7.

„Und das ist Ihre Arbeitskleidung", hob ein unförmiger, alter Mann mit Halbglatze und einer dicken Goldkette um den Hals einen BH und ein Röckchen mit Federbesatz hoch. „Darin sitzt du voll geil aus und wenn du geil aussiehst, kaufen die Leute auch mehr." Lisas Augen weiteten sich entsetzt. „Nein, ganz bestimmt nicht", lehnte sie diese Arbeitskleidung kategorisch ab. „Oh doch, Püppi", zog der Mann sie an sich. „Ich will doch, dass mein Geschäft gut läuft." – „Dann will ich hier nicht arbeiten", warf Lisa ein. „Zu spät, du hast den Arbeitsvertrag unterschrieben", lachte die zwielichtige Gestalt sie an. „Ich will nicht", schreckte Lisa hoch. Kerzengerade saß sie in ihrem Hostelbett. Alles um die herum war ruhig. Die Japanerin in dem Bett über ihr schlief noch. Die ältere Dame im Nachbarbett war schon auf dem Weg zur Arbeit. „So ein richtiger Alptraum", sprach Lisa mit sich. „Vielleicht solltest du nicht zu diesem Gespräch gehen. Du willst diesen Job doch auch gar nicht. Und du kriegst ihn ganz sicher nicht. Wer würde schon einer alten, prüden Jungfer einen derartigen Job geben?" Aus dem Bett über Lisa kam ein müdes Seufzen. „Oh", erkannte sie, dass sie wohl doch zu laut gesprochen hatte. „Sorry", entschuldigte sie sich.

„Und? Bist du soweit?", grinste Rokko Lisa beim Frühstück an. „Ich weiß nicht. Ich will den Job ja eigentlich gar nicht." – „Du willst kneifen?", zog Rokko sein Gegenüber auf. „Ich hätte ja nicht gedacht, dass du feige wärst. Schön und gut, dass du den Job nicht willst, aber schon mal daran gedacht, dass du so mal über deinen Tellerrand gucken und etwas gegen deine Vorurteile tun kannst? Vielleicht ist der Inhaber ja gar kein schmieriger Zuhälter, sondern ein ganz bodenständiger Geschäftsmann. Schon mal daran gedacht?" Lisa schwieg betretend. „Okay, lass uns gehen, aber heul nicht, wenn ich den Job kriege", grinste sie plötzlich. „Als ob es soweit käme", grinste Rokko zurück.

„Das ist wie gesagt der Laden. Wir führen alles, was das Herz begehrt – von Dildos über Vibratoren, Reizwäsche, Kondome… was man eben so braucht, um Spaß zu haben", erklärte der Ladeninhaber den beiden Bewerber. Lisas Augen waren mittlerweile so groß wie Pizzateller. Es gab Dinge in diesem Laden, von denen sie sich bisher nicht einmal hatte vorstellen können, dass sie existierten. „Was… also… gibt es einen dress code in ihrem Laden?", ergriff sie plötzlich das Wort. Der gepflegte Mann um die 40 drehte sich zu ihr um. „Ja, den gibt es. Ganz wichtig ist, dass Sie gepflegt zur Arbeit erscheinen – saubere Fingernägel, geputzte Zähne, Deo. Kleidungstechnisch erwarte ich schwarze Hosen, weiße Bluse – mit einem Unterhemd. Ich will keine Unterwäsche durchscheinen sehen. Frauen mit langen Haaren stecken diese möglichst hoch. Ansonsten… Schmuck ist erlaubt, aber bitte nicht mehr als eine Kette, einen Ring, eine Uhr, dezente Ohrringe." Angenehm überrascht hatte Lisa diese Aussage verinnerlicht. Das war erheblich besser als das, was sie in ihrem Traum gezeigt bekommen hatte. Überhaupt war sie überrascht wie sauber und ordentlich der Laden war – kein Hauch von Schmuddeligkeit oder Sündenpfuhl… „Frau Plenske, Sie haben ja schon Erfahrung im Verkauf und in der Modebranche. Das könnte hilfreich sein in unserer Dessous-Abteilung. Wissen Sie, viele Menschen haben Hemmungen in einen Sex-Shop zu gehen. Die Dessous-Abteilung senkt da immer etwas die Hemmschwelle. Sehen Sie, psychologisch betrachtet, denken die Menschen: Naja, ist ja nur Unterwäsche und wenn ich dann eh schon mal da bin, kann ich mir auch gleich den Rest ansehen." Lisa nickte verständnisvoll. „Das kann ich nachvollziehen", entgegnete sie, weil sie es wahrscheinlich genauso machen würde. „Herr Kowalski, Sie sind ausgebildeter Werbegraphiker. Das empfände ich ebenfalls als hilfreich in meinem Laden. Sie wissen ja, je besser Sie werben, desto besser verkaufen Sie auch…" – „Ich weiß", grinste Rokko. „Und bei bestimmten Dingen muss man sensibel ins rechte Licht rücken, um niemanden zu verschrecken."

„Ich weiß, Sie beide sind mit einem Work&Holiday-Visum hier und ich werde Sie jetzt ganz sicher nicht mit den üblichen ‚Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?' und dergleichen Fragen quälen, denn wir wissen genau, dass Sie sich in zehn Jahren nicht in meinem Laden sehen und damit habe ich auch gar kein Problem. Im Moment läuft es gut. Deshalb brauche ich einen Verkäufer oder eine Verkäuferin mehr. Wenn es nicht mehr gut läuft, brauche ich diese Person nicht mehr und da kann es mir dann egal sein, was aus ihr in zehn Jahren wird. Was ich allerdings erwarte, ist Fachwissen und deshalb unterziehe ich Sie einem kleinen Test. Nichts Schwieriges – ein paar Fragen zu Liebe, Sinnlichkeit, Lust, Verhütung, Krankheiten und so weiter. Sie müssen die richtige Antwort nur ankreuzen." Freundlich lächelnd reichte der Ladeninhaber erst Lisa dann Rokko Stift und einen Bogen Papier. „Gutes Gelingen", wünschte er. Lisa las die erste Frage und wurde blass – Orgasmusprobleme bei Frauen… Was wusste sie schon darüber? Ob A eine gute Antwort war? Oder eher B? Sie warf einen Blick zu Rokko rüber, der voller Inbrunst Frage um Frage beantwortete.

„Es ist ein ziemlich knappes Ergebnis. Sie sind beide qualifiziert, wirken beide sehr engagiert. Ihre Lebensläufe sind tadellos. Vor allem deshalb der kleine Test", begann der Landeinhaber kurze Zeit später mit der Auswertung. „Ich gratuliere, Frau Plenske. Sie haben acht Punkte mehr erzielt als Herr Kowalski. Willkommen im Team." Lisa blieb einen Moment die Luft weg. Sie hatte den Job gekriegt? Sie hatte diesen vielen Fragen über Sex besser beantwortet als Rokko? Das konnte doch gar nicht sein! Sie warf ihrem Reisebegleiter einen Blick zu. Er wirkte ziemlich unglücklich. „Hier, das ist Ihr Arbeitsvertrag. Lesen Sie ihn in Ruhe, unterschreiben Sie ihn und geben Sie ihn in den nächsten Tagen wieder hier ab."

„Warte doch mal", hechtete Lisa Rokko hinterher. „Was ist denn los?", wollte sie wissen, als sie ihn endlich eingeholt hatte. „Gar nichts", presste er zwischen den Zähnen hindurch. „Bist du irgendwie sauer?" – „Nein", knurrte Rokko. „Doch, du bist sauer! Doch nicht etwa, weil ich den Job bekommen habe?" – „Doch, na klar bin ich sauer. Aus genau diesem Grund bin ich sauer. Schnappst mir einfach diesen Job vor der Nase weg." – „Pf, vor der Nase weggeschnappt. Ich habe mich ganz normal beworben – so wie du auch. Dabei wollte ich nicht einmal! Du bist nur sauer, weil es an deinem Ego kratzt, dass jemand, der noch nie… noch nie… noch nie Sex hatte, bei diesem Quizz besser abgeschnitten hat. Du hast gedacht: Hey, gegen das Landei von Plenske trete ich mal an. Das wird lustig, die lebt so hinterm Mond, dass ich daneben richtig gut dastehe. Aber ich sag dir was: Zwischen Theorie und Praxis besteht ein Unterschied. Ich kann theoretisch Dinge wissen, die ich praktisch noch nie umgesetzt habe. So." Lisa machte auf dem Absatz kehrt und lief davon. „Lisa… ich…", setzte Rokko zu einer Entschuldigung an. „Das habe ich doch so nicht gemeint", seufzte er.

Lisa zog ihren Schal fester um ihren Kopf, als sie über die Provencher-Brücke nach Saint-Boniface lief. Sie würde sich den Tag nicht von diesem Sturkopf verderben lassen. Heute hatte das Gabrielle-Roy-House endlich offen. Sie würde es in Ruhe besichtigen. Darauf hatte sie sich seit Toronto gefreut. Lisa blieb stehen, um ein Foto vom zugefrorenen Red River zu machen. Hier auf der Brücke war es besonders kalt, stellte sie fest. Hoffentlich war sie bald auf der anderen Seite des Flusses. Zwischen all den Häusern war der Wind bestimmt nicht ganz so stark.

„Was kann ich für Sie tun?", fragte eine betagte Dame, als Lisa an der Tür zum Gabrielle-Roy-Haus geklopft hatte. Das gelbe Gebäude fiel in der Nachbarschaft kaum auf und Lisa hatte einen Moment lang gezögert, ob es auch das richtige Gebäude war. „Ich würde das Haus gerne besichtigen", antwortete sie ohne weiter nachzudenken in fehlerfreiem Französisch. „Sie wollen das Haus besichtigen?", fragte die Frau erstaunt. „Heute? Und ganz alleine?" – „Ja, ich bin als Touristin in Winnipeg unterwegs und… ich habe ‚Bonheur d'occasion gelesen und ich dachte, wenn ich schon mal hier bin." – „Oh ja, selbstverständlich", winkte die freiwillige Museumshelferin Lisa in das Gebäude. „Entschuldigen Sie. Ich bin gerade erst angekommen und habe nicht mit Besuchern gerechnet. Wir hatten seit zwei Wochen keine Besucher mehr, wissen Sie. Nehmen Sie doch Platz. Ich lege nur schnell ab und dann führe ich Sie herum."

„Ich habe einen Kurs an der Uni belegt… über frankokanadische Literatur, wissen Sie", erklärte Lisa, als sie durch das Haus geführt wurde. „Wer ist Ihr Lieblingsschriftsteller?", wollte die Museumsführerin von ihrer Besucherin wissen. „Ich glaube, es ist Tremblay. Aber meine Lieblingsfigur der frankokanadischen Literatur ist nicht von Tremblay", gab die Göberitzerin zu. „Meine Lieblingsfigur ist Bérénice Einberg", grinste sie verschämt. „L'avalée des avalés", murmelte die ältere Dame. „Réjean Ducharme… interessant." – „Sie ist so herrlich böse und so schrecklich hassenswert, dass man sie einfach gerne haben muss." – „Sie sind ja witzig", lachte Lisas Gegenüber. „Nun, das hier ist Gabrielles Zimmer gewesen", erklärte sie ihr, als sie die Treppe zum Dachboden erklommen hatten. „In ihrer Autobiographie erwähnt sie das Fenster… In ‚La Rue Desachambeault' ebenfalls." – „Oh, das hätte ich beides zu gerne gelesen, aber es ist nicht immer leicht, an diese Bücher heranzukommen in Deutschland." – „Das glaube ich. Wissen Sie, wir haben einen gut sortierten Souvenirshop, wenn Sie sich dort später umsehen möchten, ist das kein Problem. Ein Bitte hätte ich allerdings… wir haben hier ein Gästebuch. Wenn Sie dort mehr als nur Ihren Namen und Ihre Stadt hinterlassen könnten… Wissen Sie, wir kriegen unsere Subventionen abhängig von den Besucherzahlen und… es würde uns einfach helfen." – „Sehr gerne", nickte Lisa.

„Hey buddy, where are you going?", hielt ein riesiger Truck neben Rokko. Dieser LKW hatte etwas um die Stoßstange, was Rokko scherzhaft einen Kuhfänger nannte. Das war ein gutes Zeichen, LKWs, die so ausgestattet waren, fuhren auf jeden Fall westwärts, eventuell nordwärts. Der junge Mann schulterte sofort seinen Reiserucksack. „Regina", erklärte er dem Trucker. „Jump in, buddy, this is on my way."

Du tust das richtige, sprach Rokko sich gut zu. Du hast Winnipeg gesehen. So wirklich gut stand es da mit Jobs nicht und den einzigen, den du gesichtet hast, den hat Lisa sich geschnappt. Also fährst du jetzt gleich nach Fort McMurray. Naja, nicht gleich, da wärst du ja ein paar Tage unterwegs. Du fährst jetzt erstmal nach Regina, siehst dir die Stadt an, dann nach Edmonton und von da aus nach Fort McMurray. Dann bist du in zwei, vielleicht drei Wochen da. Das ist ein prima Plan, diskutierte Rokko mit sich selbst. „Liebeskummer?", riss der Trucker ihn plötzlich aus seinen Gedanken. „Bitte?", fragte Rokko entsetzt. „Naja, niemand fährt ohne Grund von Winnipeg nach Regina und schon gar nicht per Anhalter. Dafür gibt es einen Grund. Du wirkst mir wie ein hoffnungslos romantischer Typ. Deshalb dachte ich: Du bist auf der Flucht und wenn man von Pest nach Cholera flieht, dann ist höchstwahrscheinlich Liebeskummer der Grund." – „Von Pest nach Cholera?" – „Na von Winnipeg nach Regina. Ich meine, Hallo? Niemand tut sich eine der beiden Städte freiwillig an und schon gar nicht beide." – „Ich fand Winnipeg eigentlich sehr sehenswert." – „Was genau gibt es denn in Winnipeg zu sehen?" – „Das Gabrielle-Roy-Haus zum Beispiel." – „Ehem. Da bringst du eine gute Stunde rum und was machst du mit dem Rest des Tages?", lachte der Trucker ausgelassen.

Ein wenig verloren saß Lisa in der Küche der Jugendherberge. Sie hatte sich ein paar Andenken aus dem Gabrielle-Roy-Haus mitgebracht, blätterte gedankenverloren in einem der Bücher. Sie hätte ihre Schätze gerne Rokko gezeigt, ihm gerne von diesem fantastischen Erlebnis erzählt… doch… keine Spur von ihm. Er war sicher noch sauer… oder enttäuscht. Hoffentlich eher letzteres…