VI: Contrecoup

Sie atmete hörbar auf und bewegte sich, als wolle sie aufspringen und ihm um den Hals fallen. Severus wappnete sich, aber sie beherrschte sich und blieb auf ihrem Platz sitzen.

Er sah sie ernst an. „Sei gewarnt, Narcissa. Ich mag dir glauben und helfen, weil ich gelernt habe, dass jeder Mensch eine zweite Chance bekommen sollte, aber ich bin kein Narr. Ich werde nichts schwören und bei dem kleinsten Anzeichen eines Verrates deinerseits werde ich dich hinauswerfen und dem Ministerium ausliefern. Hast du das verstanden?"

Sie nickte wortlos.

„Was ist es also, das du tun willst und das es erforderlich macht, Draco hier bei mir zu verstecken?"

Sie sah ihn an, schien sich zu wappnen für das, was sie nun sagen wollte, dann atmete sie tief ein und begann.

„Ich weiß, dass der dunkle Lord Recht hatte mit den Anschuldigungen gegen dich, Severus. Alles, was er sagte war völlig logisch und auch nachdem ich es tausendmal durchdacht habe, finde ich keinen Fehler in seinen Argumenten.

Du warst der Spion bei Dumbledore, der so viele der Pläne unseres Lords vereitelt hat.

Alles, was Bella dir hier vorgeworfen hat, war wahr. Ich habe über deine Antworten auf ihre Anschuldigungen nachgedacht und wenn man sie genauer betrachtet, waren sie nichts als heiße Luft."

Sie machte eine Pause, sah ihn unsicher an, ob sie zu weit gegangen war. Aber zu ihrer Überraschung lächelte er.

Mit neuem Mut fuhr sie fort: „Das ist jetzt vorbei. Du kannst dich bei den Todessern nicht mehr blicken lassen, denn auch wenn du Dumbledore getötet hast, hat der dunkle Lord dich zum Verräter erklärt und deinen Tod angeordnet.

Er erklärte, deine Tat hätte dir die Gnade eines schnellen Todes verschafft, aber dennoch dürfe es für Verrat nur eine einzige Strafe geben."

Sie stand auf und begann auf und ab zu gehen, als bräuchte der innere Druck, dem sie ausgesetzt war, ein Ventil.

„Also selbst wenn du einen Weg finden solltest, dem Orden, der dich nach deiner Tat zweifelsohne zutiefst hassen und dir misstrauen wird, noch Informationen zuzuspielen, du hast keine Möglichkeit mehr, an diese Informationen zu gelangen."

Wieder pausierte sie. Sie war bei ihrer Wanderung durch den Raum vor den Bücherregalen angekommen und blieb stehen.

Geistesabwesend strichen ihre Finger über die ledernen Buchrücken, zeichneten die Risse und Brüche der alten Einbände nach, aber ihr Blick erfasste nicht, was sie da vor sich sah, war weit in die Ferne gerichtet.

Severus Gesicht hatte das Lächeln verloren, seine Miene war steinern geworden, als sie seine Situation in so treffenden, kurzen Worten zusammengefasst hatte.

Er selber hatte seine momentanen Umstände schon tausend Mal im Geiste formuliert, aber sie nun in klaren Worten ausgesprochen zu hören gab ihm einen erneuten Stich.

Ruckartig drehte Narcissa sich um und sah ihn direkt an.

Ich werde es tun, Severus", sagte sie und plötzlich war Stärke und Entschlossenheit in ihrer Stimme zu hören.

„Ich werde die Stelle des Spions einnehmen."

Er schnappte nach Luft, wollte etwas sagen, doch sie hob die Hand, um ihn daran zu hindern.

„Sag nicht, ich könnte das nicht, Severus. Ich habe es mir gut überlegt und ich weiß, ich kann es. Denn ich muss es können, wenn ich das Leben meines Sohnes retten will.

Kein Versprechen des dunklen Lords kann Draco Sicherheit bieten, denn der dunkle Lord hält seine Versprechen nicht. Nur das Ende meines Meisters kann für Draco ein sicheres Leben bedeuten, das ist mir klar geworden.

Und wenn es das ist, was mein Sohn braucht, um zu überleben, dann will ich meinen Teil dazu beitragen."

Sie holte Luft, es war, als hätte sie diese Worte schnell sagen müssen, bevor sie der Mut verließ.

„Ich habe es mir genau überlegt, Severus. Du musst Draco verstecken, ich sage dem dunklen Lord, er wäre verschwunden und ich wisse nicht, wo er steckt. Das ist plausibel, denn nach dem, was in Hogwarts passiert ist, muss Draco fürchten, dass der Zorn und die Enttäuschung unseres Herrn sich nun gegen ihn richten. Er hat versagt, das lässt sich nicht wegdiskutieren, aber genau das wird meine Geschichte für den dunklen Lord plausibel machen.

Flucht nach dem Versagen bei einer Aufgabe ist ein Konzept, das er versteht.

Ich selber werde meine Dienste dem dunklen Lord anbieten, als Entschädigung für den Verlust eines Gefolgsmannes anbieten.

Du wirst einen Weg finden müssen, das, was ich an dich weitergebe, dem Orden zu übermitteln. Ich bin sicher, du wirst einen Weg finden, an Erfindungsreichtum hat es dir nie gemangelt."

Ihre Stimme zitterte leicht, aber sie hielt sich aufrecht.

Severus sah sie ruhig an und er fühlte Respekt in sich aufsteigen für ihren Mut. Respekt und eine Spur Wehmut. Es gab niemanden, für den er so viel empfand, wie sie für ihren Sohn und ein leiser Gedanke, dass es Dinge gab, die ihm auf ewig verschlossen bleiben würden, keimte in ihm..

Dann aber sprach sie weiter und er konzentrierte sich wieder auf das, was sie sagte.

„Ich habe nichts mehr zu verlieren und das weiß der dunkle Lord nicht. Er denkt, er könne mich weiter mit dem Leben meines Sohnes und meines Mannes erpressen, aber ich habe begriffen, dass es leere Drohungen sind. Beziehungsweise keine leeren Drohungen, aber die Versprechen, sie zu verschonen sind leer und ich weiß, dass er sie ohnehin bestrafen wird, egal, ob ich tue was er will, oder nicht.

Er hat keine Macht mehr über mich, denn er kann mir nichts geben, was ich brauche.

Alles, was ich will ist ein sicheres Leben für meine Familie und das kann ich nur bekommen, wenn er gefallen ist."

„Narcissa, du weißt nicht, auf was du dich da einlässt. Du weißt nicht, welche Gefahren dir dabei drohen."

Severus sah sie ernst und voller Sorge an.

„Das weiß ich vielleicht nicht, aber ich weiß, was uns allen droht, wenn wir so weitermachen. Ich weiß, dass es niemals Ruhe geben wird. Ich weiß, dass er meinen Sohn zu etwas Schrecklichem machen wird."

Sie zitterte nun am ganzen Leib, aber ihre Furcht tat ihrer Entschlossenheit keinen Abbruch.

Severus trat auf sie zu, verharrte einen Moment, dann nahm er ihre Hände und hielt sie fest.

„Ich werde dir helfen, Narcissa. Auch ohne eine Schwur."

oooOOOooo

Bellatrix betrat den Raum, in dem ihr Gebieter sich aufhielt, ohne Vorwarnung.

Sein wütender Blick ließ sie einen Moment verharren, dann jedoch gewann die Erregung über die freudige Nachricht, die sie zu überbringen hatte, wieder die Oberhand.

Sie beugte leicht den Oberkörper, als sie auf ihn zuschritt und er runzelte erstaunt die Stirn. Er kannte sie gut und wenn sie sich durch einen erbosten Blick nicht so einfach einschüchtern ließ, dann war es etwas ganz Außergewöhnliches, das sie her brachte.

Er schluckte seinen Ärger über ihr Verhalten herunter und blickte sie mit gut verborgener Neugier an.

Vor ihm angekommen strahlte ihr Geicht, als sie verkündete: „Narcissa ist zurück, mein Lord. Sie wird uns dienen, so, wie sie es immer getan hat, wenn man ihr die richtigen Motive gegeben hat." Sie lachte schrill.

„Sie kam heute zu mir um mir zu sagen, dass sie mehr zu tun wünsche, als man ihr bisher übertragen hätte."

Bellatrix Kichern steigerte sich. „Sie meint, sie müsse gut machen, was ihr Mann und ihr Sohn verdorben hätten."

Ihre Augen leuchteten, als sie fast glücklich klingend fort fuhr: „Die ist doch durch und durch eine Tochter des Hauses Black. Endlich hat meine Schwester erkannt, dass es mein Weg ist, dem sie folgen sollte."

Der dunkle Lord schien sie mit seinen glühenden Augen zu durchbohren und sie verstand seine unausgesprochene Frage.

„Ich werde an ihrer Seite sein und sie beizeiten daran erinnern, was auf dem Spiel steht, um ihre Loyalität zu Euch zu sichern, mein Lord."

Lord Voldemort nickte hoheitsvoll und entließ Bellatrix mit einer Handbewegung.

Er lächelte bei der Vorstellung, dass sein grausamer Plan so perfekt funktioniert hatte.

Doch wie sehr hätte ein alter, weiser Mann gelächelt, wenn er hätte sehen können, dass seine weitsichtigen Gedanken letztendlich ins Schwarze getroffen hatten.

Ende