Monroe parkte den Käfer drei Straßen weiter, nur um sicherzugehen, ehe er zurückkehrte zu Nicks Haus. Sorgsam behielt er dabei die Gegend im Auge.

Das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war es, von der Polizei verdächtigt zu werden und am Ende noch in einer Zelle zu enden.

Monroe wußte selbst nicht, was ihn trieb. Eigentlich ging ihn das ganze ja nicht wirklich etwas an. Nick war derjenige, der sich in sein ruhiges und beschauliches Leben gedrängt hatte nicht umgekehrt.

Wie aufdringlich dieser Baby-Grimm auch sein mochte, er hatte es nicht verdient, unter den Händen eines Oger zu enden! Soviel Anstand hatte Monroe zumindest – und nebenbei mochte er den jungen Mann aus irgendeinem Grund, den er selbst nicht bestimmen konnte.

Das Haus war leer, kein Streifenwagen, keine Wache. Absperrband an beiden Türen, das wars.

Monroe war überrascht, wie einfach es war, in das Haus zu gelangen. Er hatte mit wesentlich mehr Sicherheitsmaßnahmen gerechnet. Immerhin war Nick hauptberuflich noch immer Polizist und erst in zweiter Linie Grimm.

Monroe trat durch die Reste des Eßzimmerfensters ins Haus, einfach, weil dieses nach hinten hinaus lag und er so von der Straße aus nicht gesehen wurde.

Scherben, zertrümmerte Möbel, umgestoßene Bilder. Ein hübscher Eßtisch!

Monroe betrachtete die zerstörte Einrichtung aufmerksam, holte dann tief Atem und streckte die Nase in die Luft.

Siegbarste, eindeutig! Und, natürlich, Nicks eigener Grimm-Duft.

Monroe seufzte. Wie oft hatte er dem Jungen jetzt schon gesagt, er solle Wolfbane verwenden?

Er schüttelte den Kopf und verzog die Lippen.

„Okay, wonach suche ich eigentlich", murmelte er sich schließlich selbst zu.

Gute Frage! Und leider kannte er die Antwort nicht.

Er suchte irgendetwas, das ihn zu Nick führen konnte. Oder irgendetwas, was ihn zum Oger führen konnte. Oder etwas, mit dem er Nick beschützen und den Oger zerstören konnte, ehe der noch mehr Unheil anrichtete.

Monroe hatte von etwas gehört, das sich „Siegbarste Gift" nannte, ein irreführender Name, war er doch deutsch. Was im Amerikanischen als das gängige Wort für Geschenk gehandelt wurde, bedeutete im Land seiner Vorfahren … eben Gift!

Was auch immer dieses Siegbarste Gift war, es war sehr selten, aber auch so ziemlich die einzige Chance, um den Oger zu erledigen.

Warum er dachte, Nick habe dieses Gift … er wußte es nicht. Allerdings wußte er, daß Nick oft schon mit Teilinformationen bei ihm auftauchte, war das Wesen-Wissen wieder zuviel für ihn. Irgendwoher bezog der Grimm also seine Informationen. Und da Nick Monroes Unterstellung, er habe übernatürliche Grimm-Fähigkeiten, weit von sich gewiesen hatte, mußte er dieses geheimnisvolle Teil-Wissen irgendwo anders herhaben.

Monroe kannte Gerüchte über Marie Kessler, laut denen die Grimm Zeit ihres Leben mit einem silbernen Airstream oder Silverbullet durch die Lande gereist war. Nick selbst hatte ja davon gesprochen, daß das ewige Umziehen ihn irgendwann zu nerven begonnen hatte und er deshalb bei der ersten Gelegenheit zugriff, eben weil er sich nach Stabilität in seinem Leben gesehnt hatte.

Monroe war immer noch überrascht, wieviel man über einen Nick Burkhardt herausfinden konnte, drückte man ihm ein Bier in die Hand. Der Grimm wurde richtig redselig dann, allerdings nicht betrunken – oder Monroe hatte einfach den Zeitpunkt verpaßt. Nur eben redselig. Er vergaß vollkommen, daß sie beide eigentlich auf unterschiedlichen Seiten stehen sollten, sondern begann zu erzählen von seiner Jugend auf dem Rücksitz des Wagens seiner Tante und daß er nie auch nur geahnt hatte, was sie wirklich war.

Auf einer Kommode, die sogar heil geblieben war, staunte der Blutbad, lag Nicks Polizeimarke und daneben … sein Schlüsselbund.

Armer Kerl!

Monroe seufzte, dann runzelte er die Stirn und besah sich die Schlüssel noch einmal:

Auto, Haustür, ein kleinerer Schlüssel mit Sicherheitszahnung, vermutlich Nicks Büroschlüssel, zwei Schlüssel für Vorhängeschlösser und ein … alter Schlüssel. Dieser alte Schlüssel war Monroe noch nicht untergekommen. Allerdings war seine Beziehung zu dem Grimm nicht unbedingt eng genug, daß sie beide Schlüssel tauschten.

Monroe stengte die Augen an, seufzte dann und zog seine Lesebrille aus der Brusttasche seines Flanelhemdes. Er besah sich noch einmal den Schlüssel, bis er sicher war. Es war Nicks Schlüsselbund. Und dieser alte Schlüssel trug das Emblem einer längst nicht mehr existierenden Firma für Campingwagen-Herstellung.

Monroe besah sich noch einmal die anderen Schlüssel. Auto, Haustür, Sicherheitsschlüssel. Soweit erklärbar. Zwei Schlüssel, die zu Vorhängeschlössern gehörten und eben der alte der Campingfirma.

Der Blutbad begann nachzudenken.

Es gab unten bei den Landungsbrücken mehrere Trailerparks, teils recht günstig und einige auch recht abgelegen. Er selbst hatte einen in früheren, wilderen Zeiten benutzt. Zeiten, in denen er noch mit Angelina zusammen gewesen war, benutzt für Dinge, die er damals zwar nicht hatte missen, sie aber andererseits nicht bei sich haben wollte.

Monroe seufzte allein bei der Erinnerung an die kämpferische Blutbad, dann musterte er noch einmal die beiden Schlüssel für Vorhängeschlösser.

Konnte es sein, daß einer der Parks mit Vorhängeschlössern gesichert war?

„Mit dem Alter leidet das Gedächtnis", seufzte er und wog das Schlüsselbund in der Hand.

Was sollte es ihm bringen? Vielleicht war Nick einfach ein Outdoorfan, der es mochte, seinen Urlaub auf Campingplätzen zu verbringen eingepfercht in einen alten Campingwagen.

Und wenn nicht? Wenn er die geheime Grimm-Basis gefunden hatte?

Monroe schürzte die Lippen und wog die Schlüssel wieder in der Hand, während er auf sie hinuntersah. Dann glitt sein Blick ab zu einer Stelle auf dem Boden, die er bisher übersehen hatte. Die Reste eines Tisches lagen zertrümmert da. Und am Rande der ehemaligen Tischfläche …

Monroe beugte sich über das bessere Brennholz. Der allmählich verwehende Geruch nach Blut stieg ihm in die Nase, gemischt mit dem Eigengeruch des Grimm.

Nicks Blut …

Monroe konnte ein Wogen nicht verhindern, nicht wegen des Geruchs, auch nicht wegen der Farbe, wobei geronnenes Blut selten das gewünschte satte Rot aufwies, das er so liebte. Nein, es war das Wogen eines aufgebrachten Blutbads, der seine Familie in Gefahr sah.

Nick war verletzt worden, als der Siegbarste hier war. Was auch immer dieser verdammte Oger von dem Grimm wollte, es war an ihm, Monroe, die Sache zu beenden, notfalls mit Gewalt!

Monroe drängte den Wolf zurück in den hinteren Winkel seiner Selbst, nicht ganz so weit wie sonst, glaubte er doch, ihn jederzeit in Reichweite haben zu müssen, aber tief genug, daß das Wogen endete.

Er richtete sich wieder auf, während seine Augen noch im dunklen Rot glühten. Und ihm wurde klar, daß Nick ihm mehr bedeutete als er geglaubt hatte. Nick war ein Freund, und Freunde gehörten zur Familie.

Monroes Faust schloß sich um das Schlüsselbund, während tief aus seiner Kehle ein Grollen aufstieg.

Er würde den Grimm finden, koste es, was es wolle!


Nick schreckte hoch, als der Riegel zurückgeschoben wurde.

Er war tatsächlich eingenickt! Allerdings … er war noch immer hundemüde. Die letzten Stunden forderten ihren Tribut und solange er eben ein wenig Ruhe hatte, sollte er sie auch nutzen.

Er drehte den Kopf so weit wie möglich.

Draußen war es offensichtlich heller Tag, goldenes Sonnenlicht floß in die Hütte. Oleg Stark durchmaß mit schweren Schritten den Raum bis zum Tisch und stellte dort eine Papiertüte ab, aus der es verdächtig duftete. Offensichtlich hatte er bei einem Drive Inn gehalten und etwas zu Essen besorgt. Ob nur für sich oder auch seinen Gefangenen … Nick wußte es nicht.

Stark verließ die Hütte wieder, um kurz darauf mit einer großen Kiste zurückzukehren, die er neben die Kommode stellte.

Nick wandte sein Interesse wieder der verführerisch duftenden Tüte zu, während Stark die Tür schloß.

Irgendwann zwischen Starks Verschwinden und seinem ungeplanten Nickerchen hatte der Grimm Stimmen gehört von außerhalb der Hütte. Doch diese Stimmen waren zu weit entfernt gewesen, als daß er irgendwie hätte auf sich aufmerksam machen können. Aber es war gut zu wissen, daß, wo auch immer Stark ihn hingebracht hatte, es auch Menschen in der Nähe gab.

Der riesenhafte Mann beugte sich über seinen Gefangene und löste das Seil, mit dem er ihn an den Stuhl gefesselt hatte. Nick tat wieder sein Möglichstes, damit Stark ihm nicht direkt ins Gesicht sah, doch der war ohnehin damit beschäftigt, die Handschellen zu öffnen. Nick mußte beobachten, wie sein linker Arm einfach nutzlos der Schwerkraft folgte und sinnlos neben seinem Körper schwang.

Stark schien diese Verletzung erst jetzt aufzugehen. Er packte Nicks Arm, tastete das Schultergelenk ab und dann … drehte er mit einem Schwung den Arm wieder zurück ins Gelenk.

Nick brüllte vor Schmerz in den Knebel hinein und krümmte sich zusammen, nur am Rande realisierend, daß man ihn losgelassen hatte. Er packte mit der heilen Rechten seine linke Schulter und wiegte sich mit schmerzverzerrtem Gesich vor und zurück.

„Essen!" befahl Stark ungerührt.

Nick schluckte schwer, riß sich Juliettes Schal aus dem Mund und starrte mit tränennaßen Augen zu der Kreatur, die ihn verschleppt hatte. „Ich habe keinen Hunger im Moment", flüsterte er heiser.

Stark starrte ihn an und wies dann auf den freien Stuhl ihm gegenüber. „Essen, Cop!" befahl er erneut, dieses Mal schon mit einer deutlichen Warnung in der Stimme.

Nick schluckte, schloß die Augen, um sich zu konzentrieren, und … schaffte es schließlich irgendwie, auf die Beine zu kommen. Er stolperte zu dem leeren Stuhl hinüber und ließ sich darauf sinken.

Stark nickte befriedigt und begann, die Tüte auszupacken.

Burger und eine Portion Pommes frites …

Wenn Juliette das wüßte, kam es Nick in den Sinn, war sie doch diejenige, die auf gesunde Kost für sie beide bestand.

Irgendwie ein eigentümliches Bild, das sie beide hier abgeben mußten, ging ihm auf. Sein Entführer und zukünftiger Mörder und er saßen einträchtig beisammen und aßen. Wirklich eigenartig …

Der Schmerz in seiner Schulter ließ ein wenig nach und Nick versuchte, den Arm zu bewegen. Es ging tatsächlich, auch wenn er noch immer grauenvolle Schmerzen hatte. Trotzdem ein gutes Gefühl, wenn er persönlich auch nicht glaubte, daß er viel von dieser Heilung haben würde. Stark hatte ihm den Arm nicht aus purer Freundlichkeit wieder eingerenkt.

Nick lauschte, über das Schmatzen des Riesen hinweg, weiter nach draußen. Wenn Menschen in der Nähe waren hatte er vielleicht eine Chance, wenn auch nur eine kleine. Er mußte sehen, daß Stark beschäftigt war, während er um Hilfe rief …

„Das Handy", forderte sein Entführer ihn auf, nachdem er seine Mahlzeit beendet hatte. Ungeduldig streckte er die Hand aus und wedelte mit den Fingern.

Nick griff nach seinem nutzlosen iPhone und legte es in Starks ausgestreckte Hand, die Kiefer angespannt.

Was auch immer jetzt passieren würde, Stark hatte etwas vor.

Der Riese legte den Akku wieder ein und aktivierte das Handy, legte es vor Nick auf den Tisch, als die Standardabfrage nach der PIN kam. „Aktivieren!"

Nick biß sich auf die Lippen. Der kleine Notruf-Button war so verdammt verführerisch … Doch ein kurzer Blick unter seinen Wimpern hervor rief ihn zur Ordnung. Vermutlich würde er zerquetscht an der nächsten Wand landen, wenn er den Notruf wählte.

Er tippte die PIN ein und zog die Hand zurück. Stark griff nach seinem Handy und stopfte es sich in die Hosentasche, während er sich erhob. „Aufstehen!"

Diese Ein-Wort-Befehle begannen allmählich zu nerven, mußte Nick zugeben, doch er folgte der Order. Stark packte ihn am Arm und zerrte ihn in die Mitte der Hütte, fesselte seine Hände wieder mit den Handschellen, dieses Mal allerdings vor seinem Körper.

Nick wagte nicht, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen, als sein Entführer sich von ihm abwandte und die Kiste öffnete, die er zuletzt reingeholt hatte.

Nick atmete tief ein, als er darin schwarze Umrisse erkannte, die nicht sonderlich freundlich auf ihn wirkten, eher wie moderne Versionen der Dinge aus Tante Maries Waffenschrank.

Stark kramte ein weiteres Seil aus der Kiste, kehrte dann zu Nick zurück und knotete ein Ende des Seiles an die Kettenglieder, die die beiden Metallschellen verbanden.

Nick wurde unruhig, als ihm allmählich aufging, was genau Stark da plante. Unwillkürlich hob er den Kopf in den Nacken und sah... daß er direkt unter dem schweren Balken stand, der die gesamte Dachkontruktion stützte. Und das konnte bedeuten …

Stark warf das das andere Ende des Seiles über den Balken, fing es dann auf und begann zu ziehen. Nicks Arme wurden über seinen Kopf gerissen, der selbst … berührte schließlich nur noch mit den Zehenspitzen den Boden der Hütte.

„Bitte" flüsterte er heiser, während der Riese das andere Ende des Seiles irgendwo an der Wand festzurrte, „ich bin sicher, es gibt noch andere Wege, auf denen Sie sich rächen können."

Stark sah ihn wieder forschend an, dann holte er das iPhone aus der Hosentasche und richtete die Kameralinse auf Nick.

Der schluckte hart und schüttelte den Kopf. „Stark, werden Sie doch vernünftig! Wenn Sie mich töten, haben Sie nichts gewonnen. Aber jeder Polizist in Oregon wird hinter Ihnen her sein."

Erneut blendete das Blitzlicht ihn, ließ ihn den Kopf drehen und blinzeln. Dabei spürte er, wie Stark sich ihm näherte.

Laß es schnell vorbei sein, flehte er in Gedanken zu, er wußte selbst nicht zu wem, dann traf ihn auch schon der erste Schlag, Starks Faust landete in seiner Magenkuhle und ließ Nick umso mehr würgen, kämpfte er doch damit, seine Mahlzeit bei sich zu behalten.

Der nächste Hieb war ein Aufwärtshaken gegen sein Kinn, daß seine Zähne aufeinanderschlugen und er sich fast auf die Zunge biß.

So also fühlten sich fünf Tage Sterben an, kam es ihm bitter in den Sinn, während die Prügel weiterging. Er hatte gewußt, es würde nicht einfach werden …


Hank war gerade zu Hause angekommen, als sein Handy wieder zu vibrieren und summen begann. Der Afroamerikaner runzelte die Stirn und holte das Mobiltelefon hervor. Dann erstarrte er, als er erneut die bekannten vier Buchstaben las: NICK.

Eine weitere MMS …

Hank schluckte schwer und wußte einen Moment lang nicht, was er tun sollte. Er wünschte sich so sehr, seinem Partner helfen zu können. Aber sie hatten Starks Spur verloren, nachdem der den gestohlenen Wagen abgefackelt hatte. Wu und ein Rookie saßen seit Stunden daran, eine Liste vermißter Fahrzeuge durchzugehen. Im Moment schien in Portland der Autoklau zu grassieren …

Hank zögerte. Eigentlich sollte er die neue Botschaft nicht öffnen, ohne das jemand dabei war, am besten Renard oder irgendjemand von der Spurensicherung. Vielleicht ergab sich dieses Mal die Möglichkeit, Nicks Aufenthaltsort festzustellen.

Vielleicht, vielleicht, vielleicht …

Hank kniff die Lippen aufeinander. Das Handy lag jetzt still vor ihm auf dem Tisch. Eine Sekunde später … erwachte es erneut zum Leben, dieses Mal mit einem Klingeln. Ein Anruf also. Und erneut blinkte der Name seines Partners auf dem Display.

Hank schluckte, dann nahm er das Mobiltelefon in die Hand und … akzeptierte den Anruf.

„Nick? Wie geht's dir?" fragte er voller Sorge.

„Vier Tage", krächzte eine fast unbekannte Stimme an seinem Ohr. Hank brauchte einen Moment, ehe er begriff, daß es Nick war, der offensichtlich kaum noch die Kraft zu sprechen hatte.

„Nick, was ist passiert? Wo bist du? Bist du ..."

„Vier Tage, Hank. Bitte …" Nicks krächzende Stimme schien für einen Moment zu brechen, „... Hank, laß es schnell gehen. Laß es ..." Ein Klicken in der Leitung, das Gespräch war beendet.

Hank schluckte hart.

Nick hatte sich nicht nur nicht sonderlich gut angehört, er hatte ganz offensichtlich Schmerzen gelitten.

Das Handy vibrierte wieder.

Hank zuckte zusammen, und dieses Mal aktivierte er die MMS.

Das Handy fiel aus seiner Hand, als er ächzend zurückwich.

„Oh mein Gott, Nick!" Nun war er es, der krächzte.


Nick lag zu einem Ball zusammengerollt wieder neben dem Kamin, zitternd, voller Schmerzen und sich unendlich einsam fühlend. Sein Körper schien, an den besseren Stellen, nur noch aus Hämatomen zu bestehen, über die schlimmer schmerzennden Stellen wollte er besser nicht nachdenken.

Noch nie in seinem Leben hatte Nick solche Angst gehabt wie jetzt. Und das schlimmste war, er spürte, daß er den Grund noch nicht erreicht hatte. Da ging es noch tiefer in den Abgrund hinunter, und er wollte diesen Weg nicht gehen!

Er wünschte sich einfach nur aufzuwachen, an Juliettes Seite in ihrem gemeinsamen Bett, und daß sie ihn beruhigen konnte, so wie sie es schon so oft getan hatte, wenn Alpträume ihn plagten.

Nick schloß das nicht zugeschwollene rechte Auge, versuchte sich noch ein wenig mehr zusammenzurollen, die Schmerzen zu ignorieren, die er sich mit seinen Bewegungen noch selbst zufügte.

Stark schnarchte auf dem Bett im Tiefschlaf und rollte sich zur Seite.

Vier Tage noch. Nick schmeckte Bitternis auf seiner Zunge. Vier Tage ertragen müssen, was er bis jetzt durchgemacht hatte. Er war sicher, in seinem Körper wartete schon jetzt der eine oder andere gebrochene Knochen. Er hatte immer wieder Schwierigkeiten Atem zu holen und sein Kopf schmerzte vielleicht nicht nur von den Schlägen ins Gesicht.

Nick fürchtete die Kiste neben der Kommode. Er fürchtete, was Stark womöglich als nächstes mit ihm tun würde.

Einem Opfer einen Richterhammer tief durch die Gesichtsknochen gerammt. Einem Opfer die Hand ab- und dem letzten Opfer die Zunge herausgerissen. Nein, er wollte ganz sicher nicht wissen, was Stark mit ihm plante. Er war überzeugt davon, ein Holzhammer durch den Nasenflügel würde noch ein gnädiges Geschenk sein für ihn.

Nicks Lippen zitterten, eine Träne rann aus dem nicht zugeschwollenen Auge.

Juliette würde ihn nicht aufwecken. Dies war kein Alptraum, so sehr er sich das auch wünschte. Juliette war vielleicht tot, vielleicht auch entkommen. Er jedenfalls war es nicht, und er würde jetzt an Hanks Stelle sterben, langsam und brutal.

Er konnte nicht schlafen. Nicht auf dem harten Boden, nicht mit den Schmerzen, die durch seinen Körper tobten, nicht mit Stark im selben Raum, nicht …

Nick hob den Kopf als er meinte, ein Klopfen gehört zu haben. Ihm stockte der Atem und er lauschte weiter.

Würde es sich wiederholen? War es ein Mensch? War es ein Wesen?

Erneut ein Klopfen.

Nick hielt den Atem an. Zwei Schläge, das konnte alles bedeuten …

Er atmete tief durch, dann rief er so leise wie möglich: „Hallo?"

Das Geräusch verstummte …