V: Ernte
Er hatte nicht gemerkt, dass er mehrere Stunden unterwegs gewesen war und als er das Haus erreichte, hatte er das Gefühl, bis auf die Knochen durchgefroren zu sein.
Er betrat das Wohnzimmer und fand Narcissa schlafend auf dem Sofa. Ihr Gesicht war entspannt, doch auch jetzt zeichnete sich die Erschöpfung deutlich ab. Die letzten Monate mussten eine unvorstellbare Belastung für sie gewesen sein.
Er hob eine Decke auf, die über der Lehne seines Sessels lag und deckte sie vorsichtig zu. Dann setzte er sich in seine Sessel und betrachtete sie.
Trotz der deutlichen Zeichen eines Jahres voller Sorgen und Angst, die sich in ihrem Gesicht abgezeichnet hatten, war sie noch immer eine schöne Frau.
Seine Gedanken schweiften in die Vergangenheit, zu dem was er schon seit so langer Zeit für Narcissa empfand.
Natürlich hatte er seine Gefühle immer tief in sich vergraben. Lucius Malfoy war sein Freund und er würde nicht einmal in Gedanken einen Freund betrügen.
So war Narcissa immer eine Freundin gewesen, aber eine, für die er deutlich mehr getan hätte, als für jeden anderen Menschen.
Wieder kochte Wut in ihm hoch, als er daran dachte, dass genau dieser Umstand sein Verhängnis geworden war.
Er brachte auch dieses Gefühl wieder unter Kontrolle und erinnerte sich daran, dass nicht Narcissa es war, auf die sich sein Hass richten musste, sondern der, der sie alle in diese Lage gebracht hatte: Lord Voldemort.
Narcissa war in diesem Spiel nur eine Figur, wie er und andere auch und er würde dem dunklen Lord in die Hand spielen, wenn er Narcissa an seiner Stelle hasste.
Die Kunst Menschen gegeneinander auszuspielen beherrschte Lord Voldemort wie kaum ein anderer und es war unabdingbar, sich durch Vertrauen und Freundschaft dagegen zu stellen, wenn es eine Chance auf den Sieg geben sollte.
Auch so eine Lehre des alten Schulleiters, die eine ganze Weile gebraucht hatte, um zu einer wirklichen Erkenntnis in Severus zu reifen.
Narcissa regte sich langsam, während sie erwachte, verließ Severus das Zimmer, um einen Tee zuzubereiten.
Als er mit dem Tablett zurückkam, hatte sie sich aufgesetzt und ordnete ihre Kleidung.
Sie erhob sich und erklärte leise, sie wolle sich ein wenig frisch machen.
Wenige Minuten später betrat sie wieder das Wohnzimmer und ließ sich von ihm eine Tasse Tee reichen.
Sie nippte an ihrem Tee, dann sah sie ihn fragend an. Noch immer wartete sie darauf, wie er auf ihr Geständnis reagieren würde.
„Was sagst du, Severus?"
Ihre Stimme klang dünn, es war Furcht darin zu hören, wie sein Urteil ausfallen würde. Er nickte ihr aufmunternd zu.
„Wir lassen es jetzt einfach so stehen, Narcissa. Darüber befinden, wie verwerflich und grausam dein Tun war, können wir irgendwann immer noch. Jetzt bist du hier, um neu anzufangen und das soll im Vordergrund stehen."
Sie starrte ihn ungläubig an.
„Du klingst wie Albus Dumbledore", sagte sie und ihr Tonfall spiegelte die Verwirrung ihrer Miene wieder.
Eines jener so seltenen, kleinen Anflüge eines Lächelns stahl sich auf Severus Züge.
„Ich war sein Schüler. Viele Jahre mehr, als die meisten anderen Menschen, vergiss das nicht, Narcissa."
Sie nickte nachdenklich.
„Es ist dir über eine sehr lange Zeit hervorragend gelungen, diesen Umstand zu verbergen, Severus", antwortete sie dann und erwiderte sein Lächeln zaghaft.
Sie sah ihn offen an, in ihren blauen Augen konnte er keine Täuschung lesen und sie verbarg auch nichts vor ihm. Ihr Blick war wie eine Einladung, aber er widerstand der Versuchung.
Legilimentik und Vertrauen schlössen einander aus, hatte Dumbledore ihm erklärt, als er dem alten Schulleiter vor vielen Jahren einmal angeboten hatte die Bestätigung für seine Worte in seinem Geist zu suchen.
Severus, der damals noch nicht viel verstand von dem, was Dumbledore an Lebensweisheiten aussprach, hatte verwundert den Kopf geschüttelt und den alten Zauberer im Geiste einen Narren geschimpft.
Heute wusste er, dass man sich mit Legilimentik zwar eine Bestätigung für eine Aussage holen konnte, aber das Vertrauen dafür opferte und damit auch alles, was dieses Vertrauen an Gutem nach sich zog.
Heute war er dankbar, dass er diese Lektion gelernt hatte und mit dem Gefühl leben konnte, dass Dumbledore ihm wahrhaft vertraut hatte, auch ohne Beweise, die er aus seinem Kopf gezogen hatte.
Narcissa stellte ihre Teetasse ab und riss ihn mit dem leisen Klirren aus seinen Gedanken.
„Ich weiß inzwischen, dass der dunkle Lord niemals vorhatte, Draco zu verschonen. Dass Draco nur Mittel zum Zweck war, mich dazu zu bringen, dir den Schwur abzuringen. Dracos Leben war der Preis, für den er meine bedingungslose Kooperation erkauft hat."
Plötzlich klang ihre Stimme kalt vor Wut.
„Aber er will mich betrügen, so wie er jeden betrügt, dem er eines seiner teuflischen Versprechen gibt. Ich glaube, er hatte nie vor, Draco zu verschonen, oder Lucius gegenüber Gnade walten zu lassen.
Der dunkle Lord weiß nicht, was Mutterliebe ist, aber er weiß, dass sie existiert und dass sie stark genug ist, um Menschen Dinge tun zu lassen, die sie sonst niemals täten.
Ich habe es nicht gewusst. Aber er weiß so viel über die menschliche Natur und obwohl er all die Gefühle nicht selber kennt, so weiß er doch, wie man sie perfekt ausspielt."
Sie redete sich in Rage und Severus stockte ein weiteres Mal der Atem, als er daran dachte, wer vor fast genau einem Jahr fast genau diese Dinge gesagt hatte.
„Mach dir keine Gedanken, Severus", hatte Albus gesagt. „Lord Voldemort hält seine Versprechen nicht. Insbesondere nicht gegenüber ihm so unbedeutend scheinenden Personen wie Narcissa."
Snape hatte ihn fragend angesehen, seine Gedanken hatten rasend versucht, der Logik des Schulleiters zu folgen.
Ein Lächeln umspielte den Mund Dumbledores, als er fort fuhr.
„Lord Voldemort glaubt, er können Menschen beliebig manipulieren, ihre Gefühle für die, die sie lieben, gegen sie verwenden, um sie dazu zu bringen, das zu tun, was er will. Aber er weiß nicht, dass diese Gefühle sie zu viel mehr fähig machen, als er es geplant hat.
Damit, dass er seine Versprechen nicht einlöst, treibt er sie zu verzweifelten Taten, die sich irgendwann gegen ihn richten werden.
Was auch immer er Narcissa dafür versprochen hat, dich in diese Lage zu bringen – und ich glaube, dass das Leben ihres Sohnes der Preis war – er wird dieses Versprechen brechen und damit eine ungeheure Macht entfesseln.
Nichts ist unberechenbarer und schlagkräftiger, als eine Mutter, die aus Angst um das Leben ihres Kindes zu verzweifelten Mitteln greift.
Tom Riddle kann viele emotionale Verhaltensweisen vorherberechnen, aber ich habe Grund zu der Annahme, dass er diese spezielle Reaktion nicht erahnen kann, weil sie ihm völlig fremd ist."
Dumbledore hatte Snape ruhig angesehen und gesagt: „Sei darauf vorbereitet, dass etwas Unvorhergesehenes passiert, Severus. Lord Voldemort hat eine finstere Saat ausgesät, deren Früchte ihn nicht nur überraschen, sondern auch erheblich schwächen können."
Er hatte geschmunzelt und ein Hauch von Trauer und Wehmut hatte seine Lippen umspielt. „Ich bedaure es ein wenig, dass ich nicht dabei sein kann, wenn er erkennen muss, dass er selber es war, der die Fäden gesponnen hat, über die er stolpern wird."
Snape seufzte unhörbar und wandte sich wieder der Gegenwart zu.
„Also was ist es nun, das dich hierher geführt hat, Narcissa?", fragte Snape.
Sie holte tief Luft und ihr blasses Gesicht bekam wieder etwas Farbe.
„Ich brauche deine Hilfe, Severus. Du musst mich bei meinem Vorhaben unterstützen, aber vor Allem musst du Draco beschützen vor dem Zorn unseres Meisters."
„Du solltest lernen, deine Bitten nicht als Forderungen zu formulieren, Narcissa. Du bist schon seit einer ganzen Weile nicht mehr in der Position, das zu tun." Seine Stimme war kälter geworden und man spürte den Ärger über die Arroganz vergangener Tage, die noch immer mit aller Selbstverständlichkeit durch ihre Verzweiflung hindurch schimmerte.
Vielleicht ließen sich Jahrzehnte des Lebens in der gehobenen Zauberergesellschaft nicht so einfach abstreifen.
Sie senkte den Kopf.
Nach einem Moment hob sie den Blick wieder und sah ihn an.
„Verzeih mir, ich wollte nicht unhöflich sein."
Snape nickte leicht und das Thema schien aus der Welt zu sein.
„Severus, ich bitte dich um deinen Schutz für meinen Sohn. Niemandem ist dieser Ort hier bekannt, könntest du ihn hier bei dir aufnehmen und für eine Weile versteckt halten, solange ich tue, was ich vorhabe?"
Seine dunklen Augen musterten sie.
„Ich kann ihn hier verstecken, wenn du das, was du vorhast tust. Ich kann ihn beschützen, wenn du um sein Leben fürchtest, aber was ist mit Lucius? Wenn Draco in Gefahr ist, ist er es dann nicht auch?"
Tränen schimmerten ein weiteres Mal in Narcissas blauen Augen.
„Ich weiß." In ihrer Stimme klang Schmerz mit. „Aber ich kann ihm nicht helfen. Niemand kann das, wenn der dunkle Lord beschlossen hat, ihm etwas anzutun. Ich glaube nicht mehr daran, dass unser Meister Lucius verschonen wird. Er wird tun, woran er Freude hat und kein gegebenes Versprechen wird ihn dabei aufhalten.
Aber auch wenn ich nichts für Lucius tun kann, so kann ich doch wenigstens versuchen, Draco zu retten. Und dafür brauchen wir deine Hilfe Severus."
Er zögerte, dann nickte er.
„Gut, ich werde dir und Draco helfen."
