2.

„Jürgen, das ist ein gemischter Schlafraum", sprach Lisa aufgeregt in das integrierte Mikrophon ihres Laptops. „Nein!", entgegnete Jürgen sarkastisch. Mit offenen Augen lag Rokko in seinem Bett. Das konnte doch echt nicht wahr sein! Er hatte ja nichts dagegen, wenn seine neue Mitbewohnerin mit ihren Freunden Zuhause telefonierte, aber musste sie es so laut tun? „Ja", bestätigte Lisa ihrem besten Freund. „Über mir schläft ein junger Mann… ein ziemlich unverschämter junger Mann." – „Wieso? Ist er nicht in seinem Bett geblieben?", grinste Jürgen in eine Webcam. „Du willst mich nicht verstehen, oder?" – „Doch, doch. Ich verstehe dich schon. Ich kapiere nur nicht, wo das Problem liegt. Dann ist es eben ein gemischter Schlafraum, und? Du sollst den Typen nicht heiraten, du sollst dort nur übernachten. Du hast doch bestimmt jede Menge Behördengänge zu erledigen, Sehenswürdigkeiten zu besichtigen und so. Und auch für den Fall, dass dich das jetzt umhaut: Jungs haben einen Penis, Mädchen eine Vagina. Das ist der einzige Unterschied und es ist durchaus möglich, sich ein Zimmer zu teilen. Davon wird man auch nicht schwanger oder so." Rokko grinste die Zimmerdecke an. Dieser Typ war ja echt witzig. Er kannte seine Freundin und ihre Prüderie wohl ziemlich gut. „Trotzdem… mixed dorm", wiederholte Lisa empört. „Hättest du gedacht, dass damit gemischter Schlafraum gemeint ist? Also, Geschlechter-gemischt?" – „Eher als Nationen-gemischt", gab Jürgen zu bedenken. „Wie steht's denn eigentlich mit deinem Jetlag?", wechselte er dann möglichst unauffällig das Thema. „Davon ist nicht viel zu spüren", entgegnete Lisa ehrlich. „Ich bin ziemlich schnell eingeschlafen." – „Wie spät ist es denn bei dir?", wollte Jürgen wissen. „Halb sieben." – „Oh. Du hast kein Headset auf, wenn ich das richtig sehe. Da wird dein Zimmergenosse aber begeistert sein." – „Ist er", tönte Rokko aus dem oberen Bett. „Aber er muss auch bald zur Arbeit und es ist Klein-Lisas erster Morgen in Toronto. Es sei ihr also verziehen." – „Der klingt doch mal witzig", grinste Jürgen Lisa durch Kamera an.

„Eigentlich Schwachsinn, dass ich vor der Arbeit dusche", stellte Rokko fest, als er zurück ins Zimmer kam. „Auf der Baustelle werde ich ja eh wieder dreckig." Irritiert betrachtete Lisa, dass ihr Zimmergenosse nur ein Handtuch trug. „Ähm… ja", stotterte sie errötend. „Baustelle, he? Was wird denn da so baugestellt… ge-gebaut?" – „Türmchen", grinste Rokko und riss sich das Handtuch von den Hüften. „Oh… mein", drehte Lisa sich beiseite. Zusätzlich hielt sie sich die Augen zu. „Hast du etwas angezogen?" – „Nee", lachte Rokko. „Aber wenn dir soviel daran liegt…"

„Das war wirklich, wirklich unverschämt", schimpfte Lisa mit ihrem Mitbewohner. „Nun mach dich mal locker. Ich habe doch nichts, was du nicht schon gesehen haben dürftest…" – „Ich gehe frühstücken", würgte Lisa das Gespräch ab. „Was ist?", blieb sie in der Tür stehen. „Kommst du nicht mit?" – „Ach, weißt du… Pancakes sind was Tolles… die ersten zwei Tage, nach sechs Wochen kannst du die Dinger nicht mehr sehen. Ich esse auf der Baustelle."

Lisa war also in einem Schlafraum mit einem jungen Mann gelandet, grinste Jürgen vor sich hin. Das brauchte sie echt mal – um endlich locker zu werden. Jürgen stellte sich vor sein Regal. Wenn er die alten Fernsehzeitungen jetzt aussortierte, dann hätte er morgen früh weniger Arbeit. Allerdings… wenn jetzt, eine halbe Stunde vor Feierabend noch jemand kam, der noch eine Fernsehzeitung wollte? Just in diesem Moment erklang das Glockenspiel seiner Tür. „Wie viele Arbeitslose gibt es nochmal?", hörte Jürgen Max sagen. „Und die Plenske hat gleich einen neuen Job." – „Dass sie das aber so in den falschen Hals gekriegt hat", schüttelte David den Kopf. „Zwei Kaffee und zwei Hotdog bitte", forderte er dann von Jürgen. „Klingt ja nach einer leckeren Kombi", kommentierte dieser. „Lisa hat übrigens noch keinen neuen Job. Dürft aber nicht lange dauern. Heute wollte sie erstmal ihre Sozialversicherung beantragen, damit sie in Kanada ganz legal Jobs annehmen darf." – „Lisa… Frau Plenske ist in Kanada?", fragte David verwirrt. „Ist sie. Gestern Nacht angekommen." – „Telefonieren Sie mit ihr oder wie?", bohrte David nach. „Ich habe sie im Skype. Kennen Sie das?" – „Ja, kenne ich. Frau Plenske ist also per Skype zu erreichen, ja? Wie lautet ihr Nutzername?" – „Finden Sie das doch alleine raus. Sie haben doch lange genug mit ihr zusammengearbeitet." Jürgen stellte den beiden Männern jeweils einen Becher Kaffee hin. „Ich fände es übrigens schade, wenn Lisa sich von Ihnen wieder einlullen ließe und zurückkäme. Toronto könnte ihre große Chance sein."

Erschöpft und völlig durchnässt betrat Lisa das Hostelzimmer. Es hatte sie wirklich den halben Tag gekostet, in dieses Amt zu laufen und dort ihre Sozialversicherungskarte zu beantragen. Das hatte echt nicht weit ausgesehen im Stadtplan und trotzdem war sie gute drei Stunden unterwegs gewesen. Wenigstens hatte es eine Straßenbahn zurückgegeben. Als erstes griff Lisa nach ihrem Handtuch und rubbelte sich damit durch die Haare. Wenigstens war dieser unverschämte Typ nicht da. Hatte der sich doch einfach so vor ihr entblößt. Sein blankes Hinterteil hatte er ihr gezeigt. Lisa schüttelte bei diesem Gedanken erneut den Kopf. Das war mehr als frech gewesen. Wenn er auf einer Baustelle arbeitete, würde er sicher den ganzen Tag weg sein… oder bei dem Regen bald wieder hier. Hektisch fischte Lisa frische und vor allem trockene Kleidung aus ihren Koffer.

Eingemummelt in ihre Bettdecke widmete Lisa sich zum zweiten Mal an diesem Tag ihrem Laptop. Ihren Lebenslauf musste sie auf nordamerikanische Vorgaben trimmen. Derweil saß David im fernen Berlin und versuchte Skype davon zu überzeugen, ihn doch mit Lisa Plenske reden zu lassen. „Wie nennt sie sich wohl?", murmelte David frustriert. Würde er es mit dem offensichtlichsten probieren: Lisa Plenske… Treffer. Mit einem Punkt in der Mitte. Nicht sonderlich einfallsreich, aber wenigstens hatte er sie gleich gefunden und online war sie auch! Lisa zuckte zusammen, als ein unerwartetes Geräusch aus ihrem Laptop kam. Mist, sie hatte vergessen, sich ein Headset zu besorgen! David Seidel – was konnte denn der von ihr wollen?

„Frau Plenske, bitte, Sie müssen zurückkommen. Kerima braucht Sie!" – „Wie stellen Sie sich das vor? Dass ich einfach so ins Flugzeug springe und alles ist vergeben und vergessen? Herr Seidel, ich habe wirklich alles für Kerima gegeben und Sie haben das…" – „… nicht einmal gewürdigt, ich weiß", gab David sich reumütig. „Aber sehen Sie… Kerima braucht Sie." – „Wieso wiederholen Sie das ständig? Haben Sie keine anderen Argumente?" David schwieg einen Moment. „Um ehrlich zu sein, nein. Ich brauche eine Assistentin und Sie sind die beste, die ich jemals hatte. Es tut mir leid, wenn ich Sie beleidigt haben sollte, aber bitte… Mal ehrlich, Frau Plenske, für Backpacking in Kanada sind Sie doch gar nicht der Typ. Und für Aushilfsjobs viel zu überqualifiziert. Sie haben immerhin Kerima in Ihrem Lebenslauf." – „Ehrlich gesagt, habe ich Kerima gerade wieder rausgenommen, weil ein nordamerikanischer Lebenslauf nicht länger als eine Seite sein darf", erwiderte Lisa ruhig. „Und ob ich der Typ für Backpacking bin oder nicht, soll Ihnen doch egal sein. Ich werde hier das Jahr meines Lebens haben. Kerima braucht mich nicht. Kerima braucht einen Junior-Chef, der sich wirklich kümmert – und zwar nicht nur um das Wohlergehen der Models." Lisa atmete durch. Es tat richtig gut, David diese ganzen Sachen zu sagen. Mit der Distanz fiel ihr das alles irgendwie leichter. „Sie sind ja eifersüchtig", stellte David fest. „Ich weiß ja, dass Sie Gefühle für mich hegen und es tut mir leid, dass ich die nicht erwidere, aber… ach, Sie kommen ja eh wieder. So weit weg von Zuhause, das halten Sie doch nie lange aus." Lisa wollte zu einer trotzigen Antwort ansetzen, als die Zimmertür aufging. „Ich besorge gleich morgen ein Headset", sprang sie auf. „Um Gottes Willen, was ist denn mit dir passiert?", fragte sie entsetzt, als sie Rokko richtig ansah.

„Das sieht echt böse aus. Setz dich erstmal", zwang sie ihren Zimmergenossen, sich auf ihr Bett zu setzen. „Was ist denn passiert?" – „Auf der Baustelle ist ein Lastenseil gerissen und ich habe etwas abbekommen. Kein Grund, einen Aufstand zu machen", winkte Rokko ab. Als er aufstand, schwankte er jedoch. „Sitzen bleiben", befahl Lisa. „Lass mich mal sehen." – „Aua", jammerte Rokko, als Lisa seine Stirn berührte. „Wenn du mich fragst, muss das genäht werden. Das sieht aus wie eine Platzwunde." – „Danke für die Diagnose Doktor Lisa." – „Mach du nur deine Witze", erwiderte Lisa. Gleichzeitig drehte sie sich um und ging zu ihrem Koffer. „Desinfektionsmittel", erklärte sie Rokko. „Ich mache die Wunde erstmal sauber."

„Ich glaube wirklich, du solltest ins Krankenhaus und das nähen lassen." – „Ach was", winkte Rokko ab. „Wer Narben hat, hat was erlebt." – „Du hast irgendetwas an den Kopf bekommen. Schon mal an eine Gehirnerschütterung gedacht? Ist dir irgendwie schlecht?" – „Wo nichts ist, kann auch nichts erschüttert werden", grinste Rokko gequält. „Und schlecht wird mir nur von zu viel Bemutterung." – „Ist das so ein Männerding? So ein ‚Weil ich ein Kerl bin, brauche ich keinen Arzt, auch wenn ich meinen Arsch am Bindfaden trage'-Ding?" – „Steht dir nicht." – „Was?", sah Lisa an sich herunter. „Dass du Arsch sagst, passt irgendwie gar nicht zu dir. Und nein, es ist kein Männerding. Es hat vielmehr damit zu tun, dass wir auf dem Bau nicht richtig versichert sind. Wenn ich jetzt zum Arzt gehe, dann…" – „Aber du hast doch deine Krankenversicherung aus Deutschland? Du weißt schon, die Auslandsversicherung." – „Ja, habe ich, aber… hör zu, auf der Baustelle sind sie unglaublich in Verzug, darum der Druck und die vielen… nicht ganz legal angestellten Leute…" – „Du musst trotzdem zu einem Arzt", widersprach Lisa. „Dann verliere ich meinen Job und die zahlen ziemlich gut." – „Dann suchst du dir eben einen neuen. Kannst ja mit mir die Resume-Runde drehen." – „Ich lege mich einfach ein bisschen hin, dann geht es mir bestimmt bald besser." Rokko stand auf, sackte aber gleich in sich zusammen.

„Se näkst hospitell", bellte Lisa über den Empfangstresen hinweg. „You mean the one that is the closest?", fragte die Rezeptionistin. „Jez. My rumäd… hi is on the flor and not muwing." – „Better I call the paramedics", entschied Lisas Gegenüber.