganzer Körper bebte, aber ihre Hände entzogen sich dieser Kontrolle. Sie packte ihre Robe und knetete den Stoff, bis sie das Gefühl hatte, sie könne wieder atmen.

„Ein weiteres Gutes hatte der Vorfall noch. Ich hatte wieder einmal die Gelegenheit, Albus Dumbledore zu beobachten, wie er sich verhält und was er denkt.

Der alte Narr versucht nicht einmal sich vor mir zu verstecken, oder seine Schwächen zu tarnen."

Jetzt schwang Triumph in der grauenhaften Stimme und Narcissa wusste, dass jetzt der Moment kam, wo er seine Pläne erläutern würde.

„Nun, es ist klar, was ich als nächstes Ziel habe, bevor ich mich ganz der Vernichtung Harry Potters widme.

Ich will Albus Dumbledore tot sehen, Severus Snape muss vernichtet werden und dein Mann, Narcissa, muss bestraft werden. Nicht so hart wie Severus, Versagen ist nicht so schlimm wie Verrat, aber immerhin so, dass die Erinnerung an die Strafe ihn dazu antreibt, nie wieder zu versagen, wenn ich ihm einen Auftrag gebe.

Natürlich bin ich mir bewusst, dass keiner da draußen Albus Dumbledore besiegen kann, der einzige, der dazu in der Lage ist, bin ich, aber ich möchte mich nicht so schnell wieder öffentlich blicken lassen, bevor nicht die Potter-Angelegenheit aus der Welt geschafft wurde.

Wie also können wir Albus Dumbledore töten?"

Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse, die wohl nachdenklich wirken sollte, dann hob er die Hand.

„Wir müssen den alten Narren dazu bringen, sich selber zu opfern. Das ist etwas, das er mit Freuden tun wird, wenn ihm der Preis für sein Leben angemessen erscheint.

Wen also können wir ihm entgegensetzen?"

Er sah Narcissa an, die den Atem angehalten hatte.

„Natürlich einen Schüler, eines jener Kinder, die Albus Dumbledore ihrer Gesinnung zum Trotz noch immer für seine Schutzbefohlenen hält. Gerade ein Junge, den er auf meiner Seite vermutet, wird er versuchen zu überzeugen, die Seiten zu wechseln. Einer der Guten zu werden."

Er lachte.

„Hach, das wird ein Fest. Ich wünschte fast, ich könnte dabei sein, wenn er kurz vor seinem Ende bemerkt, dass er manipuliert wurde.

Wir werden Dracos Leben nehmen, Narcissa. Dracos und das von Severus. Wenn diesen beiden der sichere Tod droht, wird Albus Dumbledore mit Freuden sein Leben geben, um ihres zu retten.

Und ohne den alten Narren werden viele Dinge leichter werden."

Er machte eine dramatische Pause und sah sich um. Als er sich der gebannten Aufmerksamkeit aller versichert hatte, fuhr er fort.

„Wie können wir also sicherstellen, dass es keinen Ausweg gibt? Dass es kein Hintertürchen gibt, um Severus und Draco zu retten?

Ein unbrechbarer Schwur würde den Zweck erfüllen, nicht wahr?

Aber wir können natürlich Severus nicht dazu bringen, zu schwören, dass er Dumbledore tötet. Ich fürchte, da würde er lieber sich selber töten.

Der Preis für den Schwur muss Dracos Leben sein, dann wird Severus ausreichend motiviert sein, ihn auch einzuhalten. Bricht er den Schwur, dann stirbt nicht nur er, dann stirbt er mit der Gewissheit, dass ich den Jungen töten werde."

Narcissa schluchzte gequält auf bei diesen Worten.

Wieder umfasste Lord Voldemort ihr Kinn mit seinen Händen und hob ihr Gesicht auf seine Augenhöhe.

„Keine Sorge, Narcissa, deine Rolle in diesem Spiel kommt noch.

Ich werde also Draco den Auftrag erteilen, Albus Dumbledore zu töten. Wir alle wissen, dass der Junge das nicht kann."

Er lachte kalt, als Narcissa leise schluchzte: „Nein, bitte…. Mein Lord… nicht Draco, nicht mein Sohn!"

„Niemand erwartet von Draco, dass er es schafft, Narcissa. Aber ich werde ihn natürlich trotzdem töten, wenn er versagt. Wie auch seinen Vater.

Es sei denn, Severus schwört, Dracos Aufgabe zu vollenden, wenn der Junge versagt.

Natürlich kann auch Severus den alten Narren nicht töten, aber es wird ihn quälen, dass er es soll. Er wird leiden, wie all die Narren leiden, die ihr Herz an andere Menschen hängen und der Schmerz wird ihn fast umbringen."

Voldemort lächelte, er wirkte fast glücklich bei der Vorstellung.

„Hier kommst du ins Spiel, liebe Narcissa. Du wirst Severus dazu bringen, diesen Schwur zu leisten. Wie du das machst, ist mir völlig egal.

Er wird schwören, den Auftrag zu erfüllen, wenn Draco versagt. Und wenn Dumbledore herausbekommt, dass der Preis für sein Überleben der Tod von Draco und Severus ist, dann wird er sich opfern."

Er schwieg und alle im Raum hatten Mühe, die Ungeheuerlichkeit dieses Planes zu erfassen.

Voldemorts Stimme durchschnitt die Stille wie eine Klinge.

„Wenn am Ende Albus Dumbledore tot ist und der Verräter Severus Snape im Staub liegt, bereit, von mir den Todesstoß zu empfangen, dann werde ich erwägen, deinen Mann und deinen Sohn zu verschonen.

Du siehst, es liegt nur daran, wie überzeugend du sein kannst."

Er lachte laut und schrill und einige der Anwesenden stimmten ein. Allerdings klang ihr Lachen dünn, denn jedem war klar, dass auch er irgendwann das Opfer eines solchen Racheplans sein könnte.

Sie schrie auf, als er mit einer plötzlichen Bewegung ihren Arm packte und schmerzhaft zudrückte.

„Du bist mein Werkzeug der Rache, Narcissa. Du bist der vergiftete Dolch, den ich dem Verräter Severus Snape in sein schwarzes Herz stoßen werde.

Versage und du wirst dir wüschen, niemals einen Sohn geboren zu haben, dessen Leben in unvorstellbarem Grauen endet."

Er ließ sie los, erhob sich und verließ den Raum.

Narcissa sackte von ihrem Stuhl und krümmte sich wimmernd auf dem Boden zusammen, bis Bellatrix zu ihr kam, ihr aufhalf und sie aus dem Raum geleitete.

oooOOOooo

Severus hatte ihrer Erzählung unbewegt gelauscht und als sie endete, konnte er kein Wort sagen.

Wieder rannen Tränen aus ihren Augen und liefen über ihr Gesicht, aber sie war stumm. Kein Schluchzen, keine bittende Bewegung.

Sie saß still da, als erwartete sie sein Urteil, während ihre Finger noch immer die Applikation ihrer Robe verdrehten.

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