8.

„Ich bin nicht in Lisa verliebt", stritt Rokko ab. „Wer hat etwas von Lisa gesagt?", lachte der LKW-Fahrer. „Ich schätze, das war ich, oder?", grinste Rokko verlegen. „Es gibt also eine Lisa…", hakte der Berufskraftfahrer nach. „Du hättest nicht zufällig Lust, mir mehr davon zu erzählen?" – „Nein, nicht wirklich." – „Okay, aber dann lass dir schnell ein gutes Gesprächsthema einfallen, denn die Fahrt nach Regina könnte sonst lang werden." – „Wie wäre es mit Wetter? Wetter ist ein tolles Konversationsthema." – „Aber kein sonderlich ergiebiges. Es ist März, es ist scheiße kalt im März. So, nächstes Thema. Das bestimme ich: Was hat dich nach Kanada verschlagen?"

Keine Spur von Rokko im ganzen Hostel. Sie hatte alle Gemeinschaftsräume abgeklappert. Die Jungs in seinem Zimmer hatten ihr gezeigt, dass sein Bett abgezogen und sein Schrank ausgeräumt war. Niemand wusste, wo er hin war. Die wenig freundliche Rezeptionistin hatte ihr unmissverständlich klar gemacht, dass Rokko zwar ausgecheckt hatte, es sich aber ihrer Kenntnis entzog, wohin er gegangen war. Lisa war wirklich gekränkt. Sie konnte ja verstehen, dass Rokko sauer war wegen des Jobs, aber sich so klammheimlich aus dem Staub zu machen, war schon ziemlich unfair.

Trotzig stampfte Lisa in ihr eigenes Zimmer. Wieso machte sie sich eigentlich so eine Platte um Rokko? Er war erwachsen und eigentlich wollte sie ja eh viel lieber alleine reisen. Und an die Planung der Weiterreise würde sie sich genau jetzt machen. Das würde sie von ihrem Ärger ablenken und war dringend nötig – zwar hatte sie noch nicht alles von Winnipeg gesehen, aber sehr viel mehr gab es auch nicht. Noch zwei Tage musste sie überbrücken. Dann war diese Podiumsdiskussion mit Beatrice Culleton. Die konnte sie sich doch nicht entgehen lassen! Ihr war fast das Herz stehen geblieben, als sie das Plakat für diese Veranstaltung gesehen hatte. Eigentlich hatte sie vom Gabrielle-Roy-House gar nicht durch die Überführung quer durch die Stadt gehen wollen, aber es war so schrecklich kalt, dass sie es doch getan hatte. Dieses überirdische Tunnelsystem führt auch an der Bibliothek vorbei und da hing dann doch das Poster. Winnipeg war ein richtiges Paradies, was Kunst und Kultur betraf. Lisa war klar, dass Winnipeg nicht jedem Touristen so viel zu geben hatte wie ihr, aber sie, die sie Literatur und Geschichte einfach liebte, fühlte sich wie im Paradies. Dieses Podiumsdiskussion, bei der sie die Autorin von „In Search of April Raintree" persönlich treffen würde, würde der Höhepunkt ihres Aufenthaltes hier werden. Erst danach konnte sie sich auf die Weiterreise machen, so viel war sicher.

Wohin reiste man wohl am besten, wenn man auf dem Weg nach Fort McMurray war? Lisas Finger glitt über das Touchpad ihres Laptops. Erst einmal eine Karte von Kanada öffnen. Das war immer hilfreich. Eine neue E-Mail leuchtete ihr die Startseite entgegen, noch bevor sie irgendetwas Anderes anklicken konnte. Eine neue E-Mail. Oh bitte, nicht schon wieder eine Bettel-E-Mail von David Seidel! Vielleicht war sie auch nur von Jürgen. Oder ihren Eltern… „Wie wäre es mit Lesen?", lachte Lisa über sich.

„Okay, weiter als bis hierher kann ich dich nicht bringen", erklärte der Trucker Rokko nach gut zwölfstündiger Fahrt. „Das ist okay, wirklich", reckte Rokko sich auf dem Beifahrersitz. „Es sind knapp sechs Blocks von hier? Ist das okay für dich? Soll ich dir ein Taxi rufen?" – „Nee, nee, geht schon. Ein bisschen laufen wird mir guttun", winkte Rokko ab. „Vielen Dank fürs Mitnehmen." – „Kein Ding. Jederzeit gerne. Ich fahr die Tour öfter." – „Merke ich mir für das nächste Mal", grinste Rokko, während er seine Tür öffnete. Uff, hier war es ja mindestens genauso kalt wie in Winnipeg, stellte er fest, während er seinen Rucksack auf den Gehsteig warf. „Hier ist auch genug Platz für deine kleine Freundin", grinste der Trucker. „Das wird wohl ganz sicher nicht nötig sein", murmelte der junge Mann vor sich hin. „Danke für das Angebot. Dann gute Fahrt noch", verabschiedete er sich dann.

„So ein verfluchter Mist aber auch", machte Rokko eine gute dreiviertel Stunde später seinem Frust Luft. Ein Hostel mit nächtlicher Sperrstunde konnte er sich ja noch vorstellen, aber eines, das tagsüber abgeschlossen war? Noch vier Stunden, bis der Empfang für sage und schreibe drei Stunden geöffnet sein würde! Das an sich war ja nicht ganz so schlimm, aber wo sollte er sein Gepäck lassen? Er konnte sich ja schlecht die Stadt mit seinem Rucksack auf dem Buckel ansehen – das war unbequem und obendrein wunderlich. Das war vielleicht etwas, das Paranoiker wie Lisa Plenske tun würden, aber er doch nicht! Bloß… er konnte seinen Rucksack ja schlecht auf der Veranda des denkmalgeschützten Gebäudes aus dem viktorianischen Zeitalter stehen lassen. Er hatte ja auch keine Reservierung. Niemand würde wissen, warum sein Rucksack da stand. „Na klasse", grummelte Rokko. Er würde ihn wohl oder übel mitnehmen müssen.

„This is going to be the coldest day oft he whole winter", hatte ihr ihre Zimmergenossin am Morgen noch gesagt – und Lisa zweifelte keine Sekunde daran. Es war wirklich bitterkalt. Ein eisiger Wind zog um die Häuserecken Winnipegs. Leide führten sie ihre heutigen Wege nicht einmal in die Nähe von irgendwelchen Über- und Unterführungen. Leider! Trotzdem würde sie sich nicht von ihren heutigen Plänen abbringen lassen. Da konnte das Thermometer noch dreimal mehr als -45 Grad anzeigen! Schon seltsam – es war Anfang März… sollte es nicht langsam Frühling werden?

„Lisa!", freute sich der Besitzer des unanständigen Ladens, wie Lisa ihn zu nennen pflegte. „Das ging aber schnell. Bei dem Wetter hättest du ruhig noch einen oder zwei Tage warten können, statt dich bei dieser Kälte hierher zu quälen." – „Es war aber wichtig, dass ich persönlich vorbeikomme", erklärte die Angesprochene. Ungelenk wickelte sie ihren Kopf aus ihrem Schal heraus. „Es ist nämlich so…", begann sie, herumzudrucksen. „Eigentlich wollte ich ja in Toronto arbeiten, ja?", suggerierte sie ihrem Gegenüber, ihr zuzustimmen. „Und da habe ich ja trotz aller Bemühungen nichts gefunden, ja?" – „Hm", brummte ihr potentieller neuer Arbeitgeber. „Und dann wollte ich nach Fort McMurray, weil es da ja immer Jobs gibt." – „Du wolltest Öl fördern?", fragte der Ladeninhaber entsetzt. „Nimm's nicht persönlich, aber ausgerechnet du?" – „Nein", winkte Lisa ab. „Ich wollte einen Bürojob. Und es ist nun so…" – „Du hast etwas Besseres gefunden als Sexspielzeug zu verkaufen", nahm ihr Gegenüber es ihr ab, mit der Wahrheit rauszurücken. „Ja", nickte Lisa. „Aber nicht in Fort McMurray", beeilte sie sich zu erwähnen. „Ich hatte mich in Toronto in ein paar Hotels beworben und nun eine Stelle in einem Saisonbetrieb gefunden. Ich habe gestern schon mit dem Personalchef telefoniert und… ehrlich gesagt, ich bin begeistert und würde den Job viel lieber machen." – „Das verstehe ich", gab der Besitzer des unmöglichen Ladens zu. „Du musst auch kein schlechtes Gewissen haben oder so. Ist dein Freund Rokko an dem Job interessiert? Er könnte…" – „Ich denke nicht. Er hat die Stadt verlassen." – „Oh… okay… dann hole ich das ‚Help wanted'-Schild wieder raus. Weißt du, es gibt so viele Arbeitslose in Winnipeg. Ich finde ganz sicher schnell jemand Anderes." – „Naja, wenn man von der Arbeitslosenquote alle arbeitslosen Autochthonen abzieht, dann sind's ja nicht mehr so viele." – „Aber immer noch genug. Und mal ganz ehrlich, einen Indianer… hier?" – „Wieso, haben die keinen Sex?", preschte Lisa vor. „Doch… sicher… aber… das sind alles Säufer… und alle stinkfaul und unzuverlässig." – „Also… das Hostel ist neben einem Internat für indigene Jugendliche und unweit davon ist deren Fernsehsender und…" – „Zwei Querstraßen weiter sitzen sie betrunken auf der Straße und betteln. Winnipeg ist eben eine Stadt der Gegensätze. Warst du schon in St-Boniface?" – „Ja, im Gabrielle Roy-Haus und im Heimatkunde-Museum." – „Dann hast du sicher gemerkt, dass der Teil der Stadt komplett frankophone ist." – „Ja, habe ich und ehrlich gesagt, fand ich das faszinierend." – „Ihr Touristen könnt so süß sein", lächelte der Ladenbesitzer milde. „Als ich in deinem Alter war, dachte ich auch immer, wir würden das irgendwann hinkriegen – Frankos, Anglos und Indianer zusammen…" Er machte eine kurze Pause. „Ein Job in einem Saisonbetrieb in Toronto also", wechselte er dann das Thema. „Naja, eigentlich nördlich von Toronto. 90 Minuten außerhalb der Stadt." Lisa schmunzelte innerlich. Jetzt hatte sie diese kanadische Marotte, Distanzen in Minuten anzugeben auch schon übernommen. „Wo genau? Barry? Gravenhurst?" – „Dazwischen. Port Severn." – „Port Severn", wiederholte der Mann. „Noch nie gehört. Naja, liegt vielleicht daran, dass wir Kanadier weniger in unserem eigenen Land rumkommen als unsere Touristen. Ich wünsche dir jedenfalls viel, viel Erfolg in diesem Job. Warte kurz", hielt er Lisa davon ab, sich sofort zu verabschieden und zu gehen. Er umrundete seinen Verkaufstresen und kam mit einem handtellergroßen Karton wieder. „Falls du Rokko wiedertriffst oder irgendeinen anderen Mann. Du weißt schon, selbst ist die Frau", drückte er Lisa zu deren entsetzen eine Packung mit Kondomen in die Hand. „Viel Spaß damit", grinste er Lisa zum Abschied an.

Nett waren die Leute in Regina wirklich, grinste Rokko vor sich hin, als er endlich die Stufen zu seiner Übernachtungsmöglichkeit erklomm. Nicht nur die Leute hier im Hostel waren nett, sondern einfach jeder. Auf seiner Erkundungstour war er von jedem, den er getroffen hatte, gegrüßt worden. Einer hatte ihn sogar gefragt, ob er auf dem Weg nach Saskatoon war und hatte dabei auf seinen Rucksack gedeutet. Er hatte ihm einfach so eine Mitfahrgelegenheit angeboten. Einen Moment lang war Rokko auch versucht gewesen, mitzufahren, aber was sollte er in Saskatoon. Da gab es keine preisgünstigen Hostels. Außerdem schien es hier in Regina auch ganz nett zu sein. Nach seiner Erkundungstour hatte er erstmal einen Zwischenstopp in einem Supermarkt gemacht und jetzt, da das Hostel endlich offen hatte, würde er erstmal sein Zimmer beziehen und sich die Broschüre über die Stadt zu Gemüte führen. Hier gab es bestimmt das eine oder andere zu sehen.

„Hi Lisa", begrüßte deine Mittfünfzigerin die junge Göberitzerin. „Ich hätte schon viel eher mit dir gerechnet – bei den Temperaturen." – „Ich hatte doch so viel zu erledigen", entgegnete Lisa. Sie rieb sich die Finger, um sie wieder aufzuwärmen. „Erst war ich meinen Job hier in Winnipeg absagen. Dann war ich mir Dalnavert angucken und nochmal in den Forks zum Einkaufen und auf dem Rückweg kam ich an dieser Gebrauchtbuchhandlung vorbei und da konnte ich doch noch eine Ausgabe von ‚In Search of April Raintree' auftreiben. Vielleicht signiert Beatrice Culleton mir das." – „Ich kann deine Faszination für Winnipeg gar nicht teilen. An deiner Stelle wäre ich schon längst weg." – „Auf dem Busbahnhof war ich auch noch und habe mir ein Ticket für Regina besorgt. Ich fahre den Morgen nach der Podiumsdiskussion." – „Regina, eh?", rollte ihre Zimmergenossin mit dem Augen. „Da ist es doch auch so öde. An deiner Stelle würde ich gleich nach Vancouver fahren. Da ist es viel schöner. Die Prärien sind einfach nur platt und langweilig." – „Ich muss doch erst Mitte Mai in Port Severn sein. Das ist viel Zeit, um zu reisen. Ich will auch das sehen, was zwischen hier und Vancouver ist", verteidigte Lisa lachend ihre Reisepläne – wie so oft in den Gesprächen mit Corinne. „Du bist echt seltsam. Was machst du jetzt?", deutete die mütterliche Frau dann auf Lisas Einkauftüte. „Ich wärme mich ein bisschen auf und dann mache ich mir ein Abendessen. Vielleicht werfe ich später meine Klamotten in die Waschmaschine." – „Das würde ich an deiner Stelle morgen früh machen. Abends sind immer die Studenten, die im Außenflügel wohnen am Waschen." – „Danke für den Tipp." – „Ich würde dir ja Gesellschaft beim Kochen leisten, aber ich muss zur Arbeit." – „Schade", bedauerte Lisa, obwohl sie insgeheim auch ein bisschen froh war, denn ihre Zimmergenossin konnte ohne Punkt und Komma quasseln. „Ich versuche nachher möglichst wenig Lärm zu machen, wenn ich von der Arbeit komme", warf die für einen Hostelgast ungewöhnlich alte Frau ihre dicke Winterjacke über.

„Jürgen, du bist ja noch wach", staunte Lisa ihren Laptop an. „Du wirst morgen kaum die Augen aufhalten können." – „Danke, Mutti für den Hinweis", schmunzelte der Kioskbesitzer in seine eigene Webcam. „Wie geht's dir so?" – „Ganz gut. Stell dir vor, ich habe einen Job." – „Ja, du und Sexspielzeug. Ich kann nicht glauben, dass du wirklich den Arbeitsvertrag unterschrieben hast." – „Habe ich ja gar nicht", informierte Lisa ihren besten Freund. „Gott sei Dank, es ist alles in Ordnung mit Lisa Plenske", lachte dieser. „Wie kommt's denn?" – „Wie gesagt, ein neuer Job und es fügt sich alles hervorragend. Ich werde bis Mitte Mai reisen und dann die Sommersaison über in Port Severn in Ontario arbeiten." – „Port Severn/Ontario… das klingt irgendwie besser als Göberitz/Brandenburg, dabei ist es sicher auch nur ein kleiner Ort." – „Ist es, aber das Hotel ist super. Hier guck mal", versendete Lisa den Link zu ihrem neuen Arbeitsplatz. „Nicht schlecht, Herr Specht", bewunderte Jürgen das Hotel am Huron-See. „Dann kann ich David Seidel sagen, dass du nicht vorhast, in Kürze wieder hier in Berlin aufzuschlagen." – „David Seidel? Was hat der denn damit zu tun?" – „Nicht viel", lachte Jürgen. „Er erkundigt sich nur täglich… äh… ziemlich regelmäßig nach dir. Ganz schön mitleiderregend, dieser Typ." – „Er verdient dieses Mitleid aber nicht. Er hat mich entlassen und nun muss er mit den Konsequenzen leben." – „Er beteuert immer wieder, dass er das nicht ernst gemeint hat." – „Dann hätte er es nicht ernst klingen lassen sollen", winkte Lisa ab. „Kanada tut dir und deinem Selbstbewusstsein offenbar gut. Oder ist der Grund für dieses überzeugte Auftreten dieser Rokko?", feixte Jürgen. „Hör mir bloß mit diesem Rokko auf. Auf euch Kerle ist einfach kein Verlass. Er hat sich aus dem Staub gemacht – ohne sich zu verabschieden, ohne ein Wort und das alles nur, weil ich den Job in diesem unmöglichen Laden gekriegt habe und nicht er. Wie ein kleines Kind…", begann Lisa eine Schimpftirade. „Die Zeugen Jehovas waren heute Vormittag da", begann ihr bester Freund scheinbar ohne Zusammenhang. „Die behaupten, wenn sich eine Tür schließt, würde sich ein Fenster öffnen." – „Was willst du mir damit sagen?" – „Naja, wenn David und Rokko weg sind, läuft dir vielleicht irgendwer anders über den Weg. Oder das Schicksal greift ein und du läufst einem von beiden bald wieder über den Weg." – „Bloß nicht", atmete Lisa durch. „Man hat schon Pferde kotzen sehen, direkt vor die Apotheke", kicherte Jürgen. „Du, es ist mitten in die Nacht, ich sollte jetzt wirklich ins Bett. Grüß mir Kanada", winkte er Lisa auf dem Bildschirm entgegen. „Grüß du mir Berlin. Und schlaf gut", konnte diese gerade noch rechtzeitig sagen, bevor ihr Freund seinen Computer herunterfuhr.