1.
„Ich kann es nicht fassen, unsere Lisa Plenske in Kanada", staunte Jürgen kurz nach der Abreise seiner besten Freundin immer noch. „Noch is'se ja nicht da", widersprach Bernd. „Erstmal musse heil in London landen und den Anschlussflieger kriegen." – „Dir wäre es wohl lieber, wenn sie im Flugzeug sitzen bleibt und darauf wartet, dass es zurück nach Berlin fliegt", schüttelte Jürgen den Kopf. „Und ob mir das lieber wäre! Mein kleenes Mädchen so weit weg." – „Bernd, sie ist fast 25, sie ist noch nie weiter weg als die Ostsee gewesen. Es wird ihr guttun, neue Menschen und ein neues Land kennenzulernen. Den Horizont erweitern nennt man das. Ganz zu schweigen davon, wie sich Arbeitserfahrung im Ausland im Lebenslauf macht… Dann kann ihr Kerima Moda mal gestohlen bleiben", winkte Jürgen ab. „Freu dich lieber für deine Tochter als so griesgrämig zu sein." – „Ich bin nicht griesgrämig… Aber musste es denn gleich so weit weg sein? Und so überstürzt? Helga, sag doch auch mal was!", forderte Bernd seine Frau auf. Diese saß gedankenverloren auf der Bank im Kiosk und starrte in ihren Becher mit schwarzem Kaffee. „Ja, weit weg", seufzte sie dann. „Ich bin ehrlich ganz froh, dass alles so schnell ging, sonst hätte ich richtig Zeit gehabt, mich in meinen Abschiedsschmerz hineinzusteigern. Außerdem hat Jürgen Recht, das macht sich gut in Lisas Lebenslauf und du weißt doch, Kerima hat ihr nicht gutgetan." – „Aber dieses Kanada tut es, ja?", schüttelte Bernd den Kopf. „Ach Bärchen, ich vermisse sie ja auch schon, aber… aber… naja… sie hat doch dieses offene Rückflugticket und kann jeder Zeit nach Hause kommen, wenn sie möchte."
Wo musste sie hin? Nach draußen, da kam alle 20 Minuten ein Bus, der sie unweit von ihrem Hostel absetzen würde. Orientierungslos zerrte Lisa ihren Koffer hinter sich her durch die Halle des Torontoer Flughafens. Das ganze Prozedere um das Visum war viel einfacher gewesen als sie gedacht hatte. Sie hatte das Schreiben der Botschaft gezeigt, ihren Pass rübergereicht, irritiert dabei zugesehen, wie die Beamtin das Visum einfach so hineingetackert hatte. Niemand wollte ihre Reisechecks sehen oder ihr Rückflugticket oder den Versicherungsschein. Dabei hatte doch in dem Brief der Botschaft gestanden, dass sie genau das vorweisen können musste, damit ihr die Einreise nicht verwehrt blieb. Das hatte niemanden interessiert, genauso wenig wie sich jemand ihre Zollerklärung richtig angesehen hatte. Wenigstens nett waren sie, die Leute am Zoll und bei der Passkontrolle. Bus, sie musste ihren Bus finden. Lisa trat durch die Tür nach draußen. Hm, das war viel wärmer als sie erwartet hatte, viel wärmer als Berlin. Sehr seltsam, es war doch Winter. Es sollte doch Schnee liegen und bitterkalt sein. Nur nicht enttäuscht sein, Lisa, sprach sie sich gut zu. Wer wusste schon, was das zu bedeuten hatte… Vielleicht einfach nur ein extrem warmer Tag oder sie war zu übermüdet, um die Kälte richtig wahrzunehmen.
Erschöpft und müde saß Lisa kurze Zeit später in einem schicken Bus mit Ledersitzen, Klimaanlage und anderem Komfort. Fünf Stationen musste sie fahren, bis zum Inn on King. Der Busfahrer hatte ihr versprochen, Bescheid zu sagen. So sah Lisa aus dem Fenster und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Hochhäuser, ein riesiges Einkaufszentrum, ein Ikea, der ganz bestimmt so groß war wie ganz Göberitz und dann… der CN-Tower. Noch viel größer als alles andere überragte er die ganze Stadt. Hell erleuchtet war er und es schien Lisa, als würde er sie anlächeln. Fasziniert lächelte sie zurück. Herzlich Willkommen im Abenteuer deines Lebens, raunte sie sich zu.
Na bravo, eine noch engere Treppe hatte dieses Hostel wohl nicht, schimpfte Lisa innerlich, während sie ihren Koffer die Stufen hinauf wuchtete. Zimmer 35. Auf der Etage angekommen sah Lisa sich um. Da hinten am Ende des Ganges musste Zimmer 35 sein. Gleich war es geschafft. Gleich hatte sie ein Bett, sie würde schnell duschen gehen und sich dann den Flug aus den Knochen schlafen. Schlüssel linksrum, nichts passierte. Schlüssel rechtsrum und offen. Lisa schwang die Tür auf und trat in den Sechser-Schlafraum. „Hi!", begrüßte ein wildgelockter junger Mann sie aus einem der oberen Betten. Er legte sein Buch beiseite und sah Lisa abwartend an. „Hi!", grüßte diese irritiert zurück. Sie machte einen Schritt zurück und sah erneut auf die Zimmernummer. 35 – genauso wie auf ihrem Zettel. Bett A, das war das Bett unter dem jungen Mann. „Ähm… äkskjuzz-mie", begann Lisa. „Sis is ruum namber sörtie-feiv, reit?" Der junge Mann rollte mit den Augen. „Lass mich raten: Du bist aus Deutschland." – „Aus Berlin." – „Oh, ich bin schon so lange hier, die Unabhängigkeit Berlins ist mir entgangen. Ich bin Rokko", stellte er sich vor. „Und ja, das ist Raum 35." – „Wieso bist du hier?", wollte Lisa wissen. „Ähm, eine gute Frage. Ich arbeite in Toronto und…" – „Ich meine das Zimmer, wieso bist du in diesem Zimmer." – „Herzchen, das ist ein mixed dorm." – „Ja, aber… ich dachte… das bedeutet… naja… mixed nations oder so." – „Nee, es bedeutet: Jungs und Mädchen zusammen. Aber keine Sorge, ich beiße nicht und bisher sind nur wir zwei Hübschen in diesem Zimmer. Welches Bett hast du denn?" – „A", antwortete Lisa. „Oh, direkt unter mir. Wenn das kein gutes Zeichen ist… Ich kann mich nicht erinnern, dass sich je eine Frau beschwert hätte, die unter mir die Nacht verbracht hat." Lisa errötete augenblicklich. Ihre Unterlippe bebte, aber ihr fiel einfach kein passender Kommentar ein. Sie schnaufte entrüstet, drehte sie um und verließ das Zimmer.
„Du hättest deinen Koffer gerne hier lassen können… für den kurzen Augenblick, den du weg warst", grinste Rokko, als Lisa kurze Zeit später wieder in der Tür stand. „Es sind keine anderen Betten mehr frei", knurrte Lisa. „Und? Das Bett hier unter mir ist ganz prima. Ich schnarche nicht und ich muss nicht allzu früh aufstehen. Es gibt definitiv schlimmere Mitbewohner als mich." Wortlos rollte Lisa ihren Koffer an das Fußende des Doppelstockbettes. Sie griff nach den bereitliegenden Laken und begann, das Bett zu beziehen. „Sagst du mir noch, wie du heißt oder wird das so ein Pantomimen-Ding?" – „Lisa Plenske", grummelte die Angesprochene vor sich hin. „Okay, Lisa Plenske, du machst so einen netten und aufgeschlossenen Eindruck… Da möchte ich doch am liebsten fragen, was du hier in Toronto machst", ließ Rokko sich von Lisas Tonfall nicht abschrecken. „Ich habe ein Work-and-Holiday-Visum und will hier eine Arbeit finden." – „Oh, klingt gut", wurde Rokko dann ernst. „Das mache ich auch – arbeiten, meine ich, mit genau diesem Visum. Ich bin seit sechs Wochen hier. Wenn du Hilfe brauchst oder einen Rat oder so. Ich habe die ganzen Behördengänge schon hinter mir und kann dir den einen oder anderen Tipp geben." – „Ich bin müde", erklärte Lisa und warf sich noch vollständig mit ihren Straßensachen bekleidet auf das Bett fallen. Dann zog sie sich die Decke bis an die Ohren. „Gute Nacht!", wünschte Rokko schulterzuckend, bevor er wieder nach seinem Buch griff, um weiterzulesen.
