11.

Ein harter Schlag in seinen Schoß ließ Rokko aus seinem Schlaf schrecken. Er sah sich kurz um. Edmonton, Busbahnhof, Hostel um 15 Uhr, rief er sich in Erinnerung. Sein Blick wanderte zu seinem Schritt. Rokko begann zu grinsen. Wenn sie wüsste, dass ihre Nase und ihr Mund nur wenige Millimeter Stoff von seinem Geschlechtsteil entfernt waren… Eine interessante Schlafposition hatte seine Reisebegleitung da, musste Rokko zugeben. Sein nächster Impuls war es, ein Erinnerungsfoto zu schießen. Doch dann griff er vorsichtig nach Lisas Schultern und richtete sie wieder auf. Sie schlief wie ein Stein und schien von alledem nichts zu merken.

10 Uhr – es war noch eine kleine Ewigkeit, bis sie ins Hostel konnten. Lisa schien das nicht zu stören, sie schlief immer noch. Rokko hingegen versuchte, seine Aufmerksamkeit auf das Treiben um ihn herum zu lenken. Fasziniert hörte er den Ansagen zu – es gab noch so viele Plätze in Kanada, die es zu entdecken galt. Wo Miss Super-gut-vorbereitet wohl ihren Reiseführer hatte? Dann könnte er jetzt einen Blick dahinein werfen. „Ach i-wo", schüttelte der Werbefachmann abfällig den Kopf. Es musste doch Raum für Spontaneität bleiben. „Was?", fragte Lisa verschlafen. „Entschuldige, ich wollte dich nicht wecken." – „Hast du nicht. Also, fast nicht. Du hast etwas gesagt, oder?" – „Ja, ich habe aber mit mir selbst gesprochen." – „Oh… ich hoffe, du hattest ein gutes Gespräch", grinste Lisa dann etwas wacher. Dann räkelte sie sich genüsslich. „Okay, und was machen wir jetzt?" – „Wie, was machen wir jetzt?", fragte Rokko irritiert. „Naja, wir haben gerade die Nacht gemeinsam verbracht und das in aller Öffentlichkeit, wie könnten wir das noch toppen?", versuchte Lisa, ihn zu provozieren. Dieser Versucht scheiterte aber daran, dass sie heftig errötete. „Wir könnten den Leuten eine Fortsetzung bieten, indem wir unsere Fresspakete rausholen und die Orgie weitergeht." Lisa musterte Rokko skeptisch. „Fortsetzungen sind immer schlechter, das weißt du, oder? Und jetzt: Essen fassen. Wer sein Fresspaket zuerst rausgeholt hat, kriegt das des anderen dazu", forderte er Lisa zu einem kleinen Wettbewerb auf. „Hey, das war ein klassischer Fehlstart", empörte diese sich, als sie sah, dass Rokkos Hände schon längst in seinem Rucksack verschwunden waren.

„Lisa, wieso rennst du so?", amüsierte sich Rokko einige Stunden später. Die junge Berlinerin eilte in der Tat den Hügel hinunter, der zwischen dem Busbahnhof und der Jugendherberge lag. „Ich renne überhaupt nicht", wiegelte Lisa ab und versuchte dabei, so gut es eben ging, ihren Koffer von einem möglichen Alleingang abzuhalten. „Dann kannst du ja sicher mal kurz stehen bleiben und die Aussicht genießen." – „Hier gibt es doch noch gar nichts zu sehen", entschied Lisa, ohne wirklich einen Blick zurück geworfen zu haben. Der vor ihr liegende Fluss war doch auch ganz nett anzusehen und je eher sie unten angekommen war, desto leichter würde ihr das Anhalten fallen. Wieso musste der blöde Koffer aber auch so schwer und die Räder so leichtgängig sein? „Soll ich dir wirklich nicht helfen?", hatte Rokko sie dann doch eingeholt. „Nein", lehnte die Frau mit den Strubbelhaaren ab. „Ich habe mir diesen Koffer ausgesucht. Ich muss mit ihm klarkommen und reisen und ich komme mit ihm klar und reise mit ihm", imitierte Rokko seine Reisegefährtin. Diese warf ihm einen bitterbösen Blick zu. „Mach dich ruhig lustig", knurrte sie dann. „Das ist so ein Frauen-Emanzipationsding, he? Ich meine, dass du dir so partout nicht helfen lassen willst." – „Ich brauche keine Hilfe – jetzt jedenfalls noch nicht." – „Und wann dann?" – „Naja, jeden Berg, den es runter geht, geht es irgendwo auch wieder hoch, oder? Vielleicht darfst du dann den Helden geben." – „Das hat doch mit Held nichts zu tun, sondern nur mit Höflichkeit", gab Rokko sich gespielt gekränkt. „Du und höflich?" – „Ja, ich und höflich. Ich bin auch sensibel, weißt du?" – „Ja, ja, ich weiß. Du kannst es nur nicht so zeigen."

„Ich würde dir ja nur zu gerne zeigen, dass ich ein richtiger Gentleman sein kann,…", schnaufte Rokko angesichts des Anblicks, der sich ihm auf der anderen Flussseite bot. „… aber bei Treppen mit über 100 Stufen ist sich jeder selbst der nächste." – „Meinst du wirklich, dass das so viele Stufen sind?", fragte Lisa naiv. „Eine mehr oder weniger", lächelte Rokko ihr ermutigend zu. „Das stand nicht in der Karte", seufzte Lisa mit einem Mal. „Wie weit ist es von hier noch?" – „Rein kilometertechnisch müssten wir den größten Teil hinter uns haben", erwiderte Lisa. „2,6 km, he?", erinnerte sich Rokko. „Wesen dämliche Idee war es eigentlich, die zu laufen?" – „Deine", antwortete seine Begleitung unumwunden. „Ich zitiere: Lass uns die drei Dollar für den Bus sparen. Das ist doch fast gar nichts und viel Zeit haben wir auch, wenn wir morgens um 5 Uhr da ankommen und erst nachmittags ins Hostel kommen und so sehen wir gleich etwas von der Stadt." – „Haben wir ja auch", verteidigte der Norddeutsche sich. „Du hast sogar schon fotografiert." – „Lenk nicht ab, Kowalski. Wir müssen da jetzt hoch, ob wir wollen oder nicht. Ich schlage folgendes vor: Du gehst vornweg. Mit dem Trekkingrucksack ist das bestimmt leichter. Ich schleppe den Koffer dreißig Stufen oder bis mir die Hand abfällt, je nachdem was zu erst passiert und mache dann eine kurze Pause, bevor ich den Koffer in die andere Hand nehme und wieder 30 Stufen erklimme." – „Klingt nach einem Plan", lächelte Rokko. „Okay, auf die Plätze, fertig, los", gab er das Startkommando.

„Hey, da bist du ja", lief Rokko einige Zeit später geradewegs in den großen Gemeinschaftsraum. Lisa sah kurz auf, wandte sich dann aber wieder ihrem Handgelenk zu. „Hast du dir wehgetan?", wollte der junge Mann von ihr wissen, als er sah, dass sie sich mit Salbe einrieb. Innerlich wollte er sich bei diesem Gedanken ohrfeigen dafür, dass er sie hatte ihren Koffer alleine tragen lassen. „Nein, nein", wiegelte Lisa ab. „Es ist nur… ich hatte das ganze letzte Jahr meiner Ausbildung Sehnenscheidenentzündung, die immer mal wieder da ist und… naja… ich wollte dem ganzen nur vorbeugen." – „Zeig mal", verlangte Rokko und griff nach Lisas linker Hand. „Bist du Linkshänder?" – „Hast du den Röntgenblick?", gab Lisa amüsiert zurück. So unauffällig sie konnte, entzog sie Rokko wieder ihre Hand. „Nein." – „Ich bin kein Linkshänder", entgegnete Lisa unvermittelt. „Also nicht im klassischen Sinn. Ich schreibe mit rechts, aber alles andere mache ich mit links." – „Im wahrsten Sinne des Wortes oder eher im übertragenen Sinn?", grinste Rokko frech. „Was hast du heute Nachmittag vor?", wechselte die Berlinerin prompt das Thema. „Ich weiß nicht. Ich richte mich da ganz nach dir." – „Dann wird es ein entsetzlich langweiliger Restnachmittag und Abend", gab Lisa zerknirscht zu. „Ich wollte nur ein bisschen spazieren gehen und mal gucken, was es rund ums Hostel so zu sehen gibt. Am Ende der Straße gibt es einen Supermarkt – mein Fresspaket ist nämlich komplett alle. Ansonsten bin ich einfach nur müde und würde früh schlafen gehen." – „Müde, he? Dabei hast du so schön geschlafen am Busbahnhof", grinste Rokko wissen. „Alles Tarnung", lächelte Lisa zurück, ohne wirklich zu wissen, worauf Rokko wirklich anspielte.

„Du sagtest doch, du würdest kochen?", schmunzelte Lisa am frühen Abend, als Rokko ihr einen dampfenden Teller voller Instantnudeln präsentierte. „Habe ich doch. Ich habe Wasser gekocht und es dann über die Nudeln gegossen. Und…", betonte er. „… ich habe das Gewürzpulver hinzugefügt und Käse." – „Käse?", fragte Lisa skeptisch. „Das sind Ramon Noodles mit Geflügelbrühe. Was sollen wir da mit Käse?" – „Mit jungem Cheddar. So jung, dass er noch in Brocken ist. So jung schmilzt er noch nicht." – „Aha", erwiderte Lisa kritisch. „Du scheinst wenig Vertrauen in meine Kochkünste zu haben. Wenn es dich beruhigt, das ist ein Rezept meiner kleinen Schwester, echt kanadisch und erprobt." – „Du hast eine Schwester?", wurde die Berlinerin hellhörig. „Und sie ist auch in Kanada?" Rokko schluckte. Da hatte er sich ja etwas eingebrockt. „Hm, schon fast drei Jahre. Sie hat so ein Auslandsschuljahr gemacht und ist dann geblieben. Mit Käse aus Québec schmeckt das viel besser", kaute Rokko auf seinem Abendessen herum. „Auslandsschuljahr, he?", ließ Lisas Neugier sich nicht stillen. „Und was macht sie jetzt?" – „Beten." – „Ich meinte weniger ‚jetzt genau in diesem Moment' als heute. Damals ist sie zur Schule gegangen und heute…" – „Betet sie", wiederholte Rokko. „Sie ist Nonne." Lisa musste ein Lachen unterdrücken. Sie warf einen Blick auf ihren Reisegefährten und erkannte an seinem nachdenklichen Gesicht, dass er nicht scherzte. „Nonne, he?", wiederholte sie daher ernst. „Tja, wenn der Herr einen ruft", zwang Rokko sich zu einem fröhlichen Tonfall. „Und wo genau in Kanada lebt sie jetzt? Willst du sie besuchen? Ich meine, darfst du sie besuchen? Nonnen dürfen Besuch kriegen, oder?" – „Nicht im ersten Jahr des Noviziats. Sie lebt in Baie-Comeau, im Mutterhaus. Könnten wir jetzt bitte das Thema wechseln?" – „Okay. Nur eins noch: Wie heißt deine Schwester?" – „Myriam laut Pass. Mimi für ihre Familie und Freunde und Myriam dans la présence de l'émerveillement für ihren schrulligen Orden." – „Kann man auch andere Ramon Noodles Sorten mit diesem Käse verfeinern?" – „Kann man, aber es schmeckt nur mit Geflügelbrühe wirklich gut", lächelte Rokko angesichts des Themenwechsels. „Verstehe. Morgen koche ich, okay?" – „Okay. Ich hätte gern ein Drei-Gänge-Menü. Als Vorsuppe hätte ich gern Tomate-Mozzarella-Suppe, dann Steak Wellington mit Basilikum-Kartöffelchen als Hauptgang und Crème Brûlée als Nachspeise." – „Ich werde mein Bestes geben, aber sei bitte nicht enttäuscht, wenn es doch wieder nur Nudeln werden."

Lisa schob die Füße unter die Bettdecke, während sie darauf wartete, dass ihr Laptop endlich vollständig hochgefahren war. Gedankenverloren stöpselte sie ihr Headset an. Sie rechnete kurz, wie spät es in Berlin war… oder vielmehr wie früh. Sie würde einfach Jürgen anrufen. Der saß ganz sicher noch an seinem Rechner und spielte irgendein Ballerspiel, da war sie sich sicher. Ohne wirklich hinzusehen rief sie Skype auf und klickte die letzte gewählte Nummer an. Das war Jürgens Nummer. Mit ihm hatte sie zuletzt telefoniert. Umso erstaunter war sie, als ihr ein verschlafenes „Kowalski", entgegen schallte. „Rokko?", fragte die verschlafene Stimme sofort. „Schatz, das Telefon zeigt die Nummer an, von der Rokko neulich angerufen hat", hörte Lisa die gleiche Stimme dann aufgeregt mit jemandem im Hintergrund reden. „Wieso sollte er schon wieder anrufen? Braucht er etwa Geld? Ich hab's gewusst, dass er das nicht alleine hinkriegt." – „Entschuldigung", riss Lisa sich dann aus ihrer Starre. „Ich habe mich verwählt. Rokko hat meinen Computer benutzt und ich dachte, die letzte gewählte Nummer sei die meines besten Freundes. Es tut mir wirklich leid, Sie geweckt zu haben." – „Warten Sie. Legen Sie noch nicht auf. Sie kennen Rokko? Wie geht es ihm? Ist er noch in Regina? Wie geht es Schwester Lilianne? Hat er Pläne für seinen Geburtstag?" – „Geburtstag? Rokko hat Geburtstag? Wann?", stellte Lisa erstaunt Gegenfragen. „Ja, übermorgen. Es ist sein 30. Geburtstag und so wie ich ihn kenne, lässt er ihn ausfallen."

Google. Google wusste einfach alles, dachte Lisa bei sich, nachdem sie das Gespräch mit Rokkos Mutter beendet hatte. Naja, fast alles. Google hatte nichts von den vielen Treppenstufen gewusst. „Rokko Kowalski" tippte sie in das Suchfeld. Oh je, das waren aber viele Treffer. Müde rieb Lisa sich die Augen. Sie war zu erschöpft, um sich mit all dem auseinander zu setzen. Aufsteigender Stern am Werbehimmel… Karriereknick… Sabbatjahr. Alleine anhand der Überschriften konnte sie sich einiges zusammenreimen. Myriam dans la présence de l'émerveillement Baie-Comeau Lilianne Regina gab sie einfach auf gut Glück ein. Ein einziger Treffer. Ein einziger Treffer für diese Kombination. Lisa wunderte sich. Sonst spuckte Google doch immer viel mehr aus. Dann aber war sie froh, diesen einen Treffer zu haben. Das war besser als gar keiner. Services Famille Myriam Beth'léhem – ein junger frankokanadischer Orden… Gründerin… Mitgliederzahl… Da! Myriam Kowalski – das war ein Foto von Rokkos Schwester. Nachdenklich betrachtete sie die junge Frau, die Rokko sehr ähnlich sah. Auf einmal fühlte Lisa sich wie ein Eindringling. Das war Rokkos Familie. Sie sollte nicht einfach googeln. Es ging sie nichts an. Wenn Rokko ihr etwas darüber erzählen wollte, dann würde er das irgendwann tun. Und wenn nicht, dann eben nicht. Lisa klappte ihren Laptop zu und verstaute ihn, bevor sie sich die Decke bis zum Hals zog.