Erste Vögel zwitscherten, als Stark endlich den Pickup parkte. An der letzten Ausfahrt hatte sein Entführer ihn aus dem Fußraum auf den Beifahrersitz gezerrt, vermutlich, weil die Straße, die folgte, nicht befestigt gewesen war. Nick war so schon ordentlich durchgeschüttelt worden, wie es ihm im Fußraum ergangen wäre wagte er sich gar nicht vorzustellen.

Stark hatte zweimal gehalten auf dem Weg hierher, wo auch immer hier war. Beim zweiten Mal hatte er definitiv getankt, was Nick schon allein der typische Geruch von Tankstellen verraten hatte. Beim ersten Mal dagegen … war Starks Faust einmal mehr in Nicks Gesicht gelandet und hatte den Grimm für eine unbestimmte Zeit ausgeknockt. Er hatte keine Ahnung, was sein Entführer getan oder wie lange er dazu gebraucht hatte.

„Wir sind da", meldete Stark jetzt und löste den Schal von Nicks Augen.

Der junge Grimm blinzelte und schluckte mehrmals, ehe er sich sicher genug fühlte einen Blick aus dem Wagen zu werfen.

Bäume. Nick wandte den Kopf während Stark ausstieg. Noch mehr Bäume. Als er schließlich zur Fahrerseite hinübersah entdeckte Nick ein altes Blockhaus.

Die Beifahrertür wurde geöffnet, Stark zerrte an ihm, bis er in der offensichtlich richtigen Position war und zerriß die Kordel, mit der Nicks Knöchel gefesselt gewesen waren. Dann packte er den jungen Mann und beförderte ihn wenig sanft aus dem Pickup heraus, hielt ihn im festen Griff, während er mit der anderen Hand eine große Papiertüte vom Laderaum holte.

„Was wollen Sie von mir?" fragte Nick endlich wieder.

„Klappe!" befahl Stark und zerrte ihn mit sich den Weg zum Blockhaus hinauf.

Der Pfad war halb zugewachsen und von altem Laub bedeckt. Das Haus selbst, eher eine Hütte, wirkte verlassen. Holzläden vor den Fenstern, Moos auf den schweren Stämmen, aus denen das Gebäude gefertigt worden war. Eine alte Gartenbank lag, in sich zusammengefallen, neben der Tür, an der ein altes, rostiges Schloß angebracht war.

Hatte nicht etwas über eine Jagdhütte in einer der Akten gestanden, die Nick gestern gewälzt hatte? Er war sich nicht ganz sicher.

Stark hielt sich nicht groß mit dem verrosteten Schloß auf sondern trat einmal zu, woraufhin die Tür aufsprang. Er zerrte Nick über die Schwelle in das dunkle Innere und stieß den jungen Mann in der entferntesten Ecke unsanft zu Boden.

„Liegenbleiben!" befahl er und wandte sich ab.

Nick leckte sich die Lippen und setzte sich auf, die Beine angewinkelt. Angestrengt versuchte er das Dunkel mit den Augen zu durchdringen, während Stark die Hütte wieder verließ. Nick lauschte den sich entfernenden Schritten.

Sollte er es wagen? Noch konnte er zumindest laufen. Wer wußte, was Stark mit ihm anstellen würde jetzt, da er ihn fortgebracht hatte aus der Zivilisation mitten in den Wald hinein.

Das war das Problem bei dem ganzen. Dank der Augenbinde hatte Nick keine Ahnung, wo er sich befand. Sie konnten nur auf Rufweite von Portland entfernt sein oder auf dem halben Weg nach Seattle, er wußte es nicht. Den Wald draußen kannte er nicht. Zudem bestand die Aussicht, daß, sollte sein Fluchtversuch scheitern, er diesen bitter würde bereuen müssen.

So grausam es für ihn selbst auch klang, im Moment war er vermutlich hier am sichersten, solange er sich nicht wehrte. Er hatte keinen Streit mit Stark. Vermutlich wollte der ihn gegen Hank austauschen und das bedeutete hoffentlich, daß die Prügel, die er zu Hause bezogen hatte, die letzten sein würden.

Stark kam zurück, ein Seil über die eine Schulter geschlungen und eine Petroleumlampe in der anderen Hand, die er bei der Tür entzündete.

Der Raum, die Hütte besaß wirklich nur einen Raum, war weitestgehend leer und alles andere als sauber, wie jetzt im gedämmten Licht der Lampe zu sehen war. Nick hockte neben einem Kamin, der offensichtlich gleichzeitig als Herd diente. Die Einrichtung war spärlich und bestand aus einem Tisch, drei Stühlen, einer niedrigen Kommode und einem sehr unbequem aussehenden Bett.

Stark setzte die Lampe auf dem Tisch ab, schwang sich das Seil von der Schulter und schnitt mit einem Messer ein Stück davon ab, ehe er sich Nick wieder näherte.

Der wich unwillkürlich zurück und drückte sich gegen die Wand.

Stark sank vor ihm auf ein Knie nieder, packte den jungen Grimm und band erneut dessen Knöchel zusammen.

„Bitte", flüsterte Nick heiser, „ich denke, wir können das ganze schnell beenden. Lassen Sie mich Hank anrufen. Darum geht es Ihnen doch, oder?"

Stark blickte auf und knurrte wieder. „Ich sagte Klappe halten!" Er beugte sich vor und zog Juliettes Schal, der bis jetzt um Nicks Hals gewunden gewesen war, hoch und knbelte ihn damit. Dann wandte er sich ab und ging zum Tisch zurück.

Nick beobachtete, wie er begann, die Tüte auszuräumen. Wasserflaschen, Bierdosen und einige Konserven. Offensichtlich plante Stark einen längeren Aufenthalt, was dem jungen Grimm so gar nicht behagte.

Stark räumte die Lebensmittel in die Kommode bis auf eine Dose Bier. Die öffnete er, zog sich einen Stuhl heran und ließ sich darauf nieder, Nick genau betrachtend und einen Schluck nehmend.

Der Grimm versuchte sich, so gut wie möglich, in den Schatten zu drängen, damit Stark ihn nicht doch erkannte.

„Bist der Partner von Griffin, oder?" wandte der sich schließlich an ihn. „Hab dich mit ihm zusammen gesehen gestern."

Nick nickte.

Stark zog sein iPhone aus der Jackentasche und betrachtete es erst einmal von allen Seiten, ehe er es aktivierte.

Nick beobachtete, wie sein Entführer offensichtlich die verschiedenen Funktionen des Handys aufrief, bis er schließlich das gefunden hatte, was er suchte. Er richtete die Kameralinse auf den Grimm und … das eingebaute Blitzlicht flammte auf und blendete den Gefangenen.

Als seine Netzhaut wieder aufnahmebereit war, stand Stark schon über ihm und zerrte ihn auf die Beine.

„Du wirst jetzt Griffin anrufen" befahl der Riese ihn, ihn weiter am Kragen haltend und leicht schüttelnd, und du wirst ihm folgendes sagen … Wort für Wort!"

Nicks Augen weiteten sich, als Stark ihm vorsprach, was er sagen sollte.


Hank war wieder auf dem Revier und wartete auf den Bericht der Spurensicherung. Ihm war immer noch übel, wenn er an den Anblick des Hauses dachte. Er wagte gar nicht sich vorzustellen, wie es Nick wohl jetzt ergehen mußte. Er konnte nur darauf hoffen, daß sein Partner noch lebte und hoffentlich auch am Leben bleiben würde.

Juliette war mit einem Schock ins Krankenhaus eingeliefert worden. Die Arme war komplett durch den Wind gewesen, als Hank hatte mit ihr reden wollen. Er verstand das, Himmel, und wie er verstand!

Er blickte kurz hinüber zum Büro des Captains. Auch Renard war noch wach, ebenso Wu und die halbe gestrige Schicht.

Einer der ihren war verschwunden, noch dazu ein beliebter Kollege. Das bedeutete, jeder tat seinen Teil bei der Suche, und vielleicht noch ein bißchen mehr. Keiner wollte zurückstehen.

In diesem Moment klingelte Hanks Handy. Stirnrunzelnd zog der Detective das Gerät aus seiner Tasche und erstarrte, als er die vier Buchstaben sah, die über dem „Accept"-Button blinkten: Nick!

Hank winkte Wu herbei und zeigte auf die Anzeige. Der Sergeant verstand und lief los, so schnell ihn seine Füße trugen.

Hank wiederum … atmete einige Male tief ein, ehe er schließlich den Button betätigte. „Wo bist du?" fragte er sofort.

Nicks Stimme klang gepreßt und heiser, als er sprach. Keine Antwort auf die Frage, wie denn auch, vermutlich stand Stark mit geballter Faust über ihm, während er anrief.

„Du schuldest Stark fünf Jahre, Hank. Jetzt gibt er dir fünf Tage. Am Ende dieser fünf Tage … bin ich tot. Hast du das verstanden?"

„Wie geht es dir, Kumpel?" fragte Hank in der Hoffnung, Nick werde wider Erwarten doch noch irgendetwas anderes sagen können. Etwas, was ihnen bei der Suche nach ihm helfen konnte.

„Fünf Tage für fünf Jahre, Hank", wiederholte Nicks Stimme, dann knackte es in der Leitung.

Hank nahm sich wie betäubt das Mobiltelefon vom Ohr und starrte vor sich hin. Als das Handy erneut zum Leben erwachte, schrak er zusammen. Die Anzeige für eine eingehende MMS leuchtete auf.

Hank schluckte, dann öffnete er die MMS und starrte auf ein Foto seines Partners, gefesselt und geknebelt auf dem Boden vor einer Holzwand sitzend.

„Was war los?"

Hank starrte das Foto an. Es schnürte ihm die Kehle zu. Nicks Gesicht war blutig und stellenweise verfärbt von den Schlägen, die ihn getroffen hatten. Seine Augen schrien in purer Panik.

„Hank?"

Eine Hand berührte seine Schulter und ließ ihn fast aufspringen, ehe er begriff, daß Renard aus seinem Büro gekommen war. Wu stand neben dem Captain und schüttelte den Kopf. „Der Anruf war zu kurz", meldete der Sergeant.

Hank legte das aktivierte Handy auf seinen Schreibtisch, daß beide das Foto sehen konnten, das Stark ihnen geschickt hatte.

„Er lebt noch, das ist gut", wandte Renard sich an ihn.

Hank blickte auf. „Wenn wir ihn nicht finden, wird er in fünf Tagen tot sein!"


Fünf Tage …

Nick saß wieder neben dem Kamin, wenn auch jetzt nicht mehr geknebelt, und starrte vor sich hin.

Fünf Tage.

Es war eigenartig zu wissen, wann das eigene Leben enden würde und dennoch noch irgendwo tief in sich die Hoffnung zu hegen, daß man am Ende doch nicht sterben würde. Nick wünschte sich nichts mehr als daß er genug Mut aufgebracht hätte, um Hank irgendetwas mitzuteilen über seinen Aufenthaltsort. Er wußte, vermutlich war versucht worden, sein Handy zu triangulieren. Nur, Stark schien das auch zu wissen. Nachdem der nämlich noch irgendetwas getan hatte, nahm er schließlich das Akku aus dem Gerät. Das iPhone lag jetzt unbrauchbar auf dem Fenstersims, der dem Tisch am nächsten war. Den Akku hatte Stark eingesteckt. Das hieß, selbst wenn Nick irgendwie loskommen könnte, könnte er keine Hilfe rufen.

Stark war mittlerweile damit beschäftigt, den Riegel auszutauschen. Für eine Weile hatte Nick ihn dabei beobachtet, doch irgendwann hatte er das Interesse verloren.

Fünf Tage waren eine lange Zeit zum Sterben, ging ihm auf. Viel zu lange als daß Stark es ihm einfach machen würde. Was also hatte er vor mit ihm?

Nick war sich ziemlich sicher, daß er nicht wissen wollte, was der Riese (oder was auch immer) für ihn geplant hatte, aber ebenso sicher, daß er es früher erfahren würde, als ihm lieb war.

Stark hatte offensichtlich seine Arbeit an der Tür beendet und kehrte jetzt zurück ins Innere der Hütte. Den Schraubendreher, den er benutzt hatte, legte er in eine der Schubladen der Kommode zurück.

„Bitte", sagte Nick leise, „ich habe Durst."

Stark musterte er stumm, nickte dann aber. Er holte eine der Wasserflaschen aus der Kommode und öffnete sie, während er zu seinem Gefangenen trat. Er hielt Nick die Flasche an die Lippen und ließ ihn trinken, setzte sie ab und verschloß sie wieder, ehe er sich zu dem Grimm hinunterbeugte und ihn knebelte. Dann packte er ihn unter den Achseln und schleifte ihn zu dem Stuhl hinüber, auf dem er vorhin gesesssen hatte. Nick ließ es zu, daß Stark ihn an den Stuhl fesselte. Tun hätte er ohnehin nichts können, ohne weitere Prügel dafür zu beziehen.

Als der fertig war betrachtete Stark kurz sein Werk und nickte dann befriedigt, ehe er ging.

Nick hörte, wie sich die Tür zur Hütte schloß und der Riegel von außen vorgeschoben wurde.

Fünf Tage …