10.

„Die Leute, die behaupten, dass das Klamotten-Shoppen mit Frauen anstrengend sei, wissen nicht, wie es ist, mit dir in eine Buchhandlung zu gehen", scherzte Rokko, als er mit seiner Reisebegleitung das Geschäft verließ. „Naja, nur weil es einen Rabatt gibt, muss man ja nicht irgendetwas kaufen", sinnierte Lisa. „Auch wieder wahr und am meisten spart man, wenn man gar nichts kauft." – „Naja", ruderte Lisa zurück. „Aber so eine Sammlung kanadischer Kurzgeschichten geht immer." – „Klar, der Wälzer ist ja nicht nur eine gute Lektüre. Man kann ihn als Türstopper benutzen oder zur Selbstverteidigung oder als Tritt, wenn man mal irgendwo nicht ran kommt." – „Mach dich nur lustig", schmollte Lisa gespielt. „Hast du auch Hunger?", wechselte sie dann prompt das Thema. „Ein bisschen", gab Rokko ehrlich zu. Sein Blick wanderte zum Himmel. „Wann hat es angefangen, so zu stürmen?" – „Keine Ahnung", zog Lisa die Stirn kraus. „Vielleicht wäre es ganz gut, wenn wir das gröbste drinnen abwarten. Da drüben ist ein KFC. Wie wäre das zum Mittag?" – „Komm", griff Rokko fürsorglich nach Lisas Ellenbogen. Er sah nach rechts und links. Als er erkannte, dass die Straße frei war, zog er Lisa mit sich auf die andere Seite. „Bevor uns der Wind wegweht."

„So schaffen wir es nie zurück ins Hostel", zog Lisa ihren Schal fester um ihren Kopf. „Wir hätten den Busfahrplan mitnehmen sollen", erwiderte Rokko, der selbst auch keine bessere Technik hatte, dem Wind keine allzu große Angriffsfläche zu bieten. „Hast du in den letzten Minuten auch nur einen Bus gesehen?" – „Stimmt auch. Hör zu, da vorne ist das Parlament… also das Provinzparlament. Die machen Führungen, oder?" – „Die wollten wir auslassen, schon vergessen? Die Provinzregierung Saskatchewans, das könnte langweilig werden, deine ureigensten Worte." – „Ich weiß", seufzte Rokko. „Aber du hast deinen Besen nicht dabei und mir frieren gleich freihängende Körperteile ab. Ungewöhnliche Situationen erfordern eben ungewöhnliche Maßnahmen." Rokko musterte Lisa einen Augenblick und amüsierte sich köstlich über ihren Gesichtsausdruck. „Meine Arme, zum Beispiel. Die sind freihängend, oder?", zog er sie auf. „Kinder, hebt die Füße, Rokkos Niveau will durch", konterte Lisa genervt. „Okay, lass uns ins Parlament gehen. Schlimmer als hier draußen kann es da drin auch nicht sein."

„Mit uns haben die offenbar nicht gerechnet", flüsterte Lisa Rokko zu. „Wieso flüsterst du?", fragte er irritiert. „Eingangshallen dieser Größe schüchtern mich eben ein", gab sie zurück. Sie sah kurz auf und lächelte dem Pförtner zu. „Zumindest sind wir nicht mehr draußen. Soll uns doch egal sein, wie lange die brauchen, um jemanden zu organisieren, der eine Führung macht." – „Egal wie lange das jetzt dauert, da müssen wir in jedem Fall durch. Das wäre echt peinlich, wenn wir uns aus dem Staub machen, sobald der Sturm nachlässt." – „Mir ist nichts peinlich", grinste Rokko. „Aber mir", gab Lisa immer noch flüsternd zurück. „Etwas Rücksichtnahme steht dir sicher gut." – „Ich bin ein total rücksichtsvoller Typ. Ich kann's halt nur nicht so zeigen", gab der junge Mann zurück. Lisa seufzte genervt. „Sag mal, was weißt du eigentlich über Saskatchewan?", wollte sie dann wissen. „Nicht viel. Es gibt hier Unmengen von Kühen. Deshalb stellen die auch nicht auf Sommerzeit um – um die Melkerei nicht durcheinander zu bringen. Außerdem ist Saskatoon statistisch die gefährlichste Stadt Kanadas, weil es da die meisten Straftaten pro Kopf gibt. Und was weißt du über Saskatchewan?" – „Die kanadische Krankenversicherung ist hier erfunden worden, wenn du so willst. Die hatten das auf Provinzniveau zuerst." – „Und der Bund hat gespickt?", lachte Rokko. „Kleinigkeiten aus der Reihe ‚Wissen, das die Welt nicht braucht'." – „Meinst du das reicht für eine Führung?" – „Lisa, das ist doch hier kein Test. Mich würde es nicht wundern, wenn wir damit mehr wissen als mancher Kanadier." – „Folks?", rief der Pförtner den beiden jungen Deutschen zu. „Your guide is here."

„Wo bleibt sie nur?", wunderten Rokko und der Mann mittleren Alters, der die beiden Backpacker durch das Parlament geführt hatte, sich einige Zeit später. „Sie fand die Diskussion interessant", zuckte Rokko entschuldigend mit den Schultern. „Eine Parlamentsdebatte in Regina und spannend… nun ja", schmunzelte der Parlamentsmitarbeiter. „Vielleicht will sie auch nur sehen, ob Blut fließt. Die haben sich ja schon ganz schön gezofft", gab der Deutsche zu bedenken. „Das ist hier so. Das ergibt sich einfach aus dem System. Man diskutiert alles und da kann es schon mal laut werden." – „Oder sehr laut. Die sind fast über Tisch und Bänke gegangen", dachte Rokko amüsiert an das, was er gesehen hatte." – „Wie lange bleiben Sie noch?", wurde er dann gefragt. „Wir reisen morgen weiter nach Edmonton." – „Schön. Nun ja, es gibt sicher bessere Momente für einen Besuch in Regina. Im Frühjahr ist es so viel schöner. Jetzt ist es einfach nur kalt." – „Man muss die Feste feiern wie sie fallen. Wie warm wird es hier eigentlich im Sommer?" – „Ungefähr das in Plus-Graden, das wir jetzt in Minusgraden haben. Es kann schon mal weit über die 40 Grad gehen." – „Wow", staunte Rokko. „Und das ist keine trockene Hitze. Wussten Sie, dass alle Bäume hier in Regina künstlich angelegt wurden? Als die ersten Siedler herkamen, gab es nur Sträucher." – „Ja, das wusste ich. Naja, ich habe es vor ein paar Tagen im Governor's House gehört." – „Sie haben offensichtlich alle Sehenswürdigkeiten mitgenommen", amüsierte der Mitarbeiter des Parlamentes sich. „Das ist ja auch Ihre kleine Freundin." – „Oh, wir sind kein Paar", stellte Rokko augenblicklich, musste aber feststellen, dass seine Worte ungehört verhallten. „Und, wie hat es Ihnen gefallen?" – „Es war sehr interessant", antwortete Lisa wahrheitsgemäß. „So ganz anders als bei uns." – „Sie haben in Deutschland schon mal an einer Parlamentsdiskussion teilgenommen?" – „Oh, ich bin Berlinerin und da wird man von der Schule aus regelmäßig in den Reichstag gezerrt." – „A propos zerren. Wussten Sie, dass Curling der Nationalsport Saskatchewans ist?", machte der Mitarbeiter Lisa und Rokko auf einen Schaukasten aufmerksam. „Ich muss ehrlich sagen, ich habe nie kapiert, wie Curling eigentlich funktioniert", gab Lisa offen zu. „Naja, ein bisschen wie Boule und ein bisschen wie Dart… im entferntesten Sinn. Eigentlich ist es ein schrecklich langweiliger Sport – ähnlich wie Golf… Damit ruiniert man sich nur einen schönen Spaziergang."

„Der Sturm hat deutlich nachgelassen", stellten die beiden Reisenden fest, als sie das Parlament verließen. „Dann haben wir ja noch einen ganzen Nachmittag vor uns", freute Lisa sich. „Irgendwelche Vorschläge?", wandte sie sich an ihren Begleiter. Dieser dachten sofort an Schwester Lilianne, verdrängte diesen Gedanken aber sofort wieder. Aus Rücksicht auf Lisa, wie er sich einredete. Die würde doch mit diesen verschrobenen Nonnen gar nichts anfangen können. „Lass uns erstmal zurück ins Hostel gehen", schlug Rokko vor. „Und ein paar Vorbereitungen für Edmonton treffen." – „Klar, wieso nicht. Ich müsste auf jeden Fall auch noch in den Supermarkt. Ich glaube, ich habe nicht alles, was ich an Proviant für die Fahrt brauche. Wir fahren immerhin 12 Stunden und haben dann noch ein paar Stunden, bis wir ins Hostel können."

„Also… eigentlich…", musterte Lisa ihren Berg an Sandwiches kritisch. „… brauche ich nichts mehr aus dem Supermarkt." – „Wenn wir zusammenlegen, reicht das bis Jahresende", deutete Rokko auf seinen eigenen Proviant. „Ist doch gut", freute Lisa sich. „Wobei… ich bin eigen, wenn es um meine Sandwiches geht. Ich denke nicht, dass wir das Stadium in unserem Verhältnis erreicht haben, in dem ich meine Sandwiches teile." – „Wir haben ein Verhältnis?", lachte Rokko. „Ich brenne darauf zu erfahren, was man mit Lisa Plenske alles anstellen kann, bevor sie ihr Sandwich mit jemandem teilt." – „Also, eines teile ich sofort mit dir und das ist die angefangene Packung Milch. Die kann ich nämlich nicht mitnehmen." – „Tja, ich dachte zwar, du würdest mir das Wasser reichen, aber Milch nehme ich auch", grinste Rokko breit. „Ich habe da noch ein exorbitant großes Stück schrecklich süßen Kuchens. Interesse?" Lisa kam nicht dazu zu antworten, denn in dem Moment ging die Tür zur Küche auf. Ayako stolperte hinein. „Huh", schüttelte sie Schneereste aus ihren dunklen Haaren. „Scheiße", grinste sie ihre deutschen Hostelfreunde an.

„Mein Vater hätte diese deutsche Tradition mit nach Hause bringen sollen. Kaffee und Kuchen ist etwas sehr Gutes", freute Ayako sich, nachdem sie Rokko und Lisa dabei geholfen hatte, den Kuchen und die Milch zu vernichten. „Habt ihr auch mit diesem seltsamen Typen gesprochen?", wollte sie dann von Rokko und Lisa wissen. „Welcher seltsame Typ?", fragten beide gleichzeitig. „Der, der hier auch wohnt. Irgendwo im oberen Stockwerk." – „Oh, der mit dem Scheidungskrieg? Und der Arbeitserlaubnis?", hakte Lisa nach. Dabei erinnerte sie sich an einen älteren Herren, der immer in der Bibliothek des Hostels rumlungerte und nur darauf wartete, den internationalen Gästen, die des Englischen nicht in vollem Umfang mächtig waren, seine Lebensgeschichte zu erzählen. „Hä?", mischte Rokko sich ein. „Doch, wir haben ihn gestern getroffen, vor dem Starbucks am Kino. Er hat da Zigarettenstummel im Schnee gesucht, um sich daraus neue Zigaretten zu basteln." – „Oh, der seltsame Typ", erinnerte Rokko sich. „Er war doch korrekt zu dir, oder?", wandte er sich an Ayako. „Ja, war er, aber er hat mir über eine Stunde lang erzählt, dass er heute seine Arbeitserlaubnis gekriegt hat." – „Nice", kommentierte Rokko. „Da warst du bestimmt begeistert." – „Naja, es gab ja nichts Anderes zu tun bei dem Sauwetter. Und ihr wollt morgen weiter?" – „Ja, nach Edmonton", ergriff Lisa das Wort. „Schön. Da war ich letztes Jahr. Ihr müsst unbedingt in diese riesige Mall."

„Ich gebe zu, das war ein Reinfall", seufzte Lisa, als sie zusammen mit Rokko am späten Abend des nächsten Tages den Bus von Saskatoon nach Edmonton bestiegen. „Was hast du auch erwartet? Zwei Stunden wären auch wenig gewesen, wenn es nicht schon lange stockfinster wäre", schmunzelte Rokko. Innerlich war es ihm eine Genugtuung, dass Lisas feinsäuberlich ausgeklügelter Besichtigungsplan für Saskatoon fehlgeschlagen war. „Es konnte auch keiner ahnen, dass der Busbahnhof zu weit ab jeglicher Zivilisation ist. Außerdem… du weißt ja, Saskatoon ist die gefährlichste Stadt Kanadas." – „Pro Kopf. Und du scheinst vergessen zu haben, dass ich weiß, wie man ein Pfefferspray benutzt." – „Vor allem habe ich nicht vergessen, dass du erst damit um dich sprühst und dann nachsiehst, wen du triffst." – „Dann lass uns gleich mal hier vorne bleiben, dann kann uns der Fahrer helfen, falls jemand dir den Kopf absäbeln will." – „Oder dir", grinste Rokko zurück. „Oder so."

„Kinder sind was Tolles", murrte Rokko. Es war weit nach ein Uhr morgens. „Hm", brummte Lisa verschlafen von ihrer eigenen Sitzreihe. Der junge Werbefachmann musterte seine Reisebegleitung, die in einer unmöglich verdrehten Position schlummerte. „Wie viele Kinder sind das?" – „Fünf." – „So wenig? Die machen Lärm für 300", knurrte Lisa. „Naja, man kann sie aufreihen wie die Orgelpfeifen", beschrieb Rokko die siebenköpfige Indianerfamilie, die mit ihnen in Saskatoon in den Bus gestiegen war und deren Kinder über die vielen unbesetzten Sitzreihen tobten. „Dann sollen sie ein Schlaflied musizieren."

„Welcome to Edmonton", ließ eine tiefe Stimme Lisa aus dem Schlaf schrecken. „Rokko, wir sind da", strahlte sie. „Schon?", wunderte dieser sich. „Wann sind die Terrorzwerge ausgestiegen?", wunderte er sich, als er erkannte, dass nur noch er, Lisa und zwei weitere Reisende im Bus waren. Er richtete sich auf und streckte sich. Sein Rücken erinnerte ihn daran, dass er von Errungenschaften der Zivilisation wie Betten viel zu verwöhnt war. „Wie spät ist es?", ließ er seinen Blick über die menschenleeren Straßen wandern." – „Halb sechs. Ab um 15 Uhr können wir ins Hostel." – „Also haben wir jetzt jede Menge Möglichkeiten." – „Eine Nachtwanderung zum Beispiel?" – „Das wäre eine Variante", grinste Rokko.

„Wenn ich mal eine eigene Wohnung habe, will ich genau so ein Bett", scherzte Rokko, als er sich neben Lisa auf einen Plastikstuhl im Wartebereich des Busbahnhofes fallen ließ. Genau wie sie legte er seine Beine auf den Hartschalenkoffer der Göberitzerin und deckte seinen Oberkörper mit seiner Jacke zu. „Schlaf gu…", wollte er ihr wünschen, als ihr Kopf auch schon an seine Schulter sank. Er betrachtete seine Begleitung eingehend. Dass sie so etwas machen würde, wie im Busbahnhof schlafen, sah man ihr wirklich nicht an.