Kapitel 2

Einleitung

Ich schrieb gerade meine Hausaufgaben im Wohnzimmer, während Charlie sich durch die einzelnen Kanäle zappte. Ich bekam gute Noten, also war es ihm egal, wo ich an meinen Aufsätzen schrieb. Wir verbrachten eine nette, stille Zeit miteinander. Die Unterhaltungen aus dem Fernsehen drangen kaum bis zu meinen Ohren vor; es war irgendwie ein angenehmer Lärm, der mir half, mich zu konzentrieren. Aber irgendetwas an diesem Fernsehreport ... ich wusste es nicht. Natürlich waren wir alle besorgt gewesen wegen dem H1N1 Virus. Wir hatten die Anweisung bekommen, uns die Hände zu waschen, daheim zu bleiben, wenn wir krank waren, und zum größten Teil war Forks von der Schweinegrippe verschont geblieben. „Nenn sie nicht so", sagte Charlie immer. „Du zollst dem Speck keinen Respekt." Dann würde er vor lauter Ehrerbietung den Kopf beugen und für seine heiligste Fleischsorte einen Moment der Stille einlegen.

Das war eine Kleinigkeit. Langsam machten wir uns nichts mehr aus all den Geschichten über H1N1. Nur so konnten wir unser Leben weiterleben. Keiner von uns wollte in einer Welt aus Angst leben. Schließlich blickte Charlie jedem Tag der Gefahr und der Möglichkeit, erschossen zu werden, ins Gesicht. Obwohl Forks eine dieser Orte war, an dem man das Gefühl hat, ruhig die Haustüre unversperrt lassen zu können, es war trotzdem ein gefährlicher Job, Polizist zu sein. Wir hatten uns daran gewöhnte, die Warnungen in den Nachrichten zu ignorieren, weil wir sonst nicht mehr das Haus verlassen hätten vor lauter Angst, die Luft draußen einzuatmen. Und so konnten wir einfach nicht leben.

Aber diese Schlagzeile ... warum war sie durch meine Abwehrmauern vorgedrungen? Warum hatte sie mich von meinen Integralrechnungen abgelenkt?

Drei Menschen starben in Denver, Colorado an den Komplikationen einer mysteriösen, grippeähnlichen Krankheit. Ihre Angehörigen berichteten jeweils von einem hohen Fieber, Schüttelfrost und Schmerzen. Die amerikanische Gesundheitsbehörde streitet jedoch ab, dass die Krankheit mit dem H1N1-Virus zusammen hängt.

Ich bekam dieses unbehagliches Gefühl in meinem Bauch, obwohl dieser Artikel nur zwischen dem jüngsten Skandal einiger Promis und den neuesten politischen Streitereien eingeschoben war, und instinktiv und auf der Suche nach Sicherheit lehnte ich mich zurück gegen Charlies Beine. „Mach dir keine Sorgen, Bells", sagte er. „Ich bin mir sicher, das ist nichts." Ich nickte und beugte mich wieder vor, um mich meinen Matheaufgaben zu widmen. Momentan war ich beruhigt, weil er gesagt hatte, dass alles okay wäre. Er hatte mich schon immer beschützt. Dafür war er da.

Am nächsten Tag waren es zehn Tote. Am Tag darauf einhundert. Es schien sich auf Denver zu beschränken. Die Legionärskrankheit, rätselten sie. Lebensmittelvergiftung, schlugen einige Optimisten vor. Die Pest des neuen Millenniums, flüsterten die Paranoiden. Die Verschwörungstheoretiker meinten, dass die Regierung die Wasservorräte vergiftet hätte. Die religiösen Fanatiker meinten, die Endzeit wäre gekommen. Die Leute fürchteten sich alle vor Biowaffen und einem Krieg mit bakteriologischen Waffen.

Die Vertreter der Regierung begaben sich sofort nach Denver und versuchten, die Stadt zu isolieren. Sie schlossen den Flughafen und sperrten die Straßen ab. Sie verstanden nicht, was da passierte, aber sie wollten, dass es auf die Stadt eingeschränkt blieb. Amerika könnte eine Stadt verlieren, wenn der Rest in Sicherheit bliebe.

Was wird mit uns passieren, Dad?", fragte ich, als wir mitten am Tag die Sondernachrichten sahen. Sie hatten alle Schulen in Forks geschlossen, „nur um sicher zu gehen", obwohl diese seltsame Krankheit weit von uns entfernt aufgetreten war.

Sie werden sich schon was einfallen lassen, Kleines", sagte er. Und ich beschloss, ihm zu glauben, weil ich vor der Alternative zu viel Angst hatte.

Die ganze Welt hatte ihre Augen auf Denver gerichtet. Die wenigen mutigen oder unglaublich dummen nationalen Nachrichtenteams, die sich dort aufhielten, zeigten uns eine Stadt, die im Sterben lag. Die Zivilisation kehrte zu seinen ursprünglichsten Formen zurück: Plünderei, Hamsterkäufe, zahlreiche Morde und andere Formen der Gewalt. Es war, als würden sie ihre dunkelsten Fantasien ausleben, sobald sie erfuhren, dass sie verloren waren – schließlich glaubten sie, dass sie nichts mehr zu verlieren hätten. Charlie schaltete den Fernseher aus, als wir den ersten Mord live im Fernsehen sahen. „Wir müssen uns das nicht ansehen", sagte er.

Tag für Tag stockte Charlie unsere Vorräte an Wasser, Konservendosen, Taschenlampen zum selbst Aufziehen und Radios auf. „Glaubst du wirklich, dass das notwendig sein wird, Dad?", fragte ich und biss mir auf die Lippe, während ich ihm half, das Auto von einem weiteren Trip in den Supermarkt auszuladen.

Weiß nicht", sagte er und zuckte mit den Schultern, „aber besser vorbereitet sein." Er sah den Ausdruck auf meinem Gesicht und zog mich für eine Umarmung zu sich. „Mach dir keine Sorgen, Kleines, hier wird dir nichts passieren. Wir brauchen einfach die nächsten zehn Jahre lang keine Lebensmittel mehr einkaufen zu gehen. Ich hoffe, du magst Dosenbeef."

Das ist nicht mal ein Wort, Dad, geschweige denn eine ordentliche Mahlzeit", sagte ich und piekste ihn sanft in die Rippen.

Innerhalb eines Monats war Denver ausgelöscht.

Niemand sprach darüber. Nach der ersten Hysterie taten wir so, als wäre nichts passiert, dass Denver ein Märchen gewesen wäre oder eine Fantasiestadt. Der Fernseher in unserem Haus verstaubte, stand verlassen in einer Ecke, da Charlie und ich es nicht wagten, die Nachrichten einzuschalten. In der Stadt lächelte jeder mit fest zusammengepressten Lippen und nickte als knappem Gruß mit dem Kopf. Die Schule begann wieder, weil das Leben weitergehen musste, aber nicht einmal die Lehrer konnten sich auf die Bildung konzentrieren. Wir lebten alle in einer grauen Spirale der Panik, welche sich unter einer zerbrechlich ruhigen Oberfläche befand. Niemand wollte zugeben, wie viel Angst wir alle hatten. Angst zu haben, würde die Sache zur Wirklichkeit werden lassen. Es war nicht real. Wenn wir nicht daran glaubten, existiere das alles auch nicht.

Vielleicht funktionierte unsere Verleugnung. Ein paar Monate vergingen und wir dachten, dass es vielleicht nur ein Zufall gewesen war. Wir waren sicher. Denver hatte die Krankheit eingedämmt. Denver hatte nie existiert. Die Welt konnte sich weiterdrehen. Wir würden weiterleben.

Charlies Freund Billy Black war eines Abends mit seinem Sohn Jacob bei uns. Es war kein Geheimnis, dass Jacob immer ein bisschen auf mich gestanden ist. Es war schmeichelhaft, aber vielleicht auch ein wenig peinlich. Charlie und Billy unterhielten sich über einem Bier leise in der Küche, während Jacob und ich im Wohnzimmer waren.

Hey, also was glaubst du?", fragte Jacob und drehte sich plötzlich auf der Couch zu mir.

Was?", fragte ich.

Glaubst du, dass die Welt untergeht?"

Was? Nein, natürlich nicht", sagte ich ein wenig zu schrill. „Was sagen sie dort, wo ihr Leute seid?" Die Blacks waren Mitglieder des Quileute-Stamms und lebten im Reservat in La Push.

Ich bekomme das meiste von dem, was vor sich geht, gar nicht zu hören", gab er zu, „aber in letzter Zeit gibt es viele Treffen der Stammesältesten, nachdem Dad glaubt, ich wäre schon zu Bett gegangen. Ich glaube, die Dinge stehen schlecht, Bella, und ich glaube, niemand wird dafür bereit sein, was kommen wird."

Ich schlug ihm spielerisch auf die Schulter. „Du versuchst nur, mir Angst zu machen, du mit deinen Geistergeschichten und dem Tag des jüngsten Gerichts."

Was, wenn es nur mehr uns beide auf der ganzen Welt gäbe?", fragte er. Er lachte nervös. „Würdest du mit mir eine neue Weltbevölkerung starten?"

Krass, Jacob. Krass", sagte ich und schubste ihn wieder. „Sprich nicht über sowas."

Warum nicht?", fragte er reckte sein Unterkiefer vor.

Zuerst einmal, weil nichts passieren wird. Und zweitens, weil ich nicht über dein Zeugs nachdenken will."

Jacob stöhnte auf. „Autsch. Nicht einmal, wenn ich der letzte Mann auf Erden wäre", sagte er und schüttelte seinen Kopf vor lauter verletztem männlichen Stolz.

Sei kein Dummkopf", sagte ich lächelnd. „Du bist kein Mann."

Er rollte mit seinen Augen. „Und ob ich ein Mann bin", murmelte er. „Meine privaten Krausehaare beweisen es."

Ernsthaft, Alter. Eklig", sagte ich und schlug ihm mit meinem Handrücken gegen die Brust.

Ich versuchte, mich daran zu erinnern, wann ich die Blacks zum letzten Mal gesehen hatte. Nach Denver liefen die Dinge so lang wieder normal, dass ich aufgehört hatte, mir zwanghaft jeden Moment einzuprägen in meiner Angst, es könnte meine letzte Erinnerung sein. Alles war gut und der Tod war wieder nur ein abstraktes Konzept, nur ein Wort in einem Buch.

Das schwache Sonnenlicht weckte mich in Charlies Zimmer auf und ich erinnerte mich wieder daran, dass ich alleine war. Man könnte meinen, ich hätte mich mittlerweile schon daran gewöhnt, aber trotzdem träumte ich von meinem normalen Leben, von einer Zeit, wo meine größte Sorge war, mit wem ich zum Abschlussball gehen würde, wie gut ich mein Abi bestehen würde, ob Charlie sich das College für mich leisten konnte. Ich hatte sogar noch immer Alpträume, in denen ich zu meiner Abschlussprüfung ging und nichts dafür gelernt und kein Gewand an hatte. Ich erwachte dann in Schweiß gebadet und erinnerte mich daran, dass ich in der Gegenwart war. Ich lachte bitter auf, da es eine Zeit gab, in der meine Ängste so banal gewesen waren.

Die Abende waren hart für mich, aber jeder Morgen war noch härter, weil der Schlaf mich vergessen ließ. Der Schlaf ließ mich wieder wie ein normales Mädchen vorkommen, mit dummen, einfältigen Problemen, mit Hoffnungen und Träumen und Ängsten, mit Freunden und einer Familie. Wenn ich aufwachte, erinnerte ich mich daran, dass ich überhaupt nicht normal war. Wenn ich normal gewesen wäre, wäre ich jetzt tot, so wie alle anderen. Wenn ich normal wäre, würde ich jetzt nicht alleine sein.

Bildete ich mir das nur ein, oder verblasste die Sonne jeden Tag ein bisschen mehr? War sie nicht mehr so warm auf meiner Wange wie die Sonne meiner Jugend? Ich kletterte vorsichtig aus Charlies Bett und öffnete das Fenster. Mit zusammengekniffenen Augen untersuchte ich die Sonne und sie schien mit ihrem beteiligungslosen, blass-gelben Gesicht zu mir zurück. Ich streckte die Hand aus dem Fenster, um ein wenig Sonnenlicht in meiner Hand einzufangen, aber ich bekam nur die Luft zu fassen.

Ich ging zurück zum Bett und glättete die Decke um meinen Kissen-Charlie. „Morgen, Dad", sagte ich, obwohl ich wusste, dass er nicht da war. Ich zog mich an, weil ich die Routine brauchte, zog mir meine verblichene, ausgefranste Jeans und ein altes T-Shirt an. Ich fuhr mir mit den Fingern durch mein fettiges, schmutziges Haar. Es hatte eine Weile lang nicht geregnet, und ich hatte momentan nicht genug Wasser übrig für solche Frivolitäten wie Körperhygiene.

Mein Magen knurrte und ich wünschte mir sehnlich frische Eier, die in einer Pfanne brieten, dicke Buttermilch-Pancakes mit viel Sirup, und Speckstreifen, dem heiligsten Fleisch überhaupt. Ich konnte mir fast vorstellen, wie ein großes Frühstück auf mich wartete, als ich mit geschlossenen Augen in die Küche ging, aber ich wusste, dass ich nur Dosen, den Dosenöffner und Geschirr, das nur mit einem feuchten Tuch gereinigt wurde, hatte. Ich öffnete eine Dose Fruchtcocktail und hasste es, wie mein Löffel gegen den Metallboden der Dose schabte. Ich trank einen Schluck aus der alten Milchkanne, die ich mit Regenwasser gefüllt hatte, nur um meinen Mund zu befeuchten.

Ich las die Morgenzeitung, die letzte, die wir bekommen hatten, bevor Forks getroffen wurde. Ich kannte jede Überschrift und jeden Artikel auswendig, konnte jeden Comicstrip auswendig nachzeichnen. Und dennoch saß ich im Schneidersitz am verblichenen Teppich im Wohnzimmer und las sie. Die Stunden vergingen langsam, und es gab nicht viel zu tun. Ich wedelte mit der Fernbedienung vor dem Fernseher herum und tat so, als würde ich durch die Kanäle zappen. „Die spielen nie etwas Gutes", scherzte ich schwach herum. Meine Stimme klang seltsam in der Totenstille des Hauses. Ich ging hinüber zum Fernseher und fuhr mit meinem Finger über den staubigen Bildschirm. Ich versuchte, einen Smiley zu zeichnen, aber nicht einmal das brachte ich fertig. Der Mund war flach und zeigte an einem Ende nach unten. „Ich weiß, ich fühl mich genauso", sagte ich zu dem Gesicht und wischte mir meinen Finger an meiner Jeans ab.

„Ich geh nach draußen", sagte ich zu niemand bestimmtem. Ich ging zur Vordertür hinaus und ließ sie offen stehen. Nachdem ich die Einfahrt hinunter gegangen war, drehte ich mich um und sah, wie sich die Türe etwas hin und her bewegte, als ob sie mir zum Abschied winken würde.

Ich winkte zurück. Es war mir egal, wie dumm das ausgesehen haben musste, bis ich mich wieder daran erinnerte, dass es sowieso keinen mehr gab, der mich sehen konnte.