4.

Wütend betrachtete Lisa den schlafenden Rokko. Er lag auf dem Rücken, den Mund leicht geöffnet, er schnarchte leise und wirkte, als wäre er sich keiner Schuld bewusst. Dass er sie die halbe Nacht vom Schlafen abgehalten hatte, das wusste er vermutlich gar nicht mehr. Dafür war er ja zu betrunken gewesen – genauso wie diese unmöglichen Mädchen. Hinein getaumelt waren sie, das Gepäck hatte im Weg gestanden, mit einem lauten Knall waren sie darüber gestürzt. Davon war Lisa wach geworden, aber es war der unkontrollierte Lachanfall der drei Angetrunkenen, der sie davon abgehalten hatte, wieder einzuschlafen. „Lisa?", wurde die junge Abenteuerin durch die Tür hinweg gerufen. „It's me, Jolene. Are you ready?" Lisa begann zu strahlen – das war ihre schottische Freundin. Mit ihr wollte sie ja heute zu den Niagara-Fällen fahren. Dafür war sie ja extra früh aufgestanden, obwohl nun endlich Ruhe herrschte. „Wo gehst du hin?", murmelte Rokko verschlafen. „Aus deinem Dunst", knurrte Lisa. „Wie meinst'n jetzt das?" – „Wie ich es gesagt habe: Du hast eine Fahne. Und ich muss los."

Lisa zog ihren Schal enger um ihren Kopf. Das war sehr viel kälter, als sie erwartet hatte – dabei waren sie noch gar nicht bei den Niagara-Fällen angekommen. Zu der Tour, an der Jolene und sie teilnahmen, gehörte eine Weinprobe. Das Gut war eine gute dreiviertel Stunde von Toronto entfernt und lag – wie Lisa fand – mitten in der Wildnis. „Ich trinke eigentlich nicht", gestand sie ihrer neuen Freundin leise. „Ach was", winkte diese ab. „Es ist doch nur eine Weinprobe. Das ist nur eine kleine Pfütze Alkohol. Das haut dich nicht gleich um." – „Du kennst mich nicht. Ich werde lallend zu den Fällen torkeln." Jolene begann herzhaft zu lachen. „Der Bus setzt uns direkt an den Fällen raus. Also, keine Sorge."

Eine rot gefrorene Nase kräuselte sich angeekelt. „Boah, haben die den Zucker vergessen?", entfuhr es Lisa entsetzt, nachdem sie einen kleinen Schluck Rotwein getrunken hatte. „Sieht ganz so aus", schüttelte Jolene sich ebenfalls. „Ich weiß gar nicht, was diese Weinprobe mit den Niagara-Fällen zu tun hat. Ich wäre viel lieber schon da." – „Ich auch", seufzte Lisa. „Aber ich glaube, die machen das, damit die Touris was von ihrem Eiswein kaufen." – „Von dem überteuerten Gesöff, in das sie versehentlich den Zucker getan haben, der jetzt im Rotwein fehlt. Schlauer Marketing-Trick", lachte die pausbäckige Schottin.

„Wow, das ist so schön", strahlte Lisa über das ganze Gesicht. „Ich hätte ja nicht gedacht, dass diese Mengen Wasser so beeindruckend sind." – „Das stimmt", gab Jolene ihr Recht. „Schade, dass das Boot zu dieser Jahreszeit nicht fährt." – „Ja, das wäre die Krönung, aber der Aussichtsturm ist ja auch nicht schlecht gewesen." – „Nee", schüttelte Lisa den Kopf. „Der war grandios." Eigentlich wollte sie sofort ihre Kamera hervorholen und sich die Fotos noch einmal ansehen, doch sie entschied sich dagegen. Es war viel zu kalt und zu windig. Lisa war sich nicht sicher, ob sich das negativ auf ihre Kamera auswirken könnte. „Wir könnten noch die journey behind the falls machen", schlug Jolene mit einem Blick auf ihre Armbanduhr vor. „Okay", stimmte Lisa zu. Sie zog ihren Schal fester um ihren Hals und lehnte sich dann gegen den eiskalten Wind. „Vielleicht kriegen wir da auch ein Mittagessen", dachte sie laut nach. „Hoffentlich", lachte die Schottin. „Ich schiebe Kohldampf."

„Hast du schon Pläne für die nächsten Tage?", wollte Jolene bei Tim Hortons von Lisa wissen. „Naja", seufzte Lisa. „Ich habe immer noch keinen Job gefunden. Ich glaube, in Toronto gibt es nichts für mich." – „Das ist doch Unsinn. Hast du schon eine Ausbildung gemacht?" – „Ja, ich bin Bürokauffrau von Beruf." – „Das ist doch schon mal ein Anfang. Du kennst dich also mit so Sachen wie Buchhaltung aus, oder?" – „Ja, mit Zahlen kann ich richtig gut", lächelte Lisa bescheiden. „Dann würde ich an deiner Stelle nach Alberta gehen. Die haben gerade einen Boom in der Öl-Industrie. Da findest du ganz sicher einen netten Bürojob." – „Alberta, he?" – „Ja. Warst du schon mal in Kanada?" – „Nein", schüttelte Lisa den Kopf. „Ich bin noch nie groß aus Deutschland rausgekommen." – „Dann würde ich an deiner Stelle mit dem Bus fahren, ein paar Zwischenstopps einlegen und mir das eine oder andere Ansehen." – „Ich soll so ganz alleine reisen?" – „Ja, wieso denn nicht? Im Bus bist du nie alleine und in den Hostels lernst du immer Leute kennen – so wie mich", lachte die Schottin.

Am späten Abend betrat Rokko das Hostel-Zimmer und staunte nicht schlecht. Da saß Lisa auf ihrem Bett neben einem pausbäckigen Mädchen, lachend, plaudernd, ihr immer wieder die Kamera unter die Nase halten. „Hi!", grüßte er kurz. „How was Niagara?" Jolene grinste Rokko an. „I should go now. You must be tired from work. See you, Lisa. You come to say goodbye to me tomorrow morning, okay?" – „Okay", nickte Lisa.

„Dein Englisch hat sich echt verbessert", begann Rokko anerkennend das Gespräch mit seiner Zimmergenossin. „Danke", lächelte diese. „Das ist Jolenes Verdienst. Mit ihr kann ich ja nur Englisch reden." – „Schade, dass sie morgen abreist", erwiderte Rokko. „Sie reist morgen nicht ab." – „Nicht? Aber sie sagte doch…" – „Ja, ich soll mich von ihr verabschieden, bevor ich abreise." – „Wohin reist du denn?" – „Erstmal nach Winnipeg", erklärte Lisa. „Winnipeg? Dir ist schon bewusst, dass das statistisch die zweitgefährlichste Stadt Kanadas ist, oder?" Lisa schüttelte kaum merklich den Kopf. „Wie kommst du dahin?" – „Mit dem Bus." – „Bus? Greyhound? Oy, hast du dir das gut überlegt? Fährst du alleine?" – „Ja, ich fahre alleine. Wieso auch nicht?" – „Hast du nicht von dem Typen gehört, der in einem Greyhound enthauptet worden ist? Der war auch auf dem Weg nach Winnipeg." Lisa schluckte hart. „Aber… ich fahre tagsüber. Ich nehme den Bus um 12 Uhr. Was soll da schon großartig passieren." – „Das hat der Typ bestimmt auch gesagt und dann war er einen Kopf kürzer", grinste Rokko. „Das ist doch Unsinn", schüttelte Lisa sich. „Betrachte es so: Wenn ich weg bin, liegt demnächst jemand anders unter dir, der sich darüber nicht beklagen wird." – „Aber niemand so Charmantes wie du. Winnipeg also… die Prärien. Da dürfte es gut kalt sein", dachte Rokko laut nach. „Und da dürfte es mit Jobs so richtig schlecht sein." – „Ich will ja auch gar nicht da bleiben. Ich will weiter nach Alberta. Fort McMurray. Vielleicht finde ich dort Arbeit in einer Firma, als Sekretärin oder so." Rokko nickte anerkennend. „Und warum fliegst du dann nicht direkt hin?" – „Weil ich vorher etwas vom Land sehen will." – „Und warum dann ausgerechnet Winnipeg?", hakte Rokko nach. „Weil Winnipeg… In Winnipeg… in Winnipeg… ‚Crackpot' von Adele Wiseman hat in Winnipeg gespielt und ‚In Search of April Raintree' von Beatrice Culleton auch." – „Das ist mal ein guter Grund", schmunzelte Rokko. „Du kannst unken so viel du willst", knurrte Lisa. „Ich reise morgen ab und ich freue mich drauf. Sei doch froh, dass ich dann weg bin." – „Bin ich ja auch… allerdings finde ich es sehr, sehr schade, dass du deinen schlauen Kopf im Bus opfern willst."