6.
„Guten Morgen, Lisa", stellte sich Rokko an diesem Tag der Göberitzerin in den Weg. „Huch, mit dir habe ich ja gar nicht gerechnet", erschrak diese. „Offensichtlich, sonst hättest du dir etwas Aufreizendes angezogen", grinste Rokko frech. „Ich sehe schon, du hast die Busfahrt und die erste Nacht hier gut überstanden", ging Lisa nicht auf den Kommentar ein. „Jep, ziemlich gut sogar. Was machen wir heute?" – „Was machen wir heute?", wiederholte Lisa. „Ich wusste gar nicht, dass es ein Wir gibt." – „Offenbar schon, also was machen wir heute?" – „Oy, keine Ahnung. Habe ich dich jetzt für den Rest meines Winnipeg-Aufenthaltes an der Backe?" – „Ja, Mami", grinste Rokko. „Wann genau habe ich deine Adoptionsurkunde unterschrieben?" – „Mal ohne Jux und Tollerei, was hast du heute vor?" – „Ich habe mir einen Stadtplan am Empfang geholt. Das Gabrielle Roy-House und auch Dalnavert sind heute nicht offen. Also dachte ich mir, ich gehe mir den Exchange District und The Forks ansehen." – „Banken und Öko-Futter, klingt ja toll", grummelte Rokko. „Niemand zwingt dich, mitzugehen, weißt du." – „Ich weiß das. Aber weißt du, dass du so nicht vor die Tür kannst?" Lisa sah an sich herab. Was war denn mit ihrem karierten, knielangen Rock nicht in Ordnung? „Wieso nicht? Ist dir das zu züchtig?" – „Nee, nicht warm genug", konterte Rokko. „Wie jetzt, nicht warm genug?" – „Du warst heute noch nicht draußen, oder?" – „Die Sonne scheint", deutete Lisa durch das Fenster, das vom Flur auf den Innenhof zeigte. „Ja-ha", bestätigte Rokko. „Aber sie scheint bei mindestens 30 Grad unter Null. Glaub mir, ich bin in dem Zimmer, in dem ein Fenster fehlt einquartiert worden. Es ist eisig draußen." – „Rede doch, was du willst", wiegelte Lisa ab. „Ich wollte jetzt schnell Mittagessen gehen und dann auf Sightseeingtour. Willst du nun mit oder nicht?" – „Mittagessen klingt gut. Ein bisschen früh vielleicht, aber definitiv zu spät für Frühstück. Ich wusste ja gar nicht, dass du so lange schlafen kannst", zog Rokko sein Gegenüber mit einer Spitze auf ihr Verhalten in Toronto auf. „Nun nach der Busfahrt hatte ich einen komaartigen Schlaf, falls es dich so brennend interessiert." – „Oh, mich interessiert alles, was mit Lisa Plenske zu tun hat. Hast du denn gut geschlafen?", legte Rokko seinen Arm um Lisas Schultern, drehte sie um und lief langsam in Richtung Ausgangstür, wobei er sie mit sich zog. „Ja, ganz gut. Ich habe eine ziemlich nette Zimmergenossin", begann Lisa zu erzählen. „Sie hat eine ziemlich negative Einstellung zu Winnipeg. Sie findet es hier doof. Naja, das fände ich vermutlich auch, wenn ich hierher versetzt würde… also von Toronto aus. Ist ja doch nicht gerade um die Ecke." – „Meine Güte, du hast wohl ein richtig gutes Gespräch gehabt, he? Ich fühle mich jetzt überhaupt nicht gekränkt, weil du das für mich nicht übrig hattest. Wohin geht es eigentlich zum Mittagessen? Hast du dir schon Gedanken gemacht?" Mit einem siegessicheren Lächeln stieß Rokko die Tür nach draußen auf. „Was für ein schöner Tag zum Sightseeing! Die Luft ist frisch und klar. Die Sonne scheint, das ist super für Fotos und nass wird man auch nicht. Ein idealer Tag, um Winnipeg zu erkunden." Wie vom Donner gerührt blieb Lisa stehen. Es erschien ihr, als wäre sie gerade mit einem Eisberg kollidiert. „Was ist?", fragte Rokko unschuldig. „Ich habe etwas vergessen." – „Und was?" – „Ungefähr drei Paar Socken, zwei Hosen, zwei Pullover, einen zweiten Schal… So Kram halt." – „Wenigstens bist du ehrlich. Ich warte hier auf dich."
„Ich stehe total auf diese food courts", mampfte Rokko. „Das merkt man", betrachtete Lisa irritiert Rokkos Tablett. Er hatte sich eine exotische Kaffeespezialität, gebratenen Reis und Nachos mit Käsesauce besorgt. Sie selbst saß vor einem frittierten Stück Fisch. „Sag mal…", begann Lisa zögernd. „Meine Zimmergenossin hat gemeint, dass wenn man… also, wenn man kurz vor Ladenschluss in The Forks einkauft, man attraktive Rabatte kriegt." – „Aha", kommentierte Rokko. Seine Aufmerksamkeit war geweckt. „Und was willst du mir damit sagen?" – „Naja, ich weiß ja nicht, ob du die Küche im Hostel gesehen hast, aber die ist echt schön und ich dachte… naja… vielleicht hast du Lust, nachher zu kochen… oder vielmehr… morgen… du bist bestimmt satt für den Rest des Tages." – „Ich habe hohle Knochen, da futtere ich das dann hin. Ich habe die Küche vorhin mal kurz begutachtet. Du hast Recht, die ist nett – vor allem, weil man vor dem Fernseher essen kann." – „Ähm… ja… vergiss es, okay? Ich dachte einfach nur, es wäre nett, wenn wir schon mal beide hier sind und so." – „Und so", lachte Rokko. Er hatte genau gemerkt, dass er mit seiner Provokation Lisa getroffen hatte. „Du lädst mich also zum Kochen ein… So ganz ohne Hintergedanken und so?" – „Was denn für Hintergedanken?" – „Naja, ich dachte da an Abführmittel als Rache für meine Aktion im Bus." – „Das ist doch schon wieder vergessen. Mein Freund Herr Pfefferspray hält sich in Zukunft auch ein bisschen zurück. Ich dachte wirklich nur, es wäre nett zusammen zu kochen." – „Heimweh?", fragte Rokko, wobei er Lisa eindringlich musterte. „Das ist normal. Das hat jeder Mal." – „Nein… es ist viel mehr… Angst vor der eigenen Courage, schätze ich. Ich meine, ich war doch schon Zuhause nie alleine unterwegs und plötzlich saß ich in einem Flugzeug ans andere Ende der Welt und als wäre das noch nicht genug, nehme ich einen Bus, der mich noch weiter wegbringt." – „Und? Das erweitert deinen Horizont ganz sicher." Lisa stocherte in ihrem Fisch herum. „Ich weiß und ich glaube, es wird mir gut tun. Ich meine, Lisa Plenske, das Landei, lernt die Welt kennen oder so." – „Dein ehemaliger Chef hat sich wieder gemeldet?", vermutete Rokko. „Hm", brummte Lisa nachdenklich. „Er scheint echt Schwierigkeiten bei Kerima zu haben." – „Und? Das könnte dir doch egal sein. Er hat dich rausgeschmissen, jetzt muss er mit den Konsequenzen auch irgendwie zurecht kommen." – „Er tat mir nur irgendwie leid." – „Sollte er aber nicht. Du solltest das hier genießen – als dein persönliches Abenteuer." – „Mit meinem ganz persönlichen Stalker", lachte Lisa. Rokko wollte gerade zu einem Konter ansetzen, als sich eine schmuddelig gekleidetes Mädchen vor ihnen aufbaute. „Kann ich das haben?", deutete sie auf Lisas Teller. „Äh… ja", reagierte diese schnell und überreichte ihr die Reste ihres Fisches. „Für 50 Dollar tue ich es mit euch beiden", flüsterte das Mädchen plötzlich. „Bitte?", hakte Lisa nach. „Lecken, blasen und Verkehr mit ihm für 50 Dollar, keine Fesseln, keine Fotos, keine Videos, ihr übernehmt das Hotel." Rokko und Lisa tauschten besorgte Blicke. „Ähm, das muss ein Missverständnis sein. Wir sind kein Paar… also so sexuell, meine ich", fügte Rokko hastig hinzu. „Blasen und Verkehr für 40 Dollar, das Hotel übernimmst du", bot das Mädchen ihm an. „Ähm… nein!", entfuhr es Rokko entsetzt. „Blasen für 20 Dollar, direkt hinter dem Gebäude." Hilfesuchend sah Rokko zu Lisa rüber, doch diese war in ihrem Entsetzen keine Hilfe. „Ich glaube, wir sollten jetzt gehen. Du kannst meine Essensreste auch haben." Rokko stand auf und griff nach seiner Jacke. „Lisa, kommst du?" – „Bitte, ich habe auch Extravagantes im Angebot. Das ist alles Verhandlungssache." – „Danke, aber nein Danke", wiegelte Rokko ab. „Wir gehen", nickte er Lisa entschieden zu. „Gibt es hier ein Problem?", baute sich ein Sicherheitsmann des Einkaufszentrums vor den beiden Deutschen auf. „Nein, nein, wir wollten nur gerade gehen", antworte Lisa schnell. „Die machen immer Probleme", deutete der Mann auf das Mädchen, das offensichtlich indianischer Abstammung war. „Wollte sie Ihnen Drogen verkaufen?" – „Nein", antworteten Rokko und Lisa einstimmig. „Was wollte sie dann?" – „Sie wollte nur etwas zu essen. Sie kann das haben, was noch da ist, wenn sie es möchte. Mehr war wirklich nicht. Wir würden jetzt wirklich gerne gehen. Gibt es etwas, das Sie uns hier in Ihrer schönen Stadt empfehlen würden? Etwas, das man unbedingt gesehen haben muss?" – „Ich würde das Regierungsgebäude empfehlen", entgegnete der Sicherheitsbeauftragte argwöhnisch. „Glück gehabt", wandte er sich an das Mädchen. „Iss und dann verschwinde von hier."
„Die war doch allerhöchsten 15", fand Lisa einen Block weiter ihre Stimme wieder. „Hey, du kannst ja sprechen", erwiderte Rokko sarkastisch. „Wenn du mich fragst, war die eher 12… Aber… was mich so richtig aufregt…", knurrte er dann. „… war die Reaktion von diesem Sicherheitsfuzzi. Die machen immer Ärger", unkte Rokko. „Ich meine… Hallo? Was ist denn das bitte für eine Einstellung?!" Seine kleine Tirade ging noch einige Sätze weiter, genauso wie der junge Mann selbst. Dabei merkte er gar nicht, dass seine Begleitung stehen geblieben und schon gar nicht mehr an seiner Seite war. „Lisa?", fragte er an der nächsten Ampel irritiert. Die junge Frau verstaute gerade ihre Kamera und ging dann schnellen Schrittes auf ihn zu. „Was hast du fotografiert?", fragte Rokko irritiert. Er hatte seine Umwelt durchaus wahrgenommen und nichts entdecken können, was ein Foto wert war. „Das da", deutete Lisa auf ein Gebäude auf der anderen Straßenseite. „APTN?", wollte Rokko wissen. „Aboriginal Peoples Television Network", antwortete Lisa knapp. „Hm", brummte Rokko. „Das scheint ja eine Stadt der Gegensätze zu sein", verflog sein Ärger langsam. „Hoffentlich sehen wir noch ein paar positive Seiten, um das eben wett zu machen."
„Oh mein Gott", weiteten sich Lisas Augen entsetzt. Auf dem Rückweg zum Hostel kamen Rokko und sie an einem Laden vorbei, der Sexspielzeug im Schaufenster ausstellte. „Ja, das Ding ist echt riesig. Ich würde bezweifeln, dass das in eine handelsübliche Frau passt", grinste Rokko mit Blick auf einen Riesendildo. „Du bist unmöglich!", stotterte Lisa errötend. „Das ist… so was kann man doch nicht so einfach so ausstellen. Das ist…" – „Unanständig", vervollständigte Rokko amüsiert. „Guck mal, die suchen einen Verkäufer", deutete er auf das „Help wanted"-Schild im Fenster. „Oder eine Verkäuferin", erinnerte Lisa ihn. „Wieso? Willst du dich auch bewerben?", grinste Rokko. Er hatte begonnen, in seinem Rucksack zu wühlen. „Wieso auch? Und vor allem bewerben?" – „Schon vergessen: Wir sind beide arbeitslos. Hast du deinen Lebenslauf dabei?" – „Ja… nein… nein, ich will mich da nicht bewerben. Das ist unanständig." Rokko begann wie ein Huhn zu gackern. „Du bist soo feige. Solche Läden brauchen Verkäuferinnen, von wegen von-Frau-zu-Frau-Beratung und so." – „Ich bin nicht feige. Ich kann mich sehr wohl da bewerben. Ich will bloß nicht. Ich will nach Fort McMurray, schon vergessen?" – „Und wie finanzierst du die Fahrt dahin?" Lisa schwieg einen Augenblick. „Genau", bestätigte Rokko. „Komm schon, hol deinen Lebenslauf raus. Ist ja auch nicht für immer, sondern nur für ein paar Wochen. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich mehrere Wochen hierbleiben möchte. Ich möchte noch mehr sehen von Kanada." – „Dann schnapp ich mir den Job eben alleine. Gegen mich hast du ja eh keine Chance." – „Pah", kam es trotzig von Lisa. Sogleich begann sie, in ihrer Handtasche zu suchen. „Das wollen wir doch mal sehen", triumphierte sie, als sie ihren Lebenslauf zu Tage förderte.
„Das mit dem Kochen war ne gute Idee", mampfte Rokko am späten Abend. „Du musst echt hohle Knochen haben", kommentierte Lisa amüsiert. „Wer macht eigentlich den Abwasch?", deutete sie auf den Berg Geschirr, den die beiden hinterlassen hatten. „Immer der, der fragt", grinste Rokko. „Und der mit der doofen Antwort trocknet artig ab", fügte er angesichts Lisas finsteren Blickes schnell hinzu. „Kann ich die Fotos nochmal sehen?" Wortlos reichte Lisa ihm ihre Kamera. „Mir hat übrigens richtig gut gefallen, dass wir nachdem wir mit der Tagessehenswürdigkeit fertig waren, noch ein wenig durch die Gegend gelaufen sind. Ich finde, dabei haben wir so viele schöne Sachen gesehen." – „Ja, nachdem und bevor wir einige unschöne Dinge gesehen haben", gab Lisa zu bedenken. „Mit dem Vorher gebe ich dir Recht", erhob Rokko sich. Während er das Geschirr stapelte, fuhr er fort. „Aber den Sex-Shop fand ich jetzt nicht schlecht. Der hatte ein ziemlich gut sortiertes Angebot." – „Du musst es ja wissen", grummelte Lisa. Auch sie war mittlerweile aufgestanden und auf dem Weg zur Spüle. „Jep", lachte Rokko. „Vielleicht teile ich mein Wissen irgendwann mit dir." Rokko konnte sein breites Grinsen nicht lange präsentieren, denn Lisa warf ihm ein Geschirrtuch ins Gesicht. „Sehr lecker", kommentierte Rokko den Umstand, dass es nicht ganz sauber war. „Die melden sich eh nicht", bemerkte Lisa. „Alte Schwarzseherin."
„Das ist ein echt doofer Film", meinte Lisa einige Zeit später. „Ich glaube, ich gehe in mein Zimmer und lese ein bisschen." Rokko riss sich vom Bildschirm los. „Ähm… okay… das ist schade. Ich gucke mir gerne doofe Filme an, während du daneben sitzt und die ganze Zeit gähnst." – „Morgen wieder", lachte Lisa. Kaum hatte sie sich erhoben sprang Rokko auch schon auf. „Boah, an Vibrationsalarm kann ich mich beim besten Willen nicht gewöhnen." – „Solltest du aber. Wenn du demnächst in diesem tollen Laden arbeiten willst, dann solltest du dich mit Vibrationen auskennen", grinste Lisa. „Sehr witzig." Rokko zögerte einen Moment, nahm aber dann das Gespräch an.
„Morgen früh um 10 Uhr in dem unanständigen Laden", erklärte Rokko seiner Reisebegleitung, nachdem er aufgelegt hatte. „Was?", fragte diese entsetzt. „Der Besitzer möchte mit uns beiden sprechen, bevor er seine Entscheidung trifft. Ich finde das ziemlich fair." – „Ich… ich…", stotterte Lisa. „Was ist mir dir? Überrascht?" – „Ja… nein… unvorbereitet. Ich… ich bin dann mal in meinem Zimmer." Fast schon panisch verließ Lisa den Gemeinschaftsraum des Hostels.
