IV: Die Saat
Severus räusperte sich und brach den Bann.
Noch immer schweigend griff sie nach dem Taschentuch und trocknete sich das Gesicht.
Er beugte sich vor, füllte ihr Glas erneut und drückte es ihr in die zitternde Hand. Einen Moment lang hielt er ihre Hand fest, damit sie nichts verschüttete und es lag mehr Trost in dieser Geste, als in allen Worten der Welt, die man ihr hätte sagen können.
Er ließ ihr Zeit, sich zu entspannen, die traumatische Erinnerung wieder zurück in jenes dunkel Verlies ihrer Seele zu drängen, aus dem sie sie hervor geholt hatte und nach einigen Minuten des Schweigens nahm Narcissa ihre Geschichte wieder auf.
„Bella brachte mich in mein Zimmer. Sie verstand nicht den Grund meiner Verzweiflung, aber sie mochte es nicht, ihre Schwester leiden zu sehen. Sie war immer die, die auf mich aufpasste, sie hat mit ihrem ersten Crucio einen Jungen verflucht, der mich schlecht behandelt hatte.
Immer wieder fragte sie, warum ich denn nicht stolz sei, dass unser Meister mir eine so wichtige Aufgabe übertragen hatte. Sie betonte, wie glücklich sie wäre, wenn sie den Verräter in die Falle locken dürfte, aber ihre Worte zogen wie sinnloses Geplapper an mir vorbei.
Schließlich begriff sie, dass die Angst um meinen Mann und meinen Sohn so groß war, dass ich dem Wahnsinn nahe war.
Die Vorstellung, dass ihr Leben und ihre Gesundheit alleine in meiner Hand lagen, war mehr, als ich ertragen konnte, und da Bella meine Verzweiflung nicht mehr mit ansehen konnte, bot sie mir ihre Hilfe an.
Ihr war ebenso wie mir klar, dass ich alleine nicht fähig war, dich so zu manipulieren, dass du den Schwur leisten würdest."
Sie verstummt, sah einen Augenblick in seine dunklen Augen und für den Bruchteil einer Sekunde sah er dort etwas, nach dem er sich immer gesehnt hatte.
Sie zwinkerte eine Träne fort und dann war der Augenblick vorbei. In ihren Augen sah er nur jene Freundschaft, die sie nun seit so vielen Jahren verband und um deretwillen er sich in die üble Falle hatte treiben lassen.
„Es war Bella klar, dass mir die nötige Fähigkeit zur Intrige fehlte, aber mir selber war klar, dass ich es kaum schaffen würde, einen Freund so zu hintergehen."
Ihre Stimme klang jetzt müde, traurig, als hätte sie diese Worte im Geiste schon tausend Mal gesagt.
„Bella hätte das nicht verstanden, für sie ist der Dienst an unserem Herrn das Höchste. Deshalb behielt ich meine Gedanken für mich, aber in ihrem Eifer, sowohl ihrer Schwester zu helfen, als auch den Plänen ihres geliebten Meisters zum Erfolg zu verhelfen, schmiedete sie einen eigenen, finsteren Plan.
Sie mag manchmal völlig verrückt erscheinen und sie überschreitet die Schwelle zum Wahnsinn auch weitaus öfter, als ich es sehen will, aber sie ist nicht dumm und in ihren klaren Momenten sogar ziemlich brillant.
Einen dieser klaren Momente hatte sie an jenem Tag und sie kümmerte sich um mich, bis ich mich wieder einigermaßen gefangen hatte. Währenddessen musste ihr Hirn auf Hochtouren gearbeitet haben, denn als ich mich beruhigt hatte, legte sie mir ihren Plan dar."
Wieder senkte Narcissa den Kopf, als könne sie es nicht ertragen, Snape anzusehen, während sie davon berichtete, wie Bellatrix sein Todesurteil vorbereitet hatte.
„Sie sagte, es wäre klar, dass du niemals einen solchen Schwur leisten würdest, wenn ich einfach nur zu dir ginge und dich bitten würde. Sicher würdest du mir zusagen, Draco auf jede denkbare Weise zu unterstützen und auf ihn aufzupassen, aber würdest du dein Leben dafür als Pfand einsetzen?
Sie erklärte mir, dass du das nur tun würdest, wenn man dich überrumpeln könnte, dass man dich in eine Ecke treiben müsste, damit du nicht dazu kommst, darüber nachzudenken, was mit dir geschieht."
Snape sah sie unverwandt an, er ahnte, was jetzt kommen würde, denn in den ungezählten durchwachten Nächten seines letzten Schuljahrs in Hogwarts hatte er die Szene wieder und wieder vor seinem Geist ablaufen lassen, um zu analysieren, wie er in diese Situation geraten war.
Narcissa war noch blasser geworden, wenn das überhaupt möglich war. Jetzt, als es dazu kam, dass sie ihren eigenen Anteil an der Geschichte erzählte, stockte sie abermals und rang um Fassung.
Einen Augenblick lang überlegte er, ihr diesen Teil der Geschichte zu erlassen und ihr kurz zu erläutern, wie Dumbledore die Situation analysiert und eingeschätzt hatte, damit sie sie kurz bestätigte und dann zu etwas überzugehen, das sie weniger quälte.
Dann aber beschloss er, sie weiter sprechen zu lassen, egal wie schmerzhaft es für sie werden würde. Er erinnerte sich an ein lange Zeit zurückliegendes Gespräch mit Dumbledore, in dem es um Vergebung gegangen war. Albus hatte ihm erklärt, dass viel wichtiger als Vergebung anderer zu erlangen war, dass man lernte, sich selber zu vergeben. Und dass ein ausgesprochenes Geständnis ein wichtiger Bestandteil davon war.
Ein Geständnis konnte heilsam für die Seele sein, auch wenn es sehr schmerzhaft war, einzugestehen, was man getan hatte.
Er hatte lange gebraucht, zu verstehen, was Albus damit gemeint hatte, aber irgendwann hatte er die Weisheit in den Worten erkannt.
Mit dem Gedanken an diese Erinnerung ließ er sie weiterreden.
„Bella erklärte mir, dass wir und die angestammten Rollen, die man uns zuordnete, zunutze machen sollten. Wenn wir beide gemeinsam aufträten, wäre sie es, aus deren Richtung jeder Gefahr wittern würde, während ich diejenige sei, die man als harmlos betrachten würde.
Sie schlug vor, diesen Eindruck noch zu verstärken, um zu verschleiern, dass die eigentliche Gefahr in diesem Fall von mir ausgehen sollte.
Ihr Plan sah vor, dass sie sofort aggressiv auftreten wollte, während ich die Verzweifelte spielen sollte, die Hilflose, die weinend um Hilfe fleht."
Sie gab einen Laut von sich, von dem nicht klar war, ob es ein Schluchzen oder ein Lachen war. „Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem", dachte Snape, während er sich bemühte, seine hochkochenden Emotionen unter Kontrolle zu halten.
Es verstörte ihn mehr, als er geglaubt hatte, all dies nun aus Narcissas Mund zu hören. Es war ein himmelweiter Unterschied, ob man sich etwas vorstellte, oder ob man es dann aus erster Hand bestätigt bekam, das erkannte er nun.
„Als hätte ich das spielen müssen", fuhr sie fort und jetzt erschien der Laut doch mehr ein verzweifeltes Lachen gewesen zu sein.
„Bella schlug vor, dass sie dich mit Fragen und Verdächtigungen in die Ecke drängen wollte, dir keine Zeit zum Atmen, Denken oder Fragen lassen wollte, um dich dann für einen Augenblick von Haken zu lassen. In diesem trügerischen Moment, in dem du dich sicher fühlen würdest, sollte ich zuschlagen."
Sie schlug die Hände vors Gesicht und ihre Schultern zuckten verräterisch.
Er sah noch immer auf sie herunter und in seinem Innersten tobte ein Kampf. Ein Teil von ihm wollte schreien, die verfluchen, ihr den Schmerz zufügen, den er durch ihr Handeln erlitten hatte. Ein anderer Teil von ihm sagte ruhig, dass sie diesen Schmerz schon erlitten hatte und noch immer erlitt. Dass es nichts gab, das er ihr antun könnte, was der dunkle Lord ihr nicht schon längst zugefügt hatte.
Er ließ sich ihre Worte noch einmal durch den Kopf gehen und die Erkenntnis traf ihn wie ein Faustschlag. Jedes Detail des Plans stimmte mit dem überein, was Dumbledore vermutet hatte. Sogar Bellatrix Anteil hatte er genauso eingeschätzt. Er hatte die Protagonisten in diesem schmutzigen Spiel beobachtet und obwohl er nicht einmal selber Zeuge gewesen war, sondern alles durch ihn, Snape, erfahren hatte, war es ihm möglich gewesen, auf die Motive und Absichten der handelnden Personen zu schließen.
Auf einmal wünschte sich Severus, er wäre ein gelehrigerer Schüler gewesen, hätte sich mehr von dieser Beobachtungsgabe und dem Wissen über die emotionale Logik der Menschen angeeignet.
Narcissa senkte ihre Hände, nachdem sie sich wieder beruhigt hatte und hob den Kopf.
Sie beobachtete ihn wachsam, versuchte in seinem Gesicht nach Anzeichen für seine Gemütsverfassung zu lesen, aber es war die undurchdringliche Maske, die es immer gewesen war, wenn er wünschte, seine Gedanken vor anderen zu verbergen.
„Nicht jetzt, Severus", dachte sie voller Enttäuschung. „Nicht vor mir."
Doch sie ließ sich ihre Gedanken nicht anmerken und sagte ruhig: „Sag mir, was du davon hältst, Severus. Du warst es, der sagte, wir müssten ehrlich sein."
Es dauerte einen Moment, bis er sprechen konnte. Zu aufgewühlt waren seine Gedanken und Gefühle und er wusste, dass er sie erst einmal ordnen musste, bevor er wieder sprechen konnte.
Mühsam beherrscht sagte er: „Ich muss für einen Moment gehen, du kannst hier auf mich warten, wenn du willst."
Ohne ihre Antwort abzuwarten, verließ er den Raum und das Haus und ging auf eine einsame Wanderung, wie schon so oft seit er die Schule verlassen hatte. An die Felder hinter seinem Haus grenzte ein Wald und er nutzte die absolute Abgeschiedenheit seines Wohnsitzes, um lange Wanderungen zu machen.
Etwas, das er in seiner Zeit als Lehrer in Hogwarts nie getan hatte, aber sein Leben hatte sich so grundlegend verändert, dass er nicht einmal einen Gedanken an diese eigenartige Veränderung seiner Gewohnheiten verschwendet hatte.
Es war Nacht geworden und ein sternenklarer Himmel spannte sich wie ein gigantisches Tuch über die Welt. Fahles Mondlicht erhellte den Weg, den er sich für seine klärenden Gedanken ausgesucht hatte.
Noch einmal ließ er sich durch den Kopf gehen, was sie erzählt hatte, fühlte wieder die absolute Machtlosigkeit und Verzweiflung seiner Situation während des letzten Schuljahrs.
Hass loderte in seinem Inneren auf, als er daran dachte, was er verloren hatte.
Es war vielleicht kein Leben gewesen, das andere Menschen als gutes Leben bezeichnet hätten, aber es war sein Leben gewesen. Er hatte es auf eine Art und Weise gemocht und er hatte kein besseres gekannt.
Sie hatte ihn in eine Situation gebracht, die ihn dieses Leben verlieren ließ.
Er hielt inne und rief sich zur Ordnung. Viele Dinge wären auch so, ohne ihr Zutun geschehen, das ließ sich nicht leugnen. Aber manche Dinge wären ohne die verfluchte Falle anders gewesen und er hätte nicht…
Er hielt inne.
Hätte er wirklich nicht das getan, worum ihn Albus Dumbledore gebeten hatte?
Wäre wirklich alles anders gekommen ohne den unbrechbaren Schwur?
Wenn er ehrlich zu sich selber war, dann konnte er mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass es genauso gekommen wäre. Zu viele Faktoren waren völlig unabhängig von Narcissa gewesen.
Aber es fühlte sich einfach besser an, in ihr die Schuldige zu sehen. Es war so unendlich viel leichter und es tat gut.
Zumindest für einen Moment. Er genoss das Gefühl, dann wandte er sich wieder der Realität zu.
Er versuchte zu analysieren, welche Situation sich ihm hier bot. Sie hatte ihn einmal in die Falle gelockt, wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass sie es ein zweites Mal tun würde?
Es gab ein Sprichwort, das er von seinem Vater kannte: Der Blitz schlägt niemals zweimal an der gleichen Stelle ein.
Aber was, wenn genau das die Basis des Plans war? Wenn er glauben sollte, dass sie es kein zweites Mal wagen würde und er sich damit nur sicher fühlen sollte?
Was, wenn der Blitz von jemandem manipuliert wurde, um genau an der gleichen Stelle noch einmal einzuschlagen. Da, wo es niemand erwarten würde, weil ja gerade dafür die Wahrscheinlichkeit so verschwindend gering war.
Zweifel kamen in ihm auf, ob er Narcissa nicht einfach hinaus werfen sollte. Sie nicht einfach vergessen und ihrem Schicksal überlassen sollte, weitergehen, ohne einen Blick zurück.
Er dachte daran, wie sie vor ihm gesessen hatte. Sie hatte geschwiegen, als wäre ihr klar, dass er das, was sie gesagt hatte, verarbeiten musste, dass er es prüfen und seine Schlüsse ziehen musste.
Plötzlich wurde ihm klar, dass er sie nicht fortjagen konnte. Er musste ihr zuhören und ihr vertrauen, so unglaubwürdig ihre Geschichte auch klingen mochte.
Das war es, das Vermächtnis des Albus Dumbledore. Das war es, was er ihm mit auf seinen Weg gegeben hatte.
Hör auf dein Gefühl, wenn jemand um deine Hilfe bittet und verweigere niemandem eine zweite Chance, wenn er einen Fehler gemacht hat und ihn ehrlich bereut.
Nichts bringt einen Menschen sicherer auf den Weg des Bösen, als eine Zurückweisung, wenn er Vergebung und Hilfe erbittet. Wenn er Reue und Einsicht zeigt, dann ist das eine wunderbare Chance, jemandem zu zeigen dass er immer eine Wahl hat. Dass ein einziger Fehler nicht das ganze Leben verderben muss.
„Ja, Albus", dachte Severus. „Das war die Saat, die du in jedem von uns gesät hast. Und auch, wenn wir es nicht glauben wollten, still und heimlich ist sie aufgegangen."
Ruhe breitete sich in ihm aus, als er seine Schritte zurück zum Haus lenkte.
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