„Hey!"
Hank blieb im Türrahmen stehen, den Blumenstrauß, den er gerade am Stand gekauft hatte, wie ein Schild vor sich haltend.
Juliette Silverton wandte langsam den Kopf. Ihre Augen wirkten noch immer verschleiert, vermutlich hatte sie noch eine Dosis Beruhigungsmittel bekommen. Ihre Augenhöhlen waren gerötet und Tränenspuren glitzerten noch immer auf ihren Wangen. Trotzdem brachte sie irgendwie ein Lächeln zustande und setzte sich auf. „Selbst hey", begrüßte sie den Afroamerikaner.
Hank betrat zögernd das Zimmer. „Wie geht's dir?" fragte er.
Juliette wischte sich mit einer fahrigen Bewegungen über die Augen, nickte dann. „Geht wieder", sagte sie. „Aber … warum sagt mir keiner, was mit Nick ist? Ist er … ich meine ..."
„Er lebt noch", antwortete Hank sofort und legte die Blumen auf den Tisch am anderen Ende des Krankenzimmers.
In Juliettes Augen leuchtete Hoffnung. „Dann ist er auch hier? Ist er schwer verletzt?" fragte sie und erschauderte. „Er sah schlimm aus, als ich reinkam … soweit ich das sagen kann. Er … er lag auf dem Boden und ..." Sie schluchzte und wischte sich erneut über die Augen.
Hank seufzte und griff nach ihrer anderen Hand. „Wir haben ihn noch nicht gefunden", gab er zu.
Juliette starrte ihn verschreckt an. „Aber … er lag im Wohnzimmer auf dem Boden."
Hank nickte.
Ja, die Spurensicherung hatte relativ einfach den Weg Nicks durch das Erdgeschoß des Hauses nachverfolgen können anhand der immer deutlicher werdenen Blutspuren. Gerade der zerstörte Couchtisch im Wohnzimmer hatte eine kleine Blutlache aufgewiesen. Nick mußte dort also eine Weile gelegen haben, ehe Stark ihn mit sich nahm.
„Der … Der Einbrecher hat ihn entführt", antwortete Hank schließlich mit weicher Stimme.
Juliette starrte ihn groß an. „Warum? Ist es … ? Wißt ihr, wer dieser Kerl ist?" fragte sie.
Hank zögerte, dann aber nickte er. „Es tut mir leid, Juliette", sagte er leise.
Sie verstand nicht, er konnte es nur allzu deutlich in ihrem Gesicht ablesen.
Hank seufzte und wandte den Blick ab. „Stark ist ein ehemaliger Auftragskiller, den ich vor fünf Jahren hinter Gitter gebracht habe", erklärte er endlich. „Vor zwei Tagen ist er aus Pelican Bay geflohen und jetzt auf einem Rachefeldzug hier in Portland. Er hat schon den Richter und zwei andere getötet, die mit dem Fall zu tun hatten. Und schließlich ist er bei euch eingebrochen und … du hast es gesehen."
„Aber … vor fünf Jahren war Nick doch noch gar nicht in Portland!" entfuhr es Juliette.
„Aber ich!" Hank sah ihr nun doch wieder ins Gesicht. „Stark hat Nick mitgenommen, nachdem du aus dem Haus geflohen bist."
Juliette, ohnehin schon blaß, schien auch noch das letzte bißchen Farbe zu verlieren. „Was heißt das?" flüsterte sie. Allein ihrer Stimme war anzumerken, daß sie durchaus wußte, was das bedeutete.
„Stark will sich an mir rächen", erklärte Hank, „aber da der Captain mich unter Hausarrest gestellt hatte gestern hat er sich statt dessen Nick gegriffen."
Juliette schüttelte den Kopf. „Nein!" flüsterte sie.
„Ich fürchte doch." Hank wandte das Gesicht wieder ab. Er wollte nicht, daß sie sein eigenes Grauen sah. „Stark hat Nick bisher zweimal gezwungen, mich anzurufen und hat mir Fotos geschickt." Er atmete tief ein und rieb sich die Nasenwurzel, als er ein gewisses Kribbeln in seinen Augen fühlte. „Juliette, ich möchte das du weißt, daß ich alles tun werde, um Nick da irgendwie herauszuholen und zu dir zurückzubringen."
„Warum?" wisperte sie. „Nick hat diesem Stark doch gar nichts getan."
„Ihm geht es darum, daß er mich damit quälen kann", antwortete Hank rein mechanisch.
„Warum könnt ihr dann nichs tun?" Ein tiefes Schluchzen entrang sich Juliettes Kehle. „Es heißt doch immer, daß die Smartphones so einfach aufzuspüren wären. Warum könnt ihr Nick dann nicht finden? Wenn dieser … dieser Stark ihn gezwungen hat anzurufen, dann … dann ..."
„Das Handy wird nach jedem Anruf ausgeschaltet, darum können wir es nicht triangulieren", antwortete Hank. „Die Techniker tun ihr bestes, um es trotzdem irgendwie möglich zu machen, aber … ich kenne mich mit solchen Dingen nicht aus." Er zuckte hilflos mit den Schultern.
Juliette weinte jetzt leise und still vor sich hin.
„Es tut mir wirklich leid", wiederholte Hank. „Ich wollte nie, daß soetwas passiert ..."
„Warum hast du dich dann nicht im Austausch angeboten?" Juliette schrie diese Frage beinahe hinaus. „Nick würde für dich durchs Feuer gehen, weißt du das eigentlich?"
Hank nickte langsam. Ja, das wußte er, und er würde seinerseits weit für seinen jüngeren Partner gehen. Nick mochte durchaus auch seine Fehler haben, aber er hatte ein treues Herz und nahm sich zu selbigen, wenn einmal etwas nicht richtig lief. Ob es nun sein Fehler war oder nicht, er versuchte irgendwie daran zu arbeiten und eine Lösung zu finden.
„Wir finden ihn, Juliette, das schwöre ich dir bei allem, was mir heilig ist!" gelobte Hank.
Und wenn sie nicht mehr rechtzeitig kommen würden, würde er persönlich Stark ins Jenseits befördern! Nick würde das letzte Opfer dieses Monsters werden, so oder so.
Hank hatte noch immer die letzte MMS vor Augen, das Foto, das Stark ihm geschickt hatte, nachdem er noch einmal Nick bearbeitet hatte. Nie in seinem Leben hatte Hank geglaubt, an seine Grenzen zu stoßen. Immer hatte er gedacht, da gäbe es noch eine Steigerung. Aber die blutige, zerschundene Gestalt seines Partners auf dem Foto, das hübsche Gesicht verfärbt und zerschunden, ein Auge zugeschwollen, die pure Todesangst darin, das war auch für Hank ein Schlag in den Magen gewesen.
Es würde jetzt schon lange dauern, ehe Nick sich von dieser Entführung erholen würde, das wußte er. Nicht nur körperlich, der junge Mann würde auch seelischen Schaden davongetragen haben, davon war Hank überzeugt. Und noch blieben vier Tage, um Nicks Leben zu retten. Vier Tage Hölle für sie beide.
Darum war er hergekommen. Er mußte Juliette informieren, hatte es doch bisher sonst niemand getan. Nach dem Tod seiner Tante war Juliette die einzige Familie, die Nick noch hatte, egal ob sie nun bereits verheiratet waren oder nicht. Und Hank fühlte sich verantwortlich für das, was mit seinem jüngeren Partner geschah. Hätte er Stark, statt ihn ins Gefängnis zu schicken, getötet vor fünf Jahren, hätten sie jetzt das Problem nicht. Dazu kam das schmutzige Geheimnis, daß er mit Stark teilte und von dem Nick keine Ahnung hatte – von dem mittlerweile niemand mehr eine Ahnung hatte!
Juliette sah ihn nur stumm an, während Tränen über ihre Wangen rannen. Sie hatte nicht genug Kraft, ging Hank auf, nicht im Moment, um mit dieser Wahrheit wirklich fertig zu werden. Nicht genug Kraft, um ihn nicht zu beschuldigen.
Hank schnürte es die Kehle zu.
Er hatte es bisher genossen, wenn er morgens Nick zum Dienst abholte. Immer hatte Juliette ein zweites Frühstück für ihn, Nick wartete mit selbst aufgebrühtem Kaffee auf und sie drei waren … ja, sie waren eine Art Familie.
Doch jetzt hatte er diese Familie verraten. Er hatte Nick nicht beschützt, hatte zugelassen, daß Stark in das Haus der beiden einbrach, Nick verschleppte und vielleicht töten würde.
Hank war sich nicht sicher, ob er mit dieser Schuld würde leben können.
„Es tut mir so leid", wisperte er und erhob sich.
Er wollte jetzt keine Anklagen hören, die er doch schon so deutlich in Juliettes Gesicht lesen konnte. Sie sollte sie nicht aussprechen, nicht jetzt! Nicht eher er nicht die Möglichkeit gehabt hatte, Nick aus Starks Hand zu befreien.
Hank ging, und er ließ ein blutendes Herz hinter sich …
Monroe parkte seinen VW Käfer vor der Einfahrt und seufzte.
Seit gestern hatte er jeden einzelnen Trailerpark Portlands und Umgebung abgeklappert auf der Suche nach … was auch immer er suchte. Aber Nicks Schlüssel wollten einfach nicht passen. Es war schlicht zum Heulen.
Eigentlich hatte Monroe schließlich entnervt aufgeben und einen anderen Weg versuchen wollen (solange es noch trocken war fand er vielleicht eine Spur von Nicks eigenem Grimmduft, ganz abgesehen von dem des Siegbarste), dann hatte er durch einen Bekannten von diesem kleinen Trailerpark beim Rangierbahnhof gehört, den er wiederum nicht kannte.
Was also hatte er zu verlieren? Nichts außer Zeit, mußte er zugeben. Und zumindest noch stand der Wettergott ausnahmsweise einmal auf seiner Seite, war es doch immer noch trocken, wenn es auch heute im Laufe des Tages zu Regnen beginnen sollte.
Monroe warf einen prüfenden Blick durch den Maschendrahtzaun.
Boote, Wohnwagen, ein paar Nummerschildlose Trucks, Anhänger. Das übliche, was man in einem Trailerpark erwartete. Aber keiner der Wohnwagen blitzte aus der Maße der neuartigen, aus weißlackiertem Fiberglas gefertigten, heraus. Kein alter Airstream, zumindest soweit er …
Monroe stutzte und beugte sich über das Lenkrad.
Irrte er sich, oder blitzte da, zwischen einigen eingelagerten Booten, etwas silbernes hervor?
Der Blutbad lehnte sich zurück und kramte Nicks Schlüsselbund aus seiner Manteltasche. Sinnend musterte er die drei Schlüssel, die er der geheimen Grimmbasis zuordnete, dann sah er sich das Tor des Parks an.
Wie der Zaun auch, Maschendraht. Kein Problem also, hineinzukommen, selbst wenn man keinen Schlüssel hatte. Das Tor selbst war durch ein Vorhängeschloß gesichert.
War er richtig? Würde Nick seine Geheimbasis wirklich an einer so … unsicheren Stelle errichten?
Monroe rief sich selbst zur Ordnung. Er dachte hier über einen Baby-Grimm nach, der von rein gar nichts eine Ahnung hatte. Also ja, alles war möglich, wenn es um Nick Burkhardt ging. Der Junge wußte es schlicht nicht besser!
Monroe wog das Schlüsselbund wieder in der Hand, sah zum Tor hinüber.
Das hier war seine letzte Chance. Und er hatte wirklich keine Ahnung, was er hier überhaupt machte. Wenn er wirklich etwas finden sollte, was dann? Er wußte nicht, wo Nick war, ebensowenig wie er wußte, wo der Siegbarste abgeblieben war. Vielleicht, mit einem großen Vielleicht, würde er ihre Spur finden können. Und was dann? Er wußte nicht, wie er den Siegbarste erledigen konnte, nur daß es da ein Gift gab. Aber das Gift wirkte nur von innen. Monroe bezweifelte stark, daß der Oger so freundlich sein würde, das mögliche Gift einfach zu trinken. Und er wollte sich ganz sicher nicht mit ihm anlegen.
Also was? Das ganze vergessen? Nick seinem Schicksal überlassen?
Das ging auch nicht, und Monroe wußte das nur zu gut. Was auch immer wie auch immer und wann auch immer passiert war, er fühlte sich für den Jungen verantwortlich. Immerhin lebte Nick nur noch, weil er ihm bisher die richtigen Tips gegeben hatte.
Warum, warum nur war Nick dieses Mal nicht zu ihm gekommen? Warum hatte er sich mit einem Oger anlegen müssen?
Monroe seufzte.
So oder so, er war verantwortlich – oder er fühlte sich zumindest verantwortlich. Er konnte den Grimm nicht seinem Schicksal überlassen. Wenn das bedeutete, er mußte sich mit einem Oger anlegen … ja, dann würde er sich etwas einfallen lassen müssen. Aber er würde nicht tatenlos herumsitzen und auf die Todesanzeige in der Mogenzeitung warten.
Monroe schälte sich aus dem Käfer und ging zum Tor.
Ein Schloß, zwei Schlüssel. Das bedeutete, zwei Versuche. Wenn diese beiden Versuche fehlschlugen würde er sich etwas anderes einfallen lassen müssen …
Er versuchte den ersten Schlüssel – nichts! Und dann … begannen seinen Hände zu zittern.
Was, wenn keiner der Schlüssel paßte? Was wenn er komplett auf dem Holzweg war? Was wenn Nick vielleicht schon tot war?
Kam darauf an, ermahnte er sich selbst. Siegbarste waren nicht gerade die intelligentesten Zeitgenossen. Wenn der Oger bemerkt hatte, WAS Nick war mußte das noch lange nicht bedeuten, daß er es auch verstand … zumindest zunächst. Das erhöhte die Chancen zwar nicht unbedingt, den Grimm halbwegs heil wiederzufinden, aber es verschlechterte die Aussichten auch nicht unbedingt.
Monroe atmete tief ein und aus, zählte gleich mehrmals bis zehn und wieder zurück, bis er bemerkte, daß das Zittern etwas nachließ.
Sofort griff er wieder nach dem Schloß und versuchte den zweiten Schlüssel. Er paßte!
Monroe grinste wie ein Kind unterm Weihnachtsbaum. Er hatte die geheime Grimmbasis gefunden! Hier irgendwo mußte sich befinden, was auch immer Nick zu verbergen suchte.
Er zögerte, blickte zu seinem Käfer zurück, dann wieder auf das nun offene Tor.
Diese Trailerparks konnten groß sein. Und wenn er groß dachte, meinte er auch groß, wirklich groß. Dieser hier schien zwar kleiner als die sonst üblichen, aber es konnte immer noch zuviel Zeit kosten, bis er was auch immer gefunden hatte. Vermutlich einen Airstream, wie der Schlüssel eben dezent hinwies.
Monroe zögerte noch kurz, dann ging er zurück zu seinem Käfer und stieg ein. Er brauste durch das Tor in den Park, ließ den Motor laufen, schälte sich erneut aus dem Wagen und schloß das Tor hinter sich, wenn er das Schloß selbst auch geöffnet ließ.
Jetzt galt es, Nicks Basis zu finden.
Monroe holte tief Atem, seine Finger umspannten das Lenkrad fester.
„Jetzt gilt's!"
Damit gab er Gas und fuhr in den Trailerpark hinein …
